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Category Archives: Allgemein

Allerlei und allerhand Information rund um den schäumenden und den stillen Wein, Cognac, Hotels und Restaurants. Streng nach meinen eigenen Interessen geordnet und veröffentlicht.

Effervescence und Weinkultur in Essen

 

Das Institut Français Deutschland organisiert in diesem Herbst in enger Zusammenarbeit mit Sopexa und Ubifrance eine Reihe von Veranstaltungen rund um den Wein: http://www.institut-francais.fr/Kultur-des-Weins,8345.html?lang=de.

Eine davon habe ich mit einer kleinen Champagnerauswahl begleitet. Grund dafür ist nicht so sehr meine Verpflichtung, als Champagnerbotschafter gleichsam von Amts wegen dafür zu sorgen, dass Champagner in aller Munde ist; mich hat das Konzept der Veranstaltung begeistert. Denn das Institut Francais, in Essen durch den rührigen und mit höchst professioneller, unaufdringlicher Zuverlässigkeit arbeitenden Michel Vincent vertreten, hat mit Hilfe des Champagneinformationsbüros (CIVC, bzw. Comité Champagne) und der Französischen Botschaft für starke Exponenten gesorgt.

Zum einen gab es die Eröffnung der Fotoausstellung "Voyage dans les vignobles de France et d’Allemagne" mit Bildern von Guy Delahaye zu begießen. Guy Delahaye ist mit über 350 Ausstellungen und zahlreichen eigenen Publikationen der europäische Fotograf schlechthin für Theater und Tanz. Den Ruhrgebietlern und Wuppertalern ist er vor allem als Haus- und Hoffotograf von Pina Bausch bekannt (sein Bildband "Pina Bausch" erschien in Deutschland in der Edition Braus), aber auch Carolyn Carlson, Patrice Chéreau und viele andere hat er eindrucksvoll abgelichtet. Die Frage, wie dieser große Fotokünstler mit Weinlandschaftsaufnahmen umgehen würde, hatte mich sehr neugierig gemacht. Ob und wie er die Herausforderung gemeistert hat, lässt sich derzeit im Centre Culturel Franco-Allemand, Brigittastr. 34, 45130 Essen, ermitteln.

Darüber hinaus gab es von Prof. Gérard Liger-Belair einen amüsanten und lehrreichen Vortrag über die Önophysik des Champagners, speziell des Champagnerprickelns. Ich habe noch nie eine so gute Auseinandersetzung mit den nur prima vista trockenen, nüchternen Grundlagen dieses so spritzigen und lebhaften Weins gehört und kann auch sein auf deutsch erschienenes Buch "Entkorkt!" sehr empfehlen. Gérard Liger-Belair ist promovierter Chemiker und lehrt an der Université de Reims Champagne-Ardenne, seine Cousins betreiben die Domaine Liger-Belair in Burgund. Mit Vorurteilen zu Bläschengröße, Aufsteigeverhalten und Moussierpunkt räumte der Mann der Wissenschaft gnadenlos auf, großartig waren auch seine Hochgeschwindigkeitsaufnahmen, die Champagnerbläschen von der Geburt bis zum Zerplatzen an der Oberfläche zeigten.

Den Schließer machte dann ich mit Champagnern, die ich zusammen mit einigen regionalen Käsespezialitäten von meiner letzten Tour ins Marnetal mitgebracht hatte.

1. Alain Bailly, Brut Rosé

Mit der richtigen Temperatur serviert, weist dieser mildherbe, charmant rotfruchtige Champagner nicht nur Anfängern den richtigen Weg zum Champagnergenuss. Die Nase freut sich über brotige, leicht malzige Noten und das feine Konfitürenaroma, der Mund bewillkommnet dezente Säure, füllige, aber nicht schwere Beerenaromatik eines Champagners, der vor allem zum Brin d'Affinois gut passt.

2. R.C. Lemaire, Cuvée Trianon en Magnum

Zackiger, flotter und rassiger war der Champagner von Lemaire, den ich ausschließlich in Magnums kaufe, denn er hat bemerkenswertes Reifepotential. Seine momentan noch etwas herrschsüchtige Säure duldet ohne großes Gezänk limettige Aromen und erste sich entwickelnde Fruchtspitzen, die sich vor allem mit Ziegenkäse sehr apart verhalten.

3. Xavier Leconte, Brut Réserve en Magnum

Der Champagner mit den reifsten, rundesten, am stärksten vom Holzfassausbau kündenden Aromen. Zugleich der Champagner mit der größten Tiefe, wenngleich ihm nach der steilen Säurevorlage vom Trianon eine gewisse refraktärzeit zuzubilligen war, bevor er die Geschmacksnerven für sich einnehmen konnte. Der beste Partner zum Langres.

Dank gebührt dem Glaslieferanten Schott-Zwiesel, dessen Champagnergläser aus der Pure-Serie optimal für die von mir ausgewählten Champagner waren und selbst dem strengen Urteil des Ästhetikers Delahaye standhielten, der mich ganz entzückt nach dem Hersteller dieser schönen Gläser fragte.

Palmes d’Or auf dem Obersalzberg

 

Champagne Nicolas Feuillatte ist eine noch junge, gleichwohl von Geburt an schillernde Marke. Namensgeber ist ein Sprössling aus der Handelsdynastie Feuillatte, eben jener Monsieur Feuillatte, der in USA mit Kaffee ein Vermögen verdient hatte und, wie es die Art mancher Nabobs ist, Mitte der 1960er Jahre danach trachtete, den Zaster irgendwie in der alten Heimat wieder anzulegen. Den Mann von Welt erkennt man indes daran, dass er sein Geld nicht lediglich für Drogen, Frauen und Autos ausgibt und den Rest verjuxt. Nein, der Mann mit Stil kauft sich ein Wein-, vorzugsweise ein Champagnergut. Das tat unser Monsieur Feuillatte und hatte mit dem seinigen von Beginn an solchen Erfolg, dass er sich recht bald nach Größerem umsehen musste. So kam es zur Zusammenarbeit mit der sogar noch etwas jüngeren, doch aufsteigenden Genossenschaft "Centre Vinicole", 1986 verkaufte dann der gereifte Nicolas Feuillatte folgerichtig seinen kleinen Betrieb mit dem nun schon ziemlich großen Namen ganz an die Genossen.

In Frankreich kennt man die gesamte Bandbreite des Hauses, in Deutschland ist die Marke noch überwiegend nur in den unteren Preisrängen prominent. Anders als bei den teils ebenfalls sehr angesehenen Genossenkollegen von Mailly, Esterlin, Paul Goerg, de Saint Gall oder Jacquart sieht man die unter Prestigetrinkern trotzdem noch nicht hinreichend wahr- und ernstgenommenen Spitzencuvée Palmes d'Or von Feuillatte auch schonmal deutlich über 100,00 EUR im Handel. Das ist ein Angriff auf die Schublade, in der Dom Pérignon, Comtes de Champagne, Belle Epoque, Louise, sowie natürlich Krug und Salon liegen. An denen muss sich eine Cuvée Palmes d'Or also in jeder Hinsicht messen lassen. Was das Marketing betrifft, die Ausstattung der Flaschen, Optik, Haptik, pipapo, gelingt das Manöver meiner Meinung nach. Das dürfte vor allem daran liegen, dass die Champagnergenossen die Diskrepanz zwischen dem nivellierenden Genossenschaftsprinzip und dem elitär-avantgardistischen Luxuskonzept des jenseits der Standardbrutkategorie angesiedelten Prestige-Champagners an sich ohne sichtbare Anstrengung oder Verkrampfung überwinden. Denn das, so mein Eindruck, haben die Wettberwerber aus dem Genossenumfeld nicht recht verinnerlicht.

Gewiss: Esterlins Cléo kommt in aufregender – mich jedoch immer an die Proseccos von Mionetto erinnernden – Flasche daher, die önologisch sehr gelungene Toplinie von Mailly Grand Cru ist ebenfalls aufwendig und gut gestaltet, aber schon bei der Cuvée Orpale von de Saint Gall wirkt das Etikettendesign verschnarcht, der stilisierte Diamant auf dem Etikett der Lady von Paul Goerg überzeugt mich ebenfalls nicht und so sehr ich macnhe Jahrgangs-Blanc de Blancs von Jacquart schätze, die Cuvée de Nominée warf mich noch nicht um. Hinzu kommt, dass allen diesen Champagnern durch ihre allenfalls punktuelle Werbung und ihren respektvollen Preisabstand zu den aromatischen und preislichen Größen unter den Prestigecuvées der rechte Biss und die mörderische Angriffslust fehlt. Anders ist es bei Nicolas Feuillatte, das sollte die jüngst von mir besuchte Veranstaltung auf dem Obersalzberg zeigen – ein Ort, der trotz seiner herrlichen Naturlage mit einer gewissen Angriffslust in Verbindung gebracht werden kann.

Ulrich Heimann, Sternekoch im hoteleigenen Gourmetschuppen Le Ciel des Intercontinental Berchtesgaden, lieferte sich mit seinem Sternekollegen Wahabi Nouri vom Restaurant Piment in Hamburg eine cooking battle bei der er es nur Gewinner gab und beide hatten sich, wie sehr schnell feststand, den dazu servierten Champagner redlich verdient:

Nach einer Eröffnung des Abends in der Küche des Le Ciel sollte es losgehen. Hoteldirektor Claus Geißelmann stellte die dramatis personae vor, Bloggwart Dirk Würtz verliebte sich in die marokkanische not quite so dry aged Butter von Wahabi Nouri und zum Palmes d'Or 2000 aus der Jeroboam – es war nicht nur eine, die dabei geleert wurde, was nicht nur den Vorteil der größeren Menge für jeden hatte, sondern auch Flaschenvarianzen deutlich werden ließ – setzte es reichlich amuses gueules, der adjoint chef de cave bei Nicolas Feuillatte David Hénault erläuterte die Champagner.

I. Röllchen vom Kalbsrücken, gefüllt mit Thunfisch neben grünem Apfel – Ulrich Heimann

dazu: Blanc de Blancs Grand Cru 2000

Früher gab es von Nicolas Feuillatte Blanc de Blancs und Blanc de Noirs aus einzelnen Crus. Leider war die erzeugte Menge immer viel zu klein, so dass eine einzelne größere Bestellung von einem der über achtzig Exportmärkte des Hauses den Bestand unverhältnismäßig reduzieren konnte, was bei den anderen Interessenten für diese Champagner zu Enttäuschung führte. Diese Politik wurde aufgeben, die Rebsorten Grand Crus stammen nun nicht mehr exklusiv aus z.B. Cramant oder Ambonnay. Sie haben dadurch meiner Meinung nach etwas an Profil eingebüßt. So erschien mir der im März 2009 dégorgierte Blanc de Blancs duftig und fein, mit einer Mischung aus Butter, Honig und Brotrinde, doch fehlte ihm die fordernde, straffe Säure. Was mir solo etwas laff vorkam, überzeugte jedoch zum Essen. Plötzlich wirkte der Champagner wie aufgeladen, brillierte erwartungsgemäß zum grünen Apfel, der diskret und wie unter Freunden etwas von seiner Säure spendierte, überzeugte mich allerdings völlig in Verbindung mit dem kleinen Salatbouquet. Eine starke Eröffnung von Ulrich Heimann.

II. Lauwarm marinierter Kabeljau mit geschmolzener Tomaten-Paprikasauce & Chermola – Wahabi Nouri

dazu: Rosé d'Assemblage Brut

Mit Wahabi Nouri unterhielt ich mich noch lange nach dem Ende der offiziellen wie auch der inoffiziellen Tischrunde über dies und das. Dabei konnte ich unter anderem loswerden, dass für mich Kabeljau ein Fisch ist, den früher nur Kinder und Supermarktkunden gegessen haben und der nicht deshalb zur Delikatesse wird, weil er überfischt und daher rar ist. Ich musste das aber gleich wieder relativieren, denn der Kabeljau von Wahabi Nouri war eine Delikatesse. Doch die nächste Relativierung folgt sofort, das Herzstück und der Star dieses Gangs war die Tomaten-Paprika-Sauce, die wiederum auf einem reduzierten Krustentierfonds basiert, wenn ich mich recht entsinne. Der eigentlich nicht besonders strahlend-schöne, wenngleich ordentliche Brut Rosé sollte seine wahre Bestimmung zu diesem Gang finden. Solo spröde, ging er als Begleiter dieses Gangs auf wie eine Wüstenrose und entließ delikateste Fruchtaromen, die wie ein Elfenreigen über die Zunge tanzten. Enorm, wie Sauce und Chermola da die Aromen aus dem Champagner kitzelten. Starke Erwiderung von Wahabi Nouri also.

III. St. Pierre in der Brotkruste mit schwarzem Knoblauch und Steinpilzen – Ulrich Heimann

dazu: Wein- und Sektgut Barth, Rheingauer Riesling Sekt "Primus" Erstes Gewächs 2007 en Magnum 195/480

Damit lag der Ball wieder im Feld des Hausherrn. Der ließ sich mit einen weichen, aber nicht labberigen St. Petersfisch nicht lumpen und platzierte den Kiemenatmer auf einem Bett, das sich buchstäblich auch als Flussbett für die Weinbegleitung eignete. Für 121,00 EUR heuer erstmalig versteigert und ausschließlich als Magnum erhältlich, kam mit dem Primus ein sehr ordentlicher Rieslingsekt ins Glas, der mit einer etwas buttrigen Anmutung startete, Rheingauriesling erkennen ließ und dann in einer dafür nicht untypischen Mischung aus Aprikose, Litschi und Pitahaya schwelgte, bevor er sich mit den fermentierten, pilzigen Noten des Speisebetts einließ und ganz säuisch gut dazu schmeckte. Für mich am besten daran: es fehlte die von mir so verabscheute rapsige, unkrautige Note, die mancher Sekttrinker scheinbar als sekttypisch geradezu begehrt.

