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Category Archives: Allgemein

Allerlei und allerhand Information rund um den schäumenden und den stillen Wein, Cognac, Hotels und Restaurants. Streng nach meinen eigenen Interessen geordnet und veröffentlicht.

Mal wieder Champagner

2015 gab es mehrere schöne Neuentdeckungen, viele Bestätigungen bei den beobachteten Champagnern, die alten Bekannten kamen dabei leider etwas zu kurz. Schöne Chardonnays hat das Jahr mir bisher ins Glas gebracht und es werden bis zum Ende des dritten Quartals noch einige mehr geworden sein, wie ich hoffe. Im Oktober gibt es dann die große Rutsche aller bis 1998 unter der Führung von Champagne Krug entstandenen Clos du Mesnils, ein vorgezogenes Weihnachten und sicher eine der Höhepunktveranstaltungen des Jahres. Die allgemeine Arbeit am Glas darf darüber aber nicht zu kurz kommen und sei hier in verzweifelter Kürze ausschnitt- und überblickartig zusammengafasst.  

Pierre Callot Blanc de Blancs Brut Grand Cru, dicke, reife, fette Chardonnaychampagner sind die Stärke von Callot, den man mit dieser Stilistik gar nicht in Avize vermuten würde. Aber woanders auch nicht. Die typische Chardonnaylangeweile, die von vielen nur mittelguten Champagnern ausgeht, ist Callot fern. Er fordert mit seiner oxidativen, milschschokoladigen, nussigen und dennoch stets frischen und apfeligen Art milden Widerspruch heraus, wobei deutsche Sekthersteller ohne engeren Champagnerbezug den ausgeprägten Luftton reflexhaft als Fehler ablehnen, Verbraucher schätzen ihn hingegen als champagnertypisch und besonders gesuchtes Merkmal. Für mich ist der Champagner von Callot immer eine sichere Zuflucht und ein Behagen verströmender Trunk. 

J. Charpentier Réserve Brut 80PM 20PN, Reservewein aus dem Fuder, mit 9,5 g/l dosiert, ist ein Klassiker der mittleren Marne, mit seiner rötlichen Fruchtgrundtönung, dem Brotduft, der Exotik von Mango-Maracuja Eis am Stiel.  

Maurice Grumier Brut Blanc de Noirs 80PM 20PN, 30% Reservewein, mit 9 g/l dosiert, ist im Vergleich mit Charpentier etwas straffer und enger anliegend, ja disziplinierter, wenn nicht gleich preußischer, aber immer noch als Kind der mittleren Marne zu erkennen und zu schätzen, vor allem, wenn man es etwas strikter mag.

de Venoge Cordon Bleu Légion Etrangère dég. 2011, ist ein Champagner aus 50PN 25CH 25M, der von Urban Legion vertrieben wird und dessen Erlös zu einem teil in soziale Projekte der Fremdenlegion fließt. Den Preis pro Flasche kann man bei ebay oder französischen Placomusophilisten rekapitalisieren, die Kapseln bringen zwischen fünf und acht Euro am Markt. Der Champagner liefert sehr zuverlässig ab. Gerade die länger dégorgierten Ausgaben wie diese hier entwickeln köstliche Reifenoten, sind vollmundig, beinahe schwülstig, aber mit herben, rauchigen und röstigen Noten, die den Champagner gekonnt abgrenzen.   

