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Monthly Archives: August 2015

Moselsekt

Auf den Sekt muss man immer wieder einen Blick werfen, weil dort viel mehr Bewegung ist, als es den Anschein hat. Das liegt nicht nur an der vermeintlichen Welle, die von Buhl ausgelöst hat, sondern daran, dass der deutsche Winzersekt seit locker zehn Jahren eine Entwicklung nimmt, die sich von Althergebrachtem löst und immer selbstbewusster die Auseinandersetzung mit dem Champagner sucht. Auseinandersetzung wohlgemerkt nicht im Sinne eines blutigen Aneinanderprallens, sondern mehr so önointellektuell-dialektisch, oder was. Der Moselsekt könnte dabei ruhig eine führende Rolle einnehmen, aus mir nicht ganz nachvollziehbaren Gründen ist die Mosel aber erstaunlich ruhig bis totenstill.
 
1. Hild, Elbling Privatcuvee 4, wirkte in der Nase positiv steinmehlig bis staubig; in Mund etwas süsslich, brausepulvrig, trotz vorhandener, balancierender Herbe, insgesamt war der Sekt nur leider zu breit und kurz geraten.
 
2. Hellershof-Zilliken, Elbling Crémant 2013, war eine Nummer komplexer, runder, weiniger, bei ähnlicher steiniger Mehligkeit, pointiertere pudrige Note, kalkiger, auch mit guter, gesunder Herbe ausgestattet. So kann guter Elbling schmecken.
 
3. Hellershof-Zilliken, Cuvée Muschelkalk 2013, aus Elbling und Burgunderrebsorten, wirkte etwas aufgesetzter, hatte einen aufgestülpten, leicht kratzigen, kaktusfeigigen Burgundercharakter, der Freunden von reinsortigen Weißburgundersekten gefallen könnte, mir aber nicht zusagte, weil die Harmonie der rebsorten nicht hergestellt war.
 
4. Reh, Weissburgunder, Lot 4, 2014, viel Melone, Honigmelone, farblich deutlich hochfarbig, für einen Weißburgunder insoweit irritierend, aber sonst ok.
 
5. Alice Hartmann, Luxembourg, eigentlich Jahr für Jahr eine sichere Bank; diesmal mit Müslinase, Dinkelflocken, zu kurz geratenes Aroma von gefriergetrockneten Himbeeren, gegen Ebde breiig süss, trotzdem charmant.
 
6. Reverchon Riesling brut, schmeckte bierhefig, kahmig, bestach auch nicht mit seiner simplen, grünlich und mit Wohlwollen stachelbeerig zu nennenden Säurestruktur, hatte wenig bis keinen Rieslingcharakter, kurz: war wenig interessant.
 
7. Stefanie Vornhecke, Senheimer Riesling 2012, dieser Sekt war angenehm frisch, unverstellt, aufgelockert, sauber, mit freier Stirn, erkennbar von jemandem gemacht, der weiss wie Sekt geht, nur gegen Ende etwas süsslich was an den immerhin 14 g/l Dosage liegen dürfte.
 
8. Frank Brohl, Pündericher Nonnengarten 2012, Ecovin; schöner Rieslingsekt, der einerseits reif, mit Rose, Apfel, Marille die blumig-fruchtige Seite bedient, andererseits mit einer Spur Klebstoff in der Nase so etwas wie gezielte Irritation zur Herstellung von Komplexität versuchte, Im Mund leider nicht ganz so druckvoll, da bringt er etwas zu viel Aroma mit, das wegen der insgesamt nicht besonders hohen Säure bremsend wirkt. Sehr solider, homogener Sekt auf Augenhöhe mit Alice Hartmanns Stöffchen. 
 
9. Bauer, Winzersekt 2012, viel Kalk in der Nase, im Mund leider milchig, oxidativ, herbbitter, mit Perspektive, die allzufrüh nach unten weist; begeiosterte nicht.
 
10. Werner, Grand Cuvée, Lot 5/12, handgerüttelt, schlank, frisch, etwas kratzig, wirkt auch hitzig, alkoholisch. Der Grundwein bildet mit satten 85 Oechsle eine sehr breit, vielleicht zu breite Unterlage, vielleicht kommt daher der alkoholische, fettweinige Eindruck bei sonst dünner Statur.
 
