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Monthly Archives: Juni 2010

Beim Austernspezi

Stephan Soutre und seine Frau führen nun schon seit ein paar Jährchen die alte Mülheimer Institution Müller-Menden in der Mendener Str. 109. Stéphane hat in Bordeaux Sommelier gelernt und war in den Neunzigern ebenso reger wie erfolgreicher Teilnehmer an Sommelierwettbewerben in Frankreich. Das wirkt sich heute so aus: die Küche in dem alten Fachwerkgemäuer ist ein Mix aus deutscher und traditionell französischer Regionalküche. Auf der Weinkarte zeigt sich der französische Einfluss noch deutlicher. Unter den Apéros fallen Lillet und Noilly-Prat angenehm ins Auge, Roederer und Bollinger runden das Bild ab. Aus der Flasche gibt es von Chevalier aus Péssac über Rollan de By  und Prieuré-Lichine einige hübsche kleinere Bordeaux zu erträglichen Preisen (2005er Rollan de By ist mit 42,00 EUR/Fl. in der Gastronomie nicht überteuert), von der Rhône kommt Chapoutier (Cotes du Rhône, Belleruche), aus Deutschland Wagner-Stempel, Dr. Loosen, Ruck und Fürst. Einige interessante und fair kalkulierte Franzosen und einige Spanier (Priorat) haben außerdem Aufnahme in der Weinkarte gefunden. Das Weinrepertoire lässt damit so einige Spielmöglichkeiten zu.

Kurz nachdem ich meinen geschundenen Leib inmitten der Außenbestuhlung platziert und meine Getränkeorder abgegeben hatte, kam schon fluffiges Brot mit gekräutertem Quark und ein Gläschen Noilly-Prat. So darf der Feierabend beginnen und in diesem Sinne ließ ich mir die Foie Gras von der Ente kommen. Zwar lockten aus dem deutsch und saisonal gehaltenen Teil der Karte Matjesvariationen, aber bei einem französischen Patron lasse ich mich schnell zur Foie Gras überreden. Das war kein Fehler, wie sich bald zeigte. Zum typisch sparsamen Salatbouquet kamen einige hellrosafarbene, an den Schnittflächen glatte und geschlossene Scheiben dieser sättigenden Spezialität. Bestreut waren sie nur mit etwas Fleur de Sel und einer Prise gemörserten Pfeffers, wie ich es kenne und schätze. Die Feierabendstimmung hielt an und der letzte Schluck Noilly Prat überzeugte mehr, als das ganze Glas Wagner-Stempel Gutsriesling 2008.

In einer kleinen Pause zwischen den Gängen sann ich kurz darüber nach, ob es nicht vielleicht einen Algorithmus gäbe, mit dem sich auch sehr große Zahlen schnell in ihre Primfaktoren zerlegen ließen, kam aber zu keiner Lösung. Ich hielt mich deshalb an das köstliche Verbenen-Sorbet, das ich mir zur Erfrischung bestellt hatte und bereute es nicht.

Daraufhin gab es ein Cassoulet von konfierten Entenstücken mit einer delikaten boudin blanc. Einen Extraschuss Essig drüber, etwas vom guten Fleur de Sel musste ich auch dazugeben und schon fühlte ich mich wie der Truchsess von Carcassonne. Weil ich ein einfacher Mensch bin, habe ich dazu den eigentlich zu jungen, solo viel zu holzigen und unausgewogenen Rollan de By 2005 aus dem hunderte von Kilometern weiter nördlich gelegenen Médoc getrunken. Starke 70% Merlot hatte der und nur 20% Cabernet Sauvignon, daher vielleicht die samtige und kirschfruchtige Art, bei der ich mir solo mehr Struktur gewünscht hätte. Doch zum Glück musste ich den Wein nicht solo trinken, sondern als eine passgenaue Ergänzung zum Cassoulet, was mich erneut erfreute.

Als Abschluss gab es Sauerrahmeis mit Ziegenkäse, eingelegten Feigen, Sternfrucht und Erdbeere wobei man merkt, dass ich kein Freund von ganz süßen Süßspeisen bin. Die Müller-Menden-Küche lieferte zuverlässig ab, ich war satt und der Feierabend gleichsam versilbert.

Austern indes gab es keine.

Weil grad keine Austernzeit ist, bzw. Austernzeit ist immer, aber im Sommer sehen die Kerlchen, bzw. Girls einfach nicht so sexy aus. Macht aber nix, denn spätestens sobald wieder Saison ist, werde ich bei Maître Soutre, dem Austernbaron von Mülheim, die sagenhaften Speciale Pousse en Claire Label Rouge Austern vertilgen und am Ende gar wohl auch verschlingen, dass es schon fast nicht mehr schön sein wird. Was nämlich nur wenige Besucher dieses Restaurants wissen: Stéphane ist ein guter Kollege von Gaston Muller, manchem vielleicht noch als Teilhaber vom Kölner "Poisson" bekannt und ein Lieferant von Austern aus dem Hause David Hervé. Der wiederum gehört mit Gillardeau und Pierre-Marie Bardau zur Trias der französischen Austerngurus. Beim nächsten Besuch deshalb mehr dazu …

     

Das schreiben die anderen: Patrick Dussert-Gerber

Der aktive Autor hat sich in der aktuellen Ausgabe von "Millésimes" mit seinem Champagner-Classement für 2010 zu Wort gemeldet. Nicht zur Unzeit, wie ich meine, denn Zeit für Champagner ist bekanntlich immer – nicht nur kurz vor Weihnachten. Also, was schreibt er denn? Zunächst mal muss man seine Classements kennen. Darin unterscheidet er zwischen erst-, zweit- und drittklassifizierten Weinen. Diese Classements stellt er für jede Weinbauregion gesondert auf, d.h. ein erstklassifizierter Champagner unterliegt den Regeln seines Champagner-Classements und ist insofern nicht vergleichbar mit einem von ihm erstklassifizierten Bordeaux. Innerhalb der jeweiligen Classements herrscht nochmal eine Hierarchisierung, wobei Dussert-Gerber im Champagner-Classement jede Klasse nochmal in kräftige und elegante Champagner unterteilt. Dabei fließen Werte wie Reifevermögen, Preis-Leistungs-Verhältnis und Kontinuität der letzten Jahrgänge einer Cuvée ein. Wer also in der Spitze eines Classements steht, dem kommt eine gegenüber den nachfolgenden Weinen herausgehobene Bedeutung zu.

