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Category Archives: Allgemein

Allerlei und allerhand Information rund um den schäumenden und den stillen Wein, Cognac, Hotels und Restaurants. Streng nach meinen eigenen Interessen geordnet und veröffentlicht.

ProWein 2014 – Die besten Champagner und Schaumweine

Die Prowein begann für mich am Samstag unter anderem mit einem sehr seltenen Champagner: de Marne – Frison Cuvée "Elion" Rosé. Von de Marne -Frison habe ich schon verschiedentlich berichtet und dabei letzthin leider auch erwähnen müssen, dass die Zukunft des 6,5 Hektarguts in Ville sur Arce (Aube) ungewiss ist. Aber Valerie Frison macht allein weiter, nachdem ihr Mann Thierry sich in den Süden Frankreichs verabschiedet hat. Die Zukunft ist also sicher und weil ich hoffe, dass sie auch rosig ist, kam der rare Rosé ins Glas. Der ist eher dunkel und so granatenfruchtig, so voller Granatapfel, dahinter Banane und Kirsche und ein etwas ungemütlicher Gerbstoff, dass mir um die Zukunft dieses sympathischen Kleinerzeugers nicht bang ist. 

Der Eröffnungssonntag brachte verschiedene schöne Schäumer ins Glas. Lanson öffnete beispielsweise aus der spätdegorgierten Jahrgangscollection (alles Magnums) ein paar Exemplare. Mir gefiel der ausdrucksstarke, einerseits sehr frische, andererseits gediegen-reife 1976er, dég. im Februar 2014, am besten.

Zuvor hatte Cyril Janisson aus seiner Einzellagen-/Einzelrebsortenserie den von "Chemin de Conges" in "Conges" umbenannten 2006er Meunier ins Glas gebracht und meinen Beifall geerntet. Der neue Jahrgang ist etwas niedriger dosiert, was ihm unheimlich gut steht und mehr Durchzugskraft verleiht. Der Champagner ist rassiger, klarer definiert, sportlicher und um Nummern forscher, als sein Vorgänger. 

In der nämlichen Champagnerlounge, die letztes Jahr erstmals oberhalb der Österreicher in Halle 7.1 zu finden war und heuer nicht so verdruckst im Halbdunkel, sondern in überwiegend strahlendem weiß vorzufinden war, schenkte Montgueux-Winzer Vincent Couche seinen Sensation 1997, dég. 12. April 2012, aus. Das ist seine Antwort auf den Trend zum verlängerten Hefelager und gefiel mir schon als 1995er sehr gut. Diesmal war eine Spur mehr Eleganz und Finesse, etwas weniger Oxidation und daher sogar mehr Trinkvergnügen als erwartet in der Flasche.

Von 1995 zu 1997 zurück zu 1995: Bruno Paillard, der zum Jahrgangsvergleich seiner aktuellen 2004er Vintages geladen hatte, überzeugte mal wieder mit seinem 1995er Assemblage, der sich bei mir wegen seiner perfekten Reife noch vor dem 2004er Blanc de Blancs, dem 2004er Cuvée und dem 1995er Blanc de Blancs platzieren konnte. Und das will was heißen, denn der 1995er Blanc de Blancs war in einer ähnlichen Vergleichsprobe mit den Jahrgängen 1989, 1995, 1999 Anfang des Jahres in Berlin noch mein klarer Favorit.

Die jungen Aube-Player Tendil & Lombardi mit dem verblüffend an Dom Pérignon angelehnten Etikett konnten vor allem mit ihrem Blanc de Noirs punkten, Piper-Heidsieck setzte sich mit dem 'gewöhnlichen' 2006er Vintage positiv nach oben vom sehr guten und mancherorts (FINE Champagne Magazine Nummer 1 der 100 Best Champagnes for 2011) für überragend gehaltenen Rare 2002 ab. Den sehe ich erst in der Spitzenriege, wenn der Babyspeck abgeschmolzen ist.

Bei den englischen Sparkling Wines ('Méthode Anglais') hat Gusbourne die Nase vorn; dort hat man sich Verstärkung geholt: Charlie Holland, der von Ridgeview kommt und Christian Holthausen, der vor gar nicht so langer Zeit von Piper-/Charles Heidsieck zu Nyetimber gewechselt hat. Während ich tüchtig mit Charlie probierte, schlürfte Christian übrigens den eben erwähnten Conges von Janisson-Baradon, was ich ihm von Herzen gegönnt habe. Schon länger im Auge habe ich von Camel Valley den Annie's Anniversary Brut, ein sagenhaft flottes Gerät mit quiekend frischer Säure, Boskoop und Lemon Curd, also allen Attributen, die man sich nur wünschen kann, um den eingestaubten Gaumen freizubekommen. Balfour hatten nur zwei Sparkler da, aber die waren ebenfalls sehr gut und hatten mir schon im letzten Jahr sehr gut gefallen. Die Präsentation war von der knorrigen Art und mit einem Humor, der den anhaltenden Kriegserfolg des Empires erklären hilft. 

Aus deutschen Landen habe ich leider nicht sehr viel probieren können, weil jeder Aufenthalt in der Deutschlandhalle selbst den ehrgeizigsten VKN-Produktionswillen unterminiert und zunichte macht. Vor lauter Begrüßung und Wiedersehen kommt man kaum zum probieren. Geschafft habe ich deshalb nur ein paar Flaschengärer wie Madame Bettys Rheingau Riesling Brut vom Sekthaus Solter, das auf den Etiketten witzigerweise und quasi im Anschluss an die Engländer (oder umgekehrt) die 'Méthode Allemande' für sich reklamiert. Aus der Raumland-Kollektion gefielen mir am besten Marie-Luise und Blanc et Noir, das Triumvirat muss noch ruhen, bevor es sich zum Gaumennahkampf rüsten soll. Vor allem optisch positiv aufgefallen ist mir außerdem mal wieder der Winzerhof Stahl aus Auernhofen, der in Würzburg die "Edel Stahl Brause!" versekten lässt. Dieser Riesling Brut Sekt ist mir eigentlich zu hoch dosiert und schmeckt verdächtig nach Aromahefen, aber wer partout keinen Champagner anrühren will, wird sich leicht mit diesem Frankensekt versöhnen und im Idealfall natürlich verwöhnen können.     

Aus Spanien drang lediglich eine Cava zu mir durch, die sich aber wegen des Chardonnayanteils darin selbst zu später Stunde noch mit Freude trinken ließ. Ausgeschenkt wurde sie von Hauptstadtwinzer Daniel Mayer, der für die spanischen United Wineries als Sales Director Deutschland fungiert. Eben diese United Wineries haben übrigens auch beim Sieger der italienischen Euposia Challenge unter den Rosé-Schäumern ihre Finger im Spiel. Denn der italienische Trento-DOC Erzeuger Cesarini Sforza, von dem der nicht zuletzt unter meiner Mitwirkung aufs Siegertreppchen gehobene "Tridentum Rosé" stammt, gehört den Spaniern.

Der Proweinmontag sollte Großes bereithalten. Nämlich die Party auf der Party: die Caractères et Terroirs de Champagne Single Vineyards Probe in luftiger Höhe. Jörg Kalinke hatte extra und dankenswerterweise höchst bereitwillig seine Bar M168 im Düsseldorfer Rheinturm zur Verfügung gestellt. So konnten gottlob 15 Champagnerwinzer ihren Stoff und seine Wirkung auf den menschlichen Organismus vorstellen. Champagne Aspasie brillierte mit den Cépages d'Antan und einem sehr gelungenen Brut de Fut, von Meunierspezialist Michel Loriot gefiel mir die Monodie, die mir aber neuerlich zu hoch dosiert vorkam. Über den modern gehaltenen Chétillons 2007 von Pierre Peters und die Cuvée des Grands Vintages muss ich glaube ich nicht viel sagen, die beiden haben ihren guten Ruf völlig zu recht, wenngleich sie völlig unterschiedliche Geschmäcker ansprechen. In Richtung des Chétillons ging auf der Caractères-Veranstaltung sonst nur noch die Einzellage "Les Fervins" von Penet-Chardonnet, der mit viel Energie den Markt aufrollt. Dass Eric Rodez auch mit Chardonnay umgehen kann, wissen mittlerweile selbst die erkenntnisscheuesten Typen. 

Daher überrascht es nicht, wenn ich bekenne, dass auf der Meiningerprobe von Sascha Speicher am Dienstag der Blanc de Blancs von Rodez zu meinen Favoriten unter den vorgestellten Chardonnays gehörte. Einhalt gebot dem erst der letzte Champagner der Verkostung, Ruinarts großartiger Dom Ruinart 2002. Dazwischen gab es mit der Cuvée des Caudalies von de Sousa, Emmanuel Lassaignes Le Cotet, Rafael und Vincent Bérèches lange auf der Hefe gebliebenen "Côte" sehr starke Mitbewerber und selbst Taittingers Comtes de Champagne 2005 schaltete sich kurz vor Schluss noch kurz ein, konnte aber nicht als game changer reüssieren. Denn für mich waren die Sieger klar: Rodez und Ruinart. Jacquesson, Bollinger, Gosset und Pol-Roger gerieten mir auf der diesjährigen ProWein etwas aus dem Fokus. Sie werden es verkraften, denn es ist kein Ausdruck von Missbilligung, sondern vielmehr so, dass diese guten und stabilen Erzeuger gerade nicht meiner ständigen Aufsicht bedürfen.   

Jerome Coessens' Champagner habe ich erst kurzem wieder lobend erwähnt, daher spare ich mir hier weitere Ausführungen. Hinweisen möchte ich an dieser Stelle sehr gerne noch auf die Champagner des jungen Thibaud Brocard von der Aube, der als Winemaker bei Champagne Brocard-Pierre eine köstliche Cuvée mit dem Namen Limited Edition Blended zu verantworten hat. Das ist Champagner, wie man ihn sich von einem Talent der jungen Champagne-Avantgarde wünscht. Deutlich weniger weitläufig und fassnah angelegt ist die wagemutig gestaltete Cuvée Lady Style von Champagne Malard, Lieferanten des Hauschampagners von "Nicolas", dem französischen Pendant zu unseren Jacques' Weindepots. Die Cuvée Lady Style ist Extra Brut und aromatisch eine etwas unterkühlt wirkende Schönheit vom Typ der eiskalten osteuropäischen Spionin aus James Bond und anderen Agentenfilmen. An dem Cliché ist hier sogar etwas dran, denn Leitfigur ist die bildhübsch in Szene gesetzte Ehefrau des rugbyspielenden Hausherrn, Model und Volleyballspielerin Natacha Malard, die gebürtig aus der Ukraine stammt.  

