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Monthly Archives: August 2013

Mareuil trifft Ay: Champagne R. Pouillon – René Geoffroy

Mareuil sur Ay liefert sich einen gewissen Kleinkrieg mit dem berühmten Grand Cru Nachbarort Ay. Mareuil ist "nur" mit 99% auf der (für mich immer bedeutungsloser werdenden) échelle des crus ausgestattet, Ay hat die volle Punktzahl. Ay hat mit Bollinger, Deutz, Lallier und Gosset namhafte Häuser anzubieten, mit Henri Giraud, Goutorbe, de Meric, Fliniaux stehen außerdem Erzeuger bereit, die den hohen Ruf des Örtchens bedingungslos zu veretidigen bereit sind. Nur dass in Mareuil eben auch nicht gepennt wird. Billecart-Salmon und Philipponnat sprechen da eine sehr deutliche Sprache und eigentlich ist es heute überhaupt nicht nachvollziehbar, dass Mareuil neben Ay von Grand Crus wie Tours sur Marne, Oiry und Chouilly umgeben sein soll, ohne selbst Grand Cru sein zu dürfen. Ein wenig erinnert das an den Status von Mouton Rothschild bis 1971. 

Soweit die Ausgangslage. Aus den beiden Örtchen lohnt es sich, neben den schon angesprochenen und bekannten Erzeugern, die nachfolgenden beiden näher zu betrachten. Fabrice Pouillon ist einer der jungen Winzer aus dem feinen Örtchen Mareuil-sur-Ay, Jean-Baptiste Geoffroy von René Geoffroy ist sein Kontrahent in unserem kleinen match, wobei ich mit Ay ein wenig gemogelt habe, denn dort befindet sich zwar der Sitz des Hauses, aber die meisten Weinberge hat Geoffroy doch in der Vallée de la Marne westlich von Ay, besonders natürlich im Premier Cru Cumières. 

Pouillon:

1. Chardonnay Extra Brut

Je hälftig aus den Lagen Pu de Peigne in Le Mesnil und Les Valnons in Aÿ, unchaptalisiert, mit 6 (für mich eher bis 7) g/l dosiert, 25% Barrique, Rest Stahl

Im Laufe der Zeit hat sich der Chardonnay aus Ay die Oberhand in dieser Cuvée gesichert. Das war kein leichtes Unterfangen, wenn man die Kratzbürstigkeit von Chardonnay aus Le Mesnil bedenkt. Was in diesem Champagner für einen Sieg des Chardonnays aus Ay spricht, ist die deutliche, von der Dosage noch befeuerte Exotik, die mich leider zu sehr an Mango-Maracuja-Joghurts meiner Kindheit erinnert. Wenn sich das nicht mit der Zeit legt, wird der Champagner für mich uninteressant. Dass sich das legt, darüber bin ich guter Dinge, weil ich schlicht nicht glauben will, dass sich der Chardonnay as Le Mensil so mir nichts dir nichts verabschiedet haben soll.  

2. Brut Nature de Mareuil

Hälftig PN/CH aus der Einzellage Les Blanchiers in Mareuil sur Ay, 2007er Tirage aus 2006er mit 2005er, spontan mit weinbergseigenen Hefen in Eichenfässchen vergoren.

Eine der Herzfasern von Mareuil-sur-Ay. Wer den Champagner von dort verstehen will, sollte sich nicht nur mit den inkommensurablen Clos des Goisses und Clos St. Hilaire, sondern vor allem mit diesem hier beschäftigen. Eine Außenhaut die sich von der Mundschleimhaut und den Geschmackspapillen erst so wenig abtasten lässt, wie moderne U-Boote vom Sonar; aber Malz, Fenchel, Brot und Hefe in der Nase verraten den Klassechampagner und wenn man sich auf diesem Weg nähert, fallen einem Kamille, Apfelblüte, Birne, weißer Pfirsich und vereinzelte Zitrusfrüchte schnell in den Schoß. Stromlinienförmig gerundet, aber nicht um zu gefallen, sondern um im Ziel zu wirken. Und Ziel ist nicht die Massenkundschaft, sondern die kleine Gruppe echter Champagnerbegeisterter.  

3. 2XOZ

100PN, 2006er Basis, Süßreservezugabe für die Gärung

Hier drängte sich mir ein Vergleich auf zum letzten Blanc de Noirs noch ohne Lagenbezeichnung  von Ulysse Collin, der eine ähnlich reife, vollfruchtige und nur um Haaresbreite nicht schon ins Herbe  hinübergleitende Aromatik mit vernachlässigbarer Säure hatte. Blutorange und Grapefruit, Süßkirsche, mit einem Mundgefühl, das ich blind an der nördlichen Rhône oder vielleicht in Australien vermutet hätte, irgendwo zwischen Grenache von alten Reben und sparkling Shiraz, nur dass der Champagner dabei seinen Champagnercharakter so nachdrücklich behält, dass ich jedes mal noch lange darüber nachdenken muss, was ich da eigentlich im Mund hatte. 

 

Geoffroy:

400 Jahre Weinbauerfahrung bringt die Familie auf die Waage. Das ist schon was, das hat sonst vielleicht noch Tarlant und bei Gosset in Ay kann man sogar noch auf paar Jährchen mehr zurückblicken; jedenfalls verpflichtet die Tradition (zb wird auf BSA schon immer verzichtet, oder zumindest solange man weiß, was das überhaupt ist), knebelt im Hause Geoffroy aber nicht, weshalb Jean-Baptiste und Karine sich in der Truppe umtriebiger Aktivisten der Terres et Vins de Champagne engagieren, wobei Karine das Etikettendesign in augengefälligere Bereiche gebracht hat, als das noch vor 2009 der Fall war. Margaux, Sacha, Rosalie, Colombine und Azalée helfen nach Kräften mit.

1. Blanc de Rosé

60PN 40CH, 2010er Basis, zusammen ausgeblutet und mit 4 g/l dosiert
Schon das gemeinsame Ausbluten der beiden Rebsorten ist eine höchst selten anzutreffende Methode und wer weiß, vielleicht ist sie dafür verantwortlich, dass man dem Champagner gleich vom Start weg ein höheres Reifevermögen oder sogar die unausgesprochene Verpflichtung zur längeren Flaschenreife unterstellt. Aromenstark, mit deutlicher Rosenblüte und undeutlicher einem Bouquet anderer Blumen, wirkt aber unverkitscht und nicht so plumt und lahm, wie sich das mit den Blumen anhören mag, selbst wenn ein wenig mehr Säure im Spiel hätte sein dürfen.  

2. Cuvée Empreinte

70PN 10PM 20CH, 2007er Basis, Vinifikation im Eichenfass.D É G U S T AT I O N. 

Sehr zeigefreudiger Champagner. Bereitwilligst werden hier getrocknete Sauerkirschen, Blüten, Kräuter und Morcheln ausgebreitet, bevor die Reise in den Magen angetreten wird. Damit hat Jean-Baptiste einen Abdruck des Gebiets champagnerisiert, der ähnlich stellvertretend wirkt, wie die Cuvée Nature von Pouillon und die sofort an einen Champagner gleichen Namens aus einem anderen Grand Cru, nämlich Ambonnay denken lässt, wo unter dieser Bezeichnung rebsortenrein Pinot Noir und Chardonnay interpretiert werden, dass mir schön beim drandenken das Wasser im Munde zusammenläuft. Aber zurück zu Geoffroy, bei dem mein Favorit eben auch die Cuvée Empreinte, diesmal sogar aus einem mauen Jahr war. Am wichtigsten für mich ist bei dieser Cuvée, dass sie den Eindruck einer königlichen Tafel vermittelt und hinterlässt, eine Opulenz und Eleganz, die Königen wie dem in diesem Zusammenhang und speziell von den Winzern aus Ay vielbemühten Henri IV. nachgesagt wird.

3. Millésime 2004 Extra Brut

71PN 29CH, Trauben aus alten Parzellen; ohne BSA vinifiziert wird im Eichenfass nur die erste Pressung, die zweite Gärung findet unter Naturkork statt, dosiert wird mit 2 g/l.

Als Ausgangsmaterial die Trauben der 2004er Ernte zu haben ist für alle Champagnerwinzer ein Geschenk gewesen und ich habe bisher ausnahmslos sehr gute Champagner aus diesem schönen Jahr getrunken. Unterschiede gab es vor allem bei der persönlichen Handschrift und das wünscht man sich ja nicht erst, wenn man etwas besser mit der Materie vertraut ist. Die Handschrift von Jean-Baptiste ist ohne allzugroßen Druck auf dem Federkiel, schnörkellos und entschieden männlich. Pfeffrig, toastig, mit zimtigen und zedrigen Noten, agrumes, erdiger Würze, mehr Parfum als Wein, aber ohne spürbaren Alkohol, ohne die Schwere in der Nase und mit dem Versprechen, die nächsten Jahre stetig noch eins draufzulegen.


 

Dom Pérignon 2004

Der 2004er Dom Pérignon kursiert schon seit Monaten als Vorabprobierfläschken in Kritiker- und Meinungsmacherkreisen und durch eine Häufung glücklicher Zufälle hatte ich gleich mehrmals die Möglichkeit, diesen von mir sehnlichst erwarteten Champagner zu probieren um meine eigene Flasche möglichst lange zu schonen. Denn Dom Pérignon ist der Champagner, der mich mit dem 90er Jahrgang überhaupt erst restlos für den Champagner entflammt hat und seither hat er einen besonderen Stellenwert in meinem Champagneruniversum. Ich muss einräumen, dass ich nach dem 90er Dom nicht nahtlos schöne Erfahrungen anknüpfen konnte, meine Beziehung zu dieser speziellen Cuvée ist sogar eine eher schwierige, waren doch 92, 93 keine ganz großen Würfe und selbst nach ein paar obligatorischen Jahren der Flaschenreife keine Sextoys. Vom 95er dagegen war ich sofort angetan und heute bin ich sogar begeistert, auch 96 ist eine sichere Bank, von zu vielen Korktreffern abgesehen. Doch dann wurde es schwer, 98, 99, 00 schlugen stilistisch einen japanisch anmutenden Weg ein, reduzierte, reduktive Ausstattung, alles schlicht, meditativ, zenhaft, jodig, mineralisch, meergeprägt, algig und ganz ohne die sagenhafte Schwerelosigkeit, die ich am Dom Pérignon, insbesondere nachdem ich mich den reiferen Jahren bis zum fabelhaften 1959er und darüber hinaus 1955 (demnächst sogar dem seltenen 1953er) genähert hatte, immer so bewundert habe. Dann kam 2002, eine erste Abkehr vom japanischen Irrweg, doch ich wusste zwei Dinge: es würde auch noch ein schwieriger 2003er kommen. Aber: dann käme 2004 und eine Reihe von Jahrgängen, unter denen 2008 und vielleicht 2012 herausragen werden, bei anderen Erzeugern leuchten sie schon gleißend hell.

Jetzt ist es soweit. 2004 markiert für mich den neuen Dom Pérignon Weg. Lebensfroh, fremd, aber nicht so wie Japan, sondern eher wie die quirligen Teile der westlich orientierten Türkei. Daher vielleicht meine entfernte Assoziationen an Harem, Opiumhöhle, Safran, Nougat, Rosenwasser, Orangen- und Zimtblüte. Kreiselnd, derwischhaft, geheimnisvoll, mystisch, orientalisch, hochkultiviert. Umfassend und verwirrend, sagt Richard Geoffrey, er erschließt und verschließt sich gleichzeitig, sagt Richard Geoffrey. Und damit trifft er bei aller Offen- und Unbestimmtheit den Nagel auf den Kopf. Ich weiß, dass ich mir davon viel hinlegen werde, trotzdem alles viel zu schnell ausgetrunken sein wird und ich dann viel nachkaufen muss, aber mit einem sehr guten Gefühl. 

Champagne Paulet ./. Champagne Horiot

Hubert Paulet und Olivier Horiot stehen im Schatten der Champagner-Winzer aus dem Marnetal, der Côte des Blancs und der anderen üblichen Gegenden, in denen sich Kultweinmacher finden, deren Namen mittlerweile schon fast jeder Sekttrinker daherbeten kann. Grund genug, sich die beiden Buben immer wieder mal genauer anzusehen.

Das was Monsieur Paulet nicht an Billecart-Salmon sendet, verarbeitet er mit gutem Erfolg selbst. Von den zuckrigen Weinen hat er Anschied genommen und pendelt sich bei einer weinorientierteren Aromatik ein.

1. Brut Tradition Premier Cru

50PM 25CH 25PN, 2008er Basis, nach 7 und 4,5 in den vergangenen Jahren jetzt mit anmutigen 4 g/l dosiert.

Weich wirkt der Champagner, aber nicht zuckerwattig weich, sondern weich, weil er eine zuckerlose Härte nicht nötig hat, d.h. aus Reifegründen weich und mit sich ankündigenden, schokoladigen, milchschokoladigen Noten. Für einen Brut Tradition ist das nicht ganz ungefährlich, weil es seltsame Signale aussendet. Das mit der Portfoliokonsistenz ist bei Paulet aber sowieso ein eigenes Thema, der einzige Zusammenhalt ging hier nämlich immer vom Zucker aus, sonstige Gemeinsamkeiten sah ich sonst nicht. Auch dieses Jahr zue ich mich schwer damit, ein anderes tertium comparationis zu finden. Das tut der Güte des charmanten Einsteigerchampagners aber keinen Abbruch.

2. Mazerationsrosé 

80CH 20PM, 2005er Basis, drei Tage auf der Maische, gegenüber sonst 6,5 g/l jetzt 6 g/l

Joghurette mit Spuren von Bitterschokolade, gegenüber dem Vorjahr besser, seriöser, nicht zugezuckert und auf einem guten Weg. Damit kann man jetzt nicht mehr nur einfältige Frauen betören, sondern auch eine Klasse darüber noch punkten.

3. Cuvée Risleus

47CH 32PN 11PM ohne BSA, bâtonnage; ungeschönt, ungefiltert. Happige 7,5 g/l Dosage.

An diesem Champagner gibt es schon seit Jahren nichts zu meckern und nur von Jahr zu Jahr mehr zu loben. Dieses Mal ist Paulets Schmuckstück nicht so markant und knochig, auch nicht mit so deutlich nebeneinander gestellter Rebsortenaromatik ausgestattet. Hier fügt sich alles so nahtlos ineinander, wie eine besonders raffiniert versteckte Geheimtür in einer Holzintarsienwand. Röstig, mit Schokolade und feiner Säure, tatsächlich ganz das Bild einer Wand im Büro von Prof. Dumbledore. 

Horiots Pinot stammt von verschiedenen Argile- und Calcaireböden, die er parzellengenau vinifiziert. Pinot heißt dabei, dass es nicht nur Pinot Noir, sondern auch Pinot Blanc gibt, an der Aube ja nicht gar so ungewöhnlich. Der Weißburgunder von Horiot gehört zu den besseren, jedenfalls nicht störenden und von Grund auf ablehnungswürdigen Weißburgundernchampagnern. Zuletzt habe ich zwei Champagner probiert, die neu ins Programm gekommen sind und daher wieder mal vor dem Problem standen, bzw. mich vor das Problem gestellt haben, noch so jung zu sein, dass eine vernünftige Meinungsbildung unmöglich erscheint. Vom Sève, dem Champagner aus der Lage hatte ich in den letzten Jahren einen immer besser gewordenen Eindruck erhalten, die Verkostungslage war also perspektivisch ganz gut.

1. Métisse

50PN 50PB, 09er Cuvée auf Basis einer Minisolera auf 06er Basis mit 07 und 08; 2 g/l Dosage. 

Ganz gefällig, kräftig bis gedrungen, was mir für den Weißburgunder angemessen und klug gemacht vorkommt, aber im Ergebnis leider eher kurz.

2. Sève en Barmont Rosé Saignée

2007er Basis

Hinter einem schwer durchdringbaren Schleier leicht angegammelter Erdbeeren fand ich Rosenblüte, Weingeist, Mahagoni. Kein leichter Rosé, eher etwas für den Ziegenkäse oder ein Vollkornbrot mit dick Butter und etwas Salz oder beides.  

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