Vincent Couche hat seine Perle de Nacre auf Basis des 2004ers mit 5 g/l dosiert und findet ebenso wie die Cuvée selbst kein Ende. Der Stoff aus Montgueux hat in den letzten Jahren so viele Facetten gezeigt und ist dabei noch kein bisschen in die Jahre gekommen, dass es doch eine rechte Pracht ist. Eine gewisse Weichheit und wohlgeformte Rundung zeichnet sich aber mittlerweile schon ab und somit ein mehr als erfreulicher Erwartungshorizont beim Einlagern. Ähnliches behaupte ich aufs geratewohl für die demeterzertifizierte Cuvée Eclipsia aus dem Erntejahr 2011, und ungewöhnlichen 80PN 20CH, bei 3 g/l Restzucker und ohne jegliche Dosage. Ganz schön fett, der Champagner, oder klassischer gewendet: schönärschig. Gemäßigter in den äußerlichen Anlagen, aber ein Gingertyp ohnegleichen ist die Roséausgabe der Cuvée Eclipsia, mit 6 g/l dosiert, teils Saignée, teils macération carbonique, mit einer umwerfenden Sauerkirscharomatik. Die Cuvée Passion 2002, 50CH 50PN, dég. Juni 2014 und mit 7 g/l dosiert, war danach mit ihrer völlig anderen Reife und Struktur ein Exempel für die Auswirkungen langen Hefelagers, wobei der Passion keine verstörende Aggressivität innewohnte, sondern unschuldigster Trinkspaß. Die schwefellose Cuvée Chloé auf 2012er Basis mit 2011er PN/CH, stammt aus dem Faß und ist undosiert ein Mordschampagner. Ohne jeglichen Schnickes, unchaptalisiert, ungeschönt, ungeklärt, ungefiltert, mit viel Saft und Kraft. Die Sensation 1997, dég. 2012, erinnerte mich an honey-coated peanuts, Räcuhermandeln und getrocknete Zitronenschale. Sehr schön zu trinken und jetzt mit einer leichten Mürbe ausgestaltet, die noch nicht morbid ist und dem Champagner etwas von beiden Welten, der diesseitgen und der jenseitigen, gibt.      

Aus dem Hause Tarlant kommt schon lange ein nicht versiegen wollender Strom, origineller Champagnerideen und es folgt mit verblüffender Zuverlässigkeit eine Umsetzung, die nichts zu wünschen übrig lässt. Der Zéro auf 2007er Basis (55%) mit Reserven (volle 45%) aus 2006, 2005 und 2004 ist weiterhin als Drittelmix zusammengeschraubt; im September 2014 dégorgiert gab er sich brotig, nussig und straff, eben als der kernige Typ, den man erwartet, wenn man einen Zéro Dosage öffnet. Schön. Die Roséversion auf 2008er Basis, dég. Juli 2014, ist weiterhin eine der schärfsten waffen im Kampf gegen die Verkitschung und modische Anbiederei des Roséchampagners. So soll er bitte bleiben. La Matinale 2003 ist ein famoser, undosiert gebliebener Gleichklang aus Säure und Masse, so eine Art Tesla P85D unter den Champagnern und der Lohn frühmorgendlicher Arbeit im Weinberg. Der Name La Matinale kommt nämlich daher, dass im Jahr 2003 morgens immer sehr zeitig geerntet werden musste, um die Säurewerte einzufahren, die den Champagner lebhaft halten. Daraus entwickelte sich der tarlanttypische Cuvéespitzname, der sich schließlich offiziell durchsetzen konnte. Der 2004er Vigne d'Or (100M), dég. März 2015 kommt erst im september 2015 auf den Markt und jetzt schon sehr vielversprechend, das reinste Johannisbeergelee, lebhaft wie eine Katze, die nicht in das für den Transport zum Tierarzt bestimmte Körbchen einsteigen will und trotzdem verschmust. Der rebsortenmäßig große, altersmäßig jedoch jüngere Bruder vom Vigne d'Or ist der Vigne Royale aus 100PN, die in Condé sur Marne stehen. Erntejahr ist 2003, der nächste wird erst wieder den Jahrgang 2007 tragen. Die aktuelle Ausgabe ist seit September 2014 im Handel und dort aus dem Dornröschenschlaf erwacht, die schlaftrunkene Süße und Weichheit des Champagners ist einer putzmunteren Aufgewecktheit gewichen, die sich viel Anmut bewahrt hat, aber jetzt vor allem gesunde Burgunderaromen entwickelt. Der Vigne d'Antan ist jetzt im Jahr 2002 angekommen und frisch in den Handel gelangt. Als Brut Nature mit feinstem Pilzaroma und jugendlicher Frische, etwas machohafter Säure und goldenem Toast wirkt er wie ein völlig entfesselter Comtes de Champagne, der versehentlich mit Dom Pérignon aufgegossen wurde. Die Cuvée Louis, dég. Juli 2014 und mit 1,4 g/l dosiert, die zu den bestpreisigen Spitzenchampagnern gehört, ist auf Basis (=85%) des 99ers mit Anteilen aus 98, 97 und 96 einer der großen Würfe dieser an starken Champagnern schon so reichen Reihe.    

