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Monthly Archives: April 2014

Soho-House, Berlin. Ohne Madonna und ohne Heinz Horrmann.

Ich bin nicht Madonna. Ich sehe Madonna noch nicht einmal frappierend ähnlich; selbst von weitem nicht. Mein Kontostand auch nicht. Wie verhängnisvoll das ist, musste ich am vergangenen Wochenende erfahren. Da war ich nämlich in Berlin. Dort gibt es Fünfsternehotels, wie andernorts Fischbuden und die Preise sind gemeinhin mehr als erträglich. Deshalb buche ich mal hier, mal dort. Diesmal eben im Soho-House. Doch anders als Madonna habe ich nicht gleich sämtliche Zimmer gemietet, sondern nur eins.

Denn das ehemalige Kaufhaus Jonass, dass schon der Hitlerjugend als Reichszentrale diente und hernach in skurriler Diktaturkontinuität Sitz des Zentralkomitees der SED war, liegt ganz praktisch. Die Saphirebar in der Bötzowstraße ist nicht weit, die gern frequentierte Cordobar, der Brotladen Zeit für Brot, Spreegold, das YamYam, einen "Schwarzer Reiter" genannten Luxury Erotic Lifestyle Laden direkt nebenan und allerlei andere Lädchen kann man leicht zu Fuss erreichen, wenn man sich nicht anstellt. Umgekehrt zahlt man sich auch nicht kaputt, wenn man den Heimweg nicht mehr zu Fuss antreten kann oder will und auf ein Taxi angewiesen ist.

Ich jedenfalls habe mein Gepäck im Soho House mittags abgeworfen, weil der check-in erst ab 15 Uhr möglich ist. Das war der erste Fehler. Denn am Abend fand sich das Gepäck nicht mehr. Bzw. später dann doch. Wegen der vielen "arrivals" hatte die Rezeption sich das Gepäck mit dem Club "geshared" wie mir unter vielfach zwanghaft eingeflochtenem Duzen erklärt wurde. Wahrscheinlich war meine kleine keepall einfach unter den Louis Vuitton Reisemöbeln der anderen Gäste verschwunden. Mir egal, das kostenlos bei jeder Gelegenheit unter der Theke hervorgeholte Mineralwasser im praktischen Reiseformat hatte mein wallendes Gemüt schon längst wieder besänftigt. 

Doch welaga nu, waltant got, wewurt skihit! Das zur Miete überlassene Zimmer verfügte über eine rauschende Klimaanlage, was ich immerhin bereit bin, klaglos hinzunehmen, wenn sie denn tüchtig funktioniert. Tat sie ja auch. Aber: das Bad! Da, wo alle immer als erstes reingucken, wenn sie auf Reisen sind. Zwar ist an alles gedacht, vom Rasierer über Zahnbürsten, Zahncrème, Listerine, eine Armada an Waschutensilien, ja selbst ein Kamm und Kondome werden feilgehalten; doch war ein Teil der Marketenderware schadhaft. Ausgerechnet der Lipbalm war zumindest schon auf- und wieder zugedreht worden – so gern ich Madonna (aus der Ferne; und ggf. und je nach Umstand) auch Heinz Horrmann habe: deren mglw. Herpes brauche ich nicht. Dass in dem beheizbaren Badspiegel kein Vergrößerungsspiegel eingelassen war: geschenkt. Aber wenn im Badezimmermülleimer keine Tüte drin ist und auf dem Badezimmerboden ein aufgerissenes Zellophantütchen liegt, in dem mal vom Ohrenstäbchen bis zum Sezierbesteck alles drin gewesen sein kann, reut mich die Zimmerbuchung. Dass mir der Spalt zwischen den beiden Glassegmenten, die den Duschbereich vom Rest des Bads abtrennen sollten erstaunlich bis ungehörig groß vorkam, war da keine falsche Anwandlung, sondern zeigte sich bei Inbetriebnahme als völlig berechtigte Befürchtung. Intensivduscher wie ich sind mit einem solchen mehr als fingerdicken Spalt mühelos in der Lage, das ganze Bad unter Wasser zu setzen. Habe ich natürlich nicht gemacht. Meine Aufmerksamkeit gehört ja erstmal der Dusche im Trockenzustand. Da war die Armatur (von Lefroy Brooks) kaputt, aber noch funktionabel: der Drehhebel für heißes Wasser war nicht befestigt und kam mir beim bedienen sofort bereitwillig in der Hand gefallen, der Porzellanumstellhebel für die Regenwasserdusche war zerscherbelt und die Halterung für den Duschkopf kam mir aus der Wand entgegen. Vorsichtig einhängen ließ sich das Duschdings darin noch, was ich schleunigst tat, obwohl das "bollocks" getaufte hoteleigene Duschzeugs Kindsköpfe wie mich besonders herzlich dazu einlädt, die Klöten damit zu waschen. Die abgewetzte und stellenweise fleckige Tapete tat ein Übriges, um mir den Auszug später nicht schwer werden zu lassen.    

