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Monthly Archives: Februar 2012

Franciaorta: Ricci Curbastro vs. Bellavista

Selbstbewusst stehen die Sprudler aus der Franciacorta heute dem Champagner gegenüber. Zwischen Bergamo und Brixen liegt Erbusco, dort verteilen sich die 190 Hektar Rebfläche von Bellavista und bringen 1,3 Mio. Flaschen/Jahr. Etwas näher am Lago d'Iseo ist Ricci Curbastro in Capriolo zu Hause und verfügt über 26 Hektar Weinbergsfläche.

Zunächst die Standards, beide sind solide, beide haben es bei Publikum mit mäßig ausgeprägter Schaumweinaffinität nicht sonderlich schwer, beide könnten aber noch mehr Leistung bringen – was freilich von den Erzeugern gar nicht gewollt ist, mit irgendwas muss man die Einsteiger ja schließlich ansprechen.

1.1 Ricci Curbastro, Brut

60CH 30PB 10PN. Teils aus dem Stahl, teils aus Barrique.

Einfach aber schon ganz gut. Campher und weiße Blüten leiten über zu Candyshop und Butternoten, der Weißburgunder stört (bilde ich mir ein).

1.2 Bellavista, Gran Cuvée Brut

72% CH 28PN.

Honig mit Hefe, mir auch zu hoch dosiert. Schmeckte mir allzu läppisch. Besser, rassiger, schlanker war dafür der 2005er. Was heißt das? Der Unterschied zwischen beiden Cuvées zeigt die völlig legitime Ausrichtung der Gran Cuvée auf den, relativ gesprochen, Massenmarkt und führt zeitgleich vor Augen, dass es auch ganz anders, nämlich auf den Nischentrinker zugeschnitten, geht.

2.1 Ricci Curbastro, Blanc de Blancs, Satén

Leichter Barriqueeinfluss, ca. 4 bar Flaschendruck. Sahnig, crémig und mit einem überraschend fruchtig wirkenden Chardonnay, dessen milde Art gut zum Saténprinzip passt.

2.2 Bellavista, Gran Cuvée Blanc de Blancs, Satén Brut, NV

Auch der Satén von Bellavista war weich und crémig, anders als der Ricci Curbastro sogar von ausgemacht damenhaftem Naturell, daher auch jahrgangs-, will heißen alterslos. Mit 4,5 bar Flaschendruck ausgestattet, was für makellose, faltenfreie und elastische Haut sorgt.

3.1 Ricci Curbastro, Extra Brut 2006, dég. 2010

50CH 50PN, mit 2,5 g/l dosiert.

Schön gereifter, sehr gut ausbalancierter Wein, dem man die geringe Dosage gar nicht glauben mag, der einerseits keine lakritzigen und noch nicht einmal fenchelige oder anisige Anwandlungen hat, andererseits auch nich so bretthart ist, dass man sich Splitter in die Zunge reißt.

3.2 Bellavista, Gran Cuvée Pas Operé 2004

62-65CH 35-38PN

Merkliches Barrique und eine Aromenfülle, die dynamisch changiert, von Vanille und Toast über Akazie, Apfel und Honig hin zu Aloe Vera und vegetabileren, auch mineralischen Noten. Sehr gelungen, wohlgeformt, wandlungsfähig, entwicklungsfreudig und wenngleich nicht der allerdetailverliebteste, so doch einer der herzhaftesten und sympathischsten Schäumer aus dem Programm von Bellavista.

4.1 Ricci Curbastro, Special Selection 2003, dég. März 2010

Kantig, frisch, herb und dabei doch wieder auflockernd minzig. In dieser schlanken Rennmaschine steckt wenig Säure, aber ganz schön viel Dampf. Erinnerte mich entfernt an den 2003er von Philipponnat. Rabaukiger als der schicke Vittorio Moretti, ein ganz anderer Typ Schaumwein eben.

4.2 Bellavista, Cuvée Vittorio Moretti 2002, Handdégorgement

50CH 50PN

Das Meisterstück aus der Kollektion. Feinporig, glattrasiert, bis ins letzte Detail gepflegt, der Prototyp des Mailänder Dressman. Seit 1984 erst insgesamt acht Mal aufgelegt.

5.1 Ricci Curbastro, Rosé

Zunächst fruchtig und sahnig, mit Erdbeeren und Himbeeren, von eleganter, geradezu höfischer Art und regelrechtem Champagnercharakter, der erst gegen Ende die stützende Säure vermissen lässt und in eine minimal bittermandeliges, auch kirschkerniges Aroma rüberspielt.

Champagner pêle-mêle in Mainz

In der Vinothek des Mainzer Atrium-Hotels gab es herrlich unaufdringlichen, flotten und präzisen Service zum Champagnermenu. Überaus wohltuend. Item die Teilnehmer der Probe, Wein-, Gastro- und Hotelschaffende, vor allem aber Aficionados allesamt.

I.1 Piper-Heidsieck Brut Croco NV

Ausgeprägtes Profil mit kerniger, obschon nicht geschliffener Säure. Charakterstark, attestierte die Runde. Wurde nicht als Grande Marque erkannt und gefiel auf Anhieb schon ganz gut. Damit war mein wichtigstes Ziel erreicht, nämlich den guten Namen Piper-Heidsieck ganz unvoreingenommen aus der Supermarktplörrenecke herauszuholen und die Kellermeisterkunst von Regis Camus blind auf die Probe zu stellen.