Neu hinzugefügt hat er die folgenden Champagner (A steht jeweils für die Gruppe der körperreichen Champagner, B für die eleganten Champagner):

AVENAY-VAL-D'OR, CHAMPAGNE LAURENT-GABRIEL, 2ème A

AY , CHAMPAGNE GOSSET, 1er B

BOUZY, CHAMPAGNE MAURICE VESSELLE, 2ème A

CHAMERY, CHAMPAGNE PERSEVAL-FARGE, 2ème B

CHIGNY-LES-ROSES, PHILIPPE DUMONT, 2ème A

CHOUILLY, CHAMPAGNE LEGRAS ET HAAS, 2ème B

COURTERON, CHAMPAGNE FLEURY, 2ème A

CRAMANT, CHAMPAGNE P. LANCELOT-ROYER, 3ème A

DAMERY, CHAMPAGNE DANIEL CAILLEZ, 2ème B

DIZY, CHAMPAGNE VAUTRAIN-PAULET, 2ème A

EPERNAY, CHAMPAGNE ELLNER, 1er A

LE BREUIL, CHAMPAGNE PIERRE MIGNON, 2ème B

POUILLON, CHAMPAGNE BOURDAIRE-GALLOIS, 2ème A

RILLY-LA-MONTAGNE, CHAMPAGNE ANDRE DELAUNOIS, 2ème B

Um einen Eindruck von seinem Classement zu bekommen, ist es hilfreich, sich seine erstklassifizierten Champagner anzusehen.

In der Gruppe A, bei den körperreichen Champagnern, finden wir:

CHARLES HEIDSIECK (Millénaire)
KRUG (Grande Cuvée) (r)
MOËT ET CHANDON (Dom Pérignon)
POL ROGER (Sir Winston Churchill) (r)
TAITTINGER (Comtes de Champagne) (r)
ALAIN THIÉNOT (Grande Cuvée)
DEVAUX (D) (r)
ELLNER (Réserve) (r)
PHILIPPONNAT (Clos des Goisses)
(BOLLINGER (RD))
CANARD-DUCHÊNE (Charles VII)
RENÉ GEOFFROY (Volupté)
LAURENT-PERRIER (Grand Siècle)

In Gruppe B, bei den eleganten Champagnern, finden wir:

GOSSET (Grand millésime) (r)
PIPER-HEIDSIECK (Rare)
ROEDERER (Cristal)
DE SOUSA (Caudalies)
DE TELMONT (O.R.1735)
Pierre ARNOULD (Aurore)
PAUL BARA (Réserve) (r)
Pierre PETERS (Spéciale Millésime)
RUINART (Dom Ruinart) (r)
DE VENOGE (Princes)

Was sagt uns das? Das sagt uns, dass Monsieur Dussert-Gerber einen, sagen wir mal: sehr eigenständigen Gaumen hat. Wie sonst ist es zu erklären, dass er Dom Pérignon, den Inbegriff der Leichtigkeit und des schwerelosen Genusses in die Gruppe der körperreichen Champagner einordnet? Liegt es vielleicht daran, dass er nur die klobigeren, angestrengteren Jahrgänge aus den späten Neunzigern getrunken hat? Wir wissen es nicht. Auch eine Erklärung über die Jahrgangschampagner aus dem Hause Krug bleibt der Meister schuldig. Doch der Seltsamkeiten noch nicht genug, finden wir unter den erstklassifizierten Champagnern Häuser wie Devaux, Ellner und Canard-Duchêne, nicht jedoch die Grande Dame von Veuve Clicquot, keine Champagner aus dem Haus Perrier-Jouet, Delamotte, Salon oder Besserat de Bellefon, die alle wahrlich keine Geheimtips mehr sind und es mit einigen der erstklassifizierten Champagner ohne weiteres aufnehmen könnten.

Sehr seltsam ist auch, dass sich im gesamten Classement Winzer finden, die gut und gerne trinkbare Champagner machen, Erzeuger wie Selosse, Prevost, Ulysse Collin, David Leclapart, Jacques Lassaigne, Tarlant, Cedric Bouchard, Vouette et Sorbee, Georges Laval, Diebolt-Vallois jedoch noch nicht einmal unter den drittklassifizierten auftauchen. So ist doch ausgesprochen fraglich, ob die süffigen, aber nicht besonders inspirierten Champagner beispielsweise vom Château de Boursault und Abel-Jobart einen Platz im Classement halten könnten, wenn die anderen genannten Winzer dort ebenfalls vertreten wären.

Will man Monsieur Dussert-Gerbers Gaumen kein voreiliges Unrecht antun, so kann man nur vermuten, dass er einige sehr wichtige Champagner noch gar nicht getrunken hat. Dann aber, so meine ich, muss man sich mit der Herausgabe eines Classements zurückhalten und artig gedulden, bis die Datenbasis dafür groß genug ist.

