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Monthly Archives: März 2016

Im Champagnerleistungszentrum: Vintage 1996 revisited @ Berens am Kai, Düsseldorf

Es gibt in der Weinwelt so erratische Jahrgänge, die sind faszinierend und abschreckend zugleich. Wenn man sich vorstellt, was aus dem Material mancher dieser Ernten alles werden könnte, ist man schon auf Jahre im voraus wie betäubt. Wenn man dann sieht, was in den ersten Jährchen nach der Ernte tatsächlich draus wird, wie schnell manches abstirbt oder verhunzt, hinter den Möglichkeiten zurückbleibt oder (vermutlich) aus Liquiditätsgründen vorzeitig auf den Markt geschleudert wird, ist die Enttäuschung, ja das Entsetzen groß. Wie soll da eine vernünftige Einschätzung möglich sein? Nur durch beständiges Nachprobieren und Imaugebehalten. Eine Mühsal sondergleichen, aber anders geht es nicht. Wenn sich nach Jahren dann einige Kandidaten als Spitzenperformer herauskristallisieren, dann ist es an der Zeit, diese um sich zu scharen und in passender Runde dem großen Interview zu unterziehen. Einer, der sich auf die Zusammenstellung solcher Runden versteht, ist der liebe Alper Alpaslan. Sein Thema: der Jahrgang 1996. Dessen DNS lässt ja alles zu, hyperaktives Wunderkind ebenso wie gescheiterte Künstlerexistenz, mover & shaker, finaler Endboss oder Master of the Universe. Dem musste also auf den Grund gegangen werden. Im Düsseldorfer Beritt kamen zu diesem Zweck einmal mehr illustre Herrschaften zusammen, darunter Richard Juhlin und Rytis Jurkenas und selbst der Weinterminator war sich nicht zu schade, obwohl er Champagner eigentlich am liebsten trinkt, wenn der seinen Champagnercharakter weitestgehend eingebüßt hat oder von vornherein nur für Rotweintrinker gemacht wurde.

I.1 Philipponnat Clos des Goisses 1996, hielt ich für Belle Epoque, mittlere, rückgratgebende Säure die mich auf den irrigen Gedanken brachte, es könnte sich um den berühmten Cramantchardonnay der Belle Epoque handeln; im Kern weich und mild, der Duft nicht besonders freigebig bis eher simpel.

I.2 Duval Leroy La Femme de Champagne 1996, war deutlich dunkler gefärbt und wirkte in der Nase offener, im Mund mit heftiger Kehrtwende und hakeliger Säure, so dass ich zuerst wegen der schmeichelnden Weichheit und dunkleren Färbung an einen ganz leicht korkigen Cristal dachte und erst mit dem Säureeindruck in Richtung Femme riet.

I.3 R & L Legras Cuvée Saint-Vincent 1996 schien mir heller zu sein, aber auch deutliche einfacher als die beiden Vorgänger. Ich hatte deshalb keine Prestigecuvée vor Augen, sondern einen regulären Jahrgang und ganz konkret dachte ich gleich fälschlich an Pol-Rogers Vintage. Der Champagner war jedenfalls weich und etwas zu laktisch für meinen Geschmack.

II.1 Veuve Clicquot La Grande Dame 1996 war auf Anhieb stahlig und poliert, wirkte erst mit Luft zunehmend laktisch und geradezu platt. Ich dachte an Grande Dame, mehr aber noch an Nicolas Feuillatte.

II.2 Bollinger Grande Annee 1996 en Magnum sprach mich sehr an und ließ mich darob verstummen. Alles Kramen half nichts, ich wusste auch hier nicht wirklich, woran ich war. Saft, Nuss, Druck und Pinotpower sprachen bei Licht betrachtet klar für Bollinger, ich habe aber irgendwo bei Egly-Ouriet oder Jacquesson hinvermutet. Über den Gesamtabend betrachtet einer meiner Favoriten (95 Punkte)!

II.3 Pommery Louise 1996 war leider korkig.

III.1 Krug 1996 war saustark und der Auftakt zu meinem internen running gag des Abends. Denn Ich Depp dachte doch wirklich, hinter allem könnte sich die Belle Epoque verbergen. Dass Butter, Reife und Seidigkeit wie hier erlebbar noch nie in einer von mir getrunkenen Belle Epoque vorhanden waren, beiirte mich dabei nicht groß. Sehr schöne performance jedenfalls von Krug und 93+ Punkte von mir.

III.2 Taittinger Comtes de Champagne 1996 war purer Chardonnay, vollgepackt mit Schwefel, Reduktion, Röstnote und Jod, der Schwarzpulvermix eben, den man oft mit Taittinger verbindet, so dass ich mit meiner blinden herumraterei auch einmal auf Anhieb richtig lag, aber auch nur, weil ich nicht im letzten Moment doch noch auf Dom Ruinart umschwenkte (der es nämlich auch hätte sein können).

III.3 Pol Roger 1996 war ähnlich em R & L Legras klar schwächer als seine Flightpartner, Säure habe ich arg vermisst, die üppige Frucht machte das nicht annähernd wett, der Champagner war einfach zu soft in diesem Hochleistungsumfeld, würde aber solo getrunken sicher überzeugen.

IV.1 Bollinger Vieilles Vignes Francaises 1996, ein legendärer Wein, von dem ich anfangs dachte, es wäre der von mir selbst (und übrigens auch ganz schön seltene) mitgebrachte Grand Siècle 1996. War er natürlich nicht, obwohl ich den Gedanken angesichts der Nachbarschaft von Ay und Mareuil-sur-Ay schon klug finde. Enormer Champagner, voll ausentwickelter Bollystil, der von mir 95 Punkte bekam, was ich in der Rückschau zu wenig finde.

IV.2 Jacquesson Vauzelle Terme 1996 en Magnum, war so leicht und fein, dass ich an bestens erhaltenen Cristal dachte, obwohl eine säuerliche Camphernote das nicht richtig hergab. Mit sehr viel Luft entrollte sich dieser Champagner dann immer weiter und ich bedauere etwas, dass ich den nicht länger im Glas behalten konnte, denn das Ende der Fahnenstange ist da noch nicht erreicht.

IV.3 Dom Perignon 1996 schien mir fehlerhaft, allzu nussig, vorzeitig oxidiert.

V.1 Laurent-Perrier Grand Siècle 1996 kam von mir und begeisterte mich nicht. Brotige Nase und leicht brenzliger, an Lichtgeschmack erinnernder Ton, wobei die Flasche aus vertrauenswürdiger Quelle kam und dort sicher nicht fehl-/überlagert wurde.

V.2 Diebolt-Vallois Fleur de Passion 1996 war viel alerter, aufregender und verspielter als der Vorgänger, Chardonnayigkeit, Jod und Reduktion ließen mich hier, wie beim Comtes, noch einmal an Dom Ruinart denken, auch angesichts der noch nicht völlig offengelegten Reifemöglichkeiten. Ich traue der Fleur de Passion noch eine ganze Weile Flaschenreife zu.

