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Category Archives: Allgemein

Allerlei und allerhand Information rund um den schäumenden und den stillen Wein, Cognac, Hotels und Restaurants. Streng nach meinen eigenen Interessen geordnet und veröffentlicht.

7. Tafelrunde – Klitzekleiner Ring: Sugardaddy’s Empfehlungen, Teil I

Wer sich noch an Erich Fromms Warnung vor dem Konsumidiotismus erinnern kann oder auch, weil zu jung, nicht und sich aber dennoch oder gerade deshalb ohne Beschwer der freien, resp. ggf. der käuflichen Liebe hingab oder -gibt, weiß im allgemeinen und schätzt dementsprechend, ahnt es möglicherweise unter Umständen auch nur und weiß am Ende genau deshalb nicht zu schätzen, liegt aber aus unerfindlichen Gründen dennoch goldrichtig mit der gefühlsmäßig, d.h. biochemisch-hormonell oder nur eins von beiden oder ganz anders oder wie auch immer vermittelten Affirmation, um die unverbrüchliche, wenngleich ephemere, nicht aber unbedingt fragile, sondern bisweilen denkbar robuste und regelrecht greifbare, bei jedem wiederum anders erlebte und wahrgenommene Schönheit des jeweils subjektiv-intimsten, einerseits individuellen, doch gleichzeitig in vollkommen harmonischer Wechselwirkung andererseits, stattfindenden Moments allerhöchster, himmlischster Süße.

Die Propheten einer ganz besonderen unter allen irdischen Manifestation der Süße, die ohne antagonistische Säure nicht sein kann oder jedenfalls allzu profan, um nicht zu sagen platt wirkt, ganz im Widerspruch also zu dem griechisch-mythologischen Vorbild der Göttertochter Harmonia stünde, die sogleich als gemeinsame Tochter von Kriegsgott Ares und Liebesgöttin Aphrodite wie kein besser geeignetes sagenhaftes Sinn- und Leitbild herangezogen werden wird, jene Propheten also sind die Rieslingwinzer der Mosel.

Einige von ihnen haben sich im Klitzekleinen Ring zusammengetan und auf der diesjährigen siebenten Tafelrunde zu Traben-Trarbach ein überwiegend staunenswert gutes Jahr 2010 in Flaschen abgeliefert. Da es mir bei der stattgehabten Kontrolle ganz wesentlich um die gerade schon angesprochene Harmonie zu tun war, die nicht etwa zu verwechseln ist mit Balance oder einer allzufrüh oder schlimmer noch allzu heftig durch beispielsweise Doppelsalz-Mostentsäuerung in den Wein hineingezwungenen Gerad-, bzw. vielmehr leider wohl unaufmüpfigen bis buttrig-scheintoten Flachheit, habe ich mich vornehmlich um die feinherben, fruchtigen und um die dezidiert süßen Weine bemüht.

I. Daniel Vollenweider, Traben-Trarbach

1. Schimbock 2009

Hart, herb, hefig, stark. Kein Wein für schwache Gemüter und im Grunde nichts für besinnungslose Schleckermäuler wie mich. Anspruchsvolle, wenn nicht schon intellektuelle Aromatik, ein Wein, am Ende, der schlauer ist als sein Trinker?

2. Wolfer Goldgrube Kabinett 2010

Hefig, primärfruchtig, etwas limonadig, bei herrschsüchtiger, leicht bockender 2010er-Säure.

3. Kröver Steffensberg Auslese 2010

Öliger, mit ernsterer, zügelnd wirkender Herbe und von Puffreis abgemilderter, bzw. sanft domestizierter Säure. Dieser Wein ist ein Kandidat für ausgeprägt schöne Altersjahre, wie der hohe Dimethylsufidantei ankündigtl, der so sagt es die Literatur, für die Mischung aus Puffreis und Popcorn in der Nase hauptverantwortlich sein dürfte und als flüchtige Schwefelverbindung das Reifebouquet mitprägt.

Sugardaddy's Glue Kid:

4. Wolfer Goldgrube Auslese 2010

Die Auslese startet mit einer Portion Klebstoff in der Nase und am Gaumen mit wohlgeratener, sehr properer Säure, das macht aus ihm trotz der nicht ganz unproblematischen Uhunote einen fidelen Wein, der zum Glück ganz ohne Hefe und Primärnoten auskommt und der darüber hinaus nicht von melancholischer Herbe gebremst wird. Gut, lang, fein, frisch, löst aber weder Herzrasen, noch den unter Klebstoffschnüfflern gefürchteten sudden sniffing death aus.

5. Schimbock Auslese 2009

Diesmal nicht ganz so sehr mein Kollektionsliebling wie sonst. Herber, schweißiger, abgearbeiteter, nicht mit der nonchalanten Mühelosigkeit von früher und mit einer weniger attraktiven Säure ausgestattet hat er den Sexappeal einer Zwangsprostituierten, deshalb warte ich lieber auf den 2010er Schimbock.

II. Weiser-Künstler, Traben-Trarbach

Meine erste Begegnung mit dem Wein von Weiser-Künstler hatte ich bei der Tafelrunde im Jahr 2009. Da war ich nicht besonders begeistert. Mittlerweile dafür umso mehr. Aus dem käsigen Backfisch ist ein sehr selbstbewußtes kleines Biest geworden.

1. Ellergrub Spätlese 2008

Feiner, geheimnisvoller Petrolschleier,der auf starke Sonnenexposition und damit erhöhten Carotinoidgehalt hindeutet. Eine braungebrannte Urlaubsbekanntschaft also, mit leicht sonnenöliger aber nicht glitschiger Haut, darauf ein feinschmirgeliger Sand haftet, der wiederum unverschmierte, provokante Herbe vermittelt.

Sugardaddy's Bustiest Babe:

2. Steffensberg Auslese 2010

Zuerst saftiger roter und grüner Apfel, später Heilkräuter und frisches Leinentuch. Pumperlgsund und prall, dabei nicht bäurisch. Eher der Typ Daheimgebliebene, die sich im Englischen Garten nicht nur der Sonne hingibt.

3. Ellergrub Beerenauslese 2010

Petrol, Aprikose, Säure sind hier geschmackvoll und stilsicher arrangiert. Ein Wein der sehr aufgeklärt und gleichzeitig trotz seiner sehr traditionellen Zutaten ganz unverkitscht wirkt. Noch eine Münchner Dirndlschönheit, die sich allerdings souverän im Hörsaal der juristischen Fakultät bewegt.

III. Staffelter Hof, Kröv

Vom Staffelter Hof sind die trockenen Weine meist stärker als die fruchtigen Schätzchen. So war es wahrscheinlich auch dieses Jahr. Ich habe aber aus Zeitgründen und um im Thema zu bleiben nur die süßen Sachen probiert.

1. Paradies feinherb 2010

An der herben Ausrichtung des feinherben Paradieses kann man ablesen, dass die Sympathien des Winzers im Bereich des durchgegorenen Weins zu Hause sind. Wirkte aber sowieso noch etwas unfertig und wird wahrscheinlich erst frühestens um Weihnachten herum zu schmecken beginnen.

2. Kröver Letterlay Kabinett feinherb 2010

Auch die Letterlay ist arg frisch, hefig und unfertig. Wirkt aufgedreht, wenn nicht hibbelig.

Eine Spätlese gab es leider nicht, das wäre wahrscheinlich genau das richtige gewesen zwischen der unruhigen Letterlay und dem schüchternen Steffensberg.

3. Kröver Steffensberg Auslese 2010

Leicht geraten und zwar nicht wässrig aber dünner als sonst, so dass man schon etwas genauer aufpassen muss, was man da schmeckt. Dass es sich um eine Auslese handelt, nimmt man dem Wein noch ab, leider ist sie nach meinem Dafürhalten zu blass. Etwas mehr Farbe um die Nasenspitze stünde ihr gut zu Gesicht.

Sugardaddy's Lush Life Lady:

4. Kröver Steffensberg Trockenbeerenauslese 2010

Petrol, Uhu, Aprikose, Säure. Gehalt, Präsenz, Struktur, Stimmigkeit, Komplexität sind alle da. Daher gewiss ein guter Wein, doch fehlt mir der entscheidende Funke, das Quentchen an geheimnisvoller Unbestimmbarkeit oder Überraschung, die geniale Sekunde, der letzte Impuls.

IV. Martin Müllen, Traben-Trarbach

Bisher kannte ich nur den vinologisch wie geographisch singulären Hühnerberg von Müllen, der dieses Jahr erneut meine Sympathien quasi gewaltsam an sich reißt.

1. Kröver Letterlay Spätlese feinherb 2009

Aperol, Hefe, Steine und eine leicht alkoholische Note.

2. Kröver Kirchlay Auslese 2010

Eierschale und Rosinen, wenig Säure, ein viel langsamerer Wein, als die feinherbe Spätlese. Braucht sehr viel Luft.

Sugardaddy's Favourite Chick:

3. Trarbacher Hühnerberg Beerenauslese 2010

Wieder einer meiner Favoritenweine. Apfel, Ananas, Puffreis. Maßvolle Säure, die gemessen am Volumen, das der Wein hat, gleichwohl beträchtlich sein muss. Bei diesem Wein ist alles auf Zukunft getrimmt, gleichzeitig steht er felsenfest im Jetzt. Kann man mit alt werden.

