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Category Archives: Allgemein

Allerlei und allerhand Information rund um den schäumenden und den stillen Wein, Cognac, Hotels und Restaurants. Streng nach meinen eigenen Interessen geordnet und veröffentlicht.

English Sparklings (update 2014): Gusbourne

Mir sagte Gusbourne nichts. In keiner Hinsicht, erst recht nicht in sprudelnder. Dabei ist das Weingut aus der Grafschaft Kent mit seinen insgesamt 202 Hektar nicht gerade klein, selbst wenn man berücksichtigt, dass davon derzeit nur 20 ha unter Reben stehen – alles Pinot Noir, Chardonnay und Pinot Meunier; 2014 kommen weitere 20 ha hinzu. Andrew Weeber und Jon Pollard stellen hier nicht nur nachhaltig produzierte, sondern vor allem nachhaltig beeindruckende Sparklings her, wie ich erfahren durfte.

1. Gusbourne Brut Reserve 2008
36CH 37PN 27PM
Eine anfänglich an höhere Schwefelgehalte hindeutende, durchaus kernig-erbsensuppige Nase wich schnell erfrischenden Noten von eingelegten Pfirsichen und Aprikosen. Der Wein, der als klassischer Rebsortenmix auftrat, hat mir nach der allerersten Irritation sehr gut gefallen; da war vor allem exotische, fruchtige Freigebigkeit, ungetrübt von jeglichem Luftton, gleichzeitig war diser Standardbrut auch nicht zu reduktiv und klinisch rein. Für gut 25 GBP Endverkaufspreis sicher keine Wahl, die einem sofort in den Sinn kommt, um ein Trinkgelage mit Partysprudel zu versorgen, aber eine sehr achtenswerte Attacke aus dem Norden auf das Stammgebiet der Champagne.

Update: der 2009er ist zusammengesetzt aus 77CH 14PN 9PM und setzt die Attacke mit unverminderter Härte fort.

2. Gusbourne Blanc de Blancs 2008
Gegenüber dem Standardbrut ein disziplinierterer, taillierterer Wein, mit frecher Attacke und forderndem Naturell, von Multivitamintönen durchsetzt, die dem Chardonnay wiederum einen leicht exotischen Charakter verleihen, wie man ihn von den Crus an der Marne kennt.

Update: der 2009er war insgesamt ein sehr guter Jahrgang für Gusbourne, wie sich beim Blanc de Blancs eindrucksvoll bestätigt. Davon muss unbedingt mehr getrunken werden. Allseits als besonders exquisit gefeiert wird ja der 2006er Blanc de Blancs, damals mit 9 g/l dosiert. Den fand ich leider etwas hinter den Erwartungen, also auch sehr gut, aber nicht altersgerecht entwickelt und einfach nicht mit derselben Perfektion und Größe, wie sie mein champagnerfixiertes Hirn vorgegeben hat.

3. Gusbourne Rosé
45PN 28CH 27PM, 2009er Basis, Rotweinzugabe
Erst der zweite Rosé von Gusbourne und schon eine sehr klare Linie. Obwohl er auf Anhieb leicht pappig wirken mag, gehört er zu den erfreulicheren Exemplaren; unverkitscht ist er, im Gegensatz zu einem anderen Schäumer mit starkem Englandbezug, dem ich das zuletzt sehr wohl zu attestieren geneigt war, die Rede ist von dem für mich schon fast qualvoll hoch dosierten Rosé von Pol-Roger. Im Gegensatz dazu ist der Gusbourne die kalkigere, churchillhaftere Ausgabe.

Update: der 2010er Rosé aus 39CH 40PN 21PM wahr immer noch gefährlich süß, aber ebenso immmernoch gut. Dieser Ritt auf der Rasierklinge ist trotzdem gefährlich.

Völlig ungefährlich ist der Genuss des Gusbourne Pinot Noir 2011. Der gefiel mir mit am besten und lässt nicht nur manchen Coteaux Rouge hinter sich, sondern auch den einen oder anderen vollwertigen Burgunder.

Fazit:
Gusbourne hat meinen Schaumweinhorizont merklich nach Norden hin erweitert. Ich erwarte von dort noch zahlreiche weitere und bestätigende Schaumweinerlebnisse.

Update:

Christian Holthausen, den ich aus seiner Zeit bei Piper-Heidsieck kenne und der sich vom englischen sparkling wine in den Bann ziehen ließ (indem er zu Nyetimber wechselte), ist einer von zwei Neuzugängen bei Gusbourne und allein schon mit seiner Persönlichkeit ein echter Gewinn für diesen führenden "Méthode Anglaise" Erzeuger, wie das Etikett bekennt. Der andere Neuzugang ist winemaker Charlie Holland, der von Ridgeview kommt und als Zugewinn hier so schwer wiegt, wie er dort als Verlust wahrgenommen werden muss. Gusbourne stehen also rosige Zeiten bevor.

Trento DOC: Von Aldeno bis Zeni

Rotari, Ferrari, Cavit, Cesarini Sforza, aber auch Letrari und Endrizzi sind mir nach jetzt schon mehreren, wenngleich eher sporadischen Begegnungen positiv im Gedächtnis geblieben und forderten daher so unmissverständlich wie berechtigt eine Horizonterweiterung ein. Und weil ich mich dem Druck aus der Flasche immer gern beuge, habe ich das Unterfangen endlich einmal ins Werk gesetzt. Die im Rahmen der dabei zustande gekommenen Querschnittsprobe zu Gemüte geführten Sprudler schlugen sich mehr als respektabel und zeigten sich nicht zuletzt in puncto Degorgiertransparenz von ihrer hellsten Seite.  

1. Cantina Aldeno, Altinum Brut NV, dég.  28.11.2012 

80CH 20PN, Stahltank, 30 Monate Hefelager, mit 7-8 g/l dosiert.

Apfel, Pfirsich, Maracuja, leicht kernige Bitterkeit, guter Druck.

2. Az. Agr. Zanotelli, for4neri 2009, dég. 02/2013

100CH, 30 Monate Hefelager

Birne, Pimm's No. 1, Wassermelonenschale, weiße Mandeln, etwas herber Ausklang. Nach dem 2008er nochmal ein achtenswerter Chardonnay von Zanotelli, der mit einigem Grund auf eine hoffentlich lange Nachkommenschaftsliste hoffen darf.

3. Az. Agr. R. Zeni, Maso Nero Riserva 2007, dég. Mai 2012

Kalkig, pudrig, in der Nase mit ausgeprägten Honigtönen, auch im Mund Honig, Kastanienhonig, reife, mit Nougat und überreifer Zitrone unterlegt Art, außerdem Butter, Baiser, île flottante. Gefiel mir sehr gut, weil er eine schöne Mischung aus Mineralität, Frische und beginnender Reife bot.

4. Endrizzi Pian Castello 2008

60PN 40CH

Rassig, dank des munteren Chardonnays in der Attacke sehr schwungvoll, ab 2/3 des Gaumens vielleicht wegen des etwas unbeweglicheren Pinots abbauend, ein Eindruck, den ich schon beim ersten Probieren einige Monate zuvor hatte. Das macht den Wein nicht schlecht, man muss nur wissen, dass er nicht zu den ewig nachklingenden Schäumern gehört.

5. Cesarini Sforza Tridentum Extra Brut

100CH

Feuersteinig, lichte Lohe, auch Nussschale; wenig Säure und etwas Butter sprechen für vollständigen BSA, reife Zitrusfrüchte, gelbe Pflaume und kandierte Noten versprechen Dynamik, ich hätte mir hier trotzdem etwas mehr Agilität gewünscht, der an sich gute und ansprechende Chardonnay wirkt doch etwas steif.