11. Von Schleinitz, Riesling Brut 2013, Klebstoffnase, im Mund matt, kurz, nur mit etwas aufmunterndem Popcorn, sonst nicht haftenbleibend.
 
12. Reverchon Blanc de Noirs 2011, Nase wie gekochter Futtermaisbrei, malzige Note vom Spätburgunder, wie man ihn auch schonmal an der Aube findet, nicht besonders komplex, karamellig-milchig, mau, kurz, kein Antörner.
 
13. Bauer, Blanc de Noirs vom Spätburgunder, war recht süss, der Gesamteindruck war etwas barock, dicklich, aber stimmig und passte sehr gut zur schweren, bauchigen Flasche mit entblößter Frau.
 
14. Befort, Pinot Rosé Nitteler Rochusfels 2013, Halsfolierung mit Rockabillysternchen, dementsprechend passende Kaugumminase, die reinste bubblegum bitch, mit Vanille, Minze, chemischer Erdbeernote, ein ganzer amerikanischer candyshop; nach diesem trivialen Ersteindruck und wenn die Kohlensäure sich gelegt hat, zeigt sich dahinter ein sensibler, ja raffinierter Spätburgundersekt, dem noch nicht einmal die Trocken-Dosierung etwas anhaben kann (sind auch nur 16 g/l), ganz anders als Hartmann und Brohl, aber in einer Liga. Würde ich für alle drei Punkte geben müssen, wäre ich im Probenkontext bei jeweils 88. 
 
Fazit: gibts keins. Die Mosel könnte und müsste beim Sekt mehr abliefern. Einige wenige Protagonisten reichen da einfach nicht.

Für ein ginvolles Leben

Von Vielem habe ich keine Ahnung und Gin gehört dazu. Sicher, die Verordnung (EG) Nr. 110/2008 des europäischen Parlaments und des Rats vom 15. Januar 2008 ist schnell gelesen und verstanden. Oder nicht? Wenn ich mir anschaue, was in Deutschland alles unter "Gin" firmiert, wohl doch nicht. Aber das ist meine Laienmeinung und die vereinfacht zwangsläufig. Bei mir sieht die Vereinfachung so aus: es gibt "Spirituosen mit Wacholder" und es gibt "Gin". Die sensorischen Eigenschaften von Wacholderbeeren — wenn auch zuweilen in abgeschwächter Form — müssen bei einer Spirituose mit Wacholder wahrnehmbar bleiben. Beim Gin jedoch ist Wacholder das prägende, vorherrschende Element. Sind die Aromastoffe bloß zugesetzt, bleibt es bei der Bezeichnung "Gin", wird erneut unter Zugabe von Wacholderbeeren und ggf. Pflanzenstoffen, den berühmten botanicals, destilliert, darf sich der Gin naheliegenderweise "destillierter Gin" nennen. Der Gin kann außerdem als "London (Dry) Gin" bezeichnet werden, wenn er als destillierter Gin besonders wenig Zucker zugesetzt bekommt. Beim zweiten Gin Bottle Tank der Sternefresser in Zusammenarbeit mit Vijay Sapres Effilee wurde dem deutschen Gin auf den Zahn gefühlt. Ich durfte mithelfen und habe folgendes herausgefunden: 

  1. Hoos London Gin

Der Gin aus Karlsruhe war zunächst auffallend süß bis hagelzuckrig, getragen von Kamille und Fenchel; im Mund dann aber angenehm herb und nahtlos glatt gleichermaßen, so dass er dem Londoner Anspruch formal genügen dürfte und der Süßeeeindruck hauptsächlich ätherischen Ölen (Kamille sehe ich da in der Hauptverantwortung) und dem Alkoholgehalt von 44% vol. geschuldet sein wird. In sich geschlossener, leider für mich zu süßer und dadurch nicht sehr spannungsvoller Gesamteindruck.

  1. Windspiel Premium Dry Gin

Aus Daun und mit viel Geschichte im Rücken angetreten ist hier eine kräftige Nase, etwas dicklich, aber noch nicht pummelig, mit reichlich Würze unterlegt; im Mund dafür unerwartet süß und ohne Kontinuität des kräftigen Naseneindrucks. Von Kartoffel aus Vulkaneifeler Boden, die als Basis dient, keine aromatische Spur.