V. Weingut O., Traben Trarbach

Letzte Woche noch habe ich den Ungsberg "Bikiniblick" 2010 seiner Bestimmung zugeführt und dachte mir, dass der ja noch ganz schön unruhig ist. Ob's am frivolen Blick vom Ungsberg in das bikinireiche Freibad von Traben liegt? Und ob die anderen Weine vom Weingut O. aus dem Jahrgang ebenso unruhig sein würden?

1. Trarbacher Ungsberg Kabinett feinherb 2010

Der Ungsberg 2010 ist ein Wein, der noch nicht weiß, wo er hingehört und schon gar nicht, wo er mal hin will. Wenn sich das pubertär-hefige Element verflüchtigt hat, wird es Zeit für eine ernsthafte Standortbestimmung, dann muss die Entscheidung fallen, ob Mann oder Frau, Macho oder Zicke.

2. Trarbacher Ungsberg Spätlese 2010

Schnaufender, stampfender, beladener, als der Kabinett. Der Kabinett entspricht Musik von Lady Gaga, das hier ist Beth Ditto.

Sugardaddy's Roissy Girl:

3. Trarbacher Ungsberg Auslese 2010

Im Auslesebereich ist das Weingut O. von, sofern man bei einem so jungen Weingut davon reden kann, stupender Zuverlässigkeit und traumwandlerischer Sicherheit. Das ist Ungsberger für die Bikinizone. Sauscharf, aber pariert auf's Wort.

In der Fortsetzung geht es unter anderem weiter mit den Weinen von Thorsten Melsheimer, der ca. so groß ist wie Roman Niewodniczanski. Auch Immich-Batterieberg wird eine Rolle spielen.

Kleine Champagnerprobe zum Lesebeginn

I. Regis Fliniaux, Blanc de Blancs d'Ay Grand Cru

Meistens sind die Champagner von Regis Fliniaux gut, machmal sind sie inspirierend, die Cuvée des Signataires kann exzellent sein und von seinem seltenen Blanc de Blancs war ich seit dem allerersten, damals aus der spontan à la volée dégorgierten Flasche genossenen Schluck angetan, bzw. sogar begeistert. Von dieser Hochform war der jetzige Blanc de Blancs weit entfernt. Ich schiebe es darauf, dass die Flasche erst vor drei Monaten dégorgiert wurde und der Champagner noch keine Zeit hatte, sich mit dem Dosageliqueur zu vermählen.

II. Regis Fliniaux, Cuvée Prestige Grand Cru

Die Cuvée Prestige von Regis Fliniaux fand ich nie so gut wie seine anderen Champagner dieser Preisklasse, etwa den eben besprochenen Blanc de Blancs oder die feine Cuvée des Signataires. Auch dieses Mal zeigte sich die Cuvée Prestige nicht überragend schön. Sie litt leider unter derselben Unausgewogenheit und Aufgekratztheit des BdB, denn auch sie war ganz frisch dégorgiert. Also: weiter liegen lassen!

III. Joel Michel, Oeuil de Perdrix, dég. 1. Okt. 2010

50PM 25PN 25CH, 10% Fassausbau, 2004er Basis.

Ca. 5 ha, bewirtschaftet Joel Michel selbst und biologisch (seit Ende der Siebziger, Anfang der Achtziger Verzicht auf Insektizide, Herbizide usw.), das sind im Jahr ca. 50000 Flaschen. Ursprünglich stammt er aus Moussy, das er schon 1970 verließ, um in der Nähe von Château Thierry ein eigenes Weingut zu eröffnen. Die parzellenreinen Weine gären im Fassl, werden nicht geschönt, geklärt, gefiltert. Sein ganz heller OdP war zag- und schmeichelhaft zugleich, ein ganz leichter, nur schwer einzuordnender Vertreter seiner Art, wofür der hohe Meunieranteil verantwortlich sein dürfte. Nach einer reduktiven Eröffnung war der Champagner weich, ja sämig, wenig säurehaltig, jedoch mit einerm prickligen Zitrusschlenker zum Ende hin. Kein spannungsgeladener Champagner, entgegen der Etikettenanmutung auch kein jagdlich-rustikaler oder gargantuesker Champagner, sondern ein garconhafter Schmeichler.

IV. de Sousa, Cuvée 3A Extra Brut

50CH aus Avize, 50PN jeweils hälftig aus Ay und Ambonnay, dosiert mit 5 g/l

Biodynamischer Champagner; spontaner Gärbeginn, dann thermoreguliert bei – 4 ° C, mit BSA, der Ausbau findet in Beton und 600-Liter-Fudern statt, die Weine werden nicht geschönt und bleiben unfiltriert. Die Trauben stammen aus den drei einzigen Grand Crus, deren Dorfnamen mit "A" beginnen, was den Namen erklärt, aber vielleicht ist das Triple-A ja auch eine Anspielung auf Erick und Michelles Bonität, wer weiß. Der Champagner ist dunkel, glatt, mystisch, pantherhaft, etwas exotisch und leicht karamellig.

V. Domaine Dehours, Pinot Noir Vieilles Vignes Parcellaire "Maisoncelle" Extra Brut 2004, dég. 30. Aug. 2010

Über Jerome Dehours habe ich ja schon im Nachgang zur Vinexpo mit Begeisterung berichtet. Dort habe ich seinen Chardonnay Parcellaire "Brisefer" herausragend gut gefunden, den "Côte en Bosses" Extra Brut 2004 aus allen drei Reben, dégorgiert 7. Januar 2010, fand ich kurz danach im Einzeltest wieder sehr überzeugend, der "Maisoncelle" sollte meine Meinung noch einmal bestätigen. Kirschig, knorpelig, unverwachsen und naturnah, mit einem obszönen Kaviarduft.

VI. Leclerc-Briant, Premier Cru Les Authentiques "Chèvres Pierreuses"

40PN 40CH 20PM.

Was ist denn mit Leclerc-Briant los? Seit der Winzer tot ist, schmecken seine Champagner nicht mehr. Früher war der Chèvres Pierreuses mein Lieblingschampagner aus der Authentique-Kollektion von Leclerc-Briant und letztlich aus dem Gesamtangebot des Erzeugers. Nun erwische ich schon zum wiederholten Male eine Flasche in schwacher Form. Zwar an sich sehr apfelsaftig, aber dann kommt nichts mehr und baut sich auch mit Luft nichts mehr auf. Schlaff, wachsig, ohne Pfiff, wirkt überreif und müde, erinnert ein wenig an überalterten Riesling, bei dem die an sich feine Petrolnote ausnahmsweise sogar störte. Schlimm!

VII. Jacques Lassaigne, Papilles Insolites

Ein in mehrfacher Hinsicht besonderer Champagner. Seine schwarzen Trauben stammen aus Montgueux. Montgueux wird immer als der Montrachet der Champagne dargestellt, die Chardonnays von diesem kleinen Berg mit der ungewöhnlichen Südexposition sind nicht unumstritten, aber sie haben einen unbestritten eigenen, meinetwegen burgundischen Charakter und machen zur Zeit reichlich Furore. Ob der Papilles Insolites wirklich zu 100% oder "nur" zu 75% aus Pinot Noir besteht, ist unklar, der Champagner ist eigentlich sowieso nur ein Experiment, bzw. ursprünglich sogar ein Unfall. Die Trauben der hier verwendeten 2005er Ernte wurde schlicht auf der Presse vergessen, daher die ungewöhnlich dunkle Färbung. Mit dem Saft experimentierte Emmanuel Lassaigne ein wenig, ließ den Schwefel weg und verkaufte das Resultat drei Jahre später an zwei seiner besten Pariser Handelskunden (aus deren Firmennamen sich der Name der Cuvée zusammensetzt: "Les Papilles" und "La Cave de l'Insolite"). Von der Farbe her dem Oeuil de Perdrix sehr ähnlich, wenn nicht sogar noch intensiver eingefärbt. Schokolierte schwarze Johannisbeere, Blaubeerjoghurt, Milchschokolade. Säurearm, etwas scotchig, Rumtopf, dabei ohne Rancio.

VIII. Francis Boulard, Mailly Grand Cru Extra Brut, neues Etikett, dég. 18. März 2011

90PN 10CH, 2007er Basis mit 30% reserve aus 2006 und 2005, mit 5 g/l dosiert

Im Fass spontanvergorener Champagner, den man schnell für einen reinen Chardonnay halten könnte, da er eine ansprechende Apfelsaftnote hat, die hier viel gesünder, strahlender und reiner ausgeprägt ist, als beim Chèvres Pierreuses. Einer der ersten Champagner von Francis Boulard, die ich seit dem Etikettenwechsel getrunken habe; zwar habe ich die von ihm und seiner Tochter kreierten Grundweine und Cuvées schon probieren können, da war aber alles noch unrund, ungelenk und nur schwer gut zu finden. In der jetzigen Form zeigt sich die altbekannte Größe von Francis Boulard, der Neustart ist mithin geglückt.

