Back to Top

Monthly Archives: März 2011

Trendy Trentino?

I. Trendy Trentino?

Aus der Appellation Trento DOC kommen knapp 9 Mio. Flaschen Schaumwein jährlich, der größte Teil davon wird von Genossenschaften auf den Markt gebracht. Die Spitzenerzeugnisse der Region verdienen einen prüfenden Schluck:

1. Abate Nero, BdB, Extra Brut (2008), dég. 2010

Säuerlicher, phenolischer Pillenboxduft, Bierhefenase, darunter Birne, gelber, mehliger Apfel. Im Mund dementsprechend eher fad. Kein großes Vergnügen.

2. Cantina Endrizzi, Mill. 2007

Überwiegend Chardonnay, etwas Pinot Noir.

Kandierte, zitrusfruchtige Nase mit buttrigen Verzierungen, aber auch hier eine unsaubere Bierhefenase, im Mund runder, wohl hauptsächlich, weil merklich höher dosiert.

3. Cavit, Altemasi Riserva Graal 2003

70CH 30PN.

Schon wieder Bierhefenase und hier noch der angegammelt apfelige Acetaldehydton. Im Mund dann durchaus voll und stoffig, recht hoch dosiert, leider fehlt die Säure. Mit Luft entwickelt sich ein unpassender Liebstöckelduft.

4. Cesarini Sforza, BdB, Aquila Reale Riserva 2003

Die Weingärten in Maso Sette Fontane, in 500m Höhe gibt dem fertigen Sprudler Zitrone, Butter, frischen Hefezopf. Leichte Röstnote und zart vanilliges Streuselkuchenaroma. Frisch, ansprechend und mit 40,00 € nicht überbezahlt. Eine der Spitzen des Gebiets.

5. Rotari, BdB, Flavio 2003

Süßer Mainstreamsprudel ohne jede Säure aus dem Etschtal. Holz- und Stahltank kamen zum Einsatz. Kann man trinken, spricht mich aber überhaupt nicht an und wirkt laff, später auch etwas stechend lakritzig.

6. Ferrari Fratelli Lunelli, BdB, Giulio Ferrari 2001

Einzellage Maso Pianizza in 600m Höhe. In der Nase dezenter Honig, leicht karamellig. Im Mund merkliche, sehr lebhafte Säure. Druckvoll, munter und mit beachtlichem Gewicht, spannungsgeladen und mittel- bis langfristig mit mehr Potential, als der Aquila Reale Riserva, dafür ca. doppelt so teuer.

Fazit: trendy vielleicht ja, aber wenn der Sprudel richtig schmecken soll, ist er ganz schön teuer. Auch im Trentino.

Bordeaux Grand Crus: 2008

Einer der wenigen Nicht-Jahrhundertjahrgänge des Jahrzehnts. Genaues Hinsehen lohnt sich hier weniger wegen einer zu erwartenden hohen Geldrendite, sondern weil einigermaßen bezahlbare Schätzchen darunter sind.

1. Carbonnieux Blanc

Fruchtig, expressiv, etwas weich, guter Gegenwert fürs Geld, wenn man ihn für gute zwanzig EUR eingekauft hat.

2. de Fieuzal Blanc

Mineralisch, mittelgewichtig, entwickelt eine etwas pfeffrige Gemüsenote, geht dann aber noch schmelzig aus. Schicker Wein.

3. Larrivet Haut-Brion Blanc

Seidenglatt, wirkt aufgrund mangelnder Säure etwas behäbig, dafür wie poliert. Wohl eher nichts für die lange Lagerung.

4. Latour-Martillac Blanc

Grasig, mit grüner Paprika, ein freundlicher Wein, der meist für kleines Geld zu haben ist und mich bisher noch selten enttäuscht hat, auch wenn er reifemäßig kein Langläufer ist.