Dass er einige sehr gute Champagner auf dem Schirm, resp. im Glas hatte, zeigt sich nicht zuletzt daran, dass er Champagne Aspasie von Ariston Père et Fils hoch einstuft. Franck Bonville, Pascal Agrapart und Jacky Charpentier haben sich ihren Platz gewiss ebenfalls verdient, wenngleich ich ihre Champagner nicht zu den körperreichen zählen würde. In der Kategorie ist richtigerweise der "Comète" von Francis Boulard gut aufgehoben – auch wenn dieser Champagner ultrarar ist und die anderen Champagner von Francis scheinbar keine Berücksichtigung gefunden haben. Bei den eleganten Zweitklassifizierten stoßen wir sodann auf Gaston Chiquet, Leclerc-Briant, Legras et Haas, Bonnaire, Comte Audoin de Dampierre, Drappier und Gimonnet, sowie auf andere alte Bekannte: Blin, Bedel, Tixier, Brice, Chapuy, Robert Charlemagne und Michel Turgy. Wieder könnte man darüber streiten, ob die Champagner z.B. von Dampierre zu den allerelegantesten gehören, oder ob sie nicht wegen ihrer reichlichen Dosage bei den körperreichen Champagnern anzusiedeln wären.

Lässt man die Frage nach der Notwendigkeit eines Champagner-Classements offen, so kann man sich fruchtbar nur noch mit der tatsächlich erfolgten Umsetzung eines solchen Classements befassen. Das von Dussert-Gerber ist gut gewollt, doch unübersichtlich und die vergleichsweise umfangreichen Beschreibungen der Erzeuger wiegen nicht seine allzu kurz geratenen Weinbeschreibungen auf. Wichtige Champagner fehlen völlig, mancher nur leicht überdurchschnittliche oder gerademal durchschnittliche Erzeuger erhält durch die viel zu dünne Datenbasis ein unproportional hohes Gewicht. Das mag den betroffenen kleinen Winzer freuen und mit Sicherheit werden einige Winzer nach der Publikation des jeweils aktuellen Classements ein verdientes Maß erhöhter Aufmerksamkeit erhalten. In diesem Punkt erweist sich Dussert-Gerber nämlich als fleißiger Verkoster – was letztlich dem Verbaucher nur willkommen sein kann. Meiner Ansicht nach leidet das Classement aber noch zu sehr unter seiner Unausgewogenheit.

Bling-Bling-Champagner und Wirtschaftskrise

Champagner ist ein zuverlässiger Konjunkturindikator, sagt man. Doch was passiert eigentlich genau in der Champagne, wenn Krisenzeiten anbrechen? Klar, da werden Arbeitsplätze abgebaut, Verwaltungsstrukturen verändert, Lagerbestände weggeramscht, Modernisierungs- und andere Projekte gestoppt. Mit diesen anderen Projekten wollen wir uns einmal näher befassen.

Seit 2000 und gegen den Trend der geplatzen Internetblase waren Champagner, Vodka und Cognac die französischen Exportzugpferde schlechthin. Zuwachsraten bis zum Rand der Produktionskapazität, wie selbstverständlich vorgenommene quartalsmäßige Preiserhöhungen und eine traumhafte Aufwärtsentwicklung allenthalben, vom simplen Standardbrut über ausgesuchte Crus und Jahrgänge bis hin zu den Spezialcuvées und Prestige-Champagnern konnte man da staunend mitverfolgen. 

Wer nur irgend konnte, grub einen alten Clos aus oder legte eine Rosé-Version seiner altbekannten Champagner auf, für's doppelte vom Weißen, versteht sich. Häuser wie Perrier-Jouet feuerten die bis dato im Schatten der Spezialforen und Top-Key-Accounter-Präsente ihr sagenumwobenes Dasein fristende Belle-Epoque Blanc de Blancs für über 1000 Dollar ab, Moet et Chandon illuminierte die New Yorker Freiheitsstatue, Krug ließ sich mit dem seit 1995 in petto gehaltenen Clos d'Ambonnay nicht lumpen und Jay-Z trieb den Preis für Louis Roederers Cristal in Bereiche, bei denen selbst die seither in ihrer Leidensfähigkeit schwer geprüften Bordeauxsammler sich abzuwenden begannen. Das alles kann man noch zur ganz normalen Markttätigkeit eines Luxusgütersegments zählen. Eine Seifenblase war das noch nicht.

Denn was wäre eine Seifenblase ohne ihr regenbogenfarbiges Schillern? Und was wäre die Weinwelt ohne die vielen Trittbrettfahrer, Ahnungslosen, Etikettentrinker und Pseudokenner? Zum allgemeinen Wohlbefinden und zum weiteren aufpusten der Blase fehlte also noch etwas, mit ein paar von langer Hand lancierten Super-Prestigecuvées war es bei weitem nicht getan, zumal die nur über langweilige klassische Vertriebskanäle und meist langjährige Handelsbeziehungen zu bekommen sind. Farbe kam erst in den Markt, als eine bunte Schar von Mitverdienenwollern eigene Luxuschampagner aufzulegen begann.

Diese Club- und Discotheken-Champagner hörten auf Namen wie "Angel's" (http://www.angelchampagne.com/index.html), "Vertuze" (http://www.vertuze.com/), "Palatine" (http://www.palatine-champagne.com/), "Leon Verres – The Billionaire Champagne [die Nähe zum Buchtitel "The Billionaire's Vinegar" ist wahrscheinlich nicht gesucht]" (http://www.verres.de/english/), "Goldfinger" (http://fashions-addict-com.micrologiciel.com/index.asp?id=372&idf=660), "Diadema" (http://www.diadema-wine.com/) oder "Armand de Brignac" (www.armanddebrignac.com).