I.2 Gaston Chiquet Grand Cru Blanc de Blancs d'Ay

Litt unter einer quälenden Käsenote. War im Mund zwar leidlich intakt, konnte aber unmöglich genossen werden. Schade.

Auster im Sud mit Wintergemüse, Kresse, Petersilie, Olivenöl

II. Agrapart Avizoise Blanc de Blancs Grand Cru 2004

Zutiefst mineralisch, mit leicht flintiger Note und Zitrone. Passte deshalb so gut zur Auster, spielte schön mit dem Olivenöl, band die Kresse und die Petersilie vorbildlich ein. Konnte sich leider nicht in dem gewünschten Kontrast zum fruchtig-exotischen Blanc de Blancs von Gaston Chiquet zeigen, war aber auch so ein überzeugender performer.

III. Duval-Leroy Authentis Petit-Meslier 2005

Aus einer der extraseltenen Altrebsorten der Champagne fertigt Duval-Leroy alle Jubeljahre einen Champagner in Kleinstauflage. Vom 2005er gibt es nur lachhafte 988 Flaschen und es kostete mich einiges bitten und betteln, bevor ich vom Herrn Lahr, der das Haus Duval-Leroy in Deutschland vertritt, eine Flasche aus dem Reptilienfonds erhielt. Dafür gebührt ihm höchster Dank, schon über den Erhalt der Flasche habe ich mich gefreut wie ein Kind. Nur zu gern hätte ich diesen Champagner in der vorweihnachtlichen Champagnerausgabe von Planet Wissen im WDR vorgestellt, wo ich leider nur eine einzige von insgesamt zehn mitgebrachten Flaschen öffnen durfte – aus Zeitgründen und aus öffentlich-rechtlicher Angst vor Schleichwerbung. Zum Glück musste ich danach nicht lange warten, bis die nächste würdige Gelegenheit zum öffnen dieser schönen Flasche sich bot. In kundiger Runde also verlor dieser Champagner seinen Stopfen und gab einen trockenen, ganz leichten Sherryduft frei, der nicht jedem gefallen wollte. Die tighte Säure, das kühle, beherrschte Auftreten am Gaumen, die etwas strenge Art, der entschiedene Schritt, mit dem der Champagner sich aus dem Scheinwerferlicht der Halbweltetablissements entfernte und sich wie selbstverständlich im Bereich der Weinintelligenzija positionierte; ein Wein wie eine eiskalte KGB-Killerin – auch das gefällt schließlich nicht jedem. Doch kann man sich von dem Wein schwer lösen, egal ob man ihn mag, oder nicht, wenn man ihn nicht sofort aufgrund seiner sherryartigen Töne für fehlerhaft hält.

IV. Collard-Picard Cuvée des Archives 2002

80CH 20PN aus sehr altem Bestand (1940er Jahre) mit lediglich ca. 3000 kg/ha Ertrag. Erste Gärung im Holzfass. Wer sich mit dem Petit Meslier nicht anfreunden konnte, war dafür beim Collard-Picard umso heimischer. Das ist Champagner, bei dem das Herz aufgeht. Kreidegesättigt, aber kein nasser Mehlsack, volles Apfelaroma, Quittenmus, Hagebuttenpurée, Kumqat, maßvolle Säure, schlüpft flott die Kehle hinunter. Ich finde den 2002er ungemein freundlich, das ist nicht der schwerblütige Johnny-Cash-Verschnitt-Einzelgängerwinzerstil, auch nicht eine anonyme Massenplörre die auf indifferente Weise jedem schmeckt und zumindest nicht aneckt, sondern eine offensiv lebensbejahende Cuvée mit Gesicht und Schwung.

V. Duval-Leroy Clos des Bouveries 2005

Chardonnay aus Vertus. Teilweise Fassausbau.

Eine Symphonie aus Lindenblüten, Waldhonig, Apfeltee und getrockneten Cranberries. Seidig, minimal buttrig, knisternd, mit einer Spur Candy, ein Champagner mit Rondeur und Größe. Solo schön, aber ich schätze den Clos des Bouveries als faszinierenden Essenbegleiter sogar noch höher ein. Auch für diese Flasche schulde ich Herrn Lahr tiefsten Dank, da er so freundlich war, mir diese in Deutschland selten erhältliche Flasche zuzuschicken. Bisher sind noch nicht so viele 2005er von den größeren Erzeugern am Markt, doch was die Winzer vorgelegt haben, ist vielfach so dramatisch gut, dass 2005 nach 2004 und 2002 noch ein heißer Kandidat für Großeinkäufe ist.

Zur Stärkung gab es Forelle, Blumenkohl, Frisée, Rote Bete

VI.3 Perrier-Jouet Belle Epoque 1976

Rötlichgolden schimmert dieser Tropfen im Glas und betörte mich derart, dass ich wie benommen über meinem Kelch saß. Ich habe ja nun schon einige reife Belle Epoques getrunken, mich über die neueren Jahrgänge auch schon reichlich geärgert, sei es, weil sie korkig waren, sei es, weil die Qualität nicht stimmte und die Champagner mir konventionell und langweilig vorkamen. Aber diese Belle Epoque entschädigte mich für manches Missvergnügen. Nur wenige Minuten bitzelten noch vereinzelte Kohlensäurebläschen, die im Mund noch einen Moment länger wahrnehmbar blieben, dann war der Champagner still. Was er bis dahin gezeigt hatte, war bereits enorm. Butter, Toffee, Kaffee, morsche Töne, würzige Noten, aber auch ganz viel rotbackiger Apfel, Himbeere, Kirsche, Kompott, karamellisierte Kräutersträusschen; im Mund eine echte Haupt- und Staatsaktion, vornehme, reife Süße, ein Säurespiel so faszinierend und sci-fi wie die Gasentladungen in einer Plasmakugel.