  1. Granit Bavarian Gin

Der Gin aus Hauzenberg hat eine nur vordergründig spritige Nase mit dafür deutlich ausgeprägter Wacholdernote, die vor allem angesichts der kräftigen botanicals einschließlich Enzian und Bärwurz, sicher keinen leichten Stand hat; im Mund hohe Süße und ein kräftiger, auch an Salmiak erinnernder Eindruck, der gut zu bayrischen Malzbonbons passen würde. Entwickelt sich gut mit Luft und ist dann durchaus raffiniert, flott und eigenständig, ohne dass der Salmiakton überhand nimmt.

  1. Ferdinands Saar Dry Gin

Leicht floraler Eindruck, der gedämpft an die Nase dringt. Auch etwas trockenkräuterig und mit Blättern vom schwarzen Johannisbeerstrauch, die ein tüchtiges vegetabiles Profil mit einem minimal kartoffelschaligen tocuh ergeben; entfernt lakritzig, bei unaufdringlicher aber durchaus vorhandener und mit 44 % vol. alc. natürlich auch schmeckbarer Süße.

  1. Feel! Munich Dry Gin

Intensive Nase, in der alles gut verteilt ist, sauber, mit selbstbewusster, aber nicht tünchender Süße und gegensteuernder alkoholischer Kraft. Druckvoll, stoffig, gut. Ein Beleg übrigens auch dafür, dass nicht die menge der botanicals den guten Gin ausmacht. Hier sind mit 17 nur vergleichsweise wenige Pflanzenstoffe am Werk, das aber sehr überzeugend.

  1. Kiesslings Coxx Apple-infused Gin

Aus Grafschaft, dem gedeckten Tisch kurz vor Bonn stammt der Gin mit dem Apfeleinfluss. Dessen Klebstoffnase wirkt etwas einfach gestrickt. Ein durchaus fruchtiger, mich aber nicht unbedingt an Apfel erinnerdner Charakter, der sich aber erst zaghaft mit Luft entwickelt und am Ende den Charakter eines guten Tresterbrands annimmt, macht den Gin sympathisch, der Wacholder dürfte aber ruhig eine größere Rolle spielen.

  1. Sünner Dry Gin No. 260

Gut geformte Nase, trotz seines leichten bubblegum Aromas (das ich persönlich durchaus mag). Lavendel und vor allem Dill machen diesen etwas künstlichen Eindruck wett. Sehr ansprechender Gin.

  1. Elephant London Dry Gin

Flache Nase, kratziger und alkoholischer Ersteindruck wie vom anoxidierten Apfel, der von einer an untypische Altersnote beim Wein erinnernde Note nicht verbessert wird. Der geharzte Geschmack mag auf afrikanische botanicls zurückzuführen sein, mich sprach der Gin leider nicht besonders an, auch fand ich Nase und Mund nicht besonders gut zum Ausgleich gebracht.

  1. The Duke Munich Dry Gin 

In der Nase balanciert und im Mund geradezu salzig, was angesichts einer Fülle sensorisch als zu süß empfundener Gins zu erfreuen weiß. Auch hier wird der sparsame Umgang mit botanicals belohnt, gerade einmal dreizehn sind es wohl, darunter Hopfenblüte und Malz, was dem Gin zwar nichts bieriges gibt, ihm aber einen nach Hallertauer Sommer schmeckenden Charakter verleiht, was ja sicher im INteresse der Erfinder gelegen haben wird.

  1. North Sea Premium Gin

Vom Skiclub Kampen, einem Projekt das nur von der Insel Sylt und ihren Bevölkereren aus Fussball, Halbwelt, Textilbranche und sonstwie zu zu viel Geld Gekommenen ersonnen worden sein kann. Wenn solche leute sich aber einmal was in den Kopf gesetzt haben, wird daraus meist auch was. So wie hier. Herbschöner Gin, elegant, fließende Übergänge einer Vielzahl an Aromen, die sich schmeichelnd um den präzis ausgearbeiteten Wacholder drapieren, ihn aber nicht verdrängen. Auf der Zunge überhaupt nicht belastend, hitzig, anstrengend oder schwer. Gefiel mir exquisitestens.