IX. Janisson-Baradon, Cuvée Georges Baradon 2001, dég.

70CH aus der Einzellage Les Toulettes, 30PN

Der 2001er ist der Nachfolger des sehr guten 1999ers, der weitestgehend ausgetrunken sein dürfte und mir vom ersten Kennenlernen bis zum letzten Tropfen erhebliche Freude bereitet hat. Leider war 2001 kein besonders starkes Jahr, was das Reifepotential betrifft. Der 2001er Georges Baradon muss nämlich jetzt ausgetrunken werden. Er ist nicht ungefällig, nur ein bisschen zu festgelegt auf eine Kirschwassernote, die rechts und links neben sich kaum andere Aromen zur Geltung kommen lässt und nocht nicht schnapsig wirkt – doch wird das wahrscheinlich bald kommen. Bis Weihnachten 2011 gebe ich ihm noch, danach steigt er definitiv und merklich ab, für manchen Champagnerfreund dürfte er schon in diesem hochreifen Zustand problematisch sein.

X. Janisson-Baradon, Blanc de Blancs Special Club "Les Toulettes" 2004

Eine ganze Stufe über dem Georges Baradon steht die 1947 bepflanzte Einzellage "Les Toulettes", in dieser Form nach dem 2000er überhaupt erst zum zweiten Mal auf den Markt gebracht und wiederum ein voller Erfolg. Aus den Toulettes bedient sich die Cuvée Georges Baradon zum größten Teil (und soweit ich weiß hat dort auch der famose Jacques Diebolt von Diebolt-Vallois Reben stehend), wie man weiß, mit allen Stärken und allen Schwächen die eine solche Cuvée dann hat. Im reinen Einzellagenchampagner findet sich dafür alles völlig fugenlos gefügt, geht Toffee mit Fruchtpüree Hand in Hand, ohne dass die fruchteigene Säure für Komplikationen sorgt. Brioche, Mandelsplitter, Lemon Curd, ein stattlicher Champagner mit Körper und Biß.

XI. Bérèche et Fils, Instant "Le Cran" 2004, Handdégrogement am 5. November 2010

55CH 45PN, alte Reben gepflanzt von Großvater Pierre Bérèche, mit 2 g/l dosiert

Köstliches Himbeeraroma und ein verführerischer Knackarsch, ultrafein, gleichzeitig unaufgesetzte, ungekünstelte Coolness, eine Mischung aus der kess-frechen Bryce Dallas und der naiv-holden Jennifer Finnigan. Kauftip.

XII. Piper-Heidsieck, Rosé Sauvage

Zum Zeitpunkt der Neuauflage des Sauvage-Champagners war die angesprochene Käuferschicht zu jung, um sich an den alten weißen Extra Brut Sauvage von Piper-Heidsieck zu erinnern, daher gab es wahrscheinlich keinen Konflikt zwischen den beiden. Der Rosé Sauvage ist jung, jugendlich und schmeckt möglichst früh nach der Marktfreigabe sehr gut, mit zunehmender Lagerdauaer baut er leider unverhältnismäßig schnell ab. So war es hier. Zwar prägten viele rote Beeren das Bild, aber alles wirkte zusammengequetscht, gedrückt, eng, schwer und gezwungen. Keine Leichtigkeit, keine sündige Sorglosigkeit; zum Steak noch gut, allein nicht mehr so recht zu genießen.

Verschnaufen in Berlin: Aigner am Gendarmenmarkt und The Regent

Im Französischen Dom begann einer der für mich denkwürdigsten Streifzüge durch das nächtliche Berlin. Vor, während und nach dem Festakt wurde ausnahmslos Champagner serviert, der Abend endete nach einem Ausflug zur Anschlussparty der zu dieser Zeit stattfindenden Erotikmesse Venus im Club Felix mit einer Lanson Demi-Sec 1989 Magnum, die traulich in der Raucherlounge des Adlon verzehrt wurde. Seitdem fühle ich mich in der Nähe des Gendarmenmarkts und im Adlon immer sehr wohl. 

Aigner:

Im Aigner fühle ich mich doppelt wohl, weil ich einige meiner – nicht unbedingt kulinarisch – angenehmsten Erlebnisse meiner Studienzeit der Haupt- und Residenzstadt Wien verdanke. Sehr zu loben ist der aufmerksame, unverkrampfte Service – in dieser Preisklasse nur selten anzutreffen. Die Weine stammen großteils vom betriebseigenen Weingut Horcher in Kallstadt, die Speisen sind nicht sehr ausgefallen, dafür stammt das verwendete Viehzeug, Fische, Gemüse usw. aus der Region.

1. Königsberger Klopse

Dazu gutes, nur leicht stückiges, außerdem reichlich Kartoffelpurée; Kapern, Rote Bete. Die Klösse waren etwas mau und ganz so rosa hätten sie innen für mich nicht sein müssen, mir hätte die sonst gute, vor allem gut sämige Sauce etwas peppiger, säuerlicher sein dürfen.

2. Wiener Schnitzel aus dem Milchkalbsrücken

Mit Kartoffelsalat wie in der Haupt- und Residenzstadt. Ausgezeichnet, keinerlei Beanstandung.

3. Brownie mit flüssigem Schokokern und Cassissorbet

Fluffig, nicht zu mastig, mit eher dünnen Wänden. Sehr gutes Cassissorbet, das viel besser als das eigentlich hierzu angebotene und für meine Begriffe elend langweilige Vanilleeis zum Brownie passt.

Zum Essen passte das gute Krusovice Pilsner.

Fazit: Wenn man zum verschnaufen während einer terminlich dichtgepackten Berlintour Mitte nicht verlassen kann und dort weder im Borchardt noch in einem der Lutter & Wegener Läden sitzen mag, sitzt man gut bei Aigner am Gendarmenmarkt und kann sich dort bemerkenswert günstig verpflegen.

 

The Regent.

1. Im Hotel The Regent auf der anderen Straßenseite gab es sodann zum Verdauen eine kleine Verschnaufpause mit Perrier-Jouet Grand Brut (wird für stolze 21,00 €/Glas ausgeschenkt). Nachdem die erste Ruhe wieder eingekehrt war, habe ich mir in der etwas altmodisch wohnzimmerartig-bequem eingerichteten Bar mit einer sorgfältig zubereiteten Bloody Mary die Zeit bis zum Abend etwas verkürzt und bin dabei auf den im Fischers Fritz angebotenen Cognac Lhéraud Vintage 1950 gestoßen, kein must have, aber begrüßenswert, dass es den im Glasausschank gibt (68,00 € das Glaserl). Für 255,00 €/Glas gibt es einen Lhéraud Grande Champagne 1900 und wer unbedingt will, kann sich für 255,00/Glas zum Vergleich einen 1898er Bresson Fine Champagne kommen lassen. Die Champagnerauswahl, so muss ich bemängeln, gefiel mir weder nach Art und Umfang, noch nach den Preisen. Leider konnte ich dazu weder Christian Lohse noch Sommelière Lenckute befragen. Deshalb hier nur eine Kurzfassung.

2. Es gibt Billecart-Salmon (95,00 € für den weißen Standard-Brut, Nicolas-Francois oder Elisabeth Salmon gibt es leider nicht), Bollinger (1982er R.D. kostet 990,00 €, der 1990er R.D. kostet 680,00 €, die schöne 1996er Grande Année en Magnum kostet 615,00 € und wäre meiner Meinung nach noch empfehlenswert; sehr schade finde ich, dass es keine neueren R.D.s gibt), Gosset (der feine Celebris Brut Rosé 1998 kostet erträgliche 220,00 € und ist im Restaurant die beste Wahl für einen ganzen Abend; bei dem Preis außerdem die beste Wahl aus der gesamten Champagnerkarte), Krug (die Grande Cuvée schlägt mit 400,00 € zu Buche, der exzellente Vintage 1996 wird für 660,00 € geöffnet), Moet (happige 95,00 € kostet der Brut Impérial, mit 950,00 € ist die 1996er Dom Pérignon Oenothèque auch nicht eben billig zu bekommen), Perrier-Jouet (mit 750,00 € ist der in Deutschland sehr sehr seltene Belle Epoque Blanc de Blancs die interessanteste und verglichen mit dem Marktpreis auch noch günstigste Wahl für den, der sich um Champagnerpreise sonst nicht groß scheren muss), Roederer (Cristal Blanc kostet 390,00 €, den Rosé gibt's für 890,00 €), Ruinart (der jahrgangslose Rosé steht mit 115,00 € in der Karte), Taittinger (100,00 € werden für den Standardbrut fällig) und Veuve Clicquot (schön ist der Demi-Sec für 105,00 €, die Grande Dame 1998 kostet dann schon wieder 300,00 €).

3. Fazit: Nur einige sehr wenige Champagner sind zu annehmbaren Preisen in der Karte, ausgefallene Champagner finden sich dort überhaupt nicht, kleine Winzer Fehlanzeige. Schade. Beim nächsten Besuch dann mehr, vor allem zur Küche.

Reingespitzt: Weinbar Rutz.