6. Az. dell Revi, 2008er, dég. 2012,

Sehr seriöser, ruhiger, starker TrentoDOC mit viel Apfelschale, auch Apfelpuree mit groben Stückchen, weißer Pfirsich, griffiger Wein mit massvoller Säure. 

7. Az dell Revi Paladino (bio), Extra Brut, 2009, dég. 2012,

100CH

Anfangs Küchenkräuter, vornehmlich Liebstöckel, aber nicht wie bei uraltem Bordeaux, sondern mit jugendlichem touch; dann herb, seidig, mit Bittermandel und einem ernsterem, deutlicher strukturierten Gepräge als der konventionelle Revi.

8. Altemasi (= Cavit) 2005 pas dose, dég. 2012

60CH 40PN

Sehr lebhaft und lang, frisch für sein Alter, schöne bissfeste Aprikose, roter Apfel, klar, rein, und bis zum Schluss durchgängig frisch.

8. Altemasi Riserva Graal 2004, dég. 2011

70CH, laut Lorenzo Vavassori haben davon 20-25% BSA durchlaufen, 30PN in Stahl und Barriques vinifiziert, mit 6 g/l dosiert

Anfänglicher Toast, wirkt zunächst leicht balsamisch und geht ins Kräuterbonbonige über, dann reihen sich Pfirsich, Mango, Zitronenmelisse ein, gegen Ende meldet sich eine herbbittere, aber nicht undiplomatische Salbeinote; sehr guter, eigenständiger TrentoDOC.

10. Cesarini Sforza Tridentum Rosé, dég. 2012

100PN

Erdbeere, Kirsche, Tellycherry. Mit etwas Zeit kommt Butter und nur wenig Säure zum Vorschein. Insgesamt hat der Wein einen burgundischen Charakter, wie man ihn von manchen Südtiroler Pinots kennt, vom Gesamteindruck her fein, wenngleich etwas gefällig, aber durchaus gut.

Fazit:

Die Garanten für echten italienischen Sprudelspass heißen Pinot Noir und Chardonnay, hochgelegene Weingärtlein und ausgedehntes Hefelager. Mit verzwickter Komplexität muss man sich dabei nicht plagen, wenn TrentoDOC ins Glas kommt. Mit proseccohafter Dimensionsarmut aber auch nicht. Die ganz offenkundige Anlehnung an den Champagner, ja das Besser-als-das-Original-sein-Wollen(-und-teilweise-auch-Sein) der Franciacortas findet man hier weniger stark ausgeprägt, was die TrentoDOCs entspannter, müheloser und für Sprudelungeübte trinkfreudiger macht. Typisch erscheint mir nach allem, was ich bisher weiß, eine hellfruchtige, zwischen weißem Pfirsich, gelber Pflaume, reifem Birnenfruchtfleisch und Blütenduft changierende Aromatik, die mal mehr mal weniger zitrusfruchtig oder apfelig ist, Nüsse spielen selbst bei den reiferen Exemplaren keine große Rolle. Seidig, elegant crèmig und in der Preisklasse bis 20 €/Fl. eine sehr ernstzunehmende Konkurrenz für die Spitze der deutschen Winzersekte.  

Reife Champagner: Moet, Veuve und Pommery im Jahrgangskurzvergleich

Jahrgangschampagner haben ein längeres Flaschenleben, als gemeinhin für möglich gehalten wird. Gerade die Achtzigerjahre zeigen abseits des unsterblichen 1988ers momentan sehr erfreuliche Resultate und sind noch in genügender Menge auf dem Markt zu haben, so dass die Schnäppchensuche sich lohnt. Über das Vergnügen am reifen Jahrgangschampagner hinaus ist es in mehrfacher Hinsicht besonders lohnend, die Jahrgänge in der gewöhnlichen und in der Prestigeausgabe nebeneinander zu probieren – so gewaltig sind die Unterschiede nicht und bei einem Preisverhältnis von ca. 1 : 3 kann es auch wegen der Korkgefahr ratsam sein, lieber drei Flaschen vom Jahrgang zu kaufen, als ein Fläschchen Prestigecuvée.  

I.1 Moet & Chandon Millésime 1980

Putzmunter, mit einer Weite und Fülle, die ich dem alten Knaben um ein Haar nicht hätte zutrauen wollen und die mich besonders deshalb glücklich stimmte, weil ich mir, noch ganz unter dem Eindruck des einfachen Jahrgangsmoet, vom Dom Pérignon aus demselben Jahr noch ein Schippchen mehr versprechen zu dürfen einfach annahm. Wie eine Tennisballkanone schoss der Champagner Apfelaromakugeln ab, alle reif, aber alle mit so viel Druck, dass es für ein internationales Turnier mit großen Namen locker gereicht hätte. Bratapfel, Honig, weiße Blüten, jugendfrische Säure, etwas Zimtstange, viel Toast und kaffeesatzartiges Röstaroma nebst ein paar Nüsschen. Mit Luft sogar noch wohlgeformter, aber auch mit einem etwas kürzeren Mundgesamteindruck. 

I.2 Moet & Chandon Dom Pérignon 1980

Dieser Champagner hatte es vorher noch nicht geschafft, mich zu begeistern. Ich hielt im Gegenteil das Jahr für mäßig, das Potential auf der Flasche für eine Sache der Vergangenheit und den 80er Dom für eine nicht maßlose, aber doch mittlere Enttäuschung. Das kann so nicht stehenbleiben. Der 80er Dom legte noch die erwartete Schippe an Weltläufigkeit auf den Jahrgangsmoet drauf, wirkte aber nicht nur aromatisch komplexer, weniger mit explosivem Druck, als vielmehr mit hydraulischem, sanfter wirkendem Druck ausgestattet, der sich vornehmlich als sahniges Mousseux äußerte. Und leicht war er, so tranceerzeugend leicht, einem außerkörperlichen Nahtoderlebnis gleich. Für diese Art von Champagner kann man gar nicht dankbar genug sein.

II.1 Veuve Clicquot Millésime 1983

Meine letzten Flaschen dieses reifen, aber noch nicht zu Ende gereiften Champagners habe ich nun endgültig Bacchus geopfert. Jede einzelne davon hat sich gelohnt und nicht ein einziger Korker war dabei, leider ganz im Gegensatz zu den Grandes Dames mehrerer Jahrgänge. Stämmig ist die 83er Veuve, auf kräftigen Beinen, aber mit knackiger, schnittiger Säure, ganz der Typ selbstbewußte und nicht auf den Kopf gefallene Bürgersfrau mit scharfem Mundwerk. Weinig, mit Champignon, Toast und einer aromatischen Konzentration von gutem Bratensaft.

II.2 Veuve Clicquot La Grande Dame 1983

Eine der zu vielen Flaschen, die mit einem Korkschleicher versehen waren und spontan Größe zeigten, mit jeden genaueren Hineinriechen aber einesteils Hoffnung, andernteils Zweifel und Enttäuschung wachsen ließen. Die Verwandtschaft zur 83er Veuve war überdeutlich und wie bei den 80er Moetchampagnern war mit jedem Schluck spürbar, dass die Prestigeversion in Hochform ein Unterhaltungspaket der Extraklasse abzuliefern gehabt hätte. Leider war die Grande Dame verschnupft und ließ ihre herrlichen Formen nur unter einem kaschierenden und jede Form von Sexyness weitgehend vernichtenden TCA-Mantel ahnen.

II.3 Pommery Millésime 1983 en Magnum

Versöhnlich stimmte der einwandfreie Pommery, den ich gleich hinter dem 80er Dom ansiedeln würde. Was für ein feiner Champagner, Kim Basinger kann in 9 1/2 Wochen nicht erotisierender auf das Publikum gewirkt haben. Voll zur Geltung kam hier der Großformatvorteil, die zeitbedingt höhere Dosierung hätte in der Normalflasche den Champagner vielleicht etwas simpel wirken lassen, in der Magnum ist der Eindruck dagegen nicht überkanditelt oder überfrachtet, der Champagner kommt nur reicher, nicht pompöser daher, die Aromenvielfalt verteilt sich optimal und gibt der Säure Gelegenheit, sich auch mal zu zeigen, ohne dass sie sich durch eine Lage zusammengepresster Aromen hindurchschlängeln muss und müde wirkt, wenn sie am Gaumen ankommt. 

 

Renaissance des Appellations und Haut les Vins Biowein Tastival II/II: Champagnes Fleury, Bedel und Laherte

Weiter geht's mit Champagner:

II. Champagner

1. Champagne Fleury

a) Brut Nature Fleur d‘Europe

85PN 15CH, 2005er Basis mit 2004.

So schmecken die klassischen Aubechampagner, kräftiger Körper und eine Spur Leichtigkeit, die den massigen, arbeitsamen Körper wie ein flottes Textil helfend zu bedecken versucht.

b) Brut Tradition Blanc de Noirs

2010er Basis mit 2009, 2008, 2007, mit 7 g/l dosiert.

Gut, glatt, von sanftem Gemüt und etwas länger als der mit einer Spur Dosagezucker vielleicht überlegene Fleur d’Europe. Trinkt sich gut weg, hinterlässt aber kaum bleibenden Eindruck

c) Notes Blanches

100PB

Seit 2009 hat der Weißburgunder ein eigenes Forum im Fleury-Portfolio, wo er vorher als Verschnittpartner diente. Leider korkte die Flasche, so dass ich nicht mehr berichten kann.

d) Bolero No. 4 Extra Brut

100PN, 2004er Basis, zu einem Drittel im Holz vinifiziert, zweite Gärung unter Naturkorken, mit 4 g/l dosiert.

Ein ganz anderes Kaliber kommt nun mit dem Bolero auf den Markt. Munter, mit schalkhaft blitzenden Augen und einer für die Rebsorte ungestümen bis hyperaktiven Art, vom Holz eher noch aufgepeitscht als gebändigt, außerdem fast schon obszön triefend saftig und mundgängig.

e) Robert Fleury

Je ein Drittel PB, PN, CH, 2004er Basis, großteils Fassgärung, Flaschengärung unter Agraffe.

So etwas wie der Spitzenchampagner des Hauses, mit einem bemerkenswert hohen Weißburgunderanteil, der beim Vorgänger (2002) sogar noch deutlich höher ausfiel. Einzuordnen ist er bei den typischen, klassischen Champagnern traditioneller Machart, was meist auf Kosten der Finesse geht und den Champagner berechenbar macht. Ganz im Gegensatz zum hauseigenen Herausforderer Bolero oder zur neuen Sonate läuft hier alles seinen reifen, runden, geregelten Gang, wie der Einkauf beim Bäcker oder Metzger. Röstaroma finden Sie hier, Blüten, Honig und Hefe da, etwas Orangenschale vielleicht noch? Ja, bitte. Dürfen es auch Äpfel und Nüsse sein? Gerne doch. Und ein rundgedrechseltes, poliertes finish? Ich bitte darum. Alles in allem ein sehr guter Champagner, dem gegenüber den jüngeren Cuvées nur das – gar nicht immer und von jedem geforderte – Überraschungsmoment fehlt.

f) Rosé de Saignée

Bei Fleury wird der Rosé demnächst auf einer 2010 begonnenen réserve perpetuelle des Blanc de Noirs basieren. Dieser hier gehört noch nicht dazu.

Erst mineralisch, dann fruchtig, aber leider mit alkoholischer Note, die in eine Kirschpaprikanote übergeht und eine für mich schwer definierbare, vielleicht vom Alkohol vielleicht von stehengebliebener Äpfelsäure herrührende Schärfe transportiert. Dürfte am besten zum Essen passen, wobei ich nicht weiß, ob er das Gewicht hat, um Andouillettes zu begleiten.

g) Sonate 09 Zéro Dosage, ungeschwefelt

100PN aus der ersten (1989) biodynamisch bewirtschafteten Parzelle des Hauses „Val Prune“

Estragon- und Dillnoten werden bei diesem insgesamt erstaunlich fruchtigen und trotz vollen BSAs ziemlich frisch wirkenden Champagner von Apfel- und vor allem Wassermelonenschale eingerahmt. Das klingt nach viel grün, ist aber im Ergebnis gut trinkbar und lässt sich von diesem Startpunkt aus gut verfolgen.

 

2. Champagne Bedel

In zwei bis drei Jahren soll, so erzählte mir Vincent Bedel, die 1997er Cuvée Robert Winer endlich rauskommen. Ich verspreche mir davon sehr viel, wenngleich ich nicht glaube, dass es große Ähnlichkeit zum beeindruckenden 1996er RW geben wird.

a) Dis, Vin Secret Brut

80PM 15CH 5PN, 2005er Basis

Spielt mit Minze, Toffee und Crema Catalana; wirkt dabei nicht so mastig, wie es sich anhört, kühlt den Mund unabhängig von der Trinktemperatur sogar ganz leicht und geht weich ab, ohne seine stattlich wirkende Dosage verhehlen zu wollen, ähnlich einer prachthintrigen Konkubine, die soeben den Saal verlässt.

b) Entre Ciel et Terre Brut

80PM 20PN, 2004er Basis

Sehr gut hält sich dieser Wein, dessen besondere Stärke in der vielgepriesenen Balance und Ausgewogenheit zwischen den aromatischen und sonstigen organoleptischen Polen liegt. Dieses Mal wirkte er besonders erfrischend und klar auf mich, plätscherte nur gegen Ende mit einer entfernt scotchigen Note in den Hals und wird sich mit der Entwicklung nobler Reifetöne sicher noch etwas Zeit lassen, selbst wenn sie sich jetzt ankündigen.

c) L’Âme de la Terre Extra Brut

67PM 17PN 16CH, 2003er Basis. Einen immer volleren Körper legt sich der Champagner zu, die ohnehin geringe Säure tritt neben den schokoladiger werdenden Aromen und den schweren Blütenessenzdüften in den Hintergrund, bzw. bald ganz von der Bühne ab. Trotzdem ist der Champagner in der Extra Brut Version – noch – nicht schwerfällig. Gleichwohl ists langsam Zeit für einen Nachfolger.   

 

3. Laherte Frères

a) Blanc de Blancs Ultradition

Seit ich die Champagner von Laherte kenne, ist der Blanc de Blancs Brut Nature ein recht gleichbleibender, meist gleichgewichtiger Mix aus Basisjahr und Vorgängerjahr. Daran hat sich bei der 2010er/2009er Version nichts geändert. Nur der Name hat sich geändert. Nur der Name? Nein. Früher erschienen mir diese Champagner härter, bissiger und eckiger, aber auch ungelenker, noch nicht ganz versiert. Mittlerweile hat Aurelien offenbar einen Pfad gefunden, den er mit seinen Champagnern beschreiten will und der ist bei den Chardonnays von unaufdringlichem, aber merkbarem Holzeinsatz und einer daraus resultierenden sehr typischen Winzernote geprägt. Die Champagner sind griffig, saftig und reif, wo sie vorher ungeschliffen und hart, aber nicht uncharmant waren. Mit dem Ultradition macht der Chardonnay von Laherte einen weiteren Schritt raus aus der Experimentier- und Kinderstube.   

b) Grand Brut Ultradition

60PM 30CH 10PN, 2010er Basis mit 2009er Reserve.

Der hier zum Einsatz gelangte hohe Barriqueanteil half erfreulicherweise, die zwar nicht verstockten, aber vielleicht eigenwilligen Meuniers zu öffnen, wobei leider die Säure ins Hintertreffen gelangt ist. Da half der Verzicht auf Dosagezucker nicht weiter, der Champagner muss sich nun, nackig wie er ist, die nächsten Jahre auf sich allein gestellt entwickeln, bevor man wieder Stellung zu ihm beziehen kann.

c) Les Empreintes

50PN 50CH, davon 30% Chardonnay Muscaté; 2008er Basis.

Einer der ungewöhnlichen Champagner nicht nur von Aurelien Laherte, sondern innerhalb des gesamten Gebiets, der mir schon immer besonders gut gefiel. Nach dem Auslaufen des Empreintes auf 2007er Basis habe ich letztes  Jahr erstmals den Empreintes auf 2008er Basis probiert und fand ihn exquisit. So auch jetzt. Die Fruchtexotik hat sich verschärft, der Champagner ist gleichzeitig noch etwas frecher geworden, trinkt sich aber weiterhin so bequem wie kalte Limonade aus dem Jumbobecher, wenn man zu viele Nachos mit zu vielen Jalapenos und Käsesauce vertilgt hat. Selbst davon würde sich dieser trotz aller Flippigkeit ausnehmend stabile Champagner nicht aus seiner in sich verzahnten und verschränkten Ausgewogenheit bringen lassen.

d) Les Vignes d’Autrefois 2008

100PM.

Auch den 2008er Vignes d’Autrefois kenne ich schon seit seinen ersten Gehversuchen. Auffallend war immer die hervorgehobene, sehr animierende Säure, die dem versöhnlichen, manchmal einfältigen, überwiegend exotisch-fruchtigen Naturell der Rebsorte eine erstklassige Umgebung bot, um sich optimal zu präsentieren. Herausgekommen ist keine vollgeholzte Wuchtbrumme oder ein vor lauter Raffinesse blutleeres und angekränkeltes Filigranstweinchen, sondern ein druckvoll agierender Wein mit Selbstbewusstsein und Ausdruck, leicht getrübt nur von einer anisig-fencheligen Note, die ich nicht unbedingt hätte haben müssen.  

e) Les 7 (früher: Les Clos)

Spätes, d.h. erst kürzlich, genauer: im Januar 2013 vorgenommenes Dégorgement dieses aus allen sieben mehr oder weniger klassischen Rebsorten der Champagne bestehenden Weins, der wiederum auf einer 2005 angelegten Solera beruht (im Startjahr 10% Fromenteau = Pinot Gris, 18% PM, 18% CH, 15% Petit Meslier, 8% Arbane, 15% Pionot-Noir, 17% Blanc Fumé = Pinot Blanc). Batonnage; kein BSA, mit 4 g/l dosiert.

Wirkt dem Dégorgierdatum entsprechend sehr jung und noch reichlich hölzern. Zeigt enormen Vorwärtsdrang und gehörige Muskeln, nicht jedoch die sonst soleratypischen Abrundungserscheinungen. Gefiel mir sehr gut.  

f) Millésime 2005

85CH 15PM, Ende 2011 dégorgiert.

Schon sehr rund, in Sachen Sprudel, Druck und Säure kein Vergleich zu den vorherigen Champagnern, wirkte auf mich gesetzt und müde.

g) Rosé Ultradition

PM in Rotweinfässern weiß vinifiziert, 2010er. Assemblage mit 15% PM Rotwein. Ganz schön festfleischig und völlig unverspielt, ohne jeden unnützen Schlenker, Schnörkel oder puderzuckrige Verzierung und gerade deshalb ein ungebremster, lebhafter, freudespendender Wein.

h) Rosé 2008

PM Mazerationsrosé ohne BSA und weniger als 3 g/l Dosage.

Ernster, ruhiger, langsamer Wein, programmatisch ganz anders ausgerichtet, als der Rosé Ultradition und für einen Meunier fast schon gravitätisch, aber noch unter der Würde, Eleganz und Gediegenheit eines Spätburgunders angesiedelt. 

Renaissance des Appellations und Haut les Vins Biowein Tastival I/II: Eymann, Garrelière und Tissot

 

Die von Nicolas Joly zelebrierte Renaissance des Appellations und das Haut les Vins Biowein Tastival im Industrieclub Düsseldorf waren gute Gelegenheiten, alte Lieblinge zu verkosten und neue schäumende Liebschaften kennenzulernen. Im kurzen ersten Teil geht es um drei verschiedene Schaumweine, bevor der zweite Teil sich dem Champagner zuwendet.

I. Schaumwein

1. Ingeborg und Rainer Eymann, Sekt Blanc de Noirs Extra Brut 2008

Die Sekte der Biodynamiker aus Gönnheim in der Mittelhaardt gelten schon länger als trinkbar und günstig, bei einem Preis von ca. 12 €/Fl. für die Rebsortensekte (Riesling, Chardonnay, Weißburgunder, Muskateller) und den Rosé habe ich mich deshalb bedenkenlos zum – sit venia verbo – Natursektspass verlocken lassen. In der Nase gab es zur Belohnung einen feingliedrigen, von jeglicher Salmiaknote verschonten, von heller Frucht betonten Burgunderduft mit Haselnuss und Toast, im Mund ein sympathisches, ausgereiftes Trinkvergnügen. Gut so!

2. Domaine de la Garelière, Milliard d‘Etoiles

Chenin Blanc und Cabernet Franc nach méthode ancestrale, also nur einmaliger alkoholischer Gärung und ohne Versanddosage. Vor drei oder vier Jahren habe ich mich erstmals von diesem lächerlich günstigen (kostet vor Ort unter 8 €/Fl.) Wein gefangennehmen lassen und bin bis heute in seinem Bann. Wer alte, noch viel höher als heute dosierte Champagner ohne erhöhtes Ausfallrisiko und mit verbliebener Frische probieren will, aber Kosten und Mühen scheut, findet mit dem Sternewein von Francois Plouzeau erstklassigen Ersatz und einen denkbar einfachen Einstieg in die Geschmackswelt reifer, vor allem aber guter Schäumer.   

3. Domaine André et Mireille Tissot, Crémant du Jura Extra Brut

55CH 35PN 5 Poulsard und 5 Trousseau auf 2011er Basis, 18 Monate Hefelager, dann Dosage mit 2 g/l.

So prominent der Vin Jaune von Tissot ist, so wenig spektakulär oder auch nur bedeutungsvoll  ist der Crémant der Domaine, obwohl formal alles richtig zu sein scheint – oder vielleicht versauen auch nur die insgesamt 10% Poulsard und Trousseau den Wein, wie ich es sonst nur von Weißburgunderanteilen argwöhne. Sei’s drum, der Wein ist herb und wässrig zugleich, bekommt die Kurve aber noch mit einer algigen Jodigkeit und Mineralität, die ihn zum Schluss zumindest sauber, aber eben nicht hervorragend  erscheinen lässt. 

English Sparklings: Nyetimber

 

Stuart und Sandy Moss legten 1986 in West Sussex den Grundstein für die ansehnliche Erfolgsgeschichte von Nyetimber, einem der kregelsten englischen Sparklingproduzenten. Im Jahr 1988 wurden die ersten Reben gepflanzt, der Rebortenspiegel entspricht seither bewusst und gewollt dem der Champagne, deren Boden und klimatische Verhältnisse sich in West Sussex und Kent bekanntlich quasi eins zu eins wiederfinden. Die ersten Jahrgänge seit dem Jungfernjahrgang 1992 habe ich leider versäumt, aber seit dem 1995er verfolge ich Nyetimbers Entwicklung, die aufgrund zahlreicher Inhaberwechsel nicht immer ganz einfach, aber nach meiner Beobachtung immer von Begeisterung der Inhaber für das Projekt an sich geprägt war. Champagnerhäusern wie Louis Roederer, Duval-Leroy, Taittinger und Veuve Clicquot ist das nicht entgangen, weshalb es nur eine Frage der Zeit sein dürfte, bis von dort jemand aus dem Schatten tritt und offen über englische Engagements spricht. Bis dahin befassen wir uns gern mit den bereits vorhandenen maßstabbildenden Cuvées, etwa von Cherie Spriggs, der Kellermeisterin von Nyetimber.

1. Nyetimber Classic Cuvée 2007

Der erste Eindruck, den dieser Nicht-Champagner macht, ist ein ziemlich champagneriger, selbst wenn man weiß, dass es sich nicht um das Original handelt. In einer Blindprobe wäre ich wahrscheinlich sehr ins schleudern geraten deshalb, ähnlich wie bei einigen mittlerweile sehr gut geratenen Franciacortas und Trento DOCs. Röstiger Toast, Butter, Lemon Curd, Bratapfel, zarter Blütenduft, der als einziger aus der Champagne hinausweist und vermuten lassen könnte, dass hier ein Engländer oder Italiener im Glas sein könnte; im Vergleich mit einem gegengetrunkenen Billecart-Salmon Grande Reserve gefiel mir der weniger spröde, weniger aufgeräumte Nyetimber besser.

2. Nyetimber Blanc de Blancs 2003

Reifer, dunkler und mystischer mutete der Blanc de Blancs an, ohne dass er aber unter einer in der Champagner bei den 2003ern oft und viel zu oft angetroffenen überreifen Schlaffheit litt. Leider kann ich nicht sagen, wann der Schäumer degorgiert wurde, das hätte Aufschluss über die Herkunft der pikanten und sehr frisch wirkenden Säure gegeben, die hier eingesprenkelt war und entweder von einem ganz jungen Dégorgement herrühren dürfte, oder von einer leichten Aufsäuerung, wenn nicht der Jahrgang wirklich genauso war, wie er sich eben jetzt zeigt. Die letztgenannte Alternative ist freilich gar nicht so fernliegend, denn die gegenüber der Champagne noch nördlichere Lage könnte aus dem Problemjahr auf dem Festland einen Traumjahrgang in England gemacht haben.

3. Nyetimber Demi-Sec

Demi-Sec gefällt bei weitem nicht jedem Schaumweintrinker, der sich selbst ernst nehmen will. Aber er gehört aus mehreren Gründen zum Schaumwein dazu, nicht nur weil früher viel süßer getrunken wurde, sondern weil ein höher dosierter Schaumwein ein Spektrum an Speisekombinationsmöglichkeiten eröffnet, die bloß brut dosiertem Trinkschaumwein verschlossen bleibt. Abgesehen davon verleitet ein süffiger Demi-Sec zum Relaxen wie kein zweiter Wein; deshalb habe ich zB auch nichts gegen einen guten Moscato d'Asti einzuwenden, aber das ist eine noch ganz andere Geschichte. Der klar strukturierte Demi-Sec von Nyetimber punktet mit einer Mischung aus Kampfhubschrauberpilot und Partylöwe, wie sie Prinz Harry ganz gut verkörpert. Der Schäumer ist in ein strenges Säuregerüst eingefügt und hat starken inneren Halt, um das säthlerne Gerüst herum bietet er beste Fetenlaune.  

Trento DOC: Endrizzi

 

Franciacorta kennt man hinlänglich als renommierte Schaumweingegend, deren Gebietsspitzen sich mit ernstzunehmendem Champagner messen können. Das habe ich mehrfach am eigenen Gaumen erlebt. Eine andere italienische Schaumweinecke liegt – nein, nicht in/um Conegliano/Valdobbiadene, bzw. da vielleicht auch, aber darum geht es nicht; nein, ein anderer Herkunftsausweis, auf den zu achten sich mehr und mehr lohnen könnte, ist Trento DOC mit seinen ca. 10 Mio. Flaschen Schaumweins pro Jahr, hauptsächlich von Rotari, Ferrari, Cesarini Sforza etc., aber zunehmend auch von bemerkenswerten kleineren Erzeugern. 

Den Schaumwein von Endrizzi habe ich erstmals 2011 probiert und war nicht begeistert. Zeit also, für einen zweiten Versuch. 

Paolo und Christine Endrici produzieren ihren Dolomiten-Wein seit 1987 umweltschonend und nachhaltig. Die beim Schaumwein verwendeten Trauben sind Chardonnay und Pinot-Noir, was auf dem kalkigen Boden und den klimatischen Bedingungen, unter denen der TrentoDOC entsteht, naheliegend, sinnvoll und ungleich begrüßenswerter erscheint, als z.B. die Verwendung von Weißburgunder oder anderen Rebsorten. Der auf Klarheit und gleichzeitige Leichtigkeit angelegte Stil wirkt gelungen. Die Alkoholgrade liegen sämtlich unter 13%, die Süße allerdings könnte für meinen Geschmack gegenüber der bei allen Endrizzi-Schäumern weniger selbstbewussten Säure etwas zurückgenommen werden. Das wäre stilistisch konsequent, würde aber wahrscheinlich Kunden vergraulen, die den schmackhaft-süffigen, aber nicht kopflosen Stil von Endrizzi zu schätzen wissen. Den aktuellen Jahrgängen von Endrizzi traue ich mehr als die empfohlenen zwei Jahre optimaler Genusszeit zu, nach drei oder fünf Jahren könnte insbesondere der Rosé eine Entwicklung hinter sich gebracht haben, die ihn noch einmal begehrenswerter erscheinen ließe.

 

Brut

85CH 15PN

Angebaut gute 600 Meter über dem Meeresspiegel im Valle di Cembra, also ganz und gar mittig. Gute dreißig Monate Hefelager.

Leicht kräuterig; mit Trockenblumen unterlegter Apfelmix nicht nur aus grünen Äpfeln. Der kleine Pinotanteil zahlt sich aus und rundet den Brut schmackhaft ab.

 

Brut Riserva Pian Castello

60CH 40PN

Etwas niedriger als der normale Brut werden die Reben für den Reserva in der Lage Pian Castello ca. 350 bis 420 Meter über dem Meer angebaut. Lag 42 Monate auf der Hefe.

Auch dieser Schäumer ist deutlich vom – reifen – Chardonnay geprägt, mit Apfel, geklärter Butter, etwas Nuss und Hefe; dazu kommen weinige, schon recht entwickelte Aromen, die ich dem Pinot zuschreibe und die dem Wein seinen Riservacharakter verleihen. Trinkt sich angenehm, mit sauberem Mundeindruck, der zwar nicht irre lang anhält, dafür aber eine peinliche Abschiedsszene vermeidet. In dieser Gewichtsklasse ist das viel wert.