Übriggeblieben – und ich erkläre gleich auch, warum – ist davon eigentlich nur Champagne Armand de Brignac. Von den anderen existieren höchstens noch halbfertige Webpräsenzen mit vollmundigen Ankündigungen und ein paar besonders exclusive (schreibt man in diesen Kreisen so) Händler, die das Produkt gelistet haben. Seriöse Verkostungsnotizen oder Möglichkeiten zur Kontaktaufnahme? Selten bis gar nicht. Wahrnehmung in der Fachpresse oder bei Tastings? Was denken Sie denn?

Ist das normal, gehört das zum Luxusgütersegment dazu? Oder haben wir es mit einer unerwünschten Form von Auswüchsen zu tun? Nun, bei Newcomern wie Christian Audigier sehen wir, dass man mit gleichsam aus dem Boden gestampften Marken wie "von Dutch" und "Ed Hardy" weltweite Nachfrage erzeugen kann und durch die Nachahmungen der Markenpiratenindustrie werden solche Produkte letztlich geradezu geadelt. Das zeigt, dass zumindest die Modewelt kein closed shop ist. Doch gilt das auch für Champagner?

Jein. Wie sich nämlich nach noch nicht einmal besonders tiefgehender, sondern schon bei nur summarischer Untersuchung zeigt, hat auf dem Champagnermarkt nur Erfolg, wer einige grundlegende Prinzipien beachtet.

Qualität: Die Qualität von Champagner ist nur scheinbar abgekoppelt vom Produkt selbst. Zwar wird man bei Champagner wie bei vielen anderen Luxusgütern davon ausgehen können, ja müssen, dass nur ein Bruchteil der Kundschaft in der Lage ist, Qualitätsunterschiede auszumachen oder zu würdigen; auch verhalten sich die qualitativen Unterschiede zwischen einem sorgfälig hergestellten Winzerchampagner und einer berühmten Prestigecuvée in der Regel weder proportional zum Preis, noch lassen sie sich anhand der tatsächlichen Preisdifferenz festmachen. In Zahlen: ein "S" de Salon für 240,00 EUR schmeckt nicht zehnmal so gut wie ein Chèvres Pierreuses von Leclerc-Briant für 24,00 EUR und die Kosten für die Produktion unterscheiden sich am Ende noch nicht einmal um den Faktor 1,3. Was beide Champagnererzeuger teilen, ist ein kompromissloses Qualitätsstreben. Ohne dieses ruhelose Bemühen hätte weder der eine noch der andere seinen Status erreicht.  

Herkunft: Ein Champagner, der nicht aus gutem Hause kommt, hat es schwer. Ich weise immer wieder darauf hin, dass die Champagnergesellschaft vertikal durchlässig sein kann. Das zeigen die vielen historischen Beispiele und das bestätigen die Erfolgsgeschichten der jüngsten Zeit. Es ist also möglich, von einem namenlosen zu einem guten Haus zu werden. Ob sich die Güte eines Hauses darauf beschränkt, lediglich einen guten Namen zu haben, oder ob sich in Weinbergen und Kellern eine adäquate Substanz findet, spielt eine nur auf den ersten Blick zweitrangige Rolle. Häuser ohne namhaften Weinbergsbesitz und/oder ohne talentierte Kellermeister halten sich demzufolge nicht lange in der ersten Liga. Bei der Entwicklung einer neuen Luxusmarke darf man folglich nicht aus dem Blick verlieren, welchem Erzeuger man sich anvertraut.

Marketing und Vertrieb: Der einzigartige Erfolg des Champagners in der Welt der Luxusgüter beruht ganz wesentlich auf seinem Erfolg im Marketing. In mehr als dreihundert Jahren haben es die Champenois geschafft, Champagner als Luxus- und Festgetränk schlechthin beim Verbraucher fest zu verankern. Clevere Marketingkampagnen zu initiieren, ist heute einfacher denn je, wenn die notwenige Finanzkraft da ist. Weltweite Wein-Logistik allein ist ebenfalls kein Problem. Doch wohin kanalisieren, wenn man eine neue Marke auf den Markt bringen will? In diesen Bereichen liegt wiederum oft die einzige Stärke und das Konzept von Vanity-, Quereinsteiger und Super-Prestige-Projekten ohne tiefe Verwurzelung im Champagnergeschäft.

Die als Bling-Bling geplanten Champagnerkreationen mit den lustigen Namen sind, so meine Vermutung, deshalb verschwunden oder nie richtig aufgetaucht, weil eines oder mehrere dieser Prinzipien nicht beachtet wurden und darüber das Geld ausgegangen zu sein scheint. Die bislang einzige, mit ca. 45000 Flaschen p.a. in nennenswertem Umfang erfolgreiche Kreation ist Champagne Armand de Brignac. Hinter diesem Markennamen steht nämlich ein alteingesessener und renommierter Erzeuger aus der Montagne de Reims, Champagne Cattier. Hier stimmen demzufolge Qualität und Herkunft. Lediglich in Marketing und Vertrieb wurden neue Wege beschritten, ohne dabei die alten ganz zu verlassen. So wendet sich Armand de Brignac an Club- und Discoklientel, aber auch an etablierte Schichten. An Bord sind Profis, die Erfahrung bei Roederer gesammelt haben oder sich durch belastbare Netzwerke im Barbereich oder in der Rock- und Popwelt auszeichnen, eine Verkostungsnotiz und ausführliche Bemerkungen zu diesem Champagner habe ich bereits hier veröffentlicht.

