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Monthly Archives: September 2014

Terres et Vins de Champagne: Bérèche, Horiot, Laherte

Bérèche 

Beaux Regards Chardonnay auf 2009er Basis, Butter, Gras und heu, im Mund kakteeig, stechend, sehr fordernd.

Le Cran 2006 war dick, reif und schön, erstmals, seit ich diese Cuvée kenne, übrigens. Und im Gegenzug fehlte mir direkt nach dem beaux Regards ein wenig die Säure.

Campania Remensis Rosé, mittelgewichtig, nicht besonders fruchtgewaltig, mit mäßiger Säure. Der etwas wässrige Charakter verschwand mit Luft und Zeit.

 

Horiot

Métisse 2009er Basis aus 50PN und 50PB, mit Minisolera bis 2006, 2 g/l gewohnt gefällig, spassig, aber etwas kurz geratener Trinkspass.

Sève en Barmont Rosé de Saignée, 2007er Basis, mit 2 g/l dosiert, Rosenblüte, Weingeist und Mahagoni, wirkte dadurch etwas seltsam.

 

Laherte

Blanc de Blancs Brut Nature, sehr viel Vitamin C und eine enge Bauweise

Empreinte, sehr frisch, sehr schlank, ohne den Eindruck von Enge, den der Blanc de Blancs hinterließ, dafür mit leichtem Bitterl

Ultradition, mit 7 g/l dosiert, was höher klingt als es dann schließlich schmeckt.

 

Waste with taste: Champagner von 1928 bis heute in Thomas Fraunds Restaurant Zehntenhofschänke

Spontan paar Flaschen öffnen sagt sich leichter, als es umgesetzt ist. Denn meine eigenen Kochkünste bleiben hinter meinem Esstalent weit zurück. Also muss auswärts gegessen werden. Von Koblenz aus gesehen nicht ganz einfach. Mal eben mit Sack und Pack beim Helmut Thieltges oder Stefan Steinheuer klopfen? Eher nicht. Aber sehr wohl beim Slowfoodler Thomas Fraund, der sich freundlicherweise bereit erklärte, seinen malerischen Innenhof, Kochkünste abseits der Speisekarte und hellwaches Personal zur Verfügung zu stellen. Thema: Prestigecuvées und hochwertige Champagnerjahrgänge vor, bzw. bis einschließlich 1990. Gar nicht mehr so leicht heutzutage, aber schaffbar und in manchem Keller, bei dem es für eine richtige Jahrgangsvertikale nicht reicht, sicher eine schöne Entlastung für den Bestand.

Louis Roederer Cristal 1989 – Kalbsfiletpraline und grüne Sauce

Mit entschiedenem Behagen und nur mühsam kontrollierter Schlingbewegung ging der Cristal hinab, die Gemächer für seine nachkommenden Freunde im Gourmetgewölbe zu bereiten. Die Kalbsfiletpraline passte dazu 1a, ja selbst die grüne Sauce bockte nicht oder verhunzte die Eintracht aus krossem Mantel, zartem Fleisch, reifem Pinot und relaxtem Chardonnay. Der Cristal 1989, dessen Schicksal es ist, zwischen zwei tendenziell großartigen aber nicht immer unproblematischen Jahrgängen eingeklemmt zu sein, nutzte die Gunst der Eröffnung, um sich als feinstens ausgereifte Champagnergröße mit völlig eigenem Charakter zu zeigen. Gebrannte Haselnuss, flitternde Apfelstückchen und mittlerweiel eher auf der Seite des 90ers als auf der des 88ers (wo ich ihn bisher immer verortet habe).

Dom Pérignon 1990 – Ziegenfrischkäsecrème, mallorquinischer Honig, Aprikose, Blütenpollen und scharf kandierte Mandeln

Der bewährte Mix aus 55PN und 45CH vom Cristal rief nach einer Fortsetzung und das wir keinen 90er Cristal zur Hand hatten, wurde es ein unter oenopädagogischen gesichtspunkten genauso passender Dom Pérignon 1990. Der illustrierte, was ich mit dem weicheren 90er-Naturell des Cristal gemeint hatte und war auch sonst in Bestform. So balanciert, so harmonisch, so wohlig, weich und großzügig, ein Dalai Lama in Champagnerform. Keine Frage, dass das unbesehen zu Ziege, Honig und Mandel passte wie nichts sonst. 

Veuve Clicquot La Grande Dame 1969 – Hummerscherenfleisch im Bellota 5J

Die Veuve hatte ihre besten Tage hinter sich gelassen, der Dampf war weg und geblieben war ein beschaulicher Stillwein, der altersmäßig einhellig ziemlich richtig einsortiert wurde, überwiegend als 64er oder 66er, jedoch kaum als noch älter. Das ausgeprägte Sherryaroma wurde nicht als unschicklich empfunden, sondern mehrheitlich als angemessen gerade zum Seewasseranteil des Gangs. Faszinierend für mich und passend zu reifem, bzw. zu Stillwein gewordenem Champagner mit stehengebliebenen Fettzermalmerqualitäten ist immer wieder die Gorgonzolaaromatik von lange gereiftem Schinken, bzw. überhaupt von Fleisch, das längere enzymatische Prozesse durchlaufen hat. Selbst wenn man eine Grande Dame in diesem Stadium nicht mehr solo zum Vergnügen trinken würde, mit den geeigneten Speisen ändert sich das. 

Bollinger Grande Année 1985 – Sot-l'y-laisse mit kleinem Oktopus und Cassoulet

Der Bollinger verriet sich schnell durch seine Pinotwürze, die im Alter ja kaum nachlässt, hier aber zunächst verschleiert wurde von einer leichten Metallik. Danach war die Sache aber klar und der von seiner Zusammensetzung seiner Vorgängerin wohl recht ähnliche Bollinger bot gekonnte Unterhaltung, seinem größten Verzehrer dabei überzeugend nacheifernd. Wo James Bond (1985 zuletzt gespielt von Roger Moore) es mit Christopher Walken und Grace Jones zu tun hat, sind es bei der Grande Année Pinot Noir und Chardonnay, auf dem Teller das Pfaffenstückchen der Pute und der dazu gegensätzle, aber zum Unterwasserthema des Films passende Oktopus. Bond schafft es 1985 in "Im Angesicht des Todes" und Bollinger erfüllt seine Mission mit je nach Sichtweise gleichermaßen gutem Ende, d.h. für mich sehr erfreulich, für den Champagner tödlich.  

Kalamansi Sorbet und Kräuterbitter mit angegossenem Champagner

Jacquart Extra brut und Brut Mosaique waren das Pendant zum erfrischenden Sorbet. Der Extra Brut und der Brut Mosaique wurden schnell als deutlich zu jung für das Thema des Abends erkannt, auch ein Drittelmix schien den meisten offenkundig. Hüllenlose Wohlgestalt, die zur Kalamansi passte, beim Extra Brut und reife, entwickelte, natürlich durch höhere Dosage in eine andere Richtung gedrehte Aromatik , die sich der Kräuterbitteraromatik annahm. Mit gefiel das Sorbet aber besser in Verbindung mit dem Extra Brut, wobei auch der Bollinger nochmal eine sehr gute Figur dazu machte.

Drappier Millésime 1979, dég. Dez. 2013 – Kalbsfilet unter der Räucheraalkruste, gebratener Kürbis, Zuckerschote, Ochsenmarkpolenta 

Schnell wurde der Drappier als Aubechampagner enttarnt, aber beim Jahrgang gingen die Schätzungen alle in das Jahrzent 1990 – 1999, Grande Sendrée 1990 schien einigen nahezuliegen. Natürlich wird das am späten Dégorgement gelegen haben. Malz, Brotkruste, Würze und eine etwas altmodischere Art von Eleganz als bei vergleichbaren Erzeugern aus dem Norden der Champagne ließen den 79er aber viel Zuspruch finden. Ich konnte mich nur mit Mühe von der köstlichen Ochsenmarkpolenta abwenden, nur um zu der im Vorfeld skeptisch betrachtetem dafür umso gelungener umgesetzten Räucheraalkruste auf dem Filet zu gelangen. So kann die von mir eigentlich abgelehnte Kombination von See und Land gerne aussehen, bzw. schmecken. Noch besser wird es nur, wenn ein so munter dreinschlagender Champagner dazukommt, der wegen seiner aus dem Spätdegorgement bezogenen besonderen Stärke weder mit Räucheraal noch mit Ochsenmark Schwierigkieten hat.   

Cognacflambierter Orangencrèpe, Campariquark, Bergamottecrèmeis mit Ahorn

Zum Dessert konnten beide 79er zeigen, was sie draufhaben. Vor allem das Bergamotteeis lud zum Aromenvergleich ein, den die Louise für sich entscheiden konnte. Der Drappier zeigte sich dafür als besonders gut zum Campariquarkbegleiter geeignet und machte vielleicht auch die bessere Figur zum Crêpe, wobei ich zugebe, das nicht mehr in allen Einzelheiten festgehalten zu haben, weil die magische Louise alle Konzentration auf sich zog.

Pommery Louise 1979

Für mich der Wein des Abends, auf so hohem Niveau habe ich noch keine Louise getrunken und auch sonst wird es selbst bei den großartigsten unter den reifen Champagnern schwierig. Diamanthart, strahlend und rein, faszinierendes Aromenschillern, unerklärlich frische Säure und unendlich scheinende Komplexität.

Chauvet Blanc de Blancs Crémant de Cramant Grand Cru 1928

Heiteres Staunen in der Runde, nachdem ich den Jahrgang enthüllt habe. Die Schätzungen lagen größtenteils Mitte der Sechziger Jahre, was an der täuschenden Säure lag, die sich zwischen Sherry, Scotch, Butter, Milch und altem Roquefort noch hindurchschlängelte.

Terres et Vins de Champagne: Jeaunaux, Ledru, Marie-Courtin

Jeaunaux

Prestige Brut Zéro, kommt mit kräftigem Antritt aus dem Startloch, keinerlei Durchhängephase, kein Dieselloch oder sonstige Zeichen von Schwäche, sondern ruckelfreier Durchzug, wobei der hohe Chardonnayanteil durch den Pinot erstaunlich warmherzig und beinahe schokoladig wirkt.

Sélection Extra Brut 5 g/l, brotig, exotisch, wie ein dick gebuttertes Vollkornbrot mit Mangoscheibe

Grands Nods Zéro Dosage 2004, Drittelmix mit Limette, Druck, Frische und Eleganz, in dieser Preisklasse immer wieder eine positive Überraschung in Blindproben.

 

Marie-Noelle Ledru

Extra Brut 2006er Basis, ein Lehrstück über Winzerchampagner aus Ambonnay. Ordentlich, kräftig, zupackend, mit feiner Nuss

Blanc de Noirs Millésime 2006, schnittig, etwas rauher und kratziger als der Extra brut, mit fiebernder, handlungsfreudiger Säure

Cuvée de Goulté 2008, deutlicher Niveausprung, unnötiger Speck ist hier abgeschmolzen, der Champagner steht elegant und ausbalanciert, dabei mit bemerkenswerter innerer Spannung wie auf einer Yogamatte da

 

Marie-Courtin

Résonance, Orange, Nektarine in klarer, reiner, schöner Verarbeitung

Efflorescence 2008er Basis, Madarine, Marille, pikante Säure, Acerola

Eloquence 2008er Basis, dicker hingetuschte Linien als bei der Efflorescence, etwas weniger trennscharf, weniger Säureempfindung


 


 

Terres et Vins de Champagne: Doquet, Geoffroy, Lahaye, Pouillon

Pascal Doquet

Horizon, locker, weich und gut gelaunt, wie der Murgier von Boulard, aber mit einer freundlichen, hippiehaften Naivetät. Da hier eine Dosage von um die 7 g/l verarbeitet werden will, lihnt es sich, den Champagner für mindestens ein Jahr nach dem Erwerb wegzuschließen.

Vertus Premier Cru Millésime 2002, 1/3PN 2/3CH, 5 g/l, Vertus stellt sich mal wieder als die reinste Champagnerwundertüte vor. Toller Chardonnay, toller Pinot, ergeben diesen tollen Champagner. Lang, komplex, reif aber nicht überreif, einnehmend, aber nicht überrumpelnd.

Le Mesnil Grand Cru Vieilles Vignes 2002

Für mich der beste Le Mesnil Grand Cru von Doquet. Effekthascherei ist ihm ja soweiso fremd, aber das gelebte understatement kann Champagner auch schonmal ins Hintertreffen geraten lassen. Dieser präsentiert sich erstmals mit ruhigem, nicht zu dick aufgetragenem Selbstbewusstsein, mit Getreideanklängen, getrockneten Früchten und einer ruhig dahinfließenden, unaufgeregten Säure.

 

René Geoffroy

Blanc de Rosé Saignée, 2010er Basis, Commaceration von Chardonnay und Pinot Noir, was einen sehr aromastarken Champagner aus einem Guss ergibt, blumig, rosig, mit nur ganz wenig untermalender Säure. Ein fabulöser Champagner der leisen Töne.

Empreinte 2007er Basis, Fassvinifikation, saftig, mit Süße und Säure in einem Gleichgewicht, wie man es von schönen Moselkabinetten her kennt und das nicht zu verwechseln ist mit chinesischer süß-sauer Sauce.

Millésime Extra Brut 2004, Kork.

 

Benoit Lahaye

Violaine, was für ein ausgefuchster Champagner ist das jetzt wieder, dachte ich mir. Aber klar, Lahaye ist ja für solche Überraschungen immer gut.

Rosé de Saignée 2010er Basis, Veilchen, Lavendel und etwas tückisches Geraniol, dazu eine Süße, die schwerem Blütenduft nunmal eignet.

Millésime 2004, für einen 2004er ungewohnt druckvoll und rassig, davon hätte der Rosé etwas abbekommen dürfen.

 

Pouillon

Chardonnay Les Valnons Ay Grand Cru, mit 7 g/l dosiert, exotischer Chardonnay, wie man das aus ay erwarten darf, wobei mir die Dosage zu hoch war und sich mit der Zeit hoffentlich soweit eingliedert, dass der Fruchtgenuss ungetrübt stattfinden kann.

Nature de Mareuil Les Blanchiers 50PN 50CH, nur 1% weniger auf der échelle des crus und in den richtigen Händen doch mindestens auf Augenhöhe mit Ay. Mareuil gehört zu den Terroirs, die es sich immer zu probieren lohnt. Reif, aber nicht runzlig, griffig, mit einer klugen Balance von Pinot und Chardonnay.

2XOZ 2006er Basis, 100PN, der programmatische Name lässt entweder sehr viel oder sehr wenig Zucker erwarten. Beides ist richtig. Die Trauben waren schön reif, der Champagner brauchte dafür dann keine Extradosage mehr. Das Ergebnis ist ein dichter Champagner, der mich an die ersten Blanc de Noirs von Ulysse Collin erinnert und sich bequem wegtrinkt. 

Terres et Vins de Champagne: Leclapart, Laval, Agrapart

Leclapart

Artiste 2008er Basis, vollmundig, fett, reif und stark

Apôtre 2007er Basis, behäbiger als der Artiste

Alchimiste 2008er Basis, nachdem der erste Mief verstunken ist, zeigt sich ein rassiger Champagner, der mir von allen Alchimisten bisher am besten gefiel

 

Laval

Brut Nature Premier Cru 2010er Basis, selten einen Brut Nature mit so viel Substanz getrunken

Brut Premier Cru 2008er Basis, geweitet und aufgespreizt, jahrgangs- und dosagebedingt.

Hautes Chèvres Pinot Meunier vs. Longues Violes Pinot Noir, die ersteren oben am Berg, die zweitgenannten direkt darunter. Viel mehr Säure und Konzentration beim Pinot Noir, aber auch eine gefährliche Schwergewichtbildung dadurch. Ein Kandidat für die lange Kellerlagerung.

 

Agrapart

Mineral 2007er Basis, weich und fast schokoladig wirkte der Mineral, mit mildgesalzener Butter und getrockneten Apfelstückchen, von den sonst üblichen Blumen, Kräutern und vor allem von der geschätzten Säure habe ich nur wenig vernommen.

Avizoise 2007er Basis, scharfe Kanten, kein Schoko, weniger Süßwarenladen, mehr Epicerie, mehr Kreide und Stein.

Venus 2007er Basis, Harmonie, Kraft und Kontrolle; Heu, Gras, reifes Obst, Hagebitte, Quitte, ein ganzer Sommer auf dem Lande, zusammengefasst in wenige Deziliter.

Dom Pérignon Stage Dinner in der Laeiszhalle, Hamburg

Dom Pérignon steht für Champagner wie Burger King für fast food und Formel 1 für schnelle Autos. Um in seinem jeweiligen Bereich die Spitze zu behaupten, genügt es nicht, ein bekanntes Erfolgsrezept stumpf ad infinitum zu perpetuieren. Das gilt für Luxusgetränke, wie für fast food und Autos. Spitze ist avant-garde, deren glamouröse Vorreiterrolle verdient sein will. Carl von Clausewitz wusste, dass die Vorhut nicht nur eine beobachtende Funktion hat, sondern auch mit Widerstand konfrontiert wird, dem sie sich mutig zu stellen hat. Das verschafft dem Rest der Truppe Zeit und offenbart die Absichten des Gegners, der aus seiner Deckung gelockt wird. Utz Claassen nennt das in seinem ansonsten ziemlich unerträglichen Buch "Unbequem" wie? Genau: unbequem.

Dom Pérignon ist ein solcher Avantgarde-Champagner; ganz anders, als die gewagtesten Champagner der Aube-Winzer oder die Kreationen der jüngsten Generation von Winzern, die jetzt gerade das Ruder im elterlichen Betrieb übernimmt, eher ein Bataillon als ein Spähtrupp, würde Clausewitz sagen. Das Zeitmoment, das in der Arbeit vieler Champagner-Kellermeister eine zwingend wichtige Rolle spielt, wird von Dom Pérignon schon seit Jahren mit besonderer Aufmerksamkeit bedacht. Denn bei einer zyklischen Betrachtungsweise, die im Weinbau naheliegt, zeigen sich im Laufe der Jahrzehnte typische Entwicklungen. Bei Dom Pérignon spricht man von drei plénitudes und meint damit die drei Stadien der Champagnerreifung. Ist die erste plénitude nach ca. sieben Jahren durchlaufen, kommen wir in den Genuss des jeweils neuen Dom Pérignon Jahrgangs, der fortan gedanklich ein "P1" tragen sollte. Nach weiteren sieben Jahren hat sich der Charakter des Champagners stärker ausgeprägt, teilweise sogar gewandelt. Dann ist die zweite plénitude durchlaufen und der Dom Pérignon erhält ein neues Kleid. Das Etikett ist nun schwarz und bis vor kurzem prangte der Zusatz "Oenothèque" darauf. Das hat sich jetzt geändert. Die Oenothèque heisst nun nicht mehr nur hausintern sondern ganz offiziell "P2", der erste Jahrgang mit dieser Bezeichnung am Hals ist der 1998er Dom Pérignon. Wer den noch im Keller liegen hat oder sich dessen Geschmack auf andere Weise vergegenwärtigen kann, sollte das schleunigst tun. Denn bei diesem Jahrgang erkennt man die Entwicklung sehr deutlich. Je nach weiterem Reifeverlauf wird es in weiteren ca. sieben Jahren einen "P3" geben, aber bis dahin müssen wir uns noch in Geduld üben. Hauptsache ist erstmal, dass das Spätdégorgement verstanden wird.

Zur Feier dieses in der Champagnerwelt u.a. auch von Bollinger (R.D.), Krug (Collection), Jacquesson (Dégorgement Tardif) gepflegten Konzepts und zum besseren Verständnis hat sich das Team um den Mönch etwas schönes einfallen lassen. Nämlich eine synästhetische Produkterfahrung. Alle drei Hamburger Zweisterner, Christoph Rüffer vom Haerlin, Thomas Martin vom Louis C. Jacob und Karlheinz Hauser vom Seven Seas im Süllberg bündelten ihre Kräfte, um in der Laeiszhalle aufzuspielen. Friedrich Liechtenstein leitete alles andere als unbequem durch den Abend, der von Nayon Han auf dem Cello, Eberhard Lauer an der Laeisz-Orgel und einem Teil der Berliner Symphoniker instrumental begleitet wurde, vokal kamen der Monteverdi-Chor und der Hamburger Mädchenchor hinzu, Bach und Brahms forderten den Intellekt. Sara Zinna und Marten Baum lieferten sich eine Tanzschlacht mit den b-boys der flying steps academy, pas de deux traf auf urban dance, Bach auf Coldplay und am Ende gab es Anonymous Love für alle.

Zur Eröffnung gab es Dom Pérignon 2004 und Kleinigkeiten zur Einstimmung auf die verschiedenen Küchenstile der Kochgefährten des Abends.

Karlheinz Hauser kombinierte erst Kalbstartar, Petersilie, gebackene Sardelle und Zitrone, dann Iberico Schweinebauch, Ponzu, Mango, Gurke. Mir gefiel die Sardellenidee zum Dom sehr gut, der Schweinebauch hätte heißer und krosser sein dürfen, dann wäre der Kontrast mit Mango und Gurke augenfälliger gewesen und der Champagner hätte klarer dazu glänzen könnenn.

Christoph Rüffer offeriert Thunfisch mit Erdnuss & Salzpflaume und danach einen Gänseleberlolli mit Passionsfrucht & Ziegenkäse; klingt banal, nach Sofasnack und Lolita, passt aber. Vor allem die Kombination aus Fisch, Nuss und Obst unter einem gemeinsamen salzigen Dach fügt sich feinsinnig in die weit geöffneten Aromenslots des Champagners. Konventioneller schien die Gänseleber, nur mühsam gebändigt die Passionsfrucht, die Zusammenstellung insgesamt ein Hinweis für Freude an der Provokation und Risikolust.

Thomas Martin bot einen Rote Bete Maccaron mit Entenlebermousse an und wies damit auf die erdigen und bodenständigen Komponenten des Champagners hin. Hamachi mit Tomate und Koriander kitzelten wieder die Seeseite und vor allem der Koriander holte Orientalik aus den Tiefen des Glases.

 

Menü:

 

I. Thomas Martin, der im Hauptteil seine klassische Küche zelebriert, verpaarte den klassischen Dom Pérignon mit Klassikern zum Sattwerden.

I.1 Schottischer Biolachs im Kräutermantel mit Osietrakaviar von AKI, Crème Fraîche und Brioche

I.2 Samtsuppe von Kaisergranat mit karamellisiertem Apfel und Zuckerschoten

dazu jeweils: Dom Pérignon 2004, der immer wieder mit seiner Nähe zum Dill überrascht, besonders deutlich war das beim Kräutermantel vom Lachs schmeckbar. Mit dem Öl der Meerestiere gab es keine Probleme, im Gegenteil. Die räucherigen Aromen vom Dom umwoben den Kaviar wie ein hauchzartes Negligé, Crème Fraîche und Brioche kamen so selbstverständlich dazu wie die unvermeidlichen besten Freundinnen einer College-Partyqueen. Beim Kaisergranat entzückte einerseits, dass keine Spur von verbrannten Aromen zu schmecken war, was ich leider selbst in der Sterneküche schon erleben musste, andererseits die Apfelstücke, die hie im Champagner wie dort in der Speise aus den Nichts aufzutauchen schienen, gegen den Gaumen stießen und sofrt wieder abtauchten. Sowas erzeugt Vergnügen.  

 

II. Christoph Rüffer, in Hamburg wohl der primus inter pares, kochte clever, frech und ausgereift, was ihn zu idealen Partner des P2 machte. Großartig war die Idee, ein wohlbekanntes und in jeder Truckergaststätte schon bis zum Ende durchgenudeltes Gericht mit Zutaten der Hochküche zu revitalisieren. Beim P2 kann man schließlich einen ganz ähnlichen Effekt miterleben, nur dass weder der normale noch der spätdegorgierte Dom Pérignon oft in Truckergaststätten anzutreffen ist. Obwohl, so genau weiss man das ehrlich gesagt gar nicht.

II.1 Cordon Bleu von Kalbsbries und Gänseleber mit Karottenpüree, Pfifferlingen & Orangenblüten-Dashi

II.2 Steinbutt mit Bouillabaissejus Fenchel & Sauce Choron

dazu jeweils: Dom Pérignon P2 1998, der unvergleichlich leicht und porentief zugleich war. Das ist in meiner Wahrnehmung sowieso ein Schlüsselmerkmal des Dom Pérignon, neben den üblichen Toast-, Pilz- und Röstaromen: die Leichtigkeit, das Er-leichternde des Champagners, das mir beim regulären 98er und bei den schwächeren Dom-Jahrgängen wie 92, 93, 2000 insgesamt immer gefehlt hat. 

 

III. Karlheinz Hauser versöhnte mit dem Merinolamm den theoretischen Veganer in mir und ließ den Tod dieser Tiere nicht nur sinnvoll, sondern zwingend notwendig erscheinen. Genauso zwingend war der Griff zum Dom Rosé 2003, der Lammfleisch und Orange zu verbinden verstand, wie es ein Stillwein vielleicht nicht gekonnt hätte. Tomate und Sobrasata machten diese Aufgabe nicht leichter, wobei leicht auch nicht der bevorzugte Tummelplatz dieses Champagners ist. Süß aber auch nicht, wie sich dann zeigte. Trotz eines witzigen Limonadencräckers und des für sich genommen noch gut passenden Lavendels war die Süße zu massiv und vielgestaltig, um den besonders weinigen Champagner angemessen einzukleiden oder umgekehrt sich von ihm umfangen zu lassen. 

III.1 Verschiedenes vom Merino Lamm, Orange – Quinoa Bohnen – Sobrasata – Tomate

III.2 Gebrannte Mandelcreme, weißer Gascogne Pfirsich – Limonade – Lavendel

dazu jeweils: Dom Pérignon Rosé 2003.

Zum Ausgleiten gab es Dom Pérignon aus der Leuchtflaschenedition, dazu die Musik von DJ Anonymous Love.

 

Eines konnte man an diesem Abend lernen: Dom Pérignon ist ein Champagner, der wie kaum ein zweiter alle Sinne anspricht und auf allen Ebenen interpretiert werden kann. Essen allein reicht dazu nicht; die schwarz und weiß gehaltene Tischdeko spiegelte die beiden Rebsorten Pinot Noir und Chardonnay, die sich im Champagner spannungsvoll gegenüberstehen, die miteinander ein Tänzchen wagen, einen pas de deux aufführen und urban dance moves zeigen. Vom vollen Klang der Orgel über den wohligen Klang der Stimme von Friedrich Liechtenstein, vom Klavierstück, vom Monteverdi- bis zum Mädchenchor ist in diesem Champagnerfüllhorn alles drin. Das gezeigt zu haben, war im Kern der Zweck des Abends, zumindest für mich.