Mal was über die Mosel

Die Mosel ist meine Stillweinheimat. Der klassische Moselkabinettriesling ist im Stillweinbereich einfach durch nichts, insbesondere nichts mühevoll trocken durchgegorenes (meist mit verschämt weggeklemmtem Zuckerschwänzchen) zu übertreffen. Deshalb sind nehme ich Gerichtstermine des Arbeitsgerichts Trier, die als auswärtige Gerichtstage im Gebäude des Amtsgerichts Bernkastel-Kues stattfinden, mit einem lachenden und einem weinenden Auge wahr. Lachend, weil ich gern bei Gericht bin und schon manchen guten Verfahrensausgang von dort mitgenommen habe. Weinend weniger wegen der längeren Fahrtdauer, um dorthin zu gelangen; sondern aus einem anderen, eigentlich schönen Grund. Ich decke mich nämlich vor Ort auch gerne mit Wein ein. Und das kann die mitgeführte Barschaft teilweise erheblich belasten. Aber egal, das eingekaufte Vergnügen, so ephemer es zu sein scheint, entlohnt und entschädigt in angemessener Höhe. Meine jüngsten Eindrücke waren etwas durchwachsen, was aber an der vorschnellen Öffnung der betroffenen Flaschen gelegen haben kann.

1. Joh. Jos. Prüm Kabinett feinherb 2012
Ist ok, muss ich aber nicht haben. So wie ich die Bezeichnung feinherb und alles, was sich damit verbindet, insgesamt nicht haben muss. War mir auch irgendwie zu getrimmt und gemacht und ohne den sonst so geschätzten unbequemen Einstieg in die Prümsche Weinaromenwelt.

2. Joh. Jos. Prüm Kabinett 2012 
War etwas alkoholisch und hat offenbar reichlich Sonne abbekommen, die für den buttrigen Popcornton verantwortlich sein dürfte, im übrigen ziemlich klar strukturiert, kein Aromenlabyrinth und eng mit dem feinherben Jabinett verwandt. Mit gefällt's bis auf Widerruf.  

3. Joh. Jos. Prüm Graacher Himmelreich Kabinett 2011
Kam mir laktisch und alkoholisch zugleich vor, am Gaumen trotz des diffusen Naseneindrucks etwas schneller entwickelt, als unbedingt notwendig, bzw. von Prüm gewöhnt.

4. Joh. Jos. Prüm Graacher Himmelreich Kabinett 2009
Jugendlich, mit federndem, wippendem Schritt, abgeschmolzener Speck, dennoch etwas verschlossen und maulfaul, aber auf einem hoffentlich guten Weg.

5. Joh. Jos. Prüm Wehlener Sonnenuhr Spätlese 2008
Hier fehlte mir Säure. Und nicht nur ein wenig, sondern hier fehlte mir viel Säure. Die Spätlese wirkte nicht nur behäbig, sondern richtiggehend langweilig.

6. Joh. Jos. Prüm Wehlener Sonnenuhr Auslese 2003
Tangerine, Blutorange, Vetyverparfum, elegante Reife, der ideale Wein für Kolonialromantiker oder um sich dabei den sehr guten Film "Die letzten Tage in Kenya" anzusehen.

7. Max Ferdinand Richter Veldenzer Elisenberg Kabinett 2014
Schlank uns spritzig, wirkte aber gleichzeitig leider auch etwas dünn. Vielleicht kommt mit dem Alter noch mehr ausladender Hüftschwung dazu, der stünde dem Wein gut.

8. Witwe Dr. Thanisch Bernkasteler Doctor Kabinett 2013
Wie beim 12er Prüm Kabinett eine merkliche aber nicht störende Popcornnase, insgesamt eine gerade noch ausgewogene, klassische Moselschönheit, die für mich aufgrund der römischen Vergangenheit immer auch etwas dunkelhaarig-lockig-lockendes haben muss, eine schieferige Stinkigkeit zum Beispiel, oder Moschus oder irgendein verrucht bis obszön wirkendes Aroma.

9. Ansgar Clüsserath Kabinett 2014
Dem Richter nicht unähnlich, aber mit mehr Bizzel und Exotik, ohne in den Bionaden-/Limonaden-/Hipstergetränkabgrund abzurutschen.

10. Licht-Stadtfeld Brauneberger Juffer Spätlese 2013
Trotz seiner geringen Säure ein gelungener Moselriesling. Pausbackig und rund, süffig, unaufgeblasen, für mich eine gänzlich neue Art, Brauneberger Juffer in die Flasche zu bringen.

