Back to Top

Category Archives: Allgemein

Allerlei und allerhand Information rund um den schäumenden und den stillen Wein, Cognac, Hotels und Restaurants. Streng nach meinen eigenen Interessen geordnet und veröffentlicht.

Was hat eigentlich Robert Parker mit Cognac (von Tesseron) zu tun?

 

Was hat eigentlich Robert Parker mit Cognac zu tun? Ja man weiß es nicht so recht. Er weiß es selbst nicht so recht, scheint's. Klar ist: Cognac ist nicht weit von Bordeaux und mit Bordeaux hat Robert Parker viel zu tun. Klar ist auch: die Familie Tesseron verfügt in Bordeaux über zwei Châteaux, Pontet-Canet 5ème GCC in Pauillac und Lafon-Rochet 4ème GCC in St. Estèphe. Der Parkerbob hat die Cognacs der Familie Tesseron jedenfalls bei einem Ambassador's Dinner im Jahr 2005 kennengelernt. Und sich zu Bewertungen hinreißen lassen, die bei den beiden Châteaux der Familie die Preise längst durch die Decke hätten gehen lassen. Lot No.29 bekam volle 100 PP. Zuvor hatte es übrigens Bollingers Special Cuvée (89 PP), Haut-Brion Blanc 2001 (94 PP), Lafite Rothschild 1996 (100 PP), Cheval Blanc 1990 (98 PP), Haut-Brion 1989 (100 PP) und d'Yquem 2001 (100 PP) gegeben. Zwei Jahre später berichtet Parker dann in der Hedonist's Gazette von einem weiteren hochkarätigen Tasting Chez Josephine. Moet et Chandon Dom Pérignon 1976 bekam dort 95 PP, Latour 1990 en Magnum säckelte 99 PP ein, Pétrus 1990 en Magnum schoß 100 PP ab und der Tesseron-Cognac Lot. No. 53 bekam 98 PP.

Das Haus Tesseron verfügt in der Region über Niederlassungen in der Grande Champagne und in der Petite Champagne. Dort lagert eine stattliche Anzahl alter Brände, im kühlen und feuchten Keller. Gebrannt werden die Weine mitsamt den Heferückständen, was schwieriger ist (Gefahr des Anhaftens und Verbrennens von Hefezellen am Brennkolben), aber für mehr Komplexität sorgt. Die charmante Justine unterwies mich im Genuss der Cognacs ihrer Familie.

I. Sélection X.O. Lot No. 90

GC, PC, FB, 15 Jahre alt.

Leichter, minimal seifiger Cognac mit attraktiver Zitrusnote, im Hintergrund Noisette und rötlichere Frucht. Weder brandig noch stechend. Im Mund benötigt er eine kurze Anlaufzeit, bevor er sich bemerkbar macht, das geschieht dann mit einem leichten zwicken, im übrigen wirkt er konzentriert und hinsichtlich des Fins Bois Anteils reif.

II. Lot No. 76 X.O.

GC, 25 Jahre alt.

Verhaltene Nase, verhaltener Rancioduft, im Mund wieder mit kurzer Einwirkdauer, bevor die Aromen am Gaumen anbranden. Sehr reife Birne, sehr reife Honigmelone, Muskatnuss und etwas schwarzer Pfeffer, der sich angenehm mit dem Alkohol vermischt; ausgleitend frischgeschnittene Pilze und eine jodige Note.

III. Lot No. 53 X.O.

GC, Ugni Blanc + Colombard, 50 Jahre alt.

Omas Mahagoniwohnzimmer, Kastanienhonig, Patschouli, Orangenblüten, Kakaobohnen. Im Mund Verbene, Salz. Sehr kräftiger, aromatischer Cognac, der sehr viel Luft braucht. Erfreulicherweise kein beißen oder stechen vom Alkohol, beinahe noch erstaunlicher: der Cognac wirkt überhaupt nicht süß.

IV. Lot No. 29 X.O.

GC, Ugni Blanc, Colombard, Folle Blanche, 75 Jahre alt.

Zunächst Möbelpolitur, warmes Edelholz, entfernt eine leichte Chlornase. Darunter Malz, Torf, Toffee, Mango-Papaya, Erdbeerpannacotta, Himbeergeist. Viel exotische Frucht, Ringelblume, Iris. Ob der Cognac 100 PP wert ist? Im Kontext von Haut-Brion 1989 und Lafite 1996 mit Sicherheit. Und für ca. 500,00 € sicher einer der günstigsten 100 PP-Drinks.

Was hat eigentlich Champagne Bollinger mit Cognac Delamain zu tun?

Champagne Bollinger hält ein Drittel der Anteile an Delamain, was mal wieder ein schönes Beispiel für die zahlreichen Verbindungen zwischen diesen beiden entgegengesetzten Gegenden, bzw. Getränken ist. Cognac Delamain ist ein altes Haus, das ausschließlich Eaux-de-vie aus der Grande Champagne kauft. Eigene Weinberge werden nicht bewirtschaftet, auch bestehen keine festen Lieferverträge. Die Brenner kommen vielmehr täglich ins Haus und bieten ihre Grande Champagne Brände zur Verkostung an. Dann wird probiert und verhandelt. Neues Eichenholz findet bei der Reifung dann keine Verwendung, die 350-Liter-Fässchen aus französischer Eiche sind im Gegenteil möglichst alt und tanninarm. Auch der feuchte Keller nächst der Charente sorgt für harmonische Reifung. Bei der Cognacvermählung werden Brände aus der gleichen Altersstufe miteinander verbunden, da ein großer Altersunterschied als abträglich betrachtet wird. Die Reduktion der Brände auf Trinkstärke erfolgt nicht schlagartig mit destilliertem Wasser, sondern behutsam über zwei Jahre mit faibles, also mit schwachalkohlischem Cognacwasser aus Solera. Ähnlich der Ruhezeit von frisch degorgiertem Champagner bleiben bei Delamain die fertig vermählten Cognacs nach dem blending für zwei Jahre liegen, um sich in Ruhe integrieren zu können, bevor dann endlich die Vermarktung beginnt. Zuckercouleur wird nicht verwendet, die Farbe ist ganz natürlich, was keine Selbstverständlichkeit ist, denn viele Cognachäuser verwenden Karamell oder Zuckercouleur als Farbgeber für einen einheitlichen oder optisch besonders gewollten Auftritt ihrer Cognacs.

I. Pale & Dry X.O. Grande Champagne

25 Jahre alt. Jugendlich, fein, sehr obstig, nur von Ferne eine Ahnung von Blumen. Mit Luft immer mehr Trockenfruchtaroma, kaum fortgeschrittenes Rancio. Schwebt über die Zunge, Schwerpunkt ist auch mit Luft bei der Frucht. Bei Bollinger entspräche dieser Cognac wohl am ehesten der Special Cuvée.

II. Vesper X.O. Grande Champagne

35 Jahre alt. Mehr Butter als im Pale & Dry, auch ein Hauch von Klebstoff und Duft von Löwenzahnblüten. Einerseits konzentriertere Aromatik mit viel Backpflaume, andererseits leichter und beschwingter, mit diesem bemerkenswert schwebenden Charakter bei ausgeprägter und langanhaltender Süße.

III. Extra X.O. Grande Champagne

Gibt es seit 2006, die verwendeten Brände sind 40 Jahre alt. Erstaunlich schwach entwickeltes Rancioaroma, dafür sehr viel Bittermandel und Feuerstein, beiden gehen nahtlos von der Nase in den Mund über, wo der Cognac wieder mit deutlicher Süße das Regiment führt, wobei ich zusätzlich eine lebhafte und etwas hitzige Alkoholnote vorfand.

