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Monthly Archives: Juli 2016

Als nochmal: In it to win it, diesmal mit Sekt

Angenommen, ich wäre Juror beim Deutschen Sektpreis vom Meininger Verlag – was wären da wohl meine Favoriten? Nach meinen Erfahrungen der letzten Zeit würde sich wahrscheinlich am altbekannten Kanon nicht viel ändern. Die Sektszene ist zwar in Bewegung – aber Schaumweinbereitung ist ein diffiziles, auf jahrelange Strategien ausgerichtetes Geschäft. Wer weiß denn schon, was in zehn Jahren wie schmecken wird? Welche Grundweine in welcher Cuvée mit welcher Dosage bringen die Zunge zum lachen? Eben. Eine schwierige kombinatorische Problematik haben wir da vor uns, die es Neueinsteigern schwermacht. Ich habe dafür Verständnis. Meine ausgeprägte Unzulänglichkeit im Bereich Kombinatorik habe ich erstmals im Mathematikunterricht der achten Klasse und zuletzt öffentlich beim blending workshop von Champagne Deutz auf Schloss Bensberg unter Beweis gestellt, glücklicherweise hielt sich dort die Häme in Grenzen. Was mir vom Thema Kombinatorik blieb, ist die Freude an abzählbar unendlichen Mengen – ich dachte immer, nur Chuck Norris könne bis unendlich zählen. Daher rührt auch meine Begeisterung für Primzahlen. Und letztlich verdanke ich dem Schulbesuch einen Lösungsansatz für das eingangs geschilderte Sektproblem. Im Mathematikunterricht der Tertia erzählte nämlich der Mathematiklehrer etwas von „systematischer Probiermethode“, ich bekam das möglicherweise in den falschen Hals, bzw. wende diese Methode noch heute an, nur eben nicht in elementaren Fragen der Mannigfaltikeitslehre, sondern beim Schaumwein.

Heraus kam eine Mischung aus Alt- und weniger Bekanntem.

Natürlich hat die Diel Cuvée Mo Brut Nature 2008 einen hochrangigen Platz verdient. Dunkler Charakter, ein ganz starker 2008er, vollmundig, reif mit einem aparten Cognacnäschen, raumfüllend und bildschön.

Aus dem Hause Raumland steht sowieso immer mindestens ein Sekt auf dem Siegertreppchen, für mich sollen es gleich drei, nein: vier! sein. Raumland Blanc de Noir Prestige Brut 2007 ist so komplex, ausdrucksstark und eigenständig, wie man sich einen deutschen Pinotsekt nur wünschen kann. Reife und Frische sind hier kein Widerspruch. Ganz ähnlich wie Eric Rodez gibt es bei Volker Raumland ein Gegenstück zur Paraderebsorte Pinot Noir, nämlich den Chardonnay Prestige Brut 2009, der ist, und das ist die Kunst, fein gegliedert, von der Machart und Behandlung der Rebsorteneigenheiten völlig anders als der Pinot, eben nicht ein und derselbe Stil gewaltsam aufgeprägt, sondern jeweils das besondere herausgekitzelt. Das alles mündet im IX. Triumvirat 2009, das dem prallen Leben selbst abgeguckt ist wie die Bilder von den Brueghels, in allen ihren Schreibweisen. Die Katharina 2011 will ich abschließend jedem ans Herz legen, der etwas von Sekt versteht oder demnächst verstehen will. So geht Lebensbejahung. Kein Wunder an Komplexität, aber Lokum, weißer Nougat und Pistazie, vermengt mit Speisetraube und südamerikanischer Limonade.

Mit der Pinot Cuvée „H“ Solter 2001 ist ein weiterer bekannter Name im Rennen, der in Sachen Reife ganz groß aufspielt. Toastigkeit und pilzyness, fruchtbare, nein trächtige Opulenz, für mich ein ganz gewaltiges Sektvergnügen, vor dem unreife Trinker allerdings gewarnt werden.

Trotz meiner Bemühungen um den deutschen Sekt gibt es noch viel zu viele weiße Flächen auf meiner persönlichen Sektlandkarte. Das ist nicht die Schuld der Erzeuger, sondern liegt an meinem Arbeitsrückstand. Mit Bamberger aus Meddersheim und Griesel aus Bensheim habe ich sicher zwei (auf mich gar nicht angewiesene, weil auch so erfolgreiche) weißglühend heiße Eisen im Feuer, aber da draußen ist noch mehr. Einer von diesen weniger bekannten, von mir glaube ich überhaupt noch nie erwähnten Sekte, ist der Riffel Pinot & Chardonnay Brut 2008. Das Weingut Riffel in Bingen hat mit dieser Prestigecuvée alles goldrichtig gemacht. Bei einer Gesamtsäure von 5,80 g/l war eine niedrige Dosage (3,5 g/l) zu wählen, der Wein dankt es, der Trinker auch. Schlank, sportlich, sympathische Dynamik, Briocheanleihen und ein freundschaftlich ausgewogenes Verhältnis von Frucht, Alkohol und Würze.