Fazit:

Wenn Angehörige der Kreativbranche, Künstler, Regisseure, Musiker und Medienmenschen da übernachten,kann ich über meine Berufswahl nur froh sein. Auch die Bar hat es mir, so viel zum Abschluss, nicht angetan. Das Champagnerangebot schien mir doch sehr überschaubar, mit zB Bollinger und Collet (den man aber tatsächlich nicht sehr oft in der Gastronomie und überhaupt in Deutschland sieht) standen da nicht gerade die angesagtesten Neuentdeckungen in der Karte.    

Franciacorta on my mind

Franciacorta muss man im Blick behalten, zusammen mit Sussex/Kent ist das eine der wenigen europäischen Weinbaugegenden, in denen Schaumwein gemacht wird, der in Champagnerrunden zum Verblüffen taugt.

1. Ricci Curbastro Brut

Treue Leser kennen Ricci Curbastro als einen der Franciacortas, mit denen sich Champagnerrunden düpieren lassen. Schon der ganz normale Brut ist fruchtig, hat die begehrten Apfel- und Blütenaromen guter Schaumweine, vermischt mit knackigem Schmelz und nur behutsam eingesetztem Brotduft. Wäre da nicht eine Andeutung von alkoholischer Hitze, käme man wahrscheinlich wirklich nicht so schnell drauf, dass das gar kein Champagner ist.

2. Monte Rossa Prima Cuvée

Vollmundiger als der Curbastro, mehr Oxidation, mehr rotbackiger Apfel, nur wenig Brioche und auch nur ganz ganz wenig Brotrinde. Den erkennt man schneller als den Curbastro oder sortiert ihn voreilig bei den Aubesachen ein. 

3. La Montina Saten

100CH

Mit Saten-Franciacorta hat sich die gegend etwas gesichert, was jede Schaumweinregion braucht: eine kleine regionale Besonderheit. In der Champagne waren die sahnigen, besonders crèmigen, mit weniger Flaschendruck angesetzten Champagner lange als Crémants bekannt. Ihre Hauptfunktion war es, auf schonende Weise den ehrlichen Winzerdurst zu löschen, wirklich aggressiv vermarktet wurde der Haustrunk nicht. Diese dennoch schöne Tradition gibt es in Franciacorta unter dem Namen Saten. Dieser hier ist weißfleischig und wirkt zart parfumiert, Nashibirne, Birne, gelbe Äpfel und Quitten spielen eine Rolle, mit etwas mehr Druck und Säure wäre es kein echter Saten mehr, würde mir aber besser schmecken. Sei's drum, seine crèmige, fast ölige Art hat auch ohne mich eine treue Anhängerschaft.  

4. Villa Saten 2009

CH/PB (?)