IV. Très Vénérable X.O. Grande Champagne

55 Jahre alt. Rosinen, Rancio, Feige, Datteln, Pflaumen, Speck, Neroli. Außerdem Anis, Kümmel, ganz zum Schluß Sternfrucht. Auch im Mund sehr komplex, sehr dick und balsamisch, mit Tanninfinish.

V. Reserve de la Famille No. 342-50,

43% vol. alc., Flaschennr. 47/180, single estate, single barrel. Wuchtig, druckvoll und geradezu unbeherrscht. Durch den – unverdünnt, nur durch Verdunstung erreichten – Alkoholgehalt von 43% wirkt das Rancio etwas hitziger und lebendiger, nicht so abgestorben und unterholzig. Für die delikaten Fruchtaromen jügerer Cognacs oder von Bränden aus den Fins Bois wäre das schon ein Problem, aber davon finden sich naturgemäß hier nicht so viele; dafür sind Kräuter, Süßholz, Leder, Tabak, Jod und Trockenblumen im Spiel, denen die Hitze nicht so viel ausmacht. Für mich nicht zwingend der beste Cognac von Delamain, das kann man bei den Vieilles Vignes Francaises von Bollinger übrigens ähnlich sehen.

Champagne Cattier und Armand de Brignac

 

In Chigny-les-Roses, das früher Chigny-la-Montagne hieß, ist Champagne Cattier zu Hause und erzeugt eine beeindruckende Menge unterschiedlicher Cuvées in einem an die ganz großen Häuser angelehnten Stil. Außerdem fertigt Cattier jährlich ca. 50000 Flaschen Armand de Brignac.

 

I. Cattiers reguläre Linie

1. Premier Cru

40PM 35PN 25CH, mit 10 g/l dosiert.

Konventioneller, ziemlich süßer Champagner leichter Bauart mit der zaghaften Exotik von Dosenfrüchten, die es beim Chinesen als Dessert gibt. Dazu freundliche Trockenkräutersträusschenwürze und ein bisschen Hefe.

2. Blanc de Blancs

Mit 10 g/l dosiert.

Munterer, leichter Champagner mit kandiertem Apfel und Mandelmilch.

3. Millésime 2003

Drittelmix, mit 10 g/l dosiert.

Auch hier wieder Exotik. Mango-Papaya, Hefe, jahrgangstypische Reife, wenig Säure.

4. Rosé d'Assemblage

50PN 40PM 10CH, 10-11% Rotweinzugabe von alten Pinot-Reben, mit 10 g/l dosiert.

Etwas Bierhefe, Brandy, Erdbeerbowle und Hopfen. Schmeckt wie Edle Tropfen in Nuss. Erstaunlich mäßige Süße und ein feinsäuerlicher Ausgleich.

5. Brut Absolu

45PN 25PM 30CH, 08er Basis; ohne Dosagezucker

Schlanker einfacher Brut Nature ohen bemerkenswerten Persönlichkeitskern.

6. Clos du Moulin, Flaschennr. 9341/9781

50PN 50PM, aus den Jahren 2003, 2002, 2000, mit 10 g/l dosiert

Der berühmte Clos du Moulin hat nur 2,2 ha, schon die berühmte Veuve Clicquot kaufte hier Trauben ein. Leider Kork.

 

II. Armand de Brignac

Auf drei Cuvées ist das Programm der hippen Zweitmarke von Cattier beschränkt, ob und wann eine reinsortiger Meunier hinzukommt, ist noch nicht ganz klar. Jede Menge Publizität erfuhr der zeitweise als Cristal-Nachfolger annoncierte Bling-Bling-Champagner, als die Dallas Mavericks eund um Dirk Nowitzki und die NHL-Eishockeychamps der Boston Bruins ihren jeweiligen Meisterschaftssieg mit Armand de Brignac begossen, teilweise aus dem spektakulären 30 Liter fassenden Flaschenformat "Midas".

1. Gold

40PN 40CH 20PM aus den Jahren 2005, 2003, 2002

Der Vorgänger setzte sich noch aus den Jahren 2003, 2002 und 2000 zusammen. Der Übergang zum neuen Lot ist fugenlos gelungen. In der Nase kurz nach dem öffnen Chlor und Alkohol, dann zeigt sich der bekannt poppige, bzw. hip-hoppige Champagner: füllig, fluffig, weich; säurearm.

2. Blanc de Blancs

Chardonnay aus der Côte des Blancs und der Montagne de Reims, Jahrgänge 2005, 2003, 2002

Der Blanc de Blancs ist von seiner zusammensetzung her gegenüber dem letzten Mal unverändert geblieben. In der Nase war bei diesem Champagner nicht viel los, das scheint sich jetzt langsam zu ändern. Geißblatt, Campher und Flint, Salbei und Kamillentee. Im Mund wenig Säure und eher kurz. Scheint sich zu entwickeln, ich bin gespannt auf die nächste Stufe.

3. Rosé

50CH 40PN 10PM, 12% Rotweinzugabe aus Pinot-Noir und Pinot Meunier von alten Reben.

Der Rosé wird in der nächsten Auflage "dry" dosiert sein, was gut zu ihm passt. In der jetzigen Version, die es noch bis zum Sommer 2011 gibt, ist er voller sexy Wildkirsche und noch so gut wie das erste Mal; bzw. beim ersten Mal.

Champagne Charles Ellner

 

Ca. 54 ha bewirtschaftet das Haus Charles Ellner heute, etwa die Hälfte davon ist Chardonnay und der größte Teil der Reben steht nahe Epernay, dem Geburtsort des Hauses. Die Champagner-Etiketten orientieren sich an Originalvorlagen, die ebendort hängen. Vinifiziert wird in Stahltanks, für den Ausbau stehen Fuder und kleine Fässer zur Verfügung.

I. Qualité Extra

50PN 30CH 20PM, 08er Basis, Reserve aus 2007, mit 6 g/l dosiert.

Vollmundiger, reifer, ganz solider Stil.

II. Cuvée de Réserve

60CH 40PN, 04er Basis mit Reserve aus 2003, mit 10 g/l dosiert.

Macht einen nobleren Eindruck als die Qualité Extra, kratzt aber am Gaumenrand etwas. Wer keine Angorapullover auf nackter Haut trägt, wird diesen Champagner nicht mögen.

III. Blanc de Blancs 2004

60% aus Chouilly, 40% aus Tauxières, mit 7-8 g/l dosiert.

Floral, voll weißer Blüten, auch Campher ist dabei; Süßholz und Anisnoten, leicht kreidig, etwas alkoholisch.

IV. Brut Intégral sans Dosage

04er Basis mit 10% Reserve aus 2002.

Angeschnittener Apfel, Schwarzbrot, Blumen. Körperreich, mollig, aber nicht schlaff, denn eine leichte Herbe und etwas Säure formen die Taille.

V. Premier Cru Millésime 2002, dég. 51. Woche 2010

75CH hauptsächlich aus Chouilly und Tauxières sowie ein wenig Avize und Dizy, 25PN aus Sermiers, Rilly und Champillon.

Gute, ebenmäßige Qualität, animierende Herbe, weinig und etwas ernst.

VI. Prestige Millésime 2001, dég. 11. Woche 2011

60CH aus Avize und Chouilly 40PN, in Großvaters Holzfässern ausgebaut.