IV. Tajine von Sot-L'Y-Laisse mit Artischocken und Topinambur in Safran-Ingwer-Nage – Wahabi Nouri

dazu: Cuvée 225 Blanc 1999

Was sich auf den ersten Blick exotisch liest, ist küchentechnisch ein alter Hut. Hinter dem Tajine vom Sot-L'Y-Laisse verbirgt sich nichts anderes, als ein geschmortes, besonders hochwertiges und deshalb im Deutschen als Pfaffenstück bekanntes Teil vom Huhn. So weit, so einfach, scheint's. Doch was dann kam, überrumpelte nicht nur mich. Wahabi Nouri hatte nämlich ins Buttertöpfchen gegriffen, bzw. seine über drei Jahre in Salzlake und Tonamphore gereifte marokkanische Butter um eine Messerspitze verringert, die er sogleich dem Schmorhuhn zufügte und damit für eine Sensation wie von allerfeinstgereiftem und restlos zerschmolzenem Gorgonzola samt Mascarponecrème gesorgt. Dazu konnte es keinen geeigneteren Champagner geben, als die einzige fassgereifte Cuvée von Nicolas Feuillatte. Das Zusammenspiel beider versteht jeder, der die Vorzüge eines Doppelkupplungsgetriebes z.B. aus dem Hause Dr. Ing. h.c. F. Porsche AG kennengelernt hat. Diese Meisterleistung ist das technische Äquivalent der Kombination aus Butterschmorhuhn und Holzfasschampagner. Vorteil Nouri.

V. B'Stilla von der Taube mit Nuss-Cous-Cous – Wahabi Nouri

dazu: Blanc de Noirs Grand Cru 2000

Leicht, fruchtig und fein war Champagner, meiner Meinung nach dem B'Stilla nur in puncto Filigranität, dem Täubchen in Sachen Intensität aber in keiner Hinsicht gewachsen und dem hervorragenden Nuss-Cous-Cous auch nicht. Hier wäre die Palmes d'Or Rosé besser platziert gewesen. Das B'Stilla ging dementsprechend bei mir nur solo über den Gaumen, fühlte sich dort aber so wohl, dass es mit einem lang grüßenden Nachhall dort blieb und den nussigen Partner willkommen hiess, bevor beide doch noch vom Champagner weggespült wurden.

VI. Tarte von Bühler Zwetschgen mit Mandelkrokant und Karamelleis – Ulrich Heimann

dazu: Palmes d'Or Rosé 2002

Zu süßen Nachspeisen, auch wenn sie nicht arg süß sind, schätze ich Champagner nicht. Ich schätze auch nicht die gräßliche Cliché-Kombination von Champagner, etwa gar noch Rosé-Champagner und Erdbeeren. Nicht sehr glücklich war ich deshalb über die das Menu abschließende Zusammenstellung. Die Tarte hätte eine höher dosierte Begleitung verdient, die Gerbstoffe des Saignée-Rosé machten sich zu allem Überfluss zusätzlich bemerkbar. Also war wieder Trennung angesagt, diesmal spülte ich mir den Gaumen erst mit einem kleinen Schlückchen vom Rosé frei, bevor ich mich ihm ganz widmete. Dabei bemerkte ich eine positive Entwicklung gegenüber der letzten von mir verkosteten Palme d'Or Rosé. Das florale, an Freesien und Nachtkerzen erinnernde Element hatte sich zurückgebildet und den jetzt rechtmäßig im Vordergrund stehenden Beerenfrüchten mit ihrer dezenten Griffigkeit Platz gemacht. Immer noch vorhanden ist eine pointierte, auch dezente, aber immerhin merkliche und vielleicht ja für ausgeprägtes Reifepotential stehende Süße. Darauf aufbauend führte ich mir die saftigen Zwetschgen zu und knusperte am Krokant, froh, vor positiven Aromeneindrücken nicht vorzeitig besinnungslos geworden zu sein.

 

Nach dem Hauptgang gab es eine Vertikalverkostung mit den meisten der bisher erschienen Jahrgänge.

1. Palmes d'Or 1996

Rauch, getorfter Whisky, Silex, später Kondensmilch, auch Limette, Butter, Estragon und Kerbel. Starke, fordernde Säure, die am Gaumen erbarmungslos durchzieht und keine Zeit zum Nachdenken lässt. Der Champagner hat das Zeug zum Herausforderer für Dom Pérignon und Co. Er ist an keiner Stelle plakativ, verzichtet aber auch auf understatement. Selbstbewusstsein und eine kunstvoll das Jahr reflektierende gestalterische Kraft sind seine Stärken. Wenn sich die Palmes d'Or stilistisch dort festsetzen, ist alles gebont.

2. Palmes d'Or 1997

In der Nase mürbe bis morbid und so lebensbejahend wie ein Gedicht von Gottfried Benn. Am Gaumen dagegen noch frisch und solange das der Fall ist, ist dieser Champagner noch nicht über seinen Höhepunkt hinaus. Ob er's noch lange machen wird, bezweifle ich, doch sollten drei bis fünf Jahre noch drin sein. In diesem Jahrgang glänzen nur wenige andere Prestigecuvées. Den Cristal dürfte dieser palmes d'Or eingeholt haben, ich sehe ihn auch der der Belle-Epoque, mit der Grande Année wird er sich allerdings schwertun.

3. Palmes d'Or 1998

Steinig, salzig, mineralisch, insgesamt schlanker, aber nicht drahtiger, sehniger oder sportlicher als seine beiden Vorgänger. Verbene, Ingwer, Milchschokolade, mittellanger Mundeindruck. Schwer zu beurteilen, ebenso wie sein Nachfolger. Vielleicht sind die Jahre nicht so ausdrucksstark, vielleicht sind die Champagner auch beide noch nicht so weit, dass sie rauslassen, was sie können.

4. Palmes d'Or 1999

Auch hier Salz, Karamell, Quality Street Toffee mit Himbeerfüllung, erinnert an Götterspeise, ist aber etwas körniger.

5. Palmes d'Or 2000

Eine Mischung aus Brot, Kaffeebohnen und Marshmallows, macht einen etwas trägen, noch schläfrigen, aber keineswegs kraftlosen Eindruck. Was mir bei der Verkostung aus den Jeroboams auffiel, bestätigt sich hier, wie auch schon zur ProWein: der Champagner ist zu jung.

6. Palmes d'Or 1990

Dieser Champagner hatte meiner Meinung nach einen leichten Korktreffer, der sich raffiniert unter einer Mischung aus süsslichem Rauch und Jod versteckte. Ein ähnlicher Duft muss zu Bill Clintons Zeiten gelegentlich im Oval Office gelegen haben.

Rotes Österreich

Was die deutschen Winzer ruhig bei den Österreichern lernen können: die Angaben zum Lesezeitpunkt, Vinifikation und Fülldatum finden sich erstaunlich und erfreulich oft auf den Etiketten, noch häufiger auf den gut gestalteten Webseiten der Erzeuger. Das Design ist insgesamt ein Punkt, in dem ich in Deutschland Nachholbedarf sehe. Zwar gefällt nicht jedes außergewöhnliche Etikettendesign, doch das liegt in der Natur der Sache. Mehr Mut beim Verlassen der altbackenen, oft nichtssagenden Designs wäre jedenfalls vielen deutschen Winzern sehr zu wünschen.

Die Preispolitik: mir kamen die nachfolgend probierten Österreicher alle relativ hoch bepreist vor. Nun kenne ich nicht die Verkaufspreise in Österreich, aber die probierten Qualitäten bis ca. 12,00 EUR waren ganz überwiegend nicht überzeugend, jedenfalls nicht für diese Preisklasse. Zwischen 12,00 und ca. 20,00 EUR fanden sich dann einige Weine, die ich beim Kauf in Erwägung ziehen würde, jenseits der 20,00 EUR wurde die Qualität überwiegend richtig gut, aber auch recht international im Sinne von beliebig. Unter den Cuvées fielen mir als österreichische Rebenmixe positiv auf Heinrichs einfacher Red und sein Pannobile. Die anderen Cuvées hatten immer einen Anteil Cabernet, Merlot oder gar Syrah, was die Weine nicht schlechter machte, ihr Profil aber auch nicht gerade schärfte.

1. Pfaffl, Blauer Zweigelt, 2009

Pfeffrige Nase. Kräftiger wein mit Kirsche und pfeffriger Schärfe auch am Gaumen.

2. Stiegelmar Blauer Zweigelt 2007

gefüllt am 20. Mai 2010

Brotiger Naseneindruck mit etwas Kirsche. Am Gaumen mild, etwas kirschig, beerig, kaum Tannin.

3. Tesch, Zweigelt, 2008

In der Nase rote Paprika, Kirsche, etwas Vanille. Im Mund frisch, griffig, rundlich, dabei etwas spritig.

4. Tement, Zweigelt, Temento Red, 2008

Kühl, erfrischend, leicht gerbstoffig, eher einfach.

5. Tement, Zweigelt, Selektion RT, 2007

Leicht parfumierte, zuckrig wirkende Nase. In der Nase außerdem ein Weihnachtsmarktduft von Zimt und Nelken. Im Mund dafür etwas säuerlich, mit mittlerem Grip.

6. Gernot Heinrich, Zweigelt, 2008

abgefüllt im Februar 2010

Beerenkompott, Maulbeere, etwas herber Gaumen-Eindruck.

7. Tesch, Zweigelt, Hochberg, 2008

Kirschkuchen, Rumaroma, bzw. Rumtopfnoten, dazu Marillenkerne und eine etwas kräuterige Aromatik. Im Mund mild pfeffrig, zwischen rund, sanft und herb angesiedelt.

8. Polz, Zweigelt Klassik, 2008

Kirsche mit reichlich Fruchtfleisch. Griffig, schlank, insgesamt etwas einfache Kirmesschönheit mit einer alkoholischen Schärfe zum Schluss. Gefiel mir trotzdem gut.

9. Markowitsch, Rubin Carnuntum, Zweigelt, 2008

Stinkerle mit überreifen bis angefaulten Kirschen, am gaumen dann sehr konzentriert, fleischig, mit Sandelholz und Tabaktönen. Gegen den Naseneindruck doch noch rund, organisch und ausgewogen.

10. Stiegelmar, Zweigelt, Ungerberg 2006

gefüllt am 10.Juni 2008

Sehr vanillig und vollgeholzt, darunter aber eine ordentliche Struktur, könnte auch ein sehr gelungener badischer oder fränkischer Spätburgunder sein. Flotter, ansprechender Wein, der sich mit Luft gut entwickelt und dabei immer schön schlank bleibt.

11. Tesch, Blaufränkisch, Classic, 2008

Weiche Kirschnase, auch am Gaumen rund, kirschig, weich.

12. Stiegelmar, Blaufränkisch, 2007

gefüllt am 12. Mai 2009

Veilchendurft, Mössinger Sommerwiese, nach einem druckvollen Start in der Gaumenmitte sehr luftig, ja fast schon leer, danach kommt die Tanninreserve und eine kirschsaure Abgangsaromatik.

13. Tesch, Blaufränkisch, Hochberg, 2008

Rundlich, kirschfruchtig, etwas jodig, mineralischer Eindruck. Im Mund gediegen, reif, mit leichter Süße. Ordentlicher Wein.

14. T-FX-T, Blaufränkisch, A'Kira, 2007

Konzentrierte nase mit viel Pflaume, Rumtopf und Roter Grütze. Im Mund sehr weich, fließend, ja elegant, auch etwas pfeffrig und hitzig. Sehr international wirkender Stil, aber ok.

15. Tesch, Blaufränkisch, Selektion, 2006

gefüllt am 17. Juni 2008

Aprikosenkerne, Mandelaroma, Vanillenote. Mittelschwer bis einigermaßen kraftvoll.

16. Pichler-Krutzler, Blaufränkisch Weinberg, 2007

gefüllt am 12. Mai 2009

Fassige Note, Brandyduft. Zeigt sich am Gaumen herb und kraftvoll, geht mit süsslichen Zungenrändern und einigem Druck saftig nach vorne.

17. Tement, Pinot Noir, 2006

Künstlich wirkende nase mit überwiegendem Wachsduft und angebranntem Plastik, mit Luft entwickelt sich daraus so etwas wie Zimtduftkerzenaroma. Im Mund recht süß und auch hier ein störender, wachsiger Eindruck. Nicht mein Wein.

18. Bründlmayer, Langenloiser Dechant, Pinot Noir, 2004

Zunächst ein nur zurückhaltendes Pinotdüftchen, vermischt mit jungen, noch ganz saftigen Aachener Printen, süsslich und pricklig, wirkt unruhig und etwas unentschieden, wird mir gegen Ende zu süß.

19. Polz, Steinbach, Pinot Noir, 2006

Wachsig, filzig, darunter fruchtig. Im Mund ausgewogen, mit Früchtekompott und sehr feiner kräuterwürze. Schanker, eleganter Weine, dem man Holzeinsatz praktisch nicht abschmeckt. Gefiel mir sehr gut.

20. Bründlmayer, Cecile, Pinot Noir 2005

Erdberr-Himbeer-Kompott, wirkt hochreif und etwas laktisch. Am gaumen zaghafter Griff, sauber, am Ende jedoch wieder immer süßlicher werdend, ohne ein geeignetes Säure- oder Gerbstoffgegengewicht anzubieten. Wirkt unstrukturiert und scheint mir am ehesten etwas für esoterisch empfängliche Damen zu sein, die im Kontakt mit Engeln und anderen Geistwesen stehen.

21. Markowitsch, Pinot Noir Reserve, 2007

Üppiger Holzeinsatz, für mich schon hart an der Grenze. Mit sehr viel Luft zeigt sich dann, dass der Wein darunter nicht gelitten hat. Es entfalten sich sehr bestimmt und kräftig Himbeeraromen, Quitte, auch eine leichte Teenote, der Wein ist süsslich, aber nicht einfältig, hat einen etwas spröden, noch sehr jugendlichen Schmelz, Kraft, Tiefe und Rückgrat, bleibt aber durchweg fein und hat somit alles, was Bründlmayrs Cecile leider fehlt.

22. Pfaffl, Wien 2, 2009

70ZW 30PN

Etwas staubige, sonst angenehm kirschfruchtige Nase. Einfach, aber gut.

23. Gernot Heinrich, Red 2008

BF/ZW

Ledrige Nase, animierende Säure, milde Würze, sanftes Tannin. Eine Spur ansprechender, als der Wien 2 von Pfaffl.

24. Markowitsch, Carnuntum Cuvée, 2009

85ZW 15PN

Andouilette-Nase, kurz, herb bitter, auch mit Luft nicht mein Fall.

25. Gut Oggau – Eduard Tscheppe, Atanasius, 2008

BF/ZW, demeter

Vom Etikett schaut ein Jünglingskopf, den auch Arno Breker nicht besser hingekriegt hätte. Von allen Etiketten des Weinguts schauen übrigens Köpfe. Charakterköpfe, die den Eigenschaften des jeweiligen weins entsprechen sollen. Der Atanasius nun ist tatsächlich noch ein Jüngling, der sich von jugendlicher, aber nicht versponnener oder nervtötender Säure tragen lässt, wohin, ist ungewiss, doch vermute ich, in eine eher sportliche, als gemütlich-fette Zukunft. Im Auge behalten – den Wein und das Weingut.