Kreidig und alkoholisch kommt mir dieser Franciacorta vor, auch krautig und entfernt erinnert er mich auch an Cedric Bouchards Weissburgunder-Champagner. Dass das gar nicht so weit hergeholt sein muss, ist ampelographisch begründet. Denn in Italien wurde lange Zeit nicht streng, bzw. gar nicht zwischen Pinot Blanc und Chardonnay unterschieden. Viele Weinberge gerade in der Franciacorta könnten also noch namhafte Weissburgunderanteile enthalten, ohne dass das groß publik gemacht wird.

5. Berlucchi Guido Rosé 61

60PN 40CH

Frucht und etwas Phenol stehen hier nebeneinander, öffnen dann aber wie Torwachen den Eingang in das Reich der klärenden, frischen Beeren.Aromen und an deren Ende gewähren sie auch Zugang zu einer schmackhaften Nüsschenaromatik.

6. Barone Pizzini Bagnadore Riserva pas dosé 2006

50CH 50PN

Ein wahrhafter Bolide unter den Franciacortas ist der Bagnadore, eine Hommagecuvée der dreizehnten Generation der Inhaberfamilie an sich selbst. Druck, Power, Reife und Volumen passen hier aufs gesündeste ineinander, Babyananas, Mango, Hefezopf, Agrumes und fein verteilte Röstnoten lassen den Gaumen wohlig erschauern.

Mille Bollicine: Die Sieger der Euposia Sparkling Wine Challenge

Die italienische Weinzeitschrift euposia kürt jährlich Schäumer aus aller Welt. Im Herbst 2013 saß ich mit in der Jury und kann deshalb eine gewisse Mitverantwortung am Ergebnis nicht abstreiten, muss ich aber auch gar nicht, denn die Schäumer, die es bis aufs Treppchen geschafft haben, sind verdientermaßen dort gelandet. Das hat die Nachverkostung bestätigt. Dabei muss man im Hinterkopf behalten, dass hier nicht die Crème der Champagne mitgemischt hat, sondern eine ziemlich bunte Mischung von Erzeugern bewertet werden wollte, die sich überwiegend irgendwo im Mittelbau der Schaumweinszene bewegt. 

1. Cesarini Sforza Tridentum Rosé

100PN, kein BSA; erdbeerfruchtig, süffig, dünne, aber stabile Säure, insgesamt ein leicht und unhitziger Vertreter.

2. Costaripa Rosé Brut

80CH 20PN

Hier hat Meister Mattia Vezzola schon eine erklecklichere, aber noch nicht massive Säure verbaut, die er mit Brotrinde,  Frucht und charmanter Süße umspielen lässt, wodurch der Wein im Herzen aber trotzdem nicht fülliger wird.

3. Baron Fuenté Esprit Grand Cru

55CH 45PN

Baron-Fuenté konnte mich noch nie zu Begeisterungsstürmen hinreißen, liefert aber seit Jahren beständige Arbeit ab, über deren Reifepotential ich mir allerdings nicht immer ganz im klaren bin. Dieser Grand Cru brachte Autolyse, Zitrus und Trinkspass mit, was ihn im Verkostungsfeld an die Spitze katapultierte.

4. Camel Valley Annie's Anniversary Brut

Seyval Blanc, eine PiWi-Sorte, zeichnet für die pikante Säure hier verantwortlich. Was neben Apfelaromen und einer erdigen Kargheit fehlt, macht der Schäumer an Rasanz wett. Mit dieser Philosophie wurden früher Sportwagen in England gebaut. Gefiel mir sehr gut.

5. Miolo Brut Millésime

50CH 50PN

Mit brasilianischen Schaumweinen hatte ich vorher noch nicht sehr viele und noch keine einzige positive Erfahrung gemacht. Dieser hier vom brasilianischen Platzhirsch hatte viel Brot, viel Malz und Röstaroma, war säureschwach, leicht alkoholisch und für seine dickliche Art etwas zu kurz geraten. An der Aube hätte man früher solche Produkte verortet, heute, mit dem Sprung, den die Aube nach vorn gemacht hat, muss man diese Eigenschaften eben in Brasielien vermuten.