Säuerliche Haselnusscrème und Toast in der Nase, gutes erstes Mundgefühl, aber leider sehr kurz. Ich fürchte, das Dégorgement ist zu kurzfristig erfolgt.

VII. Prestige Millésime 2002, dég. 11. Woche 2011

63CH aus Chouilly, Tauxières und Avize, 37PN.

Blumiger Duft und Luftton, mit dem Odeur saurer Nierchen und etwas Kalk unterlegt. Anfangs rumpelig herb und dann ein sehr lebhaftes, limonadiges Mundgefühl, das sanft, leicht und elegant ausgleitet. Unausgeglichener Champagner, der wohl ebenfalls zu kurzfristig dégorgiert wurde.

VIII. Prestige Millésime 1999, dég. 45. Woche 2009

60CH 40PN.

Dieser Champagner ist der erst Jahrgangschampagner aus dem Programm, der zu zeigen beginnt, wie die Hausstilistik wohl sein soll. Dosagesüße spielt hier keine entscheidende Rolle, im Vordergrund steht ein nicht sehr säurebetonter Chardonnay mit einem minimalen, heute altmodisch anmutenden Luftton. Charles Ellner gehört damit nicht zu den wirklich barocken, festlichen oder rokokohaften Champagnern, sondern eher zu den großbürgerlichen, konservativen Champagnern.

IX. Séduction Millésime 2000, dég. 45. Woche 2010

55CH 45PN.

Iris und Veilchen, roter Apfel und Kalk. Knackige Säure, nicht zuletzt daher fokussierter als der Prestige Mill. 1999. Gegenüber den bisherigen Champagnern von Charles Ellner eine merkliche Steigerung, nach oben ist bei guter Lagerung in den nächsten sieben bis zehn Jahren sicher auch noch Platz.

X. Séduction Millésime 1999, dég. 45. Woche 2010

55CH 45PN, im Fass gereift.

Aprikose, Weinbergpfirsich, mit Luft vermehrt Trockenfrüchte und Müsliduft. Im Mund mild, fast milchig, schließt mit einer geringfügig gerbenden Art ab und bleibt lang am Gaumen.

XI. Rosé

50CH 50PN, 07er Basis, Assemblagerosé mit 14% Rotweinzugabe.

Helles Rosé. Hundefellnase und Fleisch, dahinter Kirsche und Aprikosenkerne. Im Mund leicht, herb und eher wässrig, kommt "weiß" rüber. Nicht mein Fall.

Winemaker’s dinner mit Regis Camus (Piper & Charles Heidsieck) im Le St. James Bouliac

Im Rahmen der Vinexpo luden Piper & Charles Heidsieck ins hübsche Le St. James, wo Michel Porthos (** Guide Michelin) ein abgestimmtes Mahl servierte. Ich hatte dort das Vergnügen, mich den ganzen Abend über mit Regis Camus unterhalten zu können, dem chef de cave, der so oft wie kein anderer vom Decanter zum Sparkling Winemaker of the Year gekürt wurde.  

I. Kleinigkeiten und Piper-Heidsieck Brut NV

Kernig, mit frischer Säure und noch unbefleckt, will sagen ohne den herrlich schmutzig-rauchig-röstigen Kaffeeduft reifer Exemplare. Passte zu den kleinen französischen Schweinereien ganz prima und wäre ich nicht in Gesellschaft und außerdem in Erwartung des Sternemahls von Michel Portos gewesen, hätte ich mich mit einem Glaserl davon in der Hand einfach in den Außenpool des zauberhaften Hotels gelegt und die Sicht über Bordeaux genossen.

II. Gegrillte Austern, Gillardeau Speciale No. 2 und Fadennudelsuppe, dazu Piper-Heidsieck 2004

55PN 15CH 30PM

Im Jahr 2010 wurde der 2004er Piper-Heidsieck der weiteren Öffentlichkeit vorgestellt. An Deutschland ging das ziemlich vorbei. Schade, denn dieser nicht zu hoch dosierte Mix aus Erdbeer-Rhabarber, Kokos, Noisette und Toast auf steinhart-mineralischer Unterlage wäre gut geeignet, den deutschen Champagnergaumen in freundliche Aufregung zu versetzen. Insbesondere die solid jodige Mineralität und Frische des 2004er half ihm, mit den fordernden asiatischen Aromen und der pikanten, für die Weinbegleitung jedoch schwer zu meisternden Süßsauerkombination der in Vermicellisuppe badenden Auster umzugehen.

III. Tranche vom Kalb mit Mangold, Zitrone und Kapern, dazu Charles Heidsieck Blanc de Millenaires 1995, frisch dégorgiert

100CH aus Cramant, Avize, Oger, Le Mesnil-sur-Oger und Vertus, dosiert mit ca. 10 g/l

Einer der buchstäblich feinsten Prestigechampagner und einer der unbekanntesten, gemessen an der Größe der Erzeuger. Mineralisch und druckvoll, dabei mit einem süßlichen Honigthema, das die Variation von roten und gelben Früchten sehr dicht umspielt. Schaumig, crèmig, sahnig, mit einer frischen Limettennote, die den Champagner leichter wirken lässt, als er ist. Die Herausforderung Zitrone/Kaper nimmt der Millenaires mühelos an, mit dem Mangold und dem Kalb ergibt sich eine wunderbare Melange. Trotzdem bevorzuge ich ihn solo.

IV. Alter Gouda (48 Monate), dazu Piper-Heidsieck Rare 1988

65CH 35PN, dosiert mit ca. 10 g/l

Die wiederbelebten Jahrgangs-Rares von Piper-Heidsieck finden sich in letzte Zeit in immer mehr Tastings auf den vordersten Rängen. In den deutschen Weinhandlungen sucht man sie leider vergebens. Wenn man einen entweder von den alten oder gar von den neuen, mit Goldornamentik aus dem Goldschmiedeatelier Arthus-Bertrand eingefassten Rares im Glas hat, kann man sich über diese Zurückhaltung der Weinhändler nur wundern. Denn so unkompliziert, offenherzig und unprätentiös wie dieser Champagner sind nur wenige andere Cuvées derselben Preis- und Gewichtsklasse. 1988er Säure gibt hier den Ton an, schmerzt aber nicht am Gaumen. Drunter und drüber tummeln sich Feige, Rumrosine, Marillenröster, Pflaumenmus, Sauce Griottine, Champignonrahm, Trüffel, gehackte Nüsse. Trank ich sehr gern zum alten Gouda.

V. Erdbeere, Zitronencrème mit Olivenöl aus der Pipette und schwarzer Olivenbrownie, Roséchampagnersorbet, dazu Charles Heidsieck Rosé Réserve

Erdbeeren und Roséchampagner sind eine Kitschkombination erster Güte. Die meisten Menschen, die davon schwärmen, haben sie wahrscheinich selbst nicht ausprobiert oder mit anderen Champagnern als ich, oder waren währenddessen so hormonbefüllt, dass ihnen der beißende Konflikt überhaupt nicht aufgefallen ist. Ich jedenfalls kann von der Kombination Erdbeere und Roséchampagner grundsätzlich nur abraten. Um die beiden Komponenten überhaupt unter einen Hut zu bringen, muss man sich schon einiger Hilfsmittel bedienen. Sexualhormone bei den Beteiligten sind sicher eins davon. Ein anderes ist der Rückgriff auf herb-vegetabile Aromabrücken, zum Beispiel Oliven und/oder Olivenöl. Das klappte bei Michel Porthos vorzüglich. Kaum zu glauben, wie sich das Geschmackserlebnis vor und nach dem Einsatz des Olivenöls zur Erdbeer-/Zitronencrème wandelte. Der Konflikt zwischen Fruchtsüße der Speise und im Vergleich wesentlich verhaltenerer Champagnerfrucht löste sich in einem sphärischen Dreiklang auf. Nicht jedem zur Nachahmung empfohlen.

VI. Charles Heidsieck Finest Extra Quality Brut NV aus den 60ern

Als Schlussflasche konnte ich einen erstklassig gereiften, ca. fünfzig Jahre alten Charles Heidsieck in die Runde werfen, der für den englischen Markt bestimmt war und dankenswerterwiese den Weg in meinen Bestand gefunden hatte, wofür ich dem Weinforum Ruhrgebiet Dank schulde. Der alte Charles war in sehr guter Form, troff vor Karamell, Kirsche und Minze und hätte so noch immer ein feines englisches Weidelämmchen begleiten können.

Bruno Paillard Nec Plus Ultra 1996 Release Party

 

Lange hatte sich Bruno Paillard dagegen gewehrt, eine Prestigecuvée auf den Markt zu bringen. Dabei hätte er gleich mehrfach die Möglichkeit dazu gehabt, die Natur spielte seinem damals noch jungen Haus übermütig Jahrgänge wie 1988 und 1989 in die Hände. Doch erst der Jahrgang 1990 sollte sich als Geburtsjahr für den Nec Plus Ultra erweisen. In England, von wo der entscheidende Impuls ursprünglich gekommen war, sorgte das für Jubel und reißenden Absatz. Es folgte der zu recht erfolgreiche 1995er und dann war es lange still, man hätte fast befürchten müssen, dass Bruno Paillard das Projekt N.P.U. wieder aufgegeben hat. Hat er natürlich nicht, der 1996er lag die ganze Zeit fertig im Keller und musste nur wegen seiner jahrgangstypischen Attribute mehr als die obligatorischen zehn Jahre dort warten, bevor ein erstes Dégorgement ernsthaft in Betracht kommen konnte. Im Jahr 2009 war es dann soweit, der N.P.U. 1996 wurde geöffnet, erwies sich aber als zu säurehaltig und ungebärdig. Flugs sperrte Bruno Paillard ihn wieder weg und ließ ihn weiter warten. Bis zum 20. Juni 2011. Da war endlich Marktfreigabe und ein bestgelaunter Bruno Paillard überließ es dankenswerterweise seiner charmanten Tochter, mich zu initiieren.

I. Blanc de Blancs Millésime 1999, dég. September 2010

Adäquater Steigbügelhalter für den N.P.U. ist der im April des Jahres erstmals öffentlich vorgestellte 1999er Blanc de Blancs – Avant-Première war übrigens im Hamburger Hotel Louis C. Jacob. Der Champagner hat eine Leichtigkeit, die zum Motto "Vivacité" des Künstleretiketts von Guillemette Schlumberger passt, rote und grüne Äpfel, Orange, Nektarine, etwas Fenchel. Im Vergleich mit vielen anderen, routiniert runtergespulten 1999ern wirkt der Blanc de Blancs von Bruno Paillard lebensbejahend, abenteuerlustig und offen, womit er voll auf der Hauslinie liegt.

II. N.P.U. 1996, dég. Januar 2009, Flaschennr. 0003/6523

Limette, Ingwer, Orangenstäbchen, konzentrierte Apfelnoten und eine je nach Gewöhnung ungezogene bis schockierende Säure, sekundiert von warmen Holznoten und sizilianischem Torroncini-Nougat. Bewegender Champagner mit eskalierendem Sendungsbewusstsein, das die Herzen und die Backen schwellen lässt. Dazu gab es guten Schinken, frisch auf den Teller gesäbelt. Dessen salzige Noten sind bekanntlich ideale Kontrapunkte für mächtige Champagner, ebenso wie alter Parmiggiano Reggiano oder der in Frankreichs Sternerestaurants immer beliebter werdende alte Gouda. Keine Überraschung also, dass der N.P.U. sich zusammen mit dem Schinken so wundervoll wegkauen ließ, wobei die erhebliche Säure mit dem nussigen Fett ausgiebig zu tun hatte und dadurch positiv zum Gesamterlebnis beitrug.   

Five Dive und Champagne José Michel

Weiter geht es mit einer Auswahl hübscher Winzerchampagner, die fertig zum Sprung in die Oberliga sind.

 

C. Zuerst fünf nicht mehr ganz unbekannte Winzer, bei denen sich der Griff ans Gesäß (oder wo das Portemonnaie eben verstaut ist) lohnt. Paar five dives langen natürlich auch.

I. Ariston Père et Fils, Aspasie, Carte Blanche

40CH 30PN 30PM, Fassausbau, dreijähriges Hefelager. 

Der Champagner ist zugänglich, weich und fruchtbetont, vom Typ her schlank, erdbeer-himbeer-zitrusfruchtig und trotz einer für mich etwas hohen Süße überhaupt nicht schwer. An den Stil großer Häuser angelehnt, wirkt er dennoch nicht verkitscht, billig oder parfumiert, sondern eigenständig und apart. Kaum zu glauben, dass es im äußersten, schon an Paris grenzenden Westen der Champagne solche Erzeuger gibt.

II. Nicolas Maillart, Premier Cru, "Platine", dég. Februar 2011

80PN 20CH, 40% Reservewein, mit ca. 7 g/l dosiert.

Vor zwei Jahren habe ich bei Stéphane Gass in der Traube Tonbach die Champagner von Nicolas Maillart kennengelernt. Seither haben sich Bekanntheit und Preise nur kleinschrittig erhöht. 

Der Platine ist ein fülliger Champagner mit viel Brot und Apfel, dazu bietet er ein stählernes, mineralisch verfülltes Gerüst und eine hochfrequent sirrende Säure. Ein guter Einstieg in das Portfolio von Nicolas Maillart, dessen Franc de Pieds von manchen in der Vieilles Vignes Francaises Liga gesehen wird, freilich für ein Zehntel vom Preis des Bollingermonuments. Dort sehe ich ihn allenfalls, weil die Pinot-Reben bei beiden "en foule" stehen, sonst ist der Franc de Pieds von völlig anderer Art. Dieser Einsteiger ist natürlich von beiden weit entfernt, trotzdem: ein länglicher, bei aller Klotzigkeit in den Details doch feiner Champagner mit sanftem grip.

III. André Jacquart, Blanc de Blancs Premier Cru, "Experience", dég. November 2010

Reichlicher Fassausbau, kein BSA. 

Geißblatt, Campher, Holzfassaroma. Benötigt extrem viel Luft, um seine vegetabilen Noten und die kneifende Säure abzulegen. Kandidat für lange Flaschenreife, konnte mich im jetzigen Zustand nicht begeistern, wird aber Sammler mit etwas Geduld in sagen wir mal drei Jahren belohnen.  

IV. Domaine Dehours, Blanc de Blancs Extra Brut, lieu dit "Brisefer", 2004

Biowinzer Jerome Dehours ist zusammen mit Nicolas Maillart und u.a. dem großen Laurent Champs von Vilmart, Nicolas Jaeger von Alfred Gratien, sowie Pierre Gerbais und Doyard im Club der artisans du champagne, einer Vereinigung von sehr engagierten Winzern, deren Salons sehr besuchenswert sind. 