5. Malartic-Lagravière Blanc

Mineralisch, verschlossen, kühle Säure, aber kein abweisender Charakter. Gehört zu meinen Favoriten aus Pessac, war mir aber jetzt noch nicht ausentwickelt genug.

6. Pape Clement Blanc

Für über 100 EUR muss man schon intensiv nachdenken, ob man sich diesen Pape Clement unbedingt kaufen sollte. Der Holzfassausbau ist vorbildlich, die variantenreiche Frucht fällt demgegenüber nicht ab, über den Gaumen hinwegrollend entfaltet sich außerdem eine pikante Säure, insgesamt spricht viel für diesen bilderbuchmäßigen, aber vielleicht auch etwas zu geschniegelten Pape Clement.

7. Pape Clement Rouge

Weich, wirkt aufgrund seines ordentlichen, aber mäßig strammen Tannins schon jetzt sehr rund; wenig Frucht, viel Kraft, etwas ungleichgewichtig.

8. Smith Haut Lafitte Blanc

Schlanker, stahliger, rassiger, schnittiger als der weiße Pape Clement, und deutlich günstiger. Außerdem zusammen mit Malartic-Lagravière ein längerjähriger Favorit bei den weißen Bordeaux.

9. Smith Haut Lafitte Rouge

Weniger ungebändigtes und aus der Reihe tanzendes Tannin, als angesichts seiner Jugend gedacht. Mandelig, aprikosenkernig, mildnussig und weich.

10. Canon

Kühl, minzig, kernig, gut. Sehr schöner Wein, der selbst mit 60 EUR/Fl. noch nicht überbezahlt ist.

11. Canon La Gaffelière

Griffiger und gleichzeitig feinerkörniges Tannin, als beim Canon. Mehr Frucht, weniger Minze.

12. Figeac

Weich und rund, bietet dieser Wein wenig Angriffsfläche und kam mir eher fad vor, bis er gegen Ende ein paar sehr betörende Kräuternoten auswarf, als wolle er zeigen, dass er es ja könne, nur eben sich ein bisschen mehr Zeit ausbedinge. Kann er von mir aus gern haben. Wiedervorlage in 10 Jahren.

13. La Gaffelière

Glatt, seidig, kühl, nicht jedoch minzig. Sagte mir leider nicht sehr viel.

14. Trottevieille

Kräuterig, würzig, griffig, schon ganz gut entwickelt und ein Wein, der mit seiner ungerichteten Sexyness ziemlich anziehend auf mich wirkt.

15. Clinet

Mein Favorit unter den verkosteten 2008ern. Schwarze Kirschen, tiefgründiger Schmelz, schwarzer Pfeffer, saft- und kraftstrotzend, ein weiter Wurf aus Pomerol und einer der wenigen Bordeaux über 100 EUR/Fl., die man ohne Schmerzen kaufen kann.

16. Citran

Kräuterig, einige wilde Aromen, ohne die etwas wässrige Note wäre er deutlich besser. Wirkt überfordert.

17. Giscours

Mehr als ein ok bekommt dieser unmotivierte, indifferente Giscours nicht.

18. Prieuré-Lichine

Mit seinem leichten grip schon jetzt gut trinkbar, aber leider nicht viel mehr.

19. Rauzan-Ségla

Von den probierten Margaux der angenehmste, mit erheblichem Abstand zu Giscours und Prieuré-Lichine. Seidenglatt, mild, rund, rsoig, auch mit etwas roter Paprika und einer gegen Ende leicht parfumiert wirkenden Note, die man mögen kann; mich irritiert sie eher und wenn sie sich hoffentlich mit der Zeit verliert, kann das nur ein Gewinn für den Wein sein.

20. Beychevelle

Dafür dass er so relativ dünn ausgefallen ist, ist er noch so einigermaßen. Schade, ich mag Beychevelle nämlich sonst gern.