 

Brut Rosé Pian Castello

100PN

Trauben aus Pian Castello und dem Valle di Cembra. Fünf Jahre auf der Hefe.

Angenehmer Geselle, kraftvoll, nicht unburschikos, mit eleganten Anwandlungen. Mit genügender Reife kann ich mir gut vorstellen, dass dieser Schäumer an Weltläufigkeit zulegt, ohne sein markantes Profil ganz durch Abschliff zu verlieren. Bei der geringen Menge von nur 3000 Flaschen wird es aber wohl nur wenige Möglichkeiten eines Wiedersehens mit mehr Flaschenreife geben.

 

Fazit:

In den letzten zwei Jahren hat sich merklich was getan. Mein Erwartungshorizont für die kommenden Jahre ist geweitet.

Champagner unter Palmen

Nein, es zog mich nicht in südliche Gefilde, die Aube ist für mich nach wie vor südlich genug gelegen, wärmer brauche ich es nicht. Dennoch habe ich meine bequeme Schlafstätte verlassen und mich auf den Weg nach München gemacht. Denn mit Nicola Neumann vom Nobelweinladen "Noblewine" im Palmengarten des Café Luitpold Champagner zu trinken, lasse ich mir keinesfalls entgehen. Wenn ich dann auch noch meinem von der Umwelt oft als lästig empfundenen Redebedürfnis Genüge tun kann und salbungsvolle Worte an ein staunendes Publikum richten darf, alles im Dienste der guten Sache und der Frohen Champagnerbotschaft, ist quasi schon im Vorfeld alles geritzt. Dasselbe ergab die Nachbetrachtung:   

I. R. Geoffroy Pureté Brut Zero

50PM 50PN

Zuletzt hatte ich die Pureté im Frühjahr 2012 getrunken, als sie noch ungehobelt und splitterig wirkte, etwas schmirgelnden Dosagezucker hätte ich mir da gewünscht; doch Jean-Baptiste wusste es besser und beweist einmal mehr, dass undosierter Champagner von Flaschenreife erheblich profitieren kann. Sämiger Pinot, dessen ungefährliche Säure milden Trinkfluss fördert.

II. Janisson-Baradon Grande Réserve

50CH 50PN, mit 5 g/l dosiert

Fünf Jahre Flaschenlager, 30% Reservewein aus dem Holzfassl, was sich in Form zartröstiger Notem im krossen Briochearoma bemerkbar macht. Sonst ausgewogen, weinig, seriös, eher mittelgewichtig als schwer.

III. Gatinois Grand Cru Brut

90PN 10CH, mit 6 g/l dosiert

Mit eigener Hefe stahltankvergoren. Saftig, dickbackig, rund und süffig. Ob der aus Massenselektion stammende Petit Pinot d'Ay dafür allein verantwortlich ist? Das wird vielleicht auf immer unklar bleiben. Was aber klar ist: der Brut Grand Cru von Gatinois ist ein für Ay archetypischer Champagner, nicht nur wegen seines hohen Anteils nur dort gelesener kleinbeeriger Pinottrauben (deshalb Petit Pinot d'Ay), sondern auch wegen seiner typischen, zwischen robust und elegant changierenden Art, die ein bisschen an Pfälzer Rieslinge der Spitzenklasse erinnert.

IV. Diebolt-Vallois Blanc de Blancs Millesime 2006

Eine Stufe unter dem berühmten Blanc de Blancs Prestige steht bei Jacques Diebolt der Jahrgangschardonnay. Weißer Pfirsich, Birne, Haselnuss, ein paar Toastkrümel. Der Jahrgang wirkt noch etwas zerknittert und unausgeschlafen, über frische Luft freut er sich deshalb sehr. Dann hellt er sich auf und zeigt, welche Pläne er für die Zukunft hegt. Da will er mal ein generöser Essensbegleiter werden, der sich rechtzeitig vor dem Hauptgang diskret zurückzuziehen weiß, um andernorts für pikante Unterhaltung zu sorgen.

V. Marie Courtin Extra Brut Resonance

100PN

Aube-Pinot, so rein, so klar, so unverfälscht. Wirkt wie drei gleichzeitig mit viel Kaffee runtergespülte Koffeintabletten.

VI. Cédric Bouchard Inflorescence Val Vilaine 2009

Einer der eigenwilligsten, vielleicht seltsamsten Champagner(winzer). Der Champagner wirkt zunächst reduktiv bis böckserig, mit Jod und Schwarzpulver, präzisiert sich dann aber in Richtung Austernschale, um sogleich mit Marzipan und Birne zu irritieren, die sich nicht widerstandslos zur Auster gesellen wollen. Erst mit sehr viel Luft bekommt der Wein seine leicht glänzende Speckschicht und ein sanfteres, unaufgerauhtes Äußeres, da wird er so streichelzart wie Mädchenhaut nach einem basischen Bad. Nichts für Anfänger; diesen Champagner muss man sich mit viel Verostungsmühe erarbeiten.

Reingespitzt: Stadtpfeiffer im Gewandhaus, Leipzig (1*GM, 17 Gault-Millau)

Mit einem Stern im Guide Michelin allein ist der im Gewandhaus beheimatete Stadtpfeiffer von Detlef und Petra Schlegel noch kein soolcher Exot in der mitteldeutschen Küchenlandschaft; aber mit 17 Punkten im Gault Millau befand er sich lange Zeit auf Augenhöhe mit dem Zweisterner Falco von Peter-Maria Schnurr (jetzt auf 18 Punkte angehoben), wenige Meter entfernt im Dachgeschoss des Westin Grand und das machte mich dann doch sehr neugierig.

Freundlich, flott und unkompliziert ist der Empfang, das Restaurant ist überschaubar im Glaskasten rechts des Eingangs zum Gewandhaus untergebracht, von den meisten Plätzen aus kann man rausblicken auf das abendliche Leipzig. Die Weinkarte ist ordentlich, die Champagnerauwahl klein, aber erfreulich. Dufour, Vouette & Sorbée, Tarlant lächeln mir entgegen. Nur leider ist nicht immer alles da. Die Vouette-Pulle zum Essen musste ich mir genau deshalb abschminken. Egal, Dufour und Tarlant leisteten gleichfalls gute Dienste, der Vouvray bestach hingegen nicht. Gleich flaschenweise hätte ich am besten den Riesling von Clemens Busch geordert, der ging nämlich so zwanglos weg, wie selten zuvor, was aber in nicht unbeträchtlichem Maße Verdienst meiner Begleitung war. Groß war außerdem die Freude, den Gastwinzer der 2012er Tafelrunde des Klitzekleinen Rings auf der Karte zu finden und den Weßburgunder von Matthias Hey ließ ich mir daher sehr gerne und gut schmecken; item den Riesling aus dem Hause Becker, unter den Stillweinen machte abschließend eine gute Figur der zielgenau empfohlene Chinon zum Reh. Schwer verzeihlich nur der Patzer, mir Champagnermineralität mit der Nähe zum Meer, speziell zum Atlantik, erklären zu wollen.

 

I. Die Weine

1. Champagne Robert Dufour Bulles du Comptoir

Weißburgunderfan werde ich beim Champagner nicht so schnell, das neben Pinot Noir und Chardonnay eingeflossene Drittel Pinot Blanc in diesem mit 3 g/l dosierten Champagner gab sich mit einem leichten Fenchelton die Ehre und ersetzte mühelos einen kleinen Chicoréesalat mit Grapefruitfilets, leichtem Joghurtdressing und einer Prise Pfeffer.

2. Champagne Tarlant Rosé

Entgegen meiner ersten Erwartung gab es leider nicht den undosierten Tarlant Rosé, den ich gerade in der Gastronomie und im Glasausschank besser gefunden hätte. Der herbfruchtige, dunkelbeerige, etwas einfacher als der Zéro wirkende Rosé ließ sich trotzdem gut auf die ersten Gänge ein.

3. Vouvray Huet Reserve 2002

Sehr schöner Vouvray, der mich lange zögern ließ, ob er nicht doch auch ein paar Gänge würde begleiten dürfen, aber dann schien er mir am Ende doch nicht straff genug und musste sich gegenüber dem Champagner geschlagen geben, was aber ganz und gar keine Schmach bedeutet.

4. Clemens Busch Pündericher Marienburg Spätlese 2010

Jahaa, der ging so schön die Gurgel runter und passte einfach zu allem, da wusste nicht nur ich sofort, warum Moselriesling im fruchtigen Bereich das Maß aller Dinge ist.

5. Matthias Hey Weißburgunder 2011

Den Naumburger Steinmeister aus dem Barrique fand ich bei der 8. Tafelrunde des Klitzekleinen Rings ganz fabelhaft und ich zähle ihn weiterhin zu den besten fassausgebauten Weißburgundern der näheren Zukunft; der im Stahltank vergorene Naumburger Weißburgunder, den ich im Stadtpfeiffer trank, war nicht so schmelzig, dicht und kraftvoll, sondern naturgemäß schlanker und drahtiger, was ihn zum willkommenen Essensbegleiter machte.

6. Friedrich Becker Riesling Sonnenberg GG 2009

Weißer Pfirsich, Mineral, eine leicht alkoholisch verbreiterte, glücklicherweise nicht herbbittere Spur, die den Pfälzer zu erkennen gibt. Trotzdem gut gefasst, nicht verquollen, insgesamt eher kühl und zum Essen gut geeignet.

7. Château de Coulaine Clos de Turpenay Chinon 2006

Alte Cabernet Franc Reben ergeben hier einen bemerkenswerten Wein. Kräuter, Leder, Teer, Veilchenlakritzbonbons, Lavendel und gehörig Pyrazin, fein ineinander verwoben und sehr dicht gewirkt, dabei flink und geschmeidig wie das Reh, zu dem ich den Wein mit enormer Freude getrunken habe.

 

II. Das Menu

1. Taube, Perlhuhn, Mangold

Geleeummäntelt kamen die Geflügelstücke an den Platz und verzehlrten sich gut mit dem am Tellerrand platzierten gerösteten Brioche. Unnütze Deko wie Saucentupfer, Pülverchen oder die vielfach zu bekrittelnden Puréestriche störte nicht, bzw. hielt sich in erträglicher Grenze.

2. Hummer und Grillgemüse

In gleicher Form wie das Geflügel kam der unverhunzte, aromatisch einwandfreie Hummer, Saucenpunktkleckser und sparsam fahnenmastartig aufgestelltes Knusperzeugs nehme ich der Küche nicht übel.

3. Muskatkürbis, Ravioli, Krokant

Erstes Glanzlicht war der in Suppentasse präsentierte Kürbis. Farbenfroh, aufgelockert, kernig, mit dem richtigen Mix aus Knusper, Weichheit, Kernigkeit, Füllung und Suppe/Sauce.

4. Steinköhler, Fenchel, Pernod

Der Steinköhler war ebenfalls tadelfrei, schmackhaft angerichtet, ging mit Fenchel und Pernod eine risikolose Allianz ein und machte Lust auf Nachschlag.

5. Rehrücken, Rote Bete

Ganz traumhaft war das Reh. Das Arrangement auf dem Teller wirkte etwas willkürlich bis unbeholfen, ist aber eh geschenkt. Wer ein so sagenhaft gutes Reh macht, muss nicht mehr viel arrangieren, der Anblick der saftigroten, perfekt gegarten Stücke allein ist Arrangement und Augenschmaus genug.

6. Lamm, Olivenpurée, Safran

Das Lamm konnte da nicht mithalten und war gut, überragte aber nicht und muss sich optisch Punktabzüge gefallen lassen, wo das Reh ungeschoren davonkommt. Die Portion wirkte groß, war sie auch, aber vor allem wirkten die Komponenten optisch nicht aufeinander abgestimmt; geschmacklich gab es keine Beanstandung, das fiele bei der wieder risikoarmen Kombination aber wohl sowieso schwer.

7.1 Vacherin Mont d'Or und Topinambur

Wie eine Joghurtspeise sah der geschmolzene Vacherin aus, mit dazugestreuselten Topinamburflakes, bzw. hineingepflanzten -knusperstangen. Schmeckte erwartungsgemäß gut, riss mich aber nicht mit.

7.2 Epoisses, grüner Apfel, Koriander

Kontrastreicher, spannungsvoller und trotz ähnlicher Präsentation auch optisch ansprechender, wenngleich farblich eher blass, war der reife geschmolzene Epoisses mit dem erfrischenden und hochgradig bis übergenau apfeligen Apfeleis und dem Koriander, das Knusperbrettl hätte ich dazu nicht gebraucht, aber auch das hielt sich ja noch im Rahmen.

8. Birne, Streusel, Zimt; Bitterschokolade und Amalfizitrone

Über die beiden Desserts kann ich nicht viel berichten, davon habe ich nur löffelchenweise bei meiner Begleitung gekostet und fand alles trotz des erreichten Sättigungsgrads noch schmackhaft und aromenintensiv.

Fazit: Im Stadtpfeiffer gibt es das Gegenteil von Risikoküche, wie sie im Falco zelebriert wird. Jeder Gang ist stimmig, die Präsentation verzichtet auf unnötige Effekthascherei, was leider auf Kosten der Abwechslung geht, denn die Gerichte sehen sich teilweise sehr ähnlich (Taube und Hummer; die beiden Käse). Die Weinkarte müsste – durch großzügigere Bevorratung leicht aber teuer umsetzbar – im Champagnerbereich mehr von dem halten was sie verspricht. Der Service ist freundlich, unaufdringlich, schnell, persönlich und sympathisch. Wer Angst vor Bürgerschreck Schnurrs Küche hat, findet im Stadtpfeiffer einen Hort der kulinarischen Behaglichkeit auf adäquatem Niveau.

Große Häuser, große Jahrgangschampagner?

Nimmt man das weitverbreitete Großhausbashing ernst, dann dürfte von den notorischen Industriechampagnererzeugern kein vernünftiger Champagner zu erwarten sein, sondern ein perfide auf schnellen Geschmackserfolg getrimmte Einheitssauce, mit der sich die kritiklosen Massen betäuben lassen. Das stimmt in seiner Pauschalität natürlich schon nicht bei den Standardbruts der mengenmäßig größten Häuser, aber weil Standardbrutverkostungen mit dem Zweck, allgemeine Vorurteile zu widerlegen langweilig sind, habe ich mich der kaum minder großen Mühe unterzogen und in munterer Runde einige Jahrgangschampagner einiger mittelgroßer und großer Häuser näher betrachtet. Nicht ohne den Spaß dabei aus den Augen zu verlieren und nicht ohne die eine oder andere eingeflochtene Überraschung. Voilà:   

1. Soutiran Brut Grand Cru 2002

Eher gewoehnliche Nase, recht süß im Mund, Minisaeure. Keine riesige Offenbarung für einen Grand Cru aus sonst schönem Jahr.