VII.1 Lanson Extra Âge

40CH 60PN, Jahrgänge 2003, 2002 und 1999, Trauben aus den Grand Crus Chouilly, Avize, Oger, Vertus, Verzenay und Bouzy, fünf Jahre Hefelager.

Aus den Tiefen vergangener Großjahre holte der klärende Großhauschampagner von Lanson uns behutsam in die Welt der aktuellen Jahrgänge zurück. Die jüngste Lanson-Cuvée, abgesehen vom Clos Lanson, den ich aber noch nicht probiert habe, ist schon eine ganze Weile am Markt, ich habe mich aber dagegen entschieden, sie unmittelbar nach der Freigabe durch das Haus in größerer Runde zu verkosten, weil junger Champagner in diesem Stadium erfahrungsgemäß noch nicht annähernd so weit entwickelt ist, dass er mehr als unter Laborgesichtspunkten Freude bereitet. Da Laboratmosphäre gerade nicht im Sinne meiner öffentlichen Verkostungen ist, lasse ich solche relativ jungen Cuvées immer erst ein paar Monate liegen. Dem Lanson tat das gut, seine frühere Ungehobeltheit hat er abgelegt, jetzt bietet der dem Gaumen eine weiche, von gesunder, aber nicht kratziger oder drängender Säure getragene helle Aromatik, in der Cashewkerne eine Rolle spielen, aber auch Honig, Honigmelone, Apfel-Birnenmus, ein Spritzer Limette und vielleicht Kapstachelbeere.

VII.2 Nicolas Feuillatte Palmes d'Or 1999

Eine der wichtigsten Fähigkeiten der Palmes d'Or ist ihre außergewöhnliche Gastroaffinität. Ich habe zum Beispiel die Palmes d'Or 1999 in den vergangenen drei Jahren schon stärker und schwächer erlebt, aber am stärksten war dieser Champagner immer, wenn richtig gute Speisen auf dem Tisch standen. Die beiden extremen Aromaausprägungen der 99er PdO sind korbfrische Himbeeren und modrige Pilzigkeit. Beides steht dem Champagner gut, beides war in dieser Probe nicht dominant. Er pendelte sich nach meinem Empfinden in der Mitte ein, zwischen abklingender Frucht und beginnender Vollreife, mit einer solo etwas zu schwer anmutenden Süße, die sich zum Essen wiederum bestens machte.

Calamari, Roggen, Weizen, Graupen, Popcorn und Sepiasauce

VIII. Dom Pérignon Oenothèque 1990, dég. 2003

Mit Reiner Calmund teile ich nicht nur fast die Konfektionsgröße, sondern auch eine wichtige Champagnererfahrung. Der 90er Dom Pérignon ist der erste wirklich große Champagner, den ich getrunken habe. Und ebenso verhält es sich bei dem Preisträger der "Goldenen Schlemmerente 2007". Im Herbst 2009 und im Frühjahr 2010 hatte ich diesen Champagner als Oenothèque zuletzt getrunken. Wie eine Magnesiumkarosserie so fest und leicht zugleich hatte ich ihn in Erinnerung, mit den ersten sich ankündigenden Pilznoten des letzten Reifestadiums. Dass etwas Großes ins Glas kam, merkte man sofort, Nase für Nase öffnete sich mehr Mandeltorrone, zeigten sich die Röstnoten großer, reifer Dom Pérignons, kam eine leichte Flintigkeit hinzu, während Brioche und ein hintergründiger Minzton die Mürbe, Pilze, Jod und flankierendes Salz ausglichen. Famoser Champagner, der jetzt aber nicht mehr jedem Spaß machen wird.

IX.1 2003 by Bollinger

65PN 35CH aus Ay, Verzenay und Cuis. Fassvergoren.

Das Jahr in dem die Dom Oenothèque dégorgiert worden war, sollte das Anknüpfubgsjahr für den nächsten Champagner sein. 2003. Dunkel stand der Ausnahmebolly im Glas, in der Nase selbstbewusst und dick bis feist, im Mund war der dürftigen Säure wegen nun auch dem Letzten klar, dass es sich nur um einen 2003er handeln konnte und wenn schon um einen 2003er, dann nattürrlich um den 2003er. Wenn dem 2003er etwas gerecht wird, dann das Prädikat burgundisch, vielleicht noch mit dem Anhängsel premature oxydation, was aber täuschen mag.

IX.2 Ulysse Collin Blanc de Noirs Extra Brut, dég. 16. März 2010

Mehr ein Rosé Oeuil de Perdrix als das nur leicht angeschmutzte Weiß eines Blanc de Noirs legt der jüngste Champagner vom aufkommenden Starwinzer Olivier Collin bekanntlich an den Tag. in den letzten eineinhalb Jahren seit meinem Besuch auf der Domaine habe ich diesen Champagner mit gleichbleibender Begeisterung getrunken. Dabei war mir von Anfang an klar, dass auch dieser an sich große Champagner eine Achillesferse hat. Wie beim 2003er Bollinger fehlt ihm vitalisierende Säure. Deshalb war klar, dass die beiden als flightpartner auftreten mussten, was letztlich für einige schöne Vergleichsmöglichkeiten gesorgt hat. Klar wurde dabei auch, dass der Blanc de Noirs von Ulysse Collin, so herrlich fett, raumgreifend und monströs fruchtig er sich jetzt trinkt, in den nächsten Jahren entweder mangels Säure erheblich verlieren wird, oder aber ein zweites glorioses Leben als Stillwein abwarten muss.