V.3 Billecart-Salmon Le Clos Saint Hilaire 1996 war leider eine Enttäuschung, wenn ich an den Preis denke und daran, wie außer mir ich vor Begeisterung war, als ich 1998 und 1999 probiert hatte.

VI.1 Krug Clos D’Ambonnay 1996, hätte nach meiner Vorstellung der riesengroße Selosse 1996 sein müssen, mit dem ich mal eine Probe bei Hartwig Fricke in Düsseldorf versucht habe, auf die Champagnerseite zu ziehen. Und danach vor lauter Freude fast alle meine Flaschen selbst ausgetrunken habe, als ich noch gut dran kam. Irre, rasante Säure, saustarkes Zeug, das 96 Punkte bequem verdient hat.

VI.2 Pol Roger Sir Winston Churchill 1996, sanft und eingängig, mandelig und eher süß. Nach dem wahnsinngen Clos d’Ambonnay leider eine ziemlich profane Angelegenheit.

VI.3 Salon 1996, sehr easygoing, sehr pikante Säure, biederte sich aber auch erstmal nur an und braucht sehr viel mehr Zeit zur Entfaltung als der Krug.

VII.1 Louis Roederer Cristal Rosé 1996 war, wie die Flightpartner, schon anhand der Farbe und weil bekannt war, welche Roséchampagner antreten würden, leicht zu erkennen. Cristal Rosé in sehr hellem Farbton, frisch, sexy, fruchtig, smart. 94+ Punkte.

VII.2 Dom Pérignon Rosé 1996 hatte den festen Händedruck des arbeitsgewohnten, dennoch zur Körperfülle neigenden Mönchs, auch das ganze dunklere Beerenobst aus seiner Gartenanlage nebst Himbeerblättern und strauchigen Aromen findet sich hier wieder. Nochmal 94+ Punkte.

VII.3 Taittinger Comtes de Champagne Rosé 1996, schlank, mit weißer Seele. Der rotfleischige Apfelsecco von Raumland könnte sich daran orientieren. Erneut 94+ Punkte.

VIII.1 Billecart-Salmon Nicolas Francois Billecart 1996 en Magnum war rauchig und flintig mit mir zu viel Süße, ich war weit weg von jeglicher begeisterung, obwohl ich den normalen Nicolas Francois Billecart eigentlich liebe. Irgendwie nicht er Billecart-Abend, oder -Jahrgang, oder was weiss ich.

VIII.2 Egly-Ouriet Millésime 1996 reihte sich mühelos ein und blieb für mich unterhalb von 90 Punkten. Apfel, Zwiebel, Kraut und Oxidation.

VIII.2 Henriot Cuvée des Enchanteleurs 1996 en Magnum
Süße Nase, softer Wein, stand bei mir unter Korkverdacht und schloss den schwächsten flight des Abends ab. Sehr schade, weil Henriot sonst gute Sachen macht, vor allem die 95er Cuvée des Enchanteleurs oder nicht allzu alte (bis in die Neunziger ist ok, älter eher nicht, da habe ich selbst aus der Magnum vorwiegend maue Erfahrungen gemacht) Brut Souverains können einen für sehr viel Ungerechtigkeit in der Welt entschädigen.

IX.1 Jacques Selosse 1996, frisch und direkt vom Meister extra für den Abend dégorgiert, erinnerte mich an einen Besuch bei Bérèche, als ich meinen ersten Beaux Regards dort getrunken habe. So hemmungslos herb, frisch, knallig, explosiv, pilzig, archetypisch, ein Selossedenkmal, 94++ Punkte.

IX.2 Dom Ruinart 1996 war korkig.

IX.3 Vilmart Coeur de Cuvée 1996 machte auf mich einen fehlerhaften Eindruck, bleib mit einer mauen performance weit von 90 Punkten entfernt

X.1 Louis Roederer Cristal 1996 war so toastig, hefig, röstig, so hemmungslos Cristal, dass die 94 Punkte zwar nur noch schwer von der Zunge, aber leicht von der Hand gingen.

X.2 Krug Clos du Mesnil 1996, die ersten Schnellzüge knapp hundert Jahre vorher müssen ähnlich auf die Menschheit gewirkt haben. Durchzug pur, 95 Punkte von mir, obwohl ich eigentlich überhaupt kein besonders großer Fan vom Clos du Mesnil bin und mir, abgesehen vom Preis, davon nicht mal eben eine Flasche öffnen würde, sondern den immer nur im Zusammenhang mit anderen Champagnern getrunken habe und weiterhin vorhabe zu trinken.

X.3 Perrier Jouet Belle Epoque 1996 hatte es natürlich schwer in diesem flight, schlug sich aber mit Nuss, Phenol und einer reduktionsnase immer noch so gut es ging. Einen Korkverdacht wurde ich dennoch nicht los.

Einige Bonusweine gab es noch, der von mir mitgebrachte (nicht sehr häufig erhältliche) Laurent-Perrier Côteaux Champenois Rosé war leider korkig. Eine Flasche habe ich noch, hoffentlich ist die in Form.

Henriot Millésime 1996 en Magnum war besser als der Enchanteleurs, hatte etwas dunkles, tiefes, mystisches, packte zu und machte Spaß.

De Saint Gall Blanc de Blancs Orpale 1996, von 1995 bis 2003 in Brut und Brut Nature habe ich die Orpale getrunken, mit Essen, ohne Essen, nie mit größter Begeisterung; die 96er Orpale war von allen bisher getrunkenen die beste, couragierteste, profilierteste. Ein Fan bin ich dadurch immer noch nicht geworden, aber zum Essen würde ich sie jederzeit wieder trinken.

Bollinger Grande Annee 1979 war ganz schön dunkel, darf er aber natürlich sein, bei dem Alter. Nach meiner Erinnerung ein Mitbringsel von Rytis, der dafür höchsten Dank verdient. Bingedrinkinggeeignet.

Guillaume Sergent Les Prés Dieu und Barbichon 4 Cépages hatte ich ebenfalls noch mitgebracht, beide gefielen auch Richard Juhlin ziemlich gut, der insbesondere beim 4 Cépages den Weißburgunder schnell identifizierte.

Lafite Rothschild 1989 schmeckte toll und war mit paar einfachen Ja/Nein-Fragen auch leicht zu erraten (Bordeaux? Vor 1995? Aus den Achtzigern? linkes Ufer? Pauillac? Premier Grand Cru? oder so ähnlich und dann blieben ja nicht mehr viele Kandidaten übrig).