6. Wegeler Rieslingsekt Geheimrat J 2008

Mit alten Auslesen dosiert, wie man schmeckt, wenn man's weiss. Klassischer, sofort rausschmeckbarer Rheingauer Rieslingsektcharakter, ölig, crémig, auch buttrig, mit einer sich jetzt schon ankündigenden Petrolaffinität.

7. Azienda Agricola Bosio Franciacorta Boschedor Extra Brut Millesimato 2009

50PN 50CH, kleiner Teil Fassausbau. Weißfruchtig, etwas schmalbrüstig, was man noch als Eleganz auslegen könnte, mit einer Hagelzucker- und Candyaromatik, die den Wein unernst wirken lässt, was wiederum von einer durchgezogenen Griffigkeit abgemildert wird; ein geringer Luftton am Ende macht den Wein durchaus sympathisch.

8. Azienda Agricola Vallecamonica Nautilus Crustorico Pas Dosé ex Jéroboam

Herb und wässrig zugleich, wirkte der Wein auf mich einfach gestrickt. Mit Luft entwickelte sich zum Glück noch ein irgendwie atlantisches Klima, mit Jod, Salz, Kräutern und Verbene. Das ganze schmeckte so, wie der Zitonensaft, den ich gern in leere Austernschalen reinpresse um ihn dann zur Erquickung wegzuschlürfen, nur leider fehlte mir die dazu notwendige Säure.

9. Cave du Vin Blanc de la Morgex et la Salle Avalanche

Prié Blanc en pied franc

Chlor und blanchierte Mandel in der Nase, gefolgt von einem angenehmen Mundgefühl, süffiger Süßlichkeit und dann aber dem Eindruck, soeben Opfer eines Zyankalianschlags geworden zu sein, so heftig kommt dann plötzlich Bittermandel durch. Bruhigend, wenn man weiss, dass das zur Rebsorte dazugehört. Schöner Aprilscherz für allzu freche Verwandte und/oder Bekannte.

10. Cavallo

Der Schäumer war spontan aufgenommen worden, deshalb habe ich gerade keine weitere Information dazu, außer dass er mir gut gefiel; fleischige Früchte, safttriefend, reif, etwas dicklich, mit Nektarine, Orange und gutem Griff.

11. Azienda Agricola Emanuele Scammacca del Murgo Zéro Dosage 2006 en Magnum

100 Nerello Mascalese

Reichlich phenolisch, im Wechsel mit reifer Frucht. So schmeckt also Schaumwein aus einer tanninreichen Rotweinsorte vom Ätna.

12. Durin Basura Pigato pas dosé

100 Pigato

Das komplette Gegenprogramm dazu ist der undosierte Schäumer von Durin. Die Rebsorte ist vielleicht ein wenig zu aromatisch für die Schaumweinproduktion, aber wer wäre ich, das final zu beurteilen. In den Händen der Durinjungs jedenfalls wird daraus ein aromatischer Wein mit einer hohen Extraktsüße, die gar keinen Dosagezucker mehr braucht, nur gegen Ende wird er mir zu scnell karg und herb.

13. Ca Rovere Brut

50 Garganega 50CH

Apfelig, schlanker Schnitt, milde Süße, die sich mit erfrischender Zitrusnote fernduelliert.

Die grösste Champagner-Bar der Welt: La Côte des Bar (III/III)

Weiter geht die Reise entlang der großen Bar. Die nächste Station ist Veuve Devaux, bevor zum Schluss zwei Mitspieler der Winzertruppe Terres et Vins de Champagne kommen, über die ich im Rahmen der Verkostungsberichte von den großen Frühjahrsverkostungen noch mehr zu sagen haben werde.