Die grösste Champagner-Bar der Welt: La Côte des Bar (II/III)

"K.A. Hellenthals Hülfsbuch für Weinbesitzer und Weinhändler oder der vollkommene Weinkellermeister" von Johann Karl Lübeck, M.D., 1829 in Pesth erschienen, lobt die Weine aus den drei Markflecken Trois Riceys in Niederburgund als im ganzen Reiche berühmt. Besonders zögen viele den Wein von Chablis dem besten Champagner vor, heißt es dort weiter. Und damit ist das alberne Buch eines heute völlig zu recht vergessenen und unbekannten Quacksalbers und Kurpfuschers schon wieder uninteressant geworden. Interessant dagegen ist, dass Monsieur Guyot, nach dem eine der in der Champagne zugelassenen Reberziehungen benannt ist, aus Gyé stammte, also von der Côte des Bar; er sah die Dinge ganz ähnlich wie der verrückte Weinarzt aus Transsilvanien und kämpfte lange dafür, Riceys dem Burgund zuzuschlagen. Kümmern wir uns also endlich um Riceys. Ein Ort, der aus drei Orten mit dementsprechend drei Kirchen besteht. Die Erzdiözese Dijon hat historisch das Sagen in Riceys-Haut, die Parochie von Riceys-Bas gehört dem Bistum Troyes an, Riceys Haute-Rive steht unter dem Episkopat von Auxerre. Champagnerkabbalistisch herrscht deshalb die Drei. Keine andere Gemeinde der Champagne ermöglicht es ihren Winzern, zwischen drei verschiedenen Appellationen zu wählen: Coteaux Champenois für die roten und weißen Stillweine, Rosé des Riceys für den burgundischen leichten Rotwein, dem das Örtchen einige Prominenz verdank und schließlich natürlich ist da noch die AOC Champagne. Von meiner letzten Tour stelle ich drei weitere Erzeuger vor, von denen allerdings nur der erste direkt aus Riceys stammt. 

IV. Alexandre Bonnet

1934 wurden die ersten Reben gepflanzt, 1960 die bis heute tätige Firma gegründet. Die ist längst Teil eines größeren Ganzen geworden, Lanson BCC hat sich mit Alexandre Bonnet schlauerweise einen dicken Batzen in der Côte des Bar steckenden Reblands gesichert. Damit bestehen firmenverwandtschaftliche Beziehungen zu Lanson, Philipponnat, Boizel, Besserat de Bellefon, de Venoge, Chanoine und Tsarine. Ein gutes, vor allem gut gemischtes Umfeld. Wie behauptet sich da der Player von der Aube? Wir sehen es sogleich.

1. Grande Réserve

80PN 20CH, 2010er mit bis zu 45% Reservewein aus 2009 und 2008, 10 g/l Dosage

Wirkt trotz seiner 10 g/l Dosage frisch, leicht, mit brotigem Ton, feiner Würze und entfernter Röstigkeit, die vom malzigen Geschmack der Aube-Pinots herrühren wird. Insgesamt schmalhüftig, am Ende ganz leicht gerbend. Damit ist die Stoßrichtung auf ein breites, aber durchaus weinkundiges Publikum abgeklärt.

2. Noir Extra Brut

100PN, 2009er Basis, bis zu 45% Reserve aus 2008, 2007 und 2006, aus der Lage Les Forets.

Die holzige Anmutung findet keine Stützte in der holzlosen Weinbereitung und ist wieder einmal regionales Phänomen, andere würden sagen: Terroir. Altmodische bis klassisch wirkende, etwas apfelige Nase und ein leichtes gerben.Extra Brut, der fortgeschritene Anfänger in die Welt der Niedrigdosage geleiten kann. Mäßige Säure, Eindruck von nussigem Wassereis, Nussgranité.

3. Blanc de Noirs Brut

100PN, bis 40% Reservewein

Deutliche Süße, hineingemengt auch Süßholz und Schokolade, trinkt sich dann aber angenehmer und leichter, als die Nase vermuten lässt. Süße und Säure befinden sich in gutem Gleichgewicht, wobei die Säure länger durchhält und nachreinigt, was den dann zum Vorschein kommenden Tannennadeln und Anisnoten schöne Gelegenheit zur Präsentation gibt.

4. Millésime 2008

50PN 50CH, Trauben aus Les Riceys und neuville sur Seine, mit 8 g/l dosiert

Leider etwas unterdurchschnittlicher Jahrgang, dem der herrliche Schmelz, die weitgefächerte Aromatik und ätherische, unbelastende Süße des Jahrgangs abgeht. Malzbrot, Zuckerwatte und Hagelzucker finde ich da wieder und eine Menge röstiger Noten, was den Champagner in dieser Zusammenstellung geringfügig profaniert.

5. Cuvée Douceur

100PN, ca. 40% Reservewein, mit 33 g/l dosiert

Fruchtfleisch und Säure betten die deutliche Süße gekonnt ein.Außerdem wird die Süße von einer leichten alkoholischen Hitze ausgebremst, bevor sie wirklich nerven kann. Nüsschen, Honig, Blüten und Malz reihen sich auf und geben eine artige Vorstellung ab. Einer der wenigen besser gelungenen Demi-Sec Champagner und ein Produkt, das ich mir vorstellen kann, häufiger im Glas zu haben.

6. Noir Extra Brut Rosé

100PN aus Les Forets, mit 3 g/l dosiert

Rote Grütze meldet sich verhalten zu Wort, ein seidiger Schmelz wirkt genauso unaufdringlich, pikante Salzigkeit wie sie deutsche Heilwässer oder in Frankreich Badoit haben, passt gut zu Malz, Erdbeere und Nüssen, die am Ende eine herbfruchtige Liaison eingehen.

7. Perle Rosée

100PN, davon 90% weiß gekeltert, 10% rot, mit 11 g/l dosiert

Der zweite von drei Roséchampagnern, was doch einigermaßen reichlich ist, wie ich finde. In der Nase viel erdbeer-Rhabarber, im Mund trockener, als darob erwartet und vom Dosagewert angedroht. dafür leider nicht sehr lang, was schade ist, weil sich die Mischung aus Candy, Marshmallow und Himbeerbockbier, wie man es in Belgien zu brauen versteht, ganz vielversprechend zeigte.

8. Expression Rosée

100PN, davon 72% weiß und ganze 28% rot gekeltert, mit 11 g/l dosiert

Typischer Gastronomenrosé, viel Wildkirsche, Walderdbeere, Aromen des Waldes überhaupt.Viel Kraft, wenig Detailverliebtheit, ein Champagner, der zu Andouillettes verzehrt werden will, oder zu gefüllten Schweinsfüssen. 

Auf den Halskrausen steht bei allen Champagnern von Bonnet das Dégorgierdatum, leicht verschlüsselt: L1 GR 10 3 E1 liest sich "GR" für Grande Réserve, "10" für Oktober, "3" für 2013; die technischen Daten schwanken bei allen Cuvées um 3,13 pH und 4,60 g/l Säure. 

 

V. Serge Mathieu

Die Nr. 6 in der Rue des Vignes, Avirey-Lingey, da wo Serge Mathieu zu Hause ist, könnte ohne Umschweife als neue Heimstätte der Hobbits dienen, so niedlich, friedvoll und unbekümmert ist es dort. Die Weinbereitung geht dort ohne Filtration, Schönung, passage froid und ähnlichen Zauber vonstatten, daher kommt ein sauberer Stil ohne Holzeinfluss, nur der Fruchtsuche verpflichtet, entfernt vergleichbar mit dem, was bei Billecart-Salmon passiert. Das hebt die Biochampagner von Serge Mathieu vom Aubestil ab, der röstig, kräftig, auch mal derb, gerne malzig und selten besonders raffiniert ist. Auf den Etiketten von Serge Mathieu findet sich immer der kleine Löwenzahn, auf dem Rückenetikett ein durchgestrichener Dinosaurier, als augenzwinkernder Seitenhieb auf die immer alberner werdende Regulierungswut, die allerorten um sich greift und nicht nur in Frankreich die Winzer verpflichtet, immer mehr Warnhinweise auf ihren Produkten anzubringen. Ein mir sehr wichtiger Hinweis ist bei Serge Mathieu auf dem Korken angebracht: nach dem Buchstabenbrand findet sich dort das Jahr (zB "12") und der Monat (zB "11") des Dégorgements. Das alles ist so sympathisch, so präzise wie entspannt, didaktisch wie humorvoll, dass die Werbebroschüre des immerhin 100000 Flaschen in die Welt und bis auf das Dach der Welt verkaufenden Erzeugers gar nicht überzeugender ausfallen könnte.

1. Extra Brut Blanc de Noirs, dég. Nov. 2012

Basis 2010 mit 2009, 5 g/l 

Mineral, paradoxerweise wieder der aubetypische Holzgeschmack, leichte Herbe, die bei 6 g/l RZ überhaupt nicht stört, aber sonst ist der Champagner schon ungewohnt puristisch gehalten für die Gegend.

2. Tradition, dég. Okt. 2013

100PN wie der BdN Extra Brut, aber mit 8 g/l dosiert 

Kokos kam dazu, auch Blutorange, Fruchtfleischfetzen, wegen der Dosage wundert mich nicht, dass da mehr Spiel ist

3. Cuvée Prestige, dég. April 2013

70PN 30CH aus 2007 und 2006, Tirage war allerdings erst 2009, mit 8 g/l dosiert

Kratzig, bissig, schmissig, mit Guave, Kaktus und dem Willen, sicht fortzuentwickeln. Vielleicht einer der reifefähigeren Champagner von Serge Mathieu, wobei ich ihn nicht an seinem Reifepotential messen will, sondern an der spontanen Trinkfreude, die er vermittelt. Michel und Isabelle meinen, das sei ihr weiblichster Champagner, was ich so nicht unbedingt unterschrieben würde, es sei denn, man würde in der Cuvée Prestige die blonde Schwester der Cuvée Sélect sehen, dann stimmt das Bild wieder. 

4. Blanc de Noirs Millésime 2006, 

mit 5g/l dosiert 

Honig, wird langsam zu reif für die Mathieus, wie sie mir selbst sagten; mit gefielen weisse Schokolade und beginnendes Trüffelaroma, mir war aber auch klar, dass diese Entwicklung immer eine Zäsur bedeutet, die Jungweintrinker verabschieden sich an diesem Punkt der Reise, die Fans reifer Sachen treten auf den Plan, müssen aber bedenken, dass mir die Champagner von serge Mathieu noch nie wegen ihrer besonderen reifefähigkeit aufgefallen sind und dass sie auch gar nicht darauf hin angelegt sind. Eine Empfehlung zum Einlagern kann ich daher bei den jahrgängen von serge Mathieu nur auf eigenes Risiko geben.

5. Blanc de Noirs Millésime 2008, dég. Okt. 2013

5g/l

Zuckerwatte, dezent Candy und Marshmallow, etwas weisse Schokolade, Milchschokolade, die Süßigkeiten belasten aber nicht den Gaumen, sondern lassen einer sich entwickelnden Spannung zwischen kandiertem Ingwer, Orangenfilets, Grapefruit, und trockener holziger würze viel Raum. Im Vergleich mit dem 2006er ist dieser hier natürlich der elegantere, auch ausgewogenere Champagner, aber in den nächsten drei bis fünf Jahren kann ich mir gut vorstellen, dass beide nur eine Nasenspitze auseinanderliegen werden, bevor der 2008er die Überhand für sich gewinnt und der 2006er zu mürbe wird, um noch mithalten zu können. 

6. Sélect, dég. Jan. 2013

70CH 30PN aus 2006 und 2005, mit 8 g/l dosiert

Das ist die brünette Schwester der Cuvée Prestige, mit kräftigem Chardonnay macht sie deutlich, dass Druck herscht und keinerlei Anzeichen von Schlaffheit oder Nachgiebigkeit; versöhnliche Kakaonoten wie von der Etikettenfarbe angedeutet umschmeicheln die Zunge schlangengleich wie eine nubische Geliebte.

7. Rosé

90PN 10CH, 2009er Assemblage mit kleinem Rotweinanteil, 9,5 g/l Dosage

Löwenzahnsalat, Mineral, viel Wiesenblume, wenig Frucht. Der Rosé gehört wider Erwarten und trotz seiner an 10 g/l grenzenden Dosage zu den ernsteren Champagnern von Michel und Isabelle. Seine Fans hat er ganz zu recht und der ernste Gesichtsausdruck steht ihm sehr gut, denn da ist nichts ausgezehrtes oder verhärmtes drin, vielmehr ist da die Ruhe und Würde eines in sich ruhenden Champagner(macher)s erkennbar. 

 

VI. Jacques Lassaigne

Wie ein kleiner Tafelberg erhebt sich der Montgueux nördlich von Troyes aus der Ebene. Geologisch ist er ein extremer Südausläufer der Côte des Blancs, sein Boden ist kreidig und trotz seiner tatsächlichen Verortung in der Côte des Bars nicht von Portland- oder Kimmeridge geprägt. Der große Daniel Thibault nannte diesen Hügel mal den Montrachet der Champagne, so wie manche den Clos des Goisses als Romanée Conti der Champagne bezeichnen. Chantal Bregeon-Gonets (von Champagne Philippe Gonet aus, bezeichnenderweise, Le Mesnil) Großvater war einer der ersten, wenn nicht der Erste, die Montgueux als Spitzenterrain, resp. Terroir entdeckt haben. Bei Salon wiederum kann man mit Montgueux nicht viel anfangen, was nicht nur an der hauseigenen Ortsgebundenheit liegt, sondern am Stil der Weine, die vom Kreidehügel stammen. Der bekannteste Montgueuxagitator ist der – soweit mein Französisch reicht – ungemein witzige Emmanuel Lassaigne. Mit dem traf ich mich, um ein paar seiner à la volée dégorgierten Flaschen zu leeren und hinterdrein im Crieurs de Vin ausnehmend convivial zu speisen. 

Bei den Flaschen von Lassaigne fällt neben dem für burgundisch orientierte Winzer schon obligatorisch gewordenen schlicht-weißen Etikett auf, dass der Korken mit drei Schichten unter dem Granulat ausgestattet ist, was man nur allerhöchst selten antrifft und sehr zur guten Lagerfähigkeit beiträgt. Denn um eine Korkschicht zu durchfeuchten, braucht der Wein laut Emmanuel mindestens ca. drei Jahre. Gute zehn Jahre dauert es also, bis er an das minderwertige Granulat stößt und sich dort, bewahre, mit TCA infiziert. Wer so denkt und arbeitet, macht alles richtig und obendrein gibts im Hause Lassaigne gleich drei Töchter, die bald das heiratsfähige Alter erreichen und dafür wiederum, muss ich sagen, sieht Emmanuel auch noch erstaunlich ausgeglichen aus; ein echter Glückspilz also. Und was es heißt, sich wie ein Glückspilz fühlen zu dürfen, kann man mit jedem Schluck seines Champagners am eigenen Gaumen nachvollziehen.

1. Vigne de Montgueux

2011, 10, 09, Stahltank, 15% Fassausbau über ein Jahr

Massiger Champagner, rauchig, drückendstark und überlegen wie eine Profifussballmannschaft in der Kreisliga, außerdem geheimnisvoll, fein-nussig und etwas kräuterig mit einem milden Hang zum Kakteenhaften, Röstnoten, die von angebrannter Bananenschale stammen könnten, dazu eine lange, fließende Säure und das Gefühl verflüssigter Kreide im Mund

2. Millesime 2006

Den Champagner gibt es ab September 2014, er ist noch massiger, füllender, fetter und reifer als der Vigne de Montgueux, dabei agil, drahtig und wendig, mit weniger Nuss ausgestattet, macht er viel mehr Rabatz am Gaumen, ist oszillierend und frisst sich wie ein Tunnelbohrer in den Schädel. Der Champagner beruhigt sich mit sehr viel Luft, zeigt dann auch kurz, fast wie unwillentlich, etwas Nuss, als gehöre das zu einem ungeliebten Pflichtprogramm an Komplexität und Typizität, bleibt dabei aber durchweg dynamisch, fast ungeduldig, aber nicht genervt.

3. La Colline Inspirée

2010, 2009, dég. im Sep. 2013, zero dosage

Winzerig, umtriebig, aktiv, rumorend. Merkliche Fassvinifikation, burgundischer Typus, ein Charakter, der die Aufmerksamkeit an sich fesselt wie ein sehr guter Illusionist; nur dass hier keine Illusion vorgespielt wird, sondern echtes, großes Champagnerwerk vollbracht wird. Dazu gehört in diesem Fall ein Hauch von After Eight und sogar Cola. Riesenchampagnerspaß!

4. Le Cotet

Vieilles Vignes 1964, dég. Okt 2013, 90% 2010 und 10% 2006, 2004, 2002, quasi ein Multivintagesolera, 80% Stahl, 20% fut de chene; die alten Jahrgänge stammen von geöffneten und als reserve wiederverwerteten Flaschen, wie ich es auch innerlich weinend bei zB Veuve Devaux gesehen habe, wo ein Trupp Arbeiter den Vormittag über unausgelieferte Großflaschen  knallend öffnete und den Inhalt in Tanks schüttete, die dem Reserveweinbestand zugeführt wurden. Der Cotet ist sehr glatt für einen Champagner aus dem Hause Lassaigne, was ich auf den weichzeichnenden Soleraeffekt zurückführe. Von allen Champagnern Emmanuels bietet dieser am meisten easy drinking, das zeug geht runter wie man es in geeignetem Erwachsenenfilmmaterial staunend betrachten kann, oder wie das Schwert beim Schwertschlucker.

 

Champagne Bruno Paillard. Ein Rück- und Überblick aus dem Restaurant first floor, Hotel Palace, Berlin

Bei www.captaincork.com habe ich mit einer kleinen Bruno Paillard Eloge meinen Einstand gegeben (hier: http://www.captaincork.com/Weine/champagner-aber-bitte-mit-datum-bruno-paillard-brut-assemblage-2002) und das Glas mit dem großen NPU auf den geschiedenen Captain Klimek erhoben, der guten Ordnung und Vollständigkeit halber nachfolgend meine jüngsten Notizen zu Bruno Paillard, gewonnen auf der Präsentation im first floor des Hotel Palace, Berlin.

I.1 Première Cuvée, dégorgiert Januar 2013

Sehr jung, mit schneidender Säure und dem für junge Champagner ganz typischen Gefühl, in einen frisch von der Streuobstwiese gepflückten Apfel zu beißen. So schmeckt Champagner direkt nach der Marktfreigabe und bei Bruno Paillard schmeckt er in diesem Stadium noch besonders aggressiv.

I.2 Première Cuvée, dégorgiert Dezember 2009

Schon ganz anders schmeckt ein zurückliegendes Dégorgement des exakt selben Champagners, allerdings mit gut drei Jahren Flaschenreife. Die zum Austernschlürfen so begehrten jodigen und an Meerwasser erinnernden Noten gesellen sich zum Apfel dazu und zeigen: wer den Champagner innerhalb der ersten zwei jahre getrunken hätte, wäre vielleicht sogar enttäuscht gewesen. Erst jetzt hat er den Charakter eines Champagners, den man gern zum meeresfrüchtegprägten Apéritif serviert bekommt. Für den Durchschnittstrinker reicht das völlig.

I.3 Première Cuvée, dégorgiert September 2005

Ambitioniertere Genießer haben ihre wahre Freude erst bei einem Dégorgierzeitpunkt, der ganze acht Jahre zurückliegt. Das muss man erstmal wissen. Denn erst jetzt öffnet sich der Champagner wie die weichen Schenkel einer bis zur völligen Zufriedenheit verwöhnten Kokotte. Der Apfel ist noch da und liefert als Apfelchutney dienstbare Säure an die jetzt tonangebenden Confiseriearomen, mit Quittenmus, Orangenschale, Toast und Honig. Das ist das Hochplateau der Reife dieses Champagners.

I.4 Première Cuvée, dégorgiert November 2001

Erst das zwölf Jahre zurückliegende Dégorgement zeigt erste Müdigkeitserscheinungen. Der Honig nimmt langsam Überhand und kleistert mit seinen Akazien- und Kastanienaromen die immer noch merkliche, aber abnehmende Komplexität ein. Dieser Champagner sollte tatsächlich bis zu den Feiertagen ausgetrunken werden.

II.1 Blanc de Blancs Millésime 1999, dégorgiert April 2011

Sehr delikat präsentiert sich der eigentlich immer als unscheinbar abgetane Jahrgang 1999. Wonnige Säure zieht sich mit dem Auftreten erster zarter Pilznoten diskret zurück und überlässt den hinzutretenden Noisettevariationen und Orangenfilets das Feld.

II.2 Blanc de Blancs Millésime 1995, dégorgiert Februar 2007

Weniger fett tritt der stillste Star der Neunziger Jahre an. Damals standen alle zuerst unter dem krönenden Abschluss der jahrgangsreihe 1988, 1989, 1990 still, dann überschattete der mächtige 1996er alles. Auf den talentierten 1995er nahm keiner mehr Rücksicht. Das ist gut für die, die noch welchen haben. Edelgehölz, Meeresgetier und herbfrische Zitrusfrüchte geben den Ton an, bevor gedämpften Schrittes Buttergebäck und noble Röstnoten dazukommen. Mein Favorit in der Verkostung und ein bescheidener, bestens trainierter Langläufer.

II.3 Millésime 1989, dégorgiert Mai 2003

Die Assemblage aus dem Jahrgang 1989 ist wieder nur was für Altweinfreunde. Das Bild wird von Trockenfrüchten bestimmt und erinnert mich außerdem wegen seiner in Rauchige gehenden Röstigkeit an englische Orangenmarmelade mit einem Schuss Scotch. Der Campari-O unter den Champagnern.

Die grösste Champagner-Bar der Welt: La Côte des Bar (I/III)

Seltsam genug: Das Nachtleben in der Champagne ist kaum nennenswert. In Epernay und Reims, immerhin der zweigeteilte Nabel der Champagnerwelt, ist abends weniger als nichts los, in Epernay ist der Tag offiziell beendet, wenn die stets gut besuchte, nein proppenvolle Pizzeria Sardaigne schließt. Wer sich danach noch auf den Straßen und nicht ausdrücklich auf dem Nachhauseweg befindet, ist verdächtig. In Reims ist es wenig besser, denn das Reimser Nachtleben findet der Einfachheit halber gleich in Paris statt. So leicht haben es die Bewohner der Aube nicht. Die müssen sich nach Troyes hin orientieren, aber dort finden sie mit der Weinbar Crieurs de Vin immerhin eine Anlaufstelle mit putzmunteren Kellnern, Essen nach Wahl des Küchenchefs und allerlei verrückten Stillwein, neben dem gut sortierten Champagnerregal. Der Großteil des Champagnersortiments stammt von der Côte des Bar. Die kennt nur keiner. Die Côte des Blancs kennt dagegen jeder, der mal in der Champagne war. Das ist jammerschade, aber Grund genug für mich, mal wieder und verschärft die südliche Champagne heimzusuchen.

I. Drappier

Wenn man Winzer besuchen geht, dann ist das oft schön, man erfährt viel, man bekommt auch viel Marketingspeech zu hören und man bekommt immer einen handgreiflicheren Eindruck als aus der öden Print- oder Onlineberichterstattung. Während man über das Weingut, in die Weinberge und durch die Keller latscht, lernt man den Winzer ein wenig kennen und solidiarisiert sich mit ihm, findet ihn oder sie im besten Fall sympathisch oder gar liebenswert. Je mehr Mühe sich der Gastgeber gibt, desto positiver lässt man sich gern stimmen. Dann geht es ans Probieren. Wie oft erlebt der freudig erregte Weinspitz dann aber herbe Rück- und Tiefschläge, wenn der Wein leider so gar nicht schmecken will, wenn Wunsch und Wirklichkeit zu sehr auseinanderklaffen. Dann quält man sich, je nach Gemüt, durch eine nicht endenwollende Reihe gleichschmeckender, phantasielos zusammengebrauter Durchschnittssüppchen und verspürt tiefen inneren Schmerz, wenn man über dem Probierglasrand die begeistert und erwartungsvoll geweiteten Augen des Verantwortlichen sieht. So ähnlich muss sich Marcus Hofschuster fühlen, kurz bevor er zB bei facebook über bestimmte Weinzumutungen wettert. Der Sam ist dabei freilich mehr oder weniger allein. Als Weingutsbesucher muss man dem Chef dann aber noch persönlich die Hucke vollügen, sich den Bauch reiben und Schleckbewegungen mit Schmatzgeräuschen oder sich selbst schnellstmöglich aus dem Staub machen, nicht ohne vorher noch eine Verlegenheitsmischkistchen mit den am wenigsten grauenhaften Weinen mitgenommen zu haben, nebst überreichlich Broschüren-Material und dem wilden Versprechen, einander sicher bald wiederzusehen. Nicht so bei Michel Drappier, weshalb ich mir den Einleitungssermon auch hätte sparen können. Denn der herzensfreundliche und angenehm unaufdringliche Michel Drappier macht Champagner, den er selber mag und den man genauso sympathisch finden kann, wie ihn selbst, ohne dass man in Gewissensnot kommt. 

1. Carte d'Or, dég. Nov. 2012

80PN 15CH 5PM

Das quittengelbe Etikett wird seit 1952 verwendet und hat dem Haus Drappier noch keinen Rechtsstreit mit der in Farbfragen empfindlichen Veuve Clicquot eingebracht. Die Champagner sind dafür sowieso zu unterschiedlich. Der Champagner lebt vom Pinot Fin der Ahnen, die sich nach der Reblauskatastrophe mit der Selektion bester Spätbrugunderreben befasst haben. Typisch ist ein knorriges, an alte Rebstöcke erinnerndes Gepräge, eine rustikale Struktur, die von feiner Frucht (Quitte!), Nuss und Holznoten umspielt wird, obwohl der Champagner überhaupt keinen Holzeinfluss hat. Ein selbsbewusstes "da bin ich!".

2. Brut Nature Sans Soufre

100PN

Schnittiger Stoff. Messerscharf, kantig, kerlhaft. Der Pinotdobermann. Unter den wenigen ausgeprägteren Aromen finden sich blanchierte Mandeln und wieder der zarte, holzlose Holzeindruck.

3. Carte d'Or, dég. Juli 2013 

100PN

Weiter als der Sans Soufre, ein Effekt, den ich schon oft festgestellt habe. Die Zugabe von Schwefel, selbst wenn es nur sehr wenig ist, wirkt sich positiv auf die Geschmackspalette von Champagner aus. Hier kommen zB weiße Schokolade, Trüffel und Walnuss hinzu, ohne den Champagner zu belasten oder ihm ein Iota von seiner Dynamik zu nehmen.

4. Blanc de Blancs, dég. Juli 2013 

95CH 5PB

Kräftiger Stoff mit der im Hals diskret kratzenden Art des Weißburgunders. Sonst vorherrschend Litschi, Gurke und Melone. Eine ungewöhnliche Wahl für die Business Class einer Airline wie Etihad, aber eine gute.

5. Rosé Saignée Brut Nature, dég. Oktober 2013

100PN

Ein Rosé Saignée corrigé. Der Saft bleibt solange mit den Schalen zusammen, bis das rechte Maß an Fruchtigkeit erreicht ist. Dann wird abgezogen, egal, wie die Farbe gerade ist. Gegebenefalls kommt zur Feinabstimmung noch ein Anteil von 10% weiß gekeltertem Pinot Noir Stillwein dazu. Clever. Was die Fruchtigkeit betrifft, wird bei Drappier aber kein Schindluder getrieben. Herb darf und soll es zugehen, denn Michel Drappier liebt seit frühester Kindheit Schweppes, kein Wunder also, wenn er sich über schweppesige Aromen in seinem Champagner freut und sie zu kultivieren sucht.  

6. Millésime d'Exception 2008, dég. Jan. 2014

60PN 40CH, 35% Ausbau im Fuder. 

Unalkoholisches Feuer, Esprit und Schmelz. Mehr kann ich dazu leider nicht sagen, weil der Champagner seine Dosage noch nicht ganz verarbeitet hatte, was genauso ist, wie wenn ein Salat nicht gleichmäßig mit Dressing benetzt ist.

7. Cuvée Charles de Gaulle

80PN 20CH

Pol-Roger hat Winston Churchill und Drappier hat Charles de Gaulle. Bei beiden sagen die Verantwortlichen, dass die Cuvée dem Original sehr ähnlich sein soll, die Unterschiede dürften aber doch nicht ganz unerheblich sein. So ist die Cuvée Sir Winston Churchill eine ausgemachte Prestigecuvée und hebt sich deutlich vom sonstigen Programm des Hauses ab. Die Cuvée Charles de Gaulle ist, anders als das historische Vorbild, brut und nicht mehr extra dry dosiert, auch würde ich sie nicht als Prestigecuvée einsortieren, sondern als Reverenzcuvée. Die Spitze des Drappiersortiments bildet ja nun doch die Grande Sendrée in weiß und rosé. Die Cuvée Charles de Gaulle ist robust und saftig mit einer angenehmen, leichten Honignote. Yves de Gaulle, der immer noch Kunde des Hauses ist, bestellt aber trotzdem andere Sachen (Cuvée d'Or und Blanc de Blancs).

8. Cuvée Quattuor, dég. Oktober 2013

Jeweils ein Viertel CH, PB, Arbane und Petit Meslier, mit 4,5 g/l dosiert

Die vier Rebsorten bilden ein Quartett. Jede hat die Möglichkeit zum Soloauftritt, aber alle müssen miteinander harmonieren. Das ist nicht leicht, denn Arbanne rennt mit viel Säure vorneweg, der etwas dickliche Pinot Blanc kommt kaum hinterher, die reife Petit Meslier neigt in die Sauvignonschiene und beharkt sich mit dem chablisnahen Chardonnay. Der Champagner wirbelt zwischen weißen Blütentönen und schokolierter Opulenz hin und her. Das ist durchaus reizvoll und ein gänzlich anderes Champagnerkonzept, als man es von Häusern dieser Größe kennt.

II. Coessens

Der Aube-Leclapart. Seine Champagner sind zu 100% im Stahl zu Hause, einzige Ausnahme bildet der Sens Boisé aus dem gebrauchten Chablisfass. Der Korken stammt von Sagrera und hat zwei extra dicke Scheiben unterm Granulat. Im Weingut verrichten zwei 8000kg Coquardpressen ihren lautlosen Dienst vom allerfeinsten, Coessens presst damit sogar für Kollegen mit ab. Im Jahr bringt das 15000 Flaschen, mehr ist nur dann vorgesehen, wenn die Qualität es erlaubt.

1. L'Argillier Blanc de Noirs, dég. Mai 2013 

Jahrgang 2009 (die Weine von Jerome Coessens sind immer Jahrgänge, bislang einzige Ausnahme ist das 2011er Lot, das ist ein Mix aus 2009 und 2008). Aus dem Glas steigt Kokosduft auf, das auf dem Etikett gedruckte "chargé en argile" bewahrheitet sich dann im Mund explosionsartig. Die 10g/l Dosage bemerkt man nicht, besser kann man Zucker nicht verstecken, als in diesem flüssigen Kimmeridgien.

2.  L'Argillier Blanc de Noirs Brut Nature, dég. Mai 2013

Wieder 2009; hier aber roter Apfel statt Kokos, sehr viel Kimmeridgien, herbe Frische von Salbei, Chinin, Tonic Water, Russian Wild Berries, ein echter Ausnüchterungstrunk, wenn selbst im Berghain nichts mehr läuft. Ausserdem ein leicht holziger Eindruck wie ich ihn schon bei Drappier und an der Aube sowieso häufiger festgestellt habe, obwohl die betroffenen Erzeuger für die jeweiligen Cuvées gar kein Holz einsetzen oder zumindest Stein und Bein schwören, es nicht zu tun; oder nur ganz wenig. Ist wohl einfach so eine Terroirgeschichte.

3.  L'Argillier Blanc de Noirs Mill. 2009, dég. Oktober 2013

Extra brut mit 4g/l. Jerome hat den Millésime 2009 noch vor dem 2006er verkauft, weil der sich gegen den Verkauf noch sperrte. Die feine Kalkigkeit, das kimmeridgig-kalkige Näschen des 2009er empfahl sich besser und präsentierte grünliche, dicksaftige Agavennoten, sowie Efeu. Im Mund schön saftig, lässt er sich gegen Ende mineralisch ausgleiten, wirkt allerdings etwas dicklicher als die vorherigen Kalkmodels. 

4. Rosé de Saignée, dég. Februar 2013

2009, Saignée, mit 10 g/l dosiert. mit den Füssen gestampft und mit viel Herzkirsche der optimale Valentinswein. Hinzu kommen Minze, Balsam, Eukalyptus-Menthol, Kiefernnadelessenz; auch Blutorange und karamellisierte Kirschen. Den Zucker steckt der Wein weg, einfach so.

5. Sens Boisé, dég. Februar 2013 

2008er. Erstmal flüchtige Säure, dann Honig, Holz, weisser Trüffel. Der Champagner hat einen warmen Charakter, mit Pfeffer, Schwarzpulver, im Mund dann wieder sehr gut und dezent verbautes Holz, er gleitet lang und frech über den hinteren Zungenrand ab und schreckt mit seiner prallen Säure den vielleicht noch nicht ganz fitten Gaumen hoch. 

III. Charles Dufour

Robert Dufour, Yves Dufour, Charles Dufour, die Schwester von Charles Dufour, sie alle operieren unter dem Namen Dufour und sorgen damit für einige Verwirrung, denn teilweise überschneiden sich ihre Cuvées, so zum Beispiel die alte Cuvée mit dem anekdotischen Namen Jaune ohne Bulles (nach einer Erzählung innerhalb der Familie, wonach ein langjähriger deutscher Abnehmer sich in deutsch durchsetztem Französischkauderwelsch über mangelndes Mousseux und wahrscheinlich unreife, grüne Geschmacksnoten beschwert haben soll) aus dem Jahrgang 1988 und die Ligne 39, das zugehörige Spätdegorgement. Von Charles Dufour, an den ich mich immer halte, gibt es mit dem Jahrgang 2010er Jungfernjahrgangschampagner. Drei Blanc de Blancs. Zwei davon, Chèvetree und Avalon sind Chardonnays, der Champ de Clos ist ein reinsortiger Pinot Blanc und löst den alten Blanc Gourmand ab, der allerdings nie zu meinen Favoriten zählte; die Standardcuvée Bulles de Comptoir gibt es jetzt erstmals als Ecocert zertifizierten Wein. Degorgiert wird dreimal pro Jahr, diese hier wurden alle im Februar 2013 dégorgiert. Nächstes Jahr dann gibt es vielleicht schon die ersten Früchte einer selection massale, die zusammen mit Fleury, Horiot, u.a. durchgeführt wird. Verwendet werden weinbergseigene Hefen und eigene Bakterienstämme für den BSA. Charles selbst nennt seine Weine ganz offen Egoistenweine, weil sie einfach nur ihm gefallen sollen. Auf den jährlich wechselnd gestalteten Etiketten finden sich die wesentlichen Angaben zum Champagner. So meint L.R.10 nichts anderes als: lot récolte 2010 und "0.32.30" bezeichnet die Parzellengröße von 0,323 ha der jeweiligen Lage. 

1. Champ du Clos

100PB aus einer Parzelle zwischen Landreville und Celles sur Ource. Inox, BSA, Nulldosage 

Das Resultat sind Kräuter, viele Kräuter, etwas Campher, etwas Geissblatt, sehr wenig Beifuss und Hopfenblüte. Ein ungewöhnlicher Pinot Blanc und einer, der mir viel besser schmeckt, als die Ausgaben davor. 

2. Chèvetree 

junge, 12 Jahre alte CH-Parzelle mit Südsüdwestausrichtung in Landreville Richtung Ville sur Arce, hier herrscht karger Boden. Die Pflanzen sind jung und dynamisch, so fordernd, wie der Champagner, der daraus wird. Säure schlägt mit 4,7 g/l zu Buche, der pH-Wert mit 3,2. Vergoren wurde im Holz es folgte der Fassausbau, in dreifach belegtem Barrique. Der Champagner ist mittellang, schlank, frech, hat den winzerigen Charme von Kleinstvinifikationen mit wohlüberlegtem, minimalem Fasseinfluss.

3. Avalon 

100CH, Lage in Essoyes; der Champagner ist holziger und dicker angelegt, der Weinberg liegt etwas ungewöhnlich am Fuss des Bergleins und nicht an der Kuppe. Da unten ist es nass, die Ostausrichtung bringt eine Mehltauproblematik mit sich. Die Erträge sind nicht so dolle, aber der Champagner ist mundfüllend, mit viel Zitrus und potentem Druck.

4. Bulles de Comptoir

55PN 10PB 35CH, 5g/l Dosage mit Mostkonzentrat; kein Egoistenwein, sondern ein wohlbalancierter Aubechampagner von ungewöhnlicher Finesse.

 

Jetzt noch schnell besorgen: Champagner zum Valentinstag

Jedes Jahr ist Valentinstag, jedes Jahr weiß keiner so recht, was er seinem significant other schenken oder Gutes tun soll. Doch jedes Jahr ist Champagner eine gute Idee. Rebellisch ist sie obendrein. Denn der Quatschfeiertag ist ureigentlich dem, pardon: den Vögeln gewidmet, oder noch genauer: der englische Erzpoet Chaucer soll am 14. Februar 1383 ein Werk mit Namen "Parlament der Vögel" vorgestellt haben, in dem es um die Liebe geht, usw.usf., das Verhängnis nahm seinen Lauf. Irgendwann kaperten erst die Amerikaner und dann die sonst nicht wegen ihrer Marketingpfiffigkeit berühmten Blumenhändler das jährlich wiederkehrende Ereignis. Seitdem muss man Blumen oder anderen Beziehungsschnickes kaufen, wenn der eigene Chromosomenvorrat im Rennen oder zumindest der Hormonpegel händelbar bleiben soll. Kenner schenken eine ungerade Anzahl Rosen. Könner schenken Blumen in ihrer schönsten Form: als Weinbouquet. Und Echte Könner greifen auf Rosé zurück, den es als Stillwein praktisch nur in schlecht gibt, der aber als Champagner gleichzusetzen ist mit dem önologischen Korrelat romantischer Liebe. Die bewährtesten Valentins-Roséchampagner habe ich gerade bei CaptainCork vorgestellt, hier geht es zum Artikel. Die Rosés, mit denen sich nach einem trotz aller redlichen Mühewaltung, d.h. Beachtung meiner Champagnerempfehlungen, aus welchem unerfindlichen Grund auch immer völlig verpatzten Valentinstag dann die Partnerschaft noch retten und der beste Versöhnungssex nach einem handfesten Beziehungskrach einleiten lässt, sind diese:

1. Coessens Largillier Brut Rosé, dég. Feb. 2013

100PN Saignée, 2009er Ernte, mit vollen 10 g/l dosiert

Weil ich in der Champagne weile, während ich diese Zeilen tippe, und weil ich just den aufstrebenden Jerome Coessens besucht habe, dessen Rosé ich seit einiger Zeit schon beharrlich lobe, beginnt der Empfehlungsreigen mit dem Rosé Saignée, dessen Trauben fussgestampft werden, obwohl Coessens zwei megateure Coquardpressen, also den Bentley unter den Pressen, für jeweils 8000 kg zur Verfügung hat. Wenn es schon nicht die eigenen Füsse sein können, mit denen die Trauben unvergleichlich schonend bis sinnlich-vergnüglich zusamengestampft werden, dann ist es doch immerhin eine irgendiwe romatische und valentinsmäßige Vorstellung, dass zumindest Jerome und seine Familie Freude dabei hatten. Das Resultat ist energetisch, tonisierend und nimmt den Geist gefangen. Kirsche, Eukalyptus, Kiefernnadelessenz, wie ich sie mal infam gut im Essigbrätlein bekommen habe und die mir bis heute nachgeht, so gut wie sie nunmal war. Den geradezu abartig hohen Dosagezucker steckt der Wein einfach weg. Denn bei Coessens überdeckt nicht der Zucker die weineigene Aromatik, sondern das, was man aus lauter Verlegenheit und mangels einer besseren, ebenso griffigen wie zutreffenden Beschreibung als Kimmeridgemineralik bezeichnen könnte, überdeckt mühelos den Zucker. Wenn die Liebste nach diesem Champagner nicht wieder in der Spur läuft, ist die Trennung unausweichlich.

2. André Clouet Brut Rosé

100PN, < 10% Rotweinzugabe

Alle guten und auch schon die allermeisten schlechten Argumente sind ausgetauscht, die Stimmung dennoch im Eimer, Versöhnungssex wider erwarten und trotz ärgster Bemühungen, ganz zum Schluss den Streit noch mal ins Lächerliche zu ziehen längst nicht in Sicht? Dann hilft nur die retrograde Brachialmethode. André Clouet, den man nicht mit Paul Clouet verwechseln sollte, ist hier schon gelegentlich wegen seiner stets zu jung getrunkenen Cuvée "Un jour de 1911" in der Strohumwicklung gepriesen worden, auch den Jahrgang und den Silver aus Sauternesfassausbau habe ich schon vorgestellt. Jetzt der bei Tageslicht betrachtet lange fällige Rosé. Diesem ungewöhnlich fruchtstarken und nur wenig von bouzytypischer Haselnuss begrenzten Champagner kann keine Kratzbürste widerstehen, denn hier geben sich alle Dinge die rot sind und gut schmecken ein zärtliches Stelldichein. Blanchierte Mandeln, ein keckes Kräutersträusschen, aber vor allem eine so zauberhafte Beerig- und Schmelzigkeit, dass auch das im langjährigen Beziehungsstress abgenutzte Herz und verhärtetste Gemüt spontanen Kinderwunsch an den Restkörper aussendet. Der Champagner schmeichelt dem Herzen also in einem Maße, dass selbst der Widerspenstigsten Zähmung gelingen muss. Falls auch das nicht klappen sollte, bitte Vitalfunktionen prüfen oder vom Umtauschrecht Gebrauch machen, sollte die Herzdame im einschlägigen Versandhandel erworben sein.

3. Olivier Horiot Sève en Barmont Rosé Saignée

100PN, immer < 2 g/l Dosage

Die Liebste schluckt mehr als der Lambo Murciélago auf dem coolen Monstertruck Unterbau von Dartz, den Sie sich kürzlich selbst geschenkt haben? Dann muss was stopfendes her, und zwar schnell. In den Sinn kommen mir bei der Gelegenheit immer die Apparate von Leclapart, der 2003er Terres Rouges von Jacquesson oder der Saignée de Sorbee von Vouette & Sorbée. Doch teuflischer, weil vertrackter, ist der Rosé von Horiot aus Riceys, dem ich vor gut und gerne zwei Jahren einen Nachbesuch nach Zweijahresfrist angedroht und nunmehr wahrgemacht habe, mit der schönen Erkenntnis, dass dort alles in geordneten Bahnen verläuft und die von mir anfangs argwöhnisch betrachteten Champagner sich in Bestform befinden. Der Rosé, für den die Trauben ähnlich wie bei Coessens mit den Füssen in die Pressform gestampft werden, wirft mit seinen Wildkirschen, Erdbeeren und sonstigen vollreifen Beeren nicht bloss wie ein tüchtig angetrunkener Karnevalsprinz seine Kamelle in die Menge, sondern feuert das reife Obst mit einer Steinschleuder in Gesicht und Mund, ein Champagnerfacial der Extragüte also. Doch ist es damit nicht getan; der Rosé sperrt sich gegen allzuschnelles Geschlucktwerden und stemmt sich gegen jedes noch so geniesserische Schmatzen, saugen und in den Hals hinabziehen. Bei dieser ganzen Prozedur wird jeder Tropfen Champagner notgedrungen so lange an Zunge und Gaumen gewendet, bis das sensorische Inventar ausgelastet ist. Danach gibt kein Mund dieser Welt mehr Widerworte.

