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Category Archives: Allgemein

Allerlei und allerhand Information rund um den schäumenden und den stillen Wein, Cognac, Hotels und Restaurants. Streng nach meinen eigenen Interessen geordnet und veröffentlicht.

Champagne Floater


1. Paul Dethune Blanc de Noirs, dég. Juni 2010

Üppiger Winzerchampagner mit leichtem Fassausbau, immer wieder eine sichere Bank, leider nicht mehr zum Kleinerwinzerpreis zu bekommen. Tip: die Lotnummern geben bei den Champagnern von Dethune das Dégorgierdatum an. Die Großbuchstaben stehen für die Cuvée, danach kommen die mit (T) gekennzeichneten beiden Endziffern des Jahrs der Tirage. Das (D) steht für das Datum des eigentlichen Dégorgements.

 

2. Marc Hébrart Premier Cru Reserve

Handgerüttelt, ca. 80% Pinot aus Bisseul, Avenay Val d’Or und Mareuil, aus Weinbergen direkt neben dem berühmten Clos des Goisses von Philipponnat; der Rest ist Chardonnay. Zu diesem Champagner habe ich mal Apfelspass notiert und genau das ist die zutreffende Bezeichnung auch nach einiger Flaschenreife. Nicht mehr ganz so ausgelassen tobend, aber mit einer immer noch frappierenden, von lieblicher Säure begleiteten Apfelfülle.

 

3. Janisson-Baradon Brut

50PN 40CH 10 PM.

Eigentlich so etwas wie die Visitenkarte des Hauses, dessen Portfolio sich nach oben hin etwas auszufasern beginnt. Dort steht die meist etwas knorrige Großvatercuvée George Baradon neben der Special Club Einzellage Les Toulettes und beide Champagner sind gut, die Toulettes ohne die Oxidationsneigung vom Opa und mit längerem, stärkerem Griff. Man ist beim Durchkosten erstmal geneigt zu fragen, wo denn das Verwandtschaftliche Element steckt. Wahrscheinlich in der Weinigkeit aller Champagner des Hauses. Denn flirrige Flitterbrause ist nicht das Metier dieses Erzeugers. So ist denn der Brut kein belangloser Appetitanreger, sondern ein hefig-röstiger, für seine Preisklasse sehr fordernder und dabei mit nur wenig Früchteaufwand antretender Champagner.

 

4. Maxime Blin Vintage 2000

Das Massif St. Thierry ist die Heimat der Blin-Familie und eine der ersten Gegenden, die für den Weinbau kultiviert wurde, eine der zahlreichen Wiegen der Champagne, wenn man so will. Reine Schwerkraftpressung ergibt bei Maxime Blin (es gibt eine ganze Reihe Blins in der Gegend, daher obacht bei der Planung von Besuchen auf dem Weingut) einen leichten, fruchtigen, auch blumigen Wein mit nobler Säure und sehr viel Engagement im Mund. Trinkt sich zur Zeit besser als der 2002er.

 

5. Baillette-Prudhomme Reserve

Dreimädelhaus in Trois-Puits. Marie-France, die Witwe von Jean Baillette und ihre Töchter Laureen und Justine führen das unscheinbare Haus mit dem erstaunlichen Keller. Belebend, jugendlich, trotz des Reserveweinanteils, der bei Baillette-Prudhomme meist ziemlich hoch ausfällt und auch mal 70% betragen kann. Palatschinken mit Marille; Kräuter. Nach dem Preisanstieg der girls in jüngster Zeit greife ich am liebsten auf diesen noch bezahlbaren Sprudel zu, bei den Töchtern verkneife ich mir das zugreifen, da muss schauen genügen. 

 

6. Leclerc-Briant Chèvres Pierreuses

40PN, 40CH, 20PM. Biodynamisch.

Hat sich scheinbar wieder etwas gefangen, kam mir aber erneut zu hoch dosiert vor.

 

7. Lamiable Grand Cru Extra Brut

60PN, 40CH. 5 g/l Dosagezucker.

Verführerisch, saftig, rein, aber nicht unschuldig. Sehr weltlicher, genussfördernder Champagner. Von Lamiable habe ich bisher nur Gutes getrunken, mich wundert etwas, dass das Haus nicht dieselbe Aufmerksamkeit erfährt, wie andere, ähnlich gut und konsistent produzierende Erzeuger. Besonders schön finde ich, dass die Auswahl der Champagner nicht verfranst ist, sondern überschaubar, mit sinnvollen Dosageabstufungen, einem anständigen Special Club und einem exzellenten Einzellagenchampagner mit sechzig Jahre alten Rebstöcken: Les Meslaines. Die neue Chardonnaycuvée Phéérie aus dem Pinot Grand Cru Tours sur Marne muss ich erst noch probieren. Ich erwarte eine weitere Bereicherung für die Nische der Blanc de Blancs aus dem Pinot-Eck östlich von Dizy.

 

8. Remy Massin, Rosé

Voilà, die Aube. Nicht ganz die Avantgarde, die Aubewinzer wie Bertrand Gautherot, Cedric Bouchard, Emmanuel Lassaigne oder Thierry de Marne repräsentieren, aber ein Champagner, der das Image der Gegend sicher nicht beeinträchtigen wird. Mollig, eingängig, freundlich, unkompliziert, aber nicht banal, von breiterer Statur als die kühlen Pinots, die man z.B. bei Lamiable finden kann. Überdurchschnittlich guter Aubechampagner, dem das täppische, bäuerliche fast ganz fehlt.

 

9. J.-F. Launay, Cuvée Grain de Folie

Wenn Künstlers Kirchenstück der Pinot unter den Rieslingen ist, dann ist die Cuvée Grain de Folie das was der Elbling unter den Moselrieslingen darstellt oder so ähnlich. Sympathisch-frecher Außenseitercharakter aufgrund seiner stichelnden bis blanken Säure und ein Trinkerlebnis so brenzlig wie ein heißer Flirt mit der Personalchefin. 

 

10. Grongnet, Carpe Diem Extra Brut

70CH 20PN 10PM.

Einer der unbekannteren Special Club Erzeuger, ähnlich wie Lamiable. Der Chardonnay gibt hier klar den Ton an und wirkt so bubenhaft, tatkräftig und unverbraucht, wie der Freiherr zu Guttenberg in seinen besten Tagen. 

 

11. Bérèche  Père et Fils, Réserve

Von fast allen Champagnern hat Rafael Bérèche immer zu wenig, das ist leider so. Den besten Zugriff und Einstieg in seine Geschmackswelt kann man sich aber durch intensives Verkosten seiner langjährig erprobten und stets für gut befundenen Réserve sichern. Für fortgeschrittene Ultrabruttrinker ist der Réserve natürlich nichts, die stören sich an den 9 g/l Dosage und warten lieber auf ihre Miniallokationen an "Beaux Regards", "Reflets d'Antan" oder "Le Cran" – ich ja eigentlich auch, aber irgendwas muss man in der Wartezeit zwischen Zuteilung und erster Flasche, bzw. während der selbst besorgten Flaschenreife ja trinken.  

 

12. Yves Ruffin, Premier Cru Élevé en Fûts de Chêne

75PN 25CH, vinifiziert von von Laurent Chiquet (Jacquesson).

Man weiß nicht, ob und wie lange die Witwe von Thierry Ruffin das Haus in dieser Form führe wird. Sollte sie sich dagegen entscheiden, wäre das ein Verlust. Die Spezialität von Ruffin sind nämlich fassausgebaute Champagner, bei denen jetzt schon viel los ist und bei denen sich gute Önologen sicher noch so richtig schön austoben können, auf der Suche nach dem letzten Schliff. Kraftvoll, holzwürzig, mit nahtlos angesetzter Frucht und frischfröhlichem Ausgleiten.

Kellerparty mit trockenen Rieslingikonen und Schwanengesang

Passender als mit Kellers Hubacker kann man eine Kellerparty gar nicht eröffnen.

I.1 Keller Hubacker trocken 2001

Am Anfang der Kellerparty stand die Frage, ob, warum und welcher deutsche Riesling stärker ist, als österreichischer vom Zuschnitt beispielsweise eines Wachauer Smaragds, vom Zuschnitt eines sagen wir mal: Knoll, Ried Loibenberg. Eine erste Antwort sollte Kellers monolithischer Hubacker liefern, dem aber sogleich aufgrund gerade seiner massiven, nach dem Abklingen eines leichten Eröffnungsprickelns kompromiss- und fugenlosen Art die speziell dem deutschen Riesling so typische Facettenhaftigkeit abgesprochen wurde – nachdrücklich bis krakeelig, unterbrochen nur von ebenso unmittelbar wie stimmungsvoll bis wehmütig angestimmten Versfetzen des Udo Jürgens Klassikers "Griechischer Wein", von einem sonst sehr angenehmen Österreicher übrigens (dessen Sangeskunst keineswegs geschmälert werden soll, wenn ich sie nur knapp unterhalb der Melodie des sterbenden Schwans ansetze). Der jugendliche Eindruck traf auf andeutungsweise firnige Reife, der 2001er Hubacker dürfte jetzt das Hochplateau seiner Entwicklungsfähigkeit erreicht haben.

I.2 Wittmann Morstein trocken 2005

Also musste der etwas jüngere Wittmann ran. Schlank und drahtig zeigte der Morstein den Unterschied zwischen schwerem Panzerkampfwagen und agilem Jagdpanzer. Noten von Popcorn und Pink Grapefruit, Apfel und Ananas, Mineral und Stahl oder anders: nicht nur Feuerkraft und Panzerung, sondern Kraftbeherrschung und Beweglichkeit machen diesen Wein aus. Damit war die Frage nach Deutschland oder Österreich eigentlich schon entschieden. Geklärt werden musste nun noch, wem denn die Krone unter den trockenen deutsche Rieslingen gebührt.

Die beiden Rieslingaufklärer in Punkten:

Keller Hubacker 2001: 93

Wittmann Morstein 2005: 93+

 

II. Kutch Pinot Noir Sonoma Coast 2008

Statt einer Werbepause, wie im Fernsehen kurz vor dem Scheitelpunkt des Spannungsbogens üblich, gab es zwischendurch einen kalifornischen Pinot Noir von Jamie Kutch. Schnell als Pinot aus heißem Anbaugebiet identifiziert, sprach er, da außerdem viel zu jung, nicht alle an, was ich vollauf verstehe. Von meinen verbliebenen drei Flaschen werde ich die nächste erst in vier bis fünf Jahren öffnen.

 

III.1 Emrich-Schönleber Monzinger Halenberg Auslese trocken 2001

Zurück zum Riesling. Und gleich zu so einem erhebenden Wein. Von den vier angetretenen Kämpen war das der filigranste, zarteste, eleganteste, in der Sagenwelt sozusagen der Elf unter den Weinen. Eine erstaunliche Nase, die vom Grundton her zwischen Orangenmarmelade, Lemon Curd und Pimm's No.1 angesiedelt ist und damit sehr englisch wirkt. Außerdem Noten von Kräutertee und eine feinkörnige Süße. Spannungsvoll wie ein englischer Langbogen, mit dem Edward III. im Hundertjährigen Krieg bekanntlich eine legendär gute Figur machte.