26. Tesch, Kreos, 2007

BF/ZW/Syrah/Merlot

Internationale Nase, die mit ihrer Mischung aus Eukalyptus-Menthol und After Eight an Neue-Welt-Weine erinnert. Im Mund weiches Tannin, aber auch lebhafte, spritzige Aromenverwirbelungen. Entwickelt sich mit Luft. Gut.

27. Stiegelmar, Heideboden, 2007

70ZW 30BF, gefüllt am 4. März 2009

Jod- und Makrelennase, darunter Frucht und Würze, seidig, glatt und straff eingewickelt in herbmännliches Tannin.

28. Pfaffl, Excellent, 2007

60ZW 20C-S 20 Merlot

Porridgenase, arg laktisch. Im Mund pfeffrig und sonst aufgrund des wohl übertreibenen BSA erwartungsgemäss erdbeer-himbeer-fruchtig und überfein.

29. Polz, Urbani, 2006

BF/ZW/C-S

Charaktervolle, sehr ansprechende Mischung aus Cherry Coke, Cassis und Langpfeffer, dazu eine Handvoll Blüteneinsprengsel und ein mittleres Gerbstoffgerüst.

30. T-FX-T, Arachon, 2007

BF/ZW/Merlot/C-S

Allerlei Kirschsorten, von dick, schwarz und saftig über Maraschino- und Cocktailkirsche bis hin zu hellrot und knacksauer. Außerdem eine fleischig-saftige, grüne Komponente wie von Sukkulenten. Mildes Tannin. Saftiger, schmatziger und leicht süßer, von Pfeffernoten fast unbeeindruckter Eindruck am Gaumen.

31. Stiegelmar S 2006

53ZW 25BF 22C-S, gefüllt am 10. Juni 2008

Beginnt verhalten, ruhig und leicht röstig, etwas brotig. Im Mund reif, volllmundig, leicht süss. Rund, andeutungsweise bordeauxig.

32. Tesch, Titan, 2007

BF/Merlot/C-S

In der Nase eine sehr ansprechende Mischung aus schwarzem Tee, Formosa Oolong, Erdbeer-Sahne-Rooibush; saftig. Im Mund ausgewogen, facettenreich, merklich strukturiert, aber nicht eckig oder klobig.

33. Markowitsch, Rosenberg, 2008

50ZW 45Merlot 5C-S

Zunächst etwas flüchtige Säure, dann ein Duft von Nivea und Cassis. Im Mund recht süss mit zupackendem Griff. Noch lange nicht im Reinen mit sich selbst, könnte aber durchaus etwas Schönes draus werden.

34. Gernot Heinrich, Gabarinza, 2007

60ZW 30BF 10Merlot; Sponti, abgefällt Mitte Juli 2009

Kaffee und Zwetschgenröster, Mandelnase und ein Hauch Rhabarber. Im Mund ziemlich geschniegelt, angenehme Herbe und erfrischende Rotfruchtigkeit halten sich spannungsvoll die Waage.

35, Gernot Heinrich, Pannobile, 2007

60ZW 40BF, Sponti, abgefüllt Anfang Juni 2009

Seidig, verhalten, anfänglich nur eine milde Erdbeer-Sahne-Nase, die sich langsam dunkler färbt und in Richtung Cassis-Brombeer-Aromatik verschiebt, mit einer Andeutung von frischem Liebstöckel, Kerbel und Estragon. Im Mund dann stoffig, griffig, krachlederner und derber als der Gabarinza, mit mehr Druck, besserer Kontrolle und mehr Mut zum Aromawagnis.

36. Zöhrer, Adonis Vinotheksfüllung, 2007

PN/Merlot

Ausgeprägte Honignote, erinnert an trockene Rieslaner Spätlese. Spritzig, freche Säure, rote Früchtchen und Aromen von eingelegtem grünem Pfeffer. Leider ein etwas kurzer Trinkspass, aber jedenfalls ein bemerkenswerter Spassfaktor. Aus einem schwarzen Glas würde es bei diesem Wein extrem schwerfallen, ihn als rot oder weiss zu erkennen.

Franconia-Weinjagd mit u.a. Rudi May und Paul Fürst

 

 

I. Johann Ruck

1. Rieslaner, Rödelseer Küchenmeister, Spätlese 2008

Exotische Frucht, getrocknete Kräuter, Verbene, Waldmeister, Apfelsaft. Schlank, glatt, doch durchzugsstark, ein Wein, der gegen Ende nicht abflacht, sondern immer mehr an Tempo gewinnt und beachtliche Kraft- und Säurereserven hat, bevor er die Kehle herunterstürzt. Sehr schön!

2. Burgunder Sekt 2007

In der Nase eine Mischung aus Kastanienhonig und Möbelpolitur, im Mund wiederholt sich das Elend. Nicht schön, auch wenn sich mit etwas Luft noch paar Früchte durchmogeln. Flaschenfehler?

3. Burgunder Sekt 2008

Scheint so, denn der Nachfolger bietet mehr. Leicht, fruchtig, burgundig. Von einer Burgundercuvée hätte man freilich etwas mehr Wucht, Würze und Weinigkeit und wenn nicht das, so doch mehr geschliffene Eleganz erwarten können. Immerhin ist der Sekt jedoch ein geeigneter Begleiter zum marinierten Ziegenkäse mit Kürbiskernöl und, Pluspunkt, verträgt sich hervorragend mit Salatbouquet und Zwiebeln.

II. Wirsching, Grauburgunder, Julius Echter Berg, Kabinett trocken 2007

Fränkisch trocken. Verhalten fruchtige Nase. etwas vegetabil, leicht tanniniger grip. Sauber, aber nicht mein Fall.

III. Rudolf May

Hinten links in Retzstadt hat Rudi May sich eine moderne Interpretation des traditionellen fränkischen Dreiseithofs in den Langenberg gezimmert. Der Verkostungsraum erlaubt einen Blick in den darunterliegenden Fasskeller, die beachtlich große Kollektion ist ansehnlich präsentiert. Meinen ersten Kontakt zum May-Wein hatte ich in der Essener Résidence, wo mir Alfred Voigt den RECIS-Silvaner zum Skrei mit Feldsalatjus, konfierter Kartoffel und Senfsacue kredenzte. Da ich aus berufenem Munde schon vorher dazu gedrängt wurde, die Weine des Guts zu probieren, war ich gespannt und aufgrund der verblüffend guten Kombination schnell überzeugt, dass ich Rudi May alsbald würde aufsuchen müssen. Die Weine werden spontan vergoren, was immer wieder zu Stockungen führt. Aktuelles Beispiel ist der ausgezeichnete 2009er Wellenkalk-Riesling. Der blieb nämlich nach paar Monaten bei 29 g/l Restzucker stecken und wurde deshalb kein RECIS, obwohl er dafür vorgesehen war. Rudi May klassifizierte ihn dehalb herab und nun wird er mit einem Drittel Preisabschlag in der Wellenkalk-Linie verkauft. Weiterer Pluspunkt: alle Weine tragen Schraubverschluss.

1. Silvaner, Qualitätswein trocken 2009

Den Gutswein kann man sicher gern trinken, doch liegt er mir nicht. Die drei Komponenten Säure, Schmelz und vegetabile, campherige Note sprachen mich einfach nicht an.

2. Silvaner, Kalkmineral, Langenberg, Kabinett trocken 2009

Kalkmineral ist keine geologische Formation, sondern der Weingutsname für die Linie mittelschwerer, keineswegs jedoch mittelprächtiger Weine.

Leicht, fein, balanciert und gut. Ein sehr charmanter, vielversprechender Lagen-Einstiegswein. Der schürte nach dem Gutswein natürlich hohe Erwartungen, die dann ganz überwiegend erfüllt wurden, wie ich vorwegnehmen kann. Da ich keinen besonders stark ausgeprägten Silvanergaumen habe und mit der Rebsorte sogar nur beschämend wenig anfangen kann, wiegt der positive Eindruck, den ich von diesem Kalkmineral habe, für mich umso schwerer. Silvanerspezis mögen das anders sehen.

3. Silvaner, Wellenkalk, Langenberg, Spätlese trocken 2009

Alte Rebanlagen, die auf Wellenkalk, einer Formation des unteren Muschelkalks stehen, werden von Rudi May in der gleichnamigen Linie herausgegeben.

Kräftiger, tiefgründiger, bodiger als der Kalkmineral. Gehr meiner Meinung nach aromatisch in Richtung des Gutsweins, nur in präziserere, besser abgestimmter Form und einfach auf höherem Niveau. Was für den Gutswein spricht und dadurch bestätigt wird, dass mir der Kalkmineral etwas besser gefiel, als der Wellenkalk.

4. Silvaner, RECIS, Langenberg, Spätlese trocken 2008

Nun hatte ich den RECIS-Silvaner auch mal solo im Glas. Mein positiver Eindruck wurde nicht nur bestätigt, sondern vertieft. Während der 2007er RECIS allüberall Lobeshymnen erhält, schlug es mich doch auf die Seite des schmeichelnderen 2008ers. Körperreich, mit sanftem, großflächig anliegendem Druck, feinem Schmelz wie von warmer Nussbutter und kräuteriger, souveräner, gesund und munter wirkender Herbe.

5. Weissburgunder, Wellenkalk Langenberg, Spätlese trocken 2008

Recht ansprechend, mit einer etwas schläfrigen Schwere und merklich ausgeprägter Frucht, sehr reifer Galiamelone, weißem Pfirsich und verhalten spritziger Säure.

6. Grauburgunder, RECIS, Stettener Stein, Spätlese trocken 2008

Die ca. 35 Jahre alten Reben bringen einen saftigen, vollen und reichlich schmelzigen Wein hervor, bei dem man vermeint, kleine, knusprige Salzkristalle beißen zu können.

7. Riesling, Wellenkalk (wegen seiner Restsüsse abklassifizierter RECIS), Langenberg, Spätlese 2008

Steckengeblieben war er, der als RECIS-Riesling gedachte jetzige Wellenkalk. Mich freut's, denn die 7,8 g/l Säure bieten den annähernd 30 g/l Restzucker ein so spannungsreiches Contra, dass ich mir fast nicht vorstellen kann, diesen Wein in durchgegorener Form mit noch mehr Genuss zu trinken. Apfel, Reineclaude, sehr reife Nashi-Birne lassen mit Frucht und Säure den Mund überlaufen.

8. Rieslaner, Wellenkalk, Langenberg, Spätlese 2008

Für gerade einmal 9,00 € kommt hier ein Wein ins Glas, der jetzt und in den nächsten zehn Jahren zu den Spitzenvertretern seiner Gattung zählen dürfte und für mich auf Augenhöhe mit den Rieslanern von Ruck und Fürst steht. Exotische Frucht, Zitronengras, Vetiver, eine hochgewachsene Schönheit mit appetitlichen Rundungen. Nicht nur Klaus Wahl, langjähriger Professor an der Abteilung Weinbau und Oenologie der Bayerischen Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau im benachbarten Veitshöchheim und größter lebender Rieslaner-Fan, hätte – und hat wahrscheinlich – an diesem Wein seines ehemaligen Mitarbeiters riesige Freude.

9. Riesling, Langenberg, Auslese 2009

Erstmal muss man sich gedulden, bis Schwefel und gekochtes Fleisch das Glas verlassen haben. Darunter findet sich eine Schicht vegetabiler Noten wie Geißblatt und Sauerampfer. Nach dem Zwiebelschalenprinzip geht es dann weiter, eine etwas kratzige Säure macht dem Hals zu schaffen, dann ist der Kern des Weins freigelegt. Puffreis, Kaktusfeige, Pitahaya, Longan-Frucht fesseln die Aufmerksamkeit; dieser Wein bringt 10,5% vol. alc., 81 g/l RZ und 8,4 g/l Säure auf die Waage und wird in wenigen Jahren in vollem Glanz erstrahlen, worauf ich mich bereits jetzt sehr freue.

10. Rieslaner, Langenberg, Beerenauslese 2009

Verblüffende Marihuana-Nase, die der Qualifizierung als "grasig" ganz neue Facetten abgewinnt. Aber das ist nur der erste Eindruck, danach entwickelt sich ein sehr charaktervoller und vielschichtiger Mix aus Waldhonig, Holunderblütensirup und dem damit oft verbundenen leichten Schweissaroma (konnte ich erst am Vortag noch in der Aromabar der Vinothek der Nordheimer Weingenossen von Divino verifizieren). Lang, eckig, gut.

11. Spätburgunder, Wellenkalk, Langenberg, trocken 2009

Aus dem großen Holzfass. Kirsche, Sandelholz, vermittelt einen winterlichen Eindruck, der von Nelkenduft, Muskat und Rosenblüten noch gestützt wird. Außerdem entwickelt sich noch eine zweite Aromenschiene, die stärker von Graphit, weißem Pfeffer und roter Paprika geprägt ist.

12. Spätburgunder, RECIS, Benediktusberg, trocken 2007

Rudi Mays Lieblingsprojekt. Ein Spätburgunder von – im positiven Sinne – internationalem Format. Kann noch etwas liegen, im Moment ist er konzentriert und in sich zusammengerollt, mit Kirsche und toastigen Noten.

IV. Rudolf Fürst

Im Kelterhaus präsentierte Paul Fürst die Armada seiner Weine, im Holzloft gab es Gutes von Ludger Helbig aus dem Klingenberger Alten Rentamt. Zum Kalbsbäckchen mit Garam Masala Möhrchen habe ich mir nach der Verkostung den in jeder Hinsicht dazu passenden Klingenberger Spätburgunder 2008 gegönnt.

1. Müller-Thurgau pur mineral 2009

Den wollte ich ursprünglich nicht trinken, denn Müller-Thurgau ist meiner Meinung nach am besten im Cola-Schoppen aufgehoben. Dann habe ich ihn aber doch getrunken und zumindest nicht bereut. Extraktreich, geschmeidig und weich, mit vollem Körper, anschmiegsam und mittellang war er mehr als erträglich.

2. Silvaner Centgrafenberg 2009

Mineralisch, schlank und sauber war der Silvaner aus den das Weingut umgebenden Rebzeilen des Centgrafenbergs. Aber mehr als zehn Euro würde ich dafür nicht gleich ausgeben wollen.