Die Champagner sind im gut sortierten Fachversandhandel locker zu bekommen und jeden Expressaufschlag wert. Gutes Gelingen!

Reingespitzt: Frank Rosin (**/17), Dorsten

Auch und gerade im Winter muss gegessen werden und Frank Rosin hält in Dorsten ein Wintermenu bereit, das zu kosten ich mich auf den Weg in das Baiersbronn des Gogerichtsbezirks Recklinghausen gemacht habe. Draußen prangt, Reverenz ans Ruhrgebiet, zu dem Dorsten ja irgendwie auch gehört, die König-Pilsener Reklame; drinnen geht es weniger kneipenmäßig zu, wenngleich der Laden immer voll zu sein scheint und Pils in der Tat oft und auf vielen Tischen steht. Doch auch zeitgenössische Kunst, zB von Christian Nienhaus, hängt da. Und der freundliche, sehr flotte, sehr aufmerksame Service lässt jedes Gefühl von Strukturwandel in den Hintergrund treten, Gedanken an Massenarbeitslosigkeit oder andere entmutigende Themen verblassen.

Als Eröffnung gab es Champagne Richard Royer, ein Aube-Champagner, gut gemacht, süffig, robust, drall. Na gut, dachte ich mir. Nicht das Nonplusultra an Eleganz, aber vielleicht passt er ja zur Küche. Und das tat er. 

1. Champagnerauster in Tomatenwasser; leider war der Auftakt schwierig. Zu simpel das Aromenarrangement und zu stark vorschmeckend ein Sojasaucengeschmack, der noch nicht einmal annonciert worden war. Eine uraltgereifte Sojasauce hätte ja hier durchaus einen gewissen Kick verpassen können, auch wenn ich so kräftiges zeug für ähnlich unsubtil halte, wie Worcestersauce oder Tabasco auf der Auster. Aber zumindest der Champagner fügte sich gut ein.

2. Kalbsbries mit Kapern und Hummergebäck; Vom Kalbsbries nahm ich auf dem teller nichts wahr. Konnte ich auch nicht, denn das war in einer Knusperhülle versteckelt. Die wiederum war so überzeugend knusprig geraten, dass man sie einfach wegknuspern konnte, ohne vom Bries etwas wahrzunehmen. Da hätte auch geronnenes Buschhirschsperma drin sein können – ich hätte es nicht gemerkt. Schade, denn dann ist ja völlig egal, was überhaupt drin ist und der Zweck irgendwie verfehlt. Der Kaperntaler dagegen war toll, schön kaperig, aber ohne counterparts auf dem Teller, denn das Briesknusper war schon weg und der Hummerkeks zu wenig ausdrucksvoll um irgendwas zu kontrapunktieren. So ganz allein wirkte der Kaperntaler dann auch wiederum recht salzig, doch zum Glück war noch Champagner zum Runterspülen da.

3. 24h gedämpfter Knusper-Ferkelbauch, Acorda, Peperonata; Acorda ist ein Armeleute-, will sagen: traditonelles Essen in Portugal. In großer menge ist es wahrscheinlich wie Stockfisch nur schwer erträglich, aber als witziger Menuaufhänger voll d'accord. So auch hier, als kleiner Flecken, auf dem das Ferkel montiert, bzw. aufgeklebt war. Das Ferkel bestach. Topfleisch, knusprige Schwarte, leider für meinen Geschmack zu klein (was ein Problem bei Rosin zu sein scheint; manches ist überdimensioniert, anderes lächerlich und bis zur Überflüssigkeit winzig).

4. Karamellisierter Kabeljau mit aufgeschlagener Krustentierbutter, Würzrillette von zweierlei Leber und Ayran; ein versöhnlicher, wer hätt's gedacht?, Gang, und das, obwohl ich dem Kabeljau abhold bin. Und noch schlimmer; Surf&Turf Kombinationen von Seegetier und typischem Landbewohner einschließlich der Speisepilze schätze ich nicht besonders. Aber hier ging alles glatt. Kess der Einfall mit dem Ayran, von goldrichtiger Dicke die Krustentierbutter, die ich weggeschmackofatzt habe, um den dortigen Jargon zu nutzen. 

Entr'Acte: Tafelschokolade mit Leber, Kalbsjus, Trüffel, Artischocke, Crème Brûlée von der Beerenauslese und Minblumenkohl; der Überraschungszwischengang enthielt viel. Zu viel und zu wenig zugleich. Zu viel war mir der riesige Foie-Gras Riegel, der mit lebkuchenartig gewürzter Schokolade überzogen war. Dieser gewaltige Klotz sättigte mitten zwischen den Gängen so gewaltig und brachte jegliche Ausgewogenheit und Ahnung von irgendwie stimmiger Speisenfolge so drastisch und endgültig durcheinander, dass er allein das Menu hätte ruinieren können. Der Miniblumenkohl war dagegen wieder so klein, dass er zwischen den Geschmackspapillen wohl einfach hindurchgefallen sein muss, denn haften blieb davon bei mir gar nichts.

5. Milchlamm, Kalbscannelloni von Limette, mit Tobinambur und französischem Wintertrüffel; das Lamm war schön, da gibts nichts dran zu rütteln und auch der kleinlichste Meckerer würde nur vernachlässigbare Kleinigkeiten gefunden haben. Die Cannelloni hätten nicht unbedingt mit Kal sein müssen, Limette und Tobinambur hätten ihren Job auf dem Teller auch ohne eine weitere Fleischart gemacht. Der Trüffel rundete das Ganze ordentlich ab. 

6. Dreierlei von der eingemachten Sommerkirsche; wie eine Badekugel, futuristisch mit Airbrush glänzend metallic lackiert, lag die eine Kirsche als Gelée in Ufopackung auf dem Teller. Ein bläulich-badeschaumhaft wirkendes Gebilde daneben schmeckte nicht unangenehm, richtig erschließen wollte sich mir die Kreation aber nicht. 

7. Joghurtsüppchen mit Himbeere, und Baileys Karamell-Schokolade; wieder war viel kleiner Kleinkram auf dem Tellerrand verteilt und sollte wohl aromatische Akzente setzen, verlor sich aber leider bloß. Himbeeren im Winter und Baileys im Dessert gehören aber sowieso nicht zu der von mir bevorzugten Art zu kochen. Das Süppchen an sich schmeckte formidabel.

Achso: wer bei Frank Rosin speist und sich wundert, warum ihm einer der Kellner immer so bekannt vorkommt: der hat einen Zwillingsbruder, der im Restaurant Sonnora von Helmut Thieltges arbeitet.

Fazit: wer nach Dorsten fährt, kann sich dort ruhig einmal richtig durchfuttern, denn kaum ein anderer Ort in Deutschland hat auf so wenigen Quadratkilometern so viele – formal betrachtet – gute Köche. Björn Freitag und Frank Rosin geben hochkulinarisch den Ton an, das Menu bei Frank Rosin gehört außerdem zu den günstigsten Zweisternermenus, die ich kenne; leider zeigt die Küche konzeptionelle Schwächen. Wer unterhalb des offziellen Sterneniveaus essen möchte, ist beim champagnerfreudigen Marco Hentschel und im Landhaus Nicolai bestens aufgehoben.

Caractères et Terroirs de Champagne in der Cordobar, Berlin

Die unermüdliche Nicola Neumann von Noblewine München ist die wackerste Streiterin für den Winzerchampagner in Deutschland, gleichsam ein Winzerchampagnerinformations- und Lieferbüro in einem. Daher ist sie auch berufen, eine Veranstaltung wie die Caractères & Terroirs de Champagne auf die Beine zu stellen, in bedeutungsschwerer Anlehnung an mehr oder weniger lose, bzw. eng geknüpfte Winzervereinigungen der Champagne (Origines Champagne, Terres et Vins de Champagne, Artisans de Champagne und Terroirs & Talents de Champagne, die sich aber umbenannt haben in Les Mains du Terroir de Champagne). Deren frühjährliche Verkostungen sind Pflichtveranstaltungen für jeden, der sich mit der Materie tiefer auseinanderzusetzen gewillt ist. Außerhalb Frankreichs sind derartige Verkostungen selten. Deshalb und weil es einfach längst überfällig war, gibt es seit diesem Jahr die Caractères & Terroirs de Champagne. Im hippen Berlin gibt es zur Zeit kaum einen hipperen Platz für eine solche Veranstaltung, als die Cordobar der – natürlich – Österreicher Gerhard Retter und Willi Schlögl. Dort bot sich am Vorabend der Falstaff Champagnergala die Gelegenheit, drei angesagten Winzern ins Angesicht und Glas zu schauen.

Alle drei Winzer sind mehr oder weniger alte Bekannte:

A. Eric Rodez

Über eric Rodez muss man nicht mehr ernstlich viel schreiben, der Mann ist eine feste Größe und das wissen alle, die mit ihm zu tun haben, das weiß er selbst und damit gut. Interessant ist, dass seine Champagner das auch zu wissen scheinen, denn sie strahlen so etwas wie ein eigenes Selbstbewusstsein aus, vielleicht stehen sie auf der selben Intelligenzstufe, wie mancher Meeressäuger.

1. Cuvée des Crayères

50PN 50CH, 2009er Basis, Stahl und Holz (20%) Ausbau, weitgehender Verzicht auf BSA, mit 5 g/l dosiert

Wie eine mit Süßholzsud lackierte Gourmandise aus dem gleichnamigen Zweisterneschuppen in der Champagne glänzt der Champagner das Auge an und ist im Restaurant Les Crayères deshalb ganz selbstverständlich und mit dem allerbestem Grund zu ordern.  

2. Blanc de Noirs

100PN, Basisweine stammem mit Basis 2007 und den vier Vorgängerjahren in Reserve. 

Die Weichenstellung findet hier statt: Pinot Noir bedeutet bei Rodez nicht besinnungsloses Frönen in Divenhaftigkeit, Weichheit und Verführungskunst, sondern innere Disziplin, die nicht in Strenge ausartet, sondern das Naturell adelt, wenngleich die verbindliche Art des Champagners gegen Ende etwas abgehackt wirkt.

3. Cuvée des Grands Vintages

Réserve perpetuelle von ca. 30CH und 70PN im Holzfass, kein BSA, 5 g/l Dosage

Yogi Rodez hat die tückischen Jahrgangsschlangen 1992, 1993, 1996, 2000, 2001 hier meisterlich im Griff, an keiner Stelle tanzt etwa eine aus der Reihe, nichts wirkt hier ältlich, unpassend oxidativ oder gar unfrisch. Im gegenteil, die Cuvée des Grands Vintages ist eine Emergenzcuvée reinsten Wassers, die teils arg schwierigen Jahrgänge bilden mehr als die Summe ihrer Einzelteile. Die jüngsten Jahrgänge haben da sicher ihr bestes dazugetan und stehen als Garanten für eine sich munter über viele Jahre unter dem wachsamen Auge von Eric Rodez weiterschlängelnde Karawane. Pfiffig, erfrischend und beinahe limonadig ist das aktuelle Dégorgement.