  1. Monkeys 47 Schwarzwald Dry Gin

Die originellste Geschichte aller deutschen Gins hat wahrscheinlich dieser Gin aus Loßburg, bei dem alles um die Zahl 47 kreist. Die offensive Nase strotzt vor Ahoibrausepulver, Traubenzucker, Zitrus-  und Beerenfrüchten, leider auf Kosten des Wacholders. 

  1. Sieben Frankfurt Dry Gin

Sumpfiger, abgestorben-pflanzlicher Eindruck in der Nase, im Mund eigentümlich sämig. Borretsch, Kerbel, Kresse, Petersilie, Pimpinelle, Sauerampfer und Schnittlauch ergeben zusammengenommen nur wenig Gin-Charakter, dafür hat der Gin viel Geosmin, Heilerde und pflanzliche Aromen, die in Richtung von Knollensellerie, Estragon, Kurkuma und Safran tendieren. Insoweit also durchaus komplex, aber so wie der Monkeys 47 leider auch recht weit vom Wacholderthema entfernt. 

  1. Gin Sul 

Hier gab es ausgeprägten Wacholdergeschmack zu kosten, die Süße war leicht und fein, der Gin von eleganter Überlegenheit. Mit Luft kam ein sehr sauberes Mundgefühl dazu, das erst gegen Ende leicht kernseifig, aber nicht unangenehm wurde. Wenn Saudade so schmeckt, dann verstehe ich das viel besser als wenn der für mich nur schwer erträgliche Fernando Pessoa schwafelig und unsympathisch darüber salbadert. Eine Art angenehmer Weltschmerz also, in Sonnenschein getaucht. Warum nicht. Für mich einer der besten Gins überhaupt. 

  1. Eversbusch Doppel-Wachholder

Aus Hagen kommt der Wacholder mit dem Doppel-H. Heute würde er nicht nur gegen Rechtschreibregeln verstoßen, sondern auch gegen die Health-Claims Verordnung: "Wenn Dich des Harnes Säure plagt, das Zipperlein Dich peinigt, hilft Eversbusch-Wachholder Dir, ein deutscher Trank, der reinigt!". Das geht natürlich nicht. Und sonst? hat sich die Spirituosenwelt ebenfalls weitergedreht. Der Wacholder schmeckt alkoholisch, kräftig bis ins Plumpe hinein, bei reichlicher aber nicht besonders ausgearbeiteter Würze und einer gewissen Brandigkeit.

  1. Skin Gin Dry

Die Hipsteroptik aus dem Alten Land passt zum Zeitgeist, der Gin selbst aber überhaupt nicht in mein naives Gin-Schema. Zitronen-Aftereight, Lemon Curd mit Meersalzflocken, Saunaaufguss, Zitronenmelisse, Verbene und über allem keine Spur von Wacholder, sondern von Eukalyptus-Menthol. Hat mit Gin nicht mehr viel zu tun, schmeckte mir aber super.

  1. Berliner Brandstifter Dry Gin

Waldmeister, Gurke und Malve sollen bei den botanicals den Berlinfaktor ausmachen und ergeben für mich so etwas wie einen Apfelgeschmack, der eines Coxx würdig wäre. Dieser Apfelsaft und jede Menge Frucht, bei dennoch erkennbarem, weil zusammen mit dem Apfel wohl auch besser harmonierendem Wacholder, macht den Gin sehr süffig, sehr apart.

 

Fazit:

Von den sechzehn probierten deutschen Gins waren nicht die mit einem Übermaß an botanicals diejenigen, die mir am meisten zugesagt haben. Ganz im Gegenteil, eher lag der Erfolg bei denen, die sich auf eine kleine Auswahl an Zusatzstoffen beschränkt haben. Im Sinne eines Cuvéeprinzips könnte das bedeuten, dass die deutschen Brenner erst noch lernen müssen, mit einer unüberschaubaren Vielzahl an botanicals sinnvoll umzugehen. Andererseits bedeutet eine Beschränkung auch nicht zwingend, den Königsweg zu beschreiten, wie das Beispiel Sieben zeigt. Hohe Alkoholwerte sind kein Problem, auch die Herkunft des Alkohols spielt keine Rolle. Was mich ratlos zurücklässt, ist die in vielen Gins viel zu hoch empfundene Süße. Im Verein mit Tonic oder anderen Zutaten mag sich das alles einspielen. Aber pur muss ich das bemängeln. 

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