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Monthly Archives: Januar 2016

Willkürlich herausgepickte Champagnererfahrungen der jüngeren Zeit

Manchmal muss ich leider in Restaurants essen, in denen ich nicht unbedingt noch ein zweites mal essen möchte. Zum Glück kommt das nur selten vor, sehr selten, um genauer zu sein; eigentlich so gut wie nie, wenn ich es recht bedenke. In die Traube Tonbach, wo es nicht nur gutes Mittagessen in der Köhlerstube gibt, sondern wo ich auch Bekanntschaft mit Dr. Hegers fabuleusem Viognier, dem unwahrscheinlichen Côte Rôtie von Patrick Jasmin und dem schwer empfehlenswerten Sancerre von Gerard Boulay aus Chavignol machte, lasse ich mich hingegen immer gern ausführen. Die Küche unter Leitung von Florian Stolte lieferte letztes Mal:

 

Tatar vom sternanisgebeizten Thunfisch mit Soja-/Ingwersud, dazu Lanson Extra Age Blanc de Blancs, wobei mir besonders gut der Soja-/Ingwersud gefiel. Oft bekommt man diese Mixtur unausgewogen, mit schlechter oder dominanter Sojasauce, selten auch mit vordergründigem, zu scharfem Ingwer. Nicht so hier und das war toll. Zum Lanson passte der Sud außerdem noch, Schärfe, Säure, Würze und Chardonnayfett verbanden sich hier vorzüglichst, selbst der Anisfisch störte mich dabei nicht und das will etas heißen, da ich seit einer sehr häßlichen erfahrung mit einem Übermaß an Raki kein Anisfan mehr bin.

 

Konfierter Kabeljau mit Gartenkresseemulsion und Kartoffelkrusteln, dazu Devaux Cuvée D Brut; was war das für eine sensationelle Kresse und einmal mehr ein Beleg dafür, wie vermeintliche Kleinigkeiten einem Mahl den entscheidenden Reiz verleihen können.  

 

Gebratenes Kalbsfilet mit Steinpilzrisotto und getrüffelte Rotweinsauce, besonders hervorzuheben ist hier der Würfel aus Maske, Herz. Lunge und Backe vom Kalb. Eben kein Mischmasch aus Schlachtabfällen, sondern große Küchenkunst. Perfekt dazu war Palmer & Co. Amazone Brut, deren reife Honig-Trüffelnote sich 1a mit der Sauce verband und den köstlichen Würfel umspielte. Palmer & Co. ist ja eine der Genossenschaften neueren Typs (ähnlich wie Nicolas Feuillatte, Devaux oder Jacquart), die sich nicht dem Vorwurf aussetzen lassen müssen, sie würden nur herunternivellierenden Mickersaft vinifizieren und daraus hcöhstens passable Champagner machen. Im Gegenteil, Palmer ist durch die den Champagnern angedeihende großzügige Lagerdauer eher so etwas wie der Bruno Paillard unter den Winzerzusammenschlüsen. Der Vintage 2004 ist trotz seiner üppigen Dosage ein Champagner mit ausgeprägter Pinotdominanz und raffinierter Reife, einer Aura von Pilz und einem verwirrend komplexen Gegengewicht von getrockneten Apfelringen, Muscovadozucker und Ginger Ale. Übertrumpft wird der Vintage von der kämpferischen Amazone de Palmer, einem ganz schönen Dickschiff unter den Prestigecuvées, nicht die eleganteste Fassung für einen Multivintage, aber eine prunkvolle. Empfindsamen Trinkern ist das gewisslich too much, da ähnelt die Amazone entfernt den Palmes d'Or von Feuillatte, nicht aber der schlankeren, stahligeren Spitzenriege von devaux oder dem eleganten, wenn auch nicht besonders auf Langlebigkeit getrimmten Alpha von Jacquart.     

 

Abschließend gab es dann noch Champagnerschnee mit rosa Pampelmusensorbet und Beeren im Hibiskussud, dazu Laibles 2012er Traminer Auslese aus dem Durbacher Plauelrain, die mir aber nicht besonders schmeckte, a) weil ich mit der Rebsorte nicht viel anfangen kann, b) weil mir der Wein mit dem Dessert zu verbissen kämpfte. 

 

Versprechen werden beim Rotwein gegeben und beim Champagner gebrochen, resp. vice versa. Wo ich also gerade so ungezwungen über's Essen, den Wein und Champagner spreche will ich ganz ohne Anlass bekräftigen: Essen und Champagne bleibt 2016 ein wichtiges Thema für mich. Mit Guy Charlemagnes notorisch gutem Mesnillesime habe ich schon in unverjährter zeit feine Erlebnisse verbuchen können, vor allem mit salzigen Speisen natürlich. Tatar mit Sojasauce, krosser Schweinebauch, Bugs Bunny mit Pilzen und Fourme d'Ambert seien da nur beispielsweise genannt. Jérôme Prevosts La Closerie Les Beguines LC08 und Egly-Ouriets Meunier (aus Vrigny, unweit von Gueux: 2 km über die Autoroute de l'ext hinweg) sind ähnlich potente Kandidaten für eine besonders harte Gönnung.