Verblüffend ähnlich, wenngleich nicht als langfristiges profit center angelegt, ist übrigens der Erfolg der "QV Discobitch" von Benoit Tarlant. Dessen sehr ernstzunehmende Spitzencuvée Louis war in den ersten Füllungen des Spaßprojekts enthalten und sorgte im Spätsommer/Herbst 2008 für Aufregung, bevor sich alle Weinwelt wieder den beginnenden Lesearbeiten zuwenden und das Sommerloch schließen konnte.

 

 

Mehltau-updates 2010: Oidium und Peronospora in der Champagne?

Die einen frohlocken, die anderen warnen. Richard Geoffroy, der verantwortliche Kellermeister bei Moet et Chandon für die Cuvées Dom Pérignon, berichtet von einer problemlosen, teilweise schon abgeschlossenen Blüte bei Avize und Le-Mesnil. Die kühlen Morgenstunden der letzten Wochen scheinen den Pflanzen nicht geschadet zu haben. Die Pinots in den kühleren Gegenden dagegen befänden sich noch in voller Blüte. Er weist ganz besonders darauf hin, noch keine Spur von (falschem) Mehltau oder Peronospora ausgemacht zu haben, kündigt aber an, wachsam bleiben zu wollen.

Eric Rodez aus Ambonnay ist froh darüber, vom falschen Mehltau verschont worden zu sein, warnt aber davor, dass in Ambonnay unterhalb des Waldes ein immer größerer Streifen seit Jahren verstärkt vom echten Mehltau – Oidium – befallen wird. Noch ist die Situation indes unter Kontrolle.

Neues von der CO2-Front

Der Destillateur Goyard hat im April eine Biomassekraftwerk in Betrieb genommen. Damit lassen sich bis zu 8000 kWh überwiegend aus (Trocken-)Schlamm, wie er bei bei der Herstellung von Trestern anfällt und aus allen möglichen Nebenprodukten der Weinbergsarbeit, erzeugen. Die Anlage versorgt den Destillationsprozess mit bis zu 12 Tonnen Wasserdampf pro Stunde und ersetzt eine der veralteten gasbetriebenen Anlagen. Der Gasverbrauch wird so um 80 – 90% vermindert, der CO2-Ausstoss sinkt um 13%.

Gefördert wurde die 2 Mio. EUR teure Anlage mit 570.000 EUR aus europäischen Haushaltsmitteln, in fünf bis zehn Jahren soll sie sich amortisiert haben.

Goyard produziert Ratafia und Champagnerbrände (Marc de Champagne, Fine de la Marne), einen großen Teil des in der Champagne durch Zwangsdestillation enrzeugten Industriealkohols, aber auch kosmetische Vorerzeugnisse auf Polyphenolbasis und Nahrungsmittelprodukte auf Traubenkernbasis sowie Tierfutterstoffe.

Escapade Pétillante et Gourmande en Champagne

Im malerischen St. Martin d'Ablois, hinter den Hügeln des linken Marneufers eingebettet zwischen Wald und Rapsfeldern, findet am 27. Juni 2010 auf sieben Kilometern eines der charmantesten Fressmeilenfeste der Champagne statt. Gastronomen und Winzer stellen ihre Leistungsfähigkeit unter Beweis und lassen den Wanderer ausgiebig verkosten. Musik und eine Schweizer Winzer-Delegation gibt's auch. Mehr hier:

http://www.escapade-petillante-et-gourmande-en-champagne.com/

Mittsommernachtsschaum

1. Mumm Napa Brut Rosé

85PN 15CH, 5% still vinifizierter Pinot-Noir werden von Ludovic Dervin zugefügt.

Ehemals als Mumm Napa Blanc de Noirs deklariert, jetzt als Rosé. Mit Recht, wie die indifferente, zwiebelschalenfarbene Kupfertönung zeigt. Dieser Rosé ist so hell, dass er als dunkler Blanc de Noirs durchgehen könnte und erinnert insoweit an den ebenfalls sehr rötlich schimmernden Blanc de Noirs von Ulysse Collin – der sich mit dieser Farbe bei der amtlichen Prüfung erst durchkämpfen musste. Insgesamt ein guter Schäumer, gefällig, reif, wenig Säure.

2. Bernhard Huber Pinot Rosé 2005

Im Kern ein länger auf der Maische gebliebener Blanc de Noirs, also ein Mazerationsrosé, mit teilweisem Barriqueausbau und ca. 24 Monaten Hefelager. Leichter Pinotstinker, mit ausgeprägtem Champagnercharakter, spielt auf Grand Cru Niveau mit.

3. Bernard Tornay Rosé

Mild, weich, weinig, sehr elegant, sehr zurückhaltend, konnte mich nicht überzeugen, obwohl ich Tornay sonst sehr gerne habe. Andererseits hatte ich mir während des Spiels Deutschland – Ghana vielleicht etwas zu viel von der afrikanischen scharfen Kreuzkümmelsauce genehmigt.

4. Esterlin Blanc de Blancs Cuvée Cléo

Breites Säurespektrum, das ähnlich einem Prisma die verschiedenen Arten von Säure auffächert. Klare Chardonnaystilistik, trotz seines beeindruckenden Säurefächers etwas eindimensional für einen echten Spitzenchampagner.