2. Ferghettina Extra Brut 2001

Anfangs irritierende Kautschuknase, die sich bis hin zum Geranienton aus übertriebenem BSA erstreckt, was im Mund von lebhafter, zitrusfrischer Säure widerlegt wird. Eine gewisse Candyhaftigkeit kann man ihm nicht absprechen, dringende Zweifel daran, dass es sich um einen Champagner handelt, hatte ich aber in der Blindprobe nicht.

3. Louis Roederer Cristal 2004

Nach leichtem Böckser sehr cristallig, sehr leicht, sehr elegant, etwas röstig, ein wenig Toast, Brioche, Ingwerraspel, eine Ahnung von Kumqat, Physalis und Granatapfel. Wie konzentriert und dicht dieser Champagner ist, zeigt sich erst im Vergleich. Für sich genommen wirkt er unverfänglich und leicht, gerade so, als könne er kein Wässerchen trüben. Was für eine Gravität und aromatische Schwerkraft er besitzt, wird dabei nicht einmal ansatzweise erkennbar und lässt Champagner wie den Cristal in der öffentlichen Meinung neben amtlichen Schwergewichten wie z.B. Krug immer als Bruder Leichtfuß dastehen. Ich ertappe mich ja selbst immer wieder dabei, den Cristal nicht ganz ernst zu nehmen.

4. Laurent-Perrier Millésime 2002

Smoother, cooler Champagner mit einem unfairen Startnachteil gegenüber dem Cristal, der ein so hohes Tempo vorgelegt hatte. Dieser 2002er verdiente einen eigenständigen Auftritt und mit etwas Abstand zum Verkostungskontext konnte er sich unbefangener präsentieren. Immerhin gehört Laurent-Perrier zu den wenigen ganz großen Häusern, die nicht mit Jahrgängen um sich werfen. Der 2002er ist – seit 2011 – als aktueller Jahrgang des Hauses ein rundum gelungener Champagner, der die ganze Reichhaltigkeit, Finesse und Ausgewogenheit des formidablen Jahrs in sich trägt. Gut nachvollziehbar daher der hälftige Mix aus Chardonnay und Pinot Noir, der sich niederschlägt in Form feiner Nussnoten, etwas hineingewobenen Apfels, Orangenblüte, Zimtblüte, Rooibush, Marille. Hinterlässt keine so tiefen Rillen im Gehirn, wie der Cristal, kostet aber auch nur ca. ein Viertel.

5. Moet et Chandon Grand Vintage 2002

Champagner mit einer für den Brut Impérial typischen Eigenschaft, nämlich einer Easygoingmentalität und kalifornischen Beachboylässigkeit, die aufreizend oberflächlich wirkt. Genau das ist der Trugschluss bei beiden, dem jahrgangslosen wie dem groß bejahrten Moet. Nach ca. drei Jahren zusätzlicher Flaschenreife kommen diese Champagner in puncto Ausgewogenheit und innerer Ruhe dahin, wo die meisten anderen bei Vermarktungsbeginn starten. Die jugendliche Unbeständigkeit des Grand Vintage ließ ihn gegenüber dem Laurent-Perrier Jahrgangskollegen unterlegen wirken.

6. Delamotte Blanc de Blancs 2002

Die kleine Schwester von Salon hat mit ihren Jahrgangschardonnays fast immer Aussicht auf eine reiche Verehrerschar. 2002 könnte das anders aussehen oder zumindest etwas länger dauern, als sonst. Mir wirkte der Champagner selbst im Vergleich mit dem Sunnyboy von Moet zu easy und glattgelutscht. Obs an einer hohen Dosage liegt, vrmag ich nicht zu sagen und würde mindestens zwei, lieber drei Jahre warten, bevor ich die nächste Flasche Delamotte BdB 2002 öffne.

7. Louis Roederer Blanc de Blancs 2000

Eine andere von mir stets als sicher angenommene Bank ist der Blanc de Blancs von Louis Roederer, ähnlich dem Delamotte, der sich oft als günstige Salon-Alternative platzieren kann, geht der Blanc de Blancs von Roederer gut und gern als kleiner Cristal durch, selbst wenn beide grundanders konzipiert sind. Hefe, Toast und Aromenleichtigkeit, zwanglos wie hindrapierte Frauenfiguren in einem Art-Déco Werbeplakat von Alphonse Mucha, das ist die große Stärke dieses Champagners.

8. Cantine Marchesa Pallavicino 1998 Trentodoc, sbocc. 2008

Verbene, aber nicht zu knapp. Und ich liebe Verbene. Im Rahmen einer Champagnerverkostung ist ein so ausgeprägtes Einzelaroma trotzdem immer ein Hinweis auf einen Piraten. Ich bin wegen meiner Verbenenverliebtheit natürlich voll drauf reingefallen und habe dem reifen Trentosprudel hohe Qualität attestiert, zu der ich weiterhin stehe.

9. Alain Thienot Grande Cuvée 1999

Ein Augenöffner war dann das großzügigere, weiter verteilte Aroma von Zitrusmelissen, Verbenen und beurre blanc limonée, das der Thienot verströmte und spätestens in dem Augenblick, als der Trunk die Zunge benetzte, war ich wieder kalibriert und gestehe dem von mir nie besonders fokussiert wahrgenommenen Erzeuger beträchtliches Können zu.

10. Pol-Roger Millésime 1996

Die Geschmeidigkeit einer bengalischen Tigerin gepaart mit großartiger Säure und dem Format eines echten Kolonialherren. Mit sowas im Gepäck erobert man Weltreiche.

11. de Saint-Gall Blanc de Blancs Grand Cru Cuvée Orpale 1995

In ausgeruhter Verfassung trat der de Saint Gall an, tat sich aber nach dem sehr überzeugenden Pol-Roger sichtlich schwer. Was mir positiv auffiel, war die Gelassenheit, die der Jahrgang verströmte und mittlerweile dürfte 1995 als eines der schönsten Jahre des Dezenniums feststehen. Nicht so gehyped wie 90 und 96, viel massiver und stärker als 92 und 93, lasziver und verwöhnender als 98 und 99. Zurück zum Orpale, der bei aller Freude am Jahrgang meine Voreingenommenheit gegenüber reinsortigen Chardonnays einmal mehr bestätigte; denn so angenehm und mit hohem Wiedererkennungswert Blanc de Blancs selbst aus Grand Crus auftreten, so langweilig und austauschbar sind sie am Ende doch oft. Für einen Champagner, der auf einen ganz bestimmten Massenmarkt zielt, ist das vertretbar und nicht dumm, nur wird de Saint Gall damit meinen Gaumen weiterhin nicht für sich erobern können.

12. Taittinger Comtes de Champagne Blanc de Blancs 1995

In letzter Zeit hatte ich zu viele schwefelböckserige Taittingers im Glas, die Befürchtungen überwogen deshalb im Vorfeld des Öffnens die Freude. Die Entwarnung kam schnell, der Comtes zeigte sich als ein starkes Gewächs mit viel mehr sympathischem Eigensinn, als ihn der charmante aber gesichtlose Orpale vermittelte. Reif, noch einige Jahre vor dem Zenith, sehr galant und weltläufig, dem Chef des Hauses wie aus dem Gesicht geschnitten.