Back to Top

Monthly Archives: November 2015

Chabos wissen, wer der BaBu ist

Na gut, nicht alle Chabos werden wissen, wer der hier gemeinte BaBu ist. Noch nicht. Doch halt: Chabo? Die japanische Zwerghühnerrasse? Und BaBu? Um was geht es hier überhaupt? Nun, nicht um diese kleinen Gockel, so viel ist sicher. Aber auch nicht direkt um eine lebende Person. Eher um eine Art Keyser Söze. Die vom Manischen beeinflusste Kowelenzer Hejelsprache (Vorsicht: kaum, bzw. nur wenig Bezug zum Verfasser der Phänomenologie des Geistes, obwohl dieser zeitweilig sogar Chefredakteur der, aufgemerkt, Bamberger (!) Zeitung war) bringt uns jedenfalls vorerst nicht weiter. Manisch wiederum ist ein gutes Stichwort, wenn man sich die Auseinandersetzungen ansieht, die um Sekt und Champagner geführt werden. Nicht umsonst wird eine meiner nächsten – vor allem zu Veranschaulings- und Schulungszwecken veranstalteten, nicht-, bzw. nur teilöffentlichen – Proben unter dem Motto "Sekt trifft Champagner" stehen. Nicht: "Der beste deutsche Winzersekt steckt sowieso jeden Großhauschampagner mühelos in die Tasche". Oder: "Champagner ist nur teurer aber nicht besser als guter deutsche Winzersekt". Nein, "Sekt trifft Champagner" trifft es schon sehr gut und wir werden, das steht schon jetzt fest, mal wieder erstaunliche Erkenntnisse und Kommentierungen mitnehmen.

 

Einen Ex-Babo, der sich mit Auseinandersetzungen und kritischen Kommentierungen gut auskennt, juckt das alles ausnahmsweise nicht: Richter und Justizminister a.D. Heinz Georg Bamberger. Muss es auch nicht. Aber dessen Namensvetter-Weingut Karl-Kurt Bamberger und Sohn (Heiko) aus Meddersheim an der Nahe. Schließlich bildet das Wein- und Sektgut Bamberger den ersten Teil der titelgebenden, scilicet, Mundmische. Heiko und Ute Bambergers Sekt ist regelmäßigen Besuchern der Spitzengastronomie rund um Bad Kreuznach, nehmen wir z.B. mal das Bollants im Park als referenz herbei, schon seit Jahren bestens bekannt. Auch die kleine Gruppe der ernsten Bibelforscher Weinführerleser darf wissend abwinken. Alle anderen hören jetzt bitte ganz genau hin, bzw. her, resp. lesen aufmerksam, was folgt. Der trocken (!) dosierte Rosé-Sekt von Bamberger hat die schmeichelnd bezwingende und sämige Art einer perfekten Sauce Hollandaise. Butter und Cayennepfeffer, Limette, Erdbeere und Shiitake spiegeln sich im Sekt, der nicht auf völlig ausgelatschten Burgunderpfaden wandelt und in der Welt magersüchtiger Zerodosagen wie ein plus-size model wirkt, mit anderen Worten: in etwa so übergewichtig wie Myla Dalbesio oder Crystal Renn, so arrangiert wie Sophie Dahl für Boucheron und für mich bedeutet das am Ende: 750ml deutsche Sexyness, so absurd das in manchen Ohren klingen mag.

 

Der zweite Teil des heutigen Einakters ist gleichzeitig so etwas wie ein Sequel der mehrteiligen Sektsaga aus dem Hause Reichsrat von Buhl. Kellermeister Matthieu Kauffmann weiß, wie man Druck macht. Schließlich kommt er von Champagne Bollinger. Sein deutsches Erstlingswerk wurde ihm hier aus den Händen gerissen, dann war Sendepause bis April. Mit "frisch degoutiertem Flaschengärsekt" (so heißt es auf der Website) meldete sich Buhl jetzt zurück. In pink, ohne biologischen Säureabbau, dafür mit 9 g/l dosiert. Just am Tag nach der Deutschlandpremiere des von Kauffmann noch zu Bollingerzeiten verantworteten Grande Année Rosé 2005 habe ich mir seinen Rosé-Sekt näher angesehen. Und erlebte so etwas wie ein kleines déjà bu. Dafür verantwortlich war die gierig züngelnde Säure, die hemmungslos wirkende und doch so kontrolliert, geradezu deutsch agierende Kirsche in all ihren Ausprägungen und ein verblüffender Anflug von Torrefaction, zu deutsch: Röstaroma. Was sich wie Schlangenbeschwörung anhört, läuft technisch innerhalb von 15 Monaten ab und ist nichts anderes, als der Zerfallsprozess von Hefen. Deren Selbstzersetzung bringt eine Aromenkomplexität, die wie extrem zurückhaltender Holzeinsatz schmecken kann. Eine gelungene Katastase.

 

Die Eskalation ist bei Buhl noch längst nicht zu Ende, wie Torpedos eines Uboots auf Feindfahrt liegen dort noch weitere Cuvées und warten auf ihren unweigerlichen Abschuss. Wie der nächste Schritt bei Bamberger aussieht, weiß ich zufällig auch schon. Dort wird man sich im Januar 2016 an einen Nulldosagesekt machen, an dem mitzuwirken ich die Ehre und das Vergnügen habe, weshalb ich schon jetzt drauf hinweise.

 

Fazit: Wem an Mutti (also an seiner eigenen) gelegen ist, sollte zum Muttertag ernsthaft mal darüber nachdenken, Sekt aufzumachen. Dann weiß auch sie, wer der BaBu ist.   

Champagner? Champagner!

Einen Leserückblick, angereichert um highlights von der Bulles Bio in Reims habe ich igerade erst geliefert. Mit highlights alleine ist es aber nicht getan, das gilt für make-up genauso wie für Champagnerübersichten. Deshalb folgen hier noch einige Tips und Hinweise zu Champagnern von der diesjährigen Falstaff-Champagnergala in Berlin, die aus Gründen  der Wiederholung, Vertiefung und besseren Streuung getreulich nachgetrunken werden sollten.

Von Champagne André Roger habe ich vor allem den Rosé zu empfehlen, der mir zuletzt zusammen mit Krug Rosé, Deutz Rosé und Roederer Vintage 2010 Rosé sehr viel Freude bereitet hat. Auch die Grande Réserve Brut Grand Cru (75PN 25CH) und der Millésime (85PN 25CH) sind preislich wie qualitativ sehr interessant.

Von Charles Heidsieck ist der Blanc de Millenaires 1995 nach wie vor eine sichere Empfehlung, aber was vielleicht noch viel spannender ist: der Rosé Millésime 1999.Eleganz, Power und Finesse, wie man sie bei einem Jahrgangsrosé dieses Alters gar nicht erwarten würde. Gegenüber dem jahrgangslosen, auch schon guten Rosé von Heidsieck ist das ein ganzes Saeculum, das da dazwischen liegt.

Champagne Lallier wird uns im Jahr 2016 einige schöne neue Kreationen durch die charmante Repräsentantin Vanessa Cherruau liefern, bis dahin gedulden wir uns gern mit der Grande Réserve Grand Cru (65PN 35CH), dég. Sep. 2014.

Champagne Moutard Père et Fils kennt man vor allem von der Cuvée des 6Cépages, deren aktuelle Version 2008 ist zwar mit üppigen 8 g/l dosiert, steckt den Zucker aber gut weg. Das liegt gewiss am Arbane- und am Petit Meslier Anteil, deren Säure ja so manchen eleganten Faltenwurf in allzuglatt gebügelte Cuvées zu zaubern versteht; maßgeblich für die Frage, ob es eine Altrebsortencuvée gibt, ist übrigens Jahr für Jahr der empfindliche Arbaneertrag. Seitenblicke auf den reinsortigen Parcellaire Pinot Noir de Vieilles Vignes lieu dit Richardot und auf die Cuvée des 2 Soeurs (50PN 50CH) lohnen sich übrigens auch.

Von Louis Roederer gibt es sowieso fast nur gute Champagner, das Haus setzt außerdem auf Biodynamie und zuletzt gab es, für ein Haus dieser Größe einigermaßen ungewohnt, einen Brut Nature in der Kpnstleredition von Starck, Jahrgang 2006. Das ist ein leicht scotchig geratener, sonst ganz sauberer und direkter Champagner, der Lust auf mehr Experimente dieser Art macht.

Nils Lackner und Champagne Alexandre Salmon muss man auf dem Speiseplan haben. Die Cuvée A.S. (50PM 50CH) war 95 Monate auf der Hefe, Basis sind 2006 und 2005 und wenn da die Post nicht abgeht, weiss ich auch nicht. Das neue Holz aus der Tonnellerie der Champagne dient unaufdringlich und polstert an den richtigen Stellen, der Champagner ist eine wohlgeratene Mischung aus üppiger Form und kühnem Schwung. Weiter so.

Direkt da ist, ganz gegen die Erwartungshaltung, Taittinger, Comtes de Champagne 2006. Null Babyspeck, null Fett, null Makerade, keine Versteckspiel, sondern sofortige Ansprache und rabiates Durchstarten. Schlank, würdig, leicht, sehr gelungen und sicher einer der am frühesten schmackhaften Comtes der letzten zehn Jahre.

Champagne Demoiselle aus dem Hause Vranken-Pommery habe ich Anfang der 2000er Jahre zum ersten Mal getrunken und die Cuvée Parisienne Premier Cru gefällt mir seither stets am besten. Der aktuelle 2003er ist buttrig, ohne fettig zu sein, die geschickt verbaute Autolytik gibt dem Champagner Gediegenheit und Charme.   

Sternefresser Bubble Tank im The Table (***/17), Hamburg

Im bewährten K.O.-System traten die 16 von den Juroren nominierten Lieblingschampagner mit einer Preisobergrenze von 50,00 € gegeneinander an. Um die kräfteraubende Verkostungsarbeit über vier Runden durchstehen zu können, bedurfte es einer geeigneten Küchenumgebung, die sich zwangloser als Kevin Fehlings neuer Hamburger Hot Spot gar nicht denken lässt. 

 

Die morituri waren:

 

Perrier-Jouet Grand Brut, der gegen Bérèche et Fils Vieilles Vignes Sélectionnés 2005 antreten musste und prompt rausflog. Frucht, Menthol und schokominzblättrige Eingängigkeit reichten nicht, um gegen den breit aufgestellten, aromatisch von Maispuffer bis Haselnusskeks reichenden, mit Riesenwucht und leichter Cognacfahne anrennenden (von mir bevorzugten) Bérèche aufzuhalten.   

 

Raumlands VIII. Triumvirat wurde von niemandem als Pirat erkannt und in einer kundig besetzten Jurorenrunde (inkl. Volker Raumland selbst) will das mehr als viel bedeuten. Erst recht, wenn der Gegner Egly-Ouriet heisst. Mir gefiel der Egly mit seiner Mischung aus Mon Chéri, Tonkabohne, Wacholder und Seeluft besser, ich fand ihn auch im Mund komplexer, aber das Triumvirat warf Egly raus, was am unverblümten Apfelspass gelegen haben mag, dem bunten Durcheinander saftiger Äpfel, dem man beim Champagner immer so gern verfällt, wobei Volker größtes Lob für die Dosagearbeit gebührt, die der Säure viel Platz zum Wirken gab, aber genügend hoch war, um die Saftigkeit nicht auszutrocknen.

 

Robert Dufour et Fils Bistrotage par Charles Dufour hatte ich erst wenige Tage zuvor in einer anderen Runde vorgestellt und auch beim Bubble Tank (wo er von einem anderen Juror eingebracht worden war) schlug er sich hervorragend. Tüchtig Waldbeeraroma, etwas Panna Cotta, nur wenig Oxidation, eben gerade so, dass sie Spaß macht und Komplexität hinzufügt. Dem konnte Pierre Moncuit Blanc de Blancs Extra Brut nicht widerstehen. Nuss, Apfel und an größere Höuser erinnernde Dosage ließen den sonst geschätzten Champagner aus Le Mesnil nicht nur in meiner beschränkten Weltsicht den Kürzeren ziehen, auch die Runde entschied sich für Dufour. Bravo!

 

Nun aber wurde es schwer. Vouette et Sorbée Fidèle war von Nina Mann (Ex-Nagaya) eingestellt worden und Bertrand Gautherots Champagner haben nunmal (vom schwierigen Rosé abgesehen) meine Sympathie für sich. So auch hier. Die Verwandtschaft zu Dufour, also die Aubeherkunft, wenn man so will, schien unverkennbar, so wie meiner Meinung nach alle Aube-Champagner, scilicet, etwas rustikaler im Gesamtvergleich wirkten. In den einzelnen flights verschwamm dieser Eindruck und war nicht so gut greifbar, aber insgesamt und weil man nachher immer schlauer ist, waren die Aubeavantgardisten leicht zu demaskieren. Campher und säuerlich-pflanzliche Aromen wirkten hier nicht störend, weil sich auch viel sonstige Frucht zeigte und der Champagner seine gutmütig-dickbauchigen Seiten nicht verbarg. Rosenblüte und etwas Nuss wirkten ziemlich betörend auf mich. Emmanuel Brochets Mont Benoit wollte mir da nicht so gut gefallen. Das, obwohl ich noch auf der Bulles Bio in Reims mich fast nicht hätte satt, bzw sitt trinken können, daran. An vielen der anderen Champagner aber auch. Im Vergleich mit dem Fidèle sprach mich die Nase mit Cashew, Tajine und Erdnussbutter nicht so wahnsinnig an. Mit Luft legten sich schon einige aparte Schichten frei und die raffinierte Apfel-Zitrus-Kombionation zum Schluss hätte mir Hinweis sein können auf den rasanten Entwicklungsschub, den der Champagner sodann machte. Die übrige Verkoster mögen es früher erkannt haben, ich konnte ihm an dieser Stelle (noch) nicht den Vorzug geben.

 

Auch nicht leicht hatte es die geschätzte Val Frison mit der Cuvée Goustan Brut Nature. Die musste nämlich gegen Eric Rodez ran und das bedeutete ihr vorzeitiges Ausscheiden. Sehr schade, denn diesem feinen Hong-Kirsch Aroma mit seinem gegen Ende auftauchenden hauchzarten Waldmeister hätte ich gern ein längeres match gegönnt. Meister Eric fackelte nicht lang, sein Champagner bewegte sich wie der Night Fox aus Ocean's Eleven oder Twelve oder welche Nummer auch immer, über den Gaumen, schlank, trainiert, reif und verschmitzt, mit einer schlingelhaften Süße, so hatte ich mir den Konkurrenten vorgestellt, der leider nicht das Virtelfinale erreichte.

 

Larmandier-Bernier Terre de Vertus trat gegen Aurelien Suenen Blanc de Blanc Extra Brut an und konnte schlicht nicht mithalten. Das finde ich ziemlich aufregend, denn rein zufällig war diese Zusammenstellung zustandegekommen und vereinte doch zwei hochgradig spannende, für den direkten Vergleich wie gemachte Champagner. Das ist bei weitem nicht in jeder Paarung so, das Paar Frison/Rodez zum Beispiel war durch denselben Zufall ganz unglücklich zusammengewürfelt und ich hätte beide lieber mit anderen Partnern am Start gesehen. Nunja. Suenen also zeigte, wo's langgeht. Pfeffer, Dreck, provokantes Bitterl, aber auch Schliff, Klasse und eine auf weniger Perfektionismus angelegte, attackierende, rücksichtslose Art. Mit dieser Selbstverschwendung konnte der ruhige, sehr saubere, sehr angenehme, sehr wohlerzogene Terre de Vertus nicht ernstlich konkurrieren. Meins Stimme hatte klar Suenen und die echten Profis sahen es genauso.

 

In der Nase Anisbonbon, Fenchel, im Mund sehr sauber, aber etwas zu kurz und etwas zu hoch dosiert, das war für mich der Auftritt von Moet et Chandon Grand Vintage 2006. Gegen den viel riskanteren, mutigeren, ruchloseren Champagne Horiot Sève En Barmont konnte das große Haus nichts ausrichten. Klar, dass Horiot eine Runde weiter kam.

 

Zweiter Anlauf für Larmandier-Bernier, diesmal mit der Cuvée Longitude. Seifenduft, wie von einer englischen Nobelmanufaktur, die nur an handverlesene Luxusschuppen und exquisite Herrenausstatter liefert, bei Larmandier. Ferner Nuss, Marshmallow, von geschicktem Dosageeinsatz gestützte Trinkfreudigkeit und alles zusammen recht komplex, aber nicht kompliziert. Gegen Christophe Mignon, den ich dieses Jahr schon bei Hendrik Thomas Wein am Limit Livestream öffentlich zu verkosten und zu loben das Vergnügen hatte, reichte das nicht. Dunkler eingefärbt, mit Apfel, Pektin, frivoler Exotik und englischer Internatsstrenge hatte der Meunierspezi schnell die Mehrheit für sich.         

 

Die zweite Runde hat Bérèches Vieilles Vignes gegen Volker Raumlands Triumvirat für sich entschieden, interessanterweise zwei durchaus von Apfelaromen geprägte Schäumer, bei denen Bérèche einfach etwas mehr Mut, Konzentration und Aggressivität an den Tag legte. Dufours Bistrotage hatte ich gegen die Gruppe vor dem flacher wirkenden Brochets Mont Benoit gesehen, war aber in der Minderzahl. Auch beim dritten Virtelfinalpaar, Eric Rodez gegen Suenen konnte ich mich nicht durchsetzen. In der ersten Runde hatte ich Rodez und Suenen in ihren jeweiligen flight auch jeweils favorisiert, so dass nun zwei Favoriten aufeinander trafen. Rodez war für mich feiner, eleganter, damenhafter, Suenens zweiter Auftritt (aus einer neuen Flasche) schwächelte dagegen meiner Meinung nach. Letztlich war's aber nur haarscharf zwischen beiden und Suenen gewann. Horiot und Mignon bildeten dann wieder einen Favoritenflight und Horiot packte nun einfach etwas mehr aus, als Mignon. Ginger Ale, starke, aber nicht brennende Säure, ein sportlicherer Charakter gaben für mich den Ausschlag gegenüber dem vielleicht rebsortenbedingt milderen, leiseren Mignon.

 

Brochets Mont Benoit setzte dann seine Siegesserie gegen Bérèche fort, obwohl ich ihn karamelliger, weniger druckvoll und nicht ganz so durchmarschgeeignet fand. Suenens dritte und leider wieder nicht ganz optimale Flasche stieg aus, als Horit Kalamansi, Yuzu und eine immer weiter ansteigende Komplexität einbrachte, die ihm nun aber für mich vollends unverständlich, dennoch nicht den Sieg gegen den am Ende erstplatzierten Champagner, Emmanuel Brochets Mont Benoit, bescherte. Den dritten Platz errang mühelos Bérèche.

 

Fazit: Die Zufallsauslosung im K.O.-System bringt Unvorhersehbarkeiten und Ungerechtigkeiten, aber sie ist ziemlich unbestechlich. Sicher geglaubte Positionen erweisen sich als wacklig und so mancher Champagner, den man nicht auf dem Plan hatte, bekommt Profilierungsmöglichkeiten, die ihm guttun. Spaß machts auch, Fazit im Fazit daher: Wiederholung so bald wie möglich!  

 

Champagne Krug Clos du Mesnil Vertikale 1979 bis 2003 im Berens am Kai, Düsseldorf

Krugs Clos du Mesnil. Hochachtung, Respekt und ehrfurchtsvolle Scheu klingen durch, wenn von diesem Champagner die Rede ist. Der Clos du Mesnil ist selbst für Intensivtrinker und Sammler kaum bekanntes Terrain. Dabei ist er im Vergleich mit ähnlich hochkarätigen Stillweinen geradezu ein Billigheimer; besonders interessant: es gibt ihn noch nicht so sehr lange (unter Krug-Regie jedenfalls). Wer sich lange genug umsieht, hat eine ernsthafte Chance darauf, eine komplette Sammlung aller Jahrgänge zusammenzubekommen. Warum das eine gute Idee sein könnte? Weil das langlebiges Zeug ist, das selbst nach mehr als dreißig Jahren kaum Altersspuren zeigt. Dem lieben Alper Alpaslan ist es zu verdanken, dass unter anderem Richard Juhlin eigens aus Schweden und der sonst bekanntermaßen champagnerscheue Weinterminator überhaupt zum bewährten Berens am Kai kamen, um in ebenso konzentrierter wie gutgelaunter Runde alle bisher erschienenen Jahrgänge dieses Ausnahmechampagners durchzuprobieren. Selbst die raren ersten Jahrgänge konnte Alper auftreiben, wofür ihm einmal mehr Dank gebührt. 

 

2003 war erwartungsgemäß reif, voll bis schwer, wirkte auf mich dadurch etwas lahm, wollte mit seiner gammeligen Erdbeeraromatik erst auch nicht richtig überzeugen, entwickelte dann aber sehr aparte florale Noten, die den dickviskosen Eindruck verschoben. Dank strenger Selektion und nur ca. 8000 Flaschen ergab sich mit Luft eine dann doch noch sehr angenehme Frische und eine eine kalkpulvrige Note, dass es so seine Art hatte.

 

2000, damals blieb als einziger vom Hagelsturm in Le Mesnil der Clos du Mesnil verschont. Mirakulös – und eben deshalb heißt er auch bei Krug der Mirakelhafte. Mich erstaunten Kokos, Papaya, entfernt röstige Noten, ein feiner Duft von Reinigungswolle und die leicht hysterische Säure. Wäre der Champagner gegen Ende nicht etwas dünn bei gleichzeitiger Reifeanmutung, hätte ich ihn nicht für einen 2000er gehalten. 

 

1999, gibt es zwar, aber nur im Keller von Krug. Was damit geschehen wird, ist unklar. Kaufen kann man ihn derzeit jedenfalls nicht.

 

1998, drängender, stürmischer, nicht ganz so hysterisch wie 2000, mit einer gut entwickelten und immer noch Jugendlichkeit anzeigenden Pina Colada Nase, sanfter Butternote und feiner, fast unauffälliger und noch im Babystadium befindlicher Frucht.

 

1996, die Riesenmenge an Säure, die nichts anderes gelten lässt, könnte schwache Nerven irritieren; dann kommt aber Makrone, Frankfurter Kranz, Lemon Curd,zum Schluss begossen mit einem Tässchen Limettensaft. Von Reife kann hier noch nicht ansatzweise und in den nächsten zehn Jahren nicht die Rede sein. 

 

1995, für mich zu Beginn so etwas wie der schönere 96er, elegant, balanciert, selbstbewusst, unaufdringlich, zuckerwattig, schwarzer Tee, mit guter buttrig-reif glänzender Aussenwirkung und jugendlichem Kern. Ob er wirklich dem von Krug im letzten Augenblick gestoppten 1999er Clos du Mesnil ähnelt, kann ich leider nicht sagen, aber die sich langsam entwickelnde Trockenobstigkeit mit vielen Apfelringen gefiel mir schon sehr gut. 

 

1992, nicht so gut und sogar mit am schwächsten fand ich den von etwas Blaubeere durchsetzten 92er. Low key ausgeleuchet, dämmrig, allerdings schon auch etwas dicht, zwischen atmosphärisch und träge, aber noch nicht schlaff, dennoch wenig kreativ, trotz Cointreau und Lindenblütenduft. Klingt alles so, als gäbe es gar nichts zu meckern, mich hat er trotzdem unzufrieden zurückgelassen. Wahrscheinlich sind es die Vorbehalte gegen den Jahrgang, die bei mir den Ton angeben.

 

1990, herrlich verschlafen, zwischen metallisch und beerig, braucht dieser Champagner wie ein Tiefseetaucher mehrere Etappen, um nach oben zu kommen. Mit viel Luft zeigen sich Toast, Reife, milde Röstung, Safran und eine Gewandung, die man sonst nur von pinotgeprägten Prestigecuvées kennt, wobei der Champagner bis zum Schluss reserviert und erkennbar in einer Übergangsphase hin in das nächste Reifestadium bleibt.  

 

1989, sehr alert, süffig und unbeschwert bis zur Aufdringlichkeit, geradezu limonadig und nur ganz gering angeältelt, jedoch vom ersten Schluck an wegschlabberbar; später mit Marzipan, Bienenwachs, Himbeerblättern, Minze und dem Gefühl, einen entfernten Verwandten des Moselrieslings im Glas zu haben; sehr schön gefiel mir hier die vom Berens-Team servierte Kombination mit dem Muschelflan. 

 

1988, war nach 1996 das zweite gewaltige Säuregeschoss und tat sich anfangs schwer, mit verschlossener Nase, etwas käsig habe ich mir noch notiert, aber dann wurde daraus unversehens ein grossartiger Champagner, dessen mittlerweile abgeschmolzene, d.h. natürlich immer noch vorhandene, aber im Reifekleid gut verpackte Säure überhaupt nicht aggressiv wirkte. Beurre blanc, Melone, Minze, Jod lassen hier auf einen Champagner mit noch immer sehr viel Zukunft hoffen, für mich einer der drei besten Champagner des Abends.

 

1986, optisch war das der dunkelste Wein, die metallische Nase störte zunächst, dann war er im Mund schön saftig und lebhaft, freilich nicht ganz so limonadig wie 89, weil mehr Rote Bete und fortgeschrittenere Reife ihn bremsten, zum Maronensüppchen mit Trüffel passte das aber hervorragend.

 

1985, das erste Mal, dass eine feine Sherrynase vernommen werden konnte, auch Butter spielte eine bedeutende Rolle, und doch war der Champagner im Mund erstaunlich frisch, tabakig, präsent, mit Muskat, Zucchiniblüte, Brunnenkresse, pikanter, reifer Süsse, die bestens zur Saiblingknusperrolle passte.

 

1983, schwer einzuordnende erdige Nase, auch Gummi, der an schlechten Kork erinnert, aber einigermassen typisch für den Jahrgang ist; im Mund dicht, gewichtig, würzig, auch mostig, was wieder den Eindruck von Frische vermittelt. Gute, wonnevolle Süsse und blonder Tabak.

 

1982, ein starker, vollpräsenter Nasenbär, der Champagnerurtyp schlechthin. Voller Mund, Saft, dicke Backen, dazu Piment, ein Champagner mit der Aromenintensität eines Schmorgerichts, ohne dessen Schwere. 

 

1981, Kaffee, Toffee, vanilliger, meersalziger Karamell, im Mund schlank, strukturierte Supersäure, kernig, gesund und powerful, ideal mit Auster und Apfel. Für mich ein weiterer Spitzenchampagner des Abends und zwingend unter den Top 3 der Gesamtkollektion.

 

1980, sehr selten und daher wollte ich ganz genau hinsehen. Ich habe vor allem Heidelbeerjoghurt wahrgenommen, im Mund war der Champagner wieder sehr saftig, sehr lebhaft, sehr (erstaunlich!) sprudelnd, zackig, militärisch, ein alter Oberst aus einer Novelle, wie sie die baltischen, wahlweise ostpreussischen Schiftsteller und zur Not auch Theodor Fontane zu portraitieren wussten.

 

1979, der erst Clos du Mesnil von Krug und verdientermaßen eine Legende. Rank, schlank, aristokratisch, im Mund auch süss, viel Jugend, etwas Butter und wenig Metall, leichtes, charmantes Bitterl am Ende, köstlich mit Krabbenchip, Tatar und Kaviar, wirkt in allem gefasster, disziplinierter, professioneller und überlegener, als der schon beeindruckende 81er.

 

Fazit: Clos du Mesnil ist eine eigene Welt. Nicht unbedingt eine, in der hemmungsloser Genuss im Vordergrund steht, sondern eine, in der Jahrgangstypizität, Charakter und Selbstvollendung eine Rolle spielen. Irgendwie auch ein buddhistisches Konzept, eins, das seltsam abweisend und entrückt wirken kann und mit dem man sich sehr intensiv beschäftigen sollte, bevor man Punkte vergibt.

Grand Chapitre, Dresden 2015

Malte Behrmann, der beim Westin Bellevue in Dresden die Rolle als Chef und F&B Manager innehat, fungierte als Gastgeber und steuerte einige schöne Akzente zum Aperitif bei.
Benjamin Biedlingmaier, ein gelernter Tonbacher (Restaurant Silberberg), der schon unter dem Wohlfahrt-Schüler Sebastian Zier im La Mer auf Sylt (von 2012 bis zur Schließung im Januar 2015 immerhin **, die ich 2014 gut nachvollziehen konnte), zeigte, was er kann; beide haben übrigens auch eine Station im Schloß Velden hinter sich. Im Dresdener Caroussel kocht Biedlingmaier mit einem Stern.
Stefan Hermann vom bean & beluga war bei Wohlfahrt und Thieltges in der Küche und kennt auch das Caroussel noch aus eigener Anschauung. Im bean & beluga kocht er seit Menschengedenken mit 17/*.

Aperitif gab es im Atrium des Gastgebers, Stefan Hermann servierte so simpel wie schön Kartoffel, Quark, Rucola, dazu gab es passend wie Arsch auf Eimer Champagne Taittinger Brut Millésimé 2008. Malte Behrmann übernahm drei weitere Kleinigkeiten, darunter Tofu, Rote Beete, Spinat, dazu der alles verzeihende, alles großmütig wegsteckende und moderierende Champagne Alfred Gratien Grand Cru Blanc de Blancs 2007, außerdem famoser Kalbsfuß, Gurke, Eigelb, dazu Champagne Duval Leroy Rosé Premier Cru, was trotz der anspruchsvollen Aromatik der Speise fabelhaft funktionierte, vielleicht, weil es nur so ein kleiner Haps war (davon aber viele, also zumindest für mich) und die mir ja schon lange zum Hals raushängende, unvermeidliche Jakobsmuschel, mit Zitrusfrüchten und Mandeln, was dann aber doch wieder, wenn man sich ium etwas Objektivität bemühte, gut schmeckte, dazu passte wieder sehr gut Champagne Lanson Noble Cuvée Blanc de Bancs 2000, von Benjamin Biedlingmaier wurde abschließend beigesteuert ein Blumenkohltaboulé, Kardamom, Zwetschge, dazu Champagne Pommery Rosé Apanage in Magnum, was viel mehr hätte in die Hose gehen können, als es dann tatsächlich tat und mich durchaus ein Weilchen beschäftigte, bzw. zur häuslichen Nachahmung antrieb, was dann aber tatsächlich in die Hose ging.

Das Dîner gab es im Saal Bellevue, Benjamin Biedlingmaier schickte die von mir um Meilen gegenüber der Jakobsmuschel bevorzugte, wenngleich ebenso unvermeidliche Gänsestopfleber mit Birne, dazu gab es Champagne Nicolas Feuillatte Grand Cru Pinot Noir Vintage 2004, was einen einwandfreien Selbstläufer und totalen no brainer ergab, so wohlgefällig rann und glitt alles hinab in den Leib. Stefan Hermann sandte Saibling, Spitzkraut, Gewürzsud, dazu Champagne Moët & Chandon Grand Vintage 2003 in Jéroboam, der vor allem zum Gewürzsud nachhaltig Eindruck machte und einen Hirsch mit Kürbis, Pistazie, Bulgur, dazu Champagne Laurent-Perrier Cuvée Rosé, eine ziemlich risikoarme Zusammenstellung, bevor wieder Benjamin Biedlingmaier dran war mit Weißer Schokolade, Passionsfrucht, Vanille, dazu gab es Champagne Veuve Clicquot Vintage Rich 2004, und wie so oft hätten Dessert und Champagner getrennt voneinander serviert jeweils besser gefallen können.

Im Hotel Bülow Palais gab es noch einen schönen Ausklang mit Champagne Laurent-Perrier Brut Millésimé 2006, nachdem ein Grand Siècle aus angekauften Beständen nicht überzeugen konnte (Kork) und erst ein lupenreiner Cristal 2006 wieder alles ins Lot gebracht hatte.

TopOfBlogs