5. Fratelli Lunelli, Riserva del Fondatore "Giulio Ferrari" Blanc de Blancs 1997

Die Liste der Auszeichnungen liest sich beeindruckend: Tre-Bicchieri Gambero Rosso 2007, Fünf Trauben im Duemilavini 2007, 95 Punkte/3 Sterne im Veronelli 2007, und Parkers Galloni ist mit 92 Punkten ebenfalls ganz aus dem Häuschen. Fruchtig, reif, nicht sehr viel Säure, erinnerte mich an einen sehr guten Premier Cru oder an einen der fruchtigeren Grand Crus im Norden der Côte des Blancs, hätte gut und gerne eine Mischung aus Pierry, Chouilly und Vertus sein können, war es aber nicht.

6. Voirin-Jumel Cuvée 555 Blanc de Blancs Grand Cru

Schwächer als sonst, kein so ausgeprägter Holzfasston wie bei anderen Flaschen. Ich bin mir nicht sicher, ob das mit zunehmender Flaschenreife immer weiter integriert wird oder ob der Erzeuger unter Varianzen leidet.

7. Törley Blanc de Blancs Brut Zéro 2006

Grundweine aus Lagen in Etyek-Buda. 36 Monate Hefelager. Vom Niveau her ein leichter und fruchtiger Premier Cru, dessen südländisch anmutende Reife mich nicht in meinem Fehlurteil beirren konnte (ich hielt den Sprudler bis zuletzt mit nur wenig Zweifeln für Champagner).


Seguin-Moreau mit CO2-neutralen Fässern

CO2-Neutralität ist das große, nicht nur von vielen Großunternehmen medienwirksam besetzte Öko-Thema der letzten Zeit. Auch in der HoReCa- und Weinszene ist um CO2-Neutralität bemühte Betriebsamkeit angesagt. Parducci Vineyards in Kalifornien ist schon länger CO2-neutrales Weingut; der POP-Earth Champagner von Pommery bemüht sich seit letztem Sommer mit einer leichteren Flasche ebenso um eine Reduktion des Gases wie der gesamte Champagnerverband, der eine neue, leichtere Standardflasche vorgestellt hat; die Leading Hotels of the World haben eine CO2-neutrale Schiene, die vom Kameha Grand in Bonn gepflegt wird und nun hat die Küferei Seguin-Moreau, bei der nicht wenige der großen Erzeuger dieser Erde ihre Fässchen ordern, ein CO2-neutrales Fass angekündigt.

Seit 2005 nimmt Seguin Moreau am Waldzertifizierungsprogramm PEFC (http://www.pefc.org/) teil, da war der Schritt zur CO2-Neutralität nur folgerichtig. Der Anstoss dazu kam übrigens aus Australien und Neuseeland, wo die Erzeuger wiederum Druck von ihren europäischen Importeuren bekommen. Schließlich kommt es oft genug vor und bleibt den Importeuren nicht verborgen, dass Kunden im Weinladen mit dem Hinweis auf gewaltige Transportkosten und den wirtschaftlichen Irrrsinn eines Weintransports über die Weltmeere hinweg lieber zu einheimischen Erzeugern greifen.

Dem im Zirkel weitergegebenen Druck hat sich Seguin Moreau unter Beratung von The Carbon Neutral Company, einem der großen player auf dem Markt der CO2-Reduktions-Beratung, gebeugt. Gut 3,00 € je verkauftem CO2-freiem Fass wandern nun in Projekte zur Unterstützung erneuerbarer Energien.

Seit Februar 2010 hat der Küfer bereits 3100 dieser Fässer verkauft und arbeitet fleißig am Ausbau.

Weinsause in Uwes “Open Wine Garage” mit integrierter Grenache-Rutsche

1. Keller, Riesling trocken "S" 2007

Orangig, zitrusfruchtig und frisch. Am Gaumen noch verhalten mineralisch, wieder mit sehr klarer Zitrusfrucht und nicht zu aggressiver Säure. Beginnt gerade, sich zu entfalten.

2. Coron Père et Fils, Négociants à Beaune, Puligny-Montrachet 1955

Seit zwei Tagen offen. Von der Burgundertypizität war noch ein milchiger Schatten wahrzunehmen, Kaffee, Kakao und ein metallischer Unterton. Berücksichtigt man Alter, Füllstand und Sauerstoffkontakt, dann ist das noch immer ein gute Leistung. Trinkspass klein, Lerneffekt groß.

3. Domaine des Huards – Michel Gendrier, Cheverny, La Haute Pinglerie 2007

Bioanbau seit 1999.

Da hatte wir Wein von der Speerspitze des Romorantin-Weinbaus im Glas, wie mir Jens freundlicherweise verriet. Ausgerechnet hier war natürlich kein Romorantin enthalten, sondern "mehr Sauvignon-Blanc als Chardonnay", wie das Etikett preisgab. Fassausbau, daher wohl die überwiegenden Aromen von Mandeln, Noisette und herbem Tannenhonig. Dazu etwas Grapefruit, wie man sie auch als Mortuacienne-Limonade bekommen kann. Klar strukturierter Wein, der wegen seiner eigenwilligen Aromatik nicht jedem gefallen wird.

4. Sektkellerei Ohlig, Edition Anton Ohlig "Julius Kloss Classic" Assmannshäuser Höllenberg Spätburgunder Extra Trocken Rotsekt 2002 AP-Nr. aus 2004 mit Grundweinen vom Weingut Robert König,

Fruchtige, schlanke, leicht metallische Burgundernase. Merkliche, nur um Haaresbreite noch nicht aufdringliche Süße. Kräftig, würzig, an keinem Punkt zu dick geraten und damit ein schöner Kontrast zu den oft mastigen Sparkling Merlots/Sparkling Shiraz'.