21. Gruaud-Larose

Als sichere Bank erweist sich Gruaud-Larose, der mit einem sehr ansprechenden Mix aus Rosen und Paprika seiner qualitativen Ambition Ausdruck zu verleihen weiß. Erfreulich: seit Jahren ist Gruaud-Larose deutlich unterhalb 40 EUR zu bekommen.

22. Langoa-Barton

Säuerlich, wässrig, nicht sehr ansprechend. Was ist denn mit dem los?

23. Léoville-Barton

Auch der Léoville-Barton hatte irgendwie einen Hau, war zwar kräftig, aber in keiner Hinsicht überragend. Extraschade.

24. Léoville-Poyferré

Versöhnlich dann der Léoville-Poyferré. Weich, saftig, fruchtig und warm, verspricht jetzt und auf lange Zeit ein treuer und unterhaltsamer Begleiter im Glas zu sein; ziehe ich dem etwa gleichpreisigen Rauzan-Ségla vor.

25. Clerc-Milon

Vollmundig, fruchtig, kraftvoll, fordernd und von sehr präsentem, dynamischem Tannin. Gefiel mir sehr gut.

26. d'Armailhac

Ansprechende Nase, die sich im Mund leider so nicht wiederfindet. Dort herrscht dunkle Fruchtigkeit und Kühle, sehr langsame etwas verschlafene Aromenentwicklung mit sehr griffigem Tannin. Kann man nicht meckern, sprach mich aber auch nicht besonders an, nachdem mir der Clerc-Milon so ausnehmend gut gefallen hatte.

27. Lynch-Bages

Dünn, mit seltsam klebrigem Tannin. Nicht mein Fall.

28. Pichon Longueville Comtesse de Lalande

Rassig, mit der von mir bei der Comtesse besonders geschätzten roten Paprika, allerdings eher fraulich, als damenhaft. Will sagen kein ultrafemininer, verfeinerter Wein; natürlich auch keine dralle Landmagd. Eben dazwischen.

29. Cos Labory

Süßlich, mit Marzipan und Spuren von Graphit, was für eine harte Ausstrahlung sorgt.

30. Phélan Ségur

Marzipan-Mandelnase, leider etwas kurz geraten und für mich zu wenig Frucht bei uncharmantem Tannin.

Champagner roundup

1. Maurice Vesselle, Grand Cru Millesime 2002

85PN 15CH. Kein BSA. Nachdem ich vor Jahren in einem Pariser Nicolas-Laden an der Ave. Kléber nächst meinem dort bevorzugten Hotel keine besonders gute Erfahrung mit Georges Vesselle gemacht hatte, war mir der ganze Erzeugername vermiest. Erst nachdem ich mich vor Ort in Bouzy eines besseren überzeugen konnte, wurde zumindest der sippenverhaftete Maurice Vesselle endlich rehabilitiert. Ein gute Leistung hat er mit dem 2002er abgeliefert, der fleischig ist, eine angenehme Haselnuss- und/oder Mandelnote von seinen schönen Bouzy-Pinots gibt ihm zusammen mit den aus dem Untergrund durchklingenden Aromen von frischem Kirschkompott Gehalt, der Chardonnayanteil macht sich mit erstaunlichem Geltungsdrang im Bereich der Apfel-Zitrusnoten bemerkbar.

2. Bonnaire, Blanc de Blancs, Cuvée Variance

Mit 9 g/l dosiert. Vor die Wahl gestellt, ob ich lieber den holzfassgeprägten Variance oder den 2002er Jahrgang von Bonnaire nähme, würde ich mich bis auf weiteres für den Jahrgang entscheiden, der meiner Freude an schlanken, eleganten Champagnern besser entgegenkommt. Leider habe ich meine letzten 2002er von Bonnaire schon längst und viel zu früh ausgetrunken. Der Variance ist somit nur zweite Wahl, aber ein gute, denn er ist sozusagen aus dem selben Holz geschnitzt, wie der von mir so geliebte Vintage. Zu der erquickenden, entschieden leichten, aber nicht fliegengewichtigen Art des Jahrgangs gesellt sich hier eine milde Note wie von Kiefernholz, das von einem heißgewordenen Sägeblatt leicht angetoastet wurde, die Dosage ist mir zu hoch ausgefallen.