VII. Veuve Devaux

Die große Cooperative der Aube gehört mit Co.Ge.Vi, der ältesten Champagner-Genossenschaft, zur Alliance Champagne. Unter deren Dach befinden sich außerdem die Union Auboise und Covama, die mit Marken wie Champagne Pannier, Champagne Jacquart, Champagne Montaudon und Champagne Collet operieren. Ein Riesenladen also, der 2500 ha Rebfläche kontrolliert. Marie Gillet und Kellermeister Parisot waren so freundlich, mir Teile dieses Reichs zugänglich zu machen.

Das ist im Leben hässlich eingerichtet/Daß bei den Rosen gleich die Dornen stehen.

Deshalb geht es zuerst an die Vins Clairs, den Zahnschmelz etwas zurückstutzen. Das ist jedenfalls immer meine Grundbefürchtung. Im Idealfall präsentieren sich die Grundweine dann viel zahmer als gedacht und sind für Rieslingtrinker nicht selten richtiggehend trinktauglich.

Bei den Blanc de Noirs aus Riceys mit und ohne BSA fielen mir lakritzige, süßholzige und Noten von Cassis auf, stets umwölkt von einem mentholischen Einfluss, teilweise mit feinkörnigem Salz, insbesondere der allererste Vorlauf der ersten Pressung, also im Ergebnis ein Anteil von vielleicht 200 Liter, war bei aller feingliedrigen frucht doch sehr salzig.

Der Chardonnay war recht umgänglich, gleich, ob aus Montgueux, Chouilly, Montaigu oder sonstwo in der Champagne. Gutmütig, weich, mit reifer Zitrone, etwas banane und dem Frühstücksapfelkompott von Danone sehr ähnlich, das ich wenig zuvor verspeist hatte. 

Die Reserven aus dem Fuder waren da schon deutlich komplexer. Beim Mix aus 55PN 45CH schien mir das Holz noch etwas zu üppig, aber da der Wein hintenrum wie ein Ballon aufging, ist er dort wo er jetzt ist, gut platziert und wird sich dermaleinst als wohlbalancierter Reservewein erweisen. Ganz anders eine Solera aus Chouilly-Chardonnay, 1995-2012, die nicht im Fuder sondern im Tank heranwächst. Hier hat sie viel Raum für grosse aromatische Flexibilität, der Wein wird so weich und soleratypisch, wie angestrebt, schon jetzt zeigt er sich mit feiner Spannung und köstlicher Nuss. Eine später angelegte Solera Cuvée "D" von 2002-2012 mit 40CH 60PN entpuppte sich als sehr femininer Wein, chambollehaft, in der Nase ein feines Parfum, im Mund weich und säureschwach, das Holz nur als Idee merklich, ohne technische Funktion.

Bei den fassvinifizierten Weinen gab Riceys sich als sportliche Joggerin, Banane und Fruchtzucker sind die passenden Energielieferanten, das Holz strukturiert und in der Nase fühlt sichs wohlig warm an. Die fassvinivizierten Montgueux hielten sich leider nicht besonders gut, grillierte Süß-Salzigkeit herrschte vor und wurde von einem Chinakohltönchen nicht gerade positiv untermalt. Da muss sich noch was tun. Viel getan hat sich beim elegantesten der Weine, der von einem für Eleganz bekannten Terroir stammt, nämlich aus Urville, und mich sogleich an die Weine von Drappier erinnerte, bei denen genau diese geschliffene und polierte Eleganz ein bestimmendes Wesensmerkmal ist. Der Pinot aus der Vallée  de la Seine 2008 hingegen stammte aus einem der am frühesten ausreifenden Sektoren und ließ das auch schmecken. Muskat und eine verschlafene Weiblichkeit schienen mir hier prägend. Nördlich von Urville tendiert die Eleganz in Richtung atärkerer Fruchtigkeit; südlich, auf dem Hochplateau zeigt der Pinot wieder vermittelnde eigenschaften und in Riceys stehen sich Frucht und Kraft gegenüber.