5. Van Volxem Riesling Sekt 2002

Leichte Firne, ölig-konzentriert und etwas anstrengende Nase. Im Mund einesteils saftig, anderenteils mit einer Alterssüße, die sich mit der vorhandenen, wohl auf – gutgemeint – sehr reifes Lesegut gestützte und deshalb für sich schon hervorstechende Süße noch verstärkt. Daher der Eindruck von Pfirsichmus, Quitten- und Aprikosenkonfitüre, die wenige vorhandene Säure war damit heillos überfordert. Manche Sekttrinker wird diese volle und reife Stilistik das Hohelied des deutschen Winzersekts anstimmen lassen, ich meine jedoch, dass es besser, schlanker und rassiger geht.

Nun begann die Grenache-Rutsche. Im Wesentlichen ging es dabei darum, die beiden ambitionerten Spanier von Björn Steinemann gegen zwei bewusst starke Rhônegrenaches antreten zu lassen.

6. Papa Luna 2007

70% Grenache, 25% Shiraz, 5% Mazuela/Monastrell.

Weisspfeffrig, viel rote und grüne Paprika im Vordergrund. Dahinter Backpflaumen, Räucherschinken, Garrigue. Tannin und Säure erschienen mir eher niedrig und ließen die Fruchtaromen etwas breit hervortreten. Im Kontrast dazu standen die Räuchernoten, Kräuter und das im Wein für mich immer etwas ungewohnte Aroma von schwarzer Oliventapenade. Alles in allem schon eine ansprechend komplexe Gemengelage. Diese spezielle Mischung lässt ihn außerdem nicht allzu clichéhaft nach 90-Parkerpunkte-Spanier aussehen, sondern gibt ihm eine eigenständige Existenz.

7. Domaine Charvin, Cote du Rhône 2007

Runder, mit einem aus dem Glas drückenden Veilchenduft, sehr reifer und saftiger schwarzer Beerenmischung, Weichselkirsche, Himbeere, geschliffener Obefläche und einer diskreten Andeutung von Chorizo. Da lag ein etwas stärkerer Akzent auf der Frucht, als beim Papa Luna und vielleicht auch aufgrund des Jahrgangs war bei Charvin alles stimmiger, in sich geschlossener. Denn Mineralität, Struktur und Säure kamen bei diesem Weine ebenfalls nicht zu kurz, wobei der Wein weitestgehend auf Holz und Tannine verzichten konnte, was ihm eine bekömmliche, leicht zugängliche Charakteristik verlieh.

8. El Puno 2007

100% Grenache von alten Reben.

Zuallererst ein Eindruck von Jugendlichkeit und Frische, danach von dunkler, konzentrierter Frucht. Etwas pektinig am Gaumen, wie von nicht ganz ausentwickeltem Tannin. Florale Noten, stärkerer Holzeinsatz, pointiertere Säure und eine aggressivere, paramilitärische Strenge gegenüber den beiden Vorgängern. Insofern ein sehr passendes Etikett und ein Wein, der in das Spanien der 30er Jahre passt.

9. Bosquet des Papes, Châteauneuf-du-Pape, A la gloire de mon grand-père 2007

98% Grenache, 2% Cinsault von ca. 70 Jahre alten Reben.

Gegenüber diesem 94-Parker-Punkte Wein hatte es der El Puno freilich schwer. Der Châteauneuf ließ sich mit einer großväterlichen Überlegenheit am Gaumen nieder, der der junge Wilde nicht viel entgegenzusetzen hatte. Dicht und dunkel, mit Akzenten von schwarzem und weißem Pfeffer, bouquet garni, etwas Aceton und einer beeindruckenden, reifen Frucht. Wie das Fleisch von lange geschmorten Ochsenbäckchen intensiv aromatisch, leicht faserig-mürbe und am Gaumen traumhaft leicht zerdrückbar. Säure und Tannin spielten keine merkliche Rolle, auch Alkohol störte nicht. Ein Wein, der mit der Schlagkraft eines Schwergewichtlers und der Agilität des Mittelgewichts antrat.

Damit war die Grenache-Rutsche auch schon wieder beendet und es konnte munter freihändig weitergehen.

10. Bodegas Nekeas, Vega Sindoa, Garnacha Vinas Viejas “El Chaparral” 2007

Auch hier wieder viel weisser Pfeffer, vermischt mit Paprikadreierlei, moderne Cabernet-Franc-Nase mit Roter Grütze und einem vanilligen, leicht blumenduftigen Abgang, der am Gaumen kleben bleiben will.

11. Pompaelo Semi-Crianza 2008

Sauber, schwarzfruchtig, minimaler Holzeinsatz, etwas einfach, aber mehr als das soll eine Semi-Crianza ja sowieso nur selten sein.

12. Domaine de St. Eugène, Les Trois Tomates, Barrique 2008

Syrah, Grenache, Cabernet-Sauvignon. Handlese, Ertrag von 32 hl/ha. Dreimonatige Maischegärung und 15 Monate Ausbau in Barriques aus französischer Allier- und Limousineiche. Noch sehr ungeduldig kam mir diesmal Günter Hutters Tomatenwein vor. Säuerliche, noch bockige Tannine übertönten die ohnehin zurückhaltende Frucht. Jodige Töne, die sonst auch schonmal Anzeichen für Hitzestress sein können, standen in der ersten Reihe, waren aber nicht Ausdruck eines Weinfehlers sondern aufgrund ihrer Kaviarqualität für mich Merkmal eines gerade stattfindenen Reifeprozesses. Frühestens um Weihnachten nochmal probieren.