Fazit:
Der Jahrgang hat teilweise die höchsten Erwartungen erfüllt. Ein klassischer Lager- oder Sammeljahrgang ist 1996 nicht, außer bei den allerteuersten (und durchaus sammelwürdigen) Champagnern, die fast ein wenig wider Erwarten bestens abgeschnitten haben. Weiteres Fazit: Weinproben im Berens am Kai sind immer auch ein Lehrstück in Sachen Professionalität von Küche und Service. Genau so wünscht man sich das allerorten.

Es lächelt der Rheinturm, er ladet zum Trunk: Champagnerstelldichein in Düsseldorf

Proweinsonntagabends im Rheinturm treffen sich dank einer Initiative der unermüdlichen Nicola Neumann jetzt schon im dritten Jahr die Grand Crus der Champagner-Winzerszene und der deutschen Weinpublizistik. Damit ist der Rheinturm heimlicher Hotspot des Proweinsonntags, wie der See zu Beginn von Schillers Wilhelm Tell lächelt er und ladet zum Trunk.

Leclapart Artiste (2007), ich dachte ja allen Ernstes, ich hätte mehr oder weniger alle Leclaparts seit 2004 bereits ein- oder mehrfach getrunken. Vermessen genug. Den 2007er Artiste habe ich dann auch wirklich in keiner meiner Notizen entdecken können und war überaus happy, ihn nun von Alexander Steinmüller direkt eingeschenkt zu bekommen. Mächtiger Champagner, kann ich nur sagen. Und ein erfülltes Reifeversprechen, das sehr viel Skepsis ausgelöscht und weggespült hat.

Hugues Godmé Brut Nature (50M 30CH 20PN) und Hugues Godmé Fins Bois (60PN 40CH) sind so etwas wie das Gegenstück von der anderen Seite des Hügels zu den Champagnern von Eric Rodez. Vinifikation ohne BSA erfolgt im Stahl, ein zunehmender Anteil wandert danach ins Holz. Bekannt ist Godmé vor allem noch unter dem Namen Godmé Père et Fils (seit 2013 biozertifiziert), die Kinderlein zankten sich aber und im August 2015 wurde die Trennung der aus dem elterlichen Weingut hervorgegangenen Güter von Sabine und Hugues vollzogen. Hugues macht unverdrossen starke Champagner, die in Deutschland viel mehr Aufmerksamkeit verdient hätten. Die Vorzüge der nördlichen Montagne (Drahtigkeit, Eleganz, Spannkraft und Reintönigkeit) lässt er allegro moderato vortanzen wie das Moskauer Staatsballett die vier kleinen Schwäne in Schwanensee.

Alexandre Salmon Rosé de Saignée 2012 kommt in schwarzmattierter Flasche und wie mit Goldedding handbeschrieben auf den Markt. Nils Lackner (Ex-Sansibar, Sylt), dem ich den Genuss dieser Flasche verdanke, nahm mich schon bei anderer Gelegenheit sehr für die Produkte seines Dienstgebers ein, bis heute kann ich mich nicht entscheiden, ob ich dem „A.S.“ oder dem Special Club von Salmon den Vorzug gebe. Jetzt tritt mit dem Rosé noch ein weiteres Luxusproblem hinzu, ein Champagner ohne Allüren, dafür mit viel Dickschädel, genau das also, was ich mir bei Roséchampagner, der nur zu oft zum Partysprudel degradiert wird, wünsche. Herb, kräftig, kräuterig, mit Cassis und Wacholder.

Eric Rodez stellte seine beiden Parcellaires vor, Les Genettes Pinot Noir Ambonnay Grand Cru 2010 und Les Beurys Pinot Noir Ambonnay Grand Cru 2010. Kaum zu glauben, dass Rodez, dem wir Cuvéekunststücke wie die Cuvée des Grands Vintages zu verdanken haben, sich auf so etwas einlässt. Andererseits: jemand, der den Wein sich entwickeln lässt, sich als Person im Vinifikationsprozess (kleines Fass, kein BSA, meieutische Dosage von 3 g/l) zurückzunehmen versucht, der sollte doch auch einen Parcellaire aus einer Rebsorte und einem Jahrgang hinbekommen. Und genau so ist es. Beide Parcellaires, zugegeben, so etwas wie eine Mode in der Champagne, sind überragend. Les Genettes ist voluminöser, speckiger, saftiger, ganz aus dem Herzen Ambonnays, Les Beurys ist drahtiger, etwas athletischer, feiner. Den Empreinte Pinot Noir 1999, eine freundliche Dreingabe von Eric Rodez selbst, gab es später noch in der frisch renovierten und wiedereröffneten Trattoria Zollhof. Zu meiner späten Fischsuppe und zu den Trüffeltortiglioni war das exquisit. Über diesen hedonistischen Champagner kann ich mich aber auch so, zu jeder Tageszeit und auch ohne Essen gar nicht richtig einkriegen. Der ganze Saft, die ganze Säure, das kunstvolle Changieren, das kreiselnd Schöne, so lässt sichs aushalten.

J.-M. Sélèque Partition 2010, von dem konnte ich gar nicht genug bekommen und hätte am liebsten die anderen Standbesucher gar nicht erst herangelassen. Nach der Solessence als Auftakt ins Programm des jungen Talents ist die Partition so etwas wie der Knixwear Evolution Bra unter den Champagnern, wenn man so will.

Janisson-Baradon Toulette 2008 mit neuem Schwung und neuer Frische, mit der provokanten Note des Chardonnay Muscaté, mit dem Extra an Säure, die in Deutschland nicht erhältliche Red Bull Edition Citron Vert hat sich garantiert an diesem Champagner orientiert und inspiriert.

Ein anderer Liebling ist Dosnon, dessen Récolte Noire so zuverlässig ihre Bahnen zieht, wie der bei Biodynamikern und anderen Somnambulen so beliebte Mond. Alles andere als flüchtig und vergänglich ist der Ephémère, ein hundertprozentiger Meunier. Von der Aube. Das Wort vom sparkling Puligny verließ schnell meine Lippen und dabei ist es doch so falsch (eigentlich wäre wahrscheinlich Chassagne-Montrachet oder zumindest Saint Aubin richtiger, angesichts der roten Rebsorte) und doch wiederum fühlt es sich richtig an (weil weiss gekeltert). Davy Dosnons Rosé ist so aromatisch wie die Früchtegels, die man manchmal aus den guten Küchen z.B. vom Falco in Leipzig, Haerlin oder The Table in Hamburg bekommt und hat bei mir einen ähnlichen Beliebtheitsgrad.

Grande Vallée de la Marne mit Sascha Speicher

Kaum mit der einen Prowein-Veranstaltung fertig (meiner eigenen), hieß es hurtig weiter, zur traditionellen Meiningerprobe von Sascha Speicher. Der hatte sich das Marnetal vorgeknöpft.

Deutz Rosé (Assemblage) Brut, 90PN 10CH, Rotwein aus Mareuil-sur-Ay (Beinahe-Grand Cru mit 99% auch der échelle des crus), wo Deutz über 15 ha Rebfläche verfügt. Wohl nicht ganz zu Unrecht habe ich den Deutz Rosé letzthin gleich mehrfach Sommeliers ans Herz gelegt, die noch auf der Suche nach einem passenden Champagner für ihre Karte oder das Mitarbeiterdeputat waren. Der geringe aber wirkmächtige Anteil an Rotwein ist der Schlüssel zu diesem Champagner. Die Kunst des Assemblagerosé ist es ja, einen massgeschneiderten Stillwein anzufertigen, in den die Cuvée hineinschlüpft und der sich wie ein Marvel-Superheldenanzug dem Körper angleicht. Das klappt hier vorzüglich, wobei der Körper eher etwas von Catwoman hat, als von She-Hulk.

Bollinger Rosé (Assemblage) Brut, 50CH 40PN 10M, Tirage 2012, war fetter und holziger als der Deutz, also mehr She-Hulk (im Zivilleben Anwältin) oder Ben „The Thing“ Grimm (eigentlich der melancholischste aller Marvel-Superhelden).

Lallier R.012 Brut ist nach langer Zeit der erste Schritt aus einer gewissen Etikettenerstarrung des dritten aus Ay stammenden Hauses in dieser Probenfolge. Nach wie vor fehlt bei Lallier so etwas wie eine echte Spitzencuvée in der Dom Pérignon Klasse. Dafür ist das Basissegment jetzt neu aufgestellt mit einer Namensgebung, die Transparenz ganz gross schreibt. Ich hoffe nur, dass das nicht wie mit der Mis en Cave Geschichte bei Charles Heidsieck bloss Quell von Missverständnissen ist. Jedenfalls steht das „R.“ für Récolte, als Erntejahr. Hier: 2012, deshalb 012. 38CH 62PN sind ein guter Mix, dosiert wurde mit räsonablen 8 g/l, dégorgiert wurde im Februar 2015. Der Stil ist leicht, schlank, elegant und weniger röstig-rauchig als früher. So kann Lallier gern weitermachen.

Billecart-Salmon 2006 Extra Brut, überwiegend Pinot aus Mareuil, dosagelos. Nicht ganz einfach und überhaupt nicht mehr so clean, smart und easydrinking, wie man das von Billecart kennt. Phenolisch, nussig, erdig, ledrig. Viel Trüffel im Essen dazu wird helfen.

Geoffroy Empreinte Premier Cru 2009, ein Pendler zwischen Cumières und Ay, der sich nun für Ay entschieden hat und sich dort den örtlichen Gepflogenheiten anglich, bzw. nicht ganz: seine Reserven liegen zwar wie bei Bollinger auch unter leichtem Überdruck, aber bei Bolly sind es 1,5 bar, bei Geoffroy ca. 3 bar, also im Grunde sofort trinkfertig (wie gut das dann nach zig Jahren noch schmecken kann, wissen wir, seit der berühmte Pol-Roger Reservewein aus Grauves 1928 von Juhlin 100 Punkte bekam). 75PN 20CH 5PM, mit 6 g/l dosiert, dég. Oktober 2015, Vinifikation im großen Holz und der Preis ab Hof war schon beim 2008er so lachhaft, dass man ihn besser gar nicht erst verrät. Beim 2008er gefiel mir die Weltklassesäure besser als beim 2009er, aber der 2009er bringt etwas mehr G’schmackigkeit und Würze mit.

Georges Laval Cumières Premier Cru Brut Nature, Erntejahr 2012, dég. April 2015, ist jedes Mal wenn man ihn trinkt nicht nur ein Mordsvergnügen, sondern so wie er in den Rachen hineinfährt weingewordener Triumphzug.

Dom Pérignon 2006, hach, Dom Pérignon. In den letzten Monaten seit seiner Marktfreigabe habe ich ihn einige Male probiert und jedes Mal war er anders. Deshalb probiere ich die mir zugesandten Musterflaschen dieser Art meist nicht sofort, sondern lege sie für mindestens sechs Monate weg und besorge mir ganz gewöhnliche Flaschen über den Handel, um hin und wieder mal reinzuspitzen. Ich muss schließlich nicht der erste sein, der über einen neuen Jahrgang lospalavert, dafür möchte ich lieber ein belastbares und zutreffendes Urteil gefällt haben. Beim Dom Pérignon 2006 bin ich bis heute noch nicht sicher, da ist so viel drin, Smen (nicht: Smegma; sondern die alte marokkanische Butter), Avocadotoast, Eukalyptus, Mandel, Bitterorange zum schwelgen, lagern und jetzttrinken gleichermaßen gut.

R. Pouillon & Fils Blanc de Blancs Les Valnons Ay Grand Cru Extra Brut 2008 war nochmal eine tiefe verneigung vor diesem ehrwürdigen Cru. Intensiv, kraftvoll, schreitend, würdig, lang, anspruchsvoll und so aromenreich wie alter Armagnac, nur ohne den Sprit.

Henri Giraud MV09 Ay Grand Cru Brut, so wie Bollinger mehr Fett, Wucht, Saft und Kraft in seinen Champagner gelegt hat als vorhin zur Eröffnung der Deutz, so hat Giraud in den MV09 einen noch irreren Ansaugdruck erzeugt, als Pouillon. BMW 335i gegen Shelby GT500 (von heute, nicht von früher).

Philipponnat Mareuil-sur-Ay 2006 Extra Brut, 100PN aus fünf verschiedenen Parzellen (Valofroy, Les Côtes, Montin, Carrière d’Athis und Croix Blanche), halb im Tank mit BSA, halb im Holzfass ohne BSA vergoren und mit 4,5 g/l dosiert. Für mich charakterlich sehr nah am Kameraden aus der Rue Carnot. Fand ich schwierig und im Moment nicht im Reinen mit sich selbst. Von Nuss geprägt, leicht verräuchert und sonst sehr verschlossen. Braucht noch viel Zeit.

Roederer Brut Nature Ed. Starck 2006, 66PN 33CH, dég. April 2015, war eine geradezu gewagte Kreation von Roederer, die sich damit schon früh als wache Beobachter der brodelnden Winzerszene zu erkennen gegeben haben, bzw. vielleicht auch das Dosagethema damals ganz von sich aus aufgegriffen haben, um es dann nach langen Jahren mit einer passenden Habillage zu versehen, was ziemlich gut gelungen ist, wie ich schon länger meine. Vor allem der früher irritierende Scotchton ist mittlerweile gewichen, die im Untergrund rasende Säure steht kurz vor ihrer Freilassung, wie es scheint. Was dann kommt, ist nochmal aufregender und als Zwischenfazit muss ich einmal mehr sagen, gehört Roederer zu den großen Häusern, die praktisch alles richtigmachen.

Champagne von Norden nach Süden in nur einer Stunde

Partypeople! Dann und wann muss ich selbst mal ran und das champagnerapostolische Werk verrichten. Auf der Prowein findet sich dafür naturgemäß ein besonders empfangsbereites Publikum. Der Veranstaltungsdienstleister der Messe Düsseldorf, Promessa, hatte ein schönes Rahmenprogramm für die seit Jahren immer besser angenommene Champagnerlounge organisiert (http://www.champagne-lounge.fr/de/champagne-lounge-2016/rahmenprogamm), mir fiel wie im letzten Jahr die Rolle des Reiseleiters einer Verkostungstour von Norden nach Süden zu. Eine Stunde Zeit und Zugriff auf alle Weine der Aussteller in der Champagnerlounge, Herz, was willst du mehr?

Apollonis Authentic Meunier Les Classiques Brut, 9 g/l, hieß früher Authentic Blanc de Meuniers und noch vorher Réserve Blanc de Noirs, nach der ca. dritten Etikettenänderung in den letzten fünf Jahren hat man sich nun zur völligen Umbenamsung einschließlich des Weinguts selbst entschieden. Michel Loriot heißt jetzt Apollonis und sein Meunier ist weiterhin so etwas wie die Eintrittskarte in die Welt dieser Rebsorte, somit auch ein passender Einstieg in die Probe.

Xavier Leconte Meunier Parcellaire La Croisette (Ex Vent d’Anges) 2007, 3,6 g/l, Vinifikation im alten Fass. Vater Xavier, der ein wenig aussieht wie Dieter (bzw. Max) Moor vom Fernsehmagazin titel, thesen, temperamente, der wiederum ein Buch geschrieben hat, das in die Champagne passen könnte: „Was wir nicht haben, brauchen Sie nicht. Geschichten aus der arschlochfreien Zone“, hat die Weingutsleitung auf seinen deutlich kommunikativeren Sohn übertragen. Der hat die vom Vater erdachte Rebsortenlinie Les Vents d’Anges konsequent weiterentwickelt, die Profile schärfer herausgearbeitet, die Etikettengestaltung modernisiert und mit dem Croisette 2007 einen Champagner geschaffen, der einen durch die – in diesem Fall in Troissy, gelegene – geschmackvoll eingerichtete Eingangshalle des Meunierhabitats führt.

Collard-Picard Dom. Picard Blanc de Blancs Grand Cru, die Familie ist in Epernay zu Hause, aber an zwei Standorten beheimatet. Der Meunierteil kommt aus der Vallée de la Marne, rund um Villers-sous-Chatillon, der Chardonnay aus Le Mesnil. BSA gibts hier nicht, vinifiziert wird halb im Foudre, halb im Stahl, die Dosage von 10 g/l merkt man da nicht; Reifung findet hier noch unter Naturkork statt. Dieser Champagner ist ein reiner Jahrgang 2012, ohne dass das auf dem Etikett groß auftaucht. Reif und stark, etwas angepilzt, braucht ein ungewöhnlich grosses Glas und ist der erste Schritt in Richtung Süden.

de Venoge Cordon Bleu Brut, Basis 2011, 7,8 g/l Dosage, Saft nur aus erster Pressung (wie fast allerorten betont wird) 50PN 25PN/25M; Kokos, Toast, 20% Pinot aus Les Riceys, außerdem noch etwas aus Villers Allerand und der übrigen Montagne de Reims. Dieser Champagner ist ein echter Gebietsquerschnitt und einer der wenigen, die sich nicht nur ungewohnt klar, sondern mit Stolz zu ihrem hohen Traubenanteil aus der Aube bekennen. Was bei der Herkunft aus Les Riceys aber auch nicht verwundert. Sehr fein ist das, was von dort kommt allemal, im fertigen Champagner oft verantwortlich für malzige und leicht kräuterig-röstige Noten. Der Pinotteil aus Villers Allerand ist auch kein Zufall, sondern eine kleine Verbeugung in Richtung des Präsidenten des Hauses, der dort wohnt.

Malard Blanc de Blancs Grand Cru habe ich deshalb in die Probenfolge eingebaut, weil Natacha Malard eine bildhübsche Ex-Volleyballerin und Model, bzw. der Erzeuger einen schönen Querschnitt durch die Grand Crus der Côte des Blancs vinifiziert hat, und das mit Blickwinkel aus Ay, was ich immer besonders interessant finde, selbst wenn Champagne Malard nicht zu den alteingesessenen Erzeugern gehört, sondern vom Champenois und Quereinsteiger Jean-Louis erst 1996 gegründet wurde (der mittlerweile von seinen Söhnen unterstützt wird). Gerade das erlaubt einen unverstellten Blick auf traditionelle Crus, was hier zu einer noch nicht besonders eigenständigen, aber frischen, nicht zu säurelastigen Cuvée mit stattlichem Reserveweinanteil führt.

Le Brun de Neuville Blanc de Blancs Lady de N., aus dem Sézannais, Bethon, um genau zu sein. Le Brun de Neuville ist eine Kooperative mit ca. 155 ha Rebbesitz im Sézannais, ein unterschätztes und wenig bekanntes Gebiet, gleich dem Vitryat (und wie dieses erst in den 1960ern wieder planvoll aufgerüstet). Die Lady de N. ist mit 10g/l hoch dosiert, obwohl ihre freundliche, blumige Art das gar nicht benötigt. Hier wie bei Collard-Picard befasst man sich mit der Lagerung unter Naturkork. Die Lady de N. Chardonnay ist nussig, blumig und leicht minzig, was ihn zum interessanten Vertreter in einer Gebietsprobe macht.

Michel Mailliard Rosé (Assemblage), 90CH 10PN kein BSA, 7 g/l, mit diesem Erzeuger hatte mich mal Claus Niebuhr vertraut gemacht, der Rosé ist ein schönes Beispiel für die – im positiven Sinne – Doppelgesichtigkeit von Vertus, einmal als Rotwein, eimal als Weissweinort. Den Pinot aus Vertus schätzte man früher dem Vernehmen nach sogar höher ein, als die Chardonnays, heute ist es eher umgekehrt. Der Rosé ist einer der wenigen Rosés mit weißer Seele, zuden herausragendsten vertretern gehört sicher der von Ruinart, aber auch der Mailliard zeigt das Prinzip als Assemblagerosé bestens. Das Wort von Michel Drappier, Assemblagerosé sei immer wie eine Blattvergoldung, wohingegen Saignéemethode Massivgold bedeute, wollte mir dabei nicht aus dem Sinn.

de Barfontarc Rosé de Saignée bestätigte den Wahrheitsgehalt der kleinen Weisheit von Michel Drappier, der nur wenige Kilometer weiter südwestlich residiert. Die 2012er Ernte blieb nur kurz auf der Presse stehen, der Champagner wurde mit 4,5 g/l dosiert. Der Ausdruck ist deshalb bestätigend massiv und betrachtet man die beiden Rosés nebeneinander, wird man nicht ernsthaft den einen oder den anderen nur aufgrund seiner Herstellungsweise besser oder schlechter finden können.

Sekt trifft Champagner @ Griesel Sekt, Bensheim

Liebe Krawallbrüder und -schwestern,
sexy Mamas & sexy Papas,
Flora und Fauna,

die ultimative Fêtenbiesterreihe „Sekt trifft Champagner“ fand vorletztes Mal am Vizefreitag – scilicet Donnerstag – statt, das war eine gute Idee für alle, die am nächsten Tag nicht arbeiten müssen. Damit die werktätige Bevölkerung sich nicht ausgeschlossen fühlen muss, war nun zwingend ein Freitag zu wählen, um Adrenalin ins Glas zu bringen.

Adrenalin bringt auch die Griesel & Compagnie Sekthaus Streit GmbH & Co. KG von der Hessischen Bergstraße in die deutsche Sektszene, also war flottestens klar, wo die Fortsetzung stattfinden musste. In Bensheim, Grieselstr. 34. Dort habe ich mir erlaubt, das stattlich angeschwollene Sektprogramm der Grieseljungs (passende Genderisierung bitte hinzudenken, oder auch nicht) unter den verschiedensten Blick- und Brechungswinkeln zu betrachten. Dabei ging es wie immer in diesen Fällen nicht um ein besser oder schlechter der einen oder der anderen Schaumweinsorte oder Stilistik, sondern schlicht darum, Griesel in einem passenden Wettbewerbsumfeld einzusortieren und zu zeigen, wo die Reise hingehen kann, was vergleichbare Anbieter ähnlich oder völlig anders machen usw. und ganz am Ende sollte für alle ein schöner Rausch stehen.

I. Opener
Barrat-Masson Grain d’Argile Brut Nature, 50CH 50PN, ein Champagner, der in besonders schöner Weise vor Augen führt, was Champagner ausmacht: Balance zwischen den Rebsorten, in diesem Fall ohne vermittelnden Meunier, Leibhaftigkeit des Weins, der auf schminkenden Zucker verzichten kann, oxidative Noten, die im deutschen Sekt verpönt, beim Champagner aber traditionell gewünscht und am Platz sind.
Bardong Riesling Erbacher Honigberg Extra Brut 2009, das ist gekonnter reifer Rieslingsekt und ein kleines Lehrstück, was das Zusammenspiel von längerem Hefelager und niedrigerer Dosage betrifft.
Griesel Tradition Riesling Brut hatte im Eröffnungsflight die Rolle des Sektgegenstücks zum Champagner zugewiesen bekommen, sollte also durch Reintönigkeit, glockenhelle Klarheit und lehrbuchhafte Frische typische Eigenschaften der deutschen Sekttradition präsentieren, was einwandfrei gelang. Damit waren die Pflöcke eingeschlagen, die Permutationen konnten beginnen.

II. Blanc de Blancs
Guillaume Sergent Blanc de Blancs Les Prés Dieu war kein zwingender Vertreter dieser an passenden Champagnern so reichen Equipe. Sicher hätte ich mit guten und überzeugenden Gründen auch eine Unzahl anderer, typischer, erstaunlicher oder vorbildlicher Chardonnaychampagner auswählen können. Aber an diesem hier habe ich eben meine verstärkte Freude, seit ich ihn auf einer der vielen Verkostungsveranstaltungen in der Champagne entdeckt habe. Feinsinnig, gerade heraus, mit praller Aromatik, gut geschnittener Säure, hilfreichem Holz, das diskret im Hintergrund bleibt.
Wageck-Pfaffmann Chardonnay 2010 habe ich deshalb ausgewählt, weil hier Volker Raumland seine Finger im Spiel hat und seine Freude an maßgeschneidertem Holzeinsatz, wie man ihn bei Guillaume Sergent erleben kann, fand bei diesem Chardonnay mit langem Hefekontakt einen effektvollen Rahmen. Der Wageck-Sekt ist etwas breitschultriger als der Champagner, robuster, aber nicht unfeiner. Zwei Schäumer auf Augenhöhe und ein Eindruck, der sich noch einige Male wiederholen sollte.

III. Magnum
Palmer Brut Réserve en Magnum ist ein oft übersehener Klassiker aus 50CH 40PN 10M, dessen ausgeprägt nussige Noten in der Normalflasche schonmal stören können, in der Magnum aber dank höherer Komplexität besser eingebunden sind. Geklärte Butter, Keksteig, Phenol, ungewöhnlich für einen Champagner mit so relativ hohem Chardonnayanteil, vielleicht ist der Reserveweinanteil von gut 35% dafür verantwortlich.
Griesel Tradition Blanc de Noirs Brut en Magnum war gegenüber Palmer leicht im Vorteil, wirkte ungebundener, leichtfüssiger, eleganter, rassiger. Mundwässernd, mit Zitrus, Mandelmus und Brioche, ein Sekt, den man sich warm dampfend vorstellen könnte, wenn er nicht im selben Augenblick kühl und sprudelnd im Glas wäre. Vom Magnumeffekt, der mehr Finesse, mehr Tiefe, mehr Ausformuliertheit bringt, pofitierte der Griesel besser.

IV. Reif
Dehours Trio S, eine 1998 angelegte Solera ist hier für die Reifeempfindung zuständig und sorgt, bei einer Dosage von immerhin 7 g/l und einem dominierenden Meunieranteil (60M 30CH 10PN) für Verwobenheit, Tiefschichtigkeit, Sättigung und Stoffigkeit. Für mich einer der stärksten Weine des Abends.
Solter Reserve 2001, erst sehr spät dégorgiert, damit schwer lange auf der Hefe. Zwar drei Jahre nach dem Champagner produziert, dafür hatte der eine etwas längere Zeit nach dem Dégorgement frei in der Flasche und somit alternd verbracht. Zwei sehr unterschiedliche Arten von Reife standen also hier zur Debatte, der Solter eröffnete mit Bienenwachs, Pfirsich und einem Schwung reifen Obstes, er vermied gänzlich den Eindruck, es könnte sich um einen älteren Jahrgang handeln. Das ist der immer wieder zu beobachtende Effekt später Dégorgements, der jedes Mal zum Staunen anregt. Von Griesel gibt es naturgemäß noch nichts in dieser Altersklasse, aber es wäre schön, in 15 Jahren von dort ähnlichen Stoff erhalten zu können.