III.2 Köhler-Ruprecht Kallstadter Saumagen Auslese trocken R 1998

Rockiger, massiver Wein, der wie eine mittelalterliche Ramme den Gaumen penetriert, so dass der ganze Kopf nachwackelt. Trockenblumen, Kräuter, Honigkruste. Wirkt reif, aber nicht mitgenommen, Säure ist viel da, zeigt sich aber nicht. Die Belagerungsmaschine unter den Rieslingen und trotz seiner gigantischen Abmessungen ohne jede Ähnlichkeit zu den behäbigeren, speckigeren Österreichern.

III.3 Künstler Kirchenstück Auslese trocken 1998

Zurückhaltender, diplomatischer als der Saumagen. Sehr fein gewandet und erkennbar aus bestem Haus bringt er Reiswaffel und türkischen Honig als Gastgeschenk für die Nase mit, eine pikante Zitruszubereitung mit u.a. betörendem Verbeneduft lässt jedes nur denkbare Eis sofort schmelzen, nein sublimieren. Der Pinot des Rieslings, wie der Künstler selber sagt.

III.4 Georg Breuer Berg Schlossberg trocken 2001

Stoffig, herb, rauh; kräftiger Schwarztee und Zitrone. Zupackender als das Kirchenstück, dabei nicht plump oder grobschlächtig, sondern von Säure umgeben, die dem Wein Akrobatik und Elastizität verleiht.

Die vier Rieslingikonen dieses flights stecken das derzeit für mich gültige Weltbild des trockenen Rieslings ab. In Punkten:

Emrich-Schönleber Monzinger Halenberg Auslese trocken 2001: 97

Köhler-Ruprecht Kallstadter Saumagen Auslese trocken R 1998: 96+

Künstler Kirchenstück Auslese trocken 1998: 95

Breuer Berg Schlossberg trocken 2001: 95

Viel besser konnte es also nicht mehr werden. Nur anders.

 

IV.1 Santenay Henri de Villamont Collection du Dr. Barolet 1924

Was macht man auf, wenn man die feinsten trockenen Rieslinge getrunken hat, für süß aber noch nicht bereit ist? Was Rotes. Gut, wenn man in so einer Situation auf eine Buddel aus dem berühmten Bestand vom vedienten Dr. Barolet zugreifen kann. Nicht so gut, wenn der Wein putt ist. Rote Grütze, Schoko und eine immer stärker werdende Metallnote künden von einstiger Größe, die massive Trübung des Weins wies uns Ahnungsvollen aber schon vorab den Weg zur Schädelstatt.

IV.2 Cabernet Franc (?) ohne Etikett von der Loire, wahrscheinlich vor 1931

Man hätte meinen können, einen gut gereiften Lagrein im Glas zu haben, so sehr dominierten Leder, Schuwichse und Paprikanoten, die wir aber als zuverlässige Cabernet-Franc Indikatoren ansprachen.

 

V. Château Fortia Châteauneuf du Pape 1920

Vom Gründer des französischen AOC-Systems gab es nach einem Abend der Superlative noch eine ultimative Steigerung, Wein so anrührend wie der Gesang eines sterbenden Schwans. Ein Wein, der still macht und dem man mit dem üblichen Vokabular gar nicht recht beikommen kann. Speckig, räucherig, bouquet garni, im Mund die meiste Zeit voll üppiger Süße und Malzigkeit, dabei kühlend und balsamisch, erst am Ende wechselt die Rosmarin-Thymian-Mischung ins Medizinal-phenolische. Prall, lebhaft und komplex, wirkte sehr viel jünger als 1920.  

Vieux Château Certan 1920 – 2008

Im hallenartigen, einst passend besternten und nun wieder unter ambitionierter Führung operierenden Bochumer Stadtparkrestaurant zeigte das Vieux Château Certan, was es kann.

I.1 Knoll Loibner Grüner Veltliner Ried Loibenberg Smaragd 2006

Butter, hitziger Alkohol und weiches Pfefferl geben einen etwas breiten Wein, der durch mineralische Noten, Kräuter wie Thymian und Salbei, milde Säure und eine aparte Frucht dennoch mühelos zusammengehalten wird.

I.2 Feteasca, Abfüller Ludwig Gräf, Plauen, 1961

Wein aus der Sowjetunion. Kostete damals stolze 7,50 DM – also ca. ein Drittel dessen, was man für die Erstklassifizierten aus Bordeaux hinblättern musste. Schmeckt heute wie mal gut gewesener, leider jetzt ummer Burgunder.

Amuses Gueules

Gebratener Rehrücken mit Feigenkompott und Walnuss-Baklava

II.1 Vieux Château Certan 1976

Die Nase ist leider nicht so doll. Wollig, fusselig, im Mund angeältet und hohl, auf 1976 hätte ich wiederum nicht getippt, dafür war er im Mund doch noch zu frisch. Vielleicht liegts daran, dass er aus der Jeroboam kam.

II.2 Vieux Château Certan 1975

Eine große Freude dagegen der 1975er. Schokolade, Milchkaffee, im Mund kraftvolles Tannin, das einen samtigen Besatz bildet. Mit seine leichten, eleganten Art wirkt er viel jugendlicher, als man anhand des Jahrgangs vermuten würde.

II.3 Vieux Château Certan 1979

Moos, Flechte, rote Paprika und Chilischote in der Nase, außerdem eine ältliche Pilzigkeit, die sich im Mund wiedeholt und den Wein älter wirken lässt, als den 1975er.

II.4 Vieux Château Certan 1976

Der erste Wein des flights tückischerweise nochmal. Damit verhindert man überbordende Hybris in Blindproben, lernt aber auch immer wieder etwas über das Eigenleben von Verkostungen dazu. Der Wein war nach Auffassung aller Mitverkoster klar anders als der erste im flight, was selbst nach dem Aufdecken so zu bleiben schien; auf mich wirkte er dunkler, mit konzentrierterer Frucht und üppigerem Tannin ausgestattet. Ob das an den dazwischen verkosteten Weinen liegt? Man weiß es nicht.

Suppe aus weißen Bohnen mit Chorizo-Scheiben

III.1 Vieux Château Certan 1920

Der Senior, ja der Senator der Probe. Liebstöckel und Suppenduft zeigen das hohe Alter an, Pilz und Modder kommen hinzu, Speck, Paprika, Tabak gleichen diese unvermeidlichen Alterstöne aus und halten den Wein im Reich der Lebenden. Die kontrovers besprochene Säure steuert dazu ebenfalls einiges bei. Was für ein lustiger alter Knabe sich da im Glas tummelt, zeigt sich mit der Zeit. Da wird der Wein immer knackiger und praller. Die Säure kann man freilich nicht wegdiskutieren.

III.2 Vieux Château Certan 1942

Ein behutsamer Auftakt und ein insgesamt sich nur langsam entwickelnder Wein. Teils fühlt er sich mit gezehrten Noten dem Alter verpflichtet, ohne die Größe des 20er zu erreichen, teils zieht es ihn in Richtung des reifen, süßen Flightnachfolgers. Wegen seiner Unentschiedenheit der schwächste Wein des flights.

III. Vieux Château Certan 1955

Eisteenase, fallschirmseidig, mit voller, reifer, geschliffener Art. Komplex und lang. Klingt mit Vibrato lang aus. Enormer Wein.

Zander im Lardowickel auf Orangensauerkraut

Apfelsorbet

IV. 1 Joh. Jos. Prüm Zeltinger Sonnenuhr Spätlese 2009

Etwas mehr Säure hätte das frühreife Prümfrüchtchen vertragen können, sonst d'accord.

IV. 2 Vieux Château Certan 1976

Immer noch nicht besser geworden. Wird phenolisch und dünn.

IV. 3 Château Beauchêne Pomerol 1950

Rauchig, fleischig, mit nussigen Tönen. Schlanker Wein, der sich im Kern süßlich hält und gut zum Rind mit der Schwarzbrotsauce passt.

Rinderfilet-Tournedos in Schwarzbrot-Rosinensauce, mit Selleriepurée und Gratin von zweierlei Kartoffeln

V.1 Vieux Château Certan 1952

Eukalyptus-Menthol, Efeu, Moos und frische Kräuter. Geht mit der Zeit blumig auf.

V.2 Vieux Château Certan 1953

Röstig, mit Kaffee und Brombeermarmelade, im Mund angenehme Mürbe und alte Crème de Cassis. Herbe Eleganz, schlank und fein.

V.3 Vieux Château Certan 1943

Die beiden 40er Jahrgänge stachen mit ihrer tiefdunklen Färbung hervor. Beide lagen länger als gewöhnlich im Fass, die 1943er Ernte verbrachte ihre Zeit dort bis zum Abzug der Wehrmacht, wohingegen der 1948er in nicht unerheblicher Menge zugesetzte Teile aus der großen 1947er Ernte enthält.

Der 1943er wirkt sehr jung, hat neben dem Vanilleschotenabrieb konzentrierte bis balsamische Noten von Sauerkirsche, bouquet garni und schwarzer Olivenpesto.

V.4 Vieux Château Certan 1948

Den Auftakt bildet in der Nase eine etwas simple Zuckerwattearomatik und Fruchtkaramellbonbon, später kommen Mandelkrokant, und Honig dazu, alles verdichtet sich mit Beeren, Kirschen und Tabak zu einer herbschönen Melange.

Rohmilchkäseauswahl

VI. Vieux Château Certan 1971

Erstaunlicher Wein, mineralisch, kräftig bis muskulös, dabei nicht ohne fruchtigen Charme.

VI.2 Vieux Château Certan 1989

Konnte man trinken, hatte aber nach meiner Auffassung einen leichten Korkschmecker.

VI.3 Vieux Château Certan 2008

Bordeaux neuer Machart, süß, früh trinkbar, mit Panna Cotta, Erdbeere und Himbeere. Nobrainer.

 

In Punkten:

1920 VCC 93

1942 VCC 91

1943 VCC 94

1948 VCC 93

1952 VCC 93

1953 VCC 95+

1955 VCC 97

1971 VCC 92

1975 VCC 93

1976 VCC DMG 86

1979 VCC 89

1989 VCC 84

2008 VCC 89+

Lockerungsübungen 1947 – 2009

Am Vorabend zur Vieux Château Certan Probe gab es zur Einstimmung und weil sie irgendwer ja sowieso würde trinken müssen, die folgenden Auflockerungs-Weine: 

I. Muré Vin d'Alsace Riesling Grand Cru Vorbourg Clos St. Landelin 1985

Buttrig mit leichter Bitternote, noch trinkbar aber kein Mordsvergnügen war der Elsässer aus Rouffach.

II. Freiherr Langwerth von Simmern Hattenheimer Mannberg Kabinett trocken 1991

Frischsäuerlich, mit pektiniger Apfeligkeit, hinterließ der Mannberg einen glatten Gaumen, für trockenen Kabinett dieses Alters keine schlechte Leistung.

III. Jacques Lassaigne Blanc de Blancs Montgueux "Le Cotet"

Milchschokolade, roter Apfel, zahme Säure. Ruhiger, eigenwiliger bis untypischer Chardonnay, der im größtmöglichen Kontrast zu den Spitzen der Côte des Blancs steht. Didier Depond von Salon/Delamotte, den ich natürlich als einen der ersten dazu befragt habe, sieht unter anderem deshalb in den Montgueux Chardonnays keine Konkurrenz zu den Chardonnays der Côte des Blancs.

IV. Bernd Philippi Pinot Noir 2003

Veilchen, Bromjodid, weiches Tannin, feines Holzfinish. Viel mehr kann man von so einer Traube aus so einem Jahr nicht wollen.