Im Nürnberger Essigbrätlein habe ich Billy Wagner leider nicht mehr erlebt, dafür kenne ich ihn aus seiner Düsseldorfer Zeit im Monkeys, wo er zusammen mit Sebastian Bordthäuser (heute Steinheuers Restaurant – wo Billy als Sommelier des Jahres 2011 erst im März des Jahres die falstaff Wein Trophy entgegennehmen konnte) sein segensreiches Weinwirken entfaltete. In der Weinbar Rutz habe ich ihn nach einem schönen "Arbeits"tag aufgesucht. Heißester Tip abseits der sehr guten Küche ist der Champagne Duval-Leroy Femme de Champagne 1996; ein mörderharter Champagner mit der Gaumenwirkung einer Splitterbombe, für 99,00 €/Fl. im Restaurant extrem günstig!

A. Auftakt:

A.I Vorweg gab es Olivenfocaccia, Parmesan-Kartoffelbrot, Fenchelbutter, Meersalz und Olivenöl und zur Einstimmung ein Arrangement aus Krokant, Fenchel, Orange und Pinienkern zum lang gebeiztem Saibling. Daraufhin ging es Richtung Atlantik, zum Thun gab es Yuzupüree mit einer animierenden Sojasauce, beendet wurde der Auftakt mit einem erdigen Süppchen aus Gatower Kugeln und einem Mix aus Apfelsalat, Erbsenpurée, Orange und Fisch.

A.I.1 Der zur Begrüßung ausgeschenkte Blubber war Rutzens Rebellensekt 2006 vom Sekthaus Raumland, dégorgiert im April 2011. Das ist ein laut Etikett brut dosierter Burgundersekt aus Pinot Blanc, Pinot Gris, Pinot Noir, Frühburgunder und Chardonnay. Damit war sofort für etwas Irritation gesorgt, denn das rebellische beim Rebellensekt ist seine fehlende Dosage. Die erste Charge, das Januardégorgement, war ein brut nature. Rein geschmacklich käme das bei diesem zweiten Dégorgement hin, nur das Etikett wäre dann im Sinne der Rebellenidee erklärungsbedürftig. Geerntet wurden die Grundweine für diesen Sekt noch vor dem großen Regen, als das Material noch von erhabener Güte war. Spritziges Naturell und eine klebstoffige Nase schließen einander hier nicht aus. Zum Soja/Yuzu passte das herovrragend, auch mit Fenchel und Orange war die Kommunikation einwandfrei, zum Fisch kühlte sich das Verhältnis leider etwas ab.

A.I.2 Als Konter gab es den Rosé von der hierzulande zunehmend beliebten Veuve Fourny. Dieser Familienberieb aus Vertus vereinigt zwei Stärken des Örtchens in einer Hand. Vertus wird nämlich als Premier Cru und äußerster Südausläufer der Côte des Blancs oft nicht auf Augenhöhe mit den Grand Crus wahrgenommen, die sich von Epernay aus gesehen vorher aufreihen. Dabei wird heutzutage gern vergessen, dass gerade das berühmte Le Mesnil selbst lange Zeit "nur" als Premier Crus klassifiziert war. Darauf bezieht sich die eine Stärke der Ortschaft: teilweise partizipieren die Vertus-Chardonnays an der chthonischen Mineralität und Tiefe der Mesnil-Terroirs, was ihnen im Idealfall eine ungeahnte Langlebigkeit bei gleichzeitiger Delikatesse verleiht. Die andere unzweifelhafte Stärke von Vertus sind seine warmen, sämig-fruchtigen, Pinots. Im Rosé kommt beides zusammen. Der Spätburgunder beansprucht nach einer kurzen Aufwachphase den Platz an der Tafel, was der Chardonnayanteil in Höhe von ca. 20% schneidig sekundiert. Der Champagner ist leicht, aber nicht belanglos, fruchtig, nicht bonbonig und seine hintergründige Aromenfülle eignet sich bestens zur experimentierfreudigen Küche und lediglich mit dem Soja/Yuzu gab es Verständigungsprobleme.

Das Menu:

B. 15 min Atlantikküste

In der Speisenkarte annonciert als "Mariniert & Meersalz Rose, Estragon, im Heu geräuchert & Verbene, Pomelo", dazu gab es:

BI.1 Lauri Pappinen, Gotland, Batels 2010

Ein Mix aus Phönix und Solaris, der wie ein etwas schweißig geratener Sauvignon-Blanc schmeckte und sich bestens mit dem ersten Erlebnis vertrug.

BI.2 Philipp Wittmann, trockene Rebellen-Scheu 2009 en Magnum

Eine nur von wenigen Winzern trocken trinkbare Rebsorte, die ihre wahre Stärke zum zweiten Erlebnis zeigte und mit der Holzkohleräuchernote brillierte.

B.II.1 Serviert wurde als erstes Erlebnis dieser Inspiration Rote Garnele mit gegrillter Melone und Pomelo, dazu Rosenblätter, Estragontupfer und ein Meersalzgelee, das aussah, wie eine Ladung Zuchthengstsperma. Köstlich war's. Das obszöne Gelee verband auf magische Weise Meeresbewohner, Zitrus-, bzw. Kürbisfrucht, Rosengewächs und Küchenkraut. Dazu passte der Schwedentrunk auf eine bauhausartig funktionale Weise sehr gut. Die Aromen griffen ineinander, wenn schon nicht auf wundersame Weise, dann wenigstens mechanisch reibungslos.

B.II.2 Das zweite Erlebnis war eine ganze Garnele mit ausgeprägten Räucherduft, um die herum sich Zitronengras, ein kräftiger Sud in gesonderter Schale und Olivensalz im Alu-Töpfchen gruppierten, freundlicherweise gab es für die Hände ein heißes Handtuch. Nach getaner Schälarbeit war freies Würzen angesagt, ich habe alles mal probiert: die Garnele pur, mit dem Pipettenstoff, mit dem Salz, alles zusammen und in Einzelteilen, den kräftigen Sud aus der Schale mal dazu, mal davor und mal danach.War das eine Freude! Am Ende gefiel mir diese Kombination am besten: auf die Garnele ein paar Tropfen aus der Pipette, paar Krümel Salz drauf, zusammen mit einer winzigen Menge Sud runterspülen, Scheurebe hinterdrein.

C. Deutscher Imperialkaviar, Grübels Gartengurke & Maldon Auster, 2 mal Müller

Deutschen Imperialkaviar aus Münster und schöne Austern habe ich zuletzt in Höchstform beim Düsseldorf Oyster Massacre ganz clichéhaft zu Roederers Cristal Blanc und Rosé gefuttert. Dass es auch anders geht und dass vor allem Gurke ein fabelhafter Begleiter dazu ist, der die Weinauswahl wiederum nicht erleichtert, wurde nun luzid.

C.I.1 Zahel, Sauvignon-Blanc, Wien "Kroissberg" 2010

Ungewohnt hart schmeckte der weltläufig wirkende Sauvignon Blanc mit den Wiener Wurzeln zur Auster.

C.I.2 Veyder-Malberg, Grüner Veltliner, Wachau "Kreutles" 2010

Der feine Grüne Veltliner hatte eine Note von reifem Gemüse und kam wahrscheinlich deshalb mit der Gurke so gut zu recht, musste sich aber der Auster geschlagen geben, mir war er dafür zu leicht.

C.I.3 Champagne Duval-Leroy Millésime 1999

Zuckerbrotig, weich und mild, feine Nussigkeit und Milde, dabei nicht schlaff. Packte es gut zur Auster, ist aber natürlich nicht so waaahnsinnig originell.

C.I.4 Leitz, Rüdesheimer Berg Rottland Riesling Alte Reben 2008

Ein ganz starker Rheingauer Wein, standfest wie ein Mafioso mit Betonschuhen. Dabei eignet dem Wein nichts bedürckendes oder schwermütiges, lahmes, allzumächtiges oder irgendwie verschnarchtes und wäre da nicht die tiefe Gründung im Rheingestein müsste man im Gegenteil befürchten, dass der Wein mit gestreckten Sprüngen entfleucht.

C.I.5 Daniel Vollenweider, Wolfer Goldgrube Riesling Spätlese 2008

Für mich der Star aus Vollenweiders Wolfer Goldgrubenlagen ist der Schimbock, klar. Mineralisch wie ein Meteoritenfeld und ebenso schwerelos, nur ob er auch zum Essen passt? Zu diesem eher nicht. Deshalb ist die herb-feinherbe Wolfer Goldgrube Spätlese mit ihren zwischen Wachs und Grapefruit angesiedelten Noten wahrscheinlich die bessere Wahl gewesen. Der Wein drängte sich dank seiner diskreten Anlagen nicht in den Vordergrund, richtig herzliche Freundschaft entstand zwischen Auster und Wein aber auch nicht.

CII.1 Auster im Knuspermantel auf Austerntartar mit einem Löffel voll Kaviar

Auster auf Austerntartar hätte ich nicht so gut gefunden wie Auster im Knuspermantel auf Austerntartar. Normalerweise mag ich Auster sowieso lieber nur als Auster und kein Knusperzeug oder Gratin oder sonstige Garnitur dran oder drumherum. Dass hier eine gewisse Abgrenzung notwendig war, liegt aber auch wieder nahe, deshalb war der Knuspermantel mehr als ok, von seiner handwerklich tadellosen Ausführung (unverpappte Knusprigkeit) ganz zu schweigen.