Skrei, grüne Bohnen, Rosenblüten, Pflaumenduft

zwischendurch gab es Himbeer-Sorbet

X.1. Raumland Monrose 2001

PN CH PM, Holz

Wie nahm der Monrose das Himbeerthema doch so freudig auf! Frappanter habe ich noch nie Himbeere in einem Glas gehabt. Brioche, Blüten und Nüsse, wie sie der Gault-Millau bei der Kür zum besten deutschen Sekt aller Zeiten, bzw. des Jahres 2012 wahrgenommen hat, traten demgegenüber völlig zurück. Dieser Ausnahmesekt durfte nicht nur, sondern musste in den Selosseflight und er musste sich außerdem zum Essen beweisen. Einen gelungeneren Einstand hätte er gar nicht abgeben können. Gegenüber Meister Selosse war er aufrgund seines kürzlich erfolgten Dégorgements der deutlich frischere, jüngere, fruchtigere Wein. Das hat sicher für einige Verkoster den Ausschlag gegeben, ihn dem Selosse vorzuziehen. Zum Kalb passte er wegen seiner rötlichen Noten ebenfalls ganz exquisit, wobei er der naturgemäß der unruhigere Part war.

X.2 Jacques Selosse Rosé, dég. 2006

Der fabelhafte Rosé von Selosse war noch vor ein bis zwei Jahren in seiner Fruchtphase, Richard Geoffroy würde sagen: in seiner ersten plénitude. Die hat er verlassen, um sich rauchiger und mit aufgrauhter Schale zu zeigen, die einen komplexen Fruchtkern umhüllt. Mandel, Grießpudding, oszillierende Frucht, fassgereifter Erdbeerbrand. Von beiden Weinen schien er der bedachtsamere zu sein, als Essensbegleiter war er jedenfalls der anschmiegsamere.

zum letzten flight gab es Niedrigtemperatur-Kalb, Buttermilch, Petersilienwurzel, Lauch

abschließend gab es Mango, Kokos, Bisquit

Als Bonusflaschen gab es dann noch

XI.1 Cedric Bouchard Les Roses de Jeanne Pinot Blanc "La Bolorée", 2006er Basis, dég. 12. April 2010

0,21 ha

Nachdem wir schon das Vergnügen hatten, eine Petit-Meslier getrunken zu haben, gab es noch eine gewisse Nachfrage nach anderen Altrebsortenchampagnern. Unter den wenigen Winzern die sich damit befassen, ist der furoremachende Cedric Bouchard von der Aube ganz weit vorn zu nennen. Dessen Roses de Jeanne bestechen durch ihren höchst speziellen Ausnahmecharakter und sind nur in Kleinstmengen, wenn überhaupt zu bekommen. Meine letzte Flasche passte gut in die Runde. Der Weißburgunder wäre blind kaum als Champagner durchgegangen, oder wenn, dann aus einem heißen Jahr. Ganz klar fehlte da die Säure. Trotzdem war er rund, hatte einen flotten Vorwärtsgang drauf, kam ohne die oft störende Salmiaknote der Weiß- und Grauburgunderschaumweine ins Glas und darf als eines der gelungensten Exemplare unter den Weißburgunderschäumern überhaupt gelten. Ein Fan dieser Rebsorte im Schaumwein bin ich aber selbst durch Cedric Bouchard nicht geworden.

XII.2 Pol-Roger Cuvée Sir Winston Churchill 1996

Deshalb musste, nun mit noch größerem Zuspruch aus der Runde, der mehr als zuverlässige – und in puncto Korkproblematik mir bisher noch nie negativ aufgefallene – Sir Winston Churchill her. Der brachte seine ganze ausgewachsene Admiralswürde ins Glas. Zackige, aber nicht verbissene Säure, dabei Nonchalance und gelassene, selbstbewusste Größe, wie man sie bei einem Admiralsball erwartet. Ausdauernder Tänzer, der gut führt, für den belanglosen Smalltalk nicht so sehr geeignet, das liegt nicht in seinem Naturell. Dafür kann er höchst unterhaltsam die eigene Ahnenreihe zusammenfassen und spielend leicht historische Bezüge herstellen. Wundervoller Gastgeber. Der 1996er SWC ist noch auf Jahre ein Champagner zum schwelgen.

Champagnergrandezza

Im Rumpenheimer Schloss floss der Champagner standesgemäß. Der aus morganatischer Ehe stammende Franciacorta (Franco Ziliani von Berlucchi, der gemeinhin als Erfinder des Franciacorta-Schaumweins gilt, hatte seine Kenntnisse bei Moët et Chandon erworben) von Ca del Bosco machte den Anfang.

1. Ca del Bosco Brut Prestige, dég. Frühjahr 2010

75CH 15PN 10 Pinot-Blanc, mit 10 g/l dosiert

Die Erntemenge des Basisjahrgangs 2007 liegt bei schmalen 8800 kg/ha, das wäre für Champagneverhältnisse bedrückend wenig. Beachtliche 134 Lagen bilden den Cuvéegrundstoff, vergoren wird temperaturkontrolliert im Stahltank. Der Reserveweinanteil beträgt 20%, die Hefelagerung findet bei konstanten 12° C statt, was für Champagneverhältnisse wiederum relativ hoch wäre. Die sonstigen technischen Werte: der pH-Wert liegt bei 3,18, die Gesamtsäure bei 5,55 g/l, freie Säure bewegt sich mit 0,34 g/l umher. Dieser saubere Franciacorta ist ein schöner Einstieg in jede Champagnerprobe, weil er bei einer Blindprobe meist nicht als Nicht-Champagner erkannt wird, sobald dann aber ein Champagner folgt, die Teilnehmer nachgrübeln lässt. In sich stimmig, mit seiner angenehmen Röstnote und dem Honigton etwas robust gewirkt, ist der größte Unterschied zum Champagner der Säureeindruck. Würde man den Pinot-Blanc weglassen, könnte dieser Schäumer dadurch bestimmt noch ein wenig gewinnen.

2. Taittinger Prélude Grands Crus

50PN 50CH

Ein anderer von mir gern gewählter Einstieg in Champagnerproben geht über den auch wegen seines Namens dafür gut geeigneten Prélude von Taittinger. Zum Kalibrieren des Gaumens ist der milde, weiche damenhafte und doch schon leicht ins Süffige neigende Champagner wie gemacht. Gegenüber dem Franciacorta trumpft er nicht allzusehr auf, hält ihn aber diskret auf Abstand, was probentaktisch besonders sinnvoll ist, da es eine escalatio praecox vermeiden hilft.

3. Taittinger 2004

50PN 50CH

Ein weiterer Schritt in den Champagnerpantheon geht über die Stufe des Jahrgangstaittinger, den ich im letzten Jahr mit viel Konzentration und Entwicklungsfreude bei der Sache gesehen habe. Nachdem ich bei den großen Häusern nicht immer ganz froh mit der Dosage bin, habe ich zuletzt bei Taittinger und Pol-Roger etwas genauer darauf geachtet, wie mit dem Thema umgegangen wird. Bei Pol-Roger schin mir die Dosage immer grenzwertiger zu werden, bei Taittinger war die Gefahr nie so konkret, bloß eine gewisse Schwammigkeit musste ich bei den jungen Cuvées bemängeln. Zwischenzeitlich hat sich bei beiden Häusern eine Entwicklung gezeigt, die meine Befürchtungen relativiert. Mit zunehmender Flaschenreife ist die anfänglich störende Süße ein Faktor, der umstandslos zurücktritt, bzw. den Schleier über den Aromen lüftet. Mandel, roter und grüner Apfel, Blütenblätter, Brioche kommen hier wie aus dem Nebel hervor und geben dem Champagner ein überzeugendes Äußeres.

4. Claude Cazals Clos de Cazals Blanc de Blancs Grand Cru 1998 Fl. #20

Tiefsitzende Mineralität und eine säurebändigender Extrakreichtum bestimmen diesen Champagner. In der Nase ist nicht gerade wahnsinnig viel los, da ziehen Kreide und Apfel ihre Kreise, kaum mehr. Im Mund keine Knalleffekte, keine abgefahrenen Säureexzesse, sondern ein kantiger, etwas unbequemer Chardonnay, der es zunächst schwer macht, ihm zu folgen. Nach dem ersten Schluck merkt man erst, wie kunstvoll dieser Champagner gebaut ist. Denn erst wenn man der ebenso ruhigen wie intensiven Säureempfindung hinterhersinniert, merkt man, wie überaus lang und klar diese Säure eigentlich ausklingt. Beim nächsten Schluck versucht man von Beginn an auf die Säure zu achten, wird aber von knirschendem Extrakt abgelenkt und hat den passenden Moment schon wieder verpasst. Erst beim dritten oder vierten Schluck ist alles so weit abgesteckt, dass man sich ganz auf die Säure konzentrieren kann, die sich dann ganz zu recht im Glanz der Aufmerksamkeit sonnt.

5. Lanson Blanc de Blancs Noble Cuvée 1998

Nur zu gern hätte ich den Reimser Clos Lanson gege den Clos von Cazals gestellt, doch solange es den noch nicht gibt, ist der Blanc de Blancs aus der Noble-Serie von Lanson ein hochqualifizierter Flightpartner, der genügend tiefreichende Erkenntnisse verspricht. Im direkten Vergleich mit dem Clos Cazals fällt die Unterscheidung großes Haus – kleiner Winzer schon nicht ganz leicht. Klar, Lanson macht keinen BSA und die Noble Cuvée ist kein solcher Entertainer wie die Comtes de Champagne oder ein so unleugbares Gastrogenie wie Dom Ruinart. Umso schöner ist es, die Champagner durch genaues Verkosten auszuloten. Beim Lanson merkt man, dass die Säure in ein großzügiges und kunstreich verziertes Gehäuse eingearbeitet und dadurch eher versteckt ist, während beim Cazals die Säure mit einigem Stolz über mehrere Schlucke enthüllt und präsentiert wird.

6. Louis Roederer Cristal 2002

55PN 45CH, 20% Holzfass, kein BSA

Als Zäsurchampagner und Überleitung zu den Pinotchampagnern kam dann der fabuleuse Cristal 2002 ins Glas. Nach den reinen Chardonnays wirkte er so unverschämt leicht, wie ein junger Cristal leicht wirken muss. Brot, Röstnoten, Hefe, von Ferne ein Duft von Kaffee, Apfelessenz, Verbene, Zitronengras, Orangenschale, alles kreiselte und bezirzte mit einer Mühelosigkeit, die betroffen macht. Ich bin kein Freund davon, Cristal allzulange liegen zu lassen, weil ich finde, dass er in jungen Jahren einfach besser schmeckt, als mit großer Flaschenreife. Der 2002er scheint das aber nicht bestätigen zu wollen. Er reift gemächlich, kleinschrittig und wird bei dieser Entwicklung in den nächsten drei bis fünf Jahren seine Jugendhaftigkeit erst noch voll ausfalten, bevor er in sein zweites Flaschenreifestadium übergeht.

Dann kam der Königsflight:

7. Egly-Ouriet Blanc de Noirs Grand Cru 1999, dég. 2010

Strahlendes Gold und die Kraft eines Nuklearbrennstabs war da plötzlich im Glas. Vanille, Kokos, Brioche, Orange, Ingwer, ein Hauch Safran. Im Mund so etwas, wie eine Methanhydratexplosion, wie sie Frank Schätzing in "Der Schwarm" verschiedentlich beschrieben hat. Also im wesentlichen der Eindruck, als würde tiefgefrorenes Gas sich schlagartig auf das 164-fache seines Volumens ausdehnen, nur dass man sich das hier mit den köstlichen Pinotaromen von Francis Egly vorstellen muss.

8. Jacques Selosse Blanc de Noirs Grand Cru Ay La Côte Faron Extra Brut, dég. 27. Jan. 2010

Dieser Lieux-dit ist wie die berühmte Substance ein Solera-Champagner, er besteht aus den Jahrgängen 1994 – 2003, was altersmäßig dem Egly-Ouriet ja irgendwie sehr nahe kommt. Die Frage innerhalb des Probenablaufs war natürlich: würde Meister Selosse den Kollegen aus Ambonnay mit seiner flammneuen Einzellage, dem früheren Grundstoff des Contraste (der tatsächlich neben dem hier als Einzellage verwendeten Pinot auch Pinot aus Ambonnay enthielt) noch übertreffen? Das lässt sich nicht abschließend sagen. Beide Champagner waren gigantisch. Der Selosse völlig anders als der Egly, zwiebelschalenfarben, fast Rosé. Himbeermark, Sauerkirsche, Unterholz, für einen Extra Brut von unverschämter bis obszöner Trinklustigkeit, was ihm in meinen Augen den Sieg sicherte.

Nun war wieder eine kleine Pause nötig, der vorangegangene flight durfte erstmal nachwirken.

9. Bollinger Grande Année 1996

Mit etwas zeitlichem Abstand und der Wiederkehr objektiver Verkosterfähigkeit kam der nächste Hammer ins Glas. Grande Année 1996, ein Champagner, der vor Kraft birst und so erfrischend ist wie ein schnell geschlagener Satz Ohrfeigen.

10. Bollinger R.D. Extra Brut 1996, dég. Sep. 2006

Tückisch im Vergleich mit dem 96er Grande Année war der R.D. Besser kann man den Unterschied zwischen den beiden Degogierzeitpunkten kaum demonstrieren, als in diesem flight. Der R.D. war in allem Grande Année, aber mit einer Agressivität, mit dem so typischen Vitamin-C, mit einer auf die Spitze getriebenen Aromatik, die wie ein Messer wirkt, das kurz davor ist von ultrascharf zu schartig geschliffen zu werden.

11. Veuve Clicquot La Grande Dame Rosé 1989

Nach dem Kraftexzess und Höhenrausch der Bollingers nahm die große Mutter uns an ihren prachtvoll wogenden Busen. Die erschöpften Verkoster konnten sich an Milch, Milchkaffee, Toffee, Rumtopf, beschwipster Erdbeere, Mokkabohne, Kaffeerösterei und pikantem Damenduft laben, kein noch so weiches Gaumenkissen vermag eine solche Lagerstatt zu ersetzen.

12. Laurent-Perrier Grand Siècle 1988

Als Bonusflasche durfte es noch eine kleine Besonderheit sein, einer der wenigen Grand Siècles mit Jahrgang, noch dazu aus dem perfekt gereiften 1988er Jahrgang. Feminin war hier nichts, die ganze Verspieltheit rührt von einer gewissen höfischen Machart her, die dem Champagner eine kühle Noblesse gibt. Der Champagner ist strukturiert, auf Perfektion bedacht, mit wenigen Verzierungen, aber von einer Leichtigkeit und Frische, die an den 2002er Cristal erinnert. Gegenüber dem manchmal spitzenmäßigen, macnhmal schon wieder abgesunkenen 90er Grad Siècle ist der 88er wahrscheinlich die zuverlässigere und jetzt noch immer haltbare Wahl.

Weinzeitreise 1899 – 2009


I. 1. St. Antony Pettenthal 2006

Angenehm reif, würzig und gewichtig, mit unbeschwerter Säure.

I. 2. J.B. Becker Wallufer Walkenberg Spätlese trocken 1990

Reif, aber fast ganz ohne Petrol und Firne. Kernige, präsente Säure, saftiges Mundgefühl, wirkte unfassbar jung und sehr dynamisch, entwickelte sich über Stunden hinweg positiv.

II. Dom Pérignon 2003

Nachdem ich den neuen Dom Pérignon 2003 erst kürzlich einer Nagelprobe im Umfeld anderer Prestigecuvées unterzogen hatte, musste er nun in einem völlig anderen Kontext ran. Statt einer abgestimmten Speisenbegleitung gab es ein Stahlbad roter, weißer, stiller und sprudeliger Weine mal mit mehr, mal mit weniger Berührungspunkten zu unserem jungen Helden. Dabei bestätigte sich der beim ersten Test festgestellte Mangel an Säure. Wenn man den 2003er Dom in der Tradition von ebenfalls hitzigen Jahrgängen wie 1947, 1959, 1971, 1976 sehen will, wofür natürlich vor allem die besondere Hitze des Jahrgangs spricht, relativiert sich die skeptische Einschätzung etwas. Aber selbst große englischsprachige Stimmen sprechen beim Reifepotential "nur" von einem Zeitraum um 2020, das ist gerade einmal die erste plénitude, für einen regulär dégorgierten Dom Pérignon also das früheste Kindesalter.

III.1. Clos du Bourdieu Bordeaux Mousseux Blanc Brut Méthode Champenoise

Farbe von schleieriger Cola mit Fanta, nicht sehr schön anzusehen, für einen ca. 60 Jahre alten Schaumwein aber ok. Prickeln Fehlanzeige – auch das ok. In der Nase viel Pilz und Boden, auch Milch, Milchschokolade und Rahm – sehr ok. Im Mund volle Granate karamellisierte Mandelsplitter, ein lang und sauber nachklingender Pilzgeschmack und keine Spur von Metall, das bei so alten Weinen gerne mal die Tertiärschau zunichte macht. Exquisites Stöffchen für Altsprudeltrinker (bei denen kein Sprudel mehr drin ist).

III.2. Clos du Bourdieu Bordeaux Mousseux Rosé Sec (?) Méthode Champenoise

Knallrosarot, transparent, strahlend schön im Glas, und das bei dem Alter (ebenfalls ca. 60 Jahre plusminus)! In der Nase reife, pilzige Aromen, aber vor allem noch eine faszinierende Fruchtnote. Im Mund jugendlich, frisch, fruchtig, sogar noch ganz leicht prickelnd und mit einer ausgeprägten Süße, wie ein nicht genügend stark verdünntes Himbeersirupschörlchen. Gegenüber dem weißen Mousseux objektiv der lebhaftere, wahrscheinlich sogar bessere Wein, mir war er nur leider zu süß.

IV.1. Beaune 1949

Erdig, viel asiatische Schwarze-Bohnen Sauce und für mich zu viel flüchtige Säure, um ihn noch gut zu finden.

IV.2. Chambolle-Musigny 1949

Mähler-Besse Füllung. Ähnlich dem 49er Beaune sehr viel Erde, schwarze Bohnen, Sojasauce, dafür eine längere Aromenentfaltung und eine gesündere, obwohl schon leicht aggressiv wirkende Säure.

IV.3. Chambolle-Musigny 1947

Nochmal eine Steigerung, die Säure wirkt nicht so alleingelassen und aggressiv wie beim 49er Chambolle-Musigny, dafür gesellen sich salzige Aromen hinzu und geben dem Wein ausgewogenere Würze.

IV.4. Vosne-Romanée 1947

Mähler-Besse Füllung. In diesem Burgunderoldieflight mein Liebling, da er zusätzlich zu den bekannten und geschätzten Komponenten seiner Vorgänger eine seidenweiche, animierende und nicht vom Todeskampf herrührende Süße offenbart und damit von allen Flightpartnern der dichteste, feinstgewirkte Wein ist. 

V. Jurade de St. Emilion Vinée Eleonore d'Aquitaine 1952

Reife Süße von roter Paprika, gerösteter Sellerie und Liebstöckel, wirkt aber noch nicht annähernd so alt, wie er ist. Sehr flotter Wein, elegant, lang und sehr gut. Für mich ein echter Brecher.

VI.1. Dupard Ainé Charmes-Chambertin 1962

Seltsam floraler Duft wie in einem mit Blumen überladenen Krankenzimmer. Klebstoff. Kratzige bis beissende Säure, aber auch besänftigendes Graphit. Im Mund salé-sucré. Wirkt auf mich noch nicht oder nicht mehr richtig gefasst. Entweder jetzt trinken oder in drei bis fünf Jahren nochmal probieren, dann ist er entweder tot oder genesen.

VI.2. Latricière-Chambertin 1979

Dünner, flacher, pfeffriger Wein.

VII. Vieux Château Certan 1976

Gegenüber meinen ersten drei Begegnungen mit diesem Wein war er jetzt labberig weich und milchschokoladig. So wie es aussieht leider schon zu lange geöffnet.

VIII.1. Châteauneuf-du-Pape Vieux Donjon 1979

Der Jungfernjahrgang der Domaine schmeckt wie altes Moncherie mit einem Hauch Lavendel. Kann man sich noch gut gefallen lassen.

VIII.2. Châteauneuf-du-Pape Les Cailloux 1979

Ebenfalls reif, aber vollmundiger, mit komplexerer Süße, kesser Saftigkeit und einem breiteren Aromenfächer als der Vieux Donjon. Mit einigem Abstand mein Lieblingswein in diesem flight. 

VIII.3. Châteauneuf-du-Pape Les Marcoux 1979

Noch süßer als die beiden Vorgänger, dabei weicher und weniger profiliert, fällt er für mich gegen den Les Cailloux klar ab.

IX. Grand Puy Lacoste 1995

Sehr süß, sehr reife, dick geballte Früchte, dabei immer noch sehr gediegen. Verführt mit seiner einladenden Art zum achtungslosen Trinken, wäre mir aber in seiner jetzigen Phase nach mehr als zwei Gläsern schon wieder langweilig; die 95 PP kann ich verstehen, würde den Wein aber  erst in frühestens zehn Jahren nochmal trinken wollen.

X.1. Albert Bichot Château de Dracy Ratafia Comte d'Espiès Monopole de la Maison 1929

Nach dem süßreiffruchtigen GPL war der aromatisch von starken Châteauneufs vorbereitete Sprung zum burgundischen Ratafia trotz der räumlichen und zeitlichen Entfernung nicht mehr groß. Trockenbeerenaroma, sowie eine für alten Ratafia und Très Vieux Pineau de Charente typische, mildbalsamische, von Pilzrahmsauce und Mehlbutter flankierte Alkoholnote.

X.2. Château Géneste Villenave d'Ornon Eau de Vie de Bordeaux 1899

Sanddorn, rote Beeren, Safran und Curry, die mich an alten Eau de Vie aus Cognac denken ließen, aber auch ein leichter Pflaumenduft, der mich dann wieder auf alten Armagnac tippen ließ. Im Mund etwas gezehrt und wässrig, wahrscheinlich wegen des Alkoholverlusts im kaltnassen Keller (dort verfliegt der Alkohol schneller, während sich in trockenheissen Kellern das Wasser schneller verabschiedet und einen hitzigeren, alkoholischeren Brand zurücklässt). Die Wahrheit lag buchstäblich in der Mitte: Eau de Vie aus Bordeaux, der tatsächlich einige typische Eigenschaften der nördlich und südlich gelegenen Destillatsregionen Cognac und Armagnac in sich vereint.

XI. Calon-Ségur Premier Cru de St. Estèphe 1962

W.H. Bauly Füllung. Hohl, mit Zitrusspülmittelnote. Nicht besonders inspirierend, für meine Begriffe war der Wein um.

XII. Faiveley Morey-St.-Denis, aus den 70ern (?)

Alte Walnuss, Kräuter, Sauerkirsche. Außerdem Speck und Zedernholz. Im Mund dann sogar noch charmanter, als die schon recht angenehmen Nase vorab wissen lässt. Gefiel mir sehr gut.

XIII.1. Châteauneuf-du-Pape Chante-Perdrix 2009

Dunkle Siebenfruchtmarmelade, Rosmarin, Thymian. Sehr jung, deshalb nur in leicht angekühlter Form zu trinken. Mit so einem Wein verführt man Weinnovizinnen.

XIII.2. Châteauneuf-du-Pape Domaine Pierre Usseglio 2001

Reif und süß, dabei griffig, mit vielenvielen Kräutern. Mit diesem Wein verführt man Frauen, die von Hause aus sehr verwöhnt sind und zu leichten Pölsterchen neigen.

XIV.1. Nicolas Potel Volnay Vieilles Vignes 2005

Anfangs Pillenbox und Plastiknote, nach deren verfliegen kommen schwarzer Pfeffer und Schattenmorelle zum Einsatz. Entwickelt sich über Stunden sehr konzentriert weiter und hätte so früh gar nicht geöffnet oder zumindest dekantiert werden müssen. Bestätigt den guten, in den letzten Jahren wegen seiner vernünftigen Preise sogar immer besser gewordenen Ruf, den Volnay als Rotweinappellation genießt.

XIV.2. Friedrich Becker Spätburgunder Schweigener Sonenberg, Einzellage Kammerberg 2005

Leichter, unbeschwerter als der Volnay, mit mehr Sonne im Herzen. Der französischste deutsche Burgunder, den ich kenne, gleichzeitig ein völlig eigenständiges Weinprofil und mit mehr Reife ein Garant für erfreuliche Überraschung in französischen Burgunderproben.

XIV.3. André Guy Volnay 1964

Liebstöckel unter einer Käseglocke. Obwohl gut trinkbar, reißt dieser Volnay nicht mit, dafür ist er etwas zu kurz angebunden und immer stört der an zu lange im Kühlschrank gelagerten Käse erinnernde Oberton.

XV. Robert Chassaing Hermitage Cru Classé 1947 oder 1955

Brombeere, Maulbeere, Blaubeerjoghurt. Obwohl deutlich älter als der ihm von Norden quasi entgegenkommende Volnay, wirkt dieser Wein viele Jahrzehnte jünger, dynamischer, kerniger und so pumperlgsund wie noch selten ein Wein dieser Herkunft und dieses Alters sich mir präsentiert hat – wobei sich der Jurade de St. Emilion 1952 in ähnlich splendider Form gezeigt hat. Stoffreich und übervoll mit Aromen, so dass er zu platzen droht, wenn man ihn nicht leicht gekühlt trinkt. Ein phantastischer Abschluss.

XVI. Eric Isselée Cuvée Clement Blanc de Blancs Grand Cru élevé en fûts de chêne 2004

Boskoop-Apfeltarte, etwas roter Apfel, Vanillekipferl, Crème brûlée. Herbfrisch und um 3.50 Uhr  mit sehr belebender Wirkung, nach den vielen Roten mit einem auch gaumenklärenden Charakter. 

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