Dieser rare Parzellenwein von Dehours aus dem Marnetal, von der linken Seite bei Mareuil-le-Port, ist ein Hammerwein. leider gab es davon nur insgesamt knapp 2000 Flaschen. In der Nase Himbeergeist, Mentholduft, Leinentücher. Lang, und außergewöhnlich elegant im Mund. Als simpler Essensbegleiter viel zu schade, obwohl man ihn in den Sterneschuppen der Champagne meist sogar zu erträglichen Preisen finden kann.

V. Penet-Chardonnet, Mill. 2005

70CH 30PN

Orangenblüten und Akazienduft, apfelig und mit fröhlicher Säure unterlegt, eine unbeschwert tänzelnde Komposition. Leicht exotischer Zitrusfrüchteduft, mit Blüten dekoriert. Aufreizend und sexy, regelrecht auffordernd aber nicht ordinär. Von Penet-Chrdonnet bevorzuge ich die Grande Reserve, mittelfristig wird jedoch der Jahrgang wahrscheinlich die Kräfteverhältnisse umdrehen und die Grande Reserve überholen.

 

D. José Michel

Zu den Winzern, denen ein guter Ruf vorauseilt, gehört José Michel. Dessen Preise eilen seinem Ruf noch meilenweit hinterher. Sehr selbstbewusst präsentiert sich José Michel mit seinen drei Söhnen aus dem allgemein für eher unbedeutend gehaltenen Örtchen Moussy, etwas abseits zwischen Pierry und dem waldumsäumten St. Martin d'Ablois. Der Ort hat eine bemerkenswerte Südexposition und selbst im Winter eine schützende Hügellandschaft zu bieten, die bei José Michel für den Anbau allgemein für exorbitant gut gehaltener Pinot Meuniers genutzt werden. Nachgerade berühmt ist José Michel für seine alten reinsortigen Meuniers.

I. Brut Tradition

70PM 30CH, im Stahltank erstvergoren, mit 9 g/l dosiert.

Schokoladig, haselnussig, mildsauer, mit reifem Mandarinenaroma, das vom hohen Meunieranteil kommen dürfte und sich langsam changierend in Richtung Schlund verliert.

II. Extra Brut 2003

60PM 40CH, im Stahltank erstvergoren, mit 2 g/l dosiert.

Kakteenhafter Duft und auch am Mund eine leicht stachelige, pieksende Säure. Exotisch und obstig, mit Granatapfel und Quitte, dabei recht spritzig, so dass man die Schwächen des sehr reifen und nicht ganz einfachen Jahrgangs kaum merkt.

III. Pinot Meunier Millésime 2005

Überwiegend im Stahltank, teilweise im Holzfass vinifiziert, mit 9 g/l dosiert.

Rund und fruchtig, leicht und balanciert, anfangs bonbonig, dann auch toastig, insgesamt limonadig mit einem ins gurkige neigenden touch, der an Pimm's No. 1 erinnert. So viel Spaß macht reinsortiger Pinot Meunier. Sicher in paar Jahren nochmal deutlich interessanter.

IV. Blanc de Blancs Millésime 2005

Bei der Vinifikation im Stahltank bereits dreimonatiges Hefelager, mit 9 g/l dosiert.

Kirsch-Banane, Ananas. Noch sehr primärfruchtig, daher schwer zu beurteilen. Nach meiner Erfahrung sind das gute Zeichen, die einer langen Reifung nicht im Wege stehen, meistens durchlaufen solche Champagner aber eine besonders lange Verschlussphase nach dem Verschwinden der Primärfrucht. Daher obacht, falls er in den nächsten Monaten seltsam verschlossen schmecken sollte, das sollte sich mit Flaschenreife innerhalb von ca. drei Jahren ändern.

V. Grand Vintage 2002

50CH 50PM, überwiegend im Stahltank, teilweise im Holzfass vinifiziert, mit 9 g/l dosiert.

Nicht gerade herzlich, eher stahlig, abweisend und kühl, leicht gerbend, zum Schluss etwas herb.

VI. Special Club 2005

50CH 50PM von bis zu 70 Jahre alten Reben, überwiegend im Stahltank, teilweise im Holzfass vinifiziert, mit 9 g/l dosiert.

Im Vordergrund erotische Prickligkeit, dahinter sehr ernstzunehmende Struktur und Tiefe. Angenehmes Mittelgewicht, elastisch und flott, aber nicht hirnlos; ein Champagner wie Kickboxweltmeisterin Dr. med Christine Theiss.

VII. Rosé

50PN 50PM, Mazerationsrosé, erstvergoren im Stahltank, mit 9 g/l dosiert.

Feinfruchtig, etwas floral bis leicht gemüsig, gerbend, mittellang.

Champagne Collard-Picard vs. Champagne Vincent Couche

 

Zwei Erzeuger eröffnen den sommerlichen Champagnerreigen. Beide Winzer bewirtschaften etwas mehr als 10 ha und sind vergleichsweise jung. Das eine Haus ist sehr klassisch aufgestellt, wirtschaftet konventionell in der Kernchampagne, das andere wird biodynamisch geführt und liegt an der Aube. 

 

A. Collard-Picard

Zusammen mit Ehefrau Chantal Picard, eine Cousine von Chantal Gonet (Champagne Philippe Gonet), bewirtschaftet Olivier nun schon seit 1996 seine Weinberge in der Vallée de la Marne und die seiner Frau in der Côte des Blancs, insgesamt sind es gut 11 ha. Die gemeinsamen, temperaturgesteuert stahltankvergorenen Grundweine kommen zum Ausbau ins Fuder, BSA wird vermieden, die Flaschengärung findet teilweise unter Naturkork mit Agraffe statt. Das sind eigentlich ganz gute Voraussetzungen, deshalb habe ich mir die einzelnen Cuvées des Hauses mal im direkten Vergleich mit den Weinen von Vincent Couche zu Gemüte geführt.

I. Brut Séléction

50PM 50PN, 07er Basis mit Reserve aus 2006.

Säuerliche Noisettecrème, sonst sauber und lebhaft.

II. Cuvée Prestige 

50CH 25PN 25PM, 07er Basis mit Reserve aus 2006, 2005 und 2004.

Sehr üppige Fruchtmischung aus Ananas und Passionsfrucht, angenehm lang; der kann schon was und sollte das mit etwas mehr Flaschenreife deutlicher zur Geltung bringen.

III. Cuvée Prestige Blanc de Blancs Grand Cru

2007er Basis, aus Bioweinbergen in Le Mesnil und Oger

Steiniger Charakter, verschlossen, sehr ruhig und in sich gekehrt, wenig Säure.

IV. Cuvée Prestige (2005er Basis)

Dem aktuellen Prestige gar nicht ähnlich. Sehr kräftig mit abschließend störender Herbe.

V. Cuvée des Archives Millésimée 2002

80CH 20PN, Trauben aus sehr alten Weinbergen (aus den 1940ern) mit gerade einmal 3000 kg/ha Ertrag. Im Fuder vinifiziert und dort für 18 Monate auf der Hefe ausgebaut.

Voll, sehr kraftvoll bis muskulös, insofern dem 2005er Prestige nicht unähnlich, doch ohne die störende Herbe. Wirkt viel leichter und unbeschwerter als der Prestige. Angeschnittener Apfel, Brot, wenig Säure, recht lang.

VI. Rosé

50PN 50PM, ca. 15% Rotweinzugabe.

Ein eher dunkler Rosé mit anfänglicher Hundefellnase und minimal spritigem Anklang. Weiniger Charakter, der sich auf ein ausgeprägtes Em-Eukal-Wilrdkirscharoma zuspitzt.