11. Marlene Schander Neumagener Engelgrube Eiswein 2009
Nougat, Toffee, Rumkirschen. Winterliche, kühle Säure, sehr gelungener Wein aus ausgerechnet Neumagen, das ich praktisch nur von Uralflaschen kenne, die gezwungen sind, ein trauriges Ramschkstendasein zu fristen, weil von Omas Weinnachlass keiner mehr etwas richtig dolles erwartet. Ich aber kann sagen: was ich da bereits getrunken habe ist zwar überwiegend nicht aus dem Weinolymp entnommen, macht aber riesige Freude, wenn man sich ein wenig mit Altweinaromatik anfreunden kann. Umso schöner, wenn es von Marlene Schander jetzt auch Neumagen in jung und spitzenmäßig zu trinken gibt.

Champagne round-up, glyphosatfrei (hoffentlich), Teil II/II

Oft ist die Rede vom Generationswechsel in der Champagne und andernorts. Da ist etwas wahres dran. Seit den 2000er Jahren ist insbesondere in der Champagne zu beobachten, dass eine neue Generation ans Ruder tritt und das allein wäre sicher nicht der Rede wert, weil es laufend und überall so geschieht. Aber: in der Champagne geht mit dem Generationswechsel ein Paradigmenwechsel einher, den ich schon mehrfach thematisiert habe. Nicht nur, dass die Winzer mittlerweile selbstbewusst als Winzer auftreten und dabei sind, so etwas wie eine Winzeridentität zu bilden – auch wenn es schon wieder gegenläufige Tendenzen geben mag und immer mehr erfolgreiche Winzer sich um eine Négociantzulassung bemühen. Nein, darüber hinaus ist es so, dass immer mehr Winzer immer größere Anteile ihres Rebbesitzes aus dem Traubenverkaufsgeschäft herauslösen, bzw. entsprechende Verträge mit den Traubenaufkäufern nicht verlängern. Je nach Risikobereitschaft belassen die vermeintlich kleinen Winzer nur noch mehr oder minder existenzsichernde Teile ihrer Flächen im Verkaufssystem und leisten sich mit dem anderen Teil die wagemutigsten Experimente. Das bringt die gesamte region weiter, denn je weiter die Winzer in allen Winkeln der Champagne ihre Sache treiben und zuspitzen, desto mehr erfahren wir schließlich über die extreme, zu denen das gebiet als Ganzes in der Lage ist. Einige junge Winzer, die sich überwiegend dem Fassausbau verschrieben haben, stelle ich hier ausschnittweise vor.   
 

Wir starten im Norden, bei Reims.

 

"Minière F & R" steht auf dem Etikett. F steht für Fréderic, R für Rodolphe. Der Champagner kommt aus Hermonville, das vor allem durch Francis Boulard und seine Tochter bekannt geworden ist, sonst kennt man dort eigentlich niemanden groß. Die Cuvée Brut Blanc de Blancs "Blanc Absolu" in ihrer satinierten Milchglasflasche wirkt schon rein äußerlich so schleierig und vernebelt, als hätte man David Hamiltons Idee von erotischer Ästhetik in eine Flasche gesperrt. Geschmacklich ist der Champagner solide, weniger von der fetten, buttrigen Sorte, mehr mit Schmackes und Äpfelsäure, aber letztlich umherirrend zwischen den Stilen. An den technischen Werten kann es eigentlich nicht liegen, dass alls so gedämpft wirkt, der Grundwein wurde ohne BSA im 4- bis 10-fach belegten Holzfass (228 und 300 Liter) vergoren, der Champagner wurde nach fünf Jahren mit 6 g/l dosiert. Und dennoch: absolut ist da gar nichts, verschwommen so einiges. Viel besser gefiel mir die Cuvée Influence, auch dies ein im Holzfass vergorener Drittelmix, ohne BSA und mit fünf Jahren Reifezeit auf der Hefe, abschließend mit 5 g/l dosiert. Der entschieden dunkle Charkater zeigt, dass die Minièrebrüder sich sehr wohl entscheiden können und in der Lage sind, einen Champagner mit klarer Ausrichtung zu produzieren. Röstnoten, Brioche, gesalzene Butter, Brombeermarmelade. Seit die beiden Brüder 2005 den elterlichen Betrieb übernommen haben, wird sich einiges gewandelt haben, nicht nur die Vinifikation (findet sei 2007 ausschließlich im Fassl statt). Es ist zu wünschen, dass sie die bei der Cuvée Influence gefundene Linie weiter verfolgen und ausbauen.   