C.II.2 Pumpernickelwürfel, Crème Fraîche, Rote-Bete-Röllchen, Gurken-Austern-Süppchen mit Fentimans Tonic Water, serviert im der Länge nach durchgeschnittenen Bocksbeutel

Faszinierend war das Gurkensüppchen, originell die Servierweise, Pumpernickel, Kaviar, Crème Fraîche passten ideal, nur die Frage, ob man nicht auch einen passenden Müller-Thurgau aus Franken dazu hätte finden können, beschäftigte mich noch ein Weilchen.

D. Golden Balsam

Unter diesem Namen firmiert in der Karte eine Inspiration, die in Form von "Bisonhüfte & Anisduft, Sardinilla de Rianxo 1000 jähriges Landei & Pfifferlinge, Erbse" zum Erlebnis wird. Dazu gab es:

D.I.1 Nittnaus, Chardonnay Leithaberg 2008

Der Blaufränkisch passte mit seiner Blaubeerzuckerwattenaromatik und den karamelligen Noten traumhaft gut zum Ei.

D.I.2 Domaine de l'Horizon, Le Patriot VdP de Côtes Catalanes Blanc 2009

Dieser Wein brauchte die meiste Luft und schmeckte mir am besten, nachdem der Gang schon längst verputzt war. Bis dahin konnte er sich nicht recht zwischen Erkältungssalbe auf Eukalyptusbasis, Bienenwachs und Zitronenmelisse entscheiden

D.I.3 Elisabetta Foradori, Nosiola Fontanasanta, biodynamischer Amphorenwein

Erst kam mir eine erschreckende Säure entgegen, die mit dem Mund aber nicht mehr zu detektieren war, jedenfalls dort nicht störte. Aromatisch irgendwo zwischen Garrigue und Torrone, wenig Gerbstoff, sanft ausgleitend.

D.II.1 Unterm Glasdeckel befand sich das Bison-Tartar auf Balsam, Anissamen gaben beim Abheben des Deckels ihren Duft frei, zum Bison gab es außerdem noch eine reingespießte Babysardine, Knusper und einen Fenchel-Geleewürfel. Der Vollenweider, der noch auf dem Tisch stand, zeigte sich zur Sardine sehr spielfreudig und ging mächtig auf, zum Geleewürfel erhob sich auch der Leitz nochmal mühelos zu voller Größe. Der schwierige Amphorenwein war mir, wenn ich es recht bedenke, zum Bison der liebste Wein. Den bei aller Verspieltheit der Präsentation waren hier doch eine ganze Menge Komponenten unter einen Hut zu bringen, weshalb die Küche von Marco Müller nicht von allen in gleichhohem Maße geschätzt wird – und, man muss es sagen, wohl auch probematischer wäre, wenn nicht Billy Wagner immer mindestens ein Gewächs zur Hand hätte, das wie ein deus ex machina den Aromentumult befriedet. Der Foradoriwein zeigte hier sehr beachtliche Hütehundqualitäten und bewahrte den Gang davor, in alle Richtungen auseinander zu driften.

D.II.2 Mein kulinarisches Spitzenerlebnis war das 1000jährige Landei mit einer am Platz applizierten Injektion Apfelbalsamessig von Gegenbauer. Sensationell! Zwar weiß ich seit meiner ersten Lektüre der Bücher z.B. von Joseph Wechsberg, dass das Ei in der Spitzengastronomie – ähnlich wie die Gurke – unterschätzt wird, doch dass einem Ei solchen Zauber entlocken kann, finde ich umwerfend. Dass dazu der Chardonnay von Nittnaus perfekt passt, macht es nur umso schöner. Den Horizon-Wein fand ich gegen Ende immer besser zum Ei, aber weil wegen meiner übergroßen Gier von dem Ei schnell nichts mehr da war, konnte ich die Kombination nicht länger verfolgen. Durchweg kontrovers war das Verhältnis von Amphorenwein und Ei, hier war von der befriedenden Fähigkeit des Nosiola nicht mehr viel zu spüren, mir war das zusammenspiel zu unausgeglichen und unruhig.

E. Wagyurind

Diese Inspiration steht in der Karte als "Waldorf & Perigordtrüffel, confierte Brust Geschmortes & Aubergine, Rosmarin", dazu gab es:

E.I.1 Uwe Schiefer, Rutz-Rebellenwein Pala 2008

Ich fand den Wein solo zurückhaltend, geschmeidig, unaufgeregt und von eher nördlicher Bauweise. Eigenständigen Glanz versprühte er zusammen mit dem Waldorfsalat, zur Wagyubrust war er der perfekte Butler. Speziell zum geschmorten Bäckchen sollte sich diese Eigenschaft als sehr hilfreich erweisen.

E.I.2 Az. Agr. Cos, Rutz-Rebellen- und Amphorenwein Pithos 2009

60 Nero d'Avola 40 Frappato. Rosa Beeren, Früchtekompott und eine vielleicht sogar nur eingebildete, aber auf jeden Fall eigenwillige – und meiner Meinung nach: – Steingutnase.

E.II.1 Ein Waldorfsalat à la Marco Müller begleitete zusammen mit Périgordtrüffel die confierte Rinderbrust. Deren unanständiger Glanz war so verlockend, dass ich den Salat ganz aus den Augen verlor. Ganz und gar getrübt wurde meine Wahrnehmung von dem Zusammenspiel mit dem an sich erstmal gar nicht besonders auffälligen, wenngleich einnehmenden und sympathischen Wein von Uwe Schiefer. Natürlich: ich könnte jetzt an- und abheben, von ungarischem Feuer, burgundischer Feinheit und österreichischem Schmäh zu schwadronieren, damit läge ich noch nicht einmal besonders weit neben der Sache.

E.II.2 Geschmortes Wagyubäckchen, Zucchini-Röllchen, Mangold-Croutons, Sud. Das ganze schmeckte wegen der konzentrierten Würze schon beinahe scharf, was ein Warnhinweis für drohende Übertreibung ist. Auch dies ist wieder so ein Gericht, das manchen Esser davon abhalten wird, sich den Müllerschen Kreationen aussetzen zu wollen. Mir gefällt gerade diese auf die Spitze getriebene Würzung, sie ist aber auch sehr anstrengend und wirkt too much, wenn sie sich durch das ganze Menu zieht. Das war bei mir zum Glück nicht der Fall, ein zuverlässiger Partner war weiterhin der Pala, dessen Butlerfähigkeiten hier stark gefordert wurden.

F. Käse

Auf Desserts lege ich keinen besonderen Wert, um mich dennoch weiter durchporbieren zu können, orderte ich eine kleine Käseauswahl. Dazu gab es:

F.I.1 Haart, Piesporter Goldtröpfchen Kabinett Erste Lage 2009

Dem Wein fehlte nur ein Hauch Säure, sonst war er in guter Form und gehört nicht umsonst zu meinen Mosellieblingen. Bestens war er zusammen mit dem Blauschimmel. Erstaunlich gut gefiel er mir zum Epoisses und zum Munsterkäs.

F.I.2 Dr. Henrik Möbitz, Gewürztraminer Auslese "Kapelle" 2008

Ultrarar sind die Weine vom Freiburger Pinotspezialisten Henrik Möbitz. Deshalb freute ich mich umso mehr, auch noch ausgerechnet seinen schönen Gewürztraminer ins Glas zu bekommen. Der ist mild, weich, hält gierige Trinker mit einer leichten Chlornote vom unbedachten wegsüppeln ab und belohnt den wartenden mit einer piekfeinen Note von Muskatellertrauben und Rosenblüten. Zum Crottin de Chavignol, zum Munster und zum Hartkäse mit der Tresterkruste dessen Namen ich nicht mehr weiß, war das der klare Favorit. Zusammen mit dem Blauschimmel wirkte er leider zu dünn und wässrig.

F.I.3 Graham's Tawny Port 20 yrs

Stets eine sichere Bank, mit seinen Mandel- und Mon-Cheri Aromen, der bei allem friedlichen Fruchtaroma im Hintergrund agierenden seriösen Herbe, den nicht überkonzentrierten Trockenfrüchten und der nicht übermäßig mehligen Textur. Überzeugte zusammen mit der marinierten Birne und den Cookiekrümeln, sowie zum selbstgemachten, saftigen Früchtebrot und zum Hartkäse, war für den Ziegenkäse dagegen nicht gemacht, gefiel mir auch nicht besonders gut zum Epoisses. Schwierig war er auch mit dem Blauschimmel.

F.I.4 Bodegas Tradicion Pedro-Ximenez 20 yrs, Flasche #872/1850

Pflaumenmus, Russische Schokolade, mit Spuren von schwarzem Pfeffer. Klar und strukturiert, kam mir auch sehr dicht vor, fast schon monolithisch. Gegenüber dem Ziegenkäs zu massiv, dem Epoisses begegnete er mühelos, zu Munster und Hartkäse war er überaus konziliant, mit dem Blauschimmel tat er sich schwer.

Als Abschluss gab es noch etwas Zuckerwerk:

Der Passionsfruchtlolly war spitze, auch die Cointreaupraline fand ich gut. Die geeiste Kokoskugel war mir zu sehr Raffaello, das Linzer Törtchen sprach mich ob seiner Winzigkeit nicht genügend an, die im Kakao versunkene Mandel war mir dagegen zu mastig.

Stimmenfang: Tim Raue.


Stimmenfang ist eine lose Folge von Kurzinterviews mit Sommeliers über Champagner, Cognac und dies und das in der Spitzengastronomie. Den Anfang machte Hagen Hoppenstedt vom Adlon. Heute ist der Feinschmecker Koch des Jahres 2011 dran, der auch mal im Adlon zu Hause war, wo ich seine Küche im Jahr 2008 kennengelernt habe.

Wenn man früher in der Rudi-Dutschke-Str. im Sale e Tabacchi saß und sich z.B. eine Flasche Rosé-Champagner von Billecart-Salmon schmecken ließ, die es dort zu einem sagenhaft günstigen, ja APO-fähigen Preis gab, dann blickte man gegenüber in eine Toreinfahrt und auf gesichtlose Häuserwände. Daran hat sich nicht viel geändert. Doch wenn man heute durch diese Toreinfahrt geht und dann einen scharfen Rechtsschwenk macht, dann landet man im Restaurant von Tim Raue. Dort gibt es – nicht nur am Krug Table – Champagne Krug zu sagenhaft günstigen Preisen. Das Glaserl Champagne Krug Grande Cuvée kostet 28,00 €, eine ganze Flasche kostet mit 196,00 € kaum mehr als im Laden.

Ich weiß nicht, wie Tim Raue in seiner Frühzeit Mitte der 90er gekocht hat. Doch weiß ich, dass er sich von seinem damals nicht sehr üppigen Gehalt die ersten Krug-Champagner leistete. Für Jahrgänge wie 1979 und 1985 musste man damals schon stolze ca. 90 DM berappen, gute 10% seines damaligen Salärs, wie er mir in der Kellerbar verriet. Ein Glück, muss man sagen, dass Tim Raue sich seinerzeit kaltblütig zu dieser Ausgabe entschließen und sich in der Folge außerdem für die burgundischen Champagner von Anselme Selosse sowie für Burgund selbst begeistern konnte – eine Begeisterung, die bis heute anhält und hoffentlich noch lange fortdauern wird. Denn schließlich ist das gelungene Zusammenspiel von Speisen und Wein wie die glückhafte Beiwohnung von Mann und Frau eines der elementar schönsten menschlichen Erlebnisse, weshalb der Volksmund beides mit gutem Grund zur Liebe, die durch den Magen geht sinnerhaltend verkürzt. Die Verfeinerung eines großen repas au champagne ist für Tim Raue der Inbegriff dieser Emergenz. Kulinarisch dauerte es freilich eine gewisse Zeit, bis die Seelenverwandtschaft zwischen Küche und Champagner mit der heutigen Fulminanz, resp. Fulguration hervortrat. Mit der momentanen Manifestation in Form des Krug Table ist das Ehepaar Raue deshalb, so scheint's, ganz zufrieden.

Ein Blick in die Champagnerauswahl verrät oder bestätigt, je nach Vertrautheitsgrad, welchen Kochstil man bei Tim Raue erwarten darf. Der Hauschampagner ist die Grande Cuvée, klar. Doch kann der echte Sparfuchs in der Krugauswahl noch ganz andere Offerten ausmachen. So kostet der aktuelle Clos du Mesnil 666,00 €, ein Preis der gut 100,00 € unter dem durchschnittlichen Fachhandelspreis liegt. Eine andere Quasi-Kalkulationslücke bildet der ultrarare Clos d'Ambonnay, die Flasche schlägt mit 2.222,00 € zu Buche. Im Fachhandel kostet so ein Büddelken bis zu 2.500,00 €, mit etwas Ausdauer findet man sie geringfügig günstiger. Für die Gastromie jedoch ist die geforderte Schnapszahl ein Schnapperpreis, wenngleich unter Genussgesichtspunkten andere Champagner interessanter sind. Von Selosse gibt es eine schöne Auswahl, die mit dem Brut Initial beginnt und neben der Solera-Cuvée den Blanc de Noirs La Côte Faron aus Selossens jüngster Reihe an parcellaires beinhaltet; vermisst habe ich den Blanc de Blancs Extra Brut Vintage. Vom brother in arms Erick de Sousa (die hervorragende Cuvée des Caudalies kostet bei Tim Raue in weiß relativ sparsame 134,00 €, als rosé 222,00 €) und vom Fachhandels- wie Gastrolieblingschampagner aus dem Hause Egly-Ouriet (der selten gewordene 1999er und sein Blanc de Noirs Vieilles Vignes liegen beide bei 228,00 €, hier ist es wirklich Geschmackssache welchen von beiden man zu dem Preis bevorzugt bestellen sollte) gibt es jeweils eine schöne Auswahl, außerdem sind die Jacquesson-Inhaberbrüder bis zum Jeroboamformat auf der Karte vertreten und deren quasiburgundischen 2004er Terres Rouges Extra Brut Rosé gibts für 198,00 € – das ist nicht gerade günstig, aber man begegnet diesem klug ausgesuchten Champagner nur selten in der Gastronomie; was wiederum schade ist, denn nach dem ultraseltenen Jungfernjahrgang 2002 und dem arg fetten 2003er ist der meunierdominierte 2004er eine Sommeliergeheimwaffe für abgespannte Gourmetgaumen. Nicht auf der Karte, aber im Restaurant erhältlich ist der flaschenvergorene sparkling Sake Mizubashu Pure.

Was trinkt nun Tim Raue am liebsten für Champagner? Klare Antwort: Krug Vintage 1996. In all den unzähligen Weinforen im Internet und in einer fiktiven Befragung aller Wein- und speziell Champagnertrinker dürfte man vergleichsweise häufig diese Antwort erhalten und kaum überrascht sein, gemeinhin reicht nämlich die Erfahrungstiefe mit Krug-Jahrgängen selbst bei den älteren Semestern unter den Vinophilen selten weiter als bis in die 60er. Doch sollte man aufhorchen, wenn ein ausgemachter Champagnerspezi, der sich bei Krug bis 1928 durchgetrunken hat, mit den Collections-Jahrgängen vertraut ist und seit dem ersten von Krug vinifizierten Jahrgang (1979) alle Clos du Mesnil kennt, als seinen Liebling den 1996er benennt. Hiervon hat sich Tim Raue Magnums für den Privatgenuss hingelegt, was sogar doppelt aufhorchen lassen sollte. Denn dem Trinken um des trinkens willen ist er abhold, privat wird deshalb nur selten mal eine Flasche geöffnet.

Nun zum Cognac. Zum charentaiser Brandwein hatte Tim Raue lange Zeit kein rechtes Verhältnis. Den Bogen schlug er über den Rum und landete so bei den alten, reifen Eaux de vie. Ohne große Umstände zieht er deshalb zur Illustration eine Très Vieille Réserve de Lafite Rothschild aus der Kellerbar hervor, nebst einer Flasche Mouton Eau de Vie de Marc d'Aquitaine, (eigentlich ja eher ein Fruchtbrand auf Mouton-Basis) sowie eine Flasche des für den englischen Markt bestimmten Cognac Hine, landed in 1962, bottled in 1980. Alles Brände, die solo stehen und für sich selbst wirken müssen. Bei Tim Raue werden Cognacs dieser Art individuell nach dem Essen im nosing Glas offeriert, wenn der Gast den Eindruck vermittelt, dass er damit etwas anfangen kann. Dass diese Gäste nicht selten sind, zeigen die niedrigen Füllstände und damit zeigt sich auch, dass Tim Raues restaurant vor allem auch ein Restaurant für Leute ist die, mit seinen Worten, richtig lecker trinken wollen.  

Stimmenfang: Gesumino Pireddu, Margaux.

 

Stimmenfang ist eine lose Folge von Kurzinterviews mit Sommeliers über Champagner, Cognac und dies und das in der Spitzengastronomie. Den Anfang machte Hagen Hoppenstedt vom Adlon. Eine Hausnummer weiter, räumlich gegenüber vom Adlon ist Michael Hoffmanns Restaurant Margaux schnell zu übersehen. Auf der kulinarischen Landkarte hingegen steht hier ein Monument. Auch biographisch gibt es gewisse Überschneidungen. Mitte der 80er schickt sein Ewersbacher Lehrherr Weise den damals noch jungen Michael Hoffmann ins Hamburger Vier Jahreszeiten, weil er dort was werden könne. Hoffman folgt dem Rat und Mitte der 90er wird er Küchenchef im Haerlin (bis 2010 Wirkungsstätte von Hagen Hoppenstedt aus dem Adlon). Seit 2000 führt er den Michelin-Stern; aktuell hält er 18 Punkte im Gault Millau. Feinschmecker und FAZ jubeln gleichermaßen über ihren Koch des Jahres 2010.

Michael Hoffmanns Sommelier Gesumino Pireddu kommt aus Witzigmanns Aubergine. Den Umgang mit der Gemüseküche von Michel Hoffmann meistert er mit vorwiegend deutschen Kreszenzen, obligaten Franzosen und einer Auswahl Weltklasseitaliener.

Pireddus Verhältnis zum Champagner ist entspannt. Bollingers R.D., die Champagner von Philipponnat, Mailly Grand Cru und Krug-Jahrgänge bereiten ihm ganz zu recht große Freude. Sein Champagnererweckungserlebnis war eine um 1990 geöffnete Private Cuvée von Krug. Das ist der Vorgänger der Grande Cuvée von Krug. Bis in die Endsiebziger gab es die Flaschen mit dem schlichten weißen Etikett unter diesem Namen, die ersten Grande Cuvées trugen ebenfalls noch das weiße Etikett, bevor der Wechsel zu den Leitfarben Gold und Rot stattfand. Zu Pireddus schönsten Champagnererlebnissen gehören seither folgerichtig alte Jahrgänge von Bollinger und Krug. Den 1959er Bollinger sieht er vor dem – bei guten Flaschen schon sehr guten – 1959er Dom Pérignon, sensationell sei der 1971er Krug gewesen. Nicht sehr groß, doch erlesen ist die Auswahl alter Oenothèques in Pireddus Keller. Dort liegen die Jahrgänge 1962, 1976, 1982, 1988 und 1990, die Flaschenpreise liegen zwischen 500,00 € und 1.000,00 €, was für Gastroverhältnisse nicht überteuert ist.

Wie er es mit Franciacortasprudel hält, wollte ich wissen. Kurz und knapp hält er es damit: Ca del Bosco und Bellavista. Andere Champagneralternativen? Eher nicht. Natürlich wird mit Sekt von Kirsten, Heymann-Löwenstein, Christmann und Frank Johns Hirschhorner Hof exzellenter Sprudel ausgeschenkt. Aber in der Wahrnehmung beim Publikum gibt es nach oben hin eine klare Grenze: auch wenn der Trend zum Winzersekt anhält: das Wahre ist doch der Champagner. Hierbei hält sich Pireddu persönlich an Blanc de Blancs mit möglichst klarer Linienführung und puristischer, mineralischer Art. Auch beim Cognac ist Pireddu Purist. Vom Cognacmix hält er zB nichts. Angeboten werden Hennessy, Hine und demnächst wieder Leopold Gourmel. Deren Cognacs eignen sich bestens für die Menubegleitung, ein Projekt, das Pireddu wohl Freude bereiten würde, jedoch im Margaux eher Exotenstatus hat. Eher schon sind hier ausgiebige repas au champagne denkbar und möglich. Wobei ich wiederum finde, dass exakt die floralen Noten der noch nicht ganz alten Grande Champagne Eaux de vie außergewöhnliche Verbindungen mit der Gemüseküche von Meister Hoffmann eingehen könnten.

Stimmenfang: Hagen Hoppenstedt, Adlon.

Stimmenfang ist eine lose Folge von Kurzinterviews mit Sommeliers über Champagner, Cognac und dies und das in der Spitzengastronomie. Den Anfang macht Hagen Hoppenstedt vom Adlon.

Vorweg: die gesellschaftsrechtlichen Vorgänge hinter den Mauern eines der bekanntesten Hotels Deutschlands sollen hier nicht zur Debatte stehen. Ich war nämlich nicht zum Stimmenfang für die Gesellschafterversammlung im Adlon, sondern weil es sich dort gut nächtigen lässt, weil eine ganze Reihe interessanter Restaurants in Mitte von dort aus gut erreichbar ist und weil mit Hagen Hoppenstedt im dortigen Quarré jemand die Verantwortung innehat, der von seiner vorherigen Wirkungsstätte Fairmont Vier Jahreszeiten, Restaurant Haerlin in Hamburg einen famosen Ruf mitbringt, unter anderm von der Kür zum Sommelier des Jahres 2009 stimmungsvoll untermalt. Ein solcher Mann ist genau der richtige, um dem an sich exponierten Hotelrestaurant mit dem unverstellten Blick aufs Brandenburger Tor Profil zu verleihen, das bislang vielseits vermisst wird.

In Champagnersachen war ohne viel Federlesens schnell Einverständnis hergestellt. Ein Guter Tag beginnt und endet mit Champagner. Ganz einfach. Weniger einfach war die Frage nach dem richtigen Champagner für einen richtig guten Tag. Im Lorenz Adlon besteht eine vertragliche Verpflichtung gegenüber Ruinart, deshalb wird als Hausstandard Ruinart en Magnum ausgeschenkt, wer mag, bekommt Dom Ruinart. Dass man damit weder schlecht in den Tag startet, noch zum Tagesausklang enttäuscht wird, ist unstreitig. Doch Sommelier Hoppenstedt hat neben der pflichtgemäß professionellen Hausstimme noch eine weitere Stimme, mit der er kumulieren und panaschieren kann. Und die schwärmt ganz spontan von Champagne Jacquessons Nummerncuvées, im zweiten Atemzug folgt der Rosé von Pol-Roger und ausdrücklich nicht der Winston Churchill. Bei diesem Champagnerdickschiff hat sich bei Hoppenstedt eine Vorliebe für die reifen Jahrgänge entwickelt, in der Jugend hält er sie für überschätzt und dementsprechend zu teuer.

Cognac indes ist im Ganzen seine Sache nicht so sehr. Der neue Schwung des charentaiser Brands ist allerdings, wie ich bemerkt habe, in Berlin insgesamt noch nicht recht angekommen. Ganz überwiegend scheint Cognac hier noch die großväterliche Rolle des bürgerlichen Digestifs (im Adlon liegt das Glas Louis XIII. bei 110,00 €) und Hummersuppenverfeinerers zu besetzen. Bei den Bränden schlägt Hagen Hoppenstedts Herz allerdings sowieso für Birne, denn aus Buxtehuder Birnen produziert er den milden Hoppenstedt, einen mit nur 35% vol. alc. und 69,00 € an den Mann gebrachten Williams-Birnenbrand. Der zeigt sich in der angeschlossenen Spontanverkostung zusammen mit dem zufällig ebenfalls anwesenden Robert Treffny wirklich überraschend mild. Ausgeprägter, unverdorbener Birnenduft und eine hochfeine, tragende Süße geben diesem in unzähligen Saufstuben mißbrauchten Brand eine völlig neue Daseinsberechtigung. Diese singuläre, auf das reine Birnenaroma zugeschnittene Komposition steht natürlich in einem starken Oppositionsverhältnis zum Cognac.   

Norwegalicious: Cognac Bache-Gabrielsen

 

Jean-Philippe Bergier, Maître de Chai und Vorstandsmitglied bei Bache-Garbielsen/Dupuy, nahm sich einige Zeit für die gemeinsame Verkostung, wofür ich ihm sehr dankbar bin. Denn das norwegischstämmige, bis heute familiengeführte Haus Bache-Gabrielsen gehört zu den Erzeugern, mit denen ich einige meiner besten Cognacerinnerungen verbinde.

I. Bache-Gabrielsen, X.O. Fine Champagne

70GC 30PC, Brände zwischen 10 und 30 Jahre alt.

Die Fine Champagne Cognacs bestehen zu mindestens 50% aus Grande Champagne Bränden, der Rest stammt aus der Petite Champagne. Damit sind die besten Terroirs der Region vereint und die besten Vertreter dieser Machart sind langlebig, nicht zu schwer und darüber hinaus oft echte Preisknaller. Das überbordend fruchtige Element aus den Bois findet man hier nicht so sehr, doch sind die Cognacs deshalb nicht weniger zugänglich. Weiße Blüten, weißer Pfeffer, Nashibirne, ein Korb voller Äpfel, Sandelholz, Rancio spielt hier sonst keine bedeutende Rolle. Leicht, superelegant, mit einem regelrecht minzfrischen Nachgeschmack wie vom Zähneputzen.

II. Dupuy, Vintage 1971 Borderies

gefüllt am 8. November 2010

Harmonie ist bei diesem Cognac das Stichwort, was man schon an der Herkunft der Brände ablesen kann. Die Borderies sind nicht nur bekannt dafür, das Bindeglied zwischen den Champagne-Crus und den Bois zu spielen, sondern sie haben ein völlig eigenständiges Aromen- und Alterungsprofil. Ihr Nutzen ist also viel größer, als der für sich genommen schon erhebliche Wert ihrer Scharnierfunktion, auf die sie dann aber leider doch zu oft reduziert werden. Gut gemachte Borderies sind darüber hinaus zusammen mit Fine Champagne Cognacs preislich attraktive Alternativen zu den reinsortigen großen Crus. Mit ca. 200,00 € ist dieser Jahrgangscognac zwar keinesfalls mehr billig, aber eine ähnlich gekonnte Komposition mit vergleichbarem Genusswert ist auch in dieser Preisklasse nur schwer zu finden. Bratapfel, schwarzer Pfeffer, Früchtebrot, pikante Würze, harmonisch eingepasste Holznase.

III. Bache-Gabrielsen, "S" Solène, Single Estate

GC-Brände aus der Zeit von 1964 bis 1969

Erst eine zitrusfruchtige, etwas seifige Nase, dann eine Note von karamellisiertem Bratapfel, die eine entfernte Verwandtschaft mit altem Calvados aufweist. Crème brûlée mit angebratenem Pflaumenmus. Im Mund leicht gerbend.

IV. Bache-Gabrielsen, Hors d'Age

GC, Ugni Blanc und Folle Blanche. Brände überwiegend aus der Zeit von 1931 bis 1945, ein kleiner Anteil ist älter, ein kleiner Anteil ist jünger. Der älteste Brand stammt aus dem Jahr 1917, die jüngsten Anteile aus den 1960ern.

Mild, lang, schwebend. Den Alkohol darf man hier nicht unterschätzen, dieser Cognac sollte aus Tulpen getrunken werden, sonst wirkt er allzuleicht spritig und hitzig und der geheimnisvoll-freundliche, sphinxhafte Stil geht verloren.

V. Bache-Gabrielsen, Pure & Rustic Folle Blanche Mainxe Single Estate, weißes Etikett = limited edition (mit nur 792 Flaschen)

GC, 100% Folle Blanche, ca. 20 Jahre alte Brände.

Ob das der echte alte Cognacstil ist, wie die Pure & Rustic Linie sie verkörpern soll, oder ob es sich um eine moderne Interpretation eines untergegangenen Stils handelt, ist mir ehrlich gesagt egal. Fest steht für mich, dass dieser Cognac ein hochsommerliches Flair hat. Sehr leicht, sehr elegant, sehr fein. Weizenähren, Müsli, Sonnenblumen, Blumenwiese, Honig.

VI. Dupuy, Très Vieux Pineau de Charente

20 Jahre im Fass gereift.

Butter, Champignon, Honigtoast. Animierende Säure, das reinste Konzentrat. Könnte ebensogut alter Eiswein sein, herrlich!

Fest steht: Herve Bache-Gabrielsens freundliche Einladung nach Cognac für diesen Winter werde ich sehr gern wahrnehmen.

La Vieille Maison: Cognac Prunier

 

Der Chef von Cognac Prunier ist Stéphane Burnez, ein Mann, der perlend gutes Deutsch spricht, unter anderem, weil er Deutschland so sehr mag, obwohl der hiesige Cognac-Markt schwierig ist und bei weitem nicht die Margen abwerfen dürfte, die ein einziger chinesischer Milliardär bescheren kann, wenn er eine Hochzeit adäquat mit Luxusspirituosen auszustatten wünscht. Prunier wurde 1700 gegründet und ist damit eines der ältesten Häuser der Region. Deshalb nennt sich Prunier folgerichtig "La Vieille Maison". Eigene Weinberge gibt es nicht, daher wird überwiegend aus den Fins Bois, der Petite Champagne und der Grande Champagne Eau-de-vie gekauft. Die Lagerung erfolgt in alter Limousin-Eiche. Für die Reduktion der Brände bedient sich das Haus einer speziellen Methode: die frisch destillierten Brände werden mit einem Schluck Wasser von ca. 72% auf 65% herabgesetzt und können dann in Ruhe altern. Die Herabsetzung zur endgültigen Trinkstärke erfolgt dann wiederum sehr individuell in einem Zeitraum von einem halben bis zu einem ganzen Jahr.

I. V.S.O.P.

GC, PC, FB, 7 Jahre alt.

Fruchtig; Apfel, Birne, Nektarine, Früchtebrot, Ingwer. Glatt, leicht seifig, erfrischend. Eignet sich gut zum mixen, für den Sologenuss oder zu Speisen ist er zu leicht.

II. X.O.

17 Jahre alt.

Mehr Rancio von der buttrigen und teigigen Art. Auch kratziger, ruppiger, eckiger als der V.S.O.P., mit ausgeprägterem Trockenfrucht- und Rosinengeschmack.

III. Reserve de la Famille X.O.

GC, PC, FB, Brände bis 1938.

In der Nase rauchig und sperrig, erst mit viel Luft zeigen sich delikatere Aromen, Pilze, Holz, braune Butter, Trockenblumen und medizinale Noten. Im Mund spritzig und leicht, ja sportlich.

IV. Très Vieille Grande Champagne X.O.

GC, durchschnittlich 45 Jahre alt, teilweise Brände vom Beginn des 20. Jahrhunderts.

Fruchtbetonter Cognac, bei dem sich eine wichtige Stärke der Grande Champagne zeigt: nämlich Fruchtaromen über extrem lange Zeiträume konservieren zu können. Orangen, Nektarinen, Grapefruit, außerdem voll entwickeltes und facettenreiches Rancio von nussig über schokoladig bis hin zu einem leicht angeräucherten Duft; Blüten und Pfeffer, ein manchmal vorwitziger Alkohol, der sich mit dem Duft von Milchkaffe verbindet, ausgehend Zedernholz, salzige Aromen und ein sanftes Glühen, dabei schwebt über allem ein saftiger Fruchtcharakter.

V. Extra X.O.

Brände aus der Zeit von 1953 bis 1957, komponiert aus vier unterschiedlichen Lots.

Zunächst undurchdringliche Nase, die außer Klebstoff gar nichts hergeben wollte. Das wandelte sich mit Luft zu einer indiffferenten Teernote, die sich langsam über grasige und kräuterige Aspekte weiterentwickelte und fermentierte vegetabile Noten freigab, die in Richtung Formosa Ooolong neigten. Nach einer halben Stunde dann eine sehr weinige Interpretation von Earl Grey, Kumqat, Yuzu und Blutorange, dazu Buttercookies, Schokomuffins, bröckeliger Honig, Ingwer, Veilchenduft, Lavendel, Rosmarin, Salbei. Im Mund sehr dynamisch, muskulös, aber nicht schwer.

VI. Single Barrel Vintage 1967 straight from the cask (56% vol.alc.)

600 Flaschen gibt es von diesem unverdünnten Cognac. Der ist in der Nase voller Nuss und Kastanie, mit der Zeit kommen Taubnessel, Verbene, agrûmes, dicke altmodische Orangen- und Madarinenbonbons, Butterscotch, Torf, Malz, Unterholz und Pilze zum Vorschein. Außerdem Café au Lait, Crème brûlée und ein gerbender Eindruck. Heißer Stoff!

Aube-Intermezzo mit Champagne Drappier

 

Die Champagner von Drappier und ganz besonders die Grande Sendrée galten lange Zeit als die mit Abstand besten Aube-Champagner. Das war freilich in einer Zeit, als von der Avantgardetruppe um Cedric Bouchard, Jacques Lassaigne, Bertrand Gautherot usw. nur in einem sehr kleinen Kreis die lobende Rede war. Heute muss sich Platzhirsch Drappier zwar nicht mühevoll, aber doch in einem Feld sehr guter bis überragender, teilweise ultraindividualistischer Champagner mit höchsten Ansprüchen an sich selbst behaupten. Ich denke, das tut ihm eher gut als weh. Plaudern konnte ich mit Michel Drappier diesmal leider nicht sehr lange, sonst hätte ich ihn gern dazu befragt

I. Carte d'Or

90PN 5CH 5PM

Sonniger Champagner mit massenkompatibler Dosage, kann man aber auch als Champagnerpurist noch ok finden.

II. Quatuor, dég. Januar 2011

Je ein Viertel CH, PB, Petit Meslier und Arbane, 07er Basis, mit 8,5 g/l dosiert.

Fand ich im Frühjahr kräftiger und fetter, auch wuchtiger, diesmal kam er mir eher vor wie ein richtig gutes Sektsorbet.

III. Grande Sendrée 2004, dég. Januar 2011

55PN 45CH.

Die aktuelle Grande Sendrée ist mittelgewichtig, aber nicht schmächtig; leider befindet sich die ähnlich gebaute Grande Sendrée 2002 gerade in einer Verschlussphase, daher ist ein Vergleich zwischen beiden nicht sehr fruchtbringend. Die Grande Sendrée gehört zu den Champagnern, bei denen ich immer eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Chef des Hauses finde. Sanft und distinguiert, sehr präsent und hellwach, die Neigung zu einer halsbrecherischen Autofahrweise würde man bei Michel Drappier gar nicht vermuten, ebenso nicht die wollüstige Entwicklungsfreude der Grande Sendrée, wenn sie die Möglichkeit zur Reifung hat. Nach einem doppelten Espresso zum Abschluss eines großen Mahls gibt es nichts schöneres, als eine frische und vorzugsweise junge Grande Sendrée wie eben diesen 2004er für die inoffizielle Hälfte des Abends zu öffnen.

IV. Grande Sendrée Rosé 2005, dég. Januar 2011

Etwas schwermütiger, melancholischer Rosé mit einem an smoothies erinnernden Früchtemuscharakter. Relativ wenig Säure und ein Schlußpunkt, der die Ballade stimmungsvoll und für mich ein wenig rätselhaft beendet.