3. Charles Heidsieck Millesime 1995

Charles und Piper-Heidsieck stehen bekanntlich derzeit zum Verkauf. Es ist zu hoffen, dass sie in gute Hände geraten. Denn das was früher Daniel Thibault verantwortete und nun Regis Camus fortführt, wird nach wie vor weithin unterschätzt. Bezogen auf die Jahrgänge von Charles Heidsieck kann ich nur jedem empfehlen, sich damit einzudecken, fast gleichgültig, aus welchem Jahr. Denn die Jahrgänge dieses Erzeugers sind in ihrer Preisklasse exquisit, lagerfähig und von einer aromatischen Entwicklung, die über Jahre hinweg zu bestaunen sich lohnt. Der 1995er ist da nur eines von vielen Beispielen und gehört zu den Charles Heidsiecks, die noch ganz am Anfang ihrer Karriere stehen. Rauchig, jodig, toastig, mit einer Zitrusfrische durchmischt, wie Seidenbrokat mit Platinfäden.

4. Champagne Yves Ruffin Premier Cru élevé en fûts de chêne

75PN 25CH.

Gewohnt fruchtige Herbe, immer noch frisch, Holz ist merklich, die Säure noch immer lebhaft.

5. Champagne Bérèche et Fils Rosé

07er Basis, dég. von Hand im Oktober 2010, mit 4 g/l dosiert, 45 mg/l SO2 total

35PN 35PM 18CH, Stillweinzugabe aus PN/PM

Rote Früchte überwiegen, der Ingweranteil und die Zitrusfrüchte sind etwas zurückgegangen. Noch merklich in der Entwicklung, zu Beginn und an der Zungenspitze ballen sich Aroma und Kraft, um gegen Zungenmitte hin abzufallen. Das dürfte sich bald gelegt und über den gesamten Gaumenraum vereinheitlicht haben, dann beginnt der eigentliche Champagner sich zu zeigen.

6. Champagne F. Bonnet, Blanc de Blancs Grand Cru 1974,

Für eines der schwächeren der 70er Jahre ein guter, noch sehr säurestarker Champagner, der frisch und überhaupt nicht unausgewogen wirkt. Könnte sogar noch ein paar Jährchen liegen, ohne abzubauen, aber wohl auch, ohne dadurch weiter zu gewinnen.

7. Bérèche et Fils Blanc de Meuniers, Vallée de la Marne Rive Gauche, Extra Brut

2007er Basis aus der Parzelle "Les Misy", von Rebanlagen aus dem Jahr 1969, langsame Spontangärung, Hefelager von Mai 2008 bis Oktober 2010, unfiltriert, mit 4 g/l dosiert; 1800 Fl. Immer wieder erstaunlich, was man mit Sorgfalt und Mühewaltung aus dieser Rebsorte rausholen kann. Rafael Bérèche hat alles richtig gemacht: die richtigen Trauben selektiert, sie beim Gärprozess sich wohlweislich selbst überlassen, kein allzulanges Hefelager aufgezwungen, am Dosagezucker gespart, der hier nicht nur dienend, sondern unterwürfig zum Einsatz kommt und damit einen Champagner geschaffen, der mit der sanften Kraft einer Gezeitenwelle in die Kehle schwappt.

8. Eric Isselée, Grande Sélection

50PN 50CH.