 

Den von Heidsieck Monopole zu Vranken hinübergewanderten, einstmal gesuchten, begehrten und bis heute teilweise noch sehr fitten Cuvée Diamant Blanc de Blancs 2007 darf und muss man den Vorwurf machen, dass sie zu hoch dosiert ist. Das Niveau der früheren Kultcuvée erreicht der neue Diamant leider nicht. Henriots Brut Souverain jedoch, dem Namen Heidsieck bekanntlich dynastisch doppelt verbunden (einmal als Geschäftspartner von Charles-Camille Heidsieck im Jahr 1851 und dann 1976 nochmal, als Henriot sich Charles Heidsieck kurzzeitig einverleibte), der ist seit vielen Jahren eine Wucht unter den Bruts Sans Année. Ich vergleiche ihn den Wagen Pharaos, die Backen stehen lieblich in den Kettchen und der Hals in den Schnüren. Wir wollen dir goldene Kettchen machen mit silbernen Pünktlein, quillt es da beinahe besinnungslos aus mir heraus. Ähnliches fiele mir zu Horiot, Sève en Barmont Rosé Saignée ein, den ich bis zum Erntejahr 2007 immer ein wenig seltsam fand und seit 2008 für ein ganz exquisites, immer noch eigentümlich eigenständiges Getränk halte, das aber seither meine Synapsen doch frecher und freudiger befeuert, a complete breath of fresh air, wie die Franzosen sagen.

 

More is more and less is bore: noch ein paar mehr Champagner

Ich mühe, ja placke mich ab, um von Zeit zu Zeit neue Namen in das erlauchte Zitierkartell der Spitzenerzeuger unter den Champagnerwinzern hineinzubugsieren. Nicht immer gelingt mir das. Dann schreibe ich über Erzeuger, die sowieso erwiesen gut sind und einen tiefen Schluck ohne näheres Hinsehen lohnen. Um aber ganz sicher zu sein, schaue ich meist doch nochmal hin und lange im wohlverstandenen Eigeninteresse beim nachschenken reichlich zu. Am Ende platziere außerdem die eine oder andere Überraschung (für die Ungeduldigen):

 

Pascal Agraparts Avizoise und Vénus lassen schweflige Verbindungen frei, die nicht zum Gotterbarmen stinken, sondern weithin als mineralisch missverstanden werden. Wenn Meursault an der Mosel läge, wären diese beiden Agrapart im Paralleluniversum so etwas wie die Spät- und Auslese von J.J. Prüm. Sehr aufregend ist immer auch der Blick von Avize nach Cramant, von Agrapart zu Aurelien Suenen, seinem önologischen Ziehsohn, wenn man so will. Von dem wird man noch einiges hören und trinken, wie ich ziemlich sicher vorhersagen kann. 

 

R. & V. Bérèche hat einen Meunier in petto, La Côte aux Chateigners in Mereuil-le-Port, der schon als vin clair Maßstäbe setzt. Le Cran Chardonnay aus Ludes und Les Challois Pinot aus Mailly Grand Cru (im zweiten Jahr) werden auch mal etwas Großes, vor allem der Pinot kündigt sich mit Getöse an. Unter den fertigen Champagnern ist der Rive Gauche (2011er Meunier) hervorzuheben, dessen Exotik und Mangofruchtfleischigkeit schon jetzt sehr verlockend sind. Weiter geöffnet jedenfalls als der viel langsamere Beaux Regards. 

 

Jean-Baptiste Geoffroy hat im neuen Anwesen in Ay einfach mehr Möglichkeiten als in Cumières, zu denen auch der Wegfall von Pumpen im Keller gehört. Die Cuvée Houtrants (Tirage 2011) kommt aus Complantation von PN/CH/M mit Arbane und Petit Meslier. Der so schon sauffreudige Champagner bekommt von den beiden Altrebsorten seinen besonderen touch und wirkt nicht seltsam, verbaut, verkorkst oder unrund. Mir ist er damit lieber als der trotz nur 6 g/l etwas süß wirkende Empreinte 2008 (79PN 15M 6CH) und selbst als der sonst vorzeigemäßige Saignée (2012er Basis).  