13. Château de la Negly, Clos des Truffiers 2003

Noch weniger als Günter Hutter erntet man bei Negly ab. Nur lachhafte 15 hl/ha schaffen es in die Gärtanks. Dieser konzentrierte Saft erlebt als fertiger Wein eine Wiedergeburt von zoroastrischem Ausmass. Labyrinthische Struktur, kaubare Substanz, wilde Aromen, Rosmarin, Thymian, Veilchen, Pfingstrose, extrakt von schwarzen Beeren, glycerinige Süße, funkelndes Tannin, heiße Dachpappe, salzige Lakritzbonbons, Veilchenpastillen, Sternanis, Schattenmorellen, so ließe sich das noch länger fortsetzen und würde dem Wein am Ende doch nicht gerecht. Selber trinken, der Wein ist sein Geld wert!

14. Clos Monlleo Sangenis i Vaque 1998
50% Cariñena von 80 Jahre alten Reben (Ertrag von 500 l/ha), 50% Garnacha von 30 Jahre alten Reben. 18 Monate in neuer Alliereiche, danach zwei Jahre Flaschenreife. Ungeklärt, ungefiltert.

Himbeeraromen, Malzbier, Dunkelbier, belgisches Früchtebier. Wirkt sättigend und mir scheint er trotz seiner gut trinkbaren Art noch nicht die richtige Tiefe zu haben.

15. Château Batailley 1995

Saftig, rosinig, reif, Anklänge von Mandelmilch und Rumrosinen, eine Spur Pfefferschärfe, dagegen nur wenig Tannin, wenig Graphit, wenig Säure und Struktur. Der wird doch nicht schon müde werden? Wirkt auf mich jedenfalls nicht gerade wie ein Bilderbuchpauillac, trinkt sich desungeachtet gut zum Essen.

16. Vieux Château Bourgneuf 1967

Anfangs flintig, metallisch, blutig, mit Noten von altem Holz. Gewinnt mit Luft, überragt aber nicht. Am Ende ein immer stärker werdender Duft wie von Opas mit Pflaumenmus bekleckerter Pyjamahose. Habe ich vor zwei Wochen – "Brüsseler Spitzen" – wesentlich besser getrunken.

17. Pompaelo Crianza 2005

Frisch, tugendsam und gottesfürchtig trat in dunkler Robe die Crianza von Pompaelo an. Kirschen, Brombeeren, erdige Würze, mildes, nachgiebiges Tannin, verschmitzte, nicht jedoch vorwitzige Säure.

18. Joh. Jos. Prüm Graacher Himmelreich Riesling Auslese 2002

Apfelspaß. Apfelspaß? Apfelspaß! Apfel in jeder Variation und jede zeigt eine andere Facette des Weins. Packender Griff, erfrischende, gesunde Säure, omnipräsente aber unaufdringliche und schwerelose Süße allerfeinster Herkunft, beginnende Reifetöne, spannungsvoll, ein bis zum Rand gefüllter Riesling-Super-Soaker.

19. H. Grafé Lecocq & Fils (belgische Füllung), Ste. Croix du Mont 1973

Bohnerwachs, Honig, Sherry, alter Wischmop. Riecht nach altem Vorhang und Karbol, schmeckt aber nach Kirschkuchen, Mürbeteig, Mandeln und Aprikosenkerne, leicht marzipanig und mit einem schwachen, aus der Ferne grüßenden Orangenschalenconfit. Uneinheitlicher, aber noch überraschend guter Wein, bedenkt man Apellation und Alter.

Unabhängige Winzer unter der Lupe – Sézannais: Olivier Collin, Broyes

Olivier Collin, Broyes

Der Namensgeber des Erzeugers aus Broyes ist der Vater von Fabrice, dem derzeitigen Chef. Der Ertrag von gut 7 ha geht an die Genossenschaft CRVC in Reims, die u.a. Champagne de Castelnau herstellt. Über Cuvée und Dégorgement bestimmt Monsieur Collin jeweils nachdem er den versekteten Wein von der Genossenschaft zurück erhalten hat. Verschluss ist Diam Mytik. Mit Olivier Collin von Ulysse Collin in Congy besteht übrigens kein Verwandtschaftsverhältnis.

1. Brut (2007)

2007er Jahrgang, 40CH 15PN 45PM, 40% Reservewein. 10 g/l Dosage.

Reifer, runder, gemütlicher, ziemlich klassischer, nicht gerade ultrafrischer Champagner von sehr kundiger Hand.

2. Cuvée Prestige, Blanc de Blancs (2004)

2004er Jahrgang.

Lebhafter Champagner mit mehr Druck, Finesse und Spiel, als der einfache Brut. Wuselige, d.h. nicht ganz pointierte, etwas einfache, aber präsente Säure.

3. Cuvée Celia (2003)

2003er Jahrgang. 32CH 68PN. 9 g/l. Das Etikett ziert die hübsch anzusehende Frau von Fabrice als kniender Akt, von einem befreundeten Bildhauer aus Troyes klassisch verewigt und daraufhin von einer ebenfalls befreundeten Malerin zur Etikettenvorlage umgearbeitet. Die Dame heißt auch gar nicht Celia, sondern eine etwaige gemeinsame Tochter hätte diesen Namen tragen sollen. Bis jetzt gibt's die aber nur in Flaschenform.

Haselnussige Aromen, reife rote Früchte, ein harmonischer, teilweise ins Herbe spielender Champagner, der dadurch nicht unebenmäßig wirkt. Erinnerte mich etwas an die Champagner von Jacky Charpentier.

4. Rosé

27,5CH 27PN, 45,5PM, 13,5% Pinotzugabe. 2007er Basis und 22% Reservewein. 10 g/l Dosage.

Leichter, durchgängiger, in sich geschlossenern Rosé mit minimaler Herbe, bei der ich nicht sicher bin, ob sie zum Stil des Hauses gehört.

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