3. Weissburgunder pur mineral 2009

Duftig, knackig, spritzig, leicht mineralisch, mit zarten Schmelz.

4. Riesling pur mineral 2009

Weicher, molliger und säureärmer als der Weißburgunder, der mir überlegen vorkam. Seltsam, dass praktisch alle bisher von mir getrunkenen Frankenrieslinge so säurearm wirken, eigentlich müsste es doch so sein, dass fränkische Rieslinge noch rescher und säuremächtiger sind, als die Kollegen beispielsweise aus dem Rheingau oder von der Mosel. Liegt's am Buntsandstein und Muschelkalkboden?

5. Riesling Centgrafenberg 2009

Mehr Druck, mehr Tempo, mehr Rasse, säuremäßig aber immer noch nicht ganz aus dem Schatten des nachwirkenden Weißburgunders getreten. Legte aber immer weiter zu und wird sicher bald ein schönes, die beiden Vorgänger überflügelndes Exemplar abgeben.

6. Riesling R Centgrafenberg 2008

Hier zeigt sich schon ein Mehr an Entwicklung, die Konturen treten deutlicher hervor, Steinigkeit und Mineralität beginnen sich von der zarten Primärfrucht zu emanzipieren. Der Wein strebt in alle Richtungen nach Verfeinerung und Intensivierung, macht einen beweglichen, agilen Eindruck und dürfte sich nach dieser Phase ziemlich deutlich jenseits der 90-Punkte-Grenze wiederfinden.

7. Riesling R Centgrafenberg 2009

Noch sehr verhalten, jung, eng und schlank. Glatt, zitronig, nicht unausgewogen, etwas pubertäre, nervöse Säure, noch nicht so richtig in Fahrt.

8. Weissburgunder Centgrafenberg 2009

Angenehm weiche, duftige Barriquenase, wohl nicht auf Puligny-Montrachet-Niveau, aber mit einem schönen St. Aubin könnte der Vergleich spannend werden.

9. Weissburgunder R Centgrafenberg 2009

Schon zu Beginn stärker ausgeprägte Barriquenoten, aber auch mehr gelbe Paprika, Geißblatt, Weißdorn, sahnig abgerundet. Recht lang nachklingendes Barrique.

10. Chardonnay Karthäuser 2008

Schlaff, kratzig und behäbig. Nicht mein Fall.

11. Riesling Spätlese Centgrafenberg Goldkapsel 2003 noch im Bocksbeutel

Leicht, etwas wässrig, wenig druckvoll, keine merkliche Säure.

12. Riesling Auslese Centgrafenberg 2007

Leicht, elegant, fein. Saftig und schlank, spritzig, mit Moselcharakter.

13. Rieslaner Auslese Centgrafenberg 2007

Für circa ein Drittel des Preises für die Riesling-Auslese gibt es diesen bemerkenswerten und offenbar unterschätzten Rieslaner. Die Nase ist nicht besonders auffällig, aber der anfänglich eher herbfrische Charakter geht mit milder Säure in eine weiche Buttercookiearomatik über, was ich schon ganz pfiffig fand.

14. Rosé Sekt (Spätburgunder Centgrafenberg) 2007

Mit 6 g/l dosiert, 5,5 g/l Säure und vollständigem biologischem Säureabbau, 18 Monate Hefelager. Herb, kräftig, von Holznoten durchsetzt, minimal laktisch.

15. Spätburgunder Bürgstädter 2008

Dem Sekt nicht unähnlich, nur dass er rot vinifiziert wurde, was ihm aber nicht unbedingt gutgetan hat. Herb, kräftig, einfach und mir zu sauer.

16. Spätburgunder Centgrafenberg 2007

Etwas wärmer, leichter und von mildem Tabakduft umweht, sonst auch noch eher einfach.

17. Spätburgunder Centgrafenberg 2008

Enger, holziger, kirschiger, etwas griffiger, letztlich aber einfacher als der 2007er.

18. Spätburgunder Klingenberger 2007

Weich, gut entwickelt und geschmeidig im Mund, mit leicht alkoholischer, von Holz und Frucht jedoch noch eingebundener Schärfe gegen Ende.

19. Spätburgunder Klingenberger 2008

Sehr gelungener Wein, der mit feiner Graphitnote, angedeuteten Kirschen, reifen Beerenfrüchten und leicht waldigen, an Wildbach, moosige Steine und Baumrinde erinnernder Aromatik überhaupt nicht dick aufträgt, dafür am Gaumen umso länger glänzt und sich zum Kalbsbäckchen auch als Speisenbegleiter bewährt hat. Dürfte eine glänzende Zukunft haben.

20. Spätburgunder R Schlossberg 2008

Der Schlossberg kam mir demgegenüber oberflächlichler, nicht so fokussiert, wässriger, auch kratziger vor, wenngleich ich ihm eine gewisse Schnittigkeit nicht absprechen will.

21. Spätburgunder R Centgrafenberg 2007

Gekochtes Fleisch und flüchtige Säure. Erst im Hintergrund merklich Power, Struktur und Gewicht. Braucht noch ein ganzes Weilchen und könnte in zwei bis drei Jahren enorm viel Freude bereiten.

22. Spätburgunder R Centgrafenberg 2008

Voller Rosenblüten, etwas kohlensäurebizzelig, mit ausgeprägterer Fruchtsüße, als der 2007er und in jeder Hinsicht weiter entwickelt, auch etwas fetter, doch immer noch seidig. Das wird sicher mal ein schöner Vergleich zwischen den beiden.

23. Spätburgunder R Hunsrück 2007

Sahnig, crèmig, anschmiegsam, rund und gediegen, auch tiefgründig, facettenreich und lustvoll. Minimal schmirgelndes Tannin, Gänsehautwein mit Potential für 95 Punkte.

24. Spätburgunder R Hunsrück 2008

Wie beim normalen Centgrafenberg zeigt sich auch beim 2008er Hunsrück gegenüber dem 2007er, dass er aromatisch trotz einiger Jungweinkapriolen weiterentwickelt und wiederum mit etwas mehr Süße ausgestattet ist, die man nicht lieben muss, die es aber bedrohlich einfach macht, den Wein ohne Besinnung abzuschlucken. Ohne dass ich ihm den für größere Verkostungen typischen Vorsprung der konzentrierten blockbuster geben will, könnte er dem 2007er um Haaresbreite überlegen sein.

25. Frühburgunder Centgrafenberg 2008

Schön, aber gegenüber den Hunsrückern wässrig und im direkten Vergleich zu fruchtarm, da retten auch die eingestreuten Aromen von Nektarine und Aprikosenkernen nichts.

25. Frühburgunder R Centgrafenberg 2008

Toasty, aber auch saftig, schmatzig und sehr verführerisch.

26. Parzival (Merlot, Cabernet Cubin, Domina) 2008

Schucrème, Lederkorsett und Nietenarmband. Schmeckt wie ein aufgepumpter Black Print. Jung, vordergründig und noch sehr unreif.

27. Parzival R 2005

Auch der 2005er war noch lange nicht fertig. Spannungsvoll und aufgeladen, dunkel und sehr konzentriert, schwer zu durchschauen. Nicht mein Fall.

28. Spätburgunder R (Centgrafenberg) 1997

Kräuer, Minze, Sherry, beginnt gerade, sich auf sein letztes Reifestadium vorzubereiten. Kann aber sicher noch ein paar Jahre dauern, bis er soweit ist.

29. Spätburgunder Centgrafenberg 2002 en Magnum

Jetzt oder sehr bald auf dem Reifehöhepunkt. Vollmundige Süße, fester Griff, dicht und konzentriert.

30. Spätburgunder R Hunsrück 2003

Rund, fein, weich, sanft. Betörende Reifearomen, die zwischen Mon Chéri, frisch geschnittenen Pilzen, zartschmelzender Schokolade und Andeutungen von Kaffee schwanken. Bewegender Wein.

31. Spätburgunder R Hunsrück 2004

Pillenboxduft. Schon sehr weich im Mund, fortgeschrittener, runder und mürber, irgendwie kaputter und auf eine nicht unsexye Weise morbider als der 2003er.

32. Frühburgunder R Centgrafenberg 2004 en Magnum

Acetige, kränkelnd wirkende Nase, süßlich, fiebrig und glühend im Mund. Säurearm, weich, schmelzig, karamellig und kirschig. Tuberkuloseromantik zum trinken.

ChampagnEskapade zum Sommerschluss

 

Serzy-et-Prin ist ein Örtchen, das selbst bei dämmeriger Beleuchtung noch genügend von sich erkennen lässt, um sensible Besucher zu verstimmen. Dass dort Edelreben wie Chardonnay gedeihen sollen, hört sich unglaublich an. Bei jedem Besuch in dieser zugigen Ecke quält mich die Frage, ob die Winzer hier nicht in Wirklichkeit ihren Champagner aus Maiskolben und Raps gewinnen. Doch dann fahre ich beispielsweise bei Yves Delozanne vor, werde von der stets gut gelaunten und um die Augenpartie herum auffällig farbenfroh geschminkten Valérie Delagarde empfangen und beim ersten Glas vergesse, resp. verdränge ich die bangen Fragen.

1. Yves Delozanne, Blanc de Blancs NV

Der Chardonnay stammt doch tatsächlich aus der kalten Vallée de l'Ardre, die mit späten Frösten, reichlich Nässe und schlechter Belüftung nicht gerade ein Vorzeigegebiet für die feinsten Chardonnays der Welt ist. Mit etwas bösem Willen könnte man sagen: das schmeckt man auch, aber dazu braucht es, wie gesagt, schon eine Spur Gehässigkeit. Der Champagner ist einfach, mit einer geradlinigen, nicht besonders komplizierten, leicht wässrig wirkenden Säure. Aromatisch kein Schwergewicht, erinnert er mich an den kürzlich verkosteten Grain de Folie von Jean-Francois Launay, dessen Trauben nicht sehr viel weiter weg stehen. Dass der Blanc de Blancs von Delozanne/Delagarde es in den Guide Hachette 2010 geschafft hat, verblüfft wahrscheinlich die dortigen Verkoster selbst am meisten. Für die sympathische Valérie freut es mich jedenfalls.

Im ganzen Ort Serzy-et-Prin gibt es dem Vernehmen nach gerade einmal drei Winzer, die amtlich eigenen Champagner herstellen, mir ist bei dieser Zählweise nicht ganz klar, ob Chaoswinzer Bernard Housset dazugehört, oder nicht. Über den, der auch als Vorbild für den Jonas Lauretz aus John Knittels Via Mala hätte dienen können, an anderer Stelle mehr. Wenige Meter in entgegengesetzte Richtung stolpert man in das Anwesen von Franck Bailly, Champagne Alain Bailly.

2. Alain Bailly, Rosé

Sehr kühl kam der Rosé von Bailly ins Glas und hatte keine Chance, sich vernünftig zu entfalten, denn nach guter Winzergewohnheit war die dickwandige Miniflöte bis zum Äußersten der Kohäsionskraft ihres rosigen Inhalts gefüllt. Dabei einen bestimmten Duft wahrzunehmen, wäre reines Lotto gewesen. Im Mund war der Champagner auch mit längerem, unappetitlich sprotzelndem hin- und herspülen kaum besser zu analysieren. Doch zum Glück kenne ich den Champagner von vorherigen Visiten einigermaßen und konnte ihn deshalb nach nur oberflächlicher Güteprüfung kaufen. Denn wie ich mittlerweile weiß, entwickelt sich dieser Rosé mit ca. 12 – 15 Monaten Flaschenreife sehr zu seinem und seines Eigentümers, bzw. Trinkers Vorteil. Natürlich gehört er zu den derberen Vertretern, doch ist er nicht völlig plump. Milde rotfruchtig, ohne aufgesetztes Gehabe, parkettsicher, aber kein Salonlöwe.

3. R. C. Lemaire,

Villers-sous-Châtillon. 12 ha in Cumières, Hautvillers, Reuil, Binson-Orquigny, Troissy und Leuvrigny.

Die gepflegte Domaine erstreckt sich über beide Strassenseiten und mehrere Häuser. Monsieur Lemaire ist nicht sehr hochgewachsen, sehr energiereich, leicht aufbrausend und etwas rechthaberisch, doch letztlich nicht unsympathisch. Seine Champagner gibt es im Alsterhaus, worauf er sehr stolz ist, wie er überhaupt gern durchblicken lässt, dass renommierte Sommeliers in aller Welt seine Champagner mögen. Das Marketing und die Kellerführung übernahm sein Sohn, der entfernt wie eine etwas kleinere Ausgabe von Bono Vox aussieht und in leicht nervender Marketingrhetorik seine Lektionen gelernt hat. Die Champagner durchlaufen keinen biologischen Säureabbau, was man deutlich merkt. Der Dosagezucker ist guter Rohrzucker, doch davon nicht zu viel. Vier Gramm sind es meist nur. Der etwas höhere Schwefelbedarf fällt gegenüber Champagnern mit BSA nicht sehr ins Gewicht, mit durchschnittlich ca. 12 mg/l freiem SO2 liegen Lemaires Champagner noch weit unterhalb dessen, was normalerweise in Stillweinen anzutreffen ist. Alles in allem macht Monsieur Lemaire auf seiner Domaine offenbar alles anders, als er es noch bei Moet et Chandon zu machen gewöhnt oder genötigt war.

a) Brut Sélect Réserve

100PM, Ausbau im Stahltank.

Etwas klotziger Champagner, der bei mir den Eindruck einer Maulsperre hervorrief, so als müsste ich meine Zähne in eine Kalbshaxe schlagen. Die etwas sehr prominente Säure glich das aus, doch die beiden Eindrücke zusammen ließen den Champagner nicht ganz stimmig erscheinen. Sicher, er war frisch und wird nach einem Jahr vielleicht harmonischer schmecken, doch der momentane Eindruck ist eben noch uneinheitlich. Chardonnay hätte hier noble Rasse verleihen können, Pinot Noir hätte großzügigere und entspanntere Gediegenheit vermittelt.

b) Cuvée Trianon

60PN 40CH aus den Premier Crus Cumiéres und Hautvillers. Vierjähriges Hefelager.