V. Château Tertre Daugay 1966

Seit Neuestem ist Robert von Luxembourg und damit praktisch Haut-Brion Eigentümer dieses potenten Weinguts. Den 66er gab es aus zwei unterschiedlichen Flaschen. Der Inhalt der einen war oxidiert, die andere hatte dieses Problem nicht. Aus der besseren kamen Liebstöckel und flintige Noten, am Gaumen war der Wein noch griffig, jedoch mit einer verhärteten Säure.

VI. Château Clos Fourtet 1er GCC St. Emilion 1975

Wenn man nach dem Öffnen nicht allzulange wartet, bereitet der Wein mit seinem letzten Aufbäumen noch richtig Freude. Minzig, mit schnell verhallender, aber Sehnsucht weckender Süße.

VII. Latricière Chambertin Händlerfüllung Bernard de Saint-Honge 1979

Rote Johannisbeere, Himbeere, Speckschwarte. Wirkt noch behend, geht aber etwas trocknend aus und wird es nicht mehr sehr lange machen.

VIII. Chambertin Händlerfüllung Vedrenne-Orluc 1950

Süß, reif stark, mit der Kraft und Konzentration von Eau de Vie, ohne dessen alkoholische Hitze. Kirsche und Zwetschge; Tiefe und Alter korrespondieren hier schön, davon habe ich mir gleich eine Flasche gesichert.

IX. Château Lafitte-Laujac St. Emilion (Familie Cruse) 1947

Begrüßt wurde ich von einer Andouillettenase, die ich überhaupt nicht mochte. Ist der Eintritt erstmal gemacht, erwartet einen intensive Kirschfrucht und unerwartet pralles Leben; dieser an sich kleine Wein war für mich die größte Überraschung des Abends. Das Château gibt es heute noch, scheinbar als Laujac und als Lafitte-Laujac Cru Bourgeois. 

X. André Brunel Côtes du Rhône Villages Cuvée Sabrine 2009

Auftakt mit Waschpulvernase, deren Beerigkeit fast schon beißt. Im Mund dafür warm weich, schokoladig, gegen Ende herbbitter, an keiner Stelle pampig, schwammig oder verquollen. Parker sagt mal 89, mal 92 Punkte. Ich sage: für 7 EUR gibts bei diesem Wein prima Gegenwert und vor allem mehr als nur eingekochte Frucht, nämlich Struktur. Wer nicht warten will, bis beim dicken Châteauneuf das Fett abgeschmolzen ist, legt sich die momentan noch leicht pummelige Sabrine zu und labt sich in und für zwei bis drei Jahre(n) an ihr. 

XI. Domaine de Cristia Côtes du Rhône Villages 2009

Rhônenewcomer mit sehr erfolgreichem Châteauneuf, Rayas ist die Nachbarparzelle von Cristia. Schon dieser "nur" CdRV hat Vanilleschote, Crème brûlée mit Früchtefüllung, heiße Kirschtasche, den ganzen Zauber. Für mich ist das leider alles zu primärfruchtig, wirkt mir allzu komponiert; wie ein Stilleben. Wenn man die nötige Geduld hat, wird man sich über diesen Wein in wenigen Jahren trotzdem sehr freuen können.

XII. André Brunel Châteauneuf du Pape Les Cailloux 2009

Schokobombe, Eiskonfekt, Fruchtkompott und Pillenbox, mehlige Konsistenz. So elegant wie ein adoleszenter Brontosaurus. Entzückend ist für mich was anderes, aber Parker gibt 95 Punkte und der weiß, wovon er spricht.

XIII. Graham's Vintage Port 2007

Nach den ganzen gesetzten Weinen war der Übergang zum Port mit den Rhôneweinen sinnvoll und gut vorbereitet. Da die Weine blind ins Glas kamen, wußte ich leider nicht, dass mich nun Port erwartete. Daher war die erste Reaktion auf den eigentlich krönenden Abschluss ein vom Alkohol provozierter Hustenreiz. Nachdem ich mich an die Süße gewöhnt hatte und die Weinart klar war, gingen auch die Geschmacknerven wieder mit. Im ersten Eindruck Wacholder, Kirsche, Blaubeere. Klar, rein und schon jetzt sehr balanciert, mit enormer Vorwärtsorientierung. Trotzdem im Moment nicht mein Wein, nicht weil er nichts taugt, sondern weil ich jungen Portwein so anstrengend finde wie hyperaktive Kinder.

Bulles Bio – Teil III: Grand Cru und Premier Cru

C. Grand Cru und Premier Cru

Avantgarde findet nicht nur in den Schmuddelecken der Champagne statt, sondern auch in den teuren Crus. Die Entwicklung dort ist stiller oder wirkt wenigstens so. Ein paar Vorreiter klopfe ich immer wieder mal darauf ab, ob sie ihrer Vorreiterrolle noch gerecht werden, bzw. ob mir deren manchmal nur schwer zu erlangenden Erzeugnisse schon, noch oder wieder schmecken und Freude bereiten.

I. Larmandier-Bernier

Pierre Larmandier stellte seine Champagner sitzend vor, da er augenscheinlich gerade Nasenbluten bekommen hatte. Da half auch alle seit 1999 betriebene Biodynamie nichts.

1. Blanc de Blancs Premier Cru Extra Brut, 2008er und 2007er, dég. Feb. 2011

Neben den Grand Crus Cramant, Avize und Oger ist nur noch Vertus als Premier Cru enthalten.

In der Nase Maistortilla, Apfel, Butter, Blüten. Im Mund vorwiegend ruhige Säure und eine milde Süße.

2. Terre de Vertus Premier Cru Brut Nature 2007, dég. Mai 2011

Blanc de Blancs auf 2006er Basis aus den Einzellagen Les Barillers und Les Faucherets in Vertus.

Im Gegensatz zum normalen BdB PC durch seine ausgeprägtere Mineralität enger, straffer, disziplinierter, beißt aber nicht. Weniger gelbe und rote Fruchtnoten, dafür mehr Steinobst und grüne Früchte. Lang.

3. Vieilles Vignes de Cramant Mill. 2005, dég. März 2011

Klar, das Flaggschiff: tief, langsam, würdevoll, für einen Grand Cru Champagner der Côte des Blancs vergleichsweise säurearm, was zwei Gründe hat: Cramant und alte Reben; bleibend. Sowas gefällt auch Fans der Großen Gewächse des VDP.

4. Rosé de Saignée Premier Cru Extra Brut, reiner 2008er, dég. Feb. 2011

Pinot aus Vertus (hier hat u.a. auch Veuve Fourny die Pinots für den dort ebenfalls gut beherrschten Rosé her) Schweinefleisch mit Wacholder und rosa Beeren, sicher einem leichten Schwefelböckser geschuldet. Wacholdereindruck und rosa Beeren bleiben, hinzu kommen Kirsche, Mandel, ein etwas seifiges, zum Schluss leicht trocknendes, auch salziges Mundgefühl so ähnlich wie von Ziegenfrischkäse mit Cranberries, außerdem eine niedliche, etwas verdruckste Säure. Der Champagner wirkt im Kontrast zu seiner tiefen Farbe leicht.

II. Benoit Lahaye

Seit 2003 Biowinzer auf 4,5 ha überwiegend in Bouzy und Tauxières. War in Topform.

1. Brut Nature 2008

85PN 15CH.

Der Vorgänger iritierte noch mit einer phenolischen Nase und schien aromatisch nicht ganz gebändigt. Das ist beim schon sehr reichhaltigen 2008er Brut Nature nicht mehr so. Alles ist am Platz und sitzt sittsam, der Champagner ist wohlgefasst wie ein Valentinsschmuckstück, eine pektinige Note verabschiedet den hauptsächlich an Rote Grütze erinnernden Mittelteil vom Gaumen Richtung Pharynx.

2. Blanc de Noirs Nature, 2008 und 2007

Die Trauben stammen aus Bouzy und Tauxières.

Der Wechsel vom Extra Brut zum Brut Nature erweist sich erneut als kluger Zug. Dunkel, waldig, mit Baumrinde, rottem Laub und Flechten, dabei viel weniger oder besser: weniger vordergründiger Säure, als vermutet. Der Körper mag nicht jeden reizen, der Waldelfencharme ist schon etwas eigen, für Bouzy sogar ganz untypisch, doch nicht abstoßend oder verstörend.

3. Rosé de Maceration Extra Brut 2008

Mit 3 g/l dosiert.

Tiefe Pinotfrucht, ein wahrhaft brugundischer Charakter, so konsequent waldig wie seine beiden Vorgänger es im Vergleich nur andeutungsweise und weder mit derselben Vollendung noch Substanz waren. Beerig, vollreif, lang, groß. Ohne jeden qualitativen Abstrich schon jetzt viel zugänglicher als der Vorgängerrosé von Lahaye.

III. Vincent Laval, Champagne Georges Laval

So gut gelaunt, wie eh und je stellt Bio-Urgestein Vincent Laval (arbeitet auf seinen 2,5 ha seit 1971 en bio) die gesuchten Laval-Champagner vor. Im Gegensatz zu Pierre Larmandier, der für seine mehr als 16 ha ein Flugzeug mieten kann, um biodynamischen Tee zu versprühen, bearbeitet Vincent Laval seine viel kleinere Fläche mit Pferdchen und kleinem Trecker. Als einziges Additiv kommt Schwefeldioxid an den Wein, überschaubare 30 mg/l.

1. Cumières Premier Cru Brut, 95% aus 2008, 5% aus 2006

50CH 30PN 20PM, mit ca. 6 g/l dosiert.

Mit diesem und mit Vilmarts Champagner kann man selbst Holzhassern den sinnvollen Gebrauch von Holz nahebringen. Der Chardonnay platzt fast vor Kraft, die beiden Pinotrebsorten schaffen es aber, ihn rechts und links zu bändigen, dabei lösen sich Kirsche, Pflaume, Veilchen, Orange und Limette funkensprühend heraus. Schön.

2. Cumières Premier Cru Brut Nature, 2/3 aus 2007, 1/3 aus 2006 – Obacht: dier aktuellen Magnums sind reine 2004er

50CH 25 Pn 25 PM.

Harscher und puristischer als der normale Brut. Für einen Brut Nature schon recht schmeichelhafte, beinahe handzahme Aromatik, ganz ohne Kaktusgefühl am Gaumen. Gleichzeitig herb, mit Verbene und Zitronenmelisse unterlegt, wie sich vor allem mit mehr Luft zeigt.

3. Les Chênes Cumières Premier Cru Brut Nature 2006

100CH. Ähnlich wie beim 2002er gab es vom aktuellen 2006er Les Chênes nur 850 Flaschen – vom 2004er gab es die ca. doppelte Menge, was eine der vielen Segnungen des an schönen Champagnern nicht armen Jahrgangs ist.

Jedes Mal aufs Neue schwärme ich von diesen Champagner, denn jede Flasche davon ist zu jeder Zeit ein Erlebnis. Diese erinnerte sehr eindringlich an Lamorresi-Haselnusstrüffel mit Grappa di Moscato und selbstgemachtes Apfelmus von hängengebliebenen Herbstäpfeln des nahegelegenen Mutterhauses der Dominikanerinnen, wegen der ungekünstelten, grob geraspelten Zitronenschale, dezent würzigen Zimtnote und seiner minimal oxidativen Art. Unter den vielen vor allem von gutmeinenden Weinhändlern und mehr Wein- als Champagnerkritikern als Dom-Périgon-Killern und Selosse-Wiedergängern verkauften, bzw. gepriesenen Winzerchampagnern ist dieser einer der ganz wenigen, die den Lorbeer wirklich verdienen. Kostet hier eben so wie in Frankreich seine hundert Flocken und mehr; die zugeteilten Mengen sind winzig. Dringende Kaufempfehlung.

4. Les Hautes Chêvres Premier Cru Brut Nature 2006

100PN.

Pinotreben aus den 1930er Jahren mit – für die Champagne winzigen – gerade mal 5000 kg Ertrag pro Hektar.

630 Flaschen gab es hiervon. Das macht ihn noch seltener als den schon raren Chênes-Champagner von Laval. Hinzu kommt, dass die Jahrgänge noch restriktiver deklariert werden. Das lohnt sich. Für Vincent Laval, weil der Champagner entsprechend bepreist ist, ohne nach meiner Einschätzung überteuert zu sein, für den Champagnero, weil er etwas bekommt, wofür man sich schonmal ein Bein ausreißen darf. Mit den Attributen feinster, reifer, alter Burgunder ausgestattet, bei denen die Größe durch einen Schluck Rhônewein noch unterstützt wird. Schwarzer Pfeffer, leuchtend rote Beeren. Amaretti morbidi und Eau de vie de Kirsch. Noblesse, Kraft und Konzentration und letztlich das, was sparkling Shiraz gern wäre, was Crémant de Bourgogne definitiv nicht ist, eben das was nur ein richtig großer Blanc de Noirs aus der Champagne sein kann.

IV. David Léclapart, Champagne David Léclapart

David Leclapart ist in Deutschland immer noch ein unbekannter kleiner Champagnerwinzer, für die meisten so austauschbar wie das wöchentliche Champagner-Sonderangebot im Leclerc. Ich zähle mich nicht zu seinen Verehrern oder Bewunderern, dafür sind mir alle Champagner die ich von ihm getrunken habe einfach noch zu jung gewesen. Bei praktisch jeder Verkostung ist das jeweilige Potential der Leclapart-Champagner förmlich greifbar; doch ich bin immer noch in einer Phase des Herantrinkens und des Umrundens. Ich halte das sowieso für angemessener, als blinde Lobhudelei.

1. Amateur 2008

100CH von sechs Parzellen. Stahltankausbau.

Mein bisher bester Amateur. Mit typischer Kraft und Länge, jetzt von Beginn an mit wildfrischem Zitrusduft, unbeschwertem Charakter und einer gewissen Zuckerwattigkeit, die man nicht als Schwäche missverstehen darf.

2. Artiste 2006

100CH von zwei Parzellen. Halb Stahl, halb Barrique.

Mehr Butter, mehr Haselnuss, mehr Nougat, als der Amateur. Weichheit und Rondeur gehören hier zum Konzept. Wenn der Amateur als deutscher Internatsschüler und Louisenlunder beispielsweise gelten kann, dann hat der Artiste seine Schulzeit in Harrow verbracht.

3. Apôtre 2005

Aus der Lage Pierre St. Martin stammt Leclaparts Champagnerfanal, der Apôtre. Die Reben sind gut siebzig Jahre alt und werden seit fünfzehn Jahren biodynamisch bearbeitet. Gute achtzig Euro kostet der Spass. Ob der Nachfolger des schon jetzt legendären 2004er Apôtre auch so ein Kritikerliebling ist? Na jedenfalls sagt er mir von Beginn an mehr, als der berühmte Vorgänger. Ich gehöre nämlich nicht zu denen, die den 2004er Apôtre so überwältigend gut finden, dass man dafür schon jetzt in die Knie zu gehen hätte, wenn der Name nur geraunt wird. Dafür habe ich schon zu viele andere Champagner vor ihrem vermuteten Höhepunkt selbst in die Knie gehen sehen. Sicher hat der 2004er alles, was man braucht, um so wie der 1996er Selosse Blanc de Blancs Extra Brut einen Pflock in der Champagnerwelt einzuschlagen. Nur ist er eben noch nicht dort angekommen. Der 2005er ist da schon eine ganze Ecke weiter. Griffig und fordernd einerseits, rund, mit viel weichem Kalk und Obstsalat andererseits. Puristisch wie skandinavisches Edelstahldesign, schmiegsam wie ein Kaschmirpulli.

V. Bruno Michel

Bruno ist der Sohn des Meuniermagiers José Michel, dessen hundertprozentiger Meunierchampagner und dessen alte Jahrgänge zu den besten Beispielen für das Potential der Traube sind. Mit seiner Extra Brut dosierten Rebellencuvée wäre Bruno Michel eigentlich auch was für die Rutz-Rebellen, fällt mir an dieser Stelle noch ein. Dabei wirkt er selbst gar nicht rebellisch, sondern strahlt Zufriedenheit und Freude aus, wenn er zu seinen aktuellen Champagnern befragt wird. Dazu hat er guten Grund, seine Kollektion gefällt.

1. Cuvée Carte Blanche Brut

50PN 50CH. Auf 2008er Basis mit Reserve aus 2007. Mit 8 g/l dosiert.

Champagner, den man so trinken kann, wie man eine Hand voller reifer Beeren zerquetscht und sich den Saft in den Mund fließen lässt. Die immer schon merkliche Säure von früher ist so sauber, selbstbewusst und kooperativ wie nie zuvor. So kommen auch die anderen, floralen und vegetabilen Aromen besser zum Zug. Man meint, den schalkhaften Kommunalpolitiker Bruno Michel zu erkennen. Macht Freude.

2. Cuvée Carte Blanche Extra Brut

Gleiche Zusammenstellung wie die normale Carte Blanche, allerdings von anderen Parzellen. Ernster und härter, im Geschmack nicht so facettenreich und limonadiger.

3. Cuvée Blanc de Blancs Pierry Premier Cru

Alte, 1964 gepflanzte Chardonnay-Einzellage "Les Brousses" auf 2008er Basis mit Reserve aus 2007. Mit 8 g/l dosiert.

Gegenüber der Carte Blanche fast auftrumpfend frech, mit Apfel, Zitrus, vor allem auch gelbem Obst, dabei mit seiner feinen Buttrigkeit und dem feinen Nusston länger und tiefer. Hat Bürgermeisterqualität. Macht daher noch mehr Freude.

4. Cuvée Rosé

80PM als Saignée und 20CH als Assemblage dazu. Auf 2008er Basis mit Reserve aus 2007. Mit 8 g/l dosiert.

Es bleibt dabei, dieser Champagner ist perfekt für Andouillettes gemacht, sein rotfruchtiger Fleischstinkerduft bekräftigt das immer wieder aufs Neue. Wildschwein aus den Ardennen lasse ich hierzu auch noch durchgehen, denn die mit Luft sich zeigende Cranberrypaste offenbart auch dieses Mal wieder Einsatzmöglichkeiten, die über das reine runterspülen von Regionalspezialitäten hinausreichen.

Zehn Sterne in Wolfsburg – Grand Chapitre 2011

I. Champagner-Apéritif im ZeitHaus mit Kleinigkeiten von Sven Elverfeld

1. Laurent-Perrier Vintage 2002 en Magnum

50CH 50PN, mit 8 g/l dosiert, das Dégorgierdatum konnte ich leider nicht prüfen, da ich keinen der Korken in die Finger bekam. Fließend, weich, rein, nicht sehr fordernd, sondern eher hingebungsvoll. Zitrusfrüchte, Kalk, Mineral, etwas kräuterig. Wirkte auf mich noch sehr jung.

2. Taittinger Prélude Grand Cru

Wie der Laurent-Perrier eine Komposition aus 50PN (Ambonnay, Bouzy) 50CH (Avize, Le Mesnil), der Fassausbau gibt ihm eine weiche, warme Feinheit. Hinzu kommen Hefegebäck, warmes Croissant, Butter, Birne, Quitte, weißer Pfirsich.

3. Duval-Leroy Authentis Cumières Premier Cru 2003

100PN aus Eichenfässern.

Einer der stärksten Weine des Abends. Schon der Vorgänger aus dem Jahrgang 2001 war beeindruckend, nun hat Carol Duval mit dem 2003er erneut ein schwieriges Jahr rundherum prachtvoll in die Flasche verfrachtet. An Aromenreichtum mangelt es nicht, schwierig war es wahrscheinlich vor allem, den Champagner nicht zu dickbauchig werden zu lassen. Das gelang. Hohe Pinotkunst, die im Mittelpunkt stehen sollte, selbst wenn sie gut zu ausgesuchten Speisen passt.

4. Alfred Gratien Vintage 1999

Zwetschgenlatwerge. Mandelmilch, Hefekuchenteig, Puderzucker, angenehme Fruchtsäure, Für mich ebenfalls einer der stärksten Champagner des Abends.

5. Nicolas Feuillatte Rosé en Magnum

Sehr leicht, sehr fein, sehr fruchtig war der Rosé von Nicolas Feuillatte. Allein und nach den beiden sehr expressiven Vorgängern hatte er es schwer. Also hieß es, neue Allianzen einzugehen, wozu sich die Köstlichkeiten von Sven Elverfeld anboten, am besten gefiel mir der Rosé dann zum fruchtigen Würfel aus Foie Gras und Gelee.

 

II. Zehnsternemenu von Sven Elverfeld, Thomas Bühner, Klaus Erfort und Christian Lohse im Ritz Carlton

1. Tartar à la Borschtsch und Impérial Caviar von Jan Hartwig, Aqua

dazu: Pommery Grand Cru Millésime 1998 en Magnum

Die sternförmige Betehülle barg ein köstliches Tartar, der daraufgesetzte hauchdünne Kekshut trug einen völlig ausreichend bemessenen Kaviarklacks. Der zum ersten Gang servierte Pommery war arg schweflig und musste erst seinen Böckser verduften lassen, bevor er sich nasal mit Borschtsch und Kaviar vertrug. Geschmacklich war die Kombination sowieso lehrbuchhaft, erdige Bete traf auf meerigen Kaviar, schaumgeboren der zu beiden Elementen passende 1998er, so durfte es weitergehen.

2. Makrele mit Passionsfrucht und schwarzem Sesameis von Thomas Bühner, La Vie

dazu: Lanson Gold Label Millésime 1999 en Magnum

Tatsächlich ging es mit einer Kombination weiter, die gewagter, auf die Spitze getriebener, extremer war und dementsprechend stärker polarisierte. Für mich war es der beste Gang des Menus. Salzige Makrele, intensive Passionsfrucht und ein konzentriertes, auch sehr süßes schwarzes Sesameis, die, obwohl nur in Winzportionen auf dem Teller angerichtet, so essentiell schmeckten, dass größere Portionen zu reihenweisen blackouts geführt hätten. Nicht ganz auf der Höhe war leider der überfordert und trotz seiner allgemeinen Weltläufigkeit simpel wirkende Lanson. Zu diesem Gang hätte ich mir die Fleur de Passion von Diebolt-Vallois sehnlichst herbeigewünscht.

3. Langoustine Royal mit Apfel, Fenchel und Milchhaut von Klaus Erfort, Gästehaus Erfort

dazu: Dom Pérignon 2002

Langustenschwanz und Dom Pérignon 2002 sind ein Paar, das man schon ganz allein für einen kompletten Abend innigsten Vergnügens fest buchen kann. Daraus sollte aber an diesem Abend nichts werden. Denn bei Champagner-Confrère Klaus Erfort kam ein ebenso köstliches wie giftiggrünes Apfelgelee dazu, das zusammen mit Fenchel und Milchhaut aus einem trauten tête à tête eine ausgelassene Geschmacksparty machte. Für den wohlerzogenen, noch sehr schüchternen, aber nach Jahren einer japanisch-purisitschen Ästhetik endlich mal wieder ganz klassisch europäisch auftretenden Dom Pérignon war das nichts.

4. Bressetaube vom Holzkohlegrill, grüner Spargel gebraten in Dijonsenf, Rouennasier Sauce und Veilchenzucker von Christian Lohse, Fischers Fritz

dazu: Drappier Millésime d'Exception 2002 en Jéroboam

Veilchenzucker, Senf und grüner Spargel, das klingt nach Konfliktpotential. Wenn dann noch Holzkohle, Taubenfleisch und Champagner ins Spiel kommen, wird es gänzlich kriminell. Doch Kommissar Lohse löste den Fall. Natürlich bedurfte es dazu einer großkalibrigen Waffe, die Michel Drappier gern zur Verfügung gestellt hatte: sein Champagner aus 60PN und 40CH, durch neues Holz, altes Holz und Stahl gewandert, Absolvent eines meiner Lieblingsjahrgänge der letzten zehn Jahre, mit diskreten, höchst zuverlässigen Netzwerkqualitäten, serviert aus der Dreiliterbuddel. Für jedes Aroma war eine passende Anlaufstelle vorhanden, die nussige Vegetabilität des Spargels, das Blumenelement des Veilchenzuckers, die rauchig-röstige Fleischigkeit der Taube, die herzhafte Saftigkeit der Sauce mit dem Leberanteil. So wurde aus dem Kriminalfall der schlemmerigste, gargantueskeste Gang des Menus.

5. Gewürzlammrücken mit Couscous, Kefir und Granatapfel von Sven Elverfeld, Aqua

dazu: Krug, Grande Cuvée

Lamm muss man einfach gern haben, sei es, weil es auf der Weide niedlich aussieht, sei es weil es gut schmeckt. Das Lamm, das Sven Elverfeld auf den Teller brachte, hätte von mir aus noch so hässlich gewesen sein können, in dieser Form war es höchst liebenswert. Der junge Krug hatte es nicht ganz so gut getroffen, seine Geschmacks-Alterskurve nimmt bekanntlich einen anderen, geradezu umgekehrten Verlauf und erst wenn er eine Reifezeit hinter sich gebracht hat, in der Schafe üblicherweise auf natürlichem Weg ihren Atem ausgehaucht haben, geht er so richtig auf. Trinken konnte man ihn natürlich trotzdem, nobles Geblüt nimmt man selbst jungem Krug unbesehen ab. Doch ist er in dieser jugendlichen Phase nicht zart wie das Lamm, weichfleischig, noch an Milch gewöhnt und mit der Würzkruste von Sven Elverfeld garniert ein Traum für jede Zunge, sondern ähnelt den heranwachsenden Prinzen regierender Herrscherhäuser, die sich lieber in historischen Uniformen auf Parties herumtreiben und Vodka durch die Nase saugen, als schon jetzt an die Bürde des Regierens und vielmehr noch des repräsentierens zu denken.

6. Apfelstrudel Interpretation Aqua 09 von Nadja Hartl und Eric Räty, Aqua

dazu: de Saint Gall Cuvée Orpale Blanc de Blancs Grand Cru 1998

Chardonnays aus Cramant, Oger und Le Mesnil.

Mit der Cooperativenprestigecuvée kann ich mich nicht recht anfreunden. Was Nicolas Feuillatte mit den Palmes d'Or gelungen ist, haben die Jungs von de Saint Gall auch geschafft: den Sprung in die Spitzengastronomie. Hier nehmen beide Genossenschaften den angestammten Herrschern des Kohlensäureluftraums jenseits der 100 EUR/Fl. gehörig Anteile ab. Doch von Grund auf überzeugend fand ich die Cuvée Orpale zum Essen nie. Erst recht, muss ich leider sagen, nicht zum Dessert. Dabei ist der vielfach und verdientermaßen gelobte Apfelstrudel mit dem spektakulären Gewand ein vorzüglicher, anspruchsvoller Partner für großen Champagner. Kuchenteig, Apfel, Zuckerhülle sind die schlichten Komponenten, aus denen der Aquastrudel besteht und die sich in jedem Blanc de Blancs finden lassen. Nur muss es eben einer sein, der mit ebenso vollendeter Transparenz, Kunstfertigkeit, schlichter Anmut und stilistischer Größe brillieren kann. Wenn es ihn gäbe, würde ich 1988er Salon Extra Dry zum Strudel ausgewählt haben.

7. Dessertbuffet von Gabi Ortmann

dazu habe ich mir Krug und Cognac Hennessy genehmigt

a) Crémeux von Kaffee, Banane und Cognac

Ein bürgerlich-gewöhnlich wirkender Start in die Buffet-Schlacht, die vom Cognac souverän eröffnet wurde. Einerseits liebevoll, andererseits mit einer bürgerliche Sphären schnell verlassenden Aromenrakete war die Bananenattacke, der flankierende Kaffee brach jedes weitere etwa noch vorhandene Ressentiment gegen altbackene Kombinationen.

b) Tonkabohne und Espresso, Maracuja-Whiskygelee

Schwierig war hier anfangs die Wahl zwischen Cognac und Champagner. Dogmatische Bedenken wegen der Kombination eines Korns und zweier Traubenprodukte konnte ich aber schnell zurückstellen, denn Champagner und Cognac kamen gleichermaßen gut mit dem Whiskygelee zurecht. Kaffee und Maracuja verbanden sich ebenfalls mühelos mit beiden Traubenerzeugnissen.

c) Gebackener Apfel und Milchschokolade, Flor de Sel Vanille

Erneut ein Dessert, bei dem die Liebe zum Detail besticht. Die Wahl fiel hier ganz von selbst auf Champagne Krug, der sich im Dessert mit einigen seiner prominentesten Facetten wiedergegeben fand.

d) Manjarimousse, Passionsfruchtcrème, Kokos-Curry-Crunch

Noch ein sicherer Treffer. Die Schokolade und die Passionsfrucht vermählten sich zu einer sämig-fruchtsäuerlichen Melangeunterlage, auf der Kokos und Curry knuspernd zur Geltung kommen konnten. Klarer Fall auch für den dazu spitzenmäßig passenden Cognac.

e) Portweineis und Schokoladen-Ingwercrumble

Süß bis mastig, trotzdem konnte ich nicht die Finger von einem Nachschlag lassen. Der Cognac setzte sich mühelos gegen den Champagner durch, zum Portwein war das Verhältnis dabei nicht so gut, wie zu Schokolade und Ingwer.

f) Basilikum-Sauerrahmeis und Lavendelschaum

Erfrischender Abschluss, zu dem leider weder der Champagner noch der Cognac passen wollte.  

Bulles Bio – Teil II: Das Marnetal

B. Das Marnetal

Die Aube ist das eine Stiefkind der Champagne, das andere Stiefkind ist das Marnetal mit der dort vorherrschenden Meuniertraube. Häuser, die auf sich halten, verwenden keine Trauben von der Aube, ehrenwerte Häuser verwenden auch keinen Pinot Meunier in ihren Champagnern, so kommuniziert es aus immer noch genügend Marketingabteilungen hart an der Wahrheit vorbei in die Welt hinaus. Richtig ist, dass die Aube keine Premier oder Grand Cru klassifizierten Ortschaften zu bieten hat und richtig ist auch, dass Pinot Meunier in klassifizierten Crus kaum bis gar nicht zu finden ist. Wenn sich dann ein Produzent entscheidet, seine Markenbotschaft auf den Cru-Status seiner Champagner zu konzentrieren, gelangen mit der Zeit Regionen wie die Aube und das Marnetal ins Hintertreffen.

Beide Gegenden befreien sich aber momentan gerade dank ihrer umtriebigen Avantgardewinzerschaft vom Image des Minderwertigen, ja manche Aubewinzer schaffen sogar mit der Assoziation zum nahen Burgund ganz neue Botschaften. Bekanntestes Beispiel ist Montgueux, vermarktet als 'Montrachet der Champagne' und ein besonders gelungener Coup. Das Marnetal hat einen solchen Wunderberg nicht, Leuvrigny und Le Breuil haben, obwohl bei den Kellermeistern der großen Häuser berühmt für ihre Spitzenmeuniers, diesen Nimbus nicht einmal von weiter Ferne.

Dafür gibt es im Marnetal eine ungewöhnlich hohe Anzahl langjähriger Biowinzer, von denen ich schon eine ganze Reihe bei verschiedenen Gelegenheiten vorgestellt habe. Francoise Bedel gehört zu den auch unter ihren Winzerkollegen selbst außerhalb des Marnetals bekanntesten und profiliertesten Biowinzerinnen, an ihr kommt man nicht vorbei. Franck Pascal ist ein Erzeuger, der sich dagegen noch in der Findungsphase austobt und sich hierbei von Jahr zu Jahr steigert. Christophe Lefvre schließlich, um die Riege der hier vorgestellten Winzer zu beschließen, ist ein stilistisch wieder völlig eigener Typ der es schafft, Bio-Champagner so ganz und gar un-nerdig, unverquast und gediegen rund zu machen, dass man jeden Vorbehalt gegen die manchmal allzu eckigen und ultraindividualistischen, teils viel zu anstrengenden Biowinzerprodukte gern zurückstellt.


I. Franck Pascal

Der Etikettenwechsel ist fast vollständig vollzogen. Dem kann sich auch der Stil des Hauses von der mittleren Marne nicht entziehen. Sehr deutlich wandelt der sich gerade, alle Champagner durchlaufen BSA und sind im Gegensatz zu früher nicht mehr auf Polarisation und Krawall, sondern auf mehr Balance ausgelegt. Die Dosage geht dafür gegen den allgemeinen Trend leicht nach oben. Insgesamt ist das eine sehr positive Entwicklung, in den letzten drei Jahren habe ich die Champagner von Franck Pascal nie besser getrunken, als jetzt.

1. Sagesse Extra Brut, 2006er Basis

57PM 38PN 5CH.

Alles, was ich mir in den vergangenen zwei Jahren bei mehrfacher Gelegenheit zu den Champagnern von Franck Pascal zurechtgetrunken und über Franck Pascals Champagner gedacht habe, muss ich nun gleichsam über den Haufen werfen. Das grimmige Naturell ist weg, der Sagesse schmeckt keksig, ganz leicht nach Toffee und harmonischem Familiennachmittag, von Säure keine Spur.

2. Tolérance Rosé, 2006er Basis, dég. 13. Dez. 2010

58PM 39PN 3CH, mit 6 g/l dosiert

Was für den Sagesse gilt, gilt ebenso frü den Rosé. Der besteht zu 96% aus Sagesse und zu 6% aus je hälftig Pinot Noir und Pinot Meunier. Von den Champagnern Franck Pascals hat er die beste Entwicklung hingelegt. Vom engen, eingeschnürten Programmsatz ohne Seele zum noch nicht ganz stimmigen, aber einnehmenden Cocktail aus Vanille, Waldmeister und Eukalyptus auf rotem Früchtebett mit einer minimal alkoholischen Note.