Ganz interessant finde ich immer wieder, wie viele Anregungen die Champagne aus der Bierindustrie übernimmt. Dort wie hier wird Tangentialfiltration und Jetting angewandt, was im fertigen Produkt wahrscheinlich niemanden interessiert. A propos fertiges Produkt: als nächstes kommt bei Devaux das Degorgierdatum aufs Etikett, was ich sehr begrüße. 

Champagnes:

1. Cuvée "D" Extra Brut

Feine, wohlige Wärme, das jodige, meinetwegen mineralische, salzige Element macht den Champagner zu einer Empfehlung bei Speisen ohne jegliche Sauce. Raffinierterweise merkt man nichts vom eingesetzten Holz, positiv dürfte wohl auch der Einfluss von Reserveweinen ohne BSA zu werten sein.

2. Cuvée "D" Brut

Der Chmpagner wird von Grillaromen beherrscht und ist mit 8 g/l dosiert, das macht ihn rundlich und gut, da er trotz allem  nicht zu hoch dosiert erscheint.

3. Cuvée "D" Rosé 

Ein Assemblagerosé, die Rotweinzugabe liegt bei 10-12%, der Pinot dafür stammt aus Riceys und Neuville. Der Rosé "D" ist immer ein jahrgangschampagnerg, aktuell 2008 aus hälftig CH/PN, ein Drittel bis zur Hälfte davon ist ohne BSA. Das ergibt eine Buttergebäcknase, lecker frisches Backofenbrot, außerdem ersetzt der Champagner den roten Fruchtaufstrich beim Frühstück. Wieder sind mit 7 g/l höhere Dosagewerte erreicht, als ich bevorzuge, aber die ansprechende, sogar etwas scheue Nase und das helle, schwache, ja hilfeheischendes Rosé mit weissem Charakter versöhnt mit dem unbotmäßigen technischen Wert. Insgesamt ist der Rosé frisch bis unschuldig, mit herzlichem Griff.

4. Millésime 2002 en Magnum, dég. Ende 2012 

Die Normalflasche ist schon bei 2005 angekommen, daher war es schön, diesen in der Aube gut gelungenen Jahrgang nochmal probieren zu können. Hälftig PN/CH, zeigt er sich reif und entwickelt, mit erstem Kastanienhonig und getrockneten Blüten, vor allem Kamille, was mir nicht so arg zusagte; ich würde den Champagner noch etwas liegen lassen.

 

VIII. Olivier Horiot

Wer meine Notizen verfolgt, weiss, dass ich Horiot schon länger im Blick habe, mit den Jahrgängen vom Anfang der 2000er Jahre aber gehadert habe. Nach mehreren ins Land gegangenen Jahren und Ernten hat sich das geändert. Bei meinem jüngsten, aber beileibe nicht letzten Aube-Besuch habe ich einen Blick in das Reich von Horiot geworfen und bin zusätzlich beruhigt. Dort läuft alles bestens. Die Frühjahrsverkostungen in der Champagne sind mittlerweile leider weit davon entfernt, getreue Lagebilder zu liefern, einfach weil es dort zu voll und drängelig ist. Für mehr als eine grobkörnige Momentaufnahme reicht es nicht; wenn man aber die Summe der Verkostungseindrücke zusammennimmt, ergibt sich sehr wohl ein brauchbares Bild, das sich insbesondere schärft, wenn man die deutlich verbesserten Einkaufsmöglichkeiten nutzt, die der Onlinehandel bietet. Denn dank einiger engagierter Händler bekommt man heute mühelos Champagner nach Hause geliefert, die früher unbedingt eine Tour vor Ort erforderten. Da mir die ruhige Nachverkostung besonders heißer oder besonders wackliger Kandidaten sehr wichtig ist, freue ich mich natürlich sehr über diese Entwicklung. 