VII. Rosé Cuvée des Merveilles

Pinot Noir und Chardonnay aus Vertus, in Lagen sozusagen übereinander vinifiziert. Erst Kirsche, dann Kuchenteigaromen, zum Schluss Bittermandel. Entwickelt sich im Mund genau umgekehrt, fängt mandelig und leicht herbbitter an und wird zum Schluß versöhnlich kirschig und mildsüß.

VIII. Rosé de Saignée demi-sec (45 g/l)

Zwischen exotischem Kirschkuchen und mandeligem Frankfurter Kranz. Buttercrème, ausgeprägte, kontrollierte Süße.

 

B. Vincent Couche

Vincent Couche begann 1999 mit der Umstellung auf schonende, und 2008 die Konversion zur biodynamischen Bewirtschaftung seiner knapp 13 ha an der Aube, unter anderem im jüngst immer mehr Aufmerksamkeit auf sich ziehenden Örtchen Montgueux. Nicht nur er hört auf seine Reben, sondern auch die Reben auf ihn, zB wenn er ihnen Musik vorspielt. Hören sollte er vielleicht außerdem noch auf einen tüchtigen Etikettendesigner, der die arg eigenwilligen Etiketten einer Neugestaltung unterziehen könnte, was ich alles bereits im Frühjahr bemerkte. Auf wen er weiterhin hören sollte, das ist sein önologischer Berater Claude Bouguignon, der hier sehr gute Arbeit leistet.

I. Blanc de Blancs Perle de Nacre

100CH aus Montgueux, Holzfassausbau, 2004er Basis mit Reserve aus 2003 und 2002

Der Grundwein hierfür schmeckte wie eine Apfelzitronenlimonade mit Marihuanaextrakt, der fertige Champagner war sehr vollmundig, saftig, weinig und nur durch seine leicht exotische Note noch etwas limonadig.

II. Cuvée Sélection (konventionelle Version vor 2008)

ca. 70PN ca. 30CH

Der "alte" Sélection bringt ein ähnliches Gewicht auf die Waage wie die Perle de Nacre, ist aber nicht so narkotisierend., hat auch nicht dieselbe Tiefe, wirkt außerdem schärfer und kratziger.

III. Cuvée Sélection (biodynamische Version nach 2008)

ca. 70PN ca. 30CH aus 2009

Extrem blumig, Holunderblütenextrakt, Gras (nicht das aus der Perle de Nacre). Sehr stramme Leistung.

IV. Dosage Zéro, dég. Februar 2011

PN/CH, 2003er Basis mit Reserve aus 2002, 2001 und 2000. Dosagelos, weil 10 g Restzucker drin sind.

Frisch, rassig und lang. Mit der typischen Explosivität später Degorgements.

V. Rosé Désir (konventionelle Version vor 2008)

07er Basis mit Reserve aus 2006

Ziemlich herber Stoff, keine Marihuananoten, kaum belebende Frische, wirkte etwas eigenbrödlerisch auf mich. Da ich ihn vor drei Monaten deutlich lebenslustiger im Glas hatte, war das erstmal nicht so schön. Des Rätsels Lösung war eine andere: es gibt nämlich eine alte und eine neue Version.

VI. Rosé Désir (biodynamische Version nach 2008)

2009er Basis.

Da war er wieder, der Blumen- und Grasduft, vermischt mit eingelegten Sauerkirschen. Im Mund mineralisch, leicht trocknend, durch seine vorsichtig kitzelnde Säure gleichzeitig auch wieder gaumenwässernd.

VII. Bulles de Miel

Entspricht dem Dosage Zéro, d.h. PN/CH, 2003er Basis mit Reserve aus 2002, 2001 und 2000, hier aber mit 36 g/l dosiert. Teilweise BSA. 

Milde, unaudfdringliche Süße, wirkte auf mich etwas belanglos; dennoch ein sehr angenehmer Wein zum wegballern.

VIII. Sensation 1995, dég. 1. Oktober 2010

PN/CH, 2584 Flaschen.

Oxidative Reife, Hanuta, Honigtoast mit viel Butter, leichtem Champignonduft. Sehr schöner Champagner.

100 Jahre Champagne Salon

 

Vor 100 Jahren gründete Eugène Aimé Salon sein eigenes Champagnerhaus. Salon ist seither der Archetyp des Monocepage-Champagners lange vor (und mittlerweile zusammen mit) Krugs Clos du Mesnil und Bollingers Vieilles Vignes Francaises bildet der "S" de Salon nach Meinung vieler, immer vorneweg das Gros der champagnerinteressierten Bordeauxtrinker, so etwas wie die Champagner-Dreifaltigkeit.

Sehr glücklich war ich, im Geburtstagsjahr mit dem dynamischen und sympathischen Chef der Häuser Delamotte und Salon, Didier Depond, über seine dergestalt hoch- und wohlgeborenen Babies plaudern zu dürfen. Der relativierte das mit der Dreifaltigkeit gleich ein wenig, als er verriet, dass die Trauben aus dem Clos du Mesnil bis zum Verkauf an Krug in den "S" de Salon wandern durften; und auch sonst ist das Bild von der Dreifaltigkeit krumm. Platz zum Geraderücken wird freilich an anderer Stelle sein, heute geht es um das Gespann Salon-Delamotte.

Im überschaubaren zweigeschossigen Keller von Salon liegt noch eine ganze Reihe alter Champagner und selbst von famosen 1966er ist ein ansehnlicher Stapel vorhanden. Besonders interessant macht diesen Jahrgang, dass es sich um das Jahr der Umstellung von Agraffenverschluss auf Kronkork handelt – von beiden ist genügend da, um im Herbst, wenn Didier Depond zur Sommelierverkostung einlädt, eine Vergleichsprobe zu machen. Am Markt greifbarer sind natürlich die jüngeren Salons; seit dem 1996er trägt jede Flasche eine Lasergravur, die Aufschluss über das Dégorgement gibt. Die ersten beiden Ziffern nach dem L geben den Jahrgang an, der freilich auch auf dem Etikett steht, sofern das bei der berühmten Langlebigkeit von Salon zum zukünftigen Trinkreifehöhepunkt noch vorhanden sein wird, danach folgt die Tageszahl im Jahr des Dégorgements, das zum Schluss kommt (L 99 341 10 steht für das Dégorgement eines 1999ers am 341. Tag des Dégorgierjahrs 2010). Im Tiefkeller gedeihen nicht nur die verschiedenen Jahrgänge von Salon – es sind freilich nicht alle, aus Platzmangel liegt ein Teil bei der Mutter Laurent-Perrier -, sondern auch einige langstielige Pilze, wachsen keck vor den Flaschen in die Höhe und mich hätte sehr interessiert, ob reifer Salon und diese Pilze ein ähnliches Aroma haben. Aus lauter Ehrfurcht habe ich dennoch keinen der Pilze zu pflücken gewagt.

Nach einem Blick in den knapp 1 ha großen Rebgarten, der seinerzeit von Monsieur Salon für sein Projekt "S" erworben wurde, ging es im Obergeschoss des Hauses unerbittlich an die Verkostungsarbeit, von draußen beaufsichtigt von einer rötlichen Katze, die in den Weinbergen von Salon umherzustreifen pflegt.

Delamotte

1. Delamotte, Blanc de Blancs NV

Aus dem Schoße von Lanson ging das damals schon alterwührdige Haus Delamotte zwischen den Weltkriegen in den Besitz von Marie-Louise de Nonancourt über. Die Visitenkarte des Hauses ist der jahrgangslose Blanc de Blancs, noch vor dem eigentlich klassischeren jahrgangslosen Brut aus 50CH 30PN 20PM, den kaum einer kennt. Ich habe schon einmal davor gewarnt, Delamotte nur als die kleine Schwester von Salon anzusehen, denn das ist grundverkehrt, wie sich hier erneut zeigte. Mit etwas Luft ist der BdB NV von Delamotte bereit für den Genuss. Die Aromatik ist kompakt, die Säure zunächst überraschend mild, überlagert wird die hellfruchtige bis weißblühende Grundnote stellenweise von korpulenter Dosage und herzhafter, konzentrierte Reife, die nach hinten ruhig etwas länger ausgleiten dürfte.

2. Delamotte, Blanc de Blancs 2002

Brandneu, lang erwartet, ja ersehnt, ist der demnächst in den Handel gelangende 2002er Delamotte. Strahlend, leichtgewandet und verführerisch ist der charakterstarke Jahrgang bei fast allen Erzeugern, bei Delamotte hat er einen zackigen Auftritt. Intensiver Duft von reifen Äpfeln, Ananas, Bergamotte, Limette und Orange, erfrischend wie eine Kaltwasserdusche im Hochsommer, mit vergleichbarem Nachprickeln. Wenn sich die schwebenden Nussaromen in den nächsten Jahren mit den Früchten vereinigen, wird der 2002er Delamotte fraglos zu den Stars seiner Preisklasse gehören.

Salon

1. "S" de Salon 1999

Auf Vorschlag des englischen Importeurs Corney & Barrow wurde der neue "S" de Salon kürzlich in einem Londoner Restaurant zu fish'n'chips vorgestellt. Der Trick war, den Essig wegzulassen, so dass der noch sehr schüchterne Champagner nicht von der englischen Delikatesse überrollt wurde. Schüchtern nämlich ist der passende Begriff. Anders als die lautstark polternden 1988, 1990, 1996 von Salon ist der 1999er ein ruhiger und gelassener Vertreter, der für meine Begriffe nicht recht in die Ahnenreihe passen will. Das Jahr mag reif gewesen sein, doch teilt sich diese Reife nicht zuletzt wegen der sehr diskret agierenden Säure beim Trinken kaum mit, sondern ist mit der momentan nur zu vermutenden übrigen Aromenfülle wie ein Origami zusammengefaltet. Mandelmilch, Äpfel, Ylang Ylang, Vetyver, Waldmeister habe ich mir zögernd notiert, denn auf den Kopf zusagen könnte ich diesem Champagner nur, dass ich im Moment den 1997er bevorzuge.

2. "S" de Salon 1997Was hat sich dieser Champagner doch gemacht. Agrûmes, Walnuss, Zimt, Mandeln,, Ghee, appetitliche Röstnoten, eine mittelgebirgige Säurestruktur mit festem Griff und Länge, dazu eine Affinität zum Salz, die man als mineralisch bezeichnen könnte, was mir in diesem Zusammenhang aber zu beliebig und austauschbar vorkommt. Bei Salon sagt man naturellement sophistique, was ein genausolcher Wischiwaschi ist, aber wenigstens gut klingt. Als der 1997er Salon rauskam, dachte ich erst an einen schlechten Scherz, weil mir das Jahr ungeeignet vorkam, aber gut, Michel Fauconnet wird sich ja was dabei gedacht haben und ist sowieso viel näher an den Reben als ich, so meine Überlegung. Dass er seinen Job exzellent versieht, zeigt er meiner Meinung im Umgang nach tim Umgang mit dem trotz allem schwierigen 1997er Material. Bei wie vielen 97ern ist jetzt der Trinkhöhepunkt erreicht oder schon überschritten – bei Salon beginnt er gerade erst. Das allein zeigt, dass der "S" eine Sonderstellung im Reich der Blanc de Blancs für sich in Anspruch nehmen darf. Ein weiterer Punkt ist, dass der 97er Salon zu Beginn einen untypischen, frühreifen Beigeschmack hatte, der sich zum Glück nicht mit zunehmender Reife vertieft hat, sondern auf stand-by geschaltet war, bis der restliche Champagner aufgeschlossen hat, was jetzt der Fall ist. Das ganze Arsenal der salontypischen Noblesse und Überlegenheit zeigt sich jetzt symphonisch orchestriert und vom allegro maestoso geht es jetzt in den nächsten Satz mit beginnendem allegro cantabile, hin zum vivace con brio.

Im Gespräch mit Francois Hautekeur (Veuve Clicquot)

 

Francois Hautekeur ist neben seinem Job als Önologe im tasting panel von Veuve Clicquot freimütig bekennender Sünder und Genussmensch. Also der ideale Gesprächspartner für ein kleines technisches tasting und ein anschließendes Dîner im verträumten Manoir de Verzy von Veuve Clicquot. Er ist wie ich der Ansicht, dass man den Unterschied zwischen Bio-Champagner und konventionell erzeugtem Champagner nicht schmecken kann. Was man dagegen sehr wohl schmecken kann, ist, ob ein Champagner etwas taugt, oder nicht. Und darauf kommt's an.

Nach einem kleinen Rundgang durch die Keller in Reims – wo mittlerweile eine eigene Präsentationsfläche für die vor kurzem zusammen mit einigen Buddeln Juglar-Champagner in der Ostsee geborgenen Uraltflaschen Veuve geschaffen wurde – landeten wir im schlichten Verkostungsräumchen. Dort gab es einen Blitzüberblick über den Jahrgang 2010.

Vins Clairs:

1. Pinot Meunier

Banane, Mango, wenig Säure. Ich hatte mit 3,15 deutlich über pH 3,0 getippt und lag damit gar nicht so weit weg von der Wahrheit (3,20). Der Pinot Meunier zeigte sich so unverkrampft fruchtig und naiv, dass man ihn wahrscheinlich selbst dann erkannt hätte, wenn man ihn vorher nur aus dem Lehrbuch gekannt hätte.

2. Pinot Noir, Verzenay Grand Cru

Mehr Dimensionen, mehr getrocknete Früchte, Würze, Weite, tiefere Schichtung, Griffigkeit und einen ausgeprägter weiblichen, obwohl noch nicht divenhaften Charakter hatte der Pinot Noir, dessen pH 3,15 ich nicht vermutet hätte.

3. Chardonnay, Chouilly Grand Cru

Auch der Chardonnay hatte pH 3,15, was ich noch viel weniger gedacht hätte. Mineralisch, d.h. mit einer an kaltes, nasses Kalkgestein erinnernden Sprödigkeit war er nur zu Beginn, dann kamen agrûmes, Yuzu-Zitrone, Melonenschale, Waldmeister, Apfel und andere angenehm grüne Aromen zum Vorschein und ließen den Wein bei aller Konzentration doch schlank erscheinen.

4. Vin de Reserve, Pinot Noir Ambonnay Grand Cru 2006

Naturgemäß weiter entwickelt zeigte sich der Reservewein, doch mit einem jugendlichen Habitus. Tannennadeln und Honig, sirupartige Anklänge, die alle gar nicht den Eindruck von Reife und Alter vermittelten, prägten den Wein.

5. Cuvée Carte Jaune, 2010er Tirage (ab 2013 auf dem Markt)

ca. 15PM ca. 50PN ca. 35CH, mit ungewöhnlich hohem Reserveweinanteil von 43% aus den Jahren 2000 – 2009, ohne die Jahrgänge 2001, 2003 und 2005. 10% Taille.

Vordergründig ganz eindrucksvoll der Meunieranteil, wie man ihn bei Veuve mag etwas einfach in der Aromatik und gleichsam als Vorhut, bis nach etwa drei Jahren die fortgeschritteneren Aromenanteile der beiden Großreben soweit sind, dass sie gemeinsam hervortreten können. Sehr diskret daher hier der Pinot Noir, kaum merklich der Chardonnay. Wenn man sich vor Augen hält, dass Francois Hautekeur mit seinen Mitverkostern teilweise bis zu 500 Grundweine vermählt, um die Carte Jaune zu kreieren, dann ist die eigentlich bemerkenswerte Leistung dabei nicht, den Hausstil irgendwie solala zu treffen, sondern ihn zu einem bestimmten Zeitpunkt in der Zukunft so genau zu treffen.

Champagner:

1. Apéritif: La Grande Dame 1998

In der dienenden Rolle als Apéritif-Champagner im Garten des Manoir de Verzy mit Blick über die hinter dem Gartentor beginnenden, sanft talwärts rollenden Rebhügel, vorneweg die wenigen in Verzy beheimateten Chardonnays, gefiel mir die Grande Dame mehr als gut. Mit den Häppchen, die es dazu gab, konnte ich mich größtenteils zurechtfinden, am schönsten war die Kombination aus Shrimps und Gurkenschaum mit der Grande Dame, was mir wieder die weit unterschätzte Eignung der Gurke als Partner zum Wein bestätigte.

2. Vintage 2002

dazu: Blanc de Turbot de Bretagne au Jambon de Canard, Vinaigrette d'Artichauts Violets

Im Gegensatz zum später noch von mir zu diffamierenden 2002er Rosé war und ist der weiße Jahrgang ein richtiges kleines Goldstück. Wie alle Veuve-Champagner kann man ihn solo trinken, ich empfehle ihn aber lieber in Kombination mit Speisen, exzellent war er zum Steinbutt mit Jambon de Canard, eine Art Bresaola von der Entenbrust. Hier gebührt der Küche des Manoir ein großes Lob für die raffinierte Zusammenstellung. Zum Steinbutt allein wäre der Champagner schon tiptop in Ordnung gewesen, zum Jambon de Canard hätte das faszinierende Zusammenspiel von gesalzener Entenbrust und widerhallendem Champagner in den Bann zu ziehen vermocht; die pikant marinierten Artischocken vertrugen sich herzhaft mit dem Champagner. Alles zusammen war eine überreiche Geschmackserfahrung, die ungeübte Esser vorschnell satt und verblüfft zurückgelassen hätte.

Zwei Weinempfehlungen, die ich hier mit Nachdruck wiederhole, gab mir Francois Hautekeur während des Essens, bzw. zwischen den Gängen mit auf den Weg. Da der sinnenfrohe Genussmensch zwar aus dem Nordosten Frankreichs stammt (und eigentlich Autoingenieur ist), aber in Toulouse Önologie studiert hat, kennt er die Weine des Südwestens sehr gut. Ein heißer und letzthin häufiger gehörter Tip ist deshalb der Jurancon Sec "Cuvée Marie" von Charles Hours. Der andere Knaller-Jurancon ist die "Cuvée des Casterasses" von Bru-Baché. Beides Weine, die um die 15 EUR kosten und amtlich liefern, was nicht nur von der prominentesten Jurancon-Fürsprecherin Colette versprochen wird: Noblesse, Feuer und eine geradezu tückische Verführungskunst.

Verführungskunst kultiviert, nein zelebriert der folgende Champagner, dem wir nach einem schwungvollen Auftakt höchst verdient unsere ganze Aufmerksamkeit zuwandten:

3. Cave Privée 1989, dég. 2009

dazu: Carré de Porcelet Piqué de Truffe Noir et Rôti au Jus

Zunächst der Champagner. Wenn man das Leidenfrost-Phänomen auf Champagner übertragen kann, dann ist es bei diesem hier geglückt. Wie auf einer Schicht aus Fruchtdampf tanzt und vibriert der Champagner ohne enden zu wollen über die Zunge. Ganz entgegen der landläufigen Auffassung, dass die einprägsamsten Weine mit besonders herausragenden Aromasensationen aufwarten müssten, ist es hier die unnachahmliche Leichtigkeit und perfekt kontrollierte, gleichzeitig völlig mühelos wirkende Entfaltung der Aromenabfolge, die begeistert. Dazu eignete sich das Ferkelchen sehr gut, wäre aber ohne den Trüffel überfordert gewesen. Die Kombination war sehr gelungen und schmackhaft, ohne ein Ausbund an Kreativität zu sein.

4. Vintage Rosé 2004

dazu: Ziegenkäse mit Olivenöl, Lucullus, alter Comté

Den Vintage Rosé 2002 fand ich Mist. Und wäre ich nicht so ein besonnener und nachsichtiger Mensch, würde ich den Stab schon längst über den 2002er und angesichts der ärgerlichen Korkfehlerquote, die ich in den letzten Jahren ausgerechnet mit der Grande Dame hatte, auch über Veuve Clicquot gebrochen haben. Habe ich aber nicht, was mir den peinlichen Widerruf erspart, den ich sonst beim 2004er Rosé hätte aussprechen müssen. Denn der ist gelungen, rauscht wie flüssige Yogurette in Nase und Pharynx, nervt aber nicht mit der gleichen pappigen Süße; solo aufgrund des jedenfalls für mich detektierbaren Alkohols nicht so sehr zu empfehlen, wie zu weichem Käse, sehr gerne die Scheiben von der Ziegenkäserolle, mit einem Tropfen feinstem Olivenöls gekrönt, oder zum herrlich sahnecrèmigen Lucullus, bzw. Boursault von der Île de France. Zum alten Comté dagegen wollte keiner der Veuve-Champagner so recht passen.

5. Demi-Sec Carafé

dazu: Soufflé aux Fruits Rouges et Sirop de Citron

Selten genug wird hierzulande demi-sec Champagner getrunken. Noch, muss man vielleicht ergänzen, oder auch nicht, man weiß es nicht. Die hartgesottenen Ultra-Brut-Trinker werden sich kaum dazu hinreißen lassen, ein so milde süffiges Weinchen zu öffnen oder ernsthaft selbst zu trinken. Doch hat jeder Trend ein Spiegelbild. So wie vermehrt ultra brut dosierte Champagner auf den Markt kommen, finden sich mehr und mehr die süßer dosierten Champagner in den derart aufgespreizten Portfolios der Erzeuger. Wobei es leichter sein mag, eine Standardcuvée einfach etwas höher zu dosieren, als bloß den Zucker wegzulassen. Denn wo im einen Fall der Zucker einfach noch lieblicher rüberkommt, ist im andern Fall die Cuvée bloß-, ja entstellt und jeder noch so kleine Fehler wie unter dem Vergrößerungsglas sichtbar, wenn kein schmeichelnder Dosagezucker die Schamteile bedeckt. Aus der Karaffe ließ Francois Hautekeur den Demi-Sec servieren, weil dadurch ein nicht unerheblicher Anteil Kohlensäure verschwindet, die das Säureempfinden beeinflusst. So präpariert, kam ein koketter Champagner ins Glas, der sich gegenüber den roten Früchtchen und dem Zitronensirup trotzdem noch etwas ungezogen und kratzbürstig aufführte; die so aufgebaute Spannung sehnte sich nach Auflösung wie eine kleine Septime, blieb aber in diesem Gang unerlöst.

Abschließend gab es mit Cognac Hennessy Paradis und einer schönen Partagas Robusto (mein Lieblingsformat), Serie D No. 4 dann aber doch noch eine verspätete Auflösung und Modulation.