3. Cuvée Prestige "Equilibre" Mill. 2002

Drittelmix, mit 4,5 g/l dosiert.

Lebhafter, schnittiger und funkelnder als die beiden Vorgänger, was ein wenig auf Kosten des Gewichts geht, aber dicklich war diese Cuvée ja sowieso noch nie.

4. Cuvée "Quinte-Essence" Extra Brut Mill. 2004, dég. 17. Nov. 2010

25PM 60PN 15CH, mit 4,5 g/l dosiert

Gegenüber der letzten Verkostung ist der Funke chaotisch-genialen Irrsinns verschwunden, was mancher bedauern mag, ich begrüße das bei diesem Champagner. Rund, reif, ausgefaltet, weinig, stoffig und lang präsentiert er sich, ohne dass ich an ihm irgend eine Form von Mystizität vermisse, die er nämlich sowieso nie hatte. Die Stabilität dagegen tut ihm sehr gut.


II. Christophe Lefevre

Bewirtschaftet seine 3,1 ha seit 2003 en bio und macht jährlich rund 24000 Flaschen draus. Zu Hause ist er in Bonneil, einige Kilometer hinter Baslieux, wo Franck Pascal seinen Sitz hat. Genauer ist Lefèvre in Mont de Bonneil ansässig, da wo die Marne ihre moselartigen Bögen macht, zwischen dem Fluss und der Autorute de l'Est nach Paris, hinter Château Thierry in der Picardie. Der Stil von Lefèvre ist in positivem Sinn gefällig und frei von größeren Irritationen. Wer sich für Champagner jenseits der großen Häuser interessiert, bekommt hier einen leichten Übergang.

1. Cuvée de Reserve, 80% 2008er und 20% 2007er Jahrgang

60PM 30PN 10CH, mit 6 g/l dosiert. Stahltank.

Ohne die grünlich-säuerliche und ganz leicht harzige Note wäre der Champagner vollkommen massenkompatibel.

2. Cuvée Prestige

80PM 20CH, mit 8 g/l dosiert.

Die höhere Dosage bekommt der Cuvée Prestige sehr gut, den Champagner habe ich im Handel noch nirgends gesehen. Wer ihn findet, sollte ihn kaufen.

3. Rosé de Saignée

100PN, 36 Stunden Maischestandzeit, mit 6 g/l dosiert.

Leicht flintig, hauptsächlich aber fleischig und dabei überhaupt nicht hitzig oder garstig; schlank, sehr ansehnlich, erinnert mich an Spätburgunder von der Ahr.


III. Françoise Bedel

Auf den 2008er Robert Winer müssen wir leider immer noch warten. Einen Teil der anderen Cuvées von Madame Bedel, die nur wenige Kilometer von Christophe Lefèvre flussabwärts beheimatet ist, habe ich zum Trost verkostet.

1. Origin'elle Extra Brut 2004, dég. Jan. 2011

57PM 11PN 32CH.

Diesen Champagner habe ich nie als gehaltvoll kennengelernt, es ist kein Champagner, der mit großer Geste daherkommt oder der besonders durchgeistigt wäre. Er hat im besten Fall etwas Flüchtiges, und damit meine ich nicht flüchtige Säure, sondern ein nur schwer greifbares Element, das ihm bei den gelungeneren Exemplaren seinen Reiz verleiht. Dies hier war eine der gelungensten Flaschen, die ich je vom Origin'elle hatte. Das flüchtige Element deutete für mich auf einen sehr aristokratischen, säurearmen, sandelholzigen Damenduft. Wie ein Parfum, das den noblen Auftritt einer Person wirkungsvoll unterstreicht, jedoch allein auf Duftstreifen etwas beziehungslos wirkt.

2. L'âme de la Terre Extra Brut 2003, dég. März 2011

67PM 17PN 7CH, mit 3 g/l dosiert.

Immer wirkt der Âme de la Terre auf irgendeine Weise so, wie er heißt. Diesmal war es eine Malzbrotkruste, die den Bezug zur Erde herstellte und nicht als brotiger Luftton missverstanden werden darf. Außerdem Zuckerwatte, Popcorn, Butter. Rund, fein, frisch, obwohl säurearm.

3. Entre Ciel et Terre Brut 2004, dég. April 2011

80PM 20PN.

Leicht und fruchtig. Nicht ganz so augenfällig wie beim Âme de la Terre wird hier der Name umgesetzt, aber den Eindruck einer gewissen schwebenden Leichtigkeit kann man dennoch, bzw. durch entsprechende Suggestion gewinnen. Besonders schwerelos wirkte die mir besonders apart vorkommende Süße, die sich nichtendenwollend hinauszog, ohne dass der Champagner hoch dosiert wäre.

4. Dis, Vin Secret Brut Nature 2003

86PM 8PN 6CH.

Schlank bis dünn, wie eine mit Mineralwasser verdünnte Limonade, dafür immer noch sehr lang und sauber. Ob mir die Extra Brut Version hiervon am Ende doch besser gefällt?

Bulles Bio – Teil I: Aube

A. Aube

Lange dachte ich, an der Aube würde sich ein Großteil der Menschen mit abgemagerten dreibeinigen Hunden um Essensreste streiten, Väter würden dort den ganzen Tag lang Abbeizmittel trinken und versuchen, die wenigen schrecklosen Nutten in der Region auf den Mund zu küssen, während die verwahrlosten und oftmals grotesk entstellten Kinder dort entweder frühreif oder früh gewalttätig seien. Zum Glück stimmt das alles nicht. Oder zumindest nur in den ganz entlegenen Gebieten der Côte des Bar. Immerhin: Hier hat Renoir eines seiner Lieblingsmodelle gefunden, hier hat sich Voltaire zurückgezogen und hier wurde er begraben, ja im Mittelalter ging von hier die Reformation der Benediktiner unter Bernard von Clairvaux aus. Kein Wunder also, dass hier ebenso bedeutsame Champagner entstehen können.


I. Thierry et Valerie de Marne, Champagne DeMarne-Frison

Zur Zeit werden 3,5 ha biobewirtschaftet, was ca. 4000 Flaschen im Jahr bringt. Der Plan ist es, bis 2014 auf 20000 Flaschen zu kommen. Bei den beiden Aubelieblingen gab es Lalore und Goustan aus dem Jungfernjahrgang 2007 und außerdem die blutjunge neue Lalore 2009. Meine Allokationsbenachrichtigung hatte ich passenderweise kurz zuvor erhalten, ganze sechs Flaschen darf ich haben. Dafür habe ich Thierry und Valerie dann so viel wie möglich schon jetzt weggetrunken. Wenn die weiterhin alles mit derselben traumwandlerischen Sicherheit richtig machen, wird es nämlich über 2014 hinaus schwierigst bleiben, an vernünftige Mengen zu kommen.

1. Blanc de Blancs "Lalore" Brut Nature, 2007er Ernte, dég. Okt. 2010

Merklich in der Übergangsphase. Die Primäraromen verschwinden langsam, Butter, Banane und Kirsche tauchen ab, die ungewisse Zeit des Fortentwickelns nimmt der Chardonnay ungeduldig hin, kratzbürstig oder pubertär wirkt er dabei nicht.

2. "Goustan" Brut Nature, 2007er Ernte, dég. Okt. 2010

Ein wohlentwickelter Ephebe, crèmig, fruchtig, jugendlich, frisch, schlank. Außerdem gelassener, cooler, lässiger als die Chardonnayschwester und damit leicht im Vorteil.

3. "Lalore" Brut Nature, 2009er Ernte, dég. Oktober 2011

Kräuterhex, mit Waldmeister, Campher, Hibiskus. Kneifende Säure in der Backe. Kleines Biest. Dieser Champagner wird nicht nur freches Gör sein, sondern frühreifer Vamp.


II. Bertrand Gautherot, Champagne Vouette & Sorbée

Bertrand Gautherot, angetan im buntesten Freizeithemd, das ich je gesehen habe, schenkte Champagner ein, der für den Augenschmerz entschädigte.

1.

Blanc d'Argile

100CH. 2008er. Dégorgiert Nov. 2010. Gegenüber dem letzten Boxenstop hat sich nicht viel verändert. Bananenschale, die dem vorhandenen Tannin viel grip verleiht, immerhin ist aber das primäre Himbeer-Erdbeer-Kirschgemisch nicht mehr so beherrschend, dafür gesellen sich freche Orangen- und Nektarinenaromen dazu. Die röhrende Säure wirkt dadurch weniger bissig. Gute Aussichten für später, der Champagner ist ein Gewinnertyp. Aufregend wäre der im Gespann mit Boxenluder Lalore.

2. Fidèle

100PN. 2008er. Dégorgiert Okt. 2010.

Mehr der Typ Waldläufer und geheimnisvoller Einzelgänger ist trotz seiner Jugend der in sich ruhende Fidèle. Dunkel, moosig, mit Thymian und Rosmarin, würzig, lendenstark und fruchtbar.

3. Saignée de Sorbée

2008er. Dégorgiert Jan. 2011.

Ein Traum von Pomelo, Pink Grapefruit, Aperol, Nektarine und Yuzu. Lang, rein, fein. Wenn der sich auf diesem Niveau hält, kann er zu den größten Champagnern seiner Art aufschließen.


III. Jean-Pierre Fleury, Champagne Fleury

Das Schwergewicht unter den Biodynamikern und in Deutschland sicher einer der am weitesten verbreiteten Biochampagner, wenngleich man hier aus seinem Programm meist nur den Standardbrut kennt, ist Fleury, ebenfalls an der Aube zu Hause. Von seinen 15 ha und Zukäufen von weiteren 8 biodynamisch bewirtschafteten Hektar erzeugt Jean-Pierre Fleury jährlich 200000 Flaschen Champagner.

1. Fleur de l'Europe Brut Nature, 2005er Basis mit Reserve aus 2004

90PN 10CH.

Stahlig, kratzig, mittleres Gewicht, wobei doch eher hager und ich würde ihn zu den flacherbrüstigen Champagnern zählen. Kein must have.

2. Blanc de Noirs, 2007er Basis mit 2006

mit 8 g/l dosiert.

Brotig, apfelig, ein Champagner, der in Richtung eines Lufttons geht, wie er von klassischen Sektliebhabern klar abgelehnt wird. Dabei ist der Champagner recht massig, nicht klobig, nur vielleicht etwas hohltönend.

3. Millésime 2000 Extra Brut

70PN 30CH, mit 4 g/l dosiert

Eine dieser pinotdominierten Cuvées, die man blind aufgrund ihres Apfelkuchen-, Zimt- und Zitrusdufts für Chardonnay halten kann. Für das nicht besonders großartige Jahr ein guter Champagner, der sauber, jugendlich und mit Spannkraft auftritt.

4. Rosé de Saignée Brut (2007)

80PN 20CH, mit 6 g/l dosiert.

Am besten gefiel mir von Fleury der feinpricklige Rosé, dessen gesunde und selbstbewusste Herbe kraftvoll wirkte, wie es beim Rosé von Fleury ja eigentlich immer der Fall ist. Geschmackvoll sind die Beern drapiert, Unterholz und männliche Poinotattribute kommen nicht zu kurz, wirken andererseits völlig unaufgesetzt. Sympathischer, seriöser Rosé. 