V. Niedrigdosage
Remi Leroy Brut (60PN 40CH aus dem Erntejahr 2011 mit etwas Reserve aus 2009 und 2008, dosiert mit 3g/l), die Frage war, ob es sinnvoll ist, einen Pinot Noir aus Verzenay, Ambonnay, Bouzy oder Ay in den undosierten flight zu geben, oder einen Chardonnay aus der Côte des Blancs. Hätte ich machen können, ja. Ich hatte aber eine meiner Meinung nach bessere Idee. Statt der altbekannten Platzhirsche aus dem Norden sollte es was flippiges aus der Aube sein, von Rémi Leroy in Meurville. Der arbeitet mit Fässchen, die er bei Hubert Lamy abgreift und vorsichtig zur Mikrooxidation seiner Weine verwendet, die zeigen sich dann entsprechend gestählt, unempfindlich und konzentriert.
Griesel Prestige Riesling Extra Brut, der Riesling mit dem burgundischen Stil, wie es in der grieseleigenen Beschreibung treffend heißt. Deshalb mein Gedanke, den Champagner mit dem burgundischen Stil in den Vergleich einzubauen und siehe, der Griesel schlug sich ein weiteres Mal glänzend. Wenn man nämlich burgundisch, eigentlich ein ziemlich unbestimmter und weithin bis zur völligen Konturlosigkeit verkommener Quatschbegriff, als Symbol für Finesse, von Säure und Struktur getragene Weinigkeit versteht, dann geht’s.

VI. Rebsortenvergleich: odd man out!
Piollot Pinot Blanc Colas Robin, der Weißburgunder, der in so einer Runde einfach nicht fehlen darf, aus der sehr guten Lagenweinserie von Piollot.
F.B. Schönleber Grande Reserve 2009, Oestrich, Löss, Lehm, Riesling, schon jetzt eine Menge an Auszeichnungen und Lorbeer, eine Versteigerungsbuddel im Salmanazarformat brachte satte 800,00 €, dem musste also im direkten Leistungsvergleich nachgegangen werden.
Barth Hassel 2011 en Magnum Versteigerungswein Nr. 32/300, mit Magnumvorteil ausgestattet und Primus in der Runde, vor Schönleber und Piollot. Erstaunlich? Unerwartet? Schwer zu sagen. Der Hassel hätte vielleicht hinten heraus noch etwas länger durchgewirkt sein dürfen, aber sonst war hier wieder alles so rein, so stimmig und purste Rieslingfaszination, wie zuletzt beim Fest der Weinbank.

VII. Pinot
Clement Perseval Blanc de Noirs Premier Cru en Magnum, 50PN 50M, also gar kein reinsortiger Pinot Noir, wie die anderen Mitspieler im flight und strenggenommen sogar kein reiner Pinot, nachdem Meunier das Pinot-Präfix nun auch formalampelographisch eingebüßt hat; aber nichtsdestoweniger eine passende Einleitung in den flight, bestehend aus 13er Ernte mit 12 und 11 in der Reserve, 20% Fassvinifikation und Teil-BSA, eine urfranzösische Interpretation des Pinotthemas.
Bamberger Cuvée Pinot S 2010, Fülle, Reife und Schmelz, leichte Mürbe, feine Säure, Balance und Komplexität, eine klassische Interpretation aus deutscher Sicht.
Griesel Prestige Pinot Brut Nature, das komplette Gegenprogramm zu Bamberger, blutjung, frech, unklassisch, keck. Noch nach der Probe ließ mich dieser Sekt nicht los, selbst im Angesicht der Flasche Ayala 1959, die noch in meinem Auto wartete.

VIII. Rosé
Thomas Perseval Rosé (Assemblage) Premier Cru aus dem Erntejahr 2012, 50PN 30CH 20M, Fass- und Tankvinifikation der Grundweine, voller BSA, Nulldosage. Das Pendant zum Einstiegsschampagner im Openerflight und eine Art Schlußstein, ein Roséchampagner wie ein Saibling im Forellenteich.
Griesel Tradition Rosé Brut und Griesel Prestige Rosé Extra Brut machten noch einmal ganz klar, dass man von Griesel künftig nicht nur im Rieslingbereich, sondern auch und vor allem im Pinot- und Rosébereich erhebliches zu erwarten haben darf. Filetausbeute, Fettgehalt und Festigkeit sind bei beiden enorm, der Brut (kostet lachhafte 13,70 €) begeistert mit seiner Vielschichtigkeit, Würze, meisterlichen Balance und kunstvoll geschwungenen Säure, der Extra Brut zeigt etwas mehr Kante und wird vor allem in einigen Jahren nochmal zeigen müssen, was er drauf hat.

Fazit:
Hessische Bergstrasse meets Avenue de Champagne hätte alles werden können, von überregulierter deutscher Straßenverkehrsbevormundung bis zum wacky race. Es wurde eines jener Stücke, die man bei Youtube findet, wo 24 Stunden Verkehr an einem überdimensionalen Kreisel, meist in Indien oder Südostasien belegen, in fastmotion gezeigt werden und alles wie von höherer Hand gelenkt, ja konzertiert wirkt und wo wie durch ein Wunder nie ein Unfall stattfindet, was dann wieder, noch verstärkt durch Optikeffekte, seltsam schön und faszinierend wirkt, wie das natürliche Gewimmel eines Ameisenhaufens. Klingt wild und durcheinander, war aber dank aller Mitwirkenden toll.



Rheingau (Sekt) trifft Champagne @ Domänenweingut Schloss Schönborn, Hattenheim

Der Halsnasenorgienarzt verschrieb harte Gönnung auf dem Domänenweingut Schloss Schönborn in Hattenheim. Pünktlich zum Anpfiff des Rheingau Gourmet Festivals sollte da der Rheingau(er Sekt) auf die Champagne treffen. Weinwissers Beckustateur hatte sich eigens angekündigt, um nach unzähligen Stillweinen, die beruflich zu verkosten waren, ein wenig Entspannung beim Schaumwein zu finden. In der flammneuen, dankenswerterweise von Betriebsleiter Christian Valk eigens zum Austoben zur Verfügung gestellten Vinothek, fanden sich also die Headbangers und Headbangerinnen aus dem Europäischen Wirtschaftsraum, bzw. der EFTA ein.

Los ging’s mit Bardong Chardonnay 2007 und Bardong Chardonnay 2006, deren Reihenfolge ich in letzter Sekunde doch noch gegen den Zeitstrahl gerichtet habe, so dass der weichere, weniger dichte 2007er mit seinem zarten Johannisbeerduft den Anfang machte und das Feld bereitete für den völlig anders gearteten, billardkugelrunden 2006er, der so wonnig glänzte wie einst die Glatze von Benny Hills Sidekick Jackie Wright. Obwohl wir es mit Chardonnay zu tun hatten, hatte nicht nur ich sofort die Empfindung von Rheingauer Riesling. Weniger im Sinne einer Rebsortenatypizität, sondern in meinen Augen mehr als Regionaleigenheit zu verstehen (um das Wort Terroir zu vermeiden). Dem stand gegenüber Pierre Moncuits Chardonnay Hugue de Coulmet Premier Cru, ein Champagner aus dem Sézannais. Pierre Moncuit kennt man als Erzeuger aus Le Mesnil und erwartet automatisch eine Art trinkbare Backpfeife. Genau das passiert nicht. Weil der Hugues de Coulmet sanftmütig ist, nicht so ein verkommener Abkömmling eines uralten Adelsgeschlechts, sondern wohlerzogen und fein. So durfte es weitergehen.

Im Pinotlager trat Solter H Pinot Cuvée 2001 an, ewig und schonend in der Flasche gereift, daher bei Öffnung geradezu alterslos, obwohl Toffee, Nuss und Malz deutliche Hinweise geben. Leboeuf Brut Grand Cru aus Ay war konzentrierter, Veilchen und dekoratives Gestrüpp spielen bei diesem Champagner immer eine gewisse Rolle. Von schräg gegenüber, jenseits des Bahndamms, lieferte der Barth Ultra einen modernen Rheingauklassiker, den mittlerweile praktisch jeder kennt, der sich mit der Materie auseinandersetzt. Gänzlich unbekannt ist hingegen der Champagne Pierre Baillette Blanc de Noirs Coeur de Craie Premier Cru Extra Brut (2009). Wer sich das Vorderetikett ansieht, wird noch keinen Verdacht schöpfen, doch wer das Rückenetikett studiert, wird stutzen und sich dann erinnern: sehen so nicht auch die Rückenetiketten von Alexandre Chartognes Champagnern aus? Ja, tun sie. Das ist schließlich der Mann von Périne Baillette. Und der Champagner? Toll! Aus dem unscheinbaren Premier Cru Trois Puits direkt vor einem der Gewerbegebiete von Reims, bevor es Richtung Montagne geht, gibt es ja einige sehr schöne Erzeugnisse. Das hier gehört zu den schönsten. Behutsamer Holzeinfluss, elegant-verschmitzte Pinotstilistik. Viel ist von den 500 Flaschen die es davon mal gab, sicher nicht mehr da. Den Rest bin ich geneigt, komplett zu kaufen.

MILF hier, MILF da, MILF überall. Reif ist in, will ich damit sagen. Auch beim Schaumwein. Deshalb sollte ruhig Solter nochmal ran, mit dem Riesling Reserve Brut 2001, einem sauguten Sekt aus dem Berg Roseneck.Was jedermann leicht nachprüfen kann, ist die pralle Obstaromatik, die man bei einem Sekt dieses Alters schon gar nicht mehr erwartet. Von Firne, die beim Rieslingsekt ja noch viel umstrittener ist als beim Stillwein, keine Spur. Perfekt wäre es jetzt, wenn man den Sekt auch noch kaufen könnte. Kann man aber praktisch nicht mehr. Leider. Tristan H. Brut Mature aus 55CH und 45PN aus dem Jahr 2012, jetzt extra dégorgiert und eigens mit deutschem Rückenetikett versehen, war auf den ersten Blick nicht ganz so anstellig. Das sind die Sachen von Tristan aber nie, vom Brut Traditon mal abgesehen. Eigentlich sind seine vielen unterschiedlichen Champagner sogar Karaffenkandidaten, was der Mature nach längerem Planschen im Glas bestätigte.

Peter Weritz brachte einen 2007er Rieslingsekt aus dem Barrique mit, der mir vor allem im direkten Vergleich mit dem Bardong-Chardonnay nochmal sehr gut gefallen hätte. Der war freilich aus. Hervorzuheben beim unetikettierten 2007er ist der gewandte Umgang mit dem Holz, dessen schützender Einfluss dem Wein offenbar sehr gut getan hat (ähnlich händelt das in der Champagne Vincent Charlot). Gerade beim Riesling ist Holz kein einfaches Thema und in Verbindung mit Sekt sowieso nur etwas für Könner. Mit dem Solter Riesling Reserve 2008 fand sich ein ausgezeichneter Spielgefährte, der den basso continuo Holzeinflüssen blanchierte Mandeln entgegensetzte, bei den zitrusfrischen und bei den kandierten Noten zeigten beide Sekte viel Koloratur. Der 2013er Sekt vom Gastgeber rundete das Ganze passend ab und empfahl sich für eine Nachbesichtigung.

Nach der reinen Sektlehre sollte die Champagne noch einmal zeigen dürfen, was dort so geht. Mir schien ein Meunierflight passend. Chartogne-Taillet Lettre de Mon Meunier (2010) 4 g/l Fassausbau in 225l-Fässern (3 bis 4 x belegt), 10 hl/ha aus den Parzellen Barres (franc pieds), Beaux sens, Alliées, Mont agé, Paccas in Merfy; 500 Flaschen insgesamt. Enormes Zeug, obwohl aus der Not geboren: kurz vor der Lese pumpten Regenfälle die Trauben massig auf. Die Parcellaires konnte Alexandre sich also abschminken; stattdessen selektierte er mit harter Hand und setzte diese feine Cuvée in die Welt, die es so schnell nicht wieder geben wird. Das Süchtigmachende von richtig gutem Gin Tonic, erfrischend wie bester Whisky Sour und einzigartig, wie nur guter Champagner es sein kann. Janisson-Baradon Conges 2006 schien mir daneben etwas schwermütiger, nicht so mitreißend, sondern rational, wohldurchdacht, ohne aber konstruiert oder elaboriert zu wirken.

Zum Ende hin schlugen wir noch einige Haken. Mit Bardong Reserve 1998 ging es tief hinab in die Vergangenheit und es ist zu glauben, wie frisch dieser Sekt jedes einzelne Mal ist, dass ich ihn im Glas habe. Buttercrème, Lemon Curd, Tannennadelsirup, Balsamik, aber kein fettleibiger Charakter. Der komplett andere Tarlant BAM! wirkte beinahe verwandt und dem Sekt näher, als der von mir erst im letzten Jahr entdeckte Champagne Guillaume Sergent Chjardonnay Les Prés Dieu, der auf mittlerweile bekannt hohem Niveau Chardonnaygenuss zelebrierte.

Ganz zum Schluss gab es dann noch zwei große Klassiker, Perrier-Jouet Belle Epoque 1983 und Charles Heidsieck Blanc des Millénaires 1985. Die Belle Epoque hatte ich mir erst wenige Wochen zuvor in Mainz als schöne Partnerin für den ebenfalls kurz zuvor noch einmal zur Auffrischung direkt bei Charles Heidsieck genossenen Blanc de Millénaires ausgedacht; und siehe, die Kombination war stimmig. Die Belle Epoque in wahnsinnig sexyer Hochform, der Charles etwas rauchiger, röstiger. So muss man sich ein aufgedrehtes Pärchen vorstellen, das in den Goldenen Zwanzigern von einem rauschenden Fest in seine efeuumrankte Ostküstenvilla zurückkehrt.

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