Back to Top

Category Archives: Allgemein

Allerlei und allerhand Information rund um den schäumenden und den stillen Wein, Cognac, Hotels und Restaurants. Streng nach meinen eigenen Interessen geordnet und veröffentlicht.

Franciaorta: Ricci Curbastro vs. Bellavista

Selbstbewusst stehen die Sprudler aus der Franciacorta heute dem Champagner gegenüber. Zwischen Bergamo und Brixen liegt Erbusco, dort verteilen sich die 190 Hektar Rebfläche von Bellavista und bringen 1,3 Mio. Flaschen/Jahr. Etwas näher am Lago d'Iseo ist Ricci Curbastro in Capriolo zu Hause und verfügt über 26 Hektar Weinbergsfläche.

Zunächst die Standards, beide sind solide, beide haben es bei Publikum mit mäßig ausgeprägter Schaumweinaffinität nicht sonderlich schwer, beide könnten aber noch mehr Leistung bringen – was freilich von den Erzeugern gar nicht gewollt ist, mit irgendwas muss man die Einsteiger ja schließlich ansprechen.

1.1 Ricci Curbastro, Brut

60CH 30PB 10PN. Teils aus dem Stahl, teils aus Barrique.

Einfach aber schon ganz gut. Campher und weiße Blüten leiten über zu Candyshop und Butternoten, der Weißburgunder stört (bilde ich mir ein).

1.2 Bellavista, Gran Cuvée Brut

72% CH 28PN.

Honig mit Hefe, mir auch zu hoch dosiert. Schmeckte mir allzu läppisch. Besser, rassiger, schlanker war dafür der 2005er. Was heißt das? Der Unterschied zwischen beiden Cuvées zeigt die völlig legitime Ausrichtung der Gran Cuvée auf den, relativ gesprochen, Massenmarkt und führt zeitgleich vor Augen, dass es auch ganz anders, nämlich auf den Nischentrinker zugeschnitten, geht.

2.1 Ricci Curbastro, Blanc de Blancs, Satén

Leichter Barriqueeinfluss, ca. 4 bar Flaschendruck. Sahnig, crémig und mit einem überraschend fruchtig wirkenden Chardonnay, dessen milde Art gut zum Saténprinzip passt.

2.2 Bellavista, Gran Cuvée Blanc de Blancs, Satén Brut, NV

Auch der Satén von Bellavista war weich und crémig, anders als der Ricci Curbastro sogar von ausgemacht damenhaftem Naturell, daher auch jahrgangs-, will heißen alterslos. Mit 4,5 bar Flaschendruck ausgestattet, was für makellose, faltenfreie und elastische Haut sorgt.

3.1 Ricci Curbastro, Extra Brut 2006, dég. 2010

50CH 50PN, mit 2,5 g/l dosiert.

Schön gereifter, sehr gut ausbalancierter Wein, dem man die geringe Dosage gar nicht glauben mag, der einerseits keine lakritzigen und noch nicht einmal fenchelige oder anisige Anwandlungen hat, andererseits auch nich so bretthart ist, dass man sich Splitter in die Zunge reißt.

3.2 Bellavista, Gran Cuvée Pas Operé 2004

62-65CH 35-38PN

Merkliches Barrique und eine Aromenfülle, die dynamisch changiert, von Vanille und Toast über Akazie, Apfel und Honig hin zu Aloe Vera und vegetabileren, auch mineralischen Noten. Sehr gelungen, wohlgeformt, wandlungsfähig, entwicklungsfreudig und wenngleich nicht der allerdetailverliebteste, so doch einer der herzhaftesten und sympathischsten Schäumer aus dem Programm von Bellavista.

4.1 Ricci Curbastro, Special Selection 2003, dég. März 2010

Kantig, frisch, herb und dabei doch wieder auflockernd minzig. In dieser schlanken Rennmaschine steckt wenig Säure, aber ganz schön viel Dampf. Erinnerte mich entfernt an den 2003er von Philipponnat. Rabaukiger als der schicke Vittorio Moretti, ein ganz anderer Typ Schaumwein eben.

4.2 Bellavista, Cuvée Vittorio Moretti 2002, Handdégorgement

50CH 50PN

Das Meisterstück aus der Kollektion. Feinporig, glattrasiert, bis ins letzte Detail gepflegt, der Prototyp des Mailänder Dressman. Seit 1984 erst insgesamt acht Mal aufgelegt.

5.1 Ricci Curbastro, Rosé

Zunächst fruchtig und sahnig, mit Erdbeeren und Himbeeren, von eleganter, geradezu höfischer Art und regelrechtem Champagnercharakter, der erst gegen Ende die stützende Säure vermissen lässt und in eine minimal bittermandeliges, auch kirschkerniges Aroma rüberspielt.

Champagner pêle-mêle in Mainz

In der Vinothek des Mainzer Atrium-Hotels gab es herrlich unaufdringlichen, flotten und präzisen Service zum Champagnermenu. Überaus wohltuend. Item die Teilnehmer der Probe, Wein-, Gastro- und Hotelschaffende, vor allem aber Aficionados allesamt.

I.1 Piper-Heidsieck Brut Croco NV

Ausgeprägtes Profil mit kerniger, obschon nicht geschliffener Säure. Charakterstark, attestierte die Runde. Wurde nicht als Grande Marque erkannt und gefiel auf Anhieb schon ganz gut. Damit war mein wichtigstes Ziel erreicht, nämlich den guten Namen Piper-Heidsieck ganz unvoreingenommen aus der Supermarktplörrenecke herauszuholen und die Kellermeisterkunst von Regis Camus blind auf die Probe zu stellen.

I.2 Gaston Chiquet Grand Cru Blanc de Blancs d'Ay

Litt unter einer quälenden Käsenote. War im Mund zwar leidlich intakt, konnte aber unmöglich genossen werden. Schade.

Auster im Sud mit Wintergemüse, Kresse, Petersilie, Olivenöl

II. Agrapart Avizoise Blanc de Blancs Grand Cru 2004

Zutiefst mineralisch, mit leicht flintiger Note und Zitrone. Passte deshalb so gut zur Auster, spielte schön mit dem Olivenöl, band die Kresse und die Petersilie vorbildlich ein. Konnte sich leider nicht in dem gewünschten Kontrast zum fruchtig-exotischen Blanc de Blancs von Gaston Chiquet zeigen, war aber auch so ein überzeugender performer.

III. Duval-Leroy Authentis Petit-Meslier 2005

Aus einer der extraseltenen Altrebsorten der Champagne fertigt Duval-Leroy alle Jubeljahre einen Champagner in Kleinstauflage. Vom 2005er gibt es nur lachhafte 988 Flaschen und es kostete mich einiges bitten und betteln, bevor ich vom Herrn Lahr, der das Haus Duval-Leroy in Deutschland vertritt, eine Flasche aus dem Reptilienfonds erhielt. Dafür gebührt ihm höchster Dank, schon über den Erhalt der Flasche habe ich mich gefreut wie ein Kind. Nur zu gern hätte ich diesen Champagner in der vorweihnachtlichen Champagnerausgabe von Planet Wissen im WDR vorgestellt, wo ich leider nur eine einzige von insgesamt zehn mitgebrachten Flaschen öffnen durfte – aus Zeitgründen und aus öffentlich-rechtlicher Angst vor Schleichwerbung. Zum Glück musste ich danach nicht lange warten, bis die nächste würdige Gelegenheit zum öffnen dieser schönen Flasche sich bot. In kundiger Runde also verlor dieser Champagner seinen Stopfen und gab einen trockenen, ganz leichten Sherryduft frei, der nicht jedem gefallen wollte. Die tighte Säure, das kühle, beherrschte Auftreten am Gaumen, die etwas strenge Art, der entschiedene Schritt, mit dem der Champagner sich aus dem Scheinwerferlicht der Halbweltetablissements entfernte und sich wie selbstverständlich im Bereich der Weinintelligenzija positionierte; ein Wein wie eine eiskalte KGB-Killerin – auch das gefällt schließlich nicht jedem. Doch kann man sich von dem Wein schwer lösen, egal ob man ihn mag, oder nicht, wenn man ihn nicht sofort aufgrund seiner sherryartigen Töne für fehlerhaft hält.

IV. Collard-Picard Cuvée des Archives 2002

80CH 20PN aus sehr altem Bestand (1940er Jahre) mit lediglich ca. 3000 kg/ha Ertrag. Erste Gärung im Holzfass. Wer sich mit dem Petit Meslier nicht anfreunden konnte, war dafür beim Collard-Picard umso heimischer. Das ist Champagner, bei dem das Herz aufgeht. Kreidegesättigt, aber kein nasser Mehlsack, volles Apfelaroma, Quittenmus, Hagebuttenpurée, Kumqat, maßvolle Säure, schlüpft flott die Kehle hinunter. Ich finde den 2002er ungemein freundlich, das ist nicht der schwerblütige Johnny-Cash-Verschnitt-Einzelgängerwinzerstil, auch nicht eine anonyme Massenplörre die auf indifferente Weise jedem schmeckt und zumindest nicht aneckt, sondern eine offensiv lebensbejahende Cuvée mit Gesicht und Schwung.

V. Duval-Leroy Clos des Bouveries 2005

Chardonnay aus Vertus. Teilweise Fassausbau.

Eine Symphonie aus Lindenblüten, Waldhonig, Apfeltee und getrockneten Cranberries. Seidig, minimal buttrig, knisternd, mit einer Spur Candy, ein Champagner mit Rondeur und Größe. Solo schön, aber ich schätze den Clos des Bouveries als faszinierenden Essenbegleiter sogar noch höher ein. Auch für diese Flasche schulde ich Herrn Lahr tiefsten Dank, da er so freundlich war, mir diese in Deutschland selten erhältliche Flasche zuzuschicken. Bisher sind noch nicht so viele 2005er von den größeren Erzeugern am Markt, doch was die Winzer vorgelegt haben, ist vielfach so dramatisch gut, dass 2005 nach 2004 und 2002 noch ein heißer Kandidat für Großeinkäufe ist.

Zur Stärkung gab es Forelle, Blumenkohl, Frisée, Rote Bete

VI.3 Perrier-Jouet Belle Epoque 1976

Rötlichgolden schimmert dieser Tropfen im Glas und betörte mich derart, dass ich wie benommen über meinem Kelch saß. Ich habe ja nun schon einige reife Belle Epoques getrunken, mich über die neueren Jahrgänge auch schon reichlich geärgert, sei es, weil sie korkig waren, sei es, weil die Qualität nicht stimmte und die Champagner mir konventionell und langweilig vorkamen. Aber diese Belle Epoque entschädigte mich für manches Missvergnügen. Nur wenige Minuten bitzelten noch vereinzelte Kohlensäurebläschen, die im Mund noch einen Moment länger wahrnehmbar blieben, dann war der Champagner still. Was er bis dahin gezeigt hatte, war bereits enorm. Butter, Toffee, Kaffee, morsche Töne, würzige Noten, aber auch ganz viel rotbackiger Apfel, Himbeere, Kirsche, Kompott, karamellisierte Kräutersträusschen; im Mund eine echte Haupt- und Staatsaktion, vornehme, reife Süße, ein Säurespiel so faszinierend und sci-fi wie die Gasentladungen in einer Plasmakugel.

VII.1 Lanson Extra Âge

40CH 60PN, Jahrgänge 2003, 2002 und 1999, Trauben aus den Grand Crus Chouilly, Avize, Oger, Vertus, Verzenay und Bouzy, fünf Jahre Hefelager.

Aus den Tiefen vergangener Großjahre holte der klärende Großhauschampagner von Lanson uns behutsam in die Welt der aktuellen Jahrgänge zurück. Die jüngste Lanson-Cuvée, abgesehen vom Clos Lanson, den ich aber noch nicht probiert habe, ist schon eine ganze Weile am Markt, ich habe mich aber dagegen entschieden, sie unmittelbar nach der Freigabe durch das Haus in größerer Runde zu verkosten, weil junger Champagner in diesem Stadium erfahrungsgemäß noch nicht annähernd so weit entwickelt ist, dass er mehr als unter Laborgesichtspunkten Freude bereitet. Da Laboratmosphäre gerade nicht im Sinne meiner öffentlichen Verkostungen ist, lasse ich solche relativ jungen Cuvées immer erst ein paar Monate liegen. Dem Lanson tat das gut, seine frühere Ungehobeltheit hat er abgelegt, jetzt bietet der dem Gaumen eine weiche, von gesunder, aber nicht kratziger oder drängender Säure getragene helle Aromatik, in der Cashewkerne eine Rolle spielen, aber auch Honig, Honigmelone, Apfel-Birnenmus, ein Spritzer Limette und vielleicht Kapstachelbeere.

VII.2 Nicolas Feuillatte Palmes d'Or 1999

Eine der wichtigsten Fähigkeiten der Palmes d'Or ist ihre außergewöhnliche Gastroaffinität. Ich habe zum Beispiel die Palmes d'Or 1999 in den vergangenen drei Jahren schon stärker und schwächer erlebt, aber am stärksten war dieser Champagner immer, wenn richtig gute Speisen auf dem Tisch standen. Die beiden extremen Aromaausprägungen der 99er PdO sind korbfrische Himbeeren und modrige Pilzigkeit. Beides steht dem Champagner gut, beides war in dieser Probe nicht dominant. Er pendelte sich nach meinem Empfinden in der Mitte ein, zwischen abklingender Frucht und beginnender Vollreife, mit einer solo etwas zu schwer anmutenden Süße, die sich zum Essen wiederum bestens machte.

Calamari, Roggen, Weizen, Graupen, Popcorn und Sepiasauce

VIII. Dom Pérignon Oenothèque 1990, dég. 2003

Mit Reiner Calmund teile ich nicht nur fast die Konfektionsgröße, sondern auch eine wichtige Champagnererfahrung. Der 90er Dom Pérignon ist der erste wirklich große Champagner, den ich getrunken habe. Und ebenso verhält es sich bei dem Preisträger der "Goldenen Schlemmerente 2007". Im Herbst 2009 und im Frühjahr 2010 hatte ich diesen Champagner als Oenothèque zuletzt getrunken. Wie eine Magnesiumkarosserie so fest und leicht zugleich hatte ich ihn in Erinnerung, mit den ersten sich ankündigenden Pilznoten des letzten Reifestadiums. Dass etwas Großes ins Glas kam, merkte man sofort, Nase für Nase öffnete sich mehr Mandeltorrone, zeigten sich die Röstnoten großer, reifer Dom Pérignons, kam eine leichte Flintigkeit hinzu, während Brioche und ein hintergründiger Minzton die Mürbe, Pilze, Jod und flankierendes Salz ausglichen. Famoser Champagner, der jetzt aber nicht mehr jedem Spaß machen wird.

IX.1 2003 by Bollinger

65PN 35CH aus Ay, Verzenay und Cuis. Fassvergoren.

Das Jahr in dem die Dom Oenothèque dégorgiert worden war, sollte das Anknüpfubgsjahr für den nächsten Champagner sein. 2003. Dunkel stand der Ausnahmebolly im Glas, in der Nase selbstbewusst und dick bis feist, im Mund war der dürftigen Säure wegen nun auch dem Letzten klar, dass es sich nur um einen 2003er handeln konnte und wenn schon um einen 2003er, dann nattürrlich um den 2003er. Wenn dem 2003er etwas gerecht wird, dann das Prädikat burgundisch, vielleicht noch mit dem Anhängsel premature oxydation, was aber täuschen mag.

IX.2 Ulysse Collin Blanc de Noirs Extra Brut, dég. 16. März 2010

Mehr ein Rosé Oeuil de Perdrix als das nur leicht angeschmutzte Weiß eines Blanc de Noirs legt der jüngste Champagner vom aufkommenden Starwinzer Olivier Collin bekanntlich an den Tag. in den letzten eineinhalb Jahren seit meinem Besuch auf der Domaine habe ich diesen Champagner mit gleichbleibender Begeisterung getrunken. Dabei war mir von Anfang an klar, dass auch dieser an sich große Champagner eine Achillesferse hat. Wie beim 2003er Bollinger fehlt ihm vitalisierende Säure. Deshalb war klar, dass die beiden als flightpartner auftreten mussten, was letztlich für einige schöne Vergleichsmöglichkeiten gesorgt hat. Klar wurde dabei auch, dass der Blanc de Noirs von Ulysse Collin, so herrlich fett, raumgreifend und monströs fruchtig er sich jetzt trinkt, in den nächsten Jahren entweder mangels Säure erheblich verlieren wird, oder aber ein zweites glorioses Leben als Stillwein abwarten muss.

Skrei, grüne Bohnen, Rosenblüten, Pflaumenduft

zwischendurch gab es Himbeer-Sorbet

X.1. Raumland Monrose 2001

PN CH PM, Holz

Wie nahm der Monrose das Himbeerthema doch so freudig auf! Frappanter habe ich noch nie Himbeere in einem Glas gehabt. Brioche, Blüten und Nüsse, wie sie der Gault-Millau bei der Kür zum besten deutschen Sekt aller Zeiten, bzw. des Jahres 2012 wahrgenommen hat, traten demgegenüber völlig zurück. Dieser Ausnahmesekt durfte nicht nur, sondern musste in den Selosseflight und er musste sich außerdem zum Essen beweisen. Einen gelungeneren Einstand hätte er gar nicht abgeben können. Gegenüber Meister Selosse war er aufrgund seines kürzlich erfolgten Dégorgements der deutlich frischere, jüngere, fruchtigere Wein. Das hat sicher für einige Verkoster den Ausschlag gegeben, ihn dem Selosse vorzuziehen. Zum Kalb passte er wegen seiner rötlichen Noten ebenfalls ganz exquisit, wobei er der naturgemäß der unruhigere Part war.

X.2 Jacques Selosse Rosé, dég. 2006

Der fabelhafte Rosé von Selosse war noch vor ein bis zwei Jahren in seiner Fruchtphase, Richard Geoffroy würde sagen: in seiner ersten plénitude. Die hat er verlassen, um sich rauchiger und mit aufgrauhter Schale zu zeigen, die einen komplexen Fruchtkern umhüllt. Mandel, Grießpudding, oszillierende Frucht, fassgereifter Erdbeerbrand. Von beiden Weinen schien er der bedachtsamere zu sein, als Essensbegleiter war er jedenfalls der anschmiegsamere.

zum letzten flight gab es Niedrigtemperatur-Kalb, Buttermilch, Petersilienwurzel, Lauch

abschließend gab es Mango, Kokos, Bisquit

Als Bonusflaschen gab es dann noch

XI.1 Cedric Bouchard Les Roses de Jeanne Pinot Blanc "La Bolorée", 2006er Basis, dég. 12. April 2010

0,21 ha

Nachdem wir schon das Vergnügen hatten, eine Petit-Meslier getrunken zu haben, gab es noch eine gewisse Nachfrage nach anderen Altrebsortenchampagnern. Unter den wenigen Winzern die sich damit befassen, ist der furoremachende Cedric Bouchard von der Aube ganz weit vorn zu nennen. Dessen Roses de Jeanne bestechen durch ihren höchst speziellen Ausnahmecharakter und sind nur in Kleinstmengen, wenn überhaupt zu bekommen. Meine letzte Flasche passte gut in die Runde. Der Weißburgunder wäre blind kaum als Champagner durchgegangen, oder wenn, dann aus einem heißen Jahr. Ganz klar fehlte da die Säure. Trotzdem war er rund, hatte einen flotten Vorwärtsgang drauf, kam ohne die oft störende Salmiaknote der Weiß- und Grauburgunderschaumweine ins Glas und darf als eines der gelungensten Exemplare unter den Weißburgunderschäumern überhaupt gelten. Ein Fan dieser Rebsorte im Schaumwein bin ich aber selbst durch Cedric Bouchard nicht geworden.

XII.2 Pol-Roger Cuvée Sir Winston Churchill 1996

Deshalb musste, nun mit noch größerem Zuspruch aus der Runde, der mehr als zuverlässige – und in puncto Korkproblematik mir bisher noch nie negativ aufgefallene – Sir Winston Churchill her. Der brachte seine ganze ausgewachsene Admiralswürde ins Glas. Zackige, aber nicht verbissene Säure, dabei Nonchalance und gelassene, selbstbewusste Größe, wie man sie bei einem Admiralsball erwartet. Ausdauernder Tänzer, der gut führt, für den belanglosen Smalltalk nicht so sehr geeignet, das liegt nicht in seinem Naturell. Dafür kann er höchst unterhaltsam die eigene Ahnenreihe zusammenfassen und spielend leicht historische Bezüge herstellen. Wundervoller Gastgeber. Der 1996er SWC ist noch auf Jahre ein Champagner zum schwelgen.

Champagnergrandezza

Im Rumpenheimer Schloss floss der Champagner standesgemäß. Der aus morganatischer Ehe stammende Franciacorta (Franco Ziliani von Berlucchi, der gemeinhin als Erfinder des Franciacorta-Schaumweins gilt, hatte seine Kenntnisse bei Moët et Chandon erworben) von Ca del Bosco machte den Anfang.

1. Ca del Bosco Brut Prestige, dég. Frühjahr 2010

75CH 15PN 10 Pinot-Blanc, mit 10 g/l dosiert

Die Erntemenge des Basisjahrgangs 2007 liegt bei schmalen 8800 kg/ha, das wäre für Champagneverhältnisse bedrückend wenig. Beachtliche 134 Lagen bilden den Cuvéegrundstoff, vergoren wird temperaturkontrolliert im Stahltank. Der Reserveweinanteil beträgt 20%, die Hefelagerung findet bei konstanten 12° C statt, was für Champagneverhältnisse wiederum relativ hoch wäre. Die sonstigen technischen Werte: der pH-Wert liegt bei 3,18, die Gesamtsäure bei 5,55 g/l, freie Säure bewegt sich mit 0,34 g/l umher. Dieser saubere Franciacorta ist ein schöner Einstieg in jede Champagnerprobe, weil er bei einer Blindprobe meist nicht als Nicht-Champagner erkannt wird, sobald dann aber ein Champagner folgt, die Teilnehmer nachgrübeln lässt. In sich stimmig, mit seiner angenehmen Röstnote und dem Honigton etwas robust gewirkt, ist der größte Unterschied zum Champagner der Säureeindruck. Würde man den Pinot-Blanc weglassen, könnte dieser Schäumer dadurch bestimmt noch ein wenig gewinnen.

2. Taittinger Prélude Grands Crus

50PN 50CH

Ein anderer von mir gern gewählter Einstieg in Champagnerproben geht über den auch wegen seines Namens dafür gut geeigneten Prélude von Taittinger. Zum Kalibrieren des Gaumens ist der milde, weiche damenhafte und doch schon leicht ins Süffige neigende Champagner wie gemacht. Gegenüber dem Franciacorta trumpft er nicht allzusehr auf, hält ihn aber diskret auf Abstand, was probentaktisch besonders sinnvoll ist, da es eine escalatio praecox vermeiden hilft.

3. Taittinger 2004

50PN 50CH

Ein weiterer Schritt in den Champagnerpantheon geht über die Stufe des Jahrgangstaittinger, den ich im letzten Jahr mit viel Konzentration und Entwicklungsfreude bei der Sache gesehen habe. Nachdem ich bei den großen Häusern nicht immer ganz froh mit der Dosage bin, habe ich zuletzt bei Taittinger und Pol-Roger etwas genauer darauf geachtet, wie mit dem Thema umgegangen wird. Bei Pol-Roger schin mir die Dosage immer grenzwertiger zu werden, bei Taittinger war die Gefahr nie so konkret, bloß eine gewisse Schwammigkeit musste ich bei den jungen Cuvées bemängeln. Zwischenzeitlich hat sich bei beiden Häusern eine Entwicklung gezeigt, die meine Befürchtungen relativiert. Mit zunehmender Flaschenreife ist die anfänglich störende Süße ein Faktor, der umstandslos zurücktritt, bzw. den Schleier über den Aromen lüftet. Mandel, roter und grüner Apfel, Blütenblätter, Brioche kommen hier wie aus dem Nebel hervor und geben dem Champagner ein überzeugendes Äußeres.

4. Claude Cazals Clos de Cazals Blanc de Blancs Grand Cru 1998 Fl. #20

Tiefsitzende Mineralität und eine säurebändigender Extrakreichtum bestimmen diesen Champagner. In der Nase ist nicht gerade wahnsinnig viel los, da ziehen Kreide und Apfel ihre Kreise, kaum mehr. Im Mund keine Knalleffekte, keine abgefahrenen Säureexzesse, sondern ein kantiger, etwas unbequemer Chardonnay, der es zunächst schwer macht, ihm zu folgen. Nach dem ersten Schluck merkt man erst, wie kunstvoll dieser Champagner gebaut ist. Denn erst wenn man der ebenso ruhigen wie intensiven Säureempfindung hinterhersinniert, merkt man, wie überaus lang und klar diese Säure eigentlich ausklingt. Beim nächsten Schluck versucht man von Beginn an auf die Säure zu achten, wird aber von knirschendem Extrakt abgelenkt und hat den passenden Moment schon wieder verpasst. Erst beim dritten oder vierten Schluck ist alles so weit abgesteckt, dass man sich ganz auf die Säure konzentrieren kann, die sich dann ganz zu recht im Glanz der Aufmerksamkeit sonnt.

5. Lanson Blanc de Blancs Noble Cuvée 1998

Nur zu gern hätte ich den Reimser Clos Lanson gege den Clos von Cazals gestellt, doch solange es den noch nicht gibt, ist der Blanc de Blancs aus der Noble-Serie von Lanson ein hochqualifizierter Flightpartner, der genügend tiefreichende Erkenntnisse verspricht. Im direkten Vergleich mit dem Clos Cazals fällt die Unterscheidung großes Haus – kleiner Winzer schon nicht ganz leicht. Klar, Lanson macht keinen BSA und die Noble Cuvée ist kein solcher Entertainer wie die Comtes de Champagne oder ein so unleugbares Gastrogenie wie Dom Ruinart. Umso schöner ist es, die Champagner durch genaues Verkosten auszuloten. Beim Lanson merkt man, dass die Säure in ein großzügiges und kunstreich verziertes Gehäuse eingearbeitet und dadurch eher versteckt ist, während beim Cazals die Säure mit einigem Stolz über mehrere Schlucke enthüllt und präsentiert wird.

6. Louis Roederer Cristal 2002

55PN 45CH, 20% Holzfass, kein BSA

Als Zäsurchampagner und Überleitung zu den Pinotchampagnern kam dann der fabuleuse Cristal 2002 ins Glas. Nach den reinen Chardonnays wirkte er so unverschämt leicht, wie ein junger Cristal leicht wirken muss. Brot, Röstnoten, Hefe, von Ferne ein Duft von Kaffee, Apfelessenz, Verbene, Zitronengras, Orangenschale, alles kreiselte und bezirzte mit einer Mühelosigkeit, die betroffen macht. Ich bin kein Freund davon, Cristal allzulange liegen zu lassen, weil ich finde, dass er in jungen Jahren einfach besser schmeckt, als mit großer Flaschenreife. Der 2002er scheint das aber nicht bestätigen zu wollen. Er reift gemächlich, kleinschrittig und wird bei dieser Entwicklung in den nächsten drei bis fünf Jahren seine Jugendhaftigkeit erst noch voll ausfalten, bevor er in sein zweites Flaschenreifestadium übergeht.

Dann kam der Königsflight:

7. Egly-Ouriet Blanc de Noirs Grand Cru 1999, dég. 2010

Strahlendes Gold und die Kraft eines Nuklearbrennstabs war da plötzlich im Glas. Vanille, Kokos, Brioche, Orange, Ingwer, ein Hauch Safran. Im Mund so etwas, wie eine Methanhydratexplosion, wie sie Frank Schätzing in "Der Schwarm" verschiedentlich beschrieben hat. Also im wesentlichen der Eindruck, als würde tiefgefrorenes Gas sich schlagartig auf das 164-fache seines Volumens ausdehnen, nur dass man sich das hier mit den köstlichen Pinotaromen von Francis Egly vorstellen muss.

8. Jacques Selosse Blanc de Noirs Grand Cru Ay La Côte Faron Extra Brut, dég. 27. Jan. 2010

Dieser Lieux-dit ist wie die berühmte Substance ein Solera-Champagner, er besteht aus den Jahrgängen 1994 – 2003, was altersmäßig dem Egly-Ouriet ja irgendwie sehr nahe kommt. Die Frage innerhalb des Probenablaufs war natürlich: würde Meister Selosse den Kollegen aus Ambonnay mit seiner flammneuen Einzellage, dem früheren Grundstoff des Contraste (der tatsächlich neben dem hier als Einzellage verwendeten Pinot auch Pinot aus Ambonnay enthielt) noch übertreffen? Das lässt sich nicht abschließend sagen. Beide Champagner waren gigantisch. Der Selosse völlig anders als der Egly, zwiebelschalenfarben, fast Rosé. Himbeermark, Sauerkirsche, Unterholz, für einen Extra Brut von unverschämter bis obszöner Trinklustigkeit, was ihm in meinen Augen den Sieg sicherte.

Nun war wieder eine kleine Pause nötig, der vorangegangene flight durfte erstmal nachwirken.

9. Bollinger Grande Année 1996

Mit etwas zeitlichem Abstand und der Wiederkehr objektiver Verkosterfähigkeit kam der nächste Hammer ins Glas. Grande Année 1996, ein Champagner, der vor Kraft birst und so erfrischend ist wie ein schnell geschlagener Satz Ohrfeigen.

10. Bollinger R.D. Extra Brut 1996, dég. Sep. 2006

Tückisch im Vergleich mit dem 96er Grande Année war der R.D. Besser kann man den Unterschied zwischen den beiden Degogierzeitpunkten kaum demonstrieren, als in diesem flight. Der R.D. war in allem Grande Année, aber mit einer Agressivität, mit dem so typischen Vitamin-C, mit einer auf die Spitze getriebenen Aromatik, die wie ein Messer wirkt, das kurz davor ist von ultrascharf zu schartig geschliffen zu werden.

11. Veuve Clicquot La Grande Dame Rosé 1989

Nach dem Kraftexzess und Höhenrausch der Bollingers nahm die große Mutter uns an ihren prachtvoll wogenden Busen. Die erschöpften Verkoster konnten sich an Milch, Milchkaffee, Toffee, Rumtopf, beschwipster Erdbeere, Mokkabohne, Kaffeerösterei und pikantem Damenduft laben, kein noch so weiches Gaumenkissen vermag eine solche Lagerstatt zu ersetzen.

12. Laurent-Perrier Grand Siècle 1988

Als Bonusflasche durfte es noch eine kleine Besonderheit sein, einer der wenigen Grand Siècles mit Jahrgang, noch dazu aus dem perfekt gereiften 1988er Jahrgang. Feminin war hier nichts, die ganze Verspieltheit rührt von einer gewissen höfischen Machart her, die dem Champagner eine kühle Noblesse gibt. Der Champagner ist strukturiert, auf Perfektion bedacht, mit wenigen Verzierungen, aber von einer Leichtigkeit und Frische, die an den 2002er Cristal erinnert. Gegenüber dem manchmal spitzenmäßigen, macnhmal schon wieder abgesunkenen 90er Grad Siècle ist der 88er wahrscheinlich die zuverlässigere und jetzt noch immer haltbare Wahl.

Weinzeitreise 1899 – 2009


I. 1. St. Antony Pettenthal 2006

Angenehm reif, würzig und gewichtig, mit unbeschwerter Säure.

I. 2. J.B. Becker Wallufer Walkenberg Spätlese trocken 1990

Reif, aber fast ganz ohne Petrol und Firne. Kernige, präsente Säure, saftiges Mundgefühl, wirkte unfassbar jung und sehr dynamisch, entwickelte sich über Stunden hinweg positiv.

II. Dom Pérignon 2003

Nachdem ich den neuen Dom Pérignon 2003 erst kürzlich einer Nagelprobe im Umfeld anderer Prestigecuvées unterzogen hatte, musste er nun in einem völlig anderen Kontext ran. Statt einer abgestimmten Speisenbegleitung gab es ein Stahlbad roter, weißer, stiller und sprudeliger Weine mal mit mehr, mal mit weniger Berührungspunkten zu unserem jungen Helden. Dabei bestätigte sich der beim ersten Test festgestellte Mangel an Säure. Wenn man den 2003er Dom in der Tradition von ebenfalls hitzigen Jahrgängen wie 1947, 1959, 1971, 1976 sehen will, wofür natürlich vor allem die besondere Hitze des Jahrgangs spricht, relativiert sich die skeptische Einschätzung etwas. Aber selbst große englischsprachige Stimmen sprechen beim Reifepotential "nur" von einem Zeitraum um 2020, das ist gerade einmal die erste plénitude, für einen regulär dégorgierten Dom Pérignon also das früheste Kindesalter.

III.1. Clos du Bourdieu Bordeaux Mousseux Blanc Brut Méthode Champenoise

Farbe von schleieriger Cola mit Fanta, nicht sehr schön anzusehen, für einen ca. 60 Jahre alten Schaumwein aber ok. Prickeln Fehlanzeige – auch das ok. In der Nase viel Pilz und Boden, auch Milch, Milchschokolade und Rahm – sehr ok. Im Mund volle Granate karamellisierte Mandelsplitter, ein lang und sauber nachklingender Pilzgeschmack und keine Spur von Metall, das bei so alten Weinen gerne mal die Tertiärschau zunichte macht. Exquisites Stöffchen für Altsprudeltrinker (bei denen kein Sprudel mehr drin ist).

III.2. Clos du Bourdieu Bordeaux Mousseux Rosé Sec (?) Méthode Champenoise

Knallrosarot, transparent, strahlend schön im Glas, und das bei dem Alter (ebenfalls ca. 60 Jahre plusminus)! In der Nase reife, pilzige Aromen, aber vor allem noch eine faszinierende Fruchtnote. Im Mund jugendlich, frisch, fruchtig, sogar noch ganz leicht prickelnd und mit einer ausgeprägten Süße, wie ein nicht genügend stark verdünntes Himbeersirupschörlchen. Gegenüber dem weißen Mousseux objektiv der lebhaftere, wahrscheinlich sogar bessere Wein, mir war er nur leider zu süß.

IV.1. Beaune 1949

Erdig, viel asiatische Schwarze-Bohnen Sauce und für mich zu viel flüchtige Säure, um ihn noch gut zu finden.

IV.2. Chambolle-Musigny 1949

Mähler-Besse Füllung. Ähnlich dem 49er Beaune sehr viel Erde, schwarze Bohnen, Sojasauce, dafür eine längere Aromenentfaltung und eine gesündere, obwohl schon leicht aggressiv wirkende Säure.

IV.3. Chambolle-Musigny 1947

Nochmal eine Steigerung, die Säure wirkt nicht so alleingelassen und aggressiv wie beim 49er Chambolle-Musigny, dafür gesellen sich salzige Aromen hinzu und geben dem Wein ausgewogenere Würze.

IV.4. Vosne-Romanée 1947

Mähler-Besse Füllung. In diesem Burgunderoldieflight mein Liebling, da er zusätzlich zu den bekannten und geschätzten Komponenten seiner Vorgänger eine seidenweiche, animierende und nicht vom Todeskampf herrührende Süße offenbart und damit von allen Flightpartnern der dichteste, feinstgewirkte Wein ist. 

V. Jurade de St. Emilion Vinée Eleonore d'Aquitaine 1952

Reife Süße von roter Paprika, gerösteter Sellerie und Liebstöckel, wirkt aber noch nicht annähernd so alt, wie er ist. Sehr flotter Wein, elegant, lang und sehr gut. Für mich ein echter Brecher.

VI.1. Dupard Ainé Charmes-Chambertin 1962

Seltsam floraler Duft wie in einem mit Blumen überladenen Krankenzimmer. Klebstoff. Kratzige bis beissende Säure, aber auch besänftigendes Graphit. Im Mund salé-sucré. Wirkt auf mich noch nicht oder nicht mehr richtig gefasst. Entweder jetzt trinken oder in drei bis fünf Jahren nochmal probieren, dann ist er entweder tot oder genesen.

VI.2. Latricière-Chambertin 1979

Dünner, flacher, pfeffriger Wein.

VII. Vieux Château Certan 1976

Gegenüber meinen ersten drei Begegnungen mit diesem Wein war er jetzt labberig weich und milchschokoladig. So wie es aussieht leider schon zu lange geöffnet.

VIII.1. Châteauneuf-du-Pape Vieux Donjon 1979

Der Jungfernjahrgang der Domaine schmeckt wie altes Moncherie mit einem Hauch Lavendel. Kann man sich noch gut gefallen lassen.

VIII.2. Châteauneuf-du-Pape Les Cailloux 1979

Ebenfalls reif, aber vollmundiger, mit komplexerer Süße, kesser Saftigkeit und einem breiteren Aromenfächer als der Vieux Donjon. Mit einigem Abstand mein Lieblingswein in diesem flight. 

VIII.3. Châteauneuf-du-Pape Les Marcoux 1979

Noch süßer als die beiden Vorgänger, dabei weicher und weniger profiliert, fällt er für mich gegen den Les Cailloux klar ab.

IX. Grand Puy Lacoste 1995

Sehr süß, sehr reife, dick geballte Früchte, dabei immer noch sehr gediegen. Verführt mit seiner einladenden Art zum achtungslosen Trinken, wäre mir aber in seiner jetzigen Phase nach mehr als zwei Gläsern schon wieder langweilig; die 95 PP kann ich verstehen, würde den Wein aber  erst in frühestens zehn Jahren nochmal trinken wollen.

X.1. Albert Bichot Château de Dracy Ratafia Comte d'Espiès Monopole de la Maison 1929

Nach dem süßreiffruchtigen GPL war der aromatisch von starken Châteauneufs vorbereitete Sprung zum burgundischen Ratafia trotz der räumlichen und zeitlichen Entfernung nicht mehr groß. Trockenbeerenaroma, sowie eine für alten Ratafia und Très Vieux Pineau de Charente typische, mildbalsamische, von Pilzrahmsauce und Mehlbutter flankierte Alkoholnote.

X.2. Château Géneste Villenave d'Ornon Eau de Vie de Bordeaux 1899

Sanddorn, rote Beeren, Safran und Curry, die mich an alten Eau de Vie aus Cognac denken ließen, aber auch ein leichter Pflaumenduft, der mich dann wieder auf alten Armagnac tippen ließ. Im Mund etwas gezehrt und wässrig, wahrscheinlich wegen des Alkoholverlusts im kaltnassen Keller (dort verfliegt der Alkohol schneller, während sich in trockenheissen Kellern das Wasser schneller verabschiedet und einen hitzigeren, alkoholischeren Brand zurücklässt). Die Wahrheit lag buchstäblich in der Mitte: Eau de Vie aus Bordeaux, der tatsächlich einige typische Eigenschaften der nördlich und südlich gelegenen Destillatsregionen Cognac und Armagnac in sich vereint.

XI. Calon-Ségur Premier Cru de St. Estèphe 1962

W.H. Bauly Füllung. Hohl, mit Zitrusspülmittelnote. Nicht besonders inspirierend, für meine Begriffe war der Wein um.

XII. Faiveley Morey-St.-Denis, aus den 70ern (?)

Alte Walnuss, Kräuter, Sauerkirsche. Außerdem Speck und Zedernholz. Im Mund dann sogar noch charmanter, als die schon recht angenehmen Nase vorab wissen lässt. Gefiel mir sehr gut.

XIII.1. Châteauneuf-du-Pape Chante-Perdrix 2009

Dunkle Siebenfruchtmarmelade, Rosmarin, Thymian. Sehr jung, deshalb nur in leicht angekühlter Form zu trinken. Mit so einem Wein verführt man Weinnovizinnen.

XIII.2. Châteauneuf-du-Pape Domaine Pierre Usseglio 2001

Reif und süß, dabei griffig, mit vielenvielen Kräutern. Mit diesem Wein verführt man Frauen, die von Hause aus sehr verwöhnt sind und zu leichten Pölsterchen neigen.

XIV.1. Nicolas Potel Volnay Vieilles Vignes 2005

Anfangs Pillenbox und Plastiknote, nach deren verfliegen kommen schwarzer Pfeffer und Schattenmorelle zum Einsatz. Entwickelt sich über Stunden sehr konzentriert weiter und hätte so früh gar nicht geöffnet oder zumindest dekantiert werden müssen. Bestätigt den guten, in den letzten Jahren wegen seiner vernünftigen Preise sogar immer besser gewordenen Ruf, den Volnay als Rotweinappellation genießt.

XIV.2. Friedrich Becker Spätburgunder Schweigener Sonenberg, Einzellage Kammerberg 2005

Leichter, unbeschwerter als der Volnay, mit mehr Sonne im Herzen. Der französischste deutsche Burgunder, den ich kenne, gleichzeitig ein völlig eigenständiges Weinprofil und mit mehr Reife ein Garant für erfreuliche Überraschung in französischen Burgunderproben.

XIV.3. André Guy Volnay 1964

Liebstöckel unter einer Käseglocke. Obwohl gut trinkbar, reißt dieser Volnay nicht mit, dafür ist er etwas zu kurz angebunden und immer stört der an zu lange im Kühlschrank gelagerten Käse erinnernde Oberton.

XV. Robert Chassaing Hermitage Cru Classé 1947 oder 1955

Brombeere, Maulbeere, Blaubeerjoghurt. Obwohl deutlich älter als der ihm von Norden quasi entgegenkommende Volnay, wirkt dieser Wein viele Jahrzehnte jünger, dynamischer, kerniger und so pumperlgsund wie noch selten ein Wein dieser Herkunft und dieses Alters sich mir präsentiert hat – wobei sich der Jurade de St. Emilion 1952 in ähnlich splendider Form gezeigt hat. Stoffreich und übervoll mit Aromen, so dass er zu platzen droht, wenn man ihn nicht leicht gekühlt trinkt. Ein phantastischer Abschluss.

XVI. Eric Isselée Cuvée Clement Blanc de Blancs Grand Cru élevé en fûts de chêne 2004

Boskoop-Apfeltarte, etwas roter Apfel, Vanillekipferl, Crème brûlée. Herbfrisch und um 3.50 Uhr  mit sehr belebender Wirkung, nach den vielen Roten mit einem auch gaumenklärenden Charakter. 

Das Champagnergipfeltreffen

Knalliger, harter Biowinzerchampagner von 0,3 ha Rebfläche dem Kalkuntergrund unter Lebensgefahr mit bloßer Hand entweder prähistorischen oder genetisch völlig verrückten Reben abgerungen, im selbstgebuddelten Keller ohne Dosagezucker entstanden und mit mindestens Mondgehölzausbau verfeinert, muss manchmal den Nobelkreszenzen und Hommageweinen der großen Erzeuger weichen, die bekanntlich fantastilliardenschwere Marketingbudgets dafür bereithalten, sich die ebenso seltenen wie scheuen High Net Worth Indivuduals gewogen und gefügig zu machen. Was die Großen dafür ins Glas bringen, wird vielfach kritisch beäugt, als gesichtslose Heuschreckenplörre, aufgeblasene Marketingsuppe, Snobbrause etc. getadelt bis verunglimpft. Trotzdem sind immer alle froh, wenn sie mal ein Gläschen – am liebsten umsonst – davon bekommen und sei es nur, weil sich dann kenntnisvoller drüber schimpfen lässt. Gemeckert wurde beim nun stattgehabten Repas au Champagne im Gourmet Bistro von Zurheide in Düsseldorf nicht – weil es nichts zu meckern gab.

1.

Champagne Hugot et Clement NV

dazu Trüffel-Frischkäse-Crème

60PM 30PN 10CH, mit ca. 8 g/l dosiert.

Der Einstieg war außergewöhnlich. PR-Profi Ralf List ist der Mann hinter Champagne Hugot & Clement, eine Marke d'Acheteur mit genau einem Champagner. Fast wie Salon. Nur dass die Pilze im Keller von Salon recht eindrucksvoll vor den Flaschenstapeln wachsen; anders, als bei diesem Champagner. Aber doucement: Hugot & Clement ist ein Kooperativenchampagner von der Cooperative des 6 Coteaux in Pouillon, einem Nachbarort von St. Thierry. Kooperativenchampagner fällt oft in die Kategorie drink and forget. Dieser nicht. Das liegt an seinem ungewöhnlich heftigen Trüffelduft. Der wiederum kommt von Trauben aus dem Herzen des Massif St. Thierry, genauer: aus Merfy, die der Marketinglegende nach eine geheimnisvolle mariage mit dem weißen Trüffel eingehen. So wie der Champagner als Teufelswein galt, war der Trüffel eine zeit lang als Teufelspilz verrufen, auch wenn er noch so sündhaft gut schmeckte. Frère Oudart, ein Mitbruder Dom Pérignons, soll, so wieder die Legende, eine Rezeptur entwickelt haben, die beides unter einen Hut, bzw. in die Flasche bringt. Natürlich ging das Rezept verloren, bis die Herrschaften Hugot und Clement es in den 1970ern wiederentdeckten, genaues weiß man aber nicht außerhalb der Kooperativenmauern. Sicher ist nur, dass dieser Duft von weißem Alba-Trüffel exzellent zur getrüffelten Frischkäsecrème passte, die wiederum selbst mit schön dick Trüffel belegt war. Im Mund war das Trüffelaroma des Champagners dann nicht ganz so ausgeprägt, da hätte es in dieser Intensität aber sowieso nur gestört. Im Übrigen ist der Champagner von solider handwerklicher Qualität, als Einstieg in eine exquisite Probe ist er ein schöner Überrascher. Allzu viel würde ich davon wegen des dominanten Trüffeldufts trotzdem nicht trinken wollen.

2.

Dom Pérignon 2003

dazu Fines de Claires

Mit dem 2002er Dom Pérignon geht es mir ähnlich wie mit dem 2002er Cristal; beide hatten nach 1996 eine mühsame Phase, die bei Dom Pérignon von geschmacklicher Japanisierung geprägt war und dabei die von mir so geliebte domtypische Leichtigkeit vermissen ließ. Beim Cristal dieser Zeit war es so, dass der mediale Prestigefunke qualitativ einfach nicht überspringen wollte, er wirkte auf mich ebenso verstockt und seltsam bemüht, wie die Jahrgangskameraden der anderen ältesten Prestigecuvée (Cristal ist zeitlich gesehen älter als Dom Pérignon, war aber lange eine reine Exklusivangelegenheit des russischen Zarenhauses; erst der 1945er Cristal wurde frei vermarktet. Dom Pérignon dagegen kam mit seinem 1926er, bzw. unter dem Namen Dom Pérignon erst mit dem darauf folgenden 1921er schon gute zehn Jahre zuvor auf den freien Markt). Wie auch immer, der 2002er versöhnte mich dann mit beiden wieder so richtig. Als Premiere gab es aber hier nicht den 2002er, sondern den im Dezember 2011 erstmals vorgestellten und in Deutschland erst ab Februar 2012 erhältlichen 2003er. Da klingelten natürlich erstmal alle Alarmglocken, denn 2003 ist ein ganz und gar untypisches, extrem schwieriges Jahr in der Champagne gewesen, das z.B. bei Bollinger die ungewöhnliche Entscheidung provoziert hatte, einen 2003 by Bollinger zu kreieren, der bekanntlich sehr kontrovers besprochen wurde. Viele Häuser haben gleich ganz darauf verzichtet, den Jahrgang zu deklarieren, wobei ich nicht unerwähnt lassen will, dass Philipponnat in diesem Jahr mal wieder allen eine Harke geschlagen hat und für meinen Geschmack einige der besten Resultate unter den größeren Erzeugern für sich verbuchen kann. Zurück zum Dom: Richard Geoffroy hat sich der Herausforderung gestellt, den hagel-, frost- und hitzeerprobten Winz-Ertrag der frühesten Ernte seit 180 Jahren zu einem Dom Pérignon zu formen. Der Mühe Lohn ist ein konzentrierter, luftbedürftiger Champagner, der in der Nase behutsam räucherig und speckig beginnt. Ist das Interesse daraufhin geweckt, muss man sich durch einen Schleier aus feinem Mineralstaub durchschnuppern, um auf eine herbpflanzliche Note zu stoßen, die an dicke, dunkelgrüne Sukkulentenblätter erinnert. Im Mund knüpft der 2003er Dom Pérignon an die gewohnte Ausgewogenheit von Chardonnay und Pinot Noir an, dabei wirkt er mächtiger, intensiver und massiver als der 2002er, dabei auch etwas chininig. Was ihm gleichzeitig fehlt, ist Säure. Bei der ungefährlichen Kombination mit Austern stieß das nicht weiter auf, dürfte sich aber auf sein Alterungsvermögen auswirken. Das ist angesichts der reichlichen Mengen noch im Umlauf befindlicher 2002er und des sehr ertragreichen kommenden 2004er Jahrgangs nur ein theoretisches Problem. Denn bevor der 2003er Dom an seine Lagerfähigkeitsgrenze kommt, ist er wahrscheinlich schon längst ausgetrunken. Mein Zwischenfazit: unter schwierigsten Bedingungen ein weiterer Schritt in die richtige Richtung. Für Richard Geoffroy ein gelungener Kraftakt, der jedoch hinter der mühelosen Erscheinung des 2002ers zurückbleibt und aller Voraussicht nach spätestens mit Freigabe des 2004ers als atypischer Zwischenjahrgang angesehen werden wird.

3.

Pol-Roger Cuvée Sir Winston Churchill 1999

dazu ein Schluck Erbsensuppe, Jakobsmuschel, Kaviar

Viel Lob hat er bekommen, der Winston Churchill 1999, stellenweise klang es mir zu überschwenglich und unkritisch, vielleicht angesichts der beeindruckenden Erfolge des Hauses auf allen Ebenen auch nur zu gewohnheitsmäßig positiv. Denn bei aller Güte und Stringenz der anderen Champagner des Hauses Pol-Roger sind mir die Churchill-Jahrgänge 1998 und 1999 nicht so lieb wie noch der galaktische 1996er. Eine Spur zu süß, lautet nämlich mein momentanes Verdikt. Zu süß vielleicht nur für meinen Gaumen und zu süß vor allem dann, wenn man ihn solo trinken will, was gerade in Deutschland immer noch die überwiegende Darreichungsform ist. Ich räume dabei gerne ein, dass der Churchill 1999 jetzt noch viel zu jung ist, um fair über ihn richten zu können. Und gerade wenn man schonmal einige ältere Pol-Roger Jahrgänge im Glass hatte, muss man den Dosagezucker unter reifestrategischen Gesichtspunkten sehen. Aber nun ist er am Markt und muss mit dem mildem Verweis leben, später wird ihn das sowieso nicht mehr anfechten. Abgesehen davon brilliert er als Speisenbegleiter, gerade wenn Salz im Spiel ist, weshalb ich ihn gern zur Erbsensuppe getrunken habe. Dort schnitt er dann völlig verdient als bester Wein des Abends ab. Die solo von mir bemängelte Süße störte hier kein bisschen mehr, vor dem deftigen Süppchenhintergrund konnte sich die ganze Muskelkraft des Churchill ungehemmt entfalten, mit dem Aroma der Jakobsmuschel im Gleichklang laufen und schließlich zusammen mit dem Kaviar einen finalen Akzent am Gaumen setzen. Bemerkenswert auch, welche Säurereserven sich hierbei auftaten, die ein weiterer Garant für großes Reifepotential sind.

4.

Veuve Clicquot La Grande Dame Rosé 1998

dazu geröstete Brioche, Gänselebermousse, Apfelconfit, Schokolade

Brioche, Leber und Schokolade, das ist nur auf den ersten Blick eine Kombination wie Roséchampagner, Gamma-GT und Führerschein. In Wirklichkeit ist das Verhältnis der Beteiligten viel entspannter, denn der kräftige Witwen-Burgunder bringt alle natürlichen Anlagen für die Vermählung mit dem Kakao mit. Milchschokolade, Milchkaffee, Noisette, Sauce Griottine prägen die Nase. Die Briochehefe ist glücklicherweise als ein altes Erbteil der Champagne von solcherlei Hochzeiten gar nicht erst wegzudenken und Apfelconfit ist eine Dreingabe, über die sich besonders die jungen Champagnerpaarungen stets glücklich schätzen. Die Gänseleber als zentrale Komponente erwies sich wie schon seit Jahrhunderten als gute Partie zum Champagner, von rustikal bis aristokratisch ist da alles drin, der Biographie unserer Witwe nicht ganz unähnlich. Die 1998er Grande Dame Rosé ist aber bei aller Aromenvielfalt eine Pinot-Essenz, die polarisiert. Wer den Stil des Hauses mag, findet ihn hier in unverfälschter Reinheit und eine ganze Klasse ausdrucksvoller, als in der weißen Grande Dame. Wer andererseits schon das Yellow Label nicht mag, wird bei diesem den Standardbrut potenzierenden Champagner keine Glückseligkeit erlangen.

5.

Armand de Brignac Brut Gold

dazu Thunfischtatar, Sesam, Limone

Bei aller berechtigten Skepsis gegenüber schamlos überteuerten Lifestyleweinchen darf man gerade beim Champagner nicht vergessen, dass er seinen phänomenalen Ruf nicht allein seiner Güte verdankt, sondern einem über Jahrhunderte perfektionierten Marketing, in dessen nur scheinbar schattigeren Gefilden sich reger Zuspruch aus dem Rotlicht- Bühnen- und sonstigen Halbweltmilieu ebenso findet, wie eine quirlige Avantgarde, wie wir sie im Moment an der Aube, im Marnetal und einigen anderen Eckchen der Champagner erleben. Vielleicht ist es dieses nicht streng naturwissenschaftlich zu verstehende Klima, dem sich neue Impulse überhaupt erst verdanken; sei es die Wiederbelebung des Fassausbaus bis hin zum Solerasystem, das Spiel mit der Dosage oder die Atomisierung der Cuvéeidee in Richtung immer speziellerer Lagen- und Rebsortenchampagner der Avantgardewinzer von Selosse über Laherte bis Gautherot, Bouchard, Collin, Dosnon & Lepage und Prevost. Eine ganz andere, meiner Meinung nach funktional gleichberechtigte Sparte besetzen die – exakt aufgrund ihrer professionellen Marketingkampagnen erfolgreichen – Zeitgeist-, Blingbling- und Markenchampagner wie z.B. der eingangs getrunkene Hugot & Clement, Tarlants QV Discobitch, das Champagnerprojekt der Rothschildfamilien und eben unser Armand de Brignac. Diese Champagner sind wegen ihres unterschiedlichen Publikums in einem völlig anderen Kontext zu verstehen, als die Champagner von Minimengenkultwinzern. Was die verschiedenen Sparten eint, ist ihre Pflicht, dem jeweiligen Klientel zu schmecken. Insofern lässt sich das Haupteinsatzgebiet unseres Ace of Spades schnell abstecken: Rapperfeten in Nobeldiscos. Weil dort nicht nur gekokst, sondern zwischendurch auch mal eine Kleinigkeit gegessen wird, drängten sich für die Kombination im Menu ein paar gecrossoverte Gabelhappen Thunfischtartar auf. Das ist bei der Zusammenstellung eines Champagnermenus gleichermaßen fordernd wie dankbar. Man muss nur einen Begleiter finden, der auf der Zunge lang und stabil genug ist, eine gewisse Bulligkeit mitbringt, sich aber nicht in den Vordergrund schiebt und allzu ehrgeizig die delikaten Aromen des Fischs übertönt, dem hier eine leicht kreuzkümmelige Crème nebst Salat beigetan war. Unser reichlich nobeltanzschuppenerprobter Champagner musste also ausnahmsweise seine Bodyguardqualitäten unter Beweis stellen. Das tat der erst anlässlich der Geburtstagsfeier von Jay-Zs Töchterchen wieder prominent eingesetzte Armand de Brignac im dafür wie geschaffenen Top Ten Glas von Schott-Zwiesel mühelos. In der Nase zeigten sich Verbene, Zitronengras, Tigerbalm, die ganze Operation verlief unfallfrei und in schönstem Einklang mit Sesam und Limonenöl. Der Gaumen dankte es mit Nachtrunkverlangen.

6.

a) Louis Roederer Cristal Blanc 2004 en Magnum

dazu Steinbeißer im Pata-Negra-Mantel Petersilienpurée, marinierte Shisokresse

Auf den Armand de Brignac Gold folgte gewissermaßen in nachträglich zeitlicher Umkehrung der jahrelang vor dem AdB im amerikanischen Rapmusikantenstadl beliebte Cristal. Den Spitzenplatz in der Blingliga hat der Cristal zwischenzeitlich frag- und klaglos geräumt. Seine Reputation und den angestammten Spitzenplatz in der Champagnerprestigeliga erobert er sich nach dem am Ende nur noch unfreiwilligen Ausflug in Musikmogulkühlschränke seit dem schönen 2002er Jahrgang zurück, dazu habe ich ja weiter oben schon ein paar Worte verloren. Nachdem pünktlich mit dem 2002er und jetzt mit dem 2004er die Qualität gestiegen, die Endverkaufspreise hingegen stellenweise sogar noch gesunken sind, gibt es für den Champagnerfreund nichts zu beklagen. Leider hatte die erste Flasche Kork, bei Magnums immer besonders ärgerlich. Zum Glück war für Reserve gesorgt. Die war einwandfrei. Der aktuelle Cristal zeigte sich ganz typisch geraten, mit Brioche, Biscuit, Amarettini, Aprikose, Zitronenschale, Ingwer. Gehaltvoller als der 2002er Cristal, aber nach dem schwergewichtigen Armand de Brignac merklich anders gestrickt, so als träte hinter Laurence Fishburne (dessen Tochter kurioser- wie irgendwie auch in das gerade hervorgerufene Bild passenderweise als Pornostarlet arbeitet) plötzlich Daniel Craig hervor.

b) Entr'acte: Louis Roederer Cristal Rosé 2004

Für mich der Wein des Abends. Der 2004er Cristal Rosé vermittelt genau das, was Norman Mailer in seiner Quatschbiographie über Marilyn Monroe immer so gut findet: puren Sex. Ohne angestaubte Pin-up Ästhetik, muss ich hinzufügen. Eher wie Sophie Dahl in der Anzeige für Yves Saint Laurents Parfum Opium: schneeweißer, formprächtiger, erwartungsvoll drapierter Körper mit verheißungsvollem roten Schopf. Und das sagt der Kinski dazu: guter Wein, pralles Weib, ist beides köstlich Zeitvertreib.

7.

Nicolas Feuillatte Palmes d'Or 1999

dazu Champagnersorbet aus Nicolas Feuillatte Palmes d'Or 1999

Es gibt viele Esser, die das vermehrt zwischen den Gängen servierte Sorbet ablehnen. Warum, ist mir nicht ganz klar. Ich freue mich bei einem langen Mahl immer sehr über einen kleinen, leichten, sehr gerne auch erfrischenden Gang. Ob das eine kalte Gemüsesuppe, Spiesschen, etwas Fluffiges oder ein mehr oder weniger fruchtiges Sorbet ist, interessiert mich dabei nicht so sehr, wenn es in die Gesamtarchitektur passt. Mag sein, dass die herrschende Rotweinfraktion das kritischer sieht, weil ihr die dazu passenden Weinkombinationen fehlen. Bei Champagner ist das anders. Da darf das Sorbet nur nicht zu süß sein. Darauf hatte ich Küchenchef Jörg Tittel vorher aufmerksam gemacht und dankenswerterweise hat er sich daran gehalten. Für mich war dieser unauffällige Zwischengang aufgrund des perfekten Zusammenspiels von herbfrischem, weitgehend süßefreiem, aus drei Flaschen Nicolas Feuillatte Palmes d'Or 1999 hergestelltem Sorbet und reifem, mildpilzigem Champagner der beste von allen Gängen. Der Champagner hat in den letzten zwei Jahren eine bilderbuchhafte Entwicklung hingelegt, auch wenn sie mir etwas zu schnell vorkommt. Die primären Aromen sind weg, die händeweise in den Mund gestopften Himbeeren aus seiner Frühphase sind den erwähnten pilzigen Noten gewichen, die ich bei Champagner im Allgemeinen liebe, die ich aber bei einem noch so vergleichsweise jungen Champagner in der Intensität nicht erwartet habe.

8.

Armand de Brignac Rosé

dazu ein Stück von der sous vide gegarten Kalbshüfte, Zwiebelmarmelade, Pariser Kartoffeln

Der Armand de Brignac Rosé ist von Beginn an mein Lieblingschampagner aus der AdB-Serie gewesen, auf deren Clos man allerdings wohl noch etwas warten muss – zehn Jahre, wie ich vernommen habe. Am besten schmeckte er mir schon bei der ersten Begegnung aus dem Burgunderkelch. Davon war hier keiner zur Hand, deshalb habe ich denjenigen, die diese Erfahrung ansatzweise auch einmal machen wollten, das umgießen in einen Bordeauxbecher empfohlen und erntete dafür herzlichen Dank. Weich, anschmiegsam, mit einer fließenden, glamourösen Robe war der Rosé, an dem ich keine Dosageerhöhung feststellen konnte, wie für Sommer 2011 angekündigt.

9.

Cattier Ratafia

dazu Schokosalzstangen, Trüffelmousse, Champagner-Amarettini

Der Ratafia von Cattier wird in einer Flasche angeboten die aussieht, wie eine Haarspraydose. Gewöhnungsbedürftig für ein Haus, dessen sonstige Flaschenausstattung eher konservativ ist. Konservativ ist auch der Ratafia selbst. Nicht zu süß, recht alkoholisch, eher leicht. Mit weißer Schokolade und Trüffelmousse hat er etwas zu kämpfen, Schokosalzstangen und die nur dezent-süßen Champagneramarettini bereiten dagegen keine Probleme.

Champagnerentspannung mit “happy end“

1. Gardet Selected Reserve
Drittelmix mit 25% Reserve aus dem Eichenfass und zusätzlich einjährigem Fassausbau
Hefig bis bierhefig, jung, unuhig, unausgewogen, noch keinerlei Spuren von Reife. Der bierhefige touch wie ich ihn zuletzt bei den Champagnern von Tribaut-Schloesser sehr unangenehm empfand, ist hoffentlich eine vorübergehende Erscheinung oder ein individueller Flaschenfehler gewesen. Werde ich demnächst verifizieren.

2. Bérèche Père et Fils Brut Rosé, dég. Sep. 2010
Von meinem letzten Besuch bei Bérèche habe ich diesen Rosé mitgebracht, den ich in meiner Hast und Gier schon bei zwei anderen Gelegenheiten verheizt habe. Belebend, spritzig, an der Zungenspitze blüht er richtig auf, umfasst die ganze Zunge und klingt dann etwas zu kurz nach hinten hin ab. Erdbeere, Baiser, Knisterzucker.

3. Dosnon & Lepage Récolte Noir, dég. 2. Halbjahr 2007
100PN
Einer der ganz starken kleinen Champagnererzeuger. Aube-Avantgarde, die beiden Macher stammen aus dem Kaff Avirey-Lingey, der eine hat Champagnererfahrung bei den ungleich größeren Herstellern Serge Mathieu und Moutard gesammelt, der andere als Strafverteidiger in Paris. Der Ertrag von zwei ha eigener und fünf ha fremder Rebfläche steht den beiden zur Verfügung und reicht für ca. 50000 Flaschen im Jahr. Wenn die kontinuierlich das Niveau des Récolte Noir halten, ist die glänzende Zukunft des sympathischen Labels gesichert. Der Blanc de Noirs ist üppig ausstaffiert mit blumigen, nobel-holzigen, überaus delikaten und recht burgundischen Aromen, wirkt an keiner Stelle schwächlich oder weichgelegen-morbid, ja schwingt zu meinem größten Entzücken noch mit einem kecken Schwanzwedeln originell aus, resp. das Halsinnere hinab. Einer der Champagner, mit denen sich die Mehrdimensionalität von Champagner wunderbar erfahren lässt.

4. Ulysse Collin Blanc de Noirs, dég. 16. März 2010
Dieser Champagner vereint alles, was ein Blanc de Noirs in sich vereinigen muss. Er ist prächtiger und größer dimensioniert als der Dosnon-Lepage, was ihm aber fehlt, wie mir mit zunehmender Flaschenreife auffällt, ist ein kleines bisschen Säure. Ich kann nicht sagen, ob ihm das im Alter das Genick brechen wird, oder ob er das nonchalant aus dem Füllhorn seiner Möglichkeiten überspielen können wird. Mir scheint aber klar zu sein, dass dieser Champagner momentan für sich die Weichen stellt. Ich würde ihn noch dieses Jahr trinken, dann aber für mindestens fünf Jahre ruhen lassen. Dann ist er entweder noch ein Stück gewachsen, oder aber er hat dann begonnen, sich zurückzubilden.

5. Champagne Mumm Cordon Rouge Millésime 1985
Auf dem Niveau eines reifen Piper-Heidsieck Rare bewegte sich der vermutlich letzte große Mumm-Jahrgang vor der Krise des Hauses. Mokka, Röstaromen, Speck. Kraftvoll anschiebend und mit Wucht gegen den Gaumen prallend, was frelich nur das halbe Vergnügen ist, oder gar keins, wenn man die röstigen Champagner nicht so sehr mag. Für mich war’s schön.

6. Drappier Grande Sendrée Rosé 2004, dég. Juni 2008
Ganz zauberhaft war die Grande Sendrée Rosé, feinstschlanke, bei der Grande Sendrée offenbar sowieso nie besonders vordergründige oder sonst piekende Säure, dazu ein edles Parfum aus Wildkirsche und anfermentierter Erdbeere; elegisch.

Die Frohe Champagnerbotschaft in anderen Medien

Rechtzeitig zum Fest und Jahreswechsel verlasse ich meinen angestammten "Arbeits"-Platz am Champagnerverkostungstisch und trage das Champagnerevangelium in andere Medien hinein. Beispielsweise diese:

 

TV:

In fernsehgerechter Kürze bei Planet Wissen im WDR, bzw. SWR und BR Alpha, Themensendung zum Champagner: zum Champagner Internetstream von Planet-Wissen.

 

Print:

Im Münchner Foodhunter, dem Exquisitmagazin für kulinarische Entdeckungen: zum Interview im Foodhunter.

 

Radio:

MDR INFO, Sendung vom 31. Dezember 2011, Silvester-Thema: "Immer mehr Deutsche trinken Champagner. Wie kommt's?" – Beitrag anhören: Champagner.

Hier geht's zur Mediathek des MDR.

 

Im realen Leben:

Die nächsten Verkostungen und Champagner Master Classes stehen an!

Verkostungen finden bundesweit an geeigneten Orten statt. Master Classes finden immer in Sternerestaurants mit abgstimmtem Menu statt. Beide sind immer schnell ausgebucht. Flink sein lohnt sich deshalb mehr denn je.

Weitere Infos gibts nach Anmeldung für meine Champagnerdepesche per Mail. Zur Anmeldung für die Champagnerdepesche.

Einige Schaumweine dieser Welt

 

Wer zu den Festtagen partout keinen Champagner servieren kann, will oder sich, horribile dictu, daran sattgetrunken hat, öffnet einfach einen anderen Schäumer. Möglichkeiten gibt es viele, hier sind fünf teilweise etwas ausgefallene Vorschläge:

1. Weingut Im Zwölberich Pinot Noir Brut 2003

Spätburgunder-Rotsekt, Barriqueausbau. Sehr dunkel, optisch in der Nähe von sparkling Shiraz. In der Nase deutlich burgundische Noten und im Mund hat er was von gut gelungenem Frühburgunder, bei dem das Prickeln zunächst irritiert. Noch bevor ich mich dran gewöhnt hatte, war ich von dem Sekt schon satt. Vielesser können sich sowas gern im Sommer zur BBQ-/Cajun-Küche öffnen.

2. Mizubasho Pure Sparkling Sake

Den Hinweis auf diesen Schäumer verdanke ich Tim Raue, der den Mizubasho Pure auf seiner umfangreichen Sake-Karte gelistet hat. Nach Champagner-Alternativen gefragt, fiel dem überzeugten Krugisten zunächst sympathischer Weise nichts ein – warum auch, wenn man mit den Erzeugnissen von Krug zufrieden ist. Dann langte er aber doch noch in die Kellertheke und fischte eine Flasche von diesem Stöffchen hervor. Nicht als Alternative von Champagner im Sinne eines Festgetränks, sondern in einem Teilbereich der Speisenbegleitung sollte der Mizubasho verstanden und getrunken werden. Denn wer traditionellen warmen Sake nicht leiden kann, Pils zum Sashimi nicht schätzt, vom knochentrockenen Riesling bis zum feinherben oder süßen Gewürztraminer und leichten Burgunder schon alle Weinkombinationen durch hat, der greift künftig auf das einzig standesgemäße Begleitgetränk zum rohen Fisch zurück: sparkling Sake vom Nischenmarktführer. Üppige, sehr kräftige Birnennase, fruchtig-bonbonige Töne von kalter Gärung, die man einem auf Reis basierenden Getränk gar nicht zutraut. Im Mund außergewöhnlich fordernd, mit einer alkoholischen Präsenz von Grappalikör, dabei immer eine süßliche Soju-Note forcierend. Für den Sologenuss nicht geeignet, jedenfalls nicht am europäischen Gaumen.

3. Laetitia Brut Coquard Arroyo Valley 2005

Im Großhausstil gefertigter Kalifornier, der hauptsächlich aus Pinot besteht und dessen Saft mit der namengebenden Holzpresse gewonnen wurde. Minimal holzräucherig, kein Schwächling, auch nicht schwabbelig, aber mit merklicher Dosage. Geht als Champagner durch, ohne dass man ihn einem bestimmten Haus zuordnen könnte.

4. Family Estate Cuvée No. 1 Blanc de Blancs

Neuseeland. Marlborough, Blenheim. Daniel Lebrun aus der Champagne tummelt sich im Keller und bringt ein Getränk in die Flasche, das auf hohem Champagnerwinzerniveau mitspielt. Kostet in Deutschland locker 35 EUR, ist also nichts für Champagneralternativensparfüchse. Dürfte aber für bei denen für verblüffte Gesichter sorgen, die der Neuen Welt richtig guten Schaumwein nicht zutrauen.

5. Astoria Prosecco Valdobbiadene DOCG Cuvée Tenuta Val de Brun Extra Dry 2010

Blumig, birnig, süß, dabei nicht unsauber oder pampig, auch ist die Süße für den Dosagegrad nicht übertrieben oder pampig, selbst eine Ahnung von milder Säure ist noch vorhanden, der Prosecco ist insgesamt rund, wenn man ihn sehr kalt trinkt sicher auch erfrischend und erfüllt alles, was man von Prosecco erwarten darf. Für Prosecco-Fans eine echte Empfehlung. Ich bin leider kein Prosecco-Fan. Deshalb trinke ich den vielleicht in vierzig Jahren nochmal, wenn Süße und Birne sich weiterentwickelt haben. Möglicherweise habe ich dann nochmal ein Erlebnis, wie mit dem Mittsechziger Carpene Malvolti, der für mich aus demselben Grund in der Form seines Flaschenlebens war.

Die ‚großen‘ Champagner: Grande … Dame, Année, Sendrée, Cuvée, … (Teil I)

Zu den Festtagen werden im ganzen Land wieder die im Supermarktregal gekochten Standardschäumer, der stets sehr gesuchte Champagner Bis(s)inger in seinen verschiedenen Spielarten aus dem Hause Vranken-Pommery, oder einer der notorischen Witwen-Klone zum Kartoffelsalat mit Würstln serviert, bzw. vorher oder nachher zur Einleitung des Fests feierlich vom Vati geöffnet, aber natürlich auch jede Menge schöne Winzersekte, Nobelcavas usf. aus der Sprudelecke des Weinkellers gekramt oder mit leuchtenden Augen aus dem Klimakühlschrank hervorgezogen. Einige ganz ganz Wenige werden die Festtage nutzen, ihren Lieben oder der Geliebten ganz besondere Schätze vorzusetzen. Die folgenden Notizen zu den derzeit marktgängigen Großcuvées mag als kleine Orientierungshilfe dienen. Naturgemäß sind nicht alle Champagner dabei. Ich habe mich auf die großen Häuser beschränkt und auch bei denen noch eine Auswahl getroffen. Ausgelassen habe ich nämlich der Einfachheit halber und weil es um große Champagner von großen Häusern geht alle, die nicht ein "Grand(e)" im Namen tragen.

1. Veuve Clicquot, La Grande Dame 1998, 1995, 1996

Auch schon wieder bisschen was her, dass ich die Grande Dame getrunken hatte. Zeit also für eine neuerliche Glasvisitation.

a) Im Frühjahr gab es eine 1998er zusammen mit Veuves Kellermeister Francois Hautekeur im Garten des zauberhaften Manoir de Verzy von Veuve Clicquot, wo wir uns die Wartezeit zum Dîner damit vertrieben, in den Weinberg und die Décolletés der Servierkräfte zu schauen. Das war eine sehr gute Sache, im Grunde hätte man daraus nahtlos ein Fotzsetzung von "Emmanuelle" drehen können. Mehr als ein halbes Jahr später ist die Softpornobeschaulichkeit einer höheren Form von Erotik gewichen. Ohne Schwulst in Mund und Nase, etwas Puder, etwas Verbene, rote und kandierte Früchte, durchweg klare Linien, sanft geschwungen und weiblich, schmeichelhaft, unverhüllt, gewiss nicht magersüchtig, aber ganz ohne Pölsterchen.

b) Die wenig später geöffnete 1995er Grande Dame konnte ihr Alter nicht verbergen, musste sie aber auch nicht. Mich interessierte nun, wie schnell oder langsam sich die 1995er Grande Dame 1995 fortentwickelt. Meine Hoffnung dabei: langsam, da ich mir vom 1995er Jahrgang mittlerweile noch einige schöne Trinkerlebnisse verspreche. Meine Hoffnung wurde bestätigt. Sicher ist die 1995er Grande Dame nicht mehr mit der Spannkraft einer Berufsanfängerin ausgestattet, dafür mit der versierten Überzeugungskraft einer berufserfahrenen Führungspersönlichkeit. Geschliffen, nobel, weinig und herb, wie ein Businesskostüm von Jil Sander. Auch frische Zitrusnoten aus ihrer ersten Reifephase haben sich erhalten, allem Anschein nach reift die Grande Dame auf dem jetzt erreichten Niveau langsam vor sich hin und wird noch einige Jährchen zur Verfügung stehen, bevor sie sich in die Seniorität zurückzieht.

c) Die Grande Dame 1996 habe ich bewusst weit weg gelegt, damit ich sie nicht versehentlich oder auf ihren Sirenenruf hin öffne. Jetzt war die Verlockung aber doch wieder so groß, dass ich mich rangemacht habe. Zur Strafe erging es mir wie dem Gouverneur Ollendorf in meiner Lieblingsoperette "Der Bettelstudent". Der erhielt von der schönen Comtesse Laura coram publico einen Fächerschlag ins Gesicht. Dabei hatte er sie vorher nur auf die Schulter geküsst. Das junge Fleisch ist nur scheinbar züchtig hochgeschlossen, weiß aber seine Reize sehr gezielt einzusetzen. Verboten scharfe, aber sehr effektiv den Champagner auf seiner Achterbahnfahrt in der Spur haltende Säure, geschwind bis turbulent ablaufende Aromenentwicklung, eine noch streng wirkende Mineralität, die schiere Sünde im Debütantinnen-Habit.

d) Kleines Fazit: Während die Heftigkeit der Umarmung des 1995ers etwas nachgelassen hat und Luft zum Atmen lässt, bockt die 1996erin noch ganz erheblich. Die Umarmung der 1998er Grande Dame ist demgegenüber innig, vertraut und von der richtigen Länge.

2. Über die Special Cuvée von Bollinger zu schreiben, ist ganz unergiebig, denn auf diese Cuvée ist so sehr Verlass, wie auf nur wenige andere Champagner. Trotzdem finde ich es immer sinnvoll, über die Standardbruts der Erzeuger an ihre Prestigeweine, d.h. hier über die Special Cuvée, bzw. den Rosé Sans Année an die jeweilige Grande Année heranzutreten. So mache ich das fast immer. Zur Standardcuvée von Bollinger erzähle ich an dieser Stelle trotzdem nichts und zum relativ neuen jahrgangslosen Rosé vielleicht gleich noch ein paar Worte.

a) Bollinger La Grande Année Blanc 2002, dég. Juli 2010 und dég. Februar 2011

Jetzt erstmal zur ungeduldig erwarteten 2002er Grande Année. Viel zu frisch war die natürlich, aber es half alles nichts, das Zeug musste runter. Was man bei anderen Weinen jung, quirlig, aufgeregt, auch kraftstrotzend oder übermütig nennen würde, erscheint hier nicht recht angebracht. Zwar trifft das alles zu, aber mit mehr Noblesse. Die aktuelle Grande Année ist juvenil, sportlich, trainiert, sehr konzentriert, dabei überraschend emotional. Wahrscheinlich genau der richtige Champagner für Sebastian Vettel. Seit dem 1990er die beste junge Grande Année, die ich getrunken habe.

b) Bollinger La Grande Année Rosé 2002, dég. Mai 2009 und dég. März 2011

Noch frischer als die weiße Grande Année war die Rosé-Version. Innerhalb der Bollingerfamilie ist die Grande Année Rosé, um ganz gegen meine Gewohnheit geschmacklose Inzestscherze auszulassen, der beziehungsreichste Champagner. Der Prototyp des Bollingerchampagners ist gewiss die Special Cuvée. Abgesehen von den Vieilles Vignes Francaises sind alle Champagner des Hauses in gewisser Weise Abkömmlinge von dem damit verkörperten Stil. "Alle" klingt dabei sehr zahlreich, doch gab es zusätzlich zur Special Cuvée lange Zeit nur die beiden Jahrgangschampagner Grande Année und seit dem Jahrgang 1952 die als "R.D." etikettierten Spätdégorgements der Grande Année. Mit dem 1976er Jahrgang trat die Grande Année Rosé dazu. Ein überschaubarer Clan, demnach. Der jüngst hinzugekommene jahrgangslose Rosé musste sich in dieses Bild einfügen, der Bezug zur Special Cuvée ist daher besonders eng. Ca. 6 % Pinot aus Verzenay machen den Unterschied zum weißen Standardbrut aus. Und wie der weiße Standard ist der jahrgangslose Rosé ideal, um sich an die Grande Année Rosé bruchlos heranzutrinken. Die Grande Année Rosé profitiert neben vielen Gemeinsamkeiten allerdings von einem noch exquisiteren Saft als der sans année, nämlich dem Pinot aus der Côte aux enfants. Was das an Verfeinerung und Klassenunterschied bringt, ist enorm. Unter den vielen gut gelungenen 2002ern gehört die Grande Année Rosé zu den besonders hervorhebenswerten Exemplaren. Wenn der Cristal Rosé 2002 der Unterwäscheparade von Vicoria's Secret entspricht, dann ist dies hier Lingerie von Valisere.

3. Drappier, Grande Sendrée

Michel Drappiers Grande Sendrée gehört zu den günstigsten Prestigecuvées am Markt, unter den Häusern vergleichbarer Größe gibt es nach meinem Wissen keines, das eine noch günstigere Prestigecuvée verkauft, die diesen Namen auch verdient hat und nicht einfach nur durch Zufall der teuerste Champagner des Portfolios ist.

a) Grande Sendrée Blanc 2004, dég. Januar 2011

55PN 45CH.

Leider befindet sich die ähnlich gebaute Grande Sendrée 2002 offenbar gerade in einer Verschlussphase, daher ist ein Vergleich zwischen beiden nicht sehr fruchtbringend. Gut hatte mir auf der Vinexpo dagegen die aktuelle Grande Sendrée 2004 gefallen, so dass es mir näherliegend schien, die jetzt nachzuprobieren. Die 2004er Grande Sendrée ist mittelgewichtig, aber nicht schmächtig. Sie gehört zu den Champagnern, bei denen ich immer wieder unterschiedliche Ausprägungen derselben positiven Attribute finde. Sanft und distinguiert, sehr präsent und hellwach. So wie man die Neigung zu einer halsbrecherischen Autofahrweise bei Michel Drappier gar nicht vermuten würde, kann man sich übrigens bei einem Besuch des Hauses, wo sie die Möglichkeit zur perfekten Reifung hat, von der wollüstigen Entwicklungsfreude der Grande Sendrée überraschen lassen. Nach einem doppelten Espresso zum Abschluss eines großen Mahls gibt es jedenfalls kaum etwas schöneres, als eine frische und vorzugsweise junge Grande Sendrée wie eben diesen 2004er für die inoffizielle Hälfte des Abends zu öffnen.

b) Grande Sendrée Rosé 2005, dég. Januar 2011

Mag sein, dass ich noch nicht genügend Grande Sendrée Rosé getrunken habe, mag sein, dass der Jahrgang besonders außergewöhnlich ist; hier zeigte sich ein etwas schwermütiger, melancholischer Rosé mit einem an smoothies erinnernden Früchtemuscharakter. Relativ wenig Säure und ein Schlußpunkt, der die Ballade stimmungsvoll und für mich ein wenig rätselhaft beendet. Wahrscheinlich noch etwas verschlafen, nach dem Dégorgement und ab Frühjahr 2012 überhaupt sinnvoll zu probieren.

In Teil II der Festtagschampagnerreihe geht es weiter u.a. mit Krugs Grande Cuvée.

Schlosshotel Hugenpoet: tour de plaisir mit Künstler, Salwey, Knipser et al.

Im Essener Schlosshotel Hugenpoet, wo die besternte Frau Bergheim in gediegenstem Ambiente kocht und eine Übernachtung zwar nicht billig, aber schön ist, habe ich mir einige aktuelle Kreszenzen zu Gemüte geführt. Die beiden jeweils favorisierten Weine der einzelnen Winzer stelle ich im Folgenden kurz vor.

I. Künstler

Künstler einmal in trocken und einmal in süß, jeweils aus der jetzt schon ihre Langlebigkeit ankündigenden Hölle:

1. Hochheimer Hölle Riesling trocken Erstes Gewächs 2010

Den Rummel um die Großen und Ersten Gewächse verstehe ich nicht, Namenswahl und Bezeichnungswirrwarr machen die Angelegenheit nicht sympathischer. Was mir aber trotz meiner Vorliebe für die fruchtigen Kabinette und Spätlesen von der Mosel sehr sympathisch ist: die Hochheimer Hölle von Künstler. Die geht selbst in trocken gut runter. Ein Weingewebe wie Werkstoff aus der Weltraumforschung. Leicht, strapazierfähig, elastisch. Vollreife blassgelbe Früchte. Wirkt zeitlos.

2. Hochheimer Hölle Auslese 2010

Die Aromenintensität von Früchtemus ohne dessen konzentrierte bis scharfe Süße, blumige Noten und eine das ganze Obstgewicht stützende Säure. Von mittlerer Länge.

II. Salwey

Aus dem rundum guten Burgunderangebot bei Salwey fiel es mir schwer, mich zu entscheiden. Letztlich wurden es trotz starker Rotweine doch die Weißen:

1. Henkenberg Weißburgunder Großes Gewächs 2010

Merkliche, aber nicht vordergründige Säure, erstaunlich viel reifes Obst, das den Wein sehr ausdrucksvoll wirken lässt, fast als hätte man gar keinen Weißburgunder, sondern einen Viognier im Glas.

2. Henkenberg Grauburgunder Großes Gewächs 2010

Muskatig, mostig, würzig, etwas pfeffrige, vielleicht alkoholische Schärfe bildet sich außerdem am Gaumen und gleitet Richtung Rachen süßlich aus. Holz ist ebenfalls etwas dabei. Wenn ich es recht bedenke, würde ich rückblickend dem Grauburgunder den Vorzug gegenüber dem Weißburgunder geben, bin mir aber nicht sicher wegen des Lagerpotentials, das ich beim Weißburgunder höher einschätze.

III. Dr. Heger

Nicht sehr überzeugend fand ich die Weine von Dr. Heger. Noch am besten waren:

1. Ihringer Winklerberg Spätburgunder "Mimus" 2008

Gut geraten, aber in allem zu konzentriert, zu viel von allem wahllos über den Gaumen schüttend war der Mimus. Weine dieser Art können sicher eine breite Käuferschicht erreichen, laufen aber auch Gefahr, verwischt und beliebig zu erscheinen. Gerettet hat den Mimus seine warme Erdigkeit, die auf eine schöne Reifung in der Zeit nach dem Abklingen der Früchtedominanz hoffen lässt.

2. Ihringer Winklerberg Spätburgunder *** Großes Gewächs 2007

Dichter an der natürlichen Rasse und Eleganz der Rebsorte war das Große Gewächs. Pektinig bis trocknend fand ich ihn in Spuren, störte mich aber angesichts der reichhaltigen Aromenfülle daran nicht besonders. Butter, Croissant, Marmelade, Mokkabohne, Früchtetee und Schokonote, also mal wieder ein halber Frühstückstisch kam da ins Glas. Anders als beim Mimus wirkte hier alles geschmackvoller komponiert und mit einem schimmernden, extraktigen Glanz überzogen, der mir zwar nicht herbbitter aber durchaus niveacremig vorkam. Vielleicht brauchen beide Weine noch ein paar Jahre, bis sie sich gefunden haben.

IV. J. J. Adeneuer

Aufsteiger des Jahres 2008, Kollektion des Jahres 2009, da sollte sich ein vertiefender Schluck aus der Pulle lohnen. Meine Favoriten von Adeneuer 2010:

1. Frühburgunder trocken 2010

Sehr leicht, trotz schweissiger Note sehr fruchtig, beinahe leichtsinnig, jedenfalls mit viel Freude wegzuschlürfen, mit Cassis und Blaubeermuffin, dabei keinesfalls belanglos, bonbonig oder ein bloßer Saufwein. Gefiel mir besser als der ernstere, viel komplexere, aber auch umständlichere Spätburgunder und ist mit 15 EUR preislich ganz im Rahmen.

2. Walporzheimer Gärkammer (Monopollage) Spätburgunder trocken 2010

Ich will nicht sagen kolossal oder gigantisch, aber jedenfalls am Tag der Probe zu groß für mein Glas, in dem der Wein sich regelrecht gefangen vorkommen musste. Dementsprechend wenig Chancen hatte er, sich auszubreiten und sein Qualitäten zu zeigen. Lorbeer, Wacholder, Laub, Kirschwasser, Pflaume, Veilchen, verhaltene Säure; buttrige Noten fehlten zum Glück hier ganz. Die Anlagen für einen mächtigen Wein waren zweifelsohne da, aber eben wie eine meisterliche Skizze von z.B. Dalì auf einem zusammengeknüllten Blatt Papier.

V. Knipser

Einmal rot, einmal weiß, beide aus einem starken Sortiment noch herausragend:

1. Mandelpfad Riesling trocken Großes Gewächs 2010

Rassig, noch pricklig, schon reichlich kernig, auch noch etwas hefig. Trinkt sich verführerisch gut und ist doch noch so jung. Bestürzend, dass dieser Wein vielfach ausgetrunken sein wird, bevor er sich zu seiner tatsächlichen Höhe aufrichten kann. Die sanfteste Art, großer Riesling zu sein.

2. Kalkmergel Spätburgunder Spätlese trocken 2009

Hier ist die Situation ähnlich wie bei Adeneuer, den Kalkmergel ziehe ich dem ebenfalls verkosteten aber noch völlig unausgeglichenen (nicht im Sinne von spannungsgeladen und bereits trinkbar, sondern im Sinne von nur ansatzweise entwickelt und noch ruhebedürftig) Kirschgarten GG 2008 zur Zeit deutlich vor.

VI. Hans Wirsching

Zwei frankenuntypische Weine gefielen mir bei Wirsching am besten. Das zeigt mir mal wieder, wie wenig ich von Frankenwein wahrscheinlich verstehe.

1. Iphöfer Kronsberg Riesling trocken Großes Gewächs 2010

Nie, nie, nie hätte ich so einen guten Riesling in Franken erwartet. Zitrus, Apfel, Quitte, Mirabelle, Kräuternoten und Boden, umspielt von frei schwingender Süße. Hohe Rieslingkunst, ich bin sehr angetan.

2. TriTerra (Grauburgunder, Weißburgunder, Chardonnay) trocken 2008

Sicher hätte ich auch den Silvaner von Wirsching an zweiter Stelle platzieren können, aber mir sagte einfach die sehr gute, freilich etwas konventionell anmutende Burgundercuvée stärker zu. Buttergebäck, Sahnigkeit und Nusstörtchen, etwas Säure, meinetwegen sogar flüchtige Säure, das Ganze nicht halb so mastig wie es sich anhört, von hoher handwerklicher Güte und elegantem Süßefinish, Wein dieser Art hätte ich im silvanerseligen und ultratrockenen Frankenland gar nicht vermutet. Sicher ein schöner Essensbegleiter.

VII. Drautz-Able

Württemberg gehört zu den Gebieten, in denen ich noch orientierungsloser bin, als sonst schon in der Weinwelt. Von Möbitz und Knauß abgesehen, bin ich kaum mit einem der dortigen Winzer auch nur halbwegs vertraut, auch sagen mir die dort bevorzugten Rebsorten nicht besonders zu.

1. Jodokus Beerenauslese 2009

Exzellent war die Beerenauslese, der zuvor probierte Sekt aus PN PM PB ist mir demgegenüber nicht so sehr in Erinnerung geblieben. Wahrscheinlich ist das besser so. Also die Beerenauslese: die war von einer dunklen, geheimnisvollen Art, raffiniert und vielschichtig, mit einer unter mehreren Schichten versteckten Süße, die man sozusagen erst hervorlocken musste und die sich dann mit einer Delikatesse entfaltete, wie ich sie sonst nur von der Mosel kenne, mit wesentlich höheren Säurewerten allerdings. Spitzenwein, der Jodokus. Unter gleichem Namen gibt es bei Drautz-Able einen 2008er Mix aus Cabernet-Sauvignon, Merlot, Lemberger und Samtrot, der mir wie ein gut gepolsterter Bodeaux vorkam und reichlich gut schmeckte; obsiegen musste aber der Süßwein.

2. Lemberger Reserve trocken "Hades" 2007

Toastig, mit Milchschokolade und Zwetschgenröster. Wenig Säure und ich habe mich außerdem gefragt, was den Wein eigentlich im Kern bzw. natürlich auch außen rum zusammenhält, denn besonders viel Tannin habe ich ebenfalls nicht detektiert. Egal, der Wein hält sich vielleicht selbst irgendwie zusammen und schmeckt mir trotz seiner düsteren Namensgebung sehr gut.

IX. von Hövel

1. Oberemmeler Hütte Riesling Spätlese 2010

Für schlappe 10 EUR gibt es diesen Wein zu kaufen. Mir kam er vor, wie ein Zweizack. Hie Süße, da Säure. So einfach, schön, gut gearbeitet und effektiv wie eine Bratengabel aus Omas Silberbesteckkasten.

2. Scharzhofberg Riesling Großes Gewächs 2010

Abtörnend fand ich die trockene Scharzhofberger Spätlese wegen ihrer ungehörigen Sauvignon-Blanc Aromatik. Im Großen Gewächs war die nicht so plärrend präsent, sondern einem weichen Muskattraubenton gewichen, der dem schlanken, fließend gewandeten Wein gut stand, so dass er mir am Ende besser gefiel als die Kanzemer Hörecker Auslese 2007 – deren Petrol- und Popcornnase ich nicht so unwiderstehlich fand, wie sonst. Obwohl dem trockenen Mosel-Saar-Ruwer Wein abhold, verdient dieses Große Gewächs Lob. Kostet vergleichsweise bescheidene 22 EUR.