Von Winning kennt man vor allem wegen der Stillweine. Den Sekt von dort sollte man ebenfalls kennen. Der Pinot Brut ist ausgerechnet auch noch ein Weißburgundersekt. Einer der besten, die es gibt. Traubig, wohlschmeckend, der Aprikosenton mag manchen Puristen stören und Botrytisverdacht wecken, wenn man ganz arg meckern will, wird man fehlende Säure bemängeln, mir war der Sekt aber die zweithöchste Bepunktung unter 50 Sekten wert.

Oliver Zeter aus Neustadt kennen die Schlaufüchse schon lange, ich habe ihn jetzt meiner Meinung nach erstmals im Glas gehabt und bin von der Zeter Zero Grande Cuvée Extra Brut 2010 hin und weg. Potente 9,5 g/l Säure und 3 g/l Dosage, 60PN 40CH in gebrauchtem Barrique vinifiziert, trotz leicht krautiger Noten (nach langem BSA?) ein großer Sekt, der mit jedem Detail klarmacht, dass er beim Blick über die Grenze nicht ins Elsass oder ins Burgund schaut.

Den Wilhelmshof und seinen Patina Pinot 2009 empfehle ich gern, weil mir die Stilistik mit Fenchel, Anis, Amaretto und dem feinen Esspapierduft gut gefällt, beim sekt nicht ganz üblich ist und in dieser Form hohe Eigenständigkeit zeigt.

Der SMW Saar-Mosel-Winzersekt Pinot Cremant Mosel 2009, wieder aus dem Jahr 2009, müsste nur einen Hauch oder von mir aus sogar deutlich weniger dosiert sein und schön würde er sich nach weit oben katapultieren. Sehr guter Pinotsekt!

Zauberhaft ist der SM SektManufaktur Pinot Dosage Zero der auch im Mund fast alles ausschöpft, was geht. In Schweppenhausen verstehen sie sich darauf, dem – obacht! – Weißburgunder Apfel, Birne und Litschi abzugewinnen, ohne die weniger feinen Teile des Rebsortenspektrums in den Sekt gelangen zu lassen. Etwas mehr Länge könnte er ruhig noch haben, aber bereits jetzt chapeau.

Matthias Gaul aus Grünstadt hat mit diesem schon hochpreisigen Chardonnay „Mademoiselle Anne Zero Dosage“ eine unbedingt empfehlenswerte Leistung gebracht; über den Preis mag man streiten, aber getrunken haben sollte man den Sekt.

Véritable 2016

Sankt Martin in der Pfalz. Im denkmalgeschützten Ortskern reiht sich Hotel an Gaststätte an Weingut. Wenn die Schranken runter sind, kommt man mit dem Auto nicht hinein. Das ist nicht schlimm, weil selbst Fußfaule sich den Ort schnell per pedes erschließen können. Und wenn gerade Véritable ist, sollte man das Auto sowieso stehen lassen.

Véritable, das ist der Name der Weinfachmesse von Philipp Kiefer und Uwe Warnecke. Diese Weinfachmesse ist wie eine Essenz der ProWein. Alle Aussteller, die auf der ProWein Pflichtbesuch sind, sind nämlich auch auf der Véritable. Man spart sich also das ganze Drumherum und den Zeitverlust, außerdem gibts ganz nebenbei gutes Essen.

Um alle 91 Aussteller der diesjährigen Véritable zu besuchen, reichte bei mir leider die Zeit nicht. Ich habe deshalb eine auf Herzenslust beschränkte Auswahl vorgenommen, wobei ich schweren Herzens internationale rote Knaller wie Ornellaia, Sassicaia, Gaja, Penfolds, Vega Sicilia Unico, Hermitage La Chapelle ausgelassen habe.

Egon Müller gefiel mir mit seinen 2015ern nicht durchgehend. Der Scharzhof Riesling hatte nur viel Säure und Aggressivität zu bieten, der Scharzhofberger Kabinett Alte Reben befand sich noch im Tiefschlaf und die opulentere Wiltinger Braune Kupp Auslese gefiel mir auch nicht uneingeschränkt, von den gezeigten Weinen allerdings am besten. 2015 vom Egon Müller ist meiner Meinung nach zum Weglegen bestimmt.

An der Saar brillierte von Othegraven mit einem altmodisch geratenen Bockstein Riesling Kabinett 2015, etwas fülliger trat der Altenberger Riesling Kabinett 2015 auf, der auch als Spätelese Alte Reben eine gute Figur machte. Am besten allerdings gefiel mir der Altenberg Alte Reben in der Auslesenvariante, die überbordend, groß und von vorn bis hinten gelungen war. Ein Tiptopwein.

In Mertesdorf befindet sich die Schlosskellerei C. von Schubert, Weingut Maximin Grünhaus, gerade frisch in den VDP aufgenommen, der sich mit Neuaufnahmen ja manchmal ganz schön anstellt. Einen größeren Überblick werde ich mir bei diesem ja nun wirklich sehr traditionsreichen Weingut im November verschaffen, zwar nicht bis zum Jahrgang 633 zurück, aber fast. Für dieses Mal reichte es völlig, Bruderberg Kabinett 2015 und die beiden Abtsberge Spätlese, bzw. Auslese 2015 zu probieren und gut zu finden. Den schmutzigen Mix aus Käsecracker, kalter Asche und Kokain mit Apfelaroma muss man einfach faszinerend finden.

Das Weinhut Joh. Jos. Prüm liefert einige meiner liebsten drinks und wenn ich Termine in Berkastel-Jues wahrzunehmen habe, lasse ich mir nur selten im Anschluss den Besuch im Weinhaus Porn mit der dort wartenden Fünferreihung feiner Prümweine entgehen. Die Graacher Himmelreich Spätlese 2014 war schön teeig, mit krachender Säure, die 2012er Version etwas fetter und weicher. Aus 2012 gab es noch eine Wehlener Sonnenuhr Spätlese, deren druckvoll abgelieferte Frucht und kristallzuckrige Süße fast schon wieder anstrengend waren. Aber dann kam die 2009er Wehlener Sonnenuhr Spätlese ins Glas und die zeigte, vielleicht dem warmen Jahr geschuldet, vielleicht dem reifefortschritt insgesamt, beginnendes Petrol und zwar genau in der Dosierung, die ich liebe. Feiner Stoff, der sich nach oben hin klar von der Benrkasteler Badstube Auslese 2007 absetzte, die etwas prickliger, etwas dicklicher, mit ausgeprägterem petrol und buttrigen Noten ins Glas kam. Ganz besonders stark war zum Schluss dann noch die große, fordernde, 2007er Wehlener Sonnenuhr Auslese.

Ein anderer Moselfavorit ist ja immer Fritz Haag, so auch diesmal. Der Brauneberger Riesling Kabinett 2015 war ein schöner, sehr eleganter Einstieg und eine perfekt abgezirkelte Pyramidenbasis, auf der Braunenberger Juffer Sonnenuhr Spätlese und Auslese Goldkapsel, jeweils aus 2015, architektonisch ideal aufbauten.

Aus dem Hause Grans-Fassian gefiel mir der VDP.Ortswein Trittenheimer Riesling Kabinett 2015 ganz gut, auch wenn ich nicht unbedingt ein Fan von blumigen Noten im Riesling bin, die sich hier etwas stärker breitmachten, aber noch tolerabel blieben und von einem leicht kalkigen Eindruck gut eingefasst wurden. Die Dhronhofberger Riesling Spätlese VDP. Große Lage 2003 hatte viel Lemon Curd und Eierpfannkuchen und damit meine volle Sympathie.

An August Kesseler habe ich mich erstmals beim Fest in der Hattenheimer Winebank so richtig herangetastet, die neue Begegnung mit dem Erzeuger aus Assmannshausen verlief noch erfreulicher, der Lorcher Schlossberg Kabinett VDP.Erste Lage 2012 war ein herrliches Apfelkonzentrat und köstlicher Rieslingspaß.

Beim Weingut Künstler aus dem sonst nicht sehr meldenswerten Hochheim am Main habe ich mehr oder weniger meine einzigen trockenen Stillweine der Véritable gekostet und mal wieder die Weiss Erd GG 2014 am besten gefunden. Warum? Weil sie einer der champagnerigsten Rieslinge überhaupt ist, schon dem sprechenden (Kalk, Löss, Mergel sind für die Weiss Erd verantwortlich) Namen nach.

In Rheinhessen wimmelt es von guten Winzern, am besten sind die meisten von ihnen nach meinem Empfinden im trockenen Bereich, also jenseits meines Horizonts. Von Kühling-Gillot gibt es aber im süßen Bereich eine Pettenthal Spätlese 2015 von solcher Pracht und Wucht, dass der Griff in die Geldbörse sicher lohnt, bei ca. 19,50 €/Flasche.