Davon habe ich mir einige Magnums gesichert. Der Rebsortenmix mag nicht besonders einfallsreich und nicht besonders typisch für die Gegend sein. Das Ergebnis spricht für die Rezeptur und bestätigt meinen positiven ersten Eindruck. Grünlichfruchtige Noten, Zitronengras und Nektarine, alles mit einer der Jugend geschuldeten, leicht ruppigen Härte. Für mich sind das gute Voraussetzungen für eine schöne langsame Reifung en Magnum.

c) Rosé de Saignée

50PN 50PM, zweijähriges Hefelager.

Bis vor zwei Jahren war der Rosé von Lemaire stets ein Rosé d'Assemblage. Das hat sich geändert, nun ist es ein Saignéechampagner. Mir kam er dennoch nicht besonders beeindruckend und gut vor. Vielleicht hätte Monsieur Lemaire doch dabei bleiben sollen, einen vernünftigen roten Coteaux Champenois zu produzieren und ihn zur Roséproduktion in der erforderlichen Menge seinem Champagner hinzuzufügen. Oder aber er übt noch ein bisschen.

d) Millésime 2004

Chardonnay von 35 Jahre alten Reben aus dem Premier Cru Hautvillers. Neunmonatiger Ausbau der Grundweine im mehrfach belegten Holzfass, Dosageliqueur – mit Rohrzucker – reift ebenfalls im Holz.

Den Holzton merkt man und ist angetan. Er ist verhalten, mit Kennergriff drapiert, anschmiegsam am Gaumen und weit von überholztem Getöse entfernt. Schön ist die ganz beiläufige Enfaltung des übrigen Aromenspektrums neben und mit dem Holzton. Säure, Frucht, Gewicht, Schmelz, stehen zwanglos nebeneinander und verlaufen – anders als beispielsweise von mir angefertigte Aquarellmalerei – nicht in einen undefinierten und matschigen Brei, sondern liefern sich an ihren Grenzflächen farbenfroh schillernde Reflexe.

4. Xavier Leconte,

Troissy. 8 ha in der Vallée de la Marne.

Monsieur Leconte habe ich jetzt erst kennengelernt. Seinen Champagner, genauer: seinen Brut Réserve kenne ich schon seit Jahren, habe ihn aber auch schon ewig nicht mehr getrunken. Seine Champagner sind so wie der Trianon von R.C. Lemaire für die Reifung in Grossflaschen bestens geeignet. In der Jugend sind sie nämlich ganz genau in dem Maß ungefügt, das ihnen bei der langsamen Reifung sehr zugute kommt. Herr Lemaire selbst ist mir leider als Muffelkopp begegnet. Überwiegend ungesprächig, mit quasi-inquisitorischen Fragen zu meinen Verkostungswünschen, einer etwas herablassenden Art und gemütsarmem Habitus hinterließ er persönlich im Gegensatz zu der sehr vorteilhaften Präsentation seiner Champagner auf der Website keinen besonders günstigen Eindruck. Trotzdem habe ich mir einige Magnums von seiner Réserve gekauft und die "Vents d'Anges" Rebsortentrilogie. Und außerdem noch eine Flasche von seinem weiß gekelterten Pinot Meunier Stillwein.

a) Première Cuvée

80PM 15PN 5CH, dreijähriges Hefelager.

Mit seinem ersten Champagner aus dem Alltagssegment zeigte Monsieur Leconte, dass er nicht nur die Flaschenausstattung im Griff hat, sondern vor allem seine Handwerk versteht, wenn nicht gar meisterlich beherrscht. Natürlich erwarte ich von einem Standardbrut eines kleinen Winzers aus der Vallée de la Marne keine Geschmackswunder. Doch solide Arbeit wünsche ich mir schon und werde selbst da noch unverhältnismäßig oft enttäuscht. Nicht so hier. Lecontes Première Cuvée zeigt, wie man mit meunierbasierten Cuvées arbeiten kann und soll. Da können sich selbst die Kollegen aus dem nahegelegenen Leuvrigny, dem Meuniermekka, etwas von abgucken. Das was bei Lemaires Réserve noch fehlte, hat Leconte geschickt eingebaut. Etwas rassige Chardonnayschnittigkeit und einen Hauch Divenblut. Hätte er dabei nicht die ganze Zeit so grimmig und feindselig geguckt, hätte ich ihm das auch noch einmal deutlicher zu verstehen gegeben und vielleicht sogar etwas von dem Standardbrut gekauft.

b) Brut Réserve

80PM 15PN 5CH, fünfjähriges Hefelager

Produktpolitisch ein Champagner, der nicht von besonderem Einfallsreichtum künden mag, aber wie man ihn schonmal in Winzerportfolios finden kann. Es handelt sich um dieselbe Cuvée wie beim schon sehr gelungenen Standardbrut, nur dass sie länger auf der Hefe gelegen hat. Sonst hat Leconte nichts daran geändert. Die zwei Jahre zusätzlicher Hefeverweildauer haben ihm sehr gut getan. Der Champagner hat sich, auch wenn die abgestorbene Hefe nach ca. 18 Monaten keine signifikanten chemischen Veränderungen mehr verursacht, deutlich gerundet und ist meiner Meinung nach eine ganze Qualitätsstufe aufgestiegen.

c) Brut Rosé

65PM 30PN 5CH, entsteht durch Rotweinzugabe.

Etwas weniger begeistert war ich vom Rosé, der gut und fruchtig, aber nicht originell schmeckte. So und so ähnlich schmecken unzählige Winzerrosés, die fehlerfrei gemacht sind.

5. Canard-Duchêne, Cuvée Léonie

40PM 40PN 20CH, dreijähriges Hefelager.

Nach einer ganz schlimmen Erfahrung mit einer Flasche Charles VII. aus dem nun zu Thienot gehörenden Hause Canard-Duchêne hatte ich mir vorgenommen, den Erzeuger zu meiden. Doch kommt man manchmal nicht drum herum und nachdem mich der Blanc de Blancs zwar nicht versöhnt, aber beruhigt hatte, war nun die Cuvée Léonie mal dran. Ein properes, etwas dralles Mädchen. Angesichts des hohen Pinotanteils versteht man, dass sie nicht die hellste ist. Dennoch mangelt es nicht an einer gewissen Behendigkeit und zu einfachen Speisen aus der französischen Bistroküche und vor allem wenn Blattsalate mit der in Frankreich oft sehr essiglastigen Vinaigrette serviert werden, ist die Cuvée ein guter Begleiter.

6. Gaston Chiquet, Dizy

Blanc de Blancs d'Ay

8-9 g/l. Den reinsortigen Chardonnay aus Ay hat schon Nicolas Chiquets Vater in den 50ern erstmals hergestellt. Mittlerweile haben einige andere Erzeuger aus dem Pinotgürtel an der Marne nachgezogen, zu den prominenten BdB-Machern gehört Billecart-Salmon, unter den weniger bekannten muss man A. R. Lenobles Chardonnay (der freilich aus Chouilly stammt) ernst nehmen. Allen diesen Champagnern gemeinsam und von Gaston Chiquet über die Jahre vorbildlich gepflegt ist ein Stil, der von exotischer Frucht und wenig Säure geprägt wird. Mit seinen 8-9 g/l Dosagezucker gehört er nicht zu den Flitzern, wirkt aber auch nicht breit oder teigig. Mögen muss man diesen Stil allerdings, sonst wird man den Champagner als chardonnayuntypisch ablehnen – dabei ist er nur cote-des-blancs-untypisch.    

Nicolas stellte seinen Champagner persönlich vor und gehört dabei zu den Winzern, bei denen die Fürsorge und Begeisterung für ihr Produkt nicht am Glas aufhört. Ordentliche, von Größe, Form und Glaswandstärke her ansprechende Verkostungsgläser aus der Rubis-Serie der Verrerie de la Marne brachte er auf den Tisch des gepflegten Hauses gleich neben Jacquesson.

Sommerchampagner – Fortsetzung

 

Die Sommerchampagner-Reihe setze ich mit einem Nicht-Champagner von einem Champagnerhaus fort, den man in Deutschland schwer oder gar nicht bekommt, weil er offiziell nicht importiert wird. Er gehört, anders als manches Erzeugnis des Mutterhauses, zu den bemerkenswerten Sprudlern und ist deshalb hier gut aufgehoben. 

1. Mumm Napa Cuvée DVX Brut 2000

50PN 50CH, mit 1% Dosageliqueur.

Knapp 15% Holzausbau. Wirkt auf Anhieb nicht wie Champagner, sondern wie sehr guter Sparkler. Wenig, aber dauerhaft vorhandene, eher untergründig wirkende Säure. Gleichzeitig reif und frisch. Das sprach für einen Schäumer mit langem Flaschenlager und noch nicht sehr weit zurückreichendem Dégorgement. Üppig dosierter Grosshausstil. Musste meiner Vermutung nach aus einem säurearmen Jahr oder heißer Gegend mit regelmäßig sehr reifem Lesegut stammen, denn für ein spätes Dégorgement fehlte die aggressive Vitamin-C-Aromatik. Dass es sich schließlich um den bei uns seltenen Mumm Napa DVX handelte, freute mich sehr. Vielleicht könnte man Ludovic Dervin noch empfehlen, weniger laktische Noten zuzulassen, oder die Dosage etwas herabzusetzen (für die Schleckermäulchen gibt es ja eigens eine DVX Santana mit höherer Dosage).

2. Marc Hébrart Brut Premier Cru

75PN 25CH. 12,5 ha Pinots aus Mareuil-sur-Ay, Avenay Val d'Or, Bisseuil, Chardonnays aus Chouilly und Oiry.

Apfelspass vom stückigen Apfelmus und frischer Hefezopf. Ein Pinotchampagner, der wie Blanc de Blancs duftet und schmeckt. Würde es sich um einen Blanc de Blancs gehandelt haben, wäre ich nicht enttäuscht gewesen, so war ich sogar beeindruckt, denn dass man von einer Cuvée mit diesem Rebsortenverhältnis so in die Irre geführt wird, ist immer wieder verblüffend und lehrt einen auch nach langen Jahren der intensiven Champagnerverkostung immer wieder Demut. Unter Chardonnaygesichtspunkten ist bemerkenswert, wie dieser Champagner dem Apfelthema in einer seiner einfachsten Formen so lohnende Facetten abgewinnt.

Weiter entlang der Marne geht es zu

3. Yves Ruffin Brut Premier Cru Élaboré en Foudre de Chêne

75PN 25CH.

3ha in Avenay Val d'Or und Tauxières. Bioanbau seit 1971, dem Jahr nach Gründung der Domaine. Ausbau der Grundweine in Eichen- und Akazienholz. Drei Jahre Hefelager. 

Die 2009er Grundweine waren alle verschlossen, geheimnisvoll und kryptisch, die aktuelle gamme dagegen ziemlich vielversprechend. Der Eindruck bestätigt sich bei diesem sehr guten Champagner, der zu den besonderen Tips in der Champagne gehört. Schattenmorellen und Sandelholz, außerdem Hagebutte, Quitte, Sanddorn. Viel gesunde, aber nicht unangemessen auftrumpfende Säure, die ohne biologischen Säureabbau vielleicht genervt hätte, dazu krachendes Fruchtfleisch und ein klärendes Gaumengefühl.

Einmal um die Montagne herum und wir kommen zu

4. Henri Chauvet, Brut Réserve

60-70PN 30-40CH. Drei Jahre Hefelager. Mathilde und Damien Chauvet bewirtschaften 8,4 ha in Rilly-la-Montagne Premier Cru. Davon sind Pinot Noir: 6,20 ha, Pinot Meunier: 0,50 ha und Chardonnay: 1,70 ha.

Der Champagner ist nicht sehr fruchtig, höchstens zu Beginn etwas zuckerwattig und mit einer Andeutung heller Früchte, sonst herb und kraftvoll. Ich fürchte, der Brut Réserve war zu frisch dégorgiert, denn Reifepotential traue ich dem Champagner zu. Warum? Weil die Herbe für mich nicht fehlerhaft war, sondern Ausdruck der Cuvée an sich. Deshalb denke ich, dass dieser jahrgangslose Champagner genug Rückgrat hat, um ein paar Jährchen in der Flasche zu überstehen und in dieser Zeit ein Flaschenbouquet zu entwickeln, das unabhängig von Primärnoten einen schönen Champagner abgibt.

Dann geht es in das Massif St. Thierry, wo Selosseschüler Alexandre Chartogne wartet

5. Chartogne-Taillet, Cuvée Sainte-Anne

60CH 40PN, Basisjahrgang 2006 mit 20% Reservewein aus 2005 und 2004.

Dieser Standard-Brut gehört zu den kräftigeren, herberen Winzerchampagnern. Hier überwiegt nicht der Eindruck von überirdischer Leichtigkeit, sondern der von sorgfältigem Winzerhandwerk. So wie ich beim Fiacre die hervorragende Vermählung und sahnige Weichheit schätze, finde ich bei dieser Eingangscuvée die softe Dominanz der etwas herben Spätburgunder gegenüber der nicht quirligen, aber den Eindruck von Beweglichkeit vermittelnden Chardonnays gelungen. Wie ein schwimmendes Fundament legt sich der Chardonnay auf die Zunge und lässt darauf ein schnörkel- aber nicht schmuckloses Burgunderaromenbauwerk seinen Halt finden.

Vom Massif herunter Richtung Marne stoßen wir auf

6. Jean-Francois Launay, Cuvée Grain de Folie

Winzer aus Arthy, einem Örtchen in der Vallée de la Marne, in Richtung Paris direkt hinter Daméry gelegen.

Die Cuvée fällt zunächst wegen ihrer Aufmachung ins Auge, ganz im Stil beispielsweise der Belle-Epoque trägt sie nicht nur ein schnödes Etikett, sondern ist mit einer Teilrückenansicht einer Art-Déco-Schönen serigraphiert, die ein lächerlich kleines Champagnergläschen genießerisch in der Hand und gegen einen traubenüberrankten Hintergrund hält. Das ließ mich einen femininen, leichten, aufgrund seiner Herkunft meunierfruchtigen Champagner erwarten, doch das Exterieur täuscht. Im Glas war der Champagner garconnemäßig rank und drahtig, von einer listig wirkenden Art. Die schlanke Säure wirkte durchdringend und beinahe stechend, wie der Blick des tuberkulosegeschwächten Etikettenzeitgenossen Franz Kafka. Das überraschte mich und ich brauchte einige Zeit, um mich damit anzufreunden. Bis zum Schluss wurde der Champagner in kleinen Schritten besser, ein abschließendes Urteil habe ich mir aber nicht bilden können. Werde ich im Auge behalten.