Eine verdienstvolle Hilfe beim Terroirverständnis bietet Horiot mit seinen Stillweinen an. Den südlich ausgerichteten "En Valingrain" kann man dabei als den Grand Cru und den ostexponierten "En Barmont" als Premier Cru verstehen. Der Valingrain 2009 ist leicht, elegant, mit Kirsche, Cassis, Blüten, Malz, Nüsschen und zum Schluss hin Süßholz, manches Belgische Bier könnte so duften. Fruchtiger und um eine Spur einfacher gestrickt ist der Barmont, mich erinnern beide entfernt an Barolo und Barbaresco. En Valingrain hat 2010 als Besonderheit einen weißen Coteaux Champenois hervorgebracht, der sich aus Chardonnay, versehentlich vom Père Horiot gepflanzt, und Weißburgunder zusammensetzt. Schmatzt sich buttrig und karamellig vom Gaumen weg und ist mit mäßiger Säure ausgestattet, ganz ähnlich Badischem Weißburgunder aus der Dr. Heger Klasse, dachte ich mir beim probieren.

1. Cuvée Sève Rosé de Saignée 2007 Extra Brut

Pinot Noir aus Fassvinifikation, der ab 2008 aus der Lage Barmont stammt. Dieser hier ist immer noch sehr beerig, hat aber auch händevoll Rosenblüten, phenolische und nussige Töne gehen darin fast völlig unter, der Champagner wirkt auf mich wie persisches Pistazien-Rosenblüteneis. Mit Luft wird er dann auch sehr lasziv, eine sofortige Verführungsgarantie gibt es aber nicht, der Rosé 2007 ist dann doch mehr vom Typ trojanisches Pferd oder Langsamwirker.

2. Cuvée Sève Blanc de Noirs 2008 Brut Nature

Die weiße Version des Sève dampft sich, im Glas angekommen, erstmal aus wie jemand, der nach 20 Minuten 95°C-Sauna in den Schnee hinaustritt.Speck, Rauch und Nussmix, Räuchermandeln, Ingwer, Zitronengras und tonisierende Herbe. Ein Champagner von der Aube in denkbar guter Form!

3. Cuvée 5 Sens 2009 Brut Nature

Arbane, Pinot Blanc, Pinot Meunier, Pinot Noir und Chardonnay, fassvinifiziert und über ein Jahr dort drin gelassen, um sich zu vereinigen. Der resultierende Champagner ist saftig und trägt reichhaltige rote Äpfel mit sich herum, außerdem Blütenblätter, darunter wieder Rose und wie so oft in diesen Zusammenstellungen alter Rebsorten habe ich den Eindruck, im Konzert zu sitzen, wo jede rebsorte eine Solopartie spielen darf und sich sonst als teamplayer beweisen soll. Nicht allen gelingt das immer so gut, wie hier.

4. Cuvée Métisse Noir et Blancs Extra Brut

80PN 20PB, 2006er Basis, damals noch im kleinen Fass vinifiziert, jetzt ins Fuder übergesiedelt; der Reservewein stammt aus Solera, die Dosage liegt bei 2 g/l. Schönes easy drinking, wenn man zB an Horiots Wuzzler kickert. Nashibirne, Litschi, Apfel; als Siegestrunk genauso gut, wie wenn man verloren hat und den Schmerz zu lindern sucht. 

 

IX. Marie-Courtin

Die Aube ist bekannt für ihre starken Pinots, die Chardonnays aus dem nächst Chablis gelegenen Champagne-Teilgebiet kennt man hingegen seltsamerweise kaum. Von Pinot dominiert sind gewöhnlich auch die Champagner von Dominique Moreau, die unter dem Namen ihrer Großmutter derzeit heftig reüssiert: als Hommage an die Ahnin heißt das Haus „Marie-Courtin“. Die Formel für den brausenden Erfolg ist sorgsame sélection massale im Weinberg, wo konsequente Biodynamie stattfindet, während die Holzfassvinifikation mit weinbergseigenen Hefen weitestgehend interventionslos erfolgt. Unverfälscht ist daher auch die Präsentation ihrer Champagner, ganz ohne tünchende Dosage.   