Sehr gut sah es auch bei Dönnhoff aus, dessen Oberhäuser Leistenberg Riesling Kabinett 2015 ist jetzt schon sowas von da, dass ich mich in ihn verbissen habe, die schmeichelhafte Säure förderte das natürlich noch.

Nicht unerwähnt lassen will ich den munter verspielten Cinqueterre von Elio Altare, der so gutgelaunt und farbenfroh ist, wie das Dörflein selbst. Vermentino, Bosco, Albarola sind dafür verantwortlich und wenn ich Vermentino höre, denke ich sowieso immer an meine erste Erfahrung mit der Rebsorte, aus dem Hause Argiolas, lang ists her.

Billecart-Salmon wurde von Eric Calzolari in gewohnte Manier ausgeschenkt und weil Eric Calzolari weiss, wie man’s macht, natürlich in Magnums. Davon hat am meisten der Blanc de Blancs profitiert, der sonst gern mal etwas beliebig wirken kann, wenn er noch sehr jung und voller Babyspeck ist. In der Magnum hat er einfach mehr Präzison und Würde. Réserve und Rosé fuhren wie Nicolas Francois Billecart in ihren Umlaufbahnen, durch nichts zu erschüttern. Stark war dann noch der 2006 Extra Brut, der würzig und dunkel wirkte, so geheimnisvoll wie noch nie ein Billecart-Salmon zuvor, würde ich sagen.

Louis Roederer war mit dem Brut Premier vertreten, den ich nicht immer nur gut fand, jetzt aber schon. Schön röstig, ein bissele süß, was mir zuletzt beim 2007er Cristal wieder sehr charakteristisch und irgendwie ja auch historisch korrekt vorkam. Blanc de Blancs Brut Millésime 2009 war mal wieder eine sichere Bank, schlank, nicht mager, griffig, trainiert, gut. Die Edition Starck Brut Nature 2006 zeigte sich wiederholt von einer guten, wenn auch nicht von ihrer besten Seite, das blieb im Vergleich dem Brut Millésime 2008 überlassen.

Pol-Roger wartete mit einer so geschlossen gute Serie auf, dass ich mich ein wenig für die stiefmütterliche Behandlung geschämt habe, die das Haus durch mich erfahren hat. Was andererseits schon wieder ein gutes Zeichen ist, weil dann ja alles gut läuft und es nichts zu bekritteln gibt. Wobei das auch schon wieder nicht ganz stimmt, die Tendenz von Pol-Roger zur beharrlich hohen Dosage hatte ich vor Jahren schon erwähnt und der Eindruck ist nicht gewichen, aber bei Pol-Roger sehe ich das am Ende doch immer wieder nach, weil die Weine so langlebig sind und die Dosage wie eine kultische Wegzehrung mit in ihre zweite und dritte Transformation in der Flasche nehmen. Der White Foil war also so schmatzig wie eh und je, der Pure immer noch gut und langsam gewöhne ich mich auch an ihn, der 2006er Vintage war nicht so schön wie der von Billecart, aber sei’s drum, dafür war der 2006er Rosé verdammt gut und in meinen Augen ein echter Geheimtip, noch vor dem 2008er Blanc de Blancs, den ich für sehr gut, im Vergleich mit dem von Roederer allerdings nicht überlegen fand. Sir Winston Churchill 2004 war britische Bulldogge vom Feinsten, jetzt schon prima, wenn man mit der Süße klarkommt, aber in einigen vielen Jahren sicher noch mal um Längen besser.

Volker Raumland stellte den Rosé Prestige Brut (Nature) 2012, den Blanc de Blancs Brut 2009, den Chardonnay 2009, das IX. Triumvirat (2009), den Riesling Prestige Brut 2008 und den Pinot Prestige 2007 en Magnum vor, vielleicht schon ahnend, dass er damit wenige Tage später wenige Ortschaften weiter, in Neustadt beim Meininger Verlag, beim Sektpreis punktemäßig nochmal dick abräumen würde, für mich ein doppelt und dreifach freudiges Wiedersehen. Der Chardonnay 2009 gehört zu den starken deutschen Chardonnaysekten und somit zu einer winzigen Partition innerhalb der Sektfraktion. Röstnote, Laktizität und Brotrindigkeit sind jedenfalls für meinen Geschmack vorbildlich. Das IX. Triumvirat hatte mit dem Chardonnay sehr starke Konkurrenz aus dem eigenen Haus und wusste sich dagegen nur knapp durchzusetzen. Überaus stark kam mir auch der Riesling Prestige vor, während der Pinot Prestige ruhig noch etwas vor sich hindämmern kann.

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