Eric Isselées Champagner, speziell den 2002er Blanc de Blancs genehmige ich mir immer gern und lasse sie mir auch stets gern einschenken. Neben meinem Favoriten ist seit einiger Zeit die Grande Sélection immer wieder zu Gast im Glas. Kein komplexer Champagner, aber eine kunstvolle und über längere Zeit mit Unterhaltungspotential ausgestatte Komposition aus den beiden Großreben der Champagne, speziell zu Handfraß wie Walnussalami, mildem Stinkekäse usw. eine Empfehlung, geht aber auch prima zum Schnitzel.

9. Ulysse Collin, Blanc de Noirs (Jahrgang 2006), dég. 16. März 2010

Rötlich, für einen Blanc de Noirs schon gefährlich rötlich und nach deutscher Auffassung wahrscheinlich verboten rot schimmert der schwere Stoff im Glas, der Champagner selbst ist so dicht, dass die Perlage Mühe hat, sich durchzudrücken. Ein Schlachtfest der Früchte, den satten Alc. merkt man kaum. Seit ich das Jungfernerzeugnis bei Olivier Collin probiert habe, hat sich in diesem Champagner viel getan. Er ist muskulöser, schwerer, massiger geworden und sollte jetzt damit aufhören, damit er nicht zum incredivle Hulk unter den Champagnern wird. Wenn die Entwicklung ab jetzt in Richtung Eleganz verlaufen sollte, dann hat die Champagnerwelt eine feste Größe mehr. Der Besuch auf der Domaine ist insbesondere für Endkunden einfacher, wenn man sich über das nahegelegene Château d'Etoges einen Termin machen lässt. Dort ist Ulysse Collin Hauschampagner.

10. Veuve Clicquot, La Grande Dame, 1995

Letzte Flasche, dem Sommelier günstig abgeschwatzt und mit viel Freude getrunken. Dazu ließ ich mir eine Wachtelbrust schmecken, Salatherzen mit Parmesan und Schnipseln vom Wollschwein verpartnerten sich auch sehr gut, eine bis auf die Kruste weniger gelungene Parmesan Panna Cotta ließ sich schnell damit fortspülen, versöhnlicher war das Ibericoschwein mit geschmolzenen Tomaten und Oliven und der abschließende Käse – Fourme d'Ambert, Trappe d'Echourgnac, Banon – sowieso. Förmlich erleichtert war ich, nach dem ersten Schnuppern keinen Kork wahrgenommen zu haben. Dann ging das sinnliche Vergnügen los, die Grande Dame zeigte sich einmal mehr ihres Namens würdig, gab sich aristokratisch, aber nicht unantastbar, von kräftiger Statur, aber nicht säuerlich, wohlgereift, aber nicht ältlich. Weinig natürlich, mit der gewissen Pinotherbe, die dem Wein aber gerade seinen Charme und eine noble Anmutung verleiht. Außerdem wies die Grande Dame mal wieder ihre Nähe zum Wein nach, mit etwas Temperatur gab sie noch einen ganzen Schwung trockener Kräuter, schmelziger Karamellbonbons und kandierter Zitrusfrüchte frei.