Etwas abseits ist in Chalons-en-Champagne eines der am wenigsten bekannten großen Häuser beheimatet. In Châlons machte die französische Königsfamilie auf der Flucht vor den Revolutionären kurz Halt und ließ sich wenige Kilometer weiter östlich in St. Menehould der Legende nach noch ein letztes mal die berühmten Schweinsfüsse servieren – so erzählt es uns jedenfalls Alexandre Dumas in seinem Grand Dictionnaire de la Cuisine

7. Joseph Perrier, Cuvée Royale

35CH 35PN 30PM, drei Jahre Hefelager. Reservewein teilweise im 600l-Holzfass.

Mittelschwerer Wein, leider hatte ich ihn etwas zu warm im Glas. Die Trauben kommen ganz überwiegend aus der Vallée de la Marne. Minimale, an manche nicht ganz so gute Winzerchampagner erinnernde Chlornote, sonst fruchtig mit mineralischem Beiwerk, ausgeglichene Aromatik von noch jungem Champagner, fest in der Struktur, mit Flaschenreife sicher noch interessanter und ganz sicher ein guter Begleiter für Pieds de Cochon a la Sainte-Menehould.

Zu guter Letzt darf es auf dem Rückweg nach Epernay einer der schönen Einzellagenchampagner von Leclerc-Briant sein,

8. Leclerc-Briant Blanc de Blancs "La Croisette"

Biodynamischer Chardonnay aus der nach Osten ausgerichteten Einzellage La Croisette (0,37 ha). Sympathisches Detail: am hochwertigen Korkspiegel lacht die biodynamische Leclerc-Briant-Sonne samt Erzeugernamen an Stelle des immer gleichen "Grand Vin de Champagne" Schriftzugs.

Der Champagner ist ein stürmischer Geselle. Ideale Optik für Perlagefreaks, im ganzen Glas wild spiralige und feine Perlenketten. Beginnt mit verhaltener leicht mürber Apfel-Aprikosennase und rennt dann los. Überwiegend gelbfruchtig, nicht mit überschiessender Säure, vollreif, etwas exotisch. lustiges Zigeunermoll. Ein Champagner, dessen Herkunft aus dem Rotweinörtchen Cumières sich an der orientalisch-exotischen nicht schwabbeligen, aber gegenüber Côte des Blancs Chardonnays etwas fetteren Aromatik festmachen lässt.

Essen Geniessen auf Zollverein

 

Im Weltkulturambiente der Zeche Zollverein haben diesmal die Bubm und Maderln von "Essen geniessen" aufgetischt.

Meine Spur der Verwüstung habe ich bei Schnitzlers aus Byfang begonnen. Zur Parmesanmousse auf Tomatencarpaccio mit karamellisierten schwarzen Oliven gab es einen gesitteten Moselriesling aus dem Hause F. J. Eifel, die 2008er Trittenheimer Apotheke als trockenen Kabinettwein. Zu der üppig bemessenen Portion Parmesanmousse wäre, um alles richtig zu machen, ein zweites Glas Riesling fällig gewesen, so gut schmeckte mir beides in Kombination. Die Mousse allein war gut, aber nicht überragend, auch schien mir der Parmesangeschmack nicht stark genug ausgeprägt. Die Tomaten dagegen waren exzellent und in der Tat überragend waren die karamellisierten Oliven. Knusprig, aromatisch, in nicht zu grosse Flocken geschnitten und im richtigen Verhältnis der Mousse hinzugefügt, traumhaft zum Kabinett.

Als Wegzehrung schnell den ersten Champagner, ein Baron Fuenté Brut Tradition besorgt, und schon konnte es weitergehen.

Bei Nelson Müller griff ich das Dreierlei von der Blutwurst auf pikanten Linsen ab Die Blutwurst gab es wie schon beim letzten Mal in kross gebratener Form, im Teigmantel und als Brotwürfel. Die Version im Teigmantel gefiel mir diesmal am besten, die Blutwurst lief wie ein Füllhorn über die Linsen aus und vermählte sich mit deren pikant-scharfer Würze. Zu der salzigen Marinadenkomponente verhielt sich der ansonsten unauffällige Champagner recht gediegen und zuvorkommend und ich war zufrieden.

Mit dieser Grundlage konnte der Weg zur Résidence heiter beschritten werden, dort fanden sich dann auch Nelson Müller und Henri Bach zum Phototermin wieder ein. Zu Essen gab es den geräucherten Saibling mit Gurkensalat und Dillschmand. Auf der Haut und auf den Punkt gegart kam der Saibling, vom stets vorbildlich freundlichen Résidence-Personal serviert – an den Tisch und lachte mich genauso verheißungsvoll an, wie das Standpersonal. Ich fand ihn milde gewürzt, ja eigentlich ziemlich naturbelassen und fand außerdem, dass das allein mein Fall eher nicht ist. Das änderte sich erst, als ich Kaviar und Gurkensalätchen dazu kombinierte, die den Saibling unter ihre Fittiche nahmen und den aromatischen Steigflug begannen. Sodann konnte das geschmorte Ochsenbäckchen mit Wurzelgemüse und Süßkartoffelpurée folgen, um das ich einfach nicht herumkomme. Wieder war die Portion groß, für open-air Veranstaltungen geradezu gewaltig und wieder war das Ochsenbäckchen die reine Freude. Zart, fettlos, mit konzentriertem Jus, würzigem, leicht stückigem und ausgeprägt aromatischem Purée.

Nebenan bot Frank Heppner von Essens neuem Gastrofixpunkt Vincenz & Paul im Museum Folkwang seine Speisen feil. Der Champagner von Baron Fuenté war mittlerweile ausgetrunken, so dass neuer Stoff hermusste. Es wurde einerseits der Haustrunk von Vincent & Paul, ein Pinot-Chardonnay-Mix von Veuve Devaux und außerdem Ruinarts Rosé NV. Dazu gab es Tatar vom Jungbullen mit koreanischen Aromen und Wildkräutersalat, sowie Riesengarnele im japanischen Mie de Pain gebraten, an Kokos-Zitronengrasschaum und Hummergnocchis. Zum Tatar: es scheint eine weitverbreitete Unsitte zu sein, das Fleisch derartig fein zu mahlen, dass es als Tatar überhaupt keine Struktur mehr zeigt, sondern nur noch wie ein rot zusammenbappender Eishockeypuck auf dem Teller sitzt und keinerlei Gaumenreiz mehr entfaltet. Da bringt auch die schönste koreanische Aromatisierung nichts, einen solchen strukturlosen Klotz mag ich nicht essen. Ich habe deshalb von Herrn Heppners Jungbullentatar nur ein bisschen gekostet und musste nur zu schnell mit Enttäuschung feststellen, dass die Würzung zwar ansatzweise koreanisch schmeckte, das Tatar jedoch völlig missglückt war. Der Wildkräutersalat, offenbar mit koreanischer Sojasauce besprenkelt, vermochte das nicht zu retten. Zur Krabbe: sehr störend empfand ich die Gnocchis. Die schmeckten nämlich wie ein leicht fischelnder Kokoskuchen und nicht wie leicht kokosaromatisierte Hummergnocchis. An der salzigen Garnele gab es weiter nicht viel auszusetzen, die war top gegart, fleischig, fest, von sehr guter Qualität, bloss eben zu salzig.

Vom Restaurant am Park im Essener Sheraton genehmigte ich mir im Anschluss naturbelassene Auster, um den Gaumen etwas zu versöhnen.

Dann war es, wie mir mein Magen signalisierte, Zeit für's Dessert. Das nahm ich aus Frau Bergheims Sterneküche im Hugenpoet ein. Zum Melonensorbet von drei verschiedenen Melonen gab es eine fluffige Ziegenkäsemousse, Kürbiskernöl und crunchige Kürbiskernsplitter. Dazu Louis Roederer Brut Premier, und die Laune war komplett wiederhergestellt. Die einzelnen Melonen kamen unverfälscht und intensiv zur Geltung, jede bildetet einen schmackhaften Kontrast zum Frischkäsemoussebrikett und zwischendurch bot der Kürbiskernknusper eine clevere Abwechslung in Konsistenz und Aroma.

Zum Ausklang verfügte ich mich ins Casino Zollverein, wo van Volxems Schieferriesling 2009 und Heymann-Löwensteins Blanc de Noirs Sekt aus Spätburgundertrauben den gemütlichen Teil des Abends einleiteten. Im weiteren Verlauf wurde noch Birnenschaumwein von Kirchmayr geöffnet, der steiermärkische Opok 2006 von Sepp Muster konnte sich dem gnadenlosen Zugriff ebensowenig entziehen, wie der Dönnhoffsche 2009er Weissburgunder. Wenn übrigens jemand auf der Suche nach einem Wein sein sollte, der dem Parfum "First" von Van Cleef & Arpels verblüffend ähnelt, dann halte er sich an den Opok. Sepp Muster arbeitet biodynamisch, der Opok (30% Morillon, 30% Welschriesling, 20% Sauvignon Blanc, 20% Gelber Muskateller) war 18 Monate in alter Eiche und manche seiner Weine werden teils in der Tonamphore vergoren.

Schließlich, und weil ich so viel Stillwein nicht gut vertrage, musste zum Abschluss der Grand Éclat von Champagne Thierry Bourmault aus dem Premier Cru Cuis ins Glas. 80CH von alten Reben, 20PN aus dem Grand Cru Verzy. Kraftvoll, mit g'schmackiger Säure, die dicht über den Zungenpapillen weitergleitet, nachdem die erste hohe Geschmackswelle über den Gaumen anbrandet und sich ab der Gaumenmitte rasch verabschiedet. Beim ersten Schluck denkt man sich noch: och, das war's schon? Beim zweiten, dritten Schluck, bzw. Glas stellt man dann fest, dass der Champagner seinen aromatischen Scheitelpunkt immer weiter nach hinten verlegt, ohne aber je wirklich lang zu werden.     

Bericht von der Champagne Master Class

Die I. Champagne Master Class im Club B der Résidence in Essen-Kettwig war eine Mischung aus phantastischem Zweisterne-Menu und einer tour d'horizon durch die Champagne, bei der es mir darum ging, möglichst viele Typizitäten und Facetten des Champagners zu illustrieren. Die überragende Küchenleistung von Henri Bach verdoppelte dabei das Champagnervergnügen und kitzelte bei manchem Champagner noch Eindrücke heraus, die in einer reinen Nur-Champagner Probe sicher verlorengegangen oder nicht ausreichend gewürdigt worden wären. Viele Champagner stellten ihre Gastroaffinität unter Beweis, manche liefen überhaupt erst zum Essen zu Bestform auf.

Im Einzelnen:

O. Opener: Philipponnat, Royal Réserve en Magnum, dégorgiert im September 2009

40-50PN 15-25PM 30-35CH, überwiegend Stahltank, 25-40% Reservewein aus Soleraverfahren. 9g/l. Das Haus hat ca. 17ha in Mareuil-sur-Ay, Ay, Mutigny und Avenay Val d'Or.

dazu: Ziegenkäsevariationen

Den Opener von Charles Philipponnat nahmen wir bei strahlend schönem Wetter am Stehtisch vor der Résidence ein. Die Dosage war unaufdringlich, der Champagner zeigte eine schöne, herbfrische, minimal rauchige Art, war erkennbar jung, doch mit einer harmonischen, wohlgeformten Rückenpartie ausgestattet, die sich dem Solera-Reservewein verdankt.

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I.1 Jacky Charpentier, Cuvée Pierre-Henri (Extra Brut)

100PM von ca. 55 Jahre alten Reben in Reuil und Châtillon-sur-Marne, Fassausbau, Bâtonnage, dabei kein biologischer Säureabbau (BSA), 4,5g/l. Rebbesitz auf ca. 12ha in Villers-sous-Châtillon und in der Vallée de la Marne.

I.2 Tarlant, Vigne d'Or (1999, Extra Brut), dégorgiert von Hand am 13. Juli 2004

100PM, von damals 51 Jahre alten Reben aus der Einzellage Pierre de Bellevue, Fassausbau und Bâtonnage, kein BSA. 4g/l. Benoit verfügt über 13ha in Oeuilly, Boursault und Celles-les-Condé.

dazu ein erster Gruß aus der Küche: Variationen von Foie Gras als Eis, Mousse und Terrine, mit einem Stückchen Streuselkuchen

sowie ein zweiter Gruß aus der Küche: Hummerbisque mit Hummerhappen

sodann: marinierte Cantaloupe-Melone | Kaisergranat | Wiesenkräuter

Den ersten flight gab es vorweg als winziges Verkostungsschlückchen ins Glas, denn die freundlichen Küchengrüße bedurften einer adäquaten Begleitung auf dem Weg den Schlund hinab. Zum analysieren war das natürlich nichts, das ging erst mit dem ersten größeren Schluck, der passgenau vor dem Kaisergranat serviert wurde.

Der Charpentier zeigte sich herb, mit der kräuterigen und leicht rauchigen Nase, die er in seiner Jugend scheinbar immer hat. Säure und Holz waren nicht wahrnehmbar, der Champagner wirkte mürbe, ja etwas schläfrig und gewann mit Luft nicht hinzu, sondern blieb die ganze Zeit so. Damit bildete er jedoch einen sehr schönen Begleitchampagner für den Kaisergranat und die Wiesenkräuter.

Wie anders dagegen der Tarlant. Ein Kickstarter mit knalligem Eukalyptusduft und einer Duftfülle, die ich sonst noch von australischen Syrahs gleichen Alters kenne, der Elderton Command Shiraz beispielsweise, der Noon Eclipse Grenache 1999 oder der Fox Creek McLaren Vale Reserve Shiraz 1998 waren auf Anhieb so. Zum Krustentier verhielt er sich etwas angestrengter gespannt, trug jedoch solo deutlich den Sieg über den Pierre-Henri davon, auch weil er sich unentwegt fortentwickelte und noch längst nicht den Eindruck erweckt, als wollte er langsam Reife- oder gar Alterungserscheinungen zeigen.

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II.1 Champagne Doyard, Cuvée Vendémiaire Multi Vintage (2004, 2002, 2001), dégorgiert im Dezember 2009

100CH, 50% Fassausbau ohne Bâtonnage, BSA bei 30%. Flaschenfüllung im Mai 2005. 7g/l. Yannick Doyard hat 10ha in Vertus, Le Mesnil-sur-Oger, Oger, Avize, Cramant, Dizy und Ay.

II.2 Robert Moncuit, Grande Cuvée Blanc de Blancs Grand Cru 2004

100CH von über 40 Jahre alten Reben. 8g/l. 8ha ausschließlich Chardonnay, ausschließlich aus Le-Mesnil-sur-Oger.

dazu: geräucherter Yellowfin als Filet und Tartar, in der Petri-Schale serviert | Wasabimayonnaise | Felchenkaviar

Als der Thun hereingetragen wurde, war noch nicht zu ahnen, was da kommen würde. Lediglich ein gewisses Klappern schien ungewöhnlich. Das Klappern rührte daher, dass der Thun in Petrischalen serviert wurde, die mit Glasdeckeln verschlossen waren. Mit dem Abheben der Deckel entfaltete sich dann schlagartig ein Duft von Lagerfeuer, Buchenholz und frischem Rauch im Club B der Résidence – ein schöner Auftakt für den nächsten Gang. Da es sich um einen reinen Chardonnayflight handelte, war mir die Wahl der passenden Champagner vorab schwer gefallen. Wohl hätte man "S" de Salon, Clos du Mesnil, Perrier-Jouet Belle Epoque Blanc de Blancs öffnen können. Denn jeder dieser Champagner ist hochgradig typisch für seine Gattung und gleichzeitig hochgradig außergewöhnlich. Doch bin ich der Ansicht, dass diese Champagner ein wesentlich höheres Maß an Konzentration verdienen, als sich das in einer Verkosterrunde gewährleisten lässt, bei der es nicht nur um den akademischen Aspekt der Probe geht, sondern vor allem auch um den Genuss im Rahmen eines ausgedehnten Menus. Daher blieb ich am anderen Ende der Preis- nicht jedoch der Qualitätsskala.

Mit Yannick Doyards Vendémiaire konnte ich ein Gewächs öffnen, auf das der Erzeuger zu Recht sehr stolz ist. Jung, stämmig, bärenstark. Auf dem Teller fand er sein Pendant im Thunfischfilet, das dunkel, saftig, lüstern, einladend, und auf mich sogar ein wenig geheimnisvoll wirkte, es bildete sich eine sehr fordernde Allianz. Der Kombination fehlte es dennoch etwas an Eleganz.

Klarer Sieger am Tisch war auch nach meiner Meinung in diesem flight der Jahrgangschardonnay von Moncuit. Der hatte seinen Einstand ja schon bei anderer Gelegenheit in der Résidence gefeiert. Damals hatte ich ihn zur Frühlingsrolle und zum Wan-Tan-Hummer, zum Sellerie-Pumpernickel und zu anderen Variationen mit Fenchel genossen. Dieser Champagner bietet Apfelsexyness, die man Ernst zu nehmen hat. Zum feinen Tartar entafaltete sich ein zauberhaftes Ingwer-Bitterorangenaroma, das wohl jeden am Tisch betört hat. Im Gegensatz zum Doyard, bei dem die mitschwingende Räuchernote Cowboyfeeling verbreitete, wairkte sie hier von so asiatisch und puristisch wie ein Parfum von Issey Miyake.

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III.1 Cedric Bouchard (Les Roses de Jeanne) Cuvée Inflorescence (2008, Brut Nature)

100PN aus der Lage Val Vilaine, fussgestampfter Most, in Edelstahltanks vergoren. Kein Dosagezucker. Cedric Bouchard verfügt über insgesamt nur 3ha in Celles-sur-Ource.

III.2 André Clouet, Un Jour de 1911 Multi Vintage (2002, 2001, 2000)

100PN. 10ha in Bouzy.

1911 Flaschen von alten Reben, unfiltriert, ungeklärt, ungeschönt, vinifziert wie 1911.

dazu: Jakobsmuscheln | Wakame Algen | Ingwergelée | Tom Ka Kai

Die Inflorescence von Cedric Bouchard wirkte rund, zeigte minimalen Babyspeck und machte noch nicht den Eindruck, als sei sie besonders ausgereift, was angesichts des Jahrgangs und der kurzen Hefeverweildauer kaum überrascht. Diesen raren Champagner wollte ich der Runde aber nicht vorenthalten haben, denn er ist ein Vertreter von der "neuen Aube". Dieses Stieftochtergebiet macht zur Zeit eine positiv unruhige Zeit mit vielen Neugründungen und experimentierfreudigen Winzern durch. Cedric Bouchard ist einer der wichtigsten Vertreter dieser Entwicklung und seine Inflorescence ist alles andere als ein Vieilles Vignes Francaises – doch dieser Champagner ist ein emblematischer Pinot-Noir aus einer Gegend, die in der Champagne niemand für konkurrenzfähig mit Bouzy, Ambonnay oder Ay gehalten haben würde. Seine seidige, verführerische Art passte meiner Ansicht nach besonders gut zu dem zwischen Jod und Gurke changierenden Algensalat und zur Jakobsmuschel.

Die "Jour de 1911" Champagner öffne ich immer zu früh. Sie machen mir aber jedes Mal so viel Spass, dass ich nicht die Finger davon lassen kann. Hier zeigte er sich wieder mit höchster Spielkultur, dem würzigen Tom Ka Kai locker auf Augenhöge begegnend: Galgant, Kokosmilch, Brühe, Zitronenmelisse, Verbene, Hagebutte, Goji-Beere, Cranberry, Schattenmorellen – alles lief so mühe- und kollisionslos durcheinander, dass ich zeitweise nicht wusste, woher welches konkrete Aroma kam, vom Tom Ka Kai oder vom Champagner.

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Pirat I.1 Bagrationi 1882, Finest Vintage 2007

100 Chinuri, Flaschengärung.

Pirat I.2 Robert Camak, Brut 2007

80% Riesling 20% Chardonnay, Flaschengärung. Kein BSA. 15,2g/l.

Die beiden Piraten wurden schnell als solche erkannt, womit ich bei der Probenplanung gerechnet hatte. Nachdem die drei Hauptrebsorten Gelegenheit hatten, sich vorzustellen, wollte ich nicht nahtlos mit den Rebsortencuvées beginnen. Eine Zäsur musste her und zum Glück hatte ich zwei etwas abseitig erscheinende Schäumer parat, die nichtsdestoweniger einem guten didaktischen Zweck dienen konnten. Den Georgier in einem so noblen Umfeld zu erleben, war für mich besonders spannend, er schlug sich dabei nicht schlecht, traf jedoch niemandes Geschmack so richtig. Der kroatische Sekt konnte durchaus einige Stimmen auf sich vereinigen, seine Aprikosenmusnatur, vermischt mit der milden, eigentlich gar nicht vorhandenen Säure und dem Ausklang von naturtrübem Apfelsaft ist sicher kein Sekterlebnis, das einen befeuert, dafür ist der Sekt zu behäbig. Er ist aber auf eine angenehme, pfälzisch anmutende Weise behäbig, die ihn sympathisch macht.

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IV.1 Chartogne-Taillet, Cuvée Fiacre 2000

40PN 60CH von alten, zum Teil wurzelechten Reben. Mit geringerem Flaschendruck von ca. 4,5 bar als klassischer Crémant erzeugt. 8g/l. Alexandre Chartogne hat 11ha in Merfy, Chenay und St. Thierry. Selosse-Schüler.

IV.2 Leclerc-Briant, Cuvée Divine 2004

50CH 50PN aus Dizy, Cumières, Daméry, Hautvillers. Biodynamisch (demeter). 7-8g/l. Pascal Leclerc bewirtschaftet 30ha und betreibt ein Resozialisierungsprojekt für Jugendliche auf dem Gut.

dazu: Tramezzini vom Kaninchen | Vanillemöhren | Löwenzahn

Dann ging es auf zum ersten Cuvéeflight. Wieder sollten sich zwei Champagner den Verkostergaumen stellen, die alle noch in guter Verfassung waren.

Beim Fiacre merkte man den niedrigeren Flaschendruck nicht unbedingt. Er war in frischer Verfassung, die Balance zwischen Pinot und Chardonnay war praktisch perfekt, ein klarer Rebsortencharakter ließ sich nicht mehr ausmachen, hier zeigte sich zum ersten mal im Laufe des Abends, was Verschneidekunst bewirken kann. Die Vanillemöhren – manchem waren sie zu krachend, andere mochten genau das – und der Champagner waren eine gelungene Kombination und gefielen mir an diesem Gang besonders gut.

Druckvoller, stärker moussierend wirkte im Vergleich der Divine von Leclerc-Briant. Ich meine nicht, dass die Perlage groib wirkte, wie versciedentlich angemerkt wurde, will das aber auch nicht kategorisch ausschließen, wobei ich das hauptsächlich mit dem Crémantcharakter des Fiacre erklären würde. Der Divine ist ein Champagner, der auch im klaren Kontrast zu den Monocrus von Leclerc-Briant steht. Dieser Champagner ist dicht, wuchtig, aber er gehört nicht zu den rasiermesserscharfen, ultrapräzisen Champagnern. Darin unterscheidet er sich z.B. von den Chèvres Pierreuses aus gleichem Hause.

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V.1 Armand de Brignac, The Ace of Spades Blanc, dégorgiert im März 2009

40CH 40PN 20PM. 2005er Basis mit Reservewein aus 2003 und 2002. Trauben aus Grand- und Premier Crus (Chouilly, Cramant, Avize, Oger, Le Mesnil und Ludes, Rilly-la-Montagne, Villers Allerand, Taissy, Villers Marmery, Montbre, Pierry, Damery, Vertus, Mareuil-sur-Ay). 9,65 g/l. Der Dosageliqueur lagert neun Monate im burgundischen Holzfass. Erzeuger ist das Haus Cattier aus Chigny-les-Roses.

V.2 Vilmart, Coeur de Cuvée 2001

80CH 20PN von über 50 Jahre alten Reben, Fassausbau ohne biologischen Säureabau, verwendet wird nur das Herzstück der ersten Pressung. Laurent Champs verfügt über 11ha in Villers-Allerand und Rilly-la-Montagne.

dazu: Perlhuhnbrust | Steinpilze | Fregola | Paprikacoulis

Rund. Harmonisch. Sehr elegant. Animierend und balsamisch die Kehle heruntergleitend. Das ist der beste Champagner der Welt. Das süssliche Paprikacoulis war ein anspruchsvoller und geeigneter Partner für den Armand de Brignac.

Wuchtig, holzig, aus dem Glas drängend, dabei so seidenglatt und trotzdem raumgreifend ist das Schätzchen von Vilmart. Von Beginn an zeigt er eine Nase von frischgeschnittenen Pilzen, die sich oft bei reifenden Champagnern entwickelt und die fabelhaft zu den Steinpilzen passte. Bemängelt wurde, dass Vilmart mit dem offensiven Holzaroma Leere zu überdecken versuchen könnte. Das finde ich eindrucksvoll anhand der schillernden Aromenvielfalt des Champagners widerlegt. Bei reifen Vilmarts zeigt sich, dass die herausgehobene Holzaromatik sich einbindet, nicht indem sie zurückgeht oder auf unerklärliche Weise abgebaut wird, sondern weil die fortschreitenden Flaschenreifearomen aufschließen, der Kontrast zwischen Primärfrucht und Holz ist eben doch ein anderer, als der von Champignon und Fass.

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VI.1 Perrier-Jouet, Belle Epoque 1979 en Magnum

45PN 5PM 50CH. 95 Punkte bei Richard Juhlin.

VI.2 Laurent-Perrier, Grand Siècle Lumière du Millénaire 1990

58PN 42CH. 95 Punkte bei Richard Juhlin.

dazu: Ziegenfrischkäse | Schwarze Oliven | Ofentomate

Dann kam der Rocker des Abends. Die Belle Epoque zeigte sich in famoser Form. Reif, gewiss mit Apfeltypik aus Cramant unterlegt, doch spielte das für mich nicht die Hauptrolle. Viel wichtiger war mir der bestrickende Mundeindruck. So präzis und messerscharf wie das japanische Seppuku-Kurzschwert, mit dem man früher u.a. die Köpfe gefallener Gegner abgetrennt hat. Kühlend, ohne ein Übermaß an reifetönen, die gleichwohl merklich vorhanden waren. Unausgezehrt, vielschichtig und entwicklungsfreudig, trotz praktisch fehlender Perlage klar als Champagner erkennbar und schnurgerade auf dem Weg in eine burgundische Zukunft. Sehr schön zum Ziegenkäse, der die feine Säure des Champagners angemessen erwiderte, sehr schön auch zu Oliven und Tomate und wahrscheinlich der Champagner mit der rundum besten performance des Abends.

Schwächer war der Grand Siècle, ich vermute deshalb, dass die Zeit für diesen Champagner trotz vereinzelt vielleicht noch anzutreffender besonders schöner Exemplare gekommen ist. Obwohl erkennbar jünger als die Belle Epoque, schien mir hier die Substanz schon wesentlich weiter von Reife- und Alterstönen in Mitleidenschaft gezogen. Nicht, dass der Sonnenkönig mit zerkratztem Gesicht dagestanden hätte, aber er wirkte doch, als sei ihm die Schminke arg verlaufen. Er konnte das aber bei Tisch noch wettmachen, zusammen mit den schwarzen Oliven und der gebackenen Tomate kam mir der Champagner um Längen besser vor.

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Pirat II.1 Bergdolt, Weissburgunder-Sekt 2005 (Extra Brut), von Hand dégorgiert 2008

Grundweine in Kabinettqualität aus dem Kirrweiler Mandelberg – kalkhaltiger Lössboden – im Stahltank ausgebaut. Kein BSA. 3g/l.

Pirat II.2 Robert Dufour, "Les Instantanés" Blanc Gormand Extra Brut (genauer: Blanc de Pinot Blancs, Brut Nature), 2003, Tirage am 12. Mai 2004 , dégorgiert am 15. Juni 2009

100PB. 10ha in Landreville.

danach: Himbeeren | Sauerrahmsorbet

Bergdolts Weißburgunder war ordentlich, für Sektverhältnisse sogar ziemlich gut, doch kam es darauf nicht an. Denn er sollte sich einer Herausforderung aus der Champagne stellen, sich auf ein Duell einlassen, das nicht offensichtlich von den Stärken der Champenois dominiert wurde. Denn sein Flightpartner war ein ebenfalls aus Weißburgunder gewonnener Champagner. Beide verfügen über eine für ihre jeweiligen Verhältnisse recht lange Hefeverweildauer, liegen technisch am untersten Ende der Süßeskala und selbst die Bodenverhältnisse sind sich nicht unähnlich. Umso überraschender war es – oder auch nicht -, dass der Champagner überwiegend, schnell und ohne Zweifel als Champagner identifiziert wurde. Besonderen Trinkspaß, das sei noch hinzugesetzt, hat er aber nicht bereitet, dafür fehlte ihm meiner Meinung nach Pfiff, Witz, Rasse, Schwung, Aroma, Sapnnung, ja eigentlich alles, was einen guten Champagner ausmacht. Zu den Himbeeren ließen sich dennoch beide Schäumer gut vertilgen und abgesehen davon, dass die Himbeeren mit dem Sauerrahm schon sehr gut waren, kam mir die Kombination von beidem mit jedem der beiden Blubberer exzellent vor.

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VII.1 Pommery, Falltime Extra Dry

100CH. Drei Jahre Hefelager.

VII.2 Pommery, Drapeau Sec NV (70er Jahre)

60-70PN 30-40CH, 27g/l.

VII.2 Abel-Jobart, Doux, Millésime 2004

60PM 40CH. 55g/l. 10ha Sarcy

dazu: Pfirsich | Zitronenthymian | Erdnusseis

Klarer Favorit war für mich der Falltime. Der wirkte wie ein besonders saftig geratener Standardbrut, den Chardonnay vermochte ich nicht unbedingt herauszuschmecken. Wahrscheinlich handelt es sich dabei überwiegend um Chardonnays von fruchtiger Art und vielleicht sind noch ein paar Trauben aus zugigen Ecken wie Grauves dabei, die den erfischenden Säureunterbau verantworten. Fein schmeckte mir der Falltime zum Zitronenthymian. Zum Erdnusseis passte natürlich der merklich gealterte Drapeau Sec recht gut, da kam Nuss auf Nuss, aber auch Sherry und einige flüchtige Säuren waren im Spiel und trübten mir den Gesamteindruck – wobei sich der Drapeau insgesamt wacker schlug. Keineswegs so süß wie gedacht war dann der Abel-Jobart, aber auch nicht besonders fordernd. Anders als beim Doux von Fleury kam hier keine erkennbare Säure dazu, oder ein begeisterndes Aromenspiel. Auch mit dem Dessert vermochte sich der Champagner nicht recht anzufreunden. Als Schlusspunkt des flights wirkte er am schwächsten.

Weinkrimi – Paul Grote: Der Champagner-Fonds

Der Champagner-Fonds

Paul Grote

396 Seiten

Deutscher Taschenbuch Verlag, 1. September 2010

8,95 €

ISBN: 978-3423212373

Ich bin eigentlich kein Konsument zeitgenössischer Literatur. Mein guter belletristischer Geschmack ging vermutlich irgendwo auf halbem Weg zwischen Henry Millers "Opus Pistorum" und den Lustigen Taschenbüchern verloren, ganz genau weiss ich es selbst nicht. Die Frage, weshalb ich dann berufen sein sollte, über eine Krimineuerscheinung zu schreiben, erscheint deshalb nicht unberechtigt. Die Antwort ist jedoch aus gleich zwei Gründen einfach. Immerhin ist nämlich mein zwar nur geringer, aber in Grundzügen doch vorhandener strafrechtsdogmatischer und kriminalistischer Verstand an den (Minder-)Meinungen meiner Bonner und Münsteraner Professores geschult. Darüber hinaus handelt es sich bei dem hier zu besprechenden Werk nicht um eine beliebige Räuberpistole, sondern um einen Vertreter aus der Gattung "Weinkrimis". Genauer: es handelt sich um einen Weinkrimi, dessen Handlung champagnerzentriert ist. Das wiederum ist sozusagen der archimedische Punkt, denn auch mein Handeln ist champagnerzentriert.

Die besagte Handlung könnte nun, wie stets bei guten Krimis, zeitloser nicht sein. Es geht um Geldgier und die Macht des schönen Scheins. Deren Gewandung ist vorliegend höchst modern und wie sich der Danksagung des Autors entnehmen lässt, waren die Finanzmarktkrisen der jüngsten Vergangenheit ein ergiebiger Inspirationsquell. Daraus ergibt sich eine gegen Ende immer vertrackter werdende Komposition, die hier nur andeutungsweise ausgebreitet werden soll: der Chef des angesehenen Kölner Weingroßhändlers 'France-Import' lässt sich auf die Verstrickungen eines betrügerischen Champagner-Fonds ein. Sein Chefeinkäufer Achenbach ist zunächst ahnungslos, wittert jedoch alsbald Unrat. Er geht der Sache auf eigene Gefahr in der Champagne nach. Dabei entsteht so mancher Sach- und Vermögensschaden und es wird gestorben.

Das Lektorat war gegen den allgemeinen Trend recht gründlich, bei den französischen Akzenten hätte ich mir eine konsequentere Haltung gewünscht. Denn wer Dom Pérignon mit Akzent schreibt, sollte ihn der Rhône (S. 37), dem Pétrus (S. 91), dem Dîner (S. 196) und wunderbaren Château Les Crayères (S. 342) nicht vorenthalten. Ob die Fehler, die sich bei Ludwig XV. auf S. 105 und S. 192 eingeschlichen haben, einer allgemein antiroyalistischen Haltung geschuldet sind, vermag ich indes nicht zu beurteilen. Auf S. 112 wäre hingegen zu wünschen gewesen, dass der Falsche Mehltau, bzw. Peronospora nicht nur verstümmelt wiedergegeben worden wäre. Etwas später fällt auf, dass die Wertigkeit von Grand Crus und Premier Crus etwas verrutscht zu sein scheint (S. 180 und 238), auf S. 192 wirkt es dann schon mehr als freudianisch, wenn aus dem mittleren Namenspartner von Acker, Merrall & Condit zumindest phonetisch ein Teil von Merrill Lynch & Co. wird. Über die Art, wie in Krimis mit dem StGB und der StPO umgegangen wird, werde ich nicht richten, solange ich den Eindruck habe, dass es dramaturgisch zweckmässig und umgangssprachlich nicht zu beanstanden ist. Glücklicherweise gibt es in Grotes Krimi keinen Grund zur Beanstandung, denn es geschehen keine Patzer, die so nicht auch im täglichen Polizeigeschäft anzutreffen sind – Lob dafür!

Der Reiz dieses gut erzählten Krimis liegt, der Gattungsname deutet es an, weniger in der Ausgefeiltheit seines plots, als im Champagnerwissen, das der Autor en passant weitergibt. In dieser Technik ist er nach sechs anderen Weinkrimis meisterlich geübt und so wirken die eingeflochtenen Passagen keineswegs unnötig belehrend. Frei von Schnitzern ist das Buch trotzdem nicht. Denn auch wenn Chardonnay, Pinot Noir und Pinot Meunier die mit Abstand am weitesten in der Champagne verbreiteten Rebsorten sind, so sind sie doch entgegen der Behauptung auf S. 18 nicht die einzigen für die Champagnerherstellung zugelassenen Rebsorten. Im Gegenteil, historische und vergessen geglaubte Rebsorten wie Arbane, Petit Meslier, Pinot Gris und Pinot Blanc erleben gerade eine kleine Renaissance.

Sehr gut nachvollziehbar sind Protagonist Achenbachs Fahrten durch die Champagne, die Landschaft mit ihren Weinberghügeln, Raps- und Weizenfeldern schildert Grote mit großer Überzeugungskraft und vollkommen authentisch. Jede der Routen lässt sich nachfahren, bis hin zu den beiden Kreiseln zwischen Epernay und Pierry Richtung Côte des Blancs, an denen auch ich mich fast jedes Mal verfahre. Fixpunkte wie die Abtei von Hautvillers oder das oberhalb von Champillon gelegene Royal Champagne tauchen ebenso auf, wie das Grand Cerf in Montchenot oder das Castel Jeanson in Ay, alles Lokale, an denen man in der Champagne ständig vorbeifährt, wo sich das Geschäftsleben abspielt und wo reisende Weinhändler ihre Spesen durchbringen. Aus den Gesprächen, die der Protagonist z.B. mit Michel Drappier, Raphael Bérèche und Bruno Paillard führt wird deutlich, dass er sich zu Recherchezwecken intensiv mit der Materie auseinandergesetzt hat – was bei den drei überaus sympathischen Charismatikern übrigens nicht schwerfällt und vielmehr das reinste Vergnügen ist. Zwar habe ich Ausführungen zu sehr reifen und alten Champagnern vermisst, aber immerhin lässt Grote durchblicken, dass nicht jeder Champagner innerhalb von drei Jahren getrunken werden muss. Gleichzeitig bricht er eine Lanze für die kleinen Winzer und handwerklich arbeitenden Erzeuger, selbst wenn man Drappier und Paillard nur noch mit Mühe dazu zählen kann.

Fazit: die knapp 400 Krimiseiten sind so schnell weginhaliert wie der Inhalt einer gut gelagerten Magnum und machen genauso viel Spass.

Bochum kulinarisch

 

Nicht nur Essen hat mit "Essen verwöhnt" eine kulinarische Leistungsschau seiner unternehmungslustigsten Edelgastronomen anzubieten; in Bochum lässt man sich die Butter nicht von der Knifte nehmen und deshalb gibt es seit mittlerweile sogar schon 22 Jahren die allseits beliebte Sommerveranstaltung "Bochum kulinarisch", heuer vom 11. – 15. August. Hummer und Känguruh, Currywurst und Sushi, die insgesamt sechzehn Gastronomen aus Bochum, Herne, Hattingen und Witten bieten auf, was der Frischmarkt eben so hergibt.

Wie immer sollte der Abend an Daniel Birkners Stand, dessen Restaurant seit neuestem unter dem Namen "Herr B." in der Gesellschaft Harmonie firm- und residiert, beginnen und enden.

Als erstes musste Champagner her, an den ich mich der Einfachheit gleich den ganzen Abend hielt. Der Chartogne-Taillet Brut Cuvée Ste. Anne aus 60% Chardonnay, 40% Pinot Noir, Basisjahrgang 2006 mit 20% Reservewein aus 2005 und 2004 machte mir die Entscheidung leicht und war mit 40,00 €/Flasche sehr entgegenkommend kalkuliert. Die freundliche Inka schenkte vorbildlich ein und "Peddas lecker Brötchenmix" hatten vom Start weg eine adäquate Gleithilfe. Peddas Brötchen sind nichts anderes, als kleine Laugenbrötchen, unterschiedlich überbacken und mit einer schlotzigen Crémetunke serviert. Wer die bei Bochum kulinarisch auslässt, ist selbst schuld. Zur Foie Gras von der Gans mit Kartoffelpurée und Honig-Schalottenconfit ließ ich mir als Ausnahme an dem Abend ein Gläschen von Marcus Clauss' 2005er Huxelrebe TBA schmecken. Die schmeckte zum Glück nicht so arg nach Katzenpisse und Unkraut, auch ihr Alter ließ sie sich nicht anmerken.

Mit Kartoffelknoblauchpurée ging es weiter, Michael Hau von der "Orangerie im Stadtpark" war so freundlich, zu den dazu eigentlich vorgesehenen drei noch ein viertes hausgemachtes Lammbratwürstl zu legen. Da ich nur schwer bestechlich bin, liess ich mich davon nicht beeinflussen, sondern aß auch das vierte Würstl mit gutem Appetit auf. Damit war ich am Ende der Fressmeile angekommen und konnte mich nun der Rückrunde widmen.

Dabei stieß ich als erstes auf Entenspezi Helmut Wicherek und sein Restaurant "Oekey", wo es schwerpunktmäßig selbstverständlich um Enten geht. Nicht nur wegen der sommerlichen Temperaturen, sondern auch weil ich Sülze schätze, entschied ich mich für die Entensülze mit Schmorkartoffeln und Schnittlauchcrème. Eine gute Wahl, denn die Entensülze war fest, reichlich fleischhaltig und nicht mit allzuviel Gemüseschnickschnack aufgeladen. Ein paar Erbsen, Karottenschnipsel und einige wenige grüne Pfefferkörner eskortierten das feinfaserige Entenfleisch über den Gaumen und die Pharynx herab. Die Kartoffeln hätten besser nicht sein können, mit milder Schärfe erfrischend war die großzügig beigefügte Schnittlauchcrème.

Der "Livingrom" servierte in Rotwein geschmorte Ochsenbäckchen mit Stampfkartoffeln und Wurzelgemüse. Die Ochsenbäckchen waren in Ordnung, ich habe sie zwar schon zarter gegessen, lasse aber die schwierigeren Bedingungen des Freiluftkochens als notdürftige Rechtfertigung ausreichen. Was mir jedoch nicht gefiel, war die dünne und bitter abgehende Rotweinsauce. Die hätte wesentlich besser, nämlich einem Schmorgericht entsprechend konzentrierter schmecken müssen. Über das geschnipselte Wurzelgemüse konnte ich mich mangels guter Sauce dann auch nicht mehr so recht freuen.

"Diergardts Kühler Grund" bot Original Schweizer Rösti mit hausgebeiztem Wildblüten-Lachs an. Ein Gericht, bei dem man, so meine naive Vermutung, nicht viel verkehrt machen kann. Aber man kann durchaus. Statt krachenden Röstivergnügens gab es einen etwas labberigen Kartoffelpfannkuchen. Der Lachs wenigstens war fehlerfrei, aber auf den war es mir sowieso nicht angekommen.

Vom Hattinger "Gasthaus Weiß" ließ ich mir dann sechs Austern öffnen. Versöhnlich war daran vor allem, dass ich einen lebendigen Beistelltisch, bzw. Tellerhalter in Anbspruch nehmen konnte, dem, bzw. der hiermit mein vorzüglicher Dank gilt. Ausgesprochen wohlschmeckend war überdies der gebackene Ziegenkäsetaler mit Waldblütenhonig und gehackten Walnüssen auf Rucolasalat in Balsamico-Bärlauchdressing. Dieses Dressing hatte den einzigen Nachteil, den gesamten Teller sehr stark zu verölen.

Bei Herrn B. gab es abschließend noch westfälischen Schinken und eine Abschlussbuddel Champagner, bzw. ganz zum Schluß kam noch Johannes Deppisch von fränkischen Oldtimer- und Golf-Weingut gleichen Namens heran und gab eine Lage von seinem für Herrn B. gestalteten Josecco Rosé aus – ein Mix aus Schwarzriesling, Grau- und Weißbrugunder, mit gärungseigener Kohlensäure in Zell verperlt und unmittelbar ready to drink, denn ein kleiner Strohhalm ist bereits in der mit Schraubverschluss verschlossenen Flasche enthalten.