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Monthly Archives: Juni 2011

La Vieille Maison: Cognac Prunier

 

Der Chef von Cognac Prunier ist Stéphane Burnez, ein Mann, der perlend gutes Deutsch spricht, unter anderem, weil er Deutschland so sehr mag, obwohl der hiesige Cognac-Markt schwierig ist und bei weitem nicht die Margen abwerfen dürfte, die ein einziger chinesischer Milliardär bescheren kann, wenn er eine Hochzeit adäquat mit Luxusspirituosen auszustatten wünscht. Prunier wurde 1700 gegründet und ist damit eines der ältesten Häuser der Region. Deshalb nennt sich Prunier folgerichtig "La Vieille Maison". Eigene Weinberge gibt es nicht, daher wird überwiegend aus den Fins Bois, der Petite Champagne und der Grande Champagne Eau-de-vie gekauft. Die Lagerung erfolgt in alter Limousin-Eiche. Für die Reduktion der Brände bedient sich das Haus einer speziellen Methode: die frisch destillierten Brände werden mit einem Schluck Wasser von ca. 72% auf 65% herabgesetzt und können dann in Ruhe altern. Die Herabsetzung zur endgültigen Trinkstärke erfolgt dann wiederum sehr individuell in einem Zeitraum von einem halben bis zu einem ganzen Jahr.

I. V.S.O.P.

GC, PC, FB, 7 Jahre alt.

Fruchtig; Apfel, Birne, Nektarine, Früchtebrot, Ingwer. Glatt, leicht seifig, erfrischend. Eignet sich gut zum mixen, für den Sologenuss oder zu Speisen ist er zu leicht.

II. X.O.

17 Jahre alt.

Mehr Rancio von der buttrigen und teigigen Art. Auch kratziger, ruppiger, eckiger als der V.S.O.P., mit ausgeprägterem Trockenfrucht- und Rosinengeschmack.

III. Reserve de la Famille X.O.

GC, PC, FB, Brände bis 1938.

In der Nase rauchig und sperrig, erst mit viel Luft zeigen sich delikatere Aromen, Pilze, Holz, braune Butter, Trockenblumen und medizinale Noten. Im Mund spritzig und leicht, ja sportlich.

IV. Très Vieille Grande Champagne X.O.

GC, durchschnittlich 45 Jahre alt, teilweise Brände vom Beginn des 20. Jahrhunderts.

Fruchtbetonter Cognac, bei dem sich eine wichtige Stärke der Grande Champagne zeigt: nämlich Fruchtaromen über extrem lange Zeiträume konservieren zu können. Orangen, Nektarinen, Grapefruit, außerdem voll entwickeltes und facettenreiches Rancio von nussig über schokoladig bis hin zu einem leicht angeräucherten Duft; Blüten und Pfeffer, ein manchmal vorwitziger Alkohol, der sich mit dem Duft von Milchkaffe verbindet, ausgehend Zedernholz, salzige Aromen und ein sanftes Glühen, dabei schwebt über allem ein saftiger Fruchtcharakter.

V. Extra X.O.

Brände aus der Zeit von 1953 bis 1957, komponiert aus vier unterschiedlichen Lots.

Zunächst undurchdringliche Nase, die außer Klebstoff gar nichts hergeben wollte. Das wandelte sich mit Luft zu einer indiffferenten Teernote, die sich langsam über grasige und kräuterige Aspekte weiterentwickelte und fermentierte vegetabile Noten freigab, die in Richtung Formosa Ooolong neigten. Nach einer halben Stunde dann eine sehr weinige Interpretation von Earl Grey, Kumqat, Yuzu und Blutorange, dazu Buttercookies, Schokomuffins, bröckeliger Honig, Ingwer, Veilchenduft, Lavendel, Rosmarin, Salbei. Im Mund sehr dynamisch, muskulös, aber nicht schwer.

VI. Single Barrel Vintage 1967 straight from the cask (56% vol.alc.)

600 Flaschen gibt es von diesem unverdünnten Cognac. Der ist in der Nase voller Nuss und Kastanie, mit der Zeit kommen Taubnessel, Verbene, agrûmes, dicke altmodische Orangen- und Madarinenbonbons, Butterscotch, Torf, Malz, Unterholz und Pilze zum Vorschein. Außerdem Café au Lait, Crème brûlée und ein gerbender Eindruck. Heißer Stoff!

Aube-Intermezzo mit Champagne Drappier

 

Die Champagner von Drappier und ganz besonders die Grande Sendrée galten lange Zeit als die mit Abstand besten Aube-Champagner. Das war freilich in einer Zeit, als von der Avantgardetruppe um Cedric Bouchard, Jacques Lassaigne, Bertrand Gautherot usw. nur in einem sehr kleinen Kreis die lobende Rede war. Heute muss sich Platzhirsch Drappier zwar nicht mühevoll, aber doch in einem Feld sehr guter bis überragender, teilweise ultraindividualistischer Champagner mit höchsten Ansprüchen an sich selbst behaupten. Ich denke, das tut ihm eher gut als weh. Plaudern konnte ich mit Michel Drappier diesmal leider nicht sehr lange, sonst hätte ich ihn gern dazu befragt

I. Carte d'Or

90PN 5CH 5PM

Sonniger Champagner mit massenkompatibler Dosage, kann man aber auch als Champagnerpurist noch ok finden.

II. Quatuor, dég. Januar 2011

Je ein Viertel CH, PB, Petit Meslier und Arbane, 07er Basis, mit 8,5 g/l dosiert.

Fand ich im Frühjahr kräftiger und fetter, auch wuchtiger, diesmal kam er mir eher vor wie ein richtig gutes Sektsorbet.

III. Grande Sendrée 2004, dég. Januar 2011

55PN 45CH.

Die aktuelle Grande Sendrée ist mittelgewichtig, aber nicht schmächtig; leider befindet sich die ähnlich gebaute Grande Sendrée 2002 gerade in einer Verschlussphase, daher ist ein Vergleich zwischen beiden nicht sehr fruchtbringend. Die Grande Sendrée gehört zu den Champagnern, bei denen ich immer eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Chef des Hauses finde. Sanft und distinguiert, sehr präsent und hellwach, die Neigung zu einer halsbrecherischen Autofahrweise würde man bei Michel Drappier gar nicht vermuten, ebenso nicht die wollüstige Entwicklungsfreude der Grande Sendrée, wenn sie die Möglichkeit zur Reifung hat. Nach einem doppelten Espresso zum Abschluss eines großen Mahls gibt es nichts schöneres, als eine frische und vorzugsweise junge Grande Sendrée wie eben diesen 2004er für die inoffizielle Hälfte des Abends zu öffnen.

IV. Grande Sendrée Rosé 2005, dég. Januar 2011

Etwas schwermütiger, melancholischer Rosé mit einem an smoothies erinnernden Früchtemuscharakter. Relativ wenig Säure und ein Schlußpunkt, der die Ballade stimmungsvoll und für mich ein wenig rätselhaft beendet.

Was hat eigentlich Robert Parker mit Cognac (von Tesseron) zu tun?

 

Was hat eigentlich Robert Parker mit Cognac zu tun? Ja man weiß es nicht so recht. Er weiß es selbst nicht so recht, scheint's. Klar ist: Cognac ist nicht weit von Bordeaux und mit Bordeaux hat Robert Parker viel zu tun. Klar ist auch: die Familie Tesseron verfügt in Bordeaux über zwei Châteaux, Pontet-Canet 5ème GCC in Pauillac und Lafon-Rochet 4ème GCC in St. Estèphe. Der Parkerbob hat die Cognacs der Familie Tesseron jedenfalls bei einem Ambassador's Dinner im Jahr 2005 kennengelernt. Und sich zu Bewertungen hinreißen lassen, die bei den beiden Châteaux der Familie die Preise längst durch die Decke hätten gehen lassen. Lot No.29 bekam volle 100 PP. Zuvor hatte es übrigens Bollingers Special Cuvée (89 PP), Haut-Brion Blanc 2001 (94 PP), Lafite Rothschild 1996 (100 PP), Cheval Blanc 1990 (98 PP), Haut-Brion 1989 (100 PP) und d'Yquem 2001 (100 PP) gegeben. Zwei Jahre später berichtet Parker dann in der Hedonist's Gazette von einem weiteren hochkarätigen Tasting Chez Josephine. Moet et Chandon Dom Pérignon 1976 bekam dort 95 PP, Latour 1990 en Magnum säckelte 99 PP ein, Pétrus 1990 en Magnum schoß 100 PP ab und der Tesseron-Cognac Lot. No. 53 bekam 98 PP.

Das Haus Tesseron verfügt in der Region über Niederlassungen in der Grande Champagne und in der Petite Champagne. Dort lagert eine stattliche Anzahl alter Brände, im kühlen und feuchten Keller. Gebrannt werden die Weine mitsamt den Heferückständen, was schwieriger ist (Gefahr des Anhaftens und Verbrennens von Hefezellen am Brennkolben), aber für mehr Komplexität sorgt. Die charmante Justine unterwies mich im Genuss der Cognacs ihrer Familie.

I. Sélection X.O. Lot No. 90

GC, PC, FB, 15 Jahre alt.

Leichter, minimal seifiger Cognac mit attraktiver Zitrusnote, im Hintergrund Noisette und rötlichere Frucht. Weder brandig noch stechend. Im Mund benötigt er eine kurze Anlaufzeit, bevor er sich bemerkbar macht, das geschieht dann mit einem leichten zwicken, im übrigen wirkt er konzentriert und hinsichtlich des Fins Bois Anteils reif.

II. Lot No. 76 X.O.

GC, 25 Jahre alt.

Verhaltene Nase, verhaltener Rancioduft, im Mund wieder mit kurzer Einwirkdauer, bevor die Aromen am Gaumen anbranden. Sehr reife Birne, sehr reife Honigmelone, Muskatnuss und etwas schwarzer Pfeffer, der sich angenehm mit dem Alkohol vermischt; ausgleitend frischgeschnittene Pilze und eine jodige Note.

III. Lot No. 53 X.O.

GC, Ugni Blanc + Colombard, 50 Jahre alt.

Omas Mahagoniwohnzimmer, Kastanienhonig, Patschouli, Orangenblüten, Kakaobohnen. Im Mund Verbene, Salz. Sehr kräftiger, aromatischer Cognac, der sehr viel Luft braucht. Erfreulicherweise kein beißen oder stechen vom Alkohol, beinahe noch erstaunlicher: der Cognac wirkt überhaupt nicht süß.

IV. Lot No. 29 X.O.

GC, Ugni Blanc, Colombard, Folle Blanche, 75 Jahre alt.

Zunächst Möbelpolitur, warmes Edelholz, entfernt eine leichte Chlornase. Darunter Malz, Torf, Toffee, Mango-Papaya, Erdbeerpannacotta, Himbeergeist. Viel exotische Frucht, Ringelblume, Iris. Ob der Cognac 100 PP wert ist? Im Kontext von Haut-Brion 1989 und Lafite 1996 mit Sicherheit. Und für ca. 500,00 € sicher einer der günstigsten 100 PP-Drinks.

Was hat eigentlich Champagne Bollinger mit Cognac Delamain zu tun?

Champagne Bollinger hält ein Drittel der Anteile an Delamain, was mal wieder ein schönes Beispiel für die zahlreichen Verbindungen zwischen diesen beiden entgegengesetzten Gegenden, bzw. Getränken ist. Cognac Delamain ist ein altes Haus, das ausschließlich Eaux-de-vie aus der Grande Champagne kauft. Eigene Weinberge werden nicht bewirtschaftet, auch bestehen keine festen Lieferverträge. Die Brenner kommen vielmehr täglich ins Haus und bieten ihre Grande Champagne Brände zur Verkostung an. Dann wird probiert und verhandelt. Neues Eichenholz findet bei der Reifung dann keine Verwendung, die 350-Liter-Fässchen aus französischer Eiche sind im Gegenteil möglichst alt und tanninarm. Auch der feuchte Keller nächst der Charente sorgt für harmonische Reifung. Bei der Cognacvermählung werden Brände aus der gleichen Altersstufe miteinander verbunden, da ein großer Altersunterschied als abträglich betrachtet wird. Die Reduktion der Brände auf Trinkstärke erfolgt nicht schlagartig mit destilliertem Wasser, sondern behutsam über zwei Jahre mit faibles, also mit schwachalkohlischem Cognacwasser aus Solera. Ähnlich der Ruhezeit von frisch degorgiertem Champagner bleiben bei Delamain die fertig vermählten Cognacs nach dem blending für zwei Jahre liegen, um sich in Ruhe integrieren zu können, bevor dann endlich die Vermarktung beginnt. Zuckercouleur wird nicht verwendet, die Farbe ist ganz natürlich, was keine Selbstverständlichkeit ist, denn viele Cognachäuser verwenden Karamell oder Zuckercouleur als Farbgeber für einen einheitlichen oder optisch besonders gewollten Auftritt ihrer Cognacs.

I. Pale & Dry X.O. Grande Champagne

25 Jahre alt. Jugendlich, fein, sehr obstig, nur von Ferne eine Ahnung von Blumen. Mit Luft immer mehr Trockenfruchtaroma, kaum fortgeschrittenes Rancio. Schwebt über die Zunge, Schwerpunkt ist auch mit Luft bei der Frucht. Bei Bollinger entspräche dieser Cognac wohl am ehesten der Special Cuvée.

II. Vesper X.O. Grande Champagne

35 Jahre alt. Mehr Butter als im Pale & Dry, auch ein Hauch von Klebstoff und Duft von Löwenzahnblüten. Einerseits konzentriertere Aromatik mit viel Backpflaume, andererseits leichter und beschwingter, mit diesem bemerkenswert schwebenden Charakter bei ausgeprägter und langanhaltender Süße.

III. Extra X.O. Grande Champagne

Gibt es seit 2006, die verwendeten Brände sind 40 Jahre alt. Erstaunlich schwach entwickeltes Rancioaroma, dafür sehr viel Bittermandel und Feuerstein, beiden gehen nahtlos von der Nase in den Mund über, wo der Cognac wieder mit deutlicher Süße das Regiment führt, wobei ich zusätzlich eine lebhafte und etwas hitzige Alkoholnote vorfand.

IV. Très Vénérable X.O. Grande Champagne

55 Jahre alt. Rosinen, Rancio, Feige, Datteln, Pflaumen, Speck, Neroli. Außerdem Anis, Kümmel, ganz zum Schluß Sternfrucht. Auch im Mund sehr komplex, sehr dick und balsamisch, mit Tanninfinish.

V. Reserve de la Famille No. 342-50,

43% vol. alc., Flaschennr. 47/180, single estate, single barrel. Wuchtig, druckvoll und geradezu unbeherrscht. Durch den – unverdünnt, nur durch Verdunstung erreichten – Alkoholgehalt von 43% wirkt das Rancio etwas hitziger und lebendiger, nicht so abgestorben und unterholzig. Für die delikaten Fruchtaromen jügerer Cognacs oder von Bränden aus den Fins Bois wäre das schon ein Problem, aber davon finden sich naturgemäß hier nicht so viele; dafür sind Kräuter, Süßholz, Leder, Tabak, Jod und Trockenblumen im Spiel, denen die Hitze nicht so viel ausmacht. Für mich nicht zwingend der beste Cognac von Delamain, das kann man bei den Vieilles Vignes Francaises von Bollinger übrigens ähnlich sehen.

Champagne Cattier und Armand de Brignac

 

In Chigny-les-Roses, das früher Chigny-la-Montagne hieß, ist Champagne Cattier zu Hause und erzeugt eine beeindruckende Menge unterschiedlicher Cuvées in einem an die ganz großen Häuser angelehnten Stil. Außerdem fertigt Cattier jährlich ca. 50000 Flaschen Armand de Brignac.

 

I. Cattiers reguläre Linie

1. Premier Cru

40PM 35PN 25CH, mit 10 g/l dosiert.

Konventioneller, ziemlich süßer Champagner leichter Bauart mit der zaghaften Exotik von Dosenfrüchten, die es beim Chinesen als Dessert gibt. Dazu freundliche Trockenkräutersträusschenwürze und ein bisschen Hefe.

2. Blanc de Blancs

Mit 10 g/l dosiert.

Munterer, leichter Champagner mit kandiertem Apfel und Mandelmilch.

3. Millésime 2003

Drittelmix, mit 10 g/l dosiert.

Auch hier wieder Exotik. Mango-Papaya, Hefe, jahrgangstypische Reife, wenig Säure.

4. Rosé d'Assemblage

50PN 40PM 10CH, 10-11% Rotweinzugabe von alten Pinot-Reben, mit 10 g/l dosiert.

Etwas Bierhefe, Brandy, Erdbeerbowle und Hopfen. Schmeckt wie Edle Tropfen in Nuss. Erstaunlich mäßige Süße und ein feinsäuerlicher Ausgleich.

5. Brut Absolu

45PN 25PM 30CH, 08er Basis; ohne Dosagezucker

Schlanker einfacher Brut Nature ohen bemerkenswerten Persönlichkeitskern.

6. Clos du Moulin, Flaschennr. 9341/9781

50PN 50PM, aus den Jahren 2003, 2002, 2000, mit 10 g/l dosiert

Der berühmte Clos du Moulin hat nur 2,2 ha, schon die berühmte Veuve Clicquot kaufte hier Trauben ein. Leider Kork.

 

II. Armand de Brignac

Auf drei Cuvées ist das Programm der hippen Zweitmarke von Cattier beschränkt, ob und wann eine reinsortiger Meunier hinzukommt, ist noch nicht ganz klar. Jede Menge Publizität erfuhr der zeitweise als Cristal-Nachfolger annoncierte Bling-Bling-Champagner, als die Dallas Mavericks eund um Dirk Nowitzki und die NHL-Eishockeychamps der Boston Bruins ihren jeweiligen Meisterschaftssieg mit Armand de Brignac begossen, teilweise aus dem spektakulären 30 Liter fassenden Flaschenformat "Midas".

1. Gold

40PN 40CH 20PM aus den Jahren 2005, 2003, 2002

Der Vorgänger setzte sich noch aus den Jahren 2003, 2002 und 2000 zusammen. Der Übergang zum neuen Lot ist fugenlos gelungen. In der Nase kurz nach dem öffnen Chlor und Alkohol, dann zeigt sich der bekannt poppige, bzw. hip-hoppige Champagner: füllig, fluffig, weich; säurearm.

2. Blanc de Blancs

Chardonnay aus der Côte des Blancs und der Montagne de Reims, Jahrgänge 2005, 2003, 2002

Der Blanc de Blancs ist von seiner zusammensetzung her gegenüber dem letzten Mal unverändert geblieben. In der Nase war bei diesem Champagner nicht viel los, das scheint sich jetzt langsam zu ändern. Geißblatt, Campher und Flint, Salbei und Kamillentee. Im Mund wenig Säure und eher kurz. Scheint sich zu entwickeln, ich bin gespannt auf die nächste Stufe.

3. Rosé

50CH 40PN 10PM, 12% Rotweinzugabe aus Pinot-Noir und Pinot Meunier von alten Reben.

Der Rosé wird in der nächsten Auflage "dry" dosiert sein, was gut zu ihm passt. In der jetzigen Version, die es noch bis zum Sommer 2011 gibt, ist er voller sexy Wildkirsche und noch so gut wie das erste Mal; bzw. beim ersten Mal.

Champagne Charles Ellner

 

Ca. 54 ha bewirtschaftet das Haus Charles Ellner heute, etwa die Hälfte davon ist Chardonnay und der größte Teil der Reben steht nahe Epernay, dem Geburtsort des Hauses. Die Champagner-Etiketten orientieren sich an Originalvorlagen, die ebendort hängen. Vinifiziert wird in Stahltanks, für den Ausbau stehen Fuder und kleine Fässer zur Verfügung.

I. Qualité Extra

50PN 30CH 20PM, 08er Basis, Reserve aus 2007, mit 6 g/l dosiert.

Vollmundiger, reifer, ganz solider Stil.

II. Cuvée de Réserve

60CH 40PN, 04er Basis mit Reserve aus 2003, mit 10 g/l dosiert.

Macht einen nobleren Eindruck als die Qualité Extra, kratzt aber am Gaumenrand etwas. Wer keine Angorapullover auf nackter Haut trägt, wird diesen Champagner nicht mögen.

III. Blanc de Blancs 2004

60% aus Chouilly, 40% aus Tauxières, mit 7-8 g/l dosiert.

Floral, voll weißer Blüten, auch Campher ist dabei; Süßholz und Anisnoten, leicht kreidig, etwas alkoholisch.

IV. Brut Intégral sans Dosage

04er Basis mit 10% Reserve aus 2002.

Angeschnittener Apfel, Schwarzbrot, Blumen. Körperreich, mollig, aber nicht schlaff, denn eine leichte Herbe und etwas Säure formen die Taille.

V. Premier Cru Millésime 2002, dég. 51. Woche 2010

75CH hauptsächlich aus Chouilly und Tauxières sowie ein wenig Avize und Dizy, 25PN aus Sermiers, Rilly und Champillon.

Gute, ebenmäßige Qualität, animierende Herbe, weinig und etwas ernst.

VI. Prestige Millésime 2001, dég. 11. Woche 2011

60CH aus Avize und Chouilly 40PN, in Großvaters Holzfässern ausgebaut.

Säuerliche Haselnusscrème und Toast in der Nase, gutes erstes Mundgefühl, aber leider sehr kurz. Ich fürchte, das Dégorgement ist zu kurzfristig erfolgt.

VII. Prestige Millésime 2002, dég. 11. Woche 2011

63CH aus Chouilly, Tauxières und Avize, 37PN.

Blumiger Duft und Luftton, mit dem Odeur saurer Nierchen und etwas Kalk unterlegt. Anfangs rumpelig herb und dann ein sehr lebhaftes, limonadiges Mundgefühl, das sanft, leicht und elegant ausgleitet. Unausgeglichener Champagner, der wohl ebenfalls zu kurzfristig dégorgiert wurde.

VIII. Prestige Millésime 1999, dég. 45. Woche 2009

60CH 40PN.

Dieser Champagner ist der erst Jahrgangschampagner aus dem Programm, der zu zeigen beginnt, wie die Hausstilistik wohl sein soll. Dosagesüße spielt hier keine entscheidende Rolle, im Vordergrund steht ein nicht sehr säurebetonter Chardonnay mit einem minimalen, heute altmodisch anmutenden Luftton. Charles Ellner gehört damit nicht zu den wirklich barocken, festlichen oder rokokohaften Champagnern, sondern eher zu den großbürgerlichen, konservativen Champagnern.

IX. Séduction Millésime 2000, dég. 45. Woche 2010

55CH 45PN.

Iris und Veilchen, roter Apfel und Kalk. Knackige Säure, nicht zuletzt daher fokussierter als der Prestige Mill. 1999. Gegenüber den bisherigen Champagnern von Charles Ellner eine merkliche Steigerung, nach oben ist bei guter Lagerung in den nächsten sieben bis zehn Jahren sicher auch noch Platz.

X. Séduction Millésime 1999, dég. 45. Woche 2010

55CH 45PN, im Fass gereift.

Aprikose, Weinbergpfirsich, mit Luft vermehrt Trockenfrüchte und Müsliduft. Im Mund mild, fast milchig, schließt mit einer geringfügig gerbenden Art ab und bleibt lang am Gaumen.

XI. Rosé

50CH 50PN, 07er Basis, Assemblagerosé mit 14% Rotweinzugabe.

Helles Rosé. Hundefellnase und Fleisch, dahinter Kirsche und Aprikosenkerne. Im Mund leicht, herb und eher wässrig, kommt "weiß" rüber. Nicht mein Fall.

Winemaker’s dinner mit Regis Camus (Piper & Charles Heidsieck) im Le St. James Bouliac

Im Rahmen der Vinexpo luden Piper & Charles Heidsieck ins hübsche Le St. James, wo Michel Porthos (** Guide Michelin) ein abgestimmtes Mahl servierte. Ich hatte dort das Vergnügen, mich den ganzen Abend über mit Regis Camus unterhalten zu können, dem chef de cave, der so oft wie kein anderer vom Decanter zum Sparkling Winemaker of the Year gekürt wurde.  

I. Kleinigkeiten und Piper-Heidsieck Brut NV

Kernig, mit frischer Säure und noch unbefleckt, will sagen ohne den herrlich schmutzig-rauchig-röstigen Kaffeeduft reifer Exemplare. Passte zu den kleinen französischen Schweinereien ganz prima und wäre ich nicht in Gesellschaft und außerdem in Erwartung des Sternemahls von Michel Portos gewesen, hätte ich mich mit einem Glaserl davon in der Hand einfach in den Außenpool des zauberhaften Hotels gelegt und die Sicht über Bordeaux genossen.

II. Gegrillte Austern, Gillardeau Speciale No. 2 und Fadennudelsuppe, dazu Piper-Heidsieck 2004

55PN 15CH 30PM

Im Jahr 2010 wurde der 2004er Piper-Heidsieck der weiteren Öffentlichkeit vorgestellt. An Deutschland ging das ziemlich vorbei. Schade, denn dieser nicht zu hoch dosierte Mix aus Erdbeer-Rhabarber, Kokos, Noisette und Toast auf steinhart-mineralischer Unterlage wäre gut geeignet, den deutschen Champagnergaumen in freundliche Aufregung zu versetzen. Insbesondere die solid jodige Mineralität und Frische des 2004er half ihm, mit den fordernden asiatischen Aromen und der pikanten, für die Weinbegleitung jedoch schwer zu meisternden Süßsauerkombination der in Vermicellisuppe badenden Auster umzugehen.

III. Tranche vom Kalb mit Mangold, Zitrone und Kapern, dazu Charles Heidsieck Blanc de Millenaires 1995, frisch dégorgiert

100CH aus Cramant, Avize, Oger, Le Mesnil-sur-Oger und Vertus, dosiert mit ca. 10 g/l

Einer der buchstäblich feinsten Prestigechampagner und einer der unbekanntesten, gemessen an der Größe der Erzeuger. Mineralisch und druckvoll, dabei mit einem süßlichen Honigthema, das die Variation von roten und gelben Früchten sehr dicht umspielt. Schaumig, crèmig, sahnig, mit einer frischen Limettennote, die den Champagner leichter wirken lässt, als er ist. Die Herausforderung Zitrone/Kaper nimmt der Millenaires mühelos an, mit dem Mangold und dem Kalb ergibt sich eine wunderbare Melange. Trotzdem bevorzuge ich ihn solo.

IV. Alter Gouda (48 Monate), dazu Piper-Heidsieck Rare 1988

65CH 35PN, dosiert mit ca. 10 g/l

Die wiederbelebten Jahrgangs-Rares von Piper-Heidsieck finden sich in letzte Zeit in immer mehr Tastings auf den vordersten Rängen. In den deutschen Weinhandlungen sucht man sie leider vergebens. Wenn man einen entweder von den alten oder gar von den neuen, mit Goldornamentik aus dem Goldschmiedeatelier Arthus-Bertrand eingefassten Rares im Glas hat, kann man sich über diese Zurückhaltung der Weinhändler nur wundern. Denn so unkompliziert, offenherzig und unprätentiös wie dieser Champagner sind nur wenige andere Cuvées derselben Preis- und Gewichtsklasse. 1988er Säure gibt hier den Ton an, schmerzt aber nicht am Gaumen. Drunter und drüber tummeln sich Feige, Rumrosine, Marillenröster, Pflaumenmus, Sauce Griottine, Champignonrahm, Trüffel, gehackte Nüsse. Trank ich sehr gern zum alten Gouda.

V. Erdbeere, Zitronencrème mit Olivenöl aus der Pipette und schwarzer Olivenbrownie, Roséchampagnersorbet, dazu Charles Heidsieck Rosé Réserve

Erdbeeren und Roséchampagner sind eine Kitschkombination erster Güte. Die meisten Menschen, die davon schwärmen, haben sie wahrscheinich selbst nicht ausprobiert oder mit anderen Champagnern als ich, oder waren währenddessen so hormonbefüllt, dass ihnen der beißende Konflikt überhaupt nicht aufgefallen ist. Ich jedenfalls kann von der Kombination Erdbeere und Roséchampagner grundsätzlich nur abraten. Um die beiden Komponenten überhaupt unter einen Hut zu bringen, muss man sich schon einiger Hilfsmittel bedienen. Sexualhormone bei den Beteiligten sind sicher eins davon. Ein anderes ist der Rückgriff auf herb-vegetabile Aromabrücken, zum Beispiel Oliven und/oder Olivenöl. Das klappte bei Michel Porthos vorzüglich. Kaum zu glauben, wie sich das Geschmackserlebnis vor und nach dem Einsatz des Olivenöls zur Erdbeer-/Zitronencrème wandelte. Der Konflikt zwischen Fruchtsüße der Speise und im Vergleich wesentlich verhaltenerer Champagnerfrucht löste sich in einem sphärischen Dreiklang auf. Nicht jedem zur Nachahmung empfohlen.

VI. Charles Heidsieck Finest Extra Quality Brut NV aus den 60ern

Als Schlussflasche konnte ich einen erstklassig gereiften, ca. fünfzig Jahre alten Charles Heidsieck in die Runde werfen, der für den englischen Markt bestimmt war und dankenswerterwiese den Weg in meinen Bestand gefunden hatte, wofür ich dem Weinforum Ruhrgebiet Dank schulde. Der alte Charles war in sehr guter Form, troff vor Karamell, Kirsche und Minze und hätte so noch immer ein feines englisches Weidelämmchen begleiten können.

Bruno Paillard Nec Plus Ultra 1996 Release Party

 

Lange hatte sich Bruno Paillard dagegen gewehrt, eine Prestigecuvée auf den Markt zu bringen. Dabei hätte er gleich mehrfach die Möglichkeit dazu gehabt, die Natur spielte seinem damals noch jungen Haus übermütig Jahrgänge wie 1988 und 1989 in die Hände. Doch erst der Jahrgang 1990 sollte sich als Geburtsjahr für den Nec Plus Ultra erweisen. In England, von wo der entscheidende Impuls ursprünglich gekommen war, sorgte das für Jubel und reißenden Absatz. Es folgte der zu recht erfolgreiche 1995er und dann war es lange still, man hätte fast befürchten müssen, dass Bruno Paillard das Projekt N.P.U. wieder aufgegeben hat. Hat er natürlich nicht, der 1996er lag die ganze Zeit fertig im Keller und musste nur wegen seiner jahrgangstypischen Attribute mehr als die obligatorischen zehn Jahre dort warten, bevor ein erstes Dégorgement ernsthaft in Betracht kommen konnte. Im Jahr 2009 war es dann soweit, der N.P.U. 1996 wurde geöffnet, erwies sich aber als zu säurehaltig und ungebärdig. Flugs sperrte Bruno Paillard ihn wieder weg und ließ ihn weiter warten. Bis zum 20. Juni 2011. Da war endlich Marktfreigabe und ein bestgelaunter Bruno Paillard überließ es dankenswerterweise seiner charmanten Tochter, mich zu initiieren.

I. Blanc de Blancs Millésime 1999, dég. September 2010

Adäquater Steigbügelhalter für den N.P.U. ist der im April des Jahres erstmals öffentlich vorgestellte 1999er Blanc de Blancs – Avant-Première war übrigens im Hamburger Hotel Louis C. Jacob. Der Champagner hat eine Leichtigkeit, die zum Motto "Vivacité" des Künstleretiketts von Guillemette Schlumberger passt, rote und grüne Äpfel, Orange, Nektarine, etwas Fenchel. Im Vergleich mit vielen anderen, routiniert runtergespulten 1999ern wirkt der Blanc de Blancs von Bruno Paillard lebensbejahend, abenteuerlustig und offen, womit er voll auf der Hauslinie liegt.

II. N.P.U. 1996, dég. Januar 2009, Flaschennr. 0003/6523

Limette, Ingwer, Orangenstäbchen, konzentrierte Apfelnoten und eine je nach Gewöhnung ungezogene bis schockierende Säure, sekundiert von warmen Holznoten und sizilianischem Torroncini-Nougat. Bewegender Champagner mit eskalierendem Sendungsbewusstsein, das die Herzen und die Backen schwellen lässt. Dazu gab es guten Schinken, frisch auf den Teller gesäbelt. Dessen salzige Noten sind bekanntlich ideale Kontrapunkte für mächtige Champagner, ebenso wie alter Parmiggiano Reggiano oder der in Frankreichs Sternerestaurants immer beliebter werdende alte Gouda. Keine Überraschung also, dass der N.P.U. sich zusammen mit dem Schinken so wundervoll wegkauen ließ, wobei die erhebliche Säure mit dem nussigen Fett ausgiebig zu tun hatte und dadurch positiv zum Gesamterlebnis beitrug.   

Die mittelgroßen Häuser: Philipponnat vs. de Venoge

 

Weitesgehend unbemerkt von der deutschen Weinöffentlichkeit hat sich in der Champagne ein Haus formiert, dessen Marktpotential noch längst nicht ausgeschöpft ist. Unter dem Dach der Gruppe Lanson-BCC finden sich geniale Köpfe wie Bruno Paillard, Gentlemen wie Charles Philipponnat, Markengiganten wie Lanson und Industrieerzeuger wie Burtin, daneben kleine und feine Marken wie Besserat de Bellefon und das einst etwas angestaubte Haus de Venoge, das sich momentan sehr sportlich gibt, außerdem eine ganze Reihe zumindest in Deutschland indifferenter Labels wie Chanoine, Boizel und Tsarine. Philipponnat konnte im letzten Vergleich mit Pol-Roger überzeugen, ein kleines Match mit de Venoge sollte deshalb unterhaltsam sein:

 

A. Philipponnat

Charles Philipponnat erklärte mir sehr freimütig, was er von der Jahrgangsdeklarationspraxis hält. Nicht viel, wie seine eigenen Jahrgänge zeigen. Ich erinnere nur an 1991, 1992, 1997 und 2003, Jahrgänge, die für sehr mäßig gehalten werden, bei Philipponnat hingegen stark ausfallen und teilweise (1991) bis heute zu überzeugen vermögen.

I. Royale Réserve, dég. Februar 2011

40-50PN 30-35CH 15-25PM, 07er Basis, Vinifikation im Stahltank und zu einem kleinen Teil im Holzfass, dort auch kein BSA. 25-40% Reservewein aus Soleraverfahren (jedoch nicht klassisch in Pyramidenform, sondern durch nachfüllen im Stahltank), teilweise aus Holzfassausbau. Mit 8 g/l dosiert.

Ähnlich wie die Nummerncuvées von Jacquesson und die Special Cuvée von Bollinger entwickelt sich die Royale Réserve von Philipponnat zu einem Champagner, den ich zu den buchstäblich fundamentalen Weinen der Region zählen möchte. Mit religiöser Gewissheit sind die einzelnen Dégorgements verbindlich, nussig, weinig, hefig, wohlgerundet, aber nicht aalglatt, dezent fruchtig, pointiert und diskret verspielt.

II. Dosage Zéro, dég. September 2009

06er Basis, 25% Reservewein

Flintig, mit dem Duft von unaufgeplatztem, butterglänzendem Popcornmais mit Salzristalle obendrauf. Am Gaumen keine bröckelige, kristalline Struktur, sondern seidenglatte, kühle, transparente Art.

III. Rosé, dég. Juni 2011

07er Basis, Assemblagerosé

Fein und weich, mit milder Candyanmutung. Kam mir viel zu jung vor und muss wahrscheinlich erst noch den Dégorgierschocl verarbeiten.

IV. Grand Blanc, Blanc de Blancs 2004

Chardonnay zu 70% aus der Côte des Blancs, jeweils 15% stammen aus dem Clos des Goisses und aus Trépail in der Montagne de Reims. Teils im Holz und teil in den neuen Stahltanks von Philipponnat vinifiziert. Mit 5-6 g/l dosiert.

Eine karibische Schönheit, die Elvis zum Aloha from Hawaii begrüßt haben könnte.

V. Brut Millésime 2003, dég. August 2010

70PN 30CH, mit 6 g/l dosiert.

Lebhaft und sehr reif, dabei nicht fett oder protzig. Auf der einen Seite sättigende Aromen von Kakao, Butter, etwas Nuss, auch Brioche, in der Mitte leicht zimtiges Apfelkompott und auf der anderen Seite eine couragierte Säure, die sich nicht nur als Gegenweicht versteht, sondern eigene Aktenze setzt und dem Wein so seine Spannung verleiht.

VI. Cuvée 1522 Blanc Millésime 2002, dég. Mai 2009

60PN aus Ay, lieu dit "Leon", 40CH jeweils zur Hälfte aus Chouilly, Cramant und Le Mesnil, mit 4 g/l dosiert.

Rote Traube, Muskattraube, Kreide. Dieser Dreiklang macht die Grundharmonie des Weins aus. Dunkle und tiefe Basis sind natürlich die rotfruchtigen, würzigen und leicht unterholzigen Pinotaromen, die große Terz bildet das reintraubige Muskataroma, als reine Quinte kommt kalkige Mineralität hinzu, die den Champagner über den Gaumen ausgleiten lässt und ihn zum starken Partner für Meeresfrüchte macht.

VII. Cuvée 1522 Rosé Millésime 2003, dég. Februar 2010

Im Gegensatz zur weißen Cuvée 1522 bezeichnungsrechtlich nur ein Premier Cru, weil 7% Pinot Noir aus Mareuil enthalten sind. Mit 4 g/l dosiert.

Sobald Kautschuknote, Latex, Ziegenleder und Handcrème verflogen sind, zeigen sich Walderdbeere, Himbeere und die dazugehörige delikate Säure. Sehr schön, sehr untypisch.

VIII. Clos des Goisses 2000, dég. Juni 2010

65PN 35CH, 30-50% im Fass vergoren. Mit 4 g/l dosiert.

Mein letzter Clos des Goisses 2000 war im Oktober 2009 dégorgiert, getrunken habe ich ihn im März 2011. Das aktuelle Dégorgement aus dem Juni 2011 musste sich also erheblich frischer zeigen.

Massiver Champagner, der noch immer nicht in seiner Eröffnungsphase angekommen ist, doch jetzt schon mit einem bedrohlichen Sirren wie von einem aufgebrachten Hornissenschwarm oder einer jenseits der Hügelkuppe herannahenden Kampfhubschrauberformation ankündigt, dass er recht bald entfesselt sein wird. Ältere Dégorgements dürften um Weihnachten 2011 soweit sein, dieses hier vielleicht im Sommer 2012.

Im Herbst 2011 wird es dann den neuen Clos des Goisses 2001 geben. 

Im Herbst 2011 wird es dann den neuen Clos des Goisses 2002 geben.

Jahaa: Philipponnat bringt die beiden Jahrgänge zusammen raus. Der 2001er wird etwas weniger kosten, als der 2002er. 

 

 

B. de Venoge

Als ich Ende der Neunziger auf den damals kurrenten Dom Pérignon 1990 eingeschworen war, eröffnete mir die Cuvée des Princes von de Venoge eine völlig neue Sicht auf die Dinge. Reinsortiger Chardonnay der sich aus pompöskitschigem Flacon ins Glas ergoss und dabei einen Duft verströmte, der mit schwereloser Dom-Eleganz erkennbar nichts zu tun haben wollte. Ganz im Gegensatz zum royalistischen Auftritt ist die Cuvée des Princes so etwas wie die Industrial/EBM-Musik unter den Champagnern. Treibend, pulsierend, mit einer unkonventionellen, düsteren, muskelbetonten Körperlichkeit und finsterer Chardonnayästhetik. Momentan sieht es so aus, als habe man die Cuvée zu Gunsten des Louis XV. aufgegeben, von beiden gibt es einen 1995er, danach nur noch den 1996er Louis XV. Das muss nicht heißen, dass es keine Cuvée des Princes mehr geben wird, immerhin kam Konzerncousin Bruno Paillard erst vor wenigen Tagen mit seinem aktuellen N.P.U. 1996 heraus und Charles Heidsiecks Blanc des Millénaires 1995 ist noch immer die aktuelle Spitzencuvée des Hauses. Freuen würde ich mich natürlich auf ein Widersehen mit diesem sehr eigenwilligen Champagner. Bis dahin lohnt es sich freilich, die anderen Cuvées des Hauses im Blick zu haben.

I. Brut Sélect Cordon Bleu

50PN 25CH 25PM auf 07er Basis mit 20% Reservewein, stahltankvergoren. Mit 8 g/l dosiert.

Anisige bis lakritzige, leicht abweisende Nase. Im Mund überraschend lebhaft, sehr weinig, lebensfroh und kitzelnd.

II. Cordon Bleu Millésime 2000

70PN 15CH 15PM

Stark, fordernd, füllend. Voluminöser Stil, kerniger Champagner mit ausgeprägtem Traubenaroma, leichtem Gerbstoff und wenig Säure.

III. Blanc de Blancs Millésime 2002

80% aus der Côte des Blancs, 20% aus dem Sézannais.

Schlanker, etwas eng gebauter Champagner mit verführerischem Bittermandeltouch und ausgleichender Zitronigkeit; Sorbetcharakter. Geht später ein wenig in die Breite und erinnert dann mehr an lemon curd.

IV. Cuvée Louis XV. Millésime 1996

50PN 50CH aus dem Stahltank.

Großer Champagner. Hochgewachsen und aristokratisch, agil, stilsicher, nobel; kein verspieltes Rokokoweinchen, sondern pure Eleganz und ein an Fassausbau erinnerndes Aroma, das man so nur selten findet.

 

Die Vermutung, Philipponnat würde das zarte Pflänzchen de Venoge erbarmungslos kannibalisieren, ist falsch. Im Haus de Venoge steckt viel Potential, alte Kraft von langjährigem Renommée und wenn man sich dort entscheiden könnte, das Portfolio etwas aufzuräumen (denn es gibt eine Unmenge weiterer Cuvées von de Venoge, die ich aber nicht alle probiert habe) und das Markenimage etwas stimmiger zu gestalten (Louis XV. im Kristallflacon passt nicht recht zum Ivy League Polo Dress, bzw. vielleicht noch zu irgendwelchen pseudohistorisierenden fraternities), dann dürfte der Rückkehr des Hauses in die öffentliche Wahrnehmung nicht mehr viel im Wege stehen. Weinmäßig jedenfalls stimmt die Substanz.  

Five Dive und Champagne José Michel

Weiter geht es mit einer Auswahl hübscher Winzerchampagner, die fertig zum Sprung in die Oberliga sind.

 

C. Zuerst fünf nicht mehr ganz unbekannte Winzer, bei denen sich der Griff ans Gesäß (oder wo das Portemonnaie eben verstaut ist) lohnt. Paar five dives langen natürlich auch.

I. Ariston Père et Fils, Aspasie, Carte Blanche

40CH 30PN 30PM, Fassausbau, dreijähriges Hefelager. 

Der Champagner ist zugänglich, weich und fruchtbetont, vom Typ her schlank, erdbeer-himbeer-zitrusfruchtig und trotz einer für mich etwas hohen Süße überhaupt nicht schwer. An den Stil großer Häuser angelehnt, wirkt er dennoch nicht verkitscht, billig oder parfumiert, sondern eigenständig und apart. Kaum zu glauben, dass es im äußersten, schon an Paris grenzenden Westen der Champagne solche Erzeuger gibt.

II. Nicolas Maillart, Premier Cru, "Platine", dég. Februar 2011

80PN 20CH, 40% Reservewein, mit ca. 7 g/l dosiert.

Vor zwei Jahren habe ich bei Stéphane Gass in der Traube Tonbach die Champagner von Nicolas Maillart kennengelernt. Seither haben sich Bekanntheit und Preise nur kleinschrittig erhöht. 

Der Platine ist ein fülliger Champagner mit viel Brot und Apfel, dazu bietet er ein stählernes, mineralisch verfülltes Gerüst und eine hochfrequent sirrende Säure. Ein guter Einstieg in das Portfolio von Nicolas Maillart, dessen Franc de Pieds von manchen in der Vieilles Vignes Francaises Liga gesehen wird, freilich für ein Zehntel vom Preis des Bollingermonuments. Dort sehe ich ihn allenfalls, weil die Pinot-Reben bei beiden "en foule" stehen, sonst ist der Franc de Pieds von völlig anderer Art. Dieser Einsteiger ist natürlich von beiden weit entfernt, trotzdem: ein länglicher, bei aller Klotzigkeit in den Details doch feiner Champagner mit sanftem grip.

III. André Jacquart, Blanc de Blancs Premier Cru, "Experience", dég. November 2010

Reichlicher Fassausbau, kein BSA. 

Geißblatt, Campher, Holzfassaroma. Benötigt extrem viel Luft, um seine vegetabilen Noten und die kneifende Säure abzulegen. Kandidat für lange Flaschenreife, konnte mich im jetzigen Zustand nicht begeistern, wird aber Sammler mit etwas Geduld in sagen wir mal drei Jahren belohnen.  

IV. Domaine Dehours, Blanc de Blancs Extra Brut, lieu dit "Brisefer", 2004

Biowinzer Jerome Dehours ist zusammen mit Nicolas Maillart und u.a. dem großen Laurent Champs von Vilmart, Nicolas Jaeger von Alfred Gratien, sowie Pierre Gerbais und Doyard im Club der artisans du champagne, einer Vereinigung von sehr engagierten Winzern, deren Salons sehr besuchenswert sind. 

Dieser rare Parzellenwein von Dehours aus dem Marnetal, von der linken Seite bei Mareuil-le-Port, ist ein Hammerwein. leider gab es davon nur insgesamt knapp 2000 Flaschen. In der Nase Himbeergeist, Mentholduft, Leinentücher. Lang, und außergewöhnlich elegant im Mund. Als simpler Essensbegleiter viel zu schade, obwohl man ihn in den Sterneschuppen der Champagne meist sogar zu erträglichen Preisen finden kann.

V. Penet-Chardonnet, Mill. 2005

70CH 30PN

Orangenblüten und Akazienduft, apfelig und mit fröhlicher Säure unterlegt, eine unbeschwert tänzelnde Komposition. Leicht exotischer Zitrusfrüchteduft, mit Blüten dekoriert. Aufreizend und sexy, regelrecht auffordernd aber nicht ordinär. Von Penet-Chrdonnet bevorzuge ich die Grande Reserve, mittelfristig wird jedoch der Jahrgang wahrscheinlich die Kräfteverhältnisse umdrehen und die Grande Reserve überholen.

 

D. José Michel

Zu den Winzern, denen ein guter Ruf vorauseilt, gehört José Michel. Dessen Preise eilen seinem Ruf noch meilenweit hinterher. Sehr selbstbewusst präsentiert sich José Michel mit seinen drei Söhnen aus dem allgemein für eher unbedeutend gehaltenen Örtchen Moussy, etwas abseits zwischen Pierry und dem waldumsäumten St. Martin d'Ablois. Der Ort hat eine bemerkenswerte Südexposition und selbst im Winter eine schützende Hügellandschaft zu bieten, die bei José Michel für den Anbau allgemein für exorbitant gut gehaltener Pinot Meuniers genutzt werden. Nachgerade berühmt ist José Michel für seine alten reinsortigen Meuniers.

I. Brut Tradition

70PM 30CH, im Stahltank erstvergoren, mit 9 g/l dosiert.

Schokoladig, haselnussig, mildsauer, mit reifem Mandarinenaroma, das vom hohen Meunieranteil kommen dürfte und sich langsam changierend in Richtung Schlund verliert.

II. Extra Brut 2003

60PM 40CH, im Stahltank erstvergoren, mit 2 g/l dosiert.

Kakteenhafter Duft und auch am Mund eine leicht stachelige, pieksende Säure. Exotisch und obstig, mit Granatapfel und Quitte, dabei recht spritzig, so dass man die Schwächen des sehr reifen und nicht ganz einfachen Jahrgangs kaum merkt.

III. Pinot Meunier Millésime 2005

Überwiegend im Stahltank, teilweise im Holzfass vinifiziert, mit 9 g/l dosiert.

Rund und fruchtig, leicht und balanciert, anfangs bonbonig, dann auch toastig, insgesamt limonadig mit einem ins gurkige neigenden touch, der an Pimm's No. 1 erinnert. So viel Spaß macht reinsortiger Pinot Meunier. Sicher in paar Jahren nochmal deutlich interessanter.

IV. Blanc de Blancs Millésime 2005

Bei der Vinifikation im Stahltank bereits dreimonatiges Hefelager, mit 9 g/l dosiert.

Kirsch-Banane, Ananas. Noch sehr primärfruchtig, daher schwer zu beurteilen. Nach meiner Erfahrung sind das gute Zeichen, die einer langen Reifung nicht im Wege stehen, meistens durchlaufen solche Champagner aber eine besonders lange Verschlussphase nach dem Verschwinden der Primärfrucht. Daher obacht, falls er in den nächsten Monaten seltsam verschlossen schmecken sollte, das sollte sich mit Flaschenreife innerhalb von ca. drei Jahren ändern.

V. Grand Vintage 2002

50CH 50PM, überwiegend im Stahltank, teilweise im Holzfass vinifiziert, mit 9 g/l dosiert.

Nicht gerade herzlich, eher stahlig, abweisend und kühl, leicht gerbend, zum Schluss etwas herb.

VI. Special Club 2005

50CH 50PM von bis zu 70 Jahre alten Reben, überwiegend im Stahltank, teilweise im Holzfass vinifiziert, mit 9 g/l dosiert.

Im Vordergrund erotische Prickligkeit, dahinter sehr ernstzunehmende Struktur und Tiefe. Angenehmes Mittelgewicht, elastisch und flott, aber nicht hirnlos; ein Champagner wie Kickboxweltmeisterin Dr. med Christine Theiss.

VII. Rosé

50PN 50PM, Mazerationsrosé, erstvergoren im Stahltank, mit 9 g/l dosiert.

Feinfruchtig, etwas floral bis leicht gemüsig, gerbend, mittellang.