Dominique Moreaus kleines Weingut an der Seine verfügt über Weinberge mit schöner Ostexposition, 6 Ar liegen am begehrten oberen Hügelrand, rechteckig darunter erstrecken sich die weiteren 2 Hektar. Bei einem so kleinen Betrieb gibt es nicht dauernd sehr viel Neues zu berichten; aber doch: etwas Arbane hat Dominique neu gepflanzt, die Rebsorte gibt freilich nur sehr wenig Ertrag von unter 2000 kg/ha. Man kennt die Champagner von Dominique hier noch nicht sehr gut, dabei macht sie alles richtig. Der Einsteiger ist rasant und messerscharf, die Concordance kommt völlig ohne Schwefel aus, Efflorescence und Eloquence sind Zeugnisse großer Weinbereitungskunst, die in keinem Augenblick verkrampft oder gezwungen wirkt.

1. Eloquence

Schöngeister, Humanisten und Angeber kennen Aristophanes als einen der großen griechischen Komödienschreiber, dessen Spott demaskiert. Ganz gleich, wo man sich nun selbst intellektuell ansiedelt, der Eindruck, den der Blanc de Blancs „Eloquence“ von Marie-Courtin macht, dürfte bei jeden ehrlichen Menschen mit einem Funken Weinverstand derselbe sein: Fassungslosigkeit und offenmündiges Staunen über den – und hier bediene ich mich bei dem genau zu diesem Zweck erwähnten Aristophanes – likymnischen Glutblitz unter den Champagnern und seine mehr als unverblümte Art. 100CH aus hälftig 2010 und 2009, 2009 hat Fassausbau genossen, 2010 war nur im Stahl; als reinsortiger Chardonnay stellt die Eloquence eine Ausnahme im Portfolio der Champagner von Marie-Courtin dar; doch bleibt die Dame dahinter ihren Prinzipien treu. Das erklärt den weihnachtskometenhaften Einschlag dieses Champagners am Gaumen, festlicher und natürlicher zugleich kann man gar nicht trinken. Feinste Holznoten bergen einen goldenen Schatz reifer Äpfel, Orangen und Gewürze, Säure strahlt selbst durch den dicksten Weihnachtsbraten noch hindurch und veredelt gestopfte wie ungestopfte Foie. Der Champagner hat außerdem eine Ladung gezuckerter Kräuter in der Nase, Rosmarin, Thymian fallen mir dazu ein, die leichte Zuckeranmutung ist fraglos auf den Extrakt des undosierten Champagners zurückzuführen. Sehr raffiniert und aus dem Hinterhalt wirken Rosenwasser, Faludeh, und Verbene auf den verblüfften Gaumen ein. Muss man probiert haben.

2. Resonance

100PN aus 2011, non dosé, aus dem Stahl, ist dieses Spitzenjahr frei von Krankheiten; der Ertrag lag bei Marie-Courtin zwischen 4600-9500 kg/ha und ergab diesen schlanken, glatten, erst im Hals vernachlässigbar hitzigen Champagner, der mit typischem Malzbonbon nicht gerade um sich wirft, aber doch sehr artig spielt. Agrumes, Nektarine und Ingwer schärfen den Champagner gekonnt auf. So geht ein gelungener Einstiegschampagner. 

3. Efflorescence

100PN, der Ausbau erfolgt für elf Monate in gebrauchten 228 l Fässern aus Burgund. Dem 2009er nimmt man gern sein feines Holzaroma ab und erfreut sich an der brillanten, schlanken, schimmernden Säure darunter, denn die notwendige Frucht bleibt voll erhalten und ganz am Ende hat das Holz einen wärmenden Einfluss.

4. Concordance 

100 ungeschwefelter PN aus 2010; das ist ein nur entfernt nussiger wein mit etwas oxidativem Ton, der kein Luftton ist. Delikat, vielschichtig, sonderbar im positiven Sinne.

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