4. Empreinte de Terroir Chardonnay 2003

Ausbau im dreifach belegten kleinen Eichenfässern, kein BSA, ohne Klärung, Schönung, Filtration. 

Bitteschön, das ist der Beweis, dass 2003 in der Champagne geht und ein Arschjahr ist, aber eins, das entzückende Stellen aufzuweisen hat. Beim Dom Pérignon findet man sie im Magnumformat, bei Bollinger leider gar nicht, bei Philipponnat findet man sie ziemlich mühelos und bei Rodez zeigen sie sich als Empreinte. Erzrassig und hochgradig feminin, von völlig eigenständiger Art und sich ihrer Wirkung bewusst, daneben sieht die blutjunge und schon so verdorbene Tochter der verrückten Voodoopriesterin aus wie ein verzogenes Internatsgör oder Larissa Marolt.   

5. Empreinte de Terroir Pinot Noir 2003

Beim Pinot Noir etwas wesentlich anderes. Glatter, saumloser Champagner, der in nichts ungezogen wirkt und dennoch keine Langeweile aufkommen lässt. Warum? Weil man ja weiß, wie die Schwester ist und ahnt, bzw. vermutet, dass unter der Pinothaube der gleiche blutüberkochende Mix steckt? Nein. Sondern weil der Champagner eine natürliche Größe hat, die ebenso imponiert, wie Fruchtbarkeitsgöttinnen auf Steinzeitmenschen gewirkt haben. Man hat den Champagner im Glas und versteht sofort, dass das etwas Größeres ist, das sich organoleptisch nicht greifen und mit dem unvollkommenen Sprachinventar nicht fassen lässt. Großer Champagner eben. 

B. Henri Billiot

Gute 5 ha hat Madame Billiot, wie Eric in Ambonnay Grand Cru, und der größte Teil davon ist natürlich mit Pinot Noir bestockt. Malo gibts keine, dafür eine etwas reichlicher bemessene Dosage.

1. Brut Tradition Grand Cru NV

Bei konsistenten Erzeugern kann man an der Standardcuvée ablesen, wo die Reise hingehen soll, was der Stil des Hauses ist und wo der Kellermeister seine Schwerpunkte, Stärken und Schwächen hat. Beim Brut Tradition aus dem Hause Billiot ist das nicht anders. Der Champagner ist immerhin schon auf Eingangsniveau Grand Cru und steht in der Hierarchie formal zwei Stufen über dem, was sonst am Markt ist. Auf dieser Ebene ist er körperreich und fleischig, aber nicht schwabbelig, hat eine feine, feminin-süße Art und wirkt ausgesprochen fraulich.

2. Brut Grand Cru Mill. 2005

Rassiger und flotter ist der schon nicht mehr ganz aktuelle Jahrgang, aber man erkennt das Weib wieder, das sich schon im Tradition so offenherzig gezeigt hat.

3. Brut Grand Cru Mill. 2007, dég. Nov. 2013

Noch schlanker, frischer und regelrecht verjüngt ist der aktuelle Jahrgang, der wie der 2005er gemeinhin noch nicht einmal als besonders gut gilt. Ein schöner Mehrwert ist die leichte, keineswegs billig wirkende Candynote, die sich mit der Zeit noch zu einer ausgewachsenen Karamelligkeit auswachsen will, wie mir scheint.  

4. Cuvée Julie NV

50CH 50PN, Basis 2006, Fassausbau

Als Abschluss gab es die Tochterehrencuvée. So wie Laetitias Vater seine Spitzencuvée nach eben der heute an der Spitze des Hauses stehenden Laetitia benannt hat, hat sie ihrem Töchterlein Julie ein eigenes Champagnerdenkmal gesetzt. Der Champagner ist in der Verjüngungsreihenfolge tatsächlich auch der jugendlichste, unbelastetste Champagner, heiter, selbstbewusst und mit funkelnden Äuglein. 

C. Bérèche

Über Rafael Bérèche habe ich schon verschiedentlich Gutes gesagt, wer mag, kann sich bequem dazu belesen. Viel Neues gibt es, trotz des laufenden Fortschritts am Weingut und des ständig modifizierten Portfolios nicht zu vermelden. Die Biodynamie hält ihren schrittweisen Einzug, Fässlein von Burgunderliebling Pierr-Yves Collin leisten artig ihre Dienste, die zweite Gärung findet noch immer unter Korken statt, die Resultate sind nach wie vor berückend.

1. Brut Réserve, dég. Juli 2013

Drittelmix, Basis 2011, Spontangärung, Ausbau in Stahl und Holz, spontan vergoren, mit 7 g/l dosiert

Als Extra Brut gefällt mir der Eingangschampagner von Bérèche besser, da ist er flummihafter und dynamischer, während er mit immerhin 7 g Dosagezucker wie eine Flipperkugel in Zeitlupe wirkt. Die crèmige Textur und das sahnig-eingängige des Champagners bewirken sogar noch eine weitere Verlangsamung. Für größeres Publikum aber sicher ok und ein schöner Scharfmacher.  

2. Vallée de la Marne Rive Gauche, dég. Dezember 2012

100PM aus einer 1969 gepflanzten Parzelle (Les Misy), 2009er Jahrgang, Fassvinifikation (300 und 600 Liter) ohne Batonnage und Filtration, 3g/l Dosage

Erstmal Kartoffelnase und wenig einladende Nasencharakteristik insgesamt, von ungarischem Temperament, frivoler Exotik, wie sie noch dem Opa vorgeschwebt hat, keine Spur – seltsam, bei einem Meunier, der doch als Rebsorte so schon mit nichts prunken kann, von seiner bei Tageslicht betrachtet vordergründigen Exotik vielleicht mal abgesehen. Doch im Mund kommt der Wirbelwind auf, da macht sich die junge Marika Rökk breit und steppt über die Zunge. Winzerige Fassaromatik und die gesammelte Wucht jugendlichen Winzertalents, wie sein Vater es nie auf die Flasche gebracht hat. Anzumerken ist nur, dass Rafael sich mit dem gedanken trägt, die unverschämte Spritzigkeit dieses reinsortigen Champagners künftig, wenn alles danach ist, mit Chardonnay zu ergänzen, der zudem noch entschleunigend wirken soll. Ich weiß, was er meint, doch höre ich schon die ersten Dogmatiker und Vereinfacher heulen, er möge bloß bei seiner Reinsortigkeit bleiben. Na, wir werden sehen.   

3. Le Cran 2006, dég. Januar 2013

50PN 50CH, aus Ludes PC, spontan vergoren, ohne BSA, danach Fassausbau (228 und 500 Liter), mit 3 g/l dosiert

Gesetzter und öliger als der flotte 2004er, mehr big booty als der 2005er und am Ende mit einer überraschenden Betthupferlsüße, die ich beim Le Cran noch gar nicht kannte. Ein weiniges Schwergewicht war er schon immer, diesen Status unterstreicht er mit dem jetzigen Auftritt. 

4. Reflet d'Antan, dég. November 2012 

Drittelmix, Vinifikation und Ausbau im Stahltank, danach Unterbringung im Holzfass (600l), "Solera" (1985) 1990 – 2008, mit 6 g/l dosiert

Für mich immer schon einer der stärksten Weine von Rafael Bérèche, zusammen mit dem viel zu selten getrunkenen Beaux Regards, dessen 1902 gepflanzte Chardonnayreben der Massenselektion dienen. Der Reflet d'Antan ist gegenüber dem vorwärtstobenden Beaux Regards beschaulicher, ein rückwärts schauender Betrachter, was von der réserve perpetuelle kommt, die ihm mit dem Sauerstoffeintrag, der Oxidation und dem fortwirkenden Erbe vergangener Jahrgänge ein Gefühl für das Zeitliche geben mag. Weich ist er, dieser Zeithüter, komplex und so wie alle in diesem Verfahren entstandenen Champagner für eingefleischte Champagnertrinker eine Herausforderung; denn je länger und tiefer man sich in die Welt der ultratrockenen Individualchampagner eintrinkt, desto größer ist die Überraschung, auf ein so ungewohnt weiches Produkt zu treffen, das blind schnell mit dem Verdikt Grosshausbrause, aber sehr gut gemacht, abgestraft werden kann. 

5. Côte

62 Monate auf der Hefe. Premier Cru sélectionné de 3500 bouteilles. Mehr weiß ich darüber auch nicht. Außer dass es ein Champagner ist, der eine Art Ausgleich zwischen dem stürmischen Beaux regards und dem beständigen Cran bedeuten könnte. Dort passt er jedenfalls meiner Meinung nach gut hin.

 

Champagnerbotschaften bei Captain Cork

Liebe Champagneros,

ab sofort werde ich griffige Champagnerbotschaften auf www.captaincork.de verbreiten. Captain Cork ist so etwas wie die Bild-Zeitung des Weingeschäfts und deshalb das optimale Medium, um der breiten Masse das Champagner-Evangelium zu predigen. Wer es spezieller und vertiefter bevorzugt, bleibt meiner Seite www.sparkling-online.com weiter gewogen.

Los geht's auf Captain Cork gleich mit einem Abschied, siehe dort:

CaptainCork – Champagner: aber bitte mit Datum

Champagner Dîner im Restaurant Francais (*/17), Steigenberger Hotel Frankfurter Hof

Die erste Probe im neuen Jahr. Grund genug, sich nur auf das Beste zu beschränken. Also ein Dom Pérignon Menu. Gesagt, getan: der freundliche Restaurantleiter des besternten Restaurant Francais, Herr Blümke, der in der Traube Tonbach sein Handwerk erlernt hat, war schnell für die gute Sache zu gewinnen und ein Menu war dank beidseitiger Begeisterung leicht zu komponieren. Es gab: 

Opener: Gougères

dazu Reinhold Haart, Piesporter Goldtröpfchen Spätlese 2007, Magnum

Im international geprägten Barvorraum des Steigenberger Hotels Frankfurter Hof hatte ich die provisorische  Sammelstelle für Dinner-Teilnehmer eingerichtet. Als Leuchtturmersatz und Signalpunkt diente mir eine langschlegelige Magnumflasche aus dem Hause Haart, an deren Inhalt sich die Eintreffenden bis zu den Gougèrs delekieren konnten und der auch mir gefiel, sonst hätte ich die Flasche ja zu Hause lassen und stattdessen Knicklichter oder ultragrelle LED-Taschenlampen der vorletzten Diners-Club Kundenwerbungsdreingabe mitnehmen können. Als die Gougères aufgetragen wurden, hatte jedenfalls praktisch keiner mehr was im Glas, ging also gut runter, der Riesling, der alte.

I. Austerndegustation: Fines, Gillardeau No. 2, Tsarskaya

dazu Moet et Chandon Coteaux Champenois Blanc de Blancs Saran NV

und Dom Pérignon 1969

Zu den Austern hatte ich den Mitte der 80er Jahre letztmals aktiv vertriebenen weißen Stillwein von Moet geöffnet. Der zeigte sich kämpferisch und mit einer für viele unvermuteten Frische, die spezielle zu den Fine de Clairs passte und zusammen mit der gutmütigen Gillardeau entzückte. Der reife, von feinen Kaffee-, Toast- und Pilzaromen durchsetzte und bei aller merklichen Reife immer noch sehr agile, ja attraktive Dom 69 machte seiner Jahreszahl alle Ehre und lud das Entrée aphrodisisch auf. Zusammen mit dem Austernallrounder Tsarskaya ein Traumpaar wie aus der Hochzeit sowjetischen Eiskunstlaufdrills.

II. Atlantik-Wolfsbarsch, Artischocke, Dattel, Speck

Dom Pérignon 2003 en Magnum

Diesen Dom darf man nicht aus der 0,75l-Flasche trinken. Da wirkt er flach, mau, saft- und kraftlos. In der Magnum dagegen zeigt er sich so, wie er hätte sein sollen, aber nur in dem größeren Format sein kann. Mit aller Eleganz Pinotwürze, Fruchtigkeit und Stärke, die der Jahrgang in die Trauben fließen ließ, und zusätzlich so, dass man die erfrischende Chardonnaykomponente nicht vermisst, selbst an die objektiv fehlende Säure dachte ich während des Essens nicht. Diese Selbstüberlistung bei der Zusammenstellung von Wein und Speisen hatte ich mit Patrick Bittner im Vorfeld eingefädelt, der die prima Idee hatte, Datteln und Speck einzusetzen, was mit dem gehabten Genusserlebnis belohnt wurde.

Pirat: Champagne Mouzon, Brut Intégral Blanc de Noirs 2005

Ficelageverschluss, Vinifikation und Ausbau im Barrique aus Ardenner Eiche

Sommelier Franck Mouzon, ein Spross  aus der Champagnererzeugerfamilie Mouzon in Verzenay, war so freundlich, einen der Augensterne aus der Produktion seiner Schwester und seines vormals besten Freunds, nun leider nur noch Schwagers, beizusteuern. Der Brut Intégral von Mouzon ist ein Champagner, der sich in das Umfeld von Dom 2003 und 1990 mühelos und mit großer Selbstverständlichkeit besser einfügt, als uns die Werbung für Autos von zB Dacia auf Golfclubparkplätzen voller Superschlorren weismachen will. Eleganz geht ihm ab, dem Mouzon, aber diese – bei wirklich gut geratenen Winzerchampagnern immer wieder anzutreffende – Aufmerksamkeit an sich reißende Präsenz und mundfüllende Aromatik macht das wett.  

III. Périgord Trüffel, Agnolotti, Treviso, Physalis

dazu Dom Pérignon 1990

und Dom Pérignon Oenothèque 1990

Ein königliches Pärchen, Dom und Dom Oenothèque aus demselben schönen Jahrgang. Lange Zeit mein unangefochtener Lieblingsjahrgang, noch vor 1988 oder 1996, und erst mit dem Duo 2002, 2004 langsam in meiner Gunst sinkend. Diese beiden bekommt man nicht oft nebeneinander serviert und erst recht nicht als Verklammerung und Verzahnung zu den Aromen vom Trüffel einerseits und der knalligen Physalis andererseits. Die Oenothèque war leider etwas verschnupft und schien aus den normalen Weißweingläsern beinahe korkig, war aber im Zalto Süßweinglas bloß etwas arg reduktiv geraten und bestach mit einer Klarheit und Reinheit, die sich von der regulären Version abhob. Die war dafür in Bestform und brauchte in ihrem riesigen Aromenrepertoire nicht lange nach Anknüpfungspunkten für die Speisen suchen.

IV. Nebraska-Büffel, Sellerie, Pfeffer, Wacholder

dazu Dom Pérignon Rosé 2003

Zum Bison kam nur ein Rosé in Frage und welcher Dom der letzten Jahre hätte besseren Dienst verrichten können, als der große 2003er? Na? Eben. Keiner; selbst 1996 nicht. Feiner Wein war das, den ich mir im Zalto Burgunderbecher schmecken ließ, denn Sellerie, Pfeffer und Wacholder forderten das. Ganz nebenher stellte sich für mich dabei noch heraus, dass es sich beim 2003er Rosé Dom Pérignon um einen der seltenen Fälle handelt, in denen die Roséausgabe der Prestigecuvée sich auf deutlich höherem Niveau bewegt, als die weiße.

V. Käse von Maître Antony: Vacherin Mont d’Or, Chaource, St. Nectaire, Cantal (24M)

dazu Moet et Chandon Rosé 1975

Zum gereiften Käse sollte es nochmal Rosé sein, aber kein so ganz feiner, selbstverliebter und Aufmerksamkeit heischender. Etwas bescheideneres, stilleres sollte es sein, mit gleichwohl gehörigem Aromenvorrat in petto. Die Wahl konnte also nur auf den Mittsiebziger-Rosé von Moet fallen. Der machte seinen Job erwartungsgemäß gut. Dem heranstürmenden Vacherin Mont d’Or stemmte er sich mannhaft entgegen, vom Chaource ließ er sich Frucht entlocken, mit dem St. Nectaire verband ihn eine zierliche Liebelei und zum alten Cantal kam herzahfte Pikanterie zum Vorschein. Ich konnte somit zufrieden sein.

Abschlussflaschen:

Weil aber selbst der beste nicht in Frieden leben kann, wenn er noch Durst hat und mitgebrachter Handvorrat nach Entledigung ruft und seinen Ruf nicht zuletzt mit lockender Gepäckerleichterung verstärken kann, konnte noch keine Ruhe sein und das flotte, freundliche, sehr gut eingespielte Team des Francois musste weiteren Dienst tun.

1. Veuve Clicquot Millesime 1943 en Magnum

Der Füllstand war ca. 1 cm unter dem Halsetikett. OK, aber nicht so, dass man seine Hand dafür ins Feuer legen würde. Trotzdem hoch den Rock, Stopfen raus und laufen lassen. Im Glas kam ein typisch bernsteinfarbener Saft an, der noch angenehm frisch schmeckte und selbst Altweinverächtern noch gefallen haben könnte. Weil er aber so schnell ausgetrunken war, kam ich nicht in die Verlegenheit.

2. Gosset Cuvée Centenaire de la Statue de Liberté 1886-1986, Millesime Rosé 1979 en Magnum

Mit erstaunlicher Frische, sehr viel aromatischem Ideenreichtum und einer noch recht lebendigen Perlage schwappte der Jubiläumsgosset ins Glas. Dessen Charakter hat sich offenkundig in den letzten dreißig Jahren kaum verändert, wer Cuvée Excellence und die Grandes Reserves von Gosset kennt, fühlt sich bei diesem sehr seltenen Champagner sofort heimisch.

3. André Clouet NV en Magnum

Als Erfrischung und Fluchtachterl bekamen dann die verbbliebenen Mitstreiter den ewig zuverlässigen und immer zu jung getrunkenen Clouet eingeschenkt. Der klärte den Gaumen von den wenigen ältlichen Tönen, die der Gosset hinterlassen hatte und bereitete vor auf das, was sich wenig später im „Parlour“, wenige Meter weiter in der Zwingerstraße noch ereignen sollte. Aber das ist eine andere Geschichte.

Weinrallye 70, „Schäumendes Glück”: Vom Supermarkt- bis zum Superchampagner

Die Weinrallye macht immer wieder beim Schaumwein Halt und Halteposten ist heuer SuperSchoppen-Shopperin Cordula Eich; nichts liegt deshalb näher, als eine Minprobe von Champagnern vom Supermarktchampagner bis hin zu einem meiner langjährigen Lieblinge, dem Superchampagner Dom Pérignon 1990. Und los geht's:

I. Veuve Pelletier (Marne et Champagne), Cuvée Brut

Offensichtlich fehlerfreier, aber unaufregender Champagner; fruchtig, unfokussiert, mittlere Säure, nicht sehr lang, zeigt Champagnertypizität, aber auf kleiner Flamme. Nach vier Stunden bleibt nur noch Liebstöckel, Sauerampfer und eine (un)verschämte, dropsige Note.

II. Vincent Bliard, Cuvée Prestige "Berceau de Champagne" Vintage 2002,

25% Chardonnay, 30% Pinot-Noir und 45% Pinot Meunier

Biowinzer aus Hautvillers. Sehr schöner, voller, reifer, kellerapfeliger Champagner, ein richtig molliger "Winterchampagner", traditionell gemacht, ein Hauch von Holzfass, aber ganz geprägt von einer gelungenen Vermählung aus kraftvollem Pinot Noir, reichlich saftigem Fruchtfleisch vom Meunier und vorbildlichen Apfelaromen. Kaum Jahrgangstypizität oder etwas, das man dafür halten könnte, von seiner eleganten, leichten Bauweise abgesehen. Ein gelungener, guter Champagner.

III. Jacques et André Beaufort, Brut Rosé Grand Cru,

Biodynamisch, dégorgiert 04/2007; Ecocertwinzer, der seine Reben mit Aromatherapie und homoiopathisch behandelt, wie er ausdrücklich auf dem Etikett vermerkt. Zu Beginn sehr schweflig und erst mit der Zeit, ca. eine halbe Stunde schätze ich, zeigen sich die ersten zaghaften Fruchtnoten. Rote Beeren, Kirschfrucht, aber alles mit angezogener Handbremse und etwas unbeholfen, ja fast wie noch nicht ganz wach. Erst gegen Ende – das berühmte letzte Drittel der Flasche – zunehmend harmonisch und von unerwarteter Anmut. Hätte man mit Gewinn dekantieren können.

IV. Yves Alexandre, Cuvée Louis Marie Vintage 1999

40% Chardonnay, 50% Pinot Noir und 10% Pinot Meunier. Gärung im Eichenfass.

Ansprechender, nach dem eigenwilligen und lange Zeit kantigen Rosé von Beaufort etwas schwierig zu bewertender Champagner ohne grosse Jahrgangsambitionen. Ganz rund und harmonisch, aber auch nicht besonders hervorragend, zeigt Altersspuren, ist aber noch nicht am Ende. Vielleicht aus einem anderen, herausragenderen Jahr nochmal probieren.

V. Dom Pérignon 1990

42% Pinot Noir, 58% Chardonnay.

Beim ersten reinschnuppern die Erleichterung: kein Kork, kein Hau, sondern ein super Champagner. Toastig, röstig, Champignonnoten in der Nase. Im Mund leicht, geschmeidig, für Tolkien-fans: wie flüssiges Mithril; immer noch animierende, pfeilgrade Säure und jugendliche Aufgerichtetheit + Länge. Sollte innerhalb der nächsten fünf bis sieben Jahre getrunken werden. Eine der besseren Versionen dieses von starken Flaschenschwankungen betroffenen Dom-Jahrgangs.

Die Zusammenfassung der Weinrallyestops gibt es hier: http://www.superschoppen.com/2013/12/27/weinrallye-70-schaumendes-gluck/