Nachverkostet: Cognac Pierre Ferrand und Cognac Landy

I. Cognac Ferrand

Cognac Ferrands Château de Bonbonnet hatte ich letztes Jahr besucht und war von der dort geübten Gastfreundlichkeit mehr als angetan. Die Cognacs taten ein Übriges. Die Nachverkostung bestätigte meine gute Meinung von Cognac Ferrand.

1. Pierre Ferrand Sélection des Anges

Die Sélection des Anges hatte Monsieur Gabriel letztes Jahr im Rahmen eines Cognacdîners eingebaut, wo er seine Speisenkompatibilität unter Beweis stellen musste. Das tat er nach anfänglichen Schwierigkeiten mit Bravour. Solo entfallen die Anpassungsprobleme und man kann sich die Entwicklung vom ersten einschenken bis zur Vollentfaltung ansehen. Anfänglich ist der Cognac alkoholisch, hibbelig, ziemlich durcheinander. Dann kommen die Butteraromen hervor und bilden stabile Führungsschienen, an denen sich Trockenblumen- und Kräuter, Spekulatius, Unterholz und Früchtebrot entlangranken.

2. Pierre Ferrand Abel 

Abel ist einer der legendären Kellermeister der Region gewesen und daher zu Recht Namenspate dieses Cognacs, der als Hommage dem Stil dieses Mannes nahekommt. Die Eaux de Vie hierin sind mindestens 45 Jahre alt. Gepolstert, weich, komfortabel, mit viel von dem, was ich helles Rancio nennen will, also nicht die dunklen Röstaromen, Datteln, Rosinen und Schokolade, sondern getrocknete Nashibirne, kandierte Sternfrucht und Ananas, Currypulver, Safran, Milchkaffee, Panna Cotta sind die leitenden Aromen.Besonders pikant und außergewöhnlich ist die Mischung aus Curry und kandierten Aromen, dabei ist der Cognac mild, unverbrannt und von meditativer Ruhe. Mit ca. 200,00 € nicht mehr ganz billig.

3. Pierre Ferrand Ancestrale

Um eine Flasche von diesem Cognac zu gewinnen, musste der Inhalt von weiteren neun Flaschen derselben Essenz – in diesem hier spielt der 1933er Jahrgang die tragende Rolle – erst an die Engel abgegeben werden. Das ist der Verlust, der in über siebzig Jahren Fasslagerung eintrat, bevor dieser Cognac einzeln von Hand in jede einzelne der jährlich nur 300 Flaschen abgefüllt werden konnte. Zuvor wird übrigens jede dieser Flaschen mit Ancestrale ausgespült. Ganz schön luxuriös. Der Geschmack hält mit. Ausgeprägt oxidative Aromen, Safran, Honig, Butter, Kaffee, heiße Schokolade, ein reich gedeckter Frühstückstisch. Dazu gesellen sich die ultrafeinen Noten von Honigmelone, Himbeergeist, Walderdbeere, entfernt auch Maiglöckchen und Iris. Frappant ist daran, dass man die zarten Fruchtnoten in einem so alten Cognac gar nicht erwartet. Dass sie trotzdem drin sind, macht ihn so vollständig. Für ca. 380,00 € nicht überteuert.

 

II. Cognac Landy

Landy gehört einerseits zu Cognac Ferrand und andererseits zu den Häusern, bei denen neben der dominanten Ugni Blanc eine der heute nur noch wenig verwendeten Rbsorten Berücksichtigung findet: Colombard. Die langsam kaltvergorenen Weine kommen nach dem Brennen in neue Fässer, wo sie sich schön mit Holzaroma vollsaugen können – eines der prägenden Elemente vor allem der jungen Landy-Cognacs. Erst nach knapp einem dreivirtel Jahr werden die Jungbrände in alte Fässer umgefüllt, wo sie in nassen Kellern langsam weiterreifen können.

1. VSOP

Die Brände für den VSOP sind ca. zwölf Jahre alt. Der Cognac ist mild, fein vanillig, ohne störende Brandigkeit.

2. XO Excellence

Man merkt die Vertiefung des Charakters gegenüber dem VSOP, die Holzaromatik bleibt nach wie vor ein Thema, doch treten Pflaumenmus, Trockenblumen, Kräuter, Wachs und exotische Früchte hinzu.

3. XO No.1

Die Nummer Eins des Hauses ist zugleich der emblematischste Cognac von Landy. Der als Symboltier dienende Windhund ist unter den Hunden Sinnbild von Eleganz, als Hund natürlich gleichbedeutend mit unverbrüchlicher Treue und als Wettkämpfer mit dem Ehrgeiz ausgestattet, die Nummer Eins werden zu wollen. Die X.O. Nummer Eins von Landy transportiert diesen Anspruch recht gut, obwohl ich meine Schwierigkeiten damit hätte, ihn als die Nummer Eins unter den Cognacs schlechthin zu sehen. Es ist aber, und darauf kommt es viel mehr an, ein Cognac, der im Hausportfolio alle Duft- und Aromaeigenschaften, die sich bei den anderen Cognacs mal mehr, mal weniger überzeugend finden, am besten vereint. Das Holz ist nicht mehr so markant und bildet bei diesem Cognac quasi nur noch die zuverlässige Struktur für den Cognac. Bei dem sind die Übergänge zwischen den einzelnen Aromen kunstvoll verwischt. Das wiederum darf man sich genau nicht so vorstellen, wie in der Grundschule, als man (ich zumindest) stumpf Wasserfarben aus dem Pelikan-Malkasten miteinander vermischt hat und am Ende nur ein undefinierbarer Braunton stand, sondern wie ein chaotisch wirkendes, Verästelungen, Abgrenzungen und Übergangszonen bildendes Ineinderschwimmen von Farben. Sehr schön und mit ca. 60,00 € ein günstiger Einstieg in die farbenfrohe Welt der XOs.

7. Tafelrunde – Klitzekleiner Ring: Sugardaddy’s Empfehlungen Teil II

Gerade erst habe ich Ferdinand von Schirachs Spiegel-Bestseller-Schmöker "Verbrechen" und "Schuld" ausgelesen, da erfahre ich wie zufällig, dass der Opa des Berliner Strafverteidigers sein Leben 1974 in Kröv geendigt hat. Dort ließ sich im Jahr 1966 der ehemalige Reichsjugendführer und Gauleiter von Wien Baldur von Schirach nieder, nachdem er seine Haftstrafe als Hauptkriegsverbrecher verbüßt hatte.

Davon hat der damals noch ganz kleine Thorsten Melsheimer aus dem – amtlich – tausendjährigen Reil, das zusammen mit Kröv gleichsam die zweite Hauptstadt des auch verfassungsrechtshistorisch bemerkenswerten sog. "Kröver Reichs" vorstellte, wahrscheinlich nicht viel mitbekommen.

Gut so, nicht auszudenken wäre schließlich, wie die Weinwelt aussähe, wenn sich dieser dann in mehrerlei Hinsicht in die Höhe geschossene Winzer entschieden hätte, Geschichten wie der nachzugehen, die wiederum der eingangs erwähnte Ferdinand von Schirach z.B. in der Episode "Der Koffer" in seinem zweiten Erzählband wiedergibt. Dort geht es nämlich um eine ungeklärte Leichensache und mysteriöse Bilder, auf denen durch den Bauch gepfählte Menschen gezeigt werden: eine mittelalterliche Strafe für Vergewaltiger, die sich namentlich in einem der überlieferten Weistümer pfeilgrad unseres schönen Kröver Reichs findet und etwaigen Straftätern bis in das Neunzehnte Jahrhundert hinein zumindest angedroht war.

Doch wenden wir uns ab von der Halsgerichtsbarkeit und dem zu, was dem Hals wirklich gerecht wird: feinster Moselwein.

VI. Weingut Melsheimer, Reil

1. Sekt Reiler Mullay-Hofberg Brut 2009

Der Sekt ist sehr ordentlich, ohne dass er herausragt. Für schmale 12,50 € wird es natürlich andererseits schon wieder schwierig, einen gleichwertigen Sekt zu finden. Der Brut ist mit ca. 8 g/l dosiert, es gibt ihn auch als Brut Nature, d.h. dosagelos. Auf dem Etikett steht dann trotzdem Extra Brut, aber egal.

2. Reiler Mullay-Hofberg Kabinett feinherb 2010

Frisch gewaschen, aber nicht klinisch sauber, guter Körperbau mit lieblichen Pölsterchen am rechten Platz, so stellt sich der Reichsjugendführer seine Mädelschaft und ich mir einen gelungenen Kabinettwein vor.

3. Reiler Mullay-Hofberg “Schäf” Spätlese 2010

Ein Wein mit schwungvoll weit ausholender Pranke und direkt ausladender Geste, der dann aber erstaunlich präzis zupackt, so als würde man mit einer Containergreifanlage Katzenbabies umsetzen. Lang, griffig, mit Apfel, Limone, Kräutern und dem kühlenden Effekt von unter der Nase verriebenem Menthol. Außerdem ein Wein, der romantisch stimmt und auch ein bisschen rebellisch.

Sugardaddy's Sweety Pie:

4. Reiler Mullay-Hofberg Auslese 2010

Kommt dem Idealtypus der Moselauslese so nah, dass die Heisenberg'sche Unschärferelation ganz von selbst eingreift. Im Glas vollzieht sich die süße Metamorphose des schieferdurchwirkten Apfels als verbotene Frucht und Fruchtbarkeitssymbol, Auslöser der Erbsünde und der Newtonschen Gravitationslehre. Kunstfertigkeit, Beherrschheit und eine Prise Chaos, quasi eine trinkbare Einführung in die Quantenphysik oder wahlweise in den Zen-Buddhismus.

VII. Johann Lenz, Pünderich

Sugardaddy's Lovely Little Princess

1. Pündericher Marienburg Spätlese 2010

Kamen mir die Weine von Lenz zuletzt sehr verschlossen und beinahe märchenhaft wie von Dorngestrüpp überwuchert vor, so ist es jetzt an der Zeit, aufzumerken. Die schon immer noble Säure der Marienburg hat sich hier noch einmal weiterentwickelt und selbst wenn sie noch nicht mitreißt, ist sie doch schon prickelnd, belebend und die abgefeimtesten Wüstlinge meines Alters könnten sich unversehens in der Prinzenrolle wiederfinden. Bei 7,80 €/Fl. zudem ein erfreulich günstiges Vergnügen.

VIII. Weingut Moog, Traben-Trarbach

1. Trabener Gaispfad Spätlese 2009

Beim Gaispfad kann ich mich nie dem Bild von Zicklein, die vom moselanischen Geißenpeterpendant über einen schmalen Steig zurück ins Dorf getrieben werden, sich da und dort schubbernd und im Weinberg ihre Hinterlassenschaften verteilend, entziehen. Deshalb meine ich auch oft oder immer eine speziell animalische Note in gutem Wein aus dieser alten Spitzenlage zu vernehmen. Bei diesem gegenüber dem letzten Jahr deutlich fortentwickelten Exemplar hat sich das mit den Ziegen gelegt, nur eine gewisse zitrusfrische Wildheit ist geblieben.

3. Trabener Gaispfad Spätlese 2010

Ausgeprägt traubig, minimal muskatig, emulsionsartig und trotz der aromatisch sich abzeichnenden Profiltiefe noch zu verwaschen und unfertig.