 

Laherte in Chavot, direkt vor dem Haus steht Chardonnay in der Parzelle Les Noues. Was da schon als Wein rauskommt, ist verblüffend und bestätigt das mittlerweile schon sehr gut mit dem Terroir vertraute Können der Lahertebrüder. Bei den Champagnern ist der Extra Brut Ultradition (2011/2012) ein trotz seiner nur 4,5 g/l Dosage sehr exotisch-fruchtiger, leichtfallender Einstieg in die Lahertewelt, einer, der an Multivitamin, Capri Sonne und Schulferien erinnert. Der Hohe Anteil an reservewein (40%) sorgt für weiche Übergänge. Les Empreintes (2009) aus PN/CH direkt vor dem Haus, bzw. in Chavot ist buttrig, ausgewogen, lang und wird von einer gesunden Säure getragen, wie sie sich auch im Les 7 (2005 – 2012) findet. Wie bei Lahaye und Geoffroy haben wir es hier wieder mit einer Complantation zu tun, die vor allem blumenduftig und mit knackendem Schmelz daherkommt.   

 

Laval mit seiner winzigen Produktion hatte dieses Jahr unter anderem mit dem Chardonnay Les Chênes, dem uralten (Pflanzung seit 1931) Meunier PC aus der Lage Les Hautes Chèvres und dem Pinot aus Les Longues Violes einen Haufen starkes Zeug am Start, von dem ich hoffentlich wieder etwas zu schmecken bekomme, wenn herrlicher Champagner draus geworden ist. Bis dahin ist mir der Cumières PC Brut Nature eine willkommene Wartehilfe und ein Flugzeug mit Strahltriebwerk unter propellergetriebenen Maschinen. Blumig, mit viel Veilchen und einer überraschend hitzig-alkoholischen Schlussnote ist der Mazerationsrosé brut nature, der sich zu Merguez empfiehlt, zu Rehrücken oder wenn man mal zu viel Gin pur getrunken hat.       

 

Léclapart kam mir vor, wie manche biodynamischen Weine, bei denen die Umstellung siche gerade bemerkbar macht und weichere, sanftere Weine ergibt. Der Artiste zeigte das ganz deutlich, war süßlich, verträumt, mit nur ganz wenig Säure, viel Butter und ein paar Meersalzflocken. Der Apôtre war druckvoller, allseitiger, mit mehr Säure und Mobilität, aber auch er insgesamt wie in Zeitlupe. Mit dem Astre habe ich nach wie vor meine Probleme, mir kam er dieses Jahr mild und zahm, ja zahnlos vor. Der aktuelle Artiste 2010 war griffig wie ein grober Wollstoff, hefig, mit viel Autolyse, dabei blinkend, strahlend und rein. Der Apôtre 2009 war das genaue Gegenteil von dem, was ich sonst so unter diesem Namen gerne trinke: oxidativ, angematschter Apfel, so kenne ich diesen Champagner gar nicht und hoffe, dass sich das nicht verfestigt – selbst wenn es eine ausgemachte Freude sein kann, gekonnt oxidativen Stil zu champagnerisieren; aus dem Hause Leclapart mag ich das nicht so sehr. David selbst, der mit der Freigabe dieses Champagners noch zögert, scheint das ähnlich zu sehen. Die 2003er-Stilistik ist eben einfach nicht das, was man sich von einem Apôtre wünscht. Ob der 2009er Apôtre mal so etwas wird wie der 1999er Clos du Mesnil von Krug? Man weiss es nicht, darf aber neugierig bleiben. Worauf ich ebenfalls neugierig bin, ist der Astre 2011. Bisher hat mir noch keiner davon wirklich den Kiefer ausgerenkt und der karottensaftige, mit roter Bete durchsetzte, gemüsig-frühstücksflockige Astre 2011 ist dazu gleich dreimal nicht in der Lage. Ich lege mir also das bisschen, was ich davon bekommen kann hin und warte ab.  

 

Pouillon Réserve ist rundlich und knüpft meiner Meinung nach an höher dosierte Champagner an, um von dort in die Untiefen der geringer dosierten Winzerwelt zu entführen, was überwiegend gut gelingt. Der Chardonnay Les Valnons 2007 kommt aus Ay, hat aber nicht die für dortigen Chardonnay übliche Exotik im Gepäck, der einzige Hinweis auf seine ungewöhnliche Herkunft ist die unaggressive, weiche und am Ende süssliche Art, beides vielleicht auch ein wenig dem Jahrgang geschuldet. Und dann aber kommt der Oberhammer, auch preislich betrachtet: Les Blanchiens 2008. Aus altem Fass, nussig, kirschig, winzerig. Wein, der Backpfeifen verteilt. Toll.  

 

Bevor ich zu den Geheim-Geheimtips komme, hier noch ein paar Tips, die manchem Fortgeschrittenen nicht besonders geheim vorkommen mögen, für den ganz jungen Champanerpadawan sind sie aber vielleicht doch hilfreich und nützlich. 

 

Comte Audoin de Dampierre Millésime 2002 ist gegenüber der früheren, doch recht barocken Anmutung mittlerweile ungewöhnlich schlank, beinahe sportlich, mit köstlichem Apfel, die Family Reserve Blanc de Blancs 2005 auch wieder sehr schlank, aber länger, was man dem Jahrgang sonst gar nicht abkaufen würde. Für mich einer der Erzeuger, die mit einigem Aufwand aber doch irgendwie auch im Stillen ihr Werk verrichten, zumindest was die Wahrnehmung in Deutschland angeht. Schön, dass der Champagner an sich ohne Getöse auskommt. 

 

Louise Brison Cuvée Tendresse 2005 ist einer der Champagner, die mit Honig, Akazie, mittlerem Gewicht, feiner Säure und eleganter Ausstattung sinnbildhaft für den Champagnerstil und hier ganz besonders für den Jahrgang 2005 stehen. Der 2007er war nicht einfach zu vinifizieren, heraus kam ein etwas gewichtiger, holziger Champagner mit guter Struktur, etwas bromiger Nase.

 

Patrick Bigar ist wie Louise Brison ein Champagner, den man nicht gerade jeden Tag auf dem Speiseplan hat, der aber mit seiner Cuvée Clovis gute Arbeit verrichtet. Die parfumierte Nase muss nicht jedem gefallen, die ordentliche Länge und klare Struktur, das etwas limonadige bis molkige des Champagners macht ihn sehr eingängig. Die Cuvée Marie ist fortgeschrittener, winzeriger, holziger, leider auch eine Spur süsser als Clovis, macht aber trotzdem erstmal mehr Spass.

 

Comtesse de Massy Brut Elegance, Gemeinschaftsprojekt von Jean Milan aus Oger und Francois Lavergne. Reinsortiger Chardonnay (Oger), mit 6 g/l dosiert. Im direkten Vergleich mit Pierre Callot Brut Grand Cru aus Avize wirkte Comtesse de Massy fester, gedrängter, mit einem appetitlich geschnürten aber nicht gequetschten oder schwabbeligen Décolleté. Die Kunst ist es, aus kargem Oger-Chardonnay ohne viel Frucht einen Champagner zu machen, der nicht ausdruckslos bis säuerlich schmeckt. Das ist Milan/Lavergne bestens gelungen. Von Etienne Calsac, der bei Bruno Paillard auch in puncto Flaschenausstattung gelernt und gesehen hat, wie's geht, sollte sich jeder einige Flaschen von der L'Échappée aus dem Jungfernjahrgang 2010 zurechtlegen, je nach Geschmack mit 2 oder mit 6 g/l dosiert; besseres habe ich aus Grauves noch nicht im Glas gehabt. Von seinem 2 Ar großen Clos des Maladeries in Avize gibts naturgemäß nicht viel Wein, aber vielleicht wird man in Zukunft mehr von diesem mit Pferd bewirtschafteten Fleckchen hören. 

 

Was jetzt kommt, habe ich schon vor einigen Monaten hier empfohlen und deshalb ist es so geheim nun auch wieder nicht; um den Widerhall zu verstärken, wiederhole ich eindringlich meinen Aufruf, diese beiden Erzeuger nicht nur im Auge, resp. Glas zu behalten, sondern auch regelmäßig genügend davon einzukaufen, um die Entwicklung der nächsten Jahre genießen zu können.

 

Guillaume Sergent

Les Prés Dieu, Chardonnay Extra Brut der Extraklasse. Da steckt so viel Aroma drin, dass man hundert Grundweine und hundert Jahre Erfahrung dafür veranschlagen müsste; doch in Wahrheit gibt es das Miniweingut erst seit 2011 und der Champagner stammt von nur zwei Parzellen, die sich im Namen vereinigt finden: Le Prés (in Vrigny) und Les Vignes Dieu (in Coulommes la Montagne), teilweise dank des sandigen Bodens in der Gegend um Vrigny ungepfropft. Magisches Zeug.

 

Thomas Perseval

Seit 2004 dabei, in Burgund geschult und seit ich das erste Mal Champagner von ihm getrunken habe einer meiner erklärten Lieblinge. Spielt auch mit den BAM-Rebsorten herum; geduldige Fass- und Tankvinifikation ohne dogmatischen Ansatz zum BSA. Der im Namen pures understatement vermittelnde Brut Tradition und die Grande Cuvée kommen dank ihrer fabelhaften Grundweinsubstanz ohne weiteren Dosageliqueur aus und rauben mir jetzt schon den spärlichen Rest-Verstand. Was wird dann erst passieren, wenn die Lagen einzeln vinifiziert auf den Markt kommen?