11. Dom Pérignon Oenothèque 1983, dég. 2003

Zu den Doms der 80er Jahre habe ich kein richtiges Verhältnis. Sozialisiert bin ich mit den 90er Jahrgängen, von denen mir der 1990er kurz nach seinen Erscheinen die Augen für Champagner geöffnet hat und der mir als Oenothèque wie der Archetyp des elganten Champagners vorkommt. Leider folgten mit 92, 93 und später mit 98, 99 weniger starke Doms, während 95 und 96 wieder und jeder für sich ganz unterschiedliche Ausprägungen des Dom Pérignon waren, bzw. sind. 92 und 93 bezeichne ich für mich als die europäischeren und abgelebteren Doms, wohingegen 98 und 99 für mich japanisch anmuten. Karg, reduziert, mit einer Ästhetik, die sich mir nicht ganz erschließt, von der ich aber verstehe, wenn sie andere fasziniert. Ähnlich ist es mit japanischen Parfums und von japanischen Designern kreierter Mode, ich denke da in erster Linie an Issey Miyake, Annayake und Comme des Garcons. Völlig anders sind die Doms aus den Epochen davor. Der normale 1983er ist, wenn man eine gute Flasche erwischt, noch fit und baut erst langsam ab, leider werden die fitten Flaschen schnell weniger, auch scheint der Jahrgang insgesamt langsam ausgetrunken zu sein. Für die späteren Dégorgements halte ich Trinkfenster von bis zu zehn Jahren nach dem Dégorgement für angemessen, danach fallen spätdégorgierte Champagner zusehends in sich zusammen, rühmliche Ausnahmen, gibt es freilich auch da. Der 1983 Oenothèque bewegt sich mit hoher Ganggenauigkeit in diesem Fenster, mehr als zwei bis drei Jahre würde ich ihm jetzt nicht mehr geben, dann ist er über den Punkt. Jetzt kann man ihn mit Genuss trinken, sehr genau und klar sind die tragenden Aromen herausgeschält, ein Mix aus Zitrusfrüchten, Ananas, Nektarine und weißem Pfirsich, Hefezopf, eine geringfügig störende weil nicht ins Bild passende Steinigkeit und Herbe muss man aber ebenfalls in Kauf nehmen, sie leitet über zu den entwickelteren Aromen die hier wie bei den meisten Spätdégorgements aber verhaltener auftreten, als bei den gewöhnlichen Ausgaben.    

Kellerstreifzüge

I.1 Pichon-Longueville Comtesse de Lalande, 1978

Krachende rote Paprika, Spuren von Schokolade und Minze. Weich und rund, dabei weder mollig noch irgendwie eingeschnürt. Da ist nichts schlaffes an diesem reifen Wein, den ich mit Freude geöffnet habe und von dem ich die mir nun noch verbliebene Flasche wahrscheinlich nicht mehr lange geschlossen halten kann.

I.2. L'Evangile, 1979

Ein weiterer schöner Vertreter aus Bordeaux, der aber trotz seines vielversprechenden Namens nicht ganz an die Comtesse heranreichte. Der Wein war fein, reif, hatte alles, was ich von ihm erwarten durfte, aber mir fehlte einfach der letzte Zauber, das letzte bisschen herausragende Originalität.

I.3. Paul Autard, Chateauneuf-du-Pape, Cuvée La Cote Ronde, 2006

Grenache, 50% Syrah, von alten Reben; im neuen Holz vinifiziert. Dunkel, kraftvoll, konzentriert, schokoladig, kirschig, etwas jodig, tanninschwach.

I.4. Amy Frères, Coteaux du Layon, 1947

Was Nicolas Joly am trockenen Ende der Skala mit Chenin Blanc macht, findet man mit etwas Glück am süßen Ende in der Appelation Coteaux du Layon: außergewöhnliche, reifefähige Weine mit höchst individuellem Ausdruck. Pilzig, mit Butterscotch, weich, rund, samtig, sämig.

II.1. St. Antony, Niersteiner Pettenthal GG, 2006

In der Nase für mich ein alter Moselriesling, nur etwas fetter, schmeckt auch älter als 2006. Erdig, würzig, aber noch nicht auf der kaputten Seite, sondern noch im kräuterigen Bereich.

II.2. Château des Tours, Côtes du Rhône, Réserve, 2007

Der kleine Rayas mit dem hellen roten Leuchten hat diesen würdigen(den) Beinamen wohl noch nie so sehr verdient, wie jetzt. Das liegt vielleicht daran, dass beide Weingüter nun in einer Hand vereint sind, vielleicht aber auch einfach nur daran, dass dieser Wein schlicht umwerfende Qualitäten hat. Schwarzer Pfeffer, Rosmarin, Thymian, süßliche Rosenpaprika; schmelzig, safftriefend, dabei von sehr eleganter Haltung, übrigens auch schlank. Agil, mit großer und langer Zukunft.