IX. Richard Böcking, Traben-Trarbach

Eine Minivertikale gab es bei Richard Böcking. Sehr schlau wurde ich daraus nicht, denn es fiel mir selbst für meine eingeschränkten Verhältnisse schwer, einen roten Faden oder eine typische Entwicklungslinie bei den verschiedenen Ungsbergen zu erkennen und vor allem deshalb fühlte ich mich ein wenig wie der BGH im Jahr 1990 bei der Beurteilung von Henry Millers "Opus Pistorum", Az. 1 StR 477/89, BGHSt 37, 55 ff.

1. Alte Reben feinherb 2010

Primärfruchtig, mit etwas Apfel, viel Hefe und aufgeregter Jugend.

2. Trarbacher Ungsberg Spätlese feinherb 2009

Mit einem überraschenden, aber nicht ganz unwillkommenen Stinkerle eröffnete die 2009er Spätlese. Dahinter war sie, als hätte ich es geahnt, zitrusfruchtig, und zwar sehr. Eine feine Herbe setzte sich wohltuend und unangestrengt davon ab, was dem Wein Tiefe verlieh. Keine önologische Großtat, aber für 9,00 €/Fl. ein maskulines Gegenstück zu Lenzens Pündericher Marienburg.

3. Trarbacher Ungsberg Kabinett feinherb 2008

Sehr leicht, sehr fein, ich hatte die mehr oder weniger unbegründete Furcht, bei dem Wein das bekanntermaßen nicht sehr kräftig ausgebildete Jahrgangsrückgrat durch unbedachtes umhersprudeln im Mund zu zerbrechen. Dem war dann nachher doch nicht so.

Sugardaddy's Petite Angel:

4. Trarbacher Ungsberg Spätlese feinherb 2007

Es mag am Jahrgang und am Prädikat liegen, ja, das wird es sein; der 2007er Ungsberg war dem 2008er an Gestalt nicht unähnlich, der Körperbau feingliedrig, aber weniger verletzlich. Da war mehr Fleisch dran, ein angenehm nahrhafter Duft wie von Himmel und Erd' zog in die Nase, am Gaumen wetzte sich eine hochwertige Säure ab, bis der Wein durch reichliches Hin- und Herspülen mürbe genug war, um die nur schwer reversible Reise in den Rachen anzutreten wohin er sich leise gluckernd verabschiedete und mich zufrieden zurückließ.

5. Trarbacher Ungsberg Spätlese feinherb 2006

Schon angeältelt wirkte die schließende Spätlese aus dem gemeinhin aufgrund seines abträglichen Herbstregens als in diesem Fall zu recht schwächer angesehenen Jahr 2006.

X. KKR Bergrettungsweine

1. Bergrettung Spätlese 2010

Gut schmeckte mir die 2010er Spätlese, wenngleich schon wieder sehr saftig und beinahe wieder naiv-süß. Wahrscheinlich keine Kandidatin für die ganz lange Reife, da mir ein haltgebendes Säurekorsett nicht auffiel, aber das mag täuschen.

Sugardaddy's Secret Enhancement Drink:

2. Bergrettung Auslese 2007

Bei erneut nur ganz wenig Säure entwickelte sich hier eine überaus ansprechende Säure und faltete sich aus wie die Blüte der Akelei, der man lange Zeit nachgesagt hat, sie verhelfe dem Mann zu neuer Kraft bei der Verrichtung seiner ehelichen Werke und stehe gleichzeitig für heimliche Lieb, verbotene Verführung. Den Frauen sollte sie als Präparat zur Linderung von Regelschmerzen dienen. An alledem volksmedizinalen Zauber ist aus pharmakologischer Sich nicht viel dran; im Zweifel würde ich deshalb eher zu einer Flasche 2007er Bergrettungsauslese raten, der jeweils gewünschte Erfolg dürfte sich hernach mit größerer Gewissheit einstellen.

3. Bergrettung Auslese 2006

Einer anfänglich aufjauchzenden Säurespitze folgen Klebstoff und Petrol, der Wein wirkt etwas gedrängt und unausgeglichen, aber nicht schwach. Mit Luft zieht sich das Panorama wieder etwas weiter auseinander, nur die Säure reicht nicht von Anfang bis Ende; beginnt jetzt, für Freunde reifer Auslesen interessant zu werden. Ultralang wird er aber wahrscheinlich nicht leben.

XI. Kirchengut Wolf, M. & U. Boor, Wolf

Seit gerade einmal zehn Jahren sind Markus und Ulrike Boor Nachfolger in der Weinbereitung erst katholischer, dann protestantischer Kirchenmänner. Bewirtschaftet werden vier Hektar. Ecovin.

1. Wolfer Goldgrube Spätlese feinherb 2010

Erst eine recht appetitanregende weit entfernt an Erbsensuppe erinnernde Nase und eine gesund scharfe Würze wie von Radieschen oder Ingwer, dann herber Honig, Salbei; auch pricklig, noch hadernd mit sich oder der Welt.

2. Wolfer Goldgrube Spätlese 2010

Den Frieden mit sich oder der Welt hat die Spätlese gemacht. Hier ist alles von einer zukunftsfreudigen Diesseitigkeit und lupenreinen Entwicklungsfreude, mit vorschnellender, aber nicht lästiger Säure, Popcorndynamik, geklärter warmer Butter und einer sympathischen Aufgekratztheit, dass es dem Herrn ein Wohlgefallen sein muss, im Erst-recht-Schluß mir dann natürlich auch.

Sugardaddy's Tea Time Girly:

3. Wolfer Goldgrube Auslese 2010

Popcornduft als Reifefähigkeit indizierende Schwefelverbindung ist ja schon etwas Feines; eine Stufe darüber steht für mich noch der Duft von schwarzem Tee, wie ich ihn in dieser mit 18,00 €/Fl. nicht überteuren Auslese detektieren konnte. Hinzu kamen verträumt klebstoffige Noten, eine intensive und sehr reale Weinigkeit verhinderte derweil das Abdriften ins Ponytraumland.

XII. Ingmar Püschel, Traben-Trarbach/Hürth

Ein weiterer Vollblut-Quereinsteiger ist Violinist Ingmar Püschel. Alte Korbkeltern, Holzfässer und Edelstahl, Spontanhefen, ein bisschen Schwefel. Genau daraus wird sein Wein und sonst aus nichts. Bei Martin Müllen hat er sich das Handwerkszeug, resp. -wissen angeeignet, das sowieso vorhandene ästhetische Empfinden ist orchestral geschult. Beste Voraussetzungen also für Wein, der gemacht wurde wie in der Zeit, als Sonnenuhren das Tempo vorgaben.

1. Kröver Steffensberg Auslese 2009

Schlank und fein, damenhaft mit milder Säure. Passt zum Minett ebenso wie zum Menuett.

Sugardaddy's Doctor Play Zone:

2. Kröver Steffensberg Auslese 2010

An apple a day keeps the doctor away. In dieser Form gern. Krachgrüner Apfel in Reinstform.

3. Kröver Steffensberg Beerenauslese 2009

Damenhafte Anmut oder niedlichen, aber unschuldigen Knackpo haben wir jetzt hinter uns gelassen. Die 2009er Beerenauslese ist dabei weißgott nicht von schwülstigem oder sonst überladen bis pseudobarock wirkendem Format und Dekor, auch quillt er nicht geil über – das Gegenteil ist der Fall, der Wein ist wenn überhaupt dann vergleichsweise schlank und auf den ersten Blick züchtig. Wir reden aber am Ende doch von einem Wein, bei dem man, so ähnlich wie bei den allenthalben in der Klatschpresse abgebildeten prominenten Babybäuchen im sagen wir sechsten Monat, einfach nichts mehr verstecken kann. Muss man auch nicht; die 2009er BA ist so lebenbejahend wie der Zeugungsakt selbst.

4. Kröver Steffensberg Beerenauslese 2010

Bei der Beerenauslese ists dann endlich ganz aus mit Anstand, Würde und Zurückhaltung, der Wein ist druckvoll, ist bis oben hin beladen mit frechen Früchten und gut aufgelegter Klebstoffnote, dabei birst er förmlich vor herrlich versauter Spielfreude und Laken durchtobender Lebenslust die beide noch lange nachklingen.

Gast: Immich-Batterieberg

Gernot Kollmann kam nach Stationen bei den Bischöfen und Roman Niewodniczanski und unter anderem als Berater vom Weingut Knebel, dessen Riesling-Sekt mir ein treuer Begleiter ist, zu einem der reaktivierten Mosel-Starweingüter, dessen Etiketten allein schon zum Kauf reizen. 2010 war nach dem vielgelobten Startjahr sicher kein leichtes Jahr für ihn; Umstellung auf Bioweinbau, geringe, durch Botrytis noch einmal verminderte Erträge von ca. 20 hl/ha, dafür stellenweise dramatische Säurewerte und Fragen über Fragen, sei es nach dem "ob" und "wie" der Mostentsäuerung, oder nach dem richtigen Vinifizieren und Mixen der botrytisfreien Parzellen mit denen, die sich einen Pilz eingefangen haben. Von all den schwierigen Entscheidungen ahnt man nichts, wenn man die Kollektion probiert, was zeigt, dass Gernot Kollmann seinen Beruf nicht verfehlt hat.

1. C.A.I. 2010

Die Visitenkarte. Der Wein schlägt sofort seine Pfähle ins Herz ein. Spontan ist er; trocken sowieso. Leugnet aber nicht die moselanische Herkunft und trägt eine elegante, raffiniert angedeutete süße Schleppe. Konsequenterweise führt er einen flotten Säuredegen mit sich. Für 9,00 €/Fl. ein Pflichtkauf, wenn man trockene Moselweine schätzt.

2. Batterieberg 2010

In seiner ganzen Tiefgründigkeit und Mineralität dieses Jahr leichter als der Steffensberg und wenn leichter irgendwie nicht das richtige Wort ist, dann eben offener und freundlicher. Kann ich nicht recht einschätzen.

3. Steffensberg 2010

Wo der Batterieberg, um in Möbelfarben zu sprechen, helles Lichtgrau und eine knusprige Art an den Tag legt, ist der Steffensberg dunkler, anthrazitfarbener, hat ausgeprägteren Salinecharakter. Während der Batterieberg unverdrossen plätschert, ist der Steffensberg unberechenbarer und vielleicht nicht gewaltiger, aber dominanter. Mindestens ebenso schwer einzuschätzen.

4. Ellergrub 2010

Hier hat mich ein Anflug von Petrol gestört. Bei jungen trockenen Rieslingen mag ich das gar nicht. Entschädigt hat der Wein mit seiner geschmacklichen Güte im Übrigen, da waren Länge, Kraft, Entwicklung, eine feinstoffige, gerbende Art, eine zurückhaltende aber merkliche Dosierung heimischer Obstsorten und durch die sehr kunstvoll nach hinten herausgezogene Länge war der Petrolärger schnell relativiert.

5. Zeppwingert 2010

Mein Kollektions-Favorit in diesem Jahr. Energiegeladen bis tumultuös, Apfel und Quitte, weißes Fruchtfleisch en masse, auch Moos, auch Kräuter, die reinste Gesteinsbohrmaschine.

6. Escheburg 2009

Schwächlich und leicht angemuffelt wirkte danach die Lagencuvée Escheburg.