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Monthly Archives: Juli 2014

Born to get fizzy: Ambassadeurstreffen im Louis C. Jacob (**/17)

Vor einem halben Jahr war ich zuletzt im Louis C. Jacob, wo es unter der Wein-Leitung von Markus Berlinghof und seiner Generalin Dagmar Willich so recht champagnerfreudig zugeht. Selbst oder gerade der Koch, Thomas Martin, hat einen besonderen Bezug zum Champagner. Seine letzte Station vor dem Jacob war in der Traube von Dieter Kaufmann, der sich nach ca. 20 Jahren Ansage nun tatsächlich auf das Altenteil zurückgezogen hat. Vor etwa genau so langer Zeit war das mal die Adresse schlechthin für Champagner und Kulinarik zumindest in NRW, wenn nicht in Deutschland, mittlerweile haben mehr, aber immer noch nicht genug Restaurants und Sommeliers ihr Herz für den Champagner entdeckt.

So wie das Jacobs. Da steht der unaufgeregte Mannheimer Martin im Küchenkeller unter dem Restaurant und kultiviert eine klassische Küche mit frischen regionalen Akzenten. Seine Kreationen werden von den Kellnern per Rolltreppe nach oben gebracht, das mindert die Gefahr von Kollisionen auf der statischen Treppe und selbst obwohl Martin nicht zum Türmchenbauen auf dem Teller neigt, werden die Kreationen bis zur Lieferung am Gasttisch geschont. Soweit so gut.

Nachdem der Wettbewerb der Ambassadeurs du Champagne sich 2014 zum zehnten Male gejährt hat, war es an der Zeit für einen Aussetzer, für einen Rückblick und für eine Vorschau. Das deutsche Champagnerinformationsbüro hatte dafür an die Elbe geladen und weil ich in der Riege aller Champagnerbotschafter wahrscheinlich der einzige untalentierte Küchenwerker bin, einen Kochkurs unter der Leitung von Thomas Martin organisiert.  

Zur Erfrischung gab es vorweg Gurke aus den Marschlanden: Gurkencoulis, Gurkenblüte mit Minigurke, Mayonnaise, dazu Ruinart, eine Kombination die sich sehen und schmecken lassen kann, wobei Ruinart und Mayonnaise zusammen schon sehr eigen schmeckten. Dafür ist vor allem die Gurkenblüte von einer Delikatesse, die ich bei dem weiterhin in der Gourmetküche geschätzten grünen Gemüse zu oft vermisse. Mit Champagner wird das zarte Vergnügen dann richtig sexy.

Jacques Lassaigne Les Vignes de Montgueux Extra Brut begleitete sehr gekonnt eine unter meiner Mitwirkung entstandene Hummerbisque, zu der sich auch der Deutz Blanc de Blancs Brut 2007 gut schlug. Besser schien mir der Deutz aber zur warmen Eismeerforelle mit Gemüsevinaigrette geeignet. Denn Lassaigne wog den aromaschweren Hummer und die gut gelungenen Röstaromen der Karkassen auf, während der viel höher dosierte Deutz sich vor allem auf dem Vinaigretteterrain mit der Forelle messen konnte, bzw. musste und reüssierte.

Danach gab es Henriots Brut Millésime 2005, einen Champagner, den man viel zu selten sieht – obwohl er, wie die Jahrgangschampagner von Häusern wie Henriot, Piper-Heidsieck, Taittinger und Alfred Gratien, ganz fabelhafte Möglichkeiten in der Kombination mit Speisen offeriert. Zum Glattbutt mit Bearnaise Aromen waren ihm beide Anspielstationen gleichermaßen gut geläufig wie einem Fussballer, der mit recht und links Tore schießen kann. Vielleicht liegt das Geheimnis in dem lechten Räucherton und dem zarten, haustypischen Toast.

Die auch mir nur schwach bekannte Amazone de Palmer von der für ihre alten Jahrgänge bekannten Genossenschaft sieht man in Deutschland eigentlich nur beim Selbstabfüllfranchise "Vom Fass", in Frankreich dagegen vielfach in gut sortierten Boutiquen, wo sie zu erträglichen Preisen zu bekommen ist. Der hälftige Mix aus Pinot und Chardonnay gefällt nicht jedermann, dafür mischen sich wahrscheinlich zu viele Reifetöne, Trockenfrüchte und klebriger Honig rein. Zum Essen kann man den Champagner freilich wärmstens empfehlen, der Seeteufel auf Cocobohnen vertrug sich jedenfalls vorbildlich damit. Das mag an den pikanten Bohnen gelegen haben, die den Champagner herausforderten, denn einen agilen, zugespitzten Gegenpart auf dem Teller muss die Amazone schon haben, damit ihr Jagdtrieb erwacht.

Den anschließenden Rehrücken mit Mairübchen und Pfifferlingen begleitete Gosset Grand Rosé mit großer, einladender Geste, ganz weltmännisch, gekonnt und glatt, professioneller als die besten Escortladies. Gosset Rosé und Wild kann ein untalentierter Koch nicht kaputtmachen und in der Zweisterneküche wird, unter Zuhilfenahme speziell der köstlichen Mairübchen, ein Gaumenkitzel daraus, der noch nach dem elften Gang beeindrucken würde.

So lange tafelten wir aber nicht, sondern schlossen mit Beaufort und Mimolette, die sich beide mit den letzten drei Champagnern zu einem Aromenringelreihen vereinten, der schlussendlich von Drappiers Cuvée Quattuor, Beeren und Kräutern fürstlich beendet wurde.

Nach dem hochoffiziellen Arbeitsessen ließ mich die wohlsortierte Champagnerbar des Hauses nicht in Ruhe und umgekehrt konnte ich den dotigen Glashumidor mit seinem provokanten Inhalt nicht einfach ungeschoren davonkommen lassen. Deshalb musste unbedingt noch eine Flasche Charles Dufour Oeuil de Perdrix Tirage Limité (311 Bouteilles), dég. 25. Juli 2011, meinen Bauchinhalt veredeln. Mit entschiedenem Behagen ließ sich dieser anfang sperrige Rosé erst nach viel Frischluftzufuhr genießen, doch wenn es erstmal soweit ist, gehört er zu den bereicherndsten Champagnern, die man trinken kann. Knarzig, aber nicht unbeholfen, beerenaromatisch, aber auf ungewohnte Weise, frisch, mit Eukalyptus, Minze, ätherischem Öl und weißem Pfeffer, mit Wacholderbeere, abgrenzenden, herben Aromen und ungewöhnlicher Entwicklungsfreude.   

Les Artisans du Champagne 2014

Den traditionellen Abschluss der Grands Jours in der Champagne hat bisher immer die Veranstaltung der Artisans du Champagne gebildet, traditionell verortet in der Reimser Gegend und nicht im Marnetal. Die Winzer dieser Truppe haben wieder ihren ganz eigenen Stil, mit Alfred Gratien und Vilmart sind ausnahmsweise sogar größere Häuser dabei, die aber ähnlich wie vielleicht Jacquesson oder Bollinger wegen ihres individuelleren Ansatzes eine gewisse Zugehörigkeit zu den Winzern empfinden. Oft hört man, dass solche Erzeuger von den Winzern als große Häuser und von den großen Häusern noch als kleine Winzerbetriebe betrachtet werden, sie sitzen also irgendwo zwischen den Stühlen. Diese Sparte füllt sich in den letzten Jahren zusehends, Selosse und de Sousa haben schon länger, Cyril Janisson, Rafael Bérèche und andere führende Winzer haben erst kürzlich NM-Zulassungen beantragt und erhalten. Damit können sie innerhalb kürzester Zeit Traubenzukäufe tätigen und damit ein interessantes Volumengeschäft betreiben. Gratien und Vilmart sind also nichts Fremdkörper, sondern haben eher eine Vorreiterstellung inne, ich zähle sie auch nicht zu den schlechteren Erzeugern der Gruppe, ganz im Gegenteil.    

Seit Veranstaltungsort der Artisans das Château des Crayères ist, finden sich dort vor allem Besucher mit gehobenem Kleidungsgeschmack ein, der Örtlichkeit angepasst ist hier die Anzugträgerdichte am höchsten. In meinen üblicherweis signalbunten Polos falle ich dort zumindest optisch am meisten auf.

Einzeln vorgestellt habe ich die Artisans-Winzer hier in toto vor zwei Jahren, daher kann ich mich mittlerweile etwas kürzer fassen.

 

Champagne Domaine Dehours & Fils, Jérôme Dehours

Unter den Vins Clairs fiel der Lieu-dit Les Genevraux Extra Brut 2005, 100PM, BSA, positiv wegen seiner Champagnernähe auf, wobei ein feines Tafeltraubenaroma sehr bekömmlich wirkte. Die Vallée de la Marne Rive Gauche fungiert als Basis für den Grande Réserve und den Rosé; sie gab es einmal in der normalen Stahltankversion aus 100PM mit BSA und einmal als 1998 begonnene Solera aus überwiegend PM, die hervorragend schmeckte und viel erwarten lässt.  

Die Grande Réserve Brut auf 2011er Basis mit einem kleinen Teil der Reserve aus Fassausbau macht 50% der Gesamtproduktion aus und ist also das Rückgrat des Betriebs. Leider begeistert mich dieser Champagner mal mehr, mal weniger, diesmal bekam er mit viel Nuss und Brot gerade noch die Kurve, ich hätte mir mehr Früchte und mehr Finesse gewünscht. Der Rosé mit dem Namen "Rose" ist ein Oeuil de Perdrix aus 2008, er besteht aus PM und CH, BSA ist gemacht, die Dosage beträgt 3 g/l. Der Rosé heißt nach der Tochter von Jérôme und trägt deshalb keinen Akzent. Vom Charakter her weiß eingestellt, schnittig, mit wenig Meunierfrucht und frechem Biss. Webig überraschend war der Genevraux 2006 spitze. Für einen Meunier hat er so viel Stärke, so viel Selbstbewusstsein und Power, ohne an einer Stelle zu dick aufzutragen.   

 

Champagne Doyard, Yannick Doyard

Gleich beide Vins Clairs fand ich exquisit. Der CH Clos de l'Abbaye aus Vertus profitierte davon, dass er keinen BSA durchlaufen hat. Schnittig, rassig, kraftvoll, kontrolliert, locker auf Grand Cru Niveau. Spiegelbildlich dazu war der Les Bonottes PN aus Ay wunderbar exakt, mit passgenauem Holz.

Die Cuvée Vendémiaire gab es als Brut und als Blanc de Blancs 2007. Das ist etwas irreführend, denn der Brut (2008 mit Reserven aus 2007 und 2006) ist selbst auch ein Blanc de Blancs, bloss dass die Chardonnays aus Vertus kommen und nicht wie beim Millésime aus Le Mesnil, Oger, Avize und Cramant. Dosiert sind beide mit 5 g/l, der Brut hat 40% Stahltank und 20% BSA, der Blanc de Blancs war komplett im alten Fassl und blieb ohne BSA. Richtiger wäre wohl, die beiden nach Premier und Grand Cru zu unterscheiden, sagt der Hausverstand. Aber so ist es eben nicht. Der Brut kommt viel süßer daher ist ordentlich und saftig, auch von gehöriger Kraft, aber von ganz anderem Kaliber als der Millésime. Das ist einer der richtig starken Chardonnays und ein Paradebeispiel für den gekonnten Einsatz von altem Holz. Sollte man getrunken haben, wenn man über die Côte des blancs urteilen will, mir gefiel er aus der Aufstellung von Doyard jedenfalls am besten. Nicht so gelungen wirkte leider der erst im Dezember 2013 degorgierte Clos de l'Abbaye 2009, dessen 4 g/l deutlich vorschmeckten und sich recht ordinär über den eleganten Spitzen des Champagners wälzten, so dass es fast nicht möglich war, den wiederum sehr gelungenen Holzeinsatz zu bewundern. Zum Schluss kam ein Hedonistenchampagner der Extraklasse, die Cuvée La Libertine, ein 1998er Chardonnay aus Vertus, zu 100% im Fass vinifiziert, mit 65 g/l dosiert. Was ein Nektar. Reif, mit Morcheln und Honig, ein Champagner zum schlemmen.    

 

Champagne Gonet-Medeville, Xavier Gonet

Von Xavier Gonet gab es zwei reinsortige Vins Clairs, von denen mich der Chardonnay aus Le Mesnil, Champ d'Alouette, nicht umwarf. Umso mehr war ich aber vom Pinot aus Ambonnay angetan. Der hatte wieder alles, was ein machtvoller Pinot haben soll. Druck, Säure und ein Geschmacklager wie ein mittleres Logistikzentrum von amazon.

Tradition Premier Cru, wie eh und je 70CH 25PN 5 PM, kein BSA, mit 6 g/l dosiert; seltsam, vielleicht noch nicht ganz integriert war der sonst doch so gute Brut Tradition. Widersprüchlich schienen mir hier die deutlich fortgeschrittene Reife und die unbalancierte Süße. Der Rosé Extra Brut mit 70CH 30PN aus Le Mesnil Bisseuil und Ambonnay hatte nur 3 g/l Dosage und war in altem Barrique vinifiziert worden. Den hohen Chardonnayanteil merkte man sofort, dann kamen Nuss, Kokosschäumchen, nervöse Frische und gesetzter Pinotcharakter, was einen guten Rosé ergab. Der folgende Blanc de Noirs Premier Cru hatte früher immer 30% altes Holz in der Vinifikation, wie viel es jetzt ist, weiss ich nicht, aber er ist mit 6 g/l dosiert. Im Gegensatz zum Rosé hat er mehr innere Ruhe, ohne dass er etwa langweilig wirken würde, die höhere Dosage ist aber wahrnehmbar. Weil mir das schon einige Male aufgefallen ist, wäre der nächste Schritt am besten eine ganz kleine Reduzierung auf 5 oder 4 g/l.

 

Champagne Alfred Gratien, Nicolas Jaeger

Ein Grundwein, ein Knaller. Der Chardonnay Grand Cru Mix aus Oiry und Avize aus dem Holz ohne BSA war riesig, Frucht aus dem Norden traf Frucht aus dem Süden, begleitet von Kreide, Würze und fiebrigem Alkohol.

Bei den Champagnern machte der 2007er Blanc de Blancs (Avize, Mesnil, Chouilly, Oger, Cramant) den Anfang, mit 8 g/l dosiert schien er mir etwas sehr gefällig, der Brut Classique 46CH 25PN 29 PM auf 2008er Basis hatte da mehr Sympathien für sich, trotz seiner ebenfalls 8 g/l Dosage. Mag sein, dass die Jahrgangsbasis einfach eine bessere ist und die 15% Reserve aus zB auch 2007 nicht so sehr ins Gewicht fallen, vielleicht ist aber auch der ausgewogene Rebsortenmix ein maßgeblicher Vorteil. Der laufend unterschätzte Paradis Brut aus dem Jahr 2006 aus 65CH 35PN wurde im Holz vinifiziert und hat keinen BSA abbekommen. Daher wirkt er auf hohem Niveau gespannt, die merkliche Dosage könnte aber ruhig etwas besser eingegliedert sein oder gleich ganz um ein zwei Gramm runtergesetzt werden, wie ich dieses Jahr erstmals festgestellt habe. Mein unerwarteter Liebling war der schließende Brut Classique Rosé, ein Assemblagerosé aus 45CH 29PN 26PM und 10% Rotweinzugabe, aus Bouzy natürlich. Ernst- und schmackhaft, Birne, Preiselbeere, eingekochte Aromen, die aber nicht hitzig oder unfrisch wirken.   

Champagne M. Hebrart, Jean-Paul Hébrart

Die beiden Vins Clairs aus Chouilly Montaigu Grand Cru (CH) und Mareuil sur Ay (60PN 40CH) waren sehr exemplarisch und vorbildlich herausgearbeitet. Der Chardonnay aus Chouilly hatte die angenehme Gänseflaumtextur, die ich dort für besonders typisch halte. Der Mix ist Grundlage für den 2013er Special Club, von dem ich annehme, dass er enormen Druck erzeugen wird, wenn schon der Vin Clair so loslegt. Hat mir sehr viel Spass gemacht.

Die Champagner begannen mit der Cuvée Sélection auf 2009er Basis (70%), der Rest stammt aus 2008 und 2007, 65PN aus Mareuil-sur-Ay und Ay 35CH aus Oiry, im letzten Jahr kam der Chardonnay noch aus Chouilly und beim Pinot spielte Ay keine Rolle. Vinifikation im Stahltank, BSA, die Dosage liegt bei 7 g/l. Das ist in jedem Jahr unter den höher dosierten Standards einer meiner Lieblinge. Den Durchbruch nach ganz oben hat er irgendwie noch nicht geschafft, was am verhaltenen, gebremsten Naturell liegen mag. Doch das Zeug dazu hat er. Der Special Club 2009, 60PN aus Mareuil-sur-Ay, Ay 40CH aus Chouilly, wurde im Stahltank vergoren, BSA absolviert und hat 6 g/l Dosage bekommen. Mir gefiel er schon sehr gut. Pricklig, unruhig, positiv aufgekratzt, mit einer freundlichen Limonadennote und nach ein paar Jahren sicher sehr schöner Herbe. Noch besser war nur noch der Rive Gauche – Rive Droite Grand Cru 2008, was das bessere Jahr war. Hier finden Ay und Chouilly in gleichen Teilen zusammen, die Vinifikation erfolgt im Holzfass und dosiert wird mit 4 g/l. Das ergibt einen fedenrd leichten Champagner, der so mühelos über den Gaumen hoppelt wie ein gutgelaunter Jungkater, wenn es Futterchen gibt. Exotik spielt eine Rolle, getrockenete Kokosflocken, getrocknete Ananas, die Essenz eines ganzen Cocktails im Kleid eines Champagners, paradiesisch.

 

Champagne Domaine Lancelot-Pienne, Gilles Lancelot

In Cramant, das vor allem von Namen wie Diebolt-Vallois und Lilbert dominiert wird, tutu sich was. Eine ganze Reihe neuer Namen macht dort von sich reden und aus der Lancelot-Familie ist Gilles mit von der Partie. Seine Weine scheinen mir nur etwas zu weich, süsslich und unfokussiert, um am ganz großen rad mitzudrehen. 

Die Cuvée de la Table Ronde Grand Cru mit 100CH aus Cramant, Avize und Chouilly, in deren reserve fast zwanzig Jahrgänge Solerareserve verarbeitet sind, gibt es als brut Nature und als Brut mit 8 g/l Dosage. Der Brut gefällt mir besser. Nuss, kandierte Orange, Apfel und Brioche kommen dort besser zur Geltung, während der Brut Nature etwas schlaff in den Seilen hängt, weil ihm die alten Soleraanteile scheinbar innerlich zu schaffen machen. Die Cuvée Marie Lancelot Grand Cru 2009 ist ein reiner Chardonnay aus Cramant, im Stahl mit BSA vinifiziert, 4 g/l Dosage. Ganz schön kräftig, wie ein zartes Weibchen mit dem prankigen Händedruck eines Bauarbeiters. Im Mund ziemlich herb, ging der mehr so, als dass er wirklich rannte. Anegnehmer, freundlicher und stimmiger schien mir die Cuvée Perceval 2009 zu sein. 50PN 50CH aus der Vallée de la Marne, genauer: Boursault, wo die Veuve ihr Schloss hat(te) und der Côte des Blancs, Stahltanks, BSA, 7 g/l. Schön süffig, mit einer nicht mehr ganz zeitgemäß wirkenden Noblesse.

 

Champagne Nicolas Maillart, Nicolas Maillart

Ecueil, Stadt, bzw. Dorf, bzw. Weiler der Helden. Nicolas Maillart, der in Deutschland seltsamerweise noch keinen Importeuer hat, bestach mich erstmals in der Traube Tonbach und seither immer wieder. Die Vins Clairs, PN je einmal aus Bouzy und einmal aus Ecueil, waren so dynamisch, wie ich Pinot Noir nur selten erlebt habe. Das ist ein Merkmal, das man in den Champagnern wiederfinden kann, wenn nicht die Dosage einen Stricj durch die Rechnung macht. 

Die Cuvée Platine Premier Cru, 80PN 20CH aus Ecueil, Bouzy, Vilers-Allerand, Fassvinifikation, habe ich in zwei Versionen probieren können. Der mit 4 g/l dosierte Extra Brut war schwebend und leicht, wirkte aber von der von der Süße gegen Ende doch etwas herabgezogen und plattgedrückt, wie eine gestylte Frisur nach dem Nickerchen. Danach konnte ich ein Spätdegorgement probieren, die 2006er Cuvée, mit 8 g/l Dosage, was entschieden zu viel war. Blanchierte Mandel, Fenchel, Apfel, Sellerie, Walnuss, kurzum, ein Waldorf-Salat zum trinken. Überschminkt war leider auch der Rosé aus 70PN 30CH, fassvinifiziert, mit 8 g/l, nach dem spätdegorgierten Platine konnte er sich mit wenig Mühe noch durchsetzen, was immerhin für die Sinnhaftigkeit der Probenabfolge spricht. Viel mehr habe ich dem Rosé leider nicht abgewinnen können. Völlig anders und genau so, wie ich mir alle Champagner von Maillart wünsche war dann wieder der schon in den Vorjahren auffällige Blanc de Blancs Premier Cru Chaillots Gillis 2004, aus einer Lage in Ecueil, die Grand Cru Status beanspruchen kann. Großer burgundischer Charakter, der ohne BSA und bei 3 g/l Dosage auch frei zur Geltung kommen kann. Reif, fein, stark, lang. Ein anderer, schon länger etablierter Klassiker von Maillart schloss die Reihe ab: Francs de Pied Blanc de Noirs Premier Cru 2005, das optimale Gegenstück zum Chardonnay, zeigte sich jetzt erstmals ansatzlos trinkbar und machte keinerlei Zicken, so dass ihm der Umweg über die Karaffe erspart werden kann. 

 

Champagne Pierre Paillard, Antoine Paillard

Wenn man an Bouzy denkt, denkt man oft an nichts Gutes. Zu plakativ gehen viele Erzeuger mit dem typischen Haselnussaroma der Trauben dieses Grand Cru um, als müsste man sonst nichts hinkriegen, außer eben dieses Haselnussaroma. Dass das schnell langweilt und den Champagner unnötig eingrenzt, müssen einige Winzer erstmal verstehen. Antoine Paillard hat's verstanden. Seine Vins Clairs sind zauberhaft. Die Lage Les Maillerettes ist mit alten Pinot-Reben bepflanzt. Der stahltankvergorene Wein ist reichhaltig, strotzt vor Löwenzahn, Kräutern bis hin zum Beifuss, hat eine schmelzige, lockende Süße und kann so wie er ist getrunken werden. Ähnlich ist es beim Les Motelettes, einem Chardonnay mit 11,2° Alkohol, also 0,1 über dem Maillerettes. Mächtig, selbstbewusst, mit zurückhaltenderer Säure, Malz, Kräuterzuckerl und Sauerkirsche.

Bouzy Grand Cru 60PN 40CH, im Stahltank vergoren, mit 5 g/l dosiert, ist immer eine sichere Bank und gegenüber letztem Mal gleich 2 Gramm in der Dosage gesunken, wobei ich noch weiteres Einsparpotential sehe. Nuss, Kirsche, Apfel, Brotrinde, ein bisschen Eukalyptus meine ich auch wahrgenommen zu haben. Gewaltig war der Blanc de Noirs Les Maillerettes 2009, mit 3 g/l. Orangenfilets in Joghurtsauce, herbe Schokoladensplitter und kandierter Ingwer. Toll und um Längen besser als die Vorgängerversion mit ihren dicklichen 8 g/l. Der Blanc de Blancs Les Motelettes 2009 hat für meinen Geschmack zu viel BSA abbekommen und wirkte laktisch, war damit aber noch nicht an der Schmerzgrenze angekommen, im Mund zeigte er sich forsch, schlank und sehr konzentriert bei der Arbeit, jedoch deutlich schwächer als der Pinot. Für einen Bouzy-Chardonnay völlig okay. Bouzy Grand Cru Millésime 2004, 50PN 50CH, mit 3 g/l dosiert, en Magnum serviert. Vom Vintage aus dem Hause Pierre Paillard war ich schon lange ein guter Freund, durch die gesunkene Dosage fällt es mir noch leichter bei der Stange zu bleiben. Der 2004er schmeckt wie ein idealer Kompromiss aus Maillerettes und Mottelettes.

 

Champagne Daniel Savart, Frédéric Savart

Eine der großen Erfolgsgeschichten der letzten fünf Jahre und die Geschichte eines weinfanatischen Champagnerwinzers. Die Vins Clairs aus Villers aux Noeuds und Ecueil sind deftig, fordernd und sehr stark, ganz wie die Champagner.

Die Cuvé Ouverture, seit zwei Jahren so etwas wie mein Lieblings- und Hauschampagner, war wie eine herzliche Begrüßung im eigenen Haus, so vertraut, gut, erholt und bester Laune wie nach der Rückkehr aus einem erlebnisreichen Urlaub. Die Cuvée L'Accomplie auf 2010er Basis legt immer etwas mehr an Komplexität drauf, durch den leichten Holzeinsatz und die um ein Gramm niedrigere Dosage von 5 g/l. Für mich ist das, um es in Masse zu trinken, schon einen Hauch zu viel, weshalb ich meist lieber beim perfekt ausgewogenen Ouverture bleibe. Der Bulle de Rosé aus 80PN 12CH und 8% Rotwein aus Ecueil, Stahltankvinifikation, mit 6 g/l dosiert, ist fein und schlank, nach den brachialen Einsteigern wirkt sie zerbrechlich und mit ihrer milden Frucht fast ein wenig schüchtern. Die Krönung der Range ist im Moment die Cuvée Expression, von der es nur den Inhalt zweier Fässchen gibt. Pinot Noir, der so abgründig ist, wie schwarze Magie. 

 

Champagne Vilmart & Cie., Laurent Champs

Die Vins Clairs von Vilmart zu probieren, lässt einen innehalten. Diesmal gab es den Les Blanches Voies aus Rilly la Montagne in doppelter Ausführung. Der reine Chardonnay geht in den Grand Cellier d'Or 2013, der Mix aus 80CH 20PN landet in der Coeur de Cuvée 2013. Wahnsinnig nobel sind beide, aber auch so, als wollten sie gerade nicht gestört werden.

Die Champagner mussten sich dann aber die Störung gefallen lassen und machten das sogar ganz gerne. Der Grand Cellier, 70PN 30CH, auf Basis 2011 mit 2010 und 2009, verbrachte 10 Monate im Fuder und hat keinen BSA. Seine 9 g/l sind so gut versteckelt wie bei nur ganz ganz wenigen Champagnern. In diesem Segment so ziemlich das beste, was man frei kaufen kann und in rauhen Mengen tun sollte. Ein in allen Bereichen üppiger ausstaffierter Champagner ist der Grand Cellier d'Or 2009, dessen technische Daten dem Grand Cellier natürlich stark ähneln, nur dass es hier 80CH 20PN sind, bei einer Dosage von 8 g/l. Der Grand Cellier d'Or ist im Verhältnis zur Coeur de Cuvée das, was richtig guter Barbaresco im Verhältnis zum Barolo ist. Der agilere, flottere, früher trinkbare Wein, der sofort loslegt und Riesenspass macht. Das heisst nicht, dass die Coeur de Cuvée 2006, 80CH 20PN, von 50 Jahre alte Reben, mit 8 g/l dosiert, lahm wäre. Im Gegenteil, diese Coeur de Cuvée steckt, was ich bisher noch nie erlebt habe, den Grand Cellier d'Or einfach in die Tasche. So viel Raffinesse, so viele quirlige, konzertiert umherwuselnde Früchtchen, die sinnliche Holznote, die immer im rechten Moment, wenn die Früchtchen schon zu sehr zu toben drohen, besänftigend eingreift, das ist einfach bewundernswert. Die Cuvée Rubis kommt da nicht mit. 90PN 10CH mit 10 g/l dosiert, sind dann wirklich etwas zu langsam und mehr etwas für die Essensbegleitung bei Paul Bocuse, wo alles auf Sättigung ausgelegt ist.

 

Champagne Pierre Péters, Rodolphe Péters

Bei Rodolphe Péters Einlass zu erhalten, war einige Jahre lang gar nicht so leicht. Mehrmals stand ich vor verschlossener Tür, bzw. wurde abgewiesen, weil nix zum Verkaufen mehr da war oder weil die Bude voller amerikanischer oder japanischer Einkäufer war. Das hat sich etwas entspannt, der Ruf von Pierre Péters, der in USA wie Donnerhall klingt, in Deutschland aber eher der eines einsamen Rufers in der Wüste zu sein scheint, hat indes nicht etwa gelitten. Seine Vins Clairs sind nach wie vor Erlebnisse, ich glaube nur, dass die Traubenversorgung mitllerweile etwas einfacher für Pierre Péters geworden ist und die Lage sich deshalb entspannt hat. Ganz gleich, ich habe dieses Jahr drei einzelne Lagen probiert, die mich froh und glücklich stimmten. Der Le Mesnil Chardonnay Le Montjoly (daraus wird es ab dem 2012er Jhrgang einen neuen Einzellagenchampagner geben) war der weichste davon, der Chétillons war der präziseste, knackigste und der Mussettes war nochmal mächtiger, nussiger, dichter, dunkler, gewaltiger als der Chétillons. Mounmental ist eine gar nicht so fernliegende Qualifikation dafür. 

Die Champagner begannen mit dem Perle, auf 6,5 g/l dosiert. Weich und fruchtig, Candy mit Sahne, ein Einstieg in die Péters-Welt, der irreführend ist, denn die Perle ist eigentlich untypisch. Trotzdem schmeckt sie gut, weil der Candykram nicht dauerhaft vorschmeckt, sondern einen kräftigen Chardonnay verdeckt, der sich mit Luft aber schnell freikämpft. Der L'esprit 2009 ist ein Champagner, der das Messer zwischen den Zähnen hat und sich nicht erst freilämpfen muss. Alles ist hier konkret und greifbar, bei 4,5 g/l auch nur wenig Speck, kein Candy, dafür männliche Herbe und ein interessantes Duell der vier südlichen Grand Crus der Côte des Blancs. Das Finale bildet der bereits weithin bekannte Chétillon 2007, Le Mesnil Chardonnay, der zupackt. Gesunde Reife, die Orangen-Ingewerstäbchen, Himbeerpurée, Johannisbeere, rote Grütze und markige Aromen in die Welt entlässt, sämig, konzentriert und lang. Einer der Champagner, auf deren Reifepotential ich nichts verwetten möchte, weil sie schon jetzt so viel zu bieten haben, dass ich immer befürchte, dass sie bald augebrannt sind, bei denen aber die tollsten Entwicklungen möglich sind.

Säbeltanz: Pommery 1945 bis Krug 2003

An die vierzig Städte in Deutschland nennen sich Stetten, aber nur eine davon liegt im Donnersbergkreis und erlaubt Winzern den bequemen Zugriff auf gleich drei Anbaugebiete, Nahe, Rheinhessen und Pfalz. Stillweinfexe wissen, was das heisst; ich war bei Boudier & Koeller, der Trägerrakete des guten Geschmacks. Über die beiden Jungens, ihr geschichtsträchtiges Weingut und ihre Neuverpflichtungen in Keller und Küche wurde schon reichlich von besser dazu Berufenen geschrieben (CaptainCork, Drunkenmonday/Nico Medenbach, Vinositas/Joachim Kaiser); ich kann mich deshalb kurz fassen, allen Lorbeer als berechtigt bestätigen und mich selbst für die Entscheidung beglückwünschen, die Gastfreundschaft der Hausherren rechts und links der Hauptstraße in Stetten für eine Champagnerprobe in Anspruch genommen zu haben, auf der nicht nur tüchitg getrunken, sondern mit ebensoviel Fleiß gesäbelt wurde. 

Eingeleitet wurde mit einem Blanc de Noirs von Boudier & Koeller, der sicher manchem Champagnerkellermeistr noch Tränen der Rührung in die Augen treiben könnte; es folgte der geschichtsträchtige Müller-Thurgau Mathilde von Tuszien, sprich Toskana, in die man sich unter zig Feigenbaumarten und angesichts eines herrlichen Exemplars von Paradiesvogelbaum sowieso gefühlsmäßig versetzt fühlen konnte. Der M-T von Boudier & Koeller wäre zu schade für Cola weiß und das will was heißen, denn eigentlich gehören nach meinem Empfinden alle Müller zur Vollendung ihres irdischen Daseins in die Cola, wenn nicht gleich in den Ausguss. Der Müller von Boudier & Köller soll weder in das eine noch in das andere, sondern nur mit geschlossenen Augen getrunken werden, wer mag, mit einem der scheinbar immer gefragten Geschichtsschmöker auf dem Schoss. Die Cuvée Prestige von Serge Mathieu läutete den Übergang zur eigentlichen Champagnerzeitreise ein. Der Prestige erwies sich dabei als passendes Bindegleid zwischen dem unverschnörkelten Stil der Gastgeber und den ersten feinen Bläschen, die zum Essen serviert wurden und aus Gründen der Nahtlosigkeit zur Hälfte ihrerseits aus der Aube stammten. 

Tartar mit Beef Tea und Ingwer Gelee, dazu gab es
 Drappier Grande Sendrée 2006
und Cattier Clos du Moulin 2006

Die Champagner nahmen vertauschte Rollen ein, die Grande Sendrée kam als Aubeplayer und hätte daher die Rolle der robust geratenen Pinotcuvée mit weniger bedeutsamem Anteil Chardonnay innegehabt, während der Clos du Moulin Athletik, Konzentration und Sportlichkeit eines Premier Cru mit alten reben in der nördlichen Montagne de Reims hätte verkörpern sollen. Hätte. Denn in der Blindverkostung würden sicher weit über 90% die Champagner genau umgekehrt zuordnen, so mein Kalkül. Das ging auf und die beiden Champagner spalteten die Trinkerschaft sofort klar in zwei Lager. Crèmig, sahnig, weich, mit milchigem Toffee, das war der ruhevolle Clos du Moulin, den man mit etwas Konzentration vielleicht noch als Premier Cru hätte zurodnen können, aber die Aufgabe ist wahrhaftig nicht leicht. Vor allem das geschichtliche Erbe dieses 50PN 50CH Mix, der als ältester Clos der Champagne überhaupt gilt, macht die Zuordnung problematisch. Die Grande Sendrée wäre solo wahrscheinlich leichter zu erkennen gewesen, im Zusammenspiel mit dem Clos du Moulin brauchte es schon sehr viel Trinkerfahrung, am besten mit beiden Cuvées, um klare Unterscheidungen treffen zu können. Zum Beef Tea und zu den Ingwerwürfeln passten jedenfalls beide Champagner sehr gut und bei dieser Aromatik auf dem Teller habe ich dem Clos du Moulin sogar deutlich den Vorzug geben müssen.  

Seeteufel mit Zucchinispaghetti und Paprikasabayon, dazu
Taittinger Collection Vasarely 1978
Taittinger Collection Masson 1982

In erstklassiger Verfassung war Taittingers Vasarely 1978, die Plastikhülle hat also nicht nur einen künstlerischen, sondern auch einen für die Reifung förderlichen Mehrwert. Gut schonmal, das zu wissen. Richtig toll wird es dann beim Geschmack. Fizzy, drahtig und aufgekratzt war der 78er, formal ja eigentlich das unterlegen Jahr. Nur war hier so viel Kohlensäure und springlebendiges Leben drin, dass egal wer es danach schwerhaben musste. Dieser egalwer war die Collection 1982, die viel müder, langsamer, schwerer und oxidativer antrat. Meh Karamell, mehr Sherry, weniger Bläschen, warf der jüngere Flightpartner in die Waagschale und wurde deshalb von den meisten teilnehmern für zu leicht befunden. Mit dem Essen, das vor allem bei der Paprika fordernd war, schlug sich der behende und viel freier agierende Vasarely ebenfalls deutlich besser.

Als entr’acte hatte ich die Champagner von Benedicte Leroy vorgesehen. Grundidee und Analyse sollten es werden, das heißt: einmal den Rebsortenmix, um die Annäherung an Ruppert-Leroy zu ermöglichen und dann die einzelnen Rebsorten, kompromisslos bis zum Ende durchvinifiziert, um den Genotyp zu erkennen. Benedicte, die heute über vier Hektar gebietet, hat die Phase, in der wertvolles Rebland früher zum Schafeweiden verwendet, bzw. die Trauben an die Kooperative abgeliefert wurde, was zwar nicht aufs selbe rauskommt, aber zumindest eine Kontrolleinbuße bedeutet, 2009 radikal beendet. Seit sie sich selbst um die Trauben kümmert, hat sie einen irrsinnigen Aufstieg verzeichnet. Noch vor drei Jahren kannte, von den Nachbarn im malerischen Essoyes abgesehen, kein noch so champagnerinteressierter Mensch ihre Erzeugnisse, heute finden sie sich in den feinsten Kellern Europas und bald der ganzen Welt.  

Ruppert-Leroy Fosse-Grely Brut Nature

80PN 20CH

Nach der Tankgärung folgt eine Hefelagerzeit von 6 Monaten, in der Flasche gibt es zwei Jahre Hefekontakt. An dem Champagner ist kein Schmuck, kein Schnörkel und keine einzige unnötige Kleinigkeit, sondern alles ist Konzentration auf die unter Höchstdruck miteinander verschweißten Komponenten. Das lässt den Champagner wie ein nicht ganz fertig bearbeitetes Werkstück aussehen, dem jede Verfeinerung fehlt und so empfinde ich das auch. Man kann förmlich noch die Schweißnaht zwischen den beiden Rebsortenklötzen sehen, auch wenn man aromatisch keine Übergänge oder Unebenheiten wahrzunehmen vermag. Etwas ist doch da, das sich gegen die totale Vermählung wehrt und damit Spannung erzeugt.  

Ruppert-Leroy Martin Fontaine Blanc de Blancs Brut Nature 

Der Chardonnay macht klar, dass er kein Verschnittpartner sein will. Gegen jede Art von Vermählung würde er wütend protestieren. Das ist, in milderer Form, das was im Fosse Grely die Spannung ausmacht. Mit dem Martin Fontaine ginge das nicht, eine Cuvée würde dem Winzer wohl um die Ohren fliegen. Was der Chardonnay dagegen sehr gerne mag, sind reduktive, salzige und jodige Noten, ein Austernfrühstück mit bergeweise Zitronen wäre für ihn nicht nur kein Problem, sondern er hinterlässt auch dasselbe Gefühl im Mund.

Ruppert-Leroy Les Cognaux Blanc de Noirs Brut Nature

Nicht ganz so kämpferisch und wütend ist der Pinot Noir. Aber ein Hauch von sibirischem Bärenjäger wohnt auch ihm inne. Grimmig, dicht verpackt, dabei von praxiserprobter Funktionalität und ohne sinnlosen Ballast, wärmend wie ein gemütliches Feuerchen, aber nicht verbrennend, wie wenn man zu nah ans feuer drankommt; an Kälte und Einsamkeit gewöhnt, aber mit einem Auge für das Schöne, für Blumenwiese, vereinzelt wachsende Beerenfrüchte und das gegen Herbs ansetzende Fett wildlebender Tiere.  

Die Pause füllte ein kleines  Apfel-Kirsch Sorbet, denn der Gaumen sollte präpariert und geklärt sein, für Großes.

Krug 2003

gehört fraglos zum besten, was das Jahr herzugeben hatte. So unbelastet, schlank und rassig hätte ich mir noch Anfang des Jahres Krug 2003 nicht vorzustellen gewagt. Doch wurde ich eines bessern belehrt und konnte den Teilnehmern meiner kleinen Verkostung avec fierté et dignité den neuen Krug vorstellen. In Champagnerkreisen hat sich rumgesprochen, dass 2003 ein Jahr ist, das man guten Gewissens überspringen kann und speziell beim Chardonnay kann man das wahrscheinlich gut verallgemeinern. Für Krug 2003 heißt das, dass die Cuvée völlig anders gebaut werden musste, als die beiden Vorgänger 2000 und 1998, in denen Chardonnay eine tragende Rolle spielte. 2003 gabs nur winzige Mengen ausgereifter und brauchbarer Chardonnays, im diesjährigen Krug hat es für schmale 25% gereicht. Der Rest ist Pinot Meunier (25%) und Pinot Noir. Heftige Ansage also. Und heftiger Stoff, dem man die Problematik hinter seiner Entstehungsgeschichte gar nicht glauben will. Der 2003er Krug ist ein geschmacklicher Ritt auf der Kanonenkugel, bei dem das Jahr nicht einen Moment lang verleugnet wird und die Aromen dennoch so frisch sind, dass ich mich beim Trinken immer wieder gefragt habe, ob ich wirklich den richtigen Jahrgang gegriffen oder nicht am Ende durch einen irren Zufall sogar schon den 2004er im Glas habe. Hinkommen könnte es ja, so schlank und elegant wie der 2003er wirkt, mit wenig Nuss und Apfel, für Krugverhältnisse, dafür mehr Zitrus, Ingwer und frischem Wacholder. Warum der in England schon nach wenigen Stunden ausverkauft war, erschließt sich mir deshalb trotz aller Vorbehalte gegenüber dem Jahrgang. Der passte natürlich ohne dass das besonderer Erwähnung bedurft hätte gut zum folgenden Gang      

Rinderfilet Spargelgemüse und kleine gebratene Zitronenkartoffeln, dazu passten aber auch:


Pommery 1945, der sich spitzenmäßig gehalten hatte, viel Sherry, eine Anung von Restprickeln, viel Milchschokolade und etwas Kaffee ins Spiel brachte. Für mich zusammen mit Vasarely 1978 und Krug 2003 einer der drei Champagner des Abends. 

Perrier-Jouet Belle Epoque 1979 wollte erst nicht ganz so schön aufgehen und zierte sich gehörig, obwohl ich weiß, was für ein braves Mädchen das eigentlich sein kann. War sie dann auch, aber nicht ohne den Wermutstropfen einer rumpeligen Eröffnungsphase.


Pommery Louise 1988 wollte es der Belle Epoque eigentlich nicht gleichtun, war aber von der selbstbewussten Zickigkeit der älteren Cousine immerhin beeindruckt genug, um mich beim ersten Reinriechen erstmal an Kork denken zu lassen. Der Eindruck schwand zum Glück schnell und entpuppte sich als eine eher dem Jahrgang zuzuschreibende säuerliche Erdigkeit mit Krustentiercharakter, Land und Meer in ganz eigener Interpretation also.

Das Dessert lässt sich immer nur schwer mit Champagner begleiten, deshalb gab es zu

Creme brûlée mit Minze und Erdbeersalat einen

Champagne Charlot Côteaux Champenois Rouge 2005 und danach erst den bekanntermaßen guten Gosset Celebris 2002. Den Charlot Rotwein habe ich vor Ort probiert und war ganz überwältigt davon, wie ein 2005 von der Omi, die damals noch das Sagen hatte, im Tank vergessener Pinot Meunier (!) als Stillwein performen kann. Vor allem zur Crème brûlée eine zwar nicht naheliegende, aber sehr eingängige Kombination. Der Celebris putzte zum Schluss alles aus, was den Gaumen noch nicht verlassen hatte und schärfte mit seiner gefühlvoll tonangebenden Art die langsam wegnickernden Sinne für die weiteren noch anstehenden Sabragen.

Im freien Ausklang gab es von Champagne Tristan H. die viel zu früh aus dem Reifeschlaf gerissene Cuvée "Iseult", deren eigenwillige aber freundliche Art auch nach ausgiebigem Mahl noch zu gefallen wusste. Von Marie-Courtin habe ich danach die Eloquence geöffnet, um die nun schon teilweise zum mittlerweile laufenden Fussballspiel spitzenden Kämpen bei der Stange zu halten;mit Boizel, Tarlant Brut Zéro, Drappier Blanc de Blancs Signature, Molitors Wehlener Sonnenuhr Kabinett, dem Stettener Riesling von Boudier & Koeller, und ganz zum Schluss einem kräftigen Château Rieussec 1990 nahm der Abend dann ein schönes Ende, ungeachtet des Fussballresultats.