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Monthly Archives: August 2014

Terres et Vins de Champagne: Paulet, Boulard, Pascal

Hubert Paulet

Brut Tradition 2008er Basis 4 g/l, wieder mal war die Schokolade leitmotivisch, trotz der nicht besonders hohen Dosage gab es viel Harmonie und Süße, wohl dem Jahrgang geschuldet.

Rosé Mazeration 2005er Basis, 6 g/l, Joghurette in der Gourmetversion

Cuvée Risleus, aus 47CH 32PN und 11PM, 7,5 g/l, röstig, reif, sehr entwickelt, ersetzt ein kleines Pilzrisotto.

 

Boulard Père et Fille

Murgiers 2010er Basis, locker, angenehm und in kumpelhafter Stimmung wie der allseits im Dorf geschätzte Vorsitzende vom Fussballverein, den man sonntags in bequemer Kleidung beim Brötchenholen trifft.

Rachais 2007er Basis Brut Nature, dieser Chardonnay hatte noch Potential nach oben, im Moment befindet er sich in Ruhestellung. So weich und rund wie er schmeckt habe ich geringe Zweifel daran, dass ihm in den nächsten Jahren die Puste ausgehen wird, höchstens der Jahrgang selbst könnte an der Langlebigkeit etwas knabbern.

Petraea 97-07, solerahafte Gemütlichkeit.

 

Franck Pascal

Reliance Brut Nature, Milchkaffee mit schönem Schäumchen und gesunder innewohnender Süße, die keiner weiteren Dosage bedarf, obwohl gerade die Champagner von Franck Pascal davon mehr profitieren als darunter zu leiden.

Tolerance Rose d'Assemblage, fruchtiger und spielfreudiger Rosé, der mir viel Freude bereitet hat und den ich künftig häufiger im Glas haben will.

Cuvée Prestige 2003 en Magnum, wirkte bierhefig und nicht sehr ausgeglichen, eher noch unfertig und aus dem Pfad der Selbsterkenntnis, also bei weitem noch nicht so durch wie manche viel bekannteren 2003er.


 

Aus dem Champagnerlabor

Besonderes Kopfzerbrechen bereitet mir schon länger die Antwort auf die Frage, wieviel Zeit von der gierigen Deglutition des Champagners bis zur soteriologischen Erek-, nein Eruktation beim Manne, bzw. zum niedlichen Singultus der Frau schicklicherweise zu vergehen hat.

Ich führe deshalb regelmäßig kontrollierte Selbstversuche durch, bei denen ich die Umschaltgeschwindigkeit von Luft- zu Speise-, resp. Trinkröhre ermittle und mich redlich mühe, Champagner aus unterschiedlichsten Gemäßen in verschieden(st)en Kadenzen mir einzuverleiben. Damit dabei der Überblick nicht verloren geht, halte ich die Resultate meiner Untersuchungen fest und veröffentliche sie sogar teilweise zum gemeinen Nutz und Wohl.      

Im Rahmen meiner neuesten Forschungsarbeiten mussten deshalb wieder einige Champagner das Zeitliche mit dem Ewigen vertauschen. Als Grabschmuck gab es Balik Lachs, Prunier Caviar, Käse und marrons glacés. Und u.a. die Chips von Pfannifrisch, die noch nicht im Handel erhältlich sind, aber so gut schmecken, dass es sie gefälligst bald zu geben hat – das aber nur als Randnotiz.

1. Bollinger Grande Année 2002 Bond Edition

Bollinger brilliert ja jedes Mal, wenn man eine Flasche von da aufmacht. Oft denke ich sogar, ich hätte mich daran sattgetrunken und bräuchte jetzt gar nicht unbedingt einen Bollinger im Glas, dann kommt aus welchem Grund auch immer doch welcher rein und ich bin wieder elektrisiert. So war es bei der 2002er Grande Année schon verschiedentlich und mittlerweile ist die Auswahl an Grande Années richtig breit geworden, vor allem wenn man die Abstufungen der R.D.s hinzunimmt, vielleicht so breit wie bei keinem anderen Erzeuger. Begonnen beim 1990er über den erstaunlichen 1995er, den ruppigeren 1996er, zum pummligeren 1997er, über 1999 und 2000 hinweggeglitten bis hin zum 2004er, den 2002er als einen der geschniegetsten mittendrin. 

2. Tristan H. Cuvée Iseult

Eine Herzensangelegenheit von Tristan ist seine Cuvée Iseult. Die ist weiblich, wandlungsfähig, nicht zu verwechseln mit launisch. Der Pinot ist nicht zu schwer und bodennah, sondern flitternd, auf eine unterhaltende Weise glamourös, der eingängige Chardonnay leistet seinen Beitrag in coolestmöglicher Manier, ohne dass der Champagner abgehoben wirkt. Das mag in Teilen am Winzer liegen, der so liebenswert und freundlich ist, dass man diesen Eindruck auf seine Cuvées überträgt ohne darüber nachzudenken, wie so ein Champagner in einem glitzernden Neunsterneschuppen in Shanghai wirken würde.

3. Charlot Cuvée Speciale Extra Brut

Wie schön spielte der Extra Brut aus der in Dreigrammschritten dosierten Speciale-Serie doch jetzt auf. So viel Saft und Kraft, aber nicht so, dass er vor lauter Kraft nicht mehr gehen könnte. Also eben nicht der Muskelprotz, zu dem manche Champagner neigen, wenn der Winzer vergisst, eine Kontrollfunktion einzubauen, hier in Form von Butter, Crème Brûlée und Milchkaffee. Deutschen Verkostern kommt sowas immer überreif, oxidativ und was weiss ich nicht alles vor. Mich stört's selbst bei einem vergleichsweise jungen Champagner nicht, ich stelle das aber durchaus beim Alterungspotential in Rechnung. 

4. Dehours Collection Blanc de Meuniers 2007

Von Jérôme Dehours sind die Einzellagen besonders begehrenswert und bisher ohne erkennbare Schwäche. Dabei könnte ich nicht sagen, dass sich der Schwerpunkt seines Könnens beim Pinot Meunier festmachen lässt. Dazu sind die anderen reinsortigen Champagner von ihm viel zu stark. Aber eine ortsbezogene Verpflichtung gegenüber dem Meunier lässt sich kaum leugnen. Deshalb schaue ich bei Dehours gern in die zweite Reihe, hier in Form der Jahrgangscollection. Die ist merklich näher an den typischen Eigenschaften der Rebe, leider auch im negativen Sinn. Dadurch wird der Champagner nicht schlechter, aber man muss diese Typizität wollen. Beim Meunier 2007 ist eben nicht alles bis ins letzte durchdacht und perfektioniert, da tun sich Spaltmaße auf, wie man sie bei englischen Sportautooldtimern hinnimmt, bei modernen Produkten aber nur als Liebhaber zu tolerieren bereit ist.

5. Pol-Roger Cuvée Sir Winston Churchill 2000

Was ich eben zum Bollinger gesagt habe, trifft in gewisser Weise auch auf Pol-Roger zu. Nur dass bei Pol-Roger die Produktpalette bedeutend größer und dadurch in den letzten zehn Jahren etwas unruhiger geworden ist. Vor allem das Dosagethema wurde bei Pol-Roger nicht so fugenlos bearbeitet, wie ich mir das gewünscht hätte. Um mich damit nicht unnötig zu belasten, habe ich den jüngsten Neuzugängen meines Handvorrats aus dem Hause Pol-Roger etwas Ruhe und zeitlichen Abstand gegönnt. Das hat sich gelohnt. Jedenfalls bei der Cuvée Sir Winston Churchill 2000, der ich in meiner grenzenlosen Hoffnung immer schon viel zugetraut habe, Jahrgang hin oder her. So delikat wie ein geschälter Pfirsich, ganz ohne jede unwirsche Überheblichkeit, die man bei einer Cuvée dieses Zuschnitts erwarten oder befürchten könnte.Trotz des traditionellen Übergewichts an Pinot Noir wirkt der Champagner ausgewogen, als wäre der Pinot nur gedanklich in der Übermacht. Am Gaumen merkt man natürlich schon eine Dichte, für die man die Mixverhältnisse verantwortlich machen kann; nur ist dieser SWC eben so erudiert, dass Technikfragen völlig zurücktreten.

6. Marc Hebrart Special Club 2008

Ein Artisan de Champagne ist Paul Hébrart und seine Champagner sind seit Jahren eine sichere Bank. Klarer Fall, dass 2008 dort gelingen musste. Die Dosage ist hier geringfügig höher eingestellt, als mancher Champagnerpurist sich das wünschen mag, aber Champagnerdosage ist nunmal kein kirchenrechtliches Dogma und mehr als sonst gilt beim Champagner: jeder wie er will und toll, wenn's klappt. Für mich ist der Specual Club von Hebrart einer der ganz großen Freudenspender. Unernst, trotzdem inspirierend, munter, kregel und zum Leichtsinn verleitend, euphorisierend, tonisierend und besser als jeder noch so gelungene one night stand.

7. Jean Vesselle Oeuil de Perdrix

Als Rosé ist dieser hellzwiebelschalenfarbene Pinot-Champagner von Delphines 11 Hektar im Hanutaterroir von Bouzy kaum zu erkennen, solange man ihn nicht im Mund hatte. Dort zeigt er sofort, aus welchem Stall er kommt. Erdbeere, Törtchen, Nuss, aber davon nur ganz wenig. Lang, weia! Waga! Woge, du Welle, walle zur Wiege, wagala weia, Wallala wogend wie die Rheintöchter aus dem Ring (des Nibelungen). 

8. Nicolas Feuillatte Palmes d'Or 1999

Als hätte ich es gewusst oder zumindest geahnt. Erst seit paar Tagen ist bekannt, dass der eponymische Monsieur Feuillatte im gesegneten Alter von 88 Jahren verschieden ist. Fiducit. Fiducit auch, Palmes d'Or, in absichtsloser Vorausahnung. Nach dem zierlichen Oeuil de Perdrix von Vesselle war das ein absehbar mächtiges Geschoss (vulgo: Oschi), das unmittelbar nach dem Bollinger sicher besser gepasst hätte. 

9. Agrapart Mineral 2007, dég. Sep. 2013

Chardonnay aus Avize, so ruhig und beruhigend, in sich geschlossen und firm wie man ihn nicht oft bekommt. Er braucht nach dem Dégorgement gut und gerne sein neun bis zwölf Monate Ruhe, Enthusiasten trinken ihn schon früher reulos.

10. Daudet-Cotel 

Als ich bei Michel Drappier zu Tisch war, wies mich der auf Champagne Dautel-Cadot hin, dort würde ich einen bemerkenswerten Weißburgunderchampagner finden. Da ich sowieso in Essoyes noch zu tun hatte und mich mit Charles Dufour treffen wollte, bot sich ein Abstecher zu Dautel-Cadot an, bzw. drängte sich auf. Die dort mit Sylvain Dautel verkosteten Champagner waren leider alle viel zu kalt und ließen nur wenig erkennen. Also musste eine Testreihe mitgenommen werden, vor allem der Pinot Blanc interessierte mich natürlich. Und siehe, mit Ruhe und wohltemperiert offenbart sich die ganze Eleganz und blühende Fülle dieser Rebsorte, deren Aromatik nie auf Champagner weist, die aber in den Händen eines Champagnerkönners bis zur Machbarkeitsgrenze ausgelotet werden kann. Bei Dautel-Cadot wirkt der Weißburgunder besonders blütenduftig und fruchtig, auch reif, saftig und mir, der ich gerade solche Champagner dosagelos bevorzuge, eigentlich zu süß, aber das bedeutet nichts. Denn Sylvain legt es auf gourmetfreundliche Champagner an, die sich nicht so sehr im Laborvergleich, sondern beim convivialen Weindîner bewähren sollen.   

11. Christian Senez Cuvée Renoir

Christian Senez macht angenehme Champagner zu vernünftigen Preisen. deshalb war meine Freude groß, als ich erfuhr, dass die Distribution in Deutschland vorankommt. Bei meiner letzten Aubetour habe ich gegenüber den unmittelbar zuvor genossenen Kreationen von Charles Dufour zwar einen merklichen Abfall hinnehmen müssen, aber wenn man es umgekehrt aufreiht oder auch gleich ganz nur bei Senez bleibt, oder aber nach einer langen Verkostungsrunde sich einfach so ein Fläschlein Senez genehmigt (so zuletzt erwiesenermaßen erfolgreich und krampflösend praktiziert nach, bzw. während eines anstrengenden Berlinaufenthalts), dann geht's. Gefällig mit leichtem Säurekick, ein Champagner, der keine unnötigen Fragen stellt oder aufwirft, sondern einfach nur helfen will. 

12. Piollot Rosé de Saignée 1982 dég. à la volée

Am Ufer der Seine liegt das kleine Gut von Dominique Moreau (= Champagne Marie-Courtin). Ihr Mann macht dort auch Champagner, den er unter eigenem Familiennamen verkauft. Im Keller hat er scheinbar noch erhebliche Mengen älterer Ware liegen. So richtig wild aufs verkaufen ist er damit nicht; eigentlich erfuhr ich das mehr zufällig und beiläufig und eigentlich sagte ich mehr spaßßeshalber, dass ich ja ganz gern auch davon mal etwas probieren wollte, denkend, es würde sich um so altes Zeugs handeln, für das er sich vielleicht ein wenig schämt, so defensiv, wie das alles klang. Ohne große Erwartuzng, zumal nach der sehr hohen Vorlage seiner Frau, probierte ich dann eine Flasche vom 82er Rosé de Saignée und hätte am liebsten gleich die ganze Restpalette vom Fleck weg gekauft.  Unwahrscheinlich frisch, durch das Handdegorgement gleichsam alterslos, mit ein wenig Buchenrauch und Mandel, köstlichem Speck, gekonnten Burgunderanleihen, cold brew coffee und massig torrefaction, obwohl ausschließlich im Stahltank gelagert, war das ein krönender Abschluss meiner Versuchsreihe.

 

Taittinger Comtes de Champagne 1999

Lustige und tolle Sprüche, Memes und Witzischkeiten aller Art finden sich heute leichter denn je. Mit die besten stehen aber traditionell im Alten Testament:

„Gebt starkes Getränk denen, die am Umkommen sind, und den Wein den betrübten Seelen, daß sie trinken und ihres Elends vergessen und ihres Unglücks nicht mehr gedenken.“ (Sprüche 31; 6,7)

Obwohl es nur wenig später schon wieder heißt und bis heute am Schabbes der Hausfrau zum Lob vom Hausvorstand vorgetragen wird:

„Wem ein tugendsam Weib beschert ist, die ist viel edler denn die köstlichsten Perlen.“

Gemeint sind natürlich nicht die köstlichen Champagnerperlen, muss der Hobbyexeget teleologisch reduzierend hinzufügen. Dann liest sich der Rest der Spruchweisheit erst richtig schön:

„Ihres Mannes Herz darf sich auf sie verlassen, und Nahrung wird ihm nicht mangeln. Sie tut ihm Liebes und kein Leides ihr Leben lang. Sie geht mit Wolle und Flachs um und arbeitet gern mit ihren Händen. Sie ist wie ein Kaufmannsschiff, das seine Nahrung von ferne bringt. Sie steht vor Tages auf und gibt Speise ihrem Hause und Essen ihren Dirnen. Sie denkt nach einem Acker und kauft ihn und pflanzt einen Weinberg von den Früchten ihrer Hände. Sie gürtet ihre Lenden mit Kraft und stärkt ihre Arme. Sie merkt, wie ihr Handel Frommen bringt; ihre Leuchte verlischt des Nachts nicht. Sie streckt ihre Hand nach dem Rocken, und ihre Finger fassen die Spindel. […]“

Darauf einen Dujardin. Nain. Lieber nicht. Sondern lieber Champagnerperlen. Diese hier zum Beispiel:

http://www.captaincork.com/weinauktion-auctionata.de-champager-1999-taittinger-comtes-blanc-de-blancs

Weinrallye #77: Rosé, solo oder als Essensbegleiter

Wenn man über Rosé spricht, meint man meistens irgendwas zwischen Listel Gris und Miraval vom Winzerduo Brad Pitt/Angeline Jolie. Manche meinen mit Rosé auch so etwas wie Portugieser Weißherbst. Tavel oder Rosé de Riceys (der in meinen Augen eigentlich gar kein richtiger Rosé ist) sagt schon nur noch wenigen Menschen etwas. Symptomatisch. Denn niemand hat Muße, sich eingehend mit diesem irrlichternden Zwitterprodukt zu befassen, Roséwein hat mehr ausgesprochene Feinde als bekennende Freunde.

Im Restaurant erzeugt der Sommelier weniger Verwunderung und Widerspruch, wenn er einen Syrah zum Seeteufel anbietet, als wenn er mit einem egal wie guten Rosé an den Tisch kommt. Wann also trinkt man Rosé? Denn getrunken wird er ja, da beißt die Maus keinen Faden ab. in gehöriger Menge sogar. Tja. Vielleicht trinkt man Rosé, wenn die Weddingplannerin es zu gut gemeint hat oder wenn das Partymotto "Flamingo" lautet. Wenn nichts anderes mehr da ist oder der Wein wirklich sehr gut gekühlt an Pool oder Liegestuhl geliefert wird und sowieso schon alles egal ist. Zum pinken Hibiskustaboulé mit Crevetten in Pomelogelée von Emmanuel Renaut? Denkbar. Oder zur Küche von Anne-Sophie Pic, meinetwegen zum pochierten Ei mit Tomaten-Galgant Chutney (schmeckt super!) oder zu ihrem Suprême de Poulet mit Crémeux de Mozzarella? Warum nicht.   

Meinen letzten Londonausflug habe ich in Vorbereitung eigentlich völlig anderer Fragen mit Rosé begonnen und begossen. In Searcys Champagnerbar im Obergeschoss von St. Pancras, wohin ich meine Schritte nicht nur wegen der gepflegten Toilettenanlage stets ohne schuldhaftes zögern lenke, gibt es eine erkleckliche Auswahl an heimischem und französischen Blubber. Erquickend und labend ist der Balfour Brut Rosé aus dem Garten Englands, der Grafschaft Kent. Schnittig wie ein Ubootjäger, mit viel Verbene, Zitrus, wenigen grünlichen Aromen und verblüffender Nähe zum Champagner. Ein viel schwereres Geschoss ist der Rosé aus dem Hause Henri Giraud. Da merkt man den ungenierten Einsatz von Holz, langem Hefelager und aller überbordenden Pinotfülle, die ein Grand Cru wie Ay in Erinnerung an die Zeiten Henri IV. aufbringen kann. Diese beiden schwerstverschiedenen Roséschäumer kann man kommentarlos und unbegleitet trinken, man kann sich dazu noble Burger mit gutem Wagyurind und Trüffelmayonnaise zubereiten (lassen), der Balfour Rosé geht auf die Dauer auch prima als Ersatz für Whisky Sour durch, während der Giraud ein aufkommendes Hungerfühl leicht im Zaum halten kann, wenngleich nicht unbegrenzt. Ganz am Ende wird man um einen Happen zumindest aus der kalten Küche (sehr gern: Bratenreste oder Ochsenschwanzragout) nicht herumkommen, aber bis dahin ists noch ein langer Weg. 

Wann also trinkt man am besten Rosé und welchen? Meine Antwort ist einfach. Im schweren Clubsessel und dann am besten zwei wie diese. Dann ist alles andere egal.

Champagner Orientierungskurs

Um sich in die Champagne einzufühlen ist nichts besser, als eine Fahrt dorthin. Die Gastlichkeit und das Lebensgefühl vor Ort nehmen doch einige Schleier weg, die den Mythos Champagner umgeben. Was dahinter zum Vorschein kommt, ist (oft) mitnichten der befürchtete Industriezombie, sondern eine –  nich lückenlos umwerfend schöne, aber immerhin sehr sehr geile, teilweise – Weinbauregion wie es sie gewiss so oder so ähnlich überall auf der Welt gibt, mit einem Boden, den es dann schon nicht mehr ganz überall auf der Welt gibt und einem Weinbauvölkchen, das entgegen aller von Interessenvertretern unterschiedlichster Herkunft hochgepeitschten Wahrnehmung doch überwiegend, auch preislich, auf dem Boden geblieben ist. 

Wenn man aus welchem Grund auch immer nicht jedes oder jedes zweite Wochenende in der Champagne verbringen kann, schadet ein Herantasten in Flaschenform nicht und wenn ich, was vorkommen soll, darum gebeten werde, dann stelle ich diese kleinen Reisesurrogate zusammen. 

I.1. Champagne Bissinger (Lidl)

Ein Discounterchampagner zum einnorden sollte dabei sein. Der schmeckt nicht zum weglaufen, aber schon ein wenig so, wie ich in der Schule meine Hausaufgaben erldigt habe, wovon ich nur deshalb heute noch so detailverliebt berichten kann, weil die wenigen Male mir in guter Erionnerung geblieben sind. Der Lidl-Champagner schmeckt also gerade nach dem in Erfüllung der Mindestvorgaben für Chmpagner allernötigsten. Durchaus saftig und noch nicht einmal simpel, aber auch nicht mit besonderer Ambition zur Reife. Komplexität oder irgendetwas, das die Palette hochwertiger menschlicher Emotionen anrührt findet sich nicht. Muss auch nicht, der Discountsprudel ist ja nur das Sprungbrett.

I. Vincent Couche Blanc de Blancs Perle de Nacre Extra Brut

Den saftigen Charakter nimmt der Champagner von Vincent Couche auf und zirkelt drauf, dran und drumherum ein Gebäude wie es die chinesischen und/oder vietnamesichen Küchenkünstler mit Wssermelonen machen, denen sie die kunstvollsten Szenerien einschnitzen. Das ist zwar noch nicht gleichzusetzen mit der großen Küchenkunst an sich, aber zeigt bedeutende handwerkliche Fähigkeiten und so wie Wassermelone schlichtweg jedem schmeckt, schmeckt auch die Perle de Nacre sicher einer breiten Menge trotz ihrer für Blanc de Blancs untypischen, geradezu rotfruchtigen Eigenschaften.

I.3 Michel Turgy Blanc de Blancs Grand Cru

Ein Blanc de Blancs von klassischerem Zuschnitt mit dennoch eigenem Gepräge ist der von Turgy, dessen Jahrgänge ich schon seit Jahren wie närrisch kaufe, um sie dann immer viel zu schnell wieder ausgetrunken zu haben und mich wegen meiner Gier zu bemitleiden. Ganz auf diesem Niveau spielt der jahrgangslose Chardonnay von Turgy nicht, aber er ist so kräftig, mit dickem Kreidebelag ausgestattet und nicht zu sauer, so dass Ersttrinker von ihm nicht verschreckt werden. Zwei Champagner, die nach dem Lidlstoff klarmachen, was der Unterschied zwischen einer einfachen Basiscuvée und individuellem Chardonnay ist.  

II.1 Moussé Blanc de Noirs

80PM 20PN aus Cuisles, Jonquery, Châtillon sur Marne und Vandière, 24 Monate auf der Hefe

Sehr delikat war danach der Übergang zum Gegenkonzept Blanc de Noirs. Cedric Moussé gehört nach 12 Generationen Weinbau innerhalb der Familie nun zur neuesten Generation junger Winzer, zu der ich beispielsweise auch Jean-Marc Séleque und Thibaud Brocard zähle, deren Champagnerhandschrift noch nicht ganz ausgefeilt ist, deren Kreationn aber unbedingt verfolgenswert sind. Der Blanc de Noirs von Moussé, der sich bestens auf Pinot Meunier versteht, zeichnet sich durch das wohlige, weiche, fruchtige und unkomplizierte, aber nicht einfältige Meunier-Element aus, das von einem eleganten Spätburgunderaufsatz gekrönt wird. Dieser Übergang vom Blanc de Blancs zum Pinotchampagner ist ein leichter.  

II.2 Bernard Tornay Blanc de Noirs Grand Cru

Mit dem Pinoit aus Bouzy, der dann von Bernard Tornay ins Glas kam, fiel es schon schwerer, sich anzufreunden. Hier war doch sehr viel Kastanie, Honig, auch Hustenmedizin und Rosmarin mit drin, das machte den Champagner langsam als würde beim drag racing der Bremsschirm aufgehen oder eine Pistolenkugel im kriminaltechnischen Prüflabor in einen Jellyglibber geschossen, um das Projektil zu sichern. Zu Illustrationszwecken ist das eine richtige und gute Entscheidung, für den Sologenuss würde ich ehrlicherweise einen anderen Champagner vorziehen, sei es von Tornay selbst (der Palais des Dames zum Beispiel) oder von anderen Könnern im Ort (Maurice Vesselle, Benoit Lahaye, André Clouet, um nur die ersten Namen zu nennen, die mir spontan dazu einfallen). 

III.1 Serge Mathieu Millésime 2008

100PN

Die Reise geht weiter zu Serge Mathieu und damit an die Aube. Der 2008er Jahrgang, ein Champagner voller Ebenmaß und innerem Gleichgewicht, obwohl die Rebsorte taositisches Yin verkörpern müsste, strenggenommen; bzw. eigentlich stimmts ja doch, denn die schwarze Rebsorte mit dem weißen Saft hat in der vorliegenden Form weiße Charakterzüge abbekommen, also Leichtigkeit, Frische, weißes Fruchtfleisch und ein sonnenhelles Gemüt, so dass das buddhistische Bild nicht ganz verkehrt ist. 

III.2 Chartogne-Taillet Millésime 2008 

60PN 40CH, von ca. 30 Jahre alte Anlagen in der Lage Les Couarres

Merfy, mit 84% auf der échelle des crus unter jedem Radar, ist ein Ort, der das klassische System der Grands und Premiers Crus ad absurdum führt. Qualitativ ist der 2008er von Alexandre Chartogne locker im oberen Premier Cru Bereich einer, de lege ferenda, noch zu kreierenden Skala. Fetter als der Aubepinot, was auch die fortgeschrittenen Verkoster bei diesem flight in die Irre zu führen geeignet war. Bei genauen hinsehen konnte man aber beim Aubechampagner die typische Malzigkeit, Kräuterzucker und Grotrinde feststellen, wenngleich in ungewöhnlich nidriger Dosis, während der Jahrgang aus dem Norden frei davon war und sich damit zu erkennen gab.   

IV.1 Marie-Courtin Cuvée Concordance

Alte Pinot Noirs (gepflanzt 1968) aus Massenselktion, im alten Barrique mit weinbergseigenen Hefen vinifiziert, ohne Schwefelzugabe, ohne Dosage. Kompromissloses Zeug. Der schwefelfreie Champagner von Dominique Moreau hatte deshalb die knifflige Aufgabe, in einer kontrollierten Kollision mitzuwirken, einem Frontalaufprall von ganz kleinem und ganz großem Erzeuger. Die Concordance stürzte sich mit Vergnügen in die Auseinandersetzung und legte gewaltig vor. Am Gaumen krachte und splitterte es nur so vor brechendem Kirschbaumholz, schwarzer Johannisbeere, Amalfizitrone und Biscuit. So viel Chaos, so viel Aktion, so viel Kraft auf einmal in einem Glas – schwer, das zu toppen, das war allen am Tisch klar.  

IV.2 Dom Pérignon 2004

Ich kann nicht behaupten, dass der Dom Pérignon 2004, von dem ich sehr viel halte, den Champagner von Marie-Courtin getoppt hätte. Weder mühelos, noch unter Anstrengung. Es war vielmehr so, dass die beiden Champagner überhaupt keinen spürbaren Kontakt zueinander aufgebaut haben und das, obwohl sie unter viel Getöse hätten ineinanderknallen sollen. Der Dom ging der Concordance auch noch nicht einmal hochmütig aus dem Weg, sondern es war mehr wie eine Begegnung auf andrer, unkörperlicher Ebene. Der 2004er Dom bewegte sich nah am vollständig ausgefüllten Phasenraum, so viele Aromatrajektorien oszillierten darin kreuzungsfrei herum, während die Marie-Courtin sich mindestens ebenso dicht am Urknall positioniert hatte. Beide Champagner habe ich so noch nie nebeneinander probiert und war deshalb selbst a überraschtesten vom flight.  

V.1 Drappier Rosé

Vitalisierend, gut durchblutet und mit aller drappiertypischen Eleganz, der man die komplizierten Verstrebungen in ihrem Inneren nicht ansah, kam die Rosécuvée ins Glas und erlöste die Gaumen nach dem Tritonus des vorherigen flights, nicht ohne angeschweppeste Gesichter zu hinterlassen, die den herbfischen Quitten-, Chinin-, Sanddornton des Champagners nach dem ruhevollen Dom Pérignon erst wieder verkraften lernen mussten. 

V.2 Piper-Heidsieck Rosé Sauvage

Nach dem Saignéerosé kam ein anderer alter Bekannter an die Reihe, der wie Kirschmarmelade auf Pumpernickel schmeckte und damit zu verstehen gab, dass er die allererste Zeit nach der Freigabe schon hinter sich gelassen hat. Ein Jammer, fiel mir in dem Moment auf, dass da nicht vorab ein Degorgierdatum zur Handreichung dienlich war, denn dann häte ich wahrscheinlich zum eigenen größeren Vergnügen nicht einen so großen Kontrast zwischen den Rosés gewählt. Didaktisch mag das in dieser Form nämlich noch vertretbar gewesen sein, aber der Piper Rosé war einfach nicht in der klassischen jugendlichen Frischeform, in der ich ihn eigentlich präsentiert haben wollte. 

VI. Janisson-Baradon Cuvée George Baradon 2001

In umso besserer Form war dafür die alte Prestigecuvée von Janisson-Baradon, die ich bei meinem letzten Aufenthalt in Epernay dem großherzigen Cyril in Person abgeschwatzt und aus dem neuen Laden direkt im Herzen des Orts herausgetragen habe, kurz bevor eine kleine Schar Hamburger Champagnerfans im weißen Rolls-Royce vorfuhr und sich bei späteren Wiedersehen zwar als sehr umgänglich erwies, in mir aber Befürchtungen hochkeimen ließ, die gewünschten raren Flaschen möglicherweise nicht mehr zu bekommen, wenn ich nicht schnell genug handelte. Tat ich ja dann zum Glück und wurde belohnt. Die letzte Cuvée George Baradon 2001 habe ich vor längerer Zeit getrunken und da war sie gut, aber schien mir auf dem absteigenden Ast. Diese jetzt war in Hochform und für mich so richtig verständlich geworden, da ich ihre beiden Einzelkomponenten, den Chardonnay Muscaté Toulette und den Pinot Noir aus der Lage Tue Boeuf zwischenzeitlich einige Male nebeneinander hin- und her hatte probieren können. Das Amalgam aus diesen beiden, wobei man sich unter dem Toulettes das Quecksilber vorstellen muss, ist wie ein Kristallnugget, in dem die formschönen Einzelmerkmale von Chardonnay-Muscaté und Pinot Noir eingeschlossen sind. Urwüchsige Knorrigkeit und schwerelose Leichtigkeit, Holz, Frucht und Säure sind hier in einem Klumoen dicht gepackt.  

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