II.3. Cos Labory, 1990

Klassischer wurde es beim Cos Labory. Blumenduft, Paprika, süßlich und rund, mit feinkörnigem Tannin. Unmittelbar jetzt genau richtig zu trinken.

II.4. Pichon Longueville-Baron 1955, Mähler-Besse-Füllung

Toffee, Malz, Liebstöckel; trocknend, unruhig, Duft von geräuchertem Paprikapulver (Pimenton de la Vera), für mich über den Punkt.

II.5. Léoville Las Cases, 1975

In geradezu brachial-kraftvoller Manier wie ein Muskelmann in rotweißem Ringelanzug und Schnurrbart aus dem Wanderzirkus, nur nicht so albern, zeigte sich der Léoville Las Cases. Von Mäßigung keine Spur, der Wein drückte von innen gegen die Backen, als hätte man den Mund voller Kirschkerne und war dabei insgesamt sportlich-minzig aufgelegt; sollte aber eigentlich doch lieber noch paar Jahre liegen.

II.6. Juliette Avril, Chateauneuf du Pape, 1990

Kein Bordeaux ist auf Anhieb so schmelzig, so weich und auf eine hitzige, südländische Art so verführerisch, wie ein gut gereifter Chateauneuf. Saftig und leicht dicklich war dieser verliebte Twen.

II.7. Hugel, Gewürztraminer, Reserve Exceptionelle, 1969

Dieser rosenduftige Wein konnte mit seiner für mich zu geringen, wenngleich angenehm candyartigen Restsüße und buttrigen Reife nicht ganz überzeugen.

II.8. Amy Frères, Coteaux du Layon, 1947

Intensiver Pilzduft, intensives Butteraroma, angebrannte Kondensmilch. In Weine dieser Art könnt' ich mich sowas von reinlegen.

II.9. Bäumler-Becker Erben, Zeltinger Schlossberg, Riesling Spätlese, 1959

Mehr Rasse brachte der Riesling ins Spiel. Auch hier pilzige Noten, aber auch immer noch viel kandierte Zitrusfrucht, unterschwellig kitzelnde Säure, frecher, rotziger als der dagegen behäbiger wirkende Coteaux du Layon.

II.10. Valette, Meursault, 1966

Wahrscheinlich der Wein des Abends für mich. Feinstes, fröhlich-frisches Mittelstrahlhellgelb ließ einen jugendlich gebliebenen Wein ohne harte Oxidations- und sonstige Alterungsnoten erwarten, was dann auch zutraf. Faltenlos wie ein Lackkleid, medizinale Töne mischten sich unter die kräuterig-buttrige Note mit den gerösteten Nüssen, hinzu kamen Fenchel, Anis und Toffee, auch etwas Bienenwachs schmückte den sehr alerten Wein.

III.1. Staatlicher Hofkeller, Silvaner, Innere Leiste GG, 2009

Der Silvaner gibt sich in der Nase mit seinem Sortenaroma von frisch gemähter Unkrautwiese mit frechem Zitronenbeiklang zu erkennen und schmeckt auch genau so, eine zusätzlich anhaltend süßliche Art gibt ihm noch einen abrundenden touch, den ich beim Hofkeller häufiger zu erkennen meine und der mir etwas unfränkisch vorkommt.

III.2. Carl Loewen, Riesling Auslese, Thörnicher Ritsch, 2010

Spielfreude pur, würde man beim Fußball sagen. Dieser Wein hat alles, was ich am Moselriesling schätze und liebe.

III.3. Carl Loewen, Riesling Beerenauslese, Maximin Herrenberger, 2010

Mir schon wieder zu konzentriert gegenüber der Ritsch. Gewiss nicht verkehrt, für eine Beerenauslese auch ganz und gar angemessen, mir aber von allem too much.


TopOfBlogs