 

Auf der D27, parallel zur Autoroute de l'Est, liegt westlich von Reims, hinter dem mitterweile weithin bekannten Gueux, der Ort Janvry mit seiner Kooperative Prestige des Sacres. Diese kleine Kooperative konzentriert sich auf Chardonnay und Meunier, Pinot Noir ist dort ohne herausgehobene Bedeutung. Die Cuvée Boisée aus 70CH 30M, vinifiziert im 300-Liter Eichenfass (doppelt getoastet, ein bis drei Jahre alt), wird in kleiner Auflage (4000 Flaschen pro Jahr) und sechs Monate fassgelagert hergestellt, die Dosage nach ca. vier Jahren beträgt 3 g/l. Der Champagner strotzt nicht gerade vor Datteln, Feigen und getrockneten Aprikosen, hat aber immerhin reichlich davon. Auf mich wirkte er wesentlich höher dosiert und nicht sehr fokussiert, vielleicht hat der Meunier von dem ganzen Holz doch einen Knacks mitgenommen. Wie dem auch sei, die Cuvée Boisée ist mit unter 40 EUR gut im Rennenund bietet soliden Trinkspaß. Aus den Stühlen wirft sie sicher keinen, aber wer einen anpassungsfähigen und durchaus originellen Begleiter zum Essen sucht, wird hier fündig.  

 

Weiter geht es in das Marnetal.

 

Avenay Val d'Or liegtgleich neben Ay und Mareuil-sur-Ay und ist nicht annähernd so bekannt wie die beiden Appellationsstars. Das liegt sicher daran, dass dort kein hochmögender Erzeuger seine Hallen errichtet hat. Was schade ist. Denn der Ort hätte das Zeug dazu, wie die Champagner von Yves Ruffin schon vor Jahren und über Jahre gezeigt haben. Sébastien Crucifix ist der jüngste Spross einer Winzerfamilie, deren neuere Geschichte 1947 in der örtlichen Kooperative begann und seit 2005 hat er die Geschicke des Hauses nun selbst in der Hand. Seine handschrift, die international geschult ist, kommt in der auf 1000 Flaschen begrenzten Cuvée Signature (80CH 20PN) zur Geltung. Ein Extra Brut, im Gegensatz zu den noch arg traditionellen, sprich viel zu hoch (10 g/l) dosierten und recht austauschbaren übrigen Cuvées, die ich probiert habe. Die Cuvée Signature wird in 205 und 300 Liter Fässern vinifiziert, die Grundweine liegen dann auch noch ein Weilchen (sechs Monate) darin und insgesamt braucht die Cuvée Signature an die sieben Jahre, um fertig zu werden. Das Ergebnis ist technisch sehr gut, röstig, aber nicht angebrannt, hefig, mit Brioche, Brotrinde, reifem Apfel, Nüsschen und allem was dazugehört. Was mir noch fehlt ist der touch an Originalität, der über die bloß gute Machart hinausgeht.     

 

In Boursault ist Champagne Claude Michez zu Hause, Laurence und Cyrille bringen unter dem Label La Villesenière zwei limitierte Cuvées heraus. Eine davon ist der Rosé de Saignée aus 80PN und 20CH. 900 Flaschen sind es nur, die Cuvée bekommt fünf bis acht Monate Zeit, im zwei- bis dreifach belegten, mittelstark getoasteten Holzfass zu reifen, bevor sie auf den Markt kommt. Wäre sie kübftig weniger stark dosiert, würde sie mir mehr Spaß machen. So ist der auch in die pflanzliche Richtung neigende Campagner zu süß und wirkt unharmonisch.

 

Von Boursault aus weiter in Richtung Westen liegt Champagne Piot-Sevillano aus Vincelles, gegenüber von Dormans und mithin kurz vor Trelou gelegen, gefiel mir gut. Christine und Vincent haben den uralten Betrieb 2007 übernommen. Die Cuvée Interdite ist das Schmuckstück der Produktion und mit 1500 Flaschen macht sie einen angemessen geringen Teil aus. Sie besteht zu 50% aus Chardonnay, 40% sind Meunier, 10% Pinot Noir. 15% vom Chardonnay haben einige Reifezeit im Fass verbracht, nach zwei bis drei Jahren ist die Cuvée fertig und kommt auf den Markt. Das war gar nicht so einfach, denn eigentlich sollte die Cuvée "Elegance" heißen. Ein Kollege hatte sich den Namen aber schon schützen lassen und den Piot-Sevillanos verboten, ihre Cuvée so zu nennen. Daher die neue, ihrerseits geschützte Namenswahl "Interdite". Verboten ist da sonst eigentlich nichts dran, eher leicht, fein, delikat, damenhaft, mit Rosen- und Orangenblüten, wie ich es ähnlich bei Charlot-Tanneux' Cuvée l'Extravagant empfunden habe.

