Back to Top

Monthly Archives: November 2011

Vieux Château Certan 1920 – 2008

Im hallenartigen, einst passend besternten und nun wieder unter ambitionierter Führung operierenden Bochumer Stadtparkrestaurant zeigte das Vieux Château Certan, was es kann.

I.1 Knoll Loibner Grüner Veltliner Ried Loibenberg Smaragd 2006

Butter, hitziger Alkohol und weiches Pfefferl geben einen etwas breiten Wein, der durch mineralische Noten, Kräuter wie Thymian und Salbei, milde Säure und eine aparte Frucht dennoch mühelos zusammengehalten wird.

I.2 Feteasca, Abfüller Ludwig Gräf, Plauen, 1961

Wein aus der Sowjetunion. Kostete damals stolze 7,50 DM – also ca. ein Drittel dessen, was man für die Erstklassifizierten aus Bordeaux hinblättern musste. Schmeckt heute wie mal gut gewesener, leider jetzt ummer Burgunder.

Amuses Gueules

Gebratener Rehrücken mit Feigenkompott und Walnuss-Baklava

II.1 Vieux Château Certan 1976

Die Nase ist leider nicht so doll. Wollig, fusselig, im Mund angeältet und hohl, auf 1976 hätte ich wiederum nicht getippt, dafür war er im Mund doch noch zu frisch. Vielleicht liegts daran, dass er aus der Jeroboam kam.

II.2 Vieux Château Certan 1975

Eine große Freude dagegen der 1975er. Schokolade, Milchkaffee, im Mund kraftvolles Tannin, das einen samtigen Besatz bildet. Mit seine leichten, eleganten Art wirkt er viel jugendlicher, als man anhand des Jahrgangs vermuten würde.

II.3 Vieux Château Certan 1979

Moos, Flechte, rote Paprika und Chilischote in der Nase, außerdem eine ältliche Pilzigkeit, die sich im Mund wiedeholt und den Wein älter wirken lässt, als den 1975er.

II.4 Vieux Château Certan 1976

Der erste Wein des flights tückischerweise nochmal. Damit verhindert man überbordende Hybris in Blindproben, lernt aber auch immer wieder etwas über das Eigenleben von Verkostungen dazu. Der Wein war nach Auffassung aller Mitverkoster klar anders als der erste im flight, was selbst nach dem Aufdecken so zu bleiben schien; auf mich wirkte er dunkler, mit konzentrierterer Frucht und üppigerem Tannin ausgestattet. Ob das an den dazwischen verkosteten Weinen liegt? Man weiß es nicht.

Suppe aus weißen Bohnen mit Chorizo-Scheiben

III.1 Vieux Château Certan 1920

Der Senior, ja der Senator der Probe. Liebstöckel und Suppenduft zeigen das hohe Alter an, Pilz und Modder kommen hinzu, Speck, Paprika, Tabak gleichen diese unvermeidlichen Alterstöne aus und halten den Wein im Reich der Lebenden. Die kontrovers besprochene Säure steuert dazu ebenfalls einiges bei. Was für ein lustiger alter Knabe sich da im Glas tummelt, zeigt sich mit der Zeit. Da wird der Wein immer knackiger und praller. Die Säure kann man freilich nicht wegdiskutieren.

III.2 Vieux Château Certan 1942

Ein behutsamer Auftakt und ein insgesamt sich nur langsam entwickelnder Wein. Teils fühlt er sich mit gezehrten Noten dem Alter verpflichtet, ohne die Größe des 20er zu erreichen, teils zieht es ihn in Richtung des reifen, süßen Flightnachfolgers. Wegen seiner Unentschiedenheit der schwächste Wein des flights.

III. Vieux Château Certan 1955

Eisteenase, fallschirmseidig, mit voller, reifer, geschliffener Art. Komplex und lang. Klingt mit Vibrato lang aus. Enormer Wein.

Zander im Lardowickel auf Orangensauerkraut

Apfelsorbet

IV. 1 Joh. Jos. Prüm Zeltinger Sonnenuhr Spätlese 2009

Etwas mehr Säure hätte das frühreife Prümfrüchtchen vertragen können, sonst d'accord.

IV. 2 Vieux Château Certan 1976

Immer noch nicht besser geworden. Wird phenolisch und dünn.

IV. 3 Château Beauchêne Pomerol 1950

Rauchig, fleischig, mit nussigen Tönen. Schlanker Wein, der sich im Kern süßlich hält und gut zum Rind mit der Schwarzbrotsauce passt.

Rinderfilet-Tournedos in Schwarzbrot-Rosinensauce, mit Selleriepurée und Gratin von zweierlei Kartoffeln

V.1 Vieux Château Certan 1952

Eukalyptus-Menthol, Efeu, Moos und frische Kräuter. Geht mit der Zeit blumig auf.

V.2 Vieux Château Certan 1953

Röstig, mit Kaffee und Brombeermarmelade, im Mund angenehme Mürbe und alte Crème de Cassis. Herbe Eleganz, schlank und fein.

V.3 Vieux Château Certan 1943

Die beiden 40er Jahrgänge stachen mit ihrer tiefdunklen Färbung hervor. Beide lagen länger als gewöhnlich im Fass, die 1943er Ernte verbrachte ihre Zeit dort bis zum Abzug der Wehrmacht, wohingegen der 1948er in nicht unerheblicher Menge zugesetzte Teile aus der großen 1947er Ernte enthält.

Der 1943er wirkt sehr jung, hat neben dem Vanilleschotenabrieb konzentrierte bis balsamische Noten von Sauerkirsche, bouquet garni und schwarzer Olivenpesto.

V.4 Vieux Château Certan 1948

Den Auftakt bildet in der Nase eine etwas simple Zuckerwattearomatik und Fruchtkaramellbonbon, später kommen Mandelkrokant, und Honig dazu, alles verdichtet sich mit Beeren, Kirschen und Tabak zu einer herbschönen Melange.

Rohmilchkäseauswahl

VI. Vieux Château Certan 1971

Erstaunlicher Wein, mineralisch, kräftig bis muskulös, dabei nicht ohne fruchtigen Charme.

VI.2 Vieux Château Certan 1989

Konnte man trinken, hatte aber nach meiner Auffassung einen leichten Korkschmecker.

VI.3 Vieux Château Certan 2008

Bordeaux neuer Machart, süß, früh trinkbar, mit Panna Cotta, Erdbeere und Himbeere. Nobrainer.

 

In Punkten:

1920 VCC 93

1942 VCC 91

1943 VCC 94

1948 VCC 93

1952 VCC 93

1953 VCC 95+

1955 VCC 97

1971 VCC 92

1975 VCC 93

1976 VCC DMG 86

1979 VCC 89

1989 VCC 84

2008 VCC 89+

Lockerungsübungen 1947 – 2009

Am Vorabend zur Vieux Château Certan Probe gab es zur Einstimmung und weil sie irgendwer ja sowieso würde trinken müssen, die folgenden Auflockerungs-Weine: 

I. Muré Vin d'Alsace Riesling Grand Cru Vorbourg Clos St. Landelin 1985

Buttrig mit leichter Bitternote, noch trinkbar aber kein Mordsvergnügen war der Elsässer aus Rouffach.

II. Freiherr Langwerth von Simmern Hattenheimer Mannberg Kabinett trocken 1991

Frischsäuerlich, mit pektiniger Apfeligkeit, hinterließ der Mannberg einen glatten Gaumen, für trockenen Kabinett dieses Alters keine schlechte Leistung.

III. Jacques Lassaigne Blanc de Blancs Montgueux "Le Cotet"

Milchschokolade, roter Apfel, zahme Säure. Ruhiger, eigenwiliger bis untypischer Chardonnay, der im größtmöglichen Kontrast zu den Spitzen der Côte des Blancs steht. Didier Depond von Salon/Delamotte, den ich natürlich als einen der ersten dazu befragt habe, sieht unter anderem deshalb in den Montgueux Chardonnays keine Konkurrenz zu den Chardonnays der Côte des Blancs.

IV. Bernd Philippi Pinot Noir 2003

Veilchen, Bromjodid, weiches Tannin, feines Holzfinish. Viel mehr kann man von so einer Traube aus so einem Jahr nicht wollen.

V. Château Tertre Daugay 1966

Seit Neuestem ist Robert von Luxembourg und damit praktisch Haut-Brion Eigentümer dieses potenten Weinguts. Den 66er gab es aus zwei unterschiedlichen Flaschen. Der Inhalt der einen war oxidiert, die andere hatte dieses Problem nicht. Aus der besseren kamen Liebstöckel und flintige Noten, am Gaumen war der Wein noch griffig, jedoch mit einer verhärteten Säure.

VI. Château Clos Fourtet 1er GCC St. Emilion 1975

Wenn man nach dem Öffnen nicht allzulange wartet, bereitet der Wein mit seinem letzten Aufbäumen noch richtig Freude. Minzig, mit schnell verhallender, aber Sehnsucht weckender Süße.

VII. Latricière Chambertin Händlerfüllung Bernard de Saint-Honge 1979

Rote Johannisbeere, Himbeere, Speckschwarte. Wirkt noch behend, geht aber etwas trocknend aus und wird es nicht mehr sehr lange machen.

VIII. Chambertin Händlerfüllung Vedrenne-Orluc 1950

Süß, reif stark, mit der Kraft und Konzentration von Eau de Vie, ohne dessen alkoholische Hitze. Kirsche und Zwetschge; Tiefe und Alter korrespondieren hier schön, davon habe ich mir gleich eine Flasche gesichert.

IX. Château Lafitte-Laujac St. Emilion (Familie Cruse) 1947

Begrüßt wurde ich von einer Andouillettenase, die ich überhaupt nicht mochte. Ist der Eintritt erstmal gemacht, erwartet einen intensive Kirschfrucht und unerwartet pralles Leben; dieser an sich kleine Wein war für mich die größte Überraschung des Abends. Das Château gibt es heute noch, scheinbar als Laujac und als Lafitte-Laujac Cru Bourgeois. 

X. André Brunel Côtes du Rhône Villages Cuvée Sabrine 2009

Auftakt mit Waschpulvernase, deren Beerigkeit fast schon beißt. Im Mund dafür warm weich, schokoladig, gegen Ende herbbitter, an keiner Stelle pampig, schwammig oder verquollen. Parker sagt mal 89, mal 92 Punkte. Ich sage: für 7 EUR gibts bei diesem Wein prima Gegenwert und vor allem mehr als nur eingekochte Frucht, nämlich Struktur. Wer nicht warten will, bis beim dicken Châteauneuf das Fett abgeschmolzen ist, legt sich die momentan noch leicht pummelige Sabrine zu und labt sich in und für zwei bis drei Jahre(n) an ihr. 

XI. Domaine de Cristia Côtes du Rhône Villages 2009

Rhônenewcomer mit sehr erfolgreichem Châteauneuf, Rayas ist die Nachbarparzelle von Cristia. Schon dieser "nur" CdRV hat Vanilleschote, Crème brûlée mit Früchtefüllung, heiße Kirschtasche, den ganzen Zauber. Für mich ist das leider alles zu primärfruchtig, wirkt mir allzu komponiert; wie ein Stilleben. Wenn man die nötige Geduld hat, wird man sich über diesen Wein in wenigen Jahren trotzdem sehr freuen können.

XII. André Brunel Châteauneuf du Pape Les Cailloux 2009

Schokobombe, Eiskonfekt, Fruchtkompott und Pillenbox, mehlige Konsistenz. So elegant wie ein adoleszenter Brontosaurus. Entzückend ist für mich was anderes, aber Parker gibt 95 Punkte und der weiß, wovon er spricht.

XIII. Graham's Vintage Port 2007

Nach den ganzen gesetzten Weinen war der Übergang zum Port mit den Rhôneweinen sinnvoll und gut vorbereitet. Da die Weine blind ins Glas kamen, wußte ich leider nicht, dass mich nun Port erwartete. Daher war die erste Reaktion auf den eigentlich krönenden Abschluss ein vom Alkohol provozierter Hustenreiz. Nachdem ich mich an die Süße gewöhnt hatte und die Weinart klar war, gingen auch die Geschmacknerven wieder mit. Im ersten Eindruck Wacholder, Kirsche, Blaubeere. Klar, rein und schon jetzt sehr balanciert, mit enormer Vorwärtsorientierung. Trotzdem im Moment nicht mein Wein, nicht weil er nichts taugt, sondern weil ich jungen Portwein so anstrengend finde wie hyperaktive Kinder.