 

Noch weiter westlich, wieder auf der linken Marneseite, ist Crézancy mit seinem Lycée Agroviticole, wo die jungen Leute von 3,23 ha immerhin sechs verschiedene Champagner und einen Ratafia herstellen, die Ecocert-Zertifizierung steht gerade bevor. Verkauft wird unter dem Namen Delhomme. Hauptakteur ist der Meunier. Gearbeitet wird mit dem klassischen pièce champenois, dem 205-Liter Fass. Mustergültig ist der bananig-birnig-exotische Brut Tradition, der jedem Meunierliebhaber das Wasser im Munde zusammenlaufen lässt. Der Trick dabei ist eine minimale Zugabe von Chardonnay, die dem Meunier das nätige Rückgrat und die Struktur für das ganze Obst gibt. Bei einem Preis von 13,30 EUR/Fl. allemal ein Vergnügen. Die Cuvée Euphrasie 2006 ist leider ein etwas simpel geratener Jahrgang, aber nach 2004 hatte es schon der 2005er ziemlich schwer und 2006 war in weiten Teilen der Champagne auch nicht gerade leicht zu händeln, soweit ich weiß, wurde er praktisch durch die Bank nicht als reserve angelegt, wenn nicht unbedingt nötig. Gegenüber dem Brut Tradition sehe ich nur ein leichtes Plus in Sachen Nuss, wesentliche Komplexitäts- oder Individualitätszuwächse konnte ich nicht feststellen, Dafür war der Brut Terroir aus 100M, der 9 Monate im Fass auf der Hefe liegen durfte, wieder sehr schön, wenn auch schüchtern wie ein Schulmädchen. Diese Cuvée erzielte denselben Effekt wie der Brut Tradition, allerdings ohne Zuhilfenahme einer weiteren Rebsorte und mit dem Plus einer behutsamen Fassbehandlung. Mit 23 EUR noch nicht überbezahlt, aber an der Grenze.

 

Gen Süden! In die Côte des Blancs:

 

In Cramant gibt es nach meiner Erfahrung die ausgewogensten Chardonnays überhaupt. Hier treffen sich Frucht, Körper, Säure und das, was man immer als Mineral oder im Sonderfall Champagne eben als Kreide bezeichnet. Mit nur 1,3 ha ist Benoit Diot von Champagne Diot-Legras in Cramant einer der kleinsten Winzer. Seine Cuvée Subtil ist eine Mikrocuvée und besteht, für Cramant absolut ungewöhnlich, nicht nur aus Chardonnay, sondern 50CH 40M und 10PN, die aus le Mesnil, Oger, Avize und Cramant stammen. Die 500 bis 1000 Flaschen, die er pro Jahr macht, werden in feuillettes vinifiziert, das sind Fässer mit 114 Litern Inhalt, die außerdem als Solera aufgebaut sind. Den Rest seiner Trauben verkauft Benoit. Für meinen Geschmack ballt sich in diesem Champagner etwas zu viel Holz, Reife, Konzentration und Dosage (8 g/l), um das ergebnis noch als sonderlich subtil anzusprechen. Auch ist dieser Champagnertyp eigentlich genau das gegenteil desse, was Cramant für mich ausmacht. Oder, positiv gewendet, vielleicht eine extreme Zuspitzung der Cramant-Tugenden. Ein Champagner jedenfalls, der sättigt. Für 28 EUR nicht überbezahlt.

 

Die Champagne wäre nicht vollständig ohne die Aube. Dort tummle ich mich zunehmend und zunehmend gerne.  Jully-sur-Sarce liegt leicht westlich der Achse Bar-sur-Seine, Celles-sur-Ource, Polisot, Polisy, Buxeuil, Neuville sur Seine, Gyé-sur-Seine, Courteron, wo sich einige der schönsten Perlen des südlichen Teils der Champagne finden. In Jully ist Champagne Abin Martinot zu Hause und fertigt auf der Ferme de Chanceron seit 2005 seine Champagner, unterstützt von Frau Peggy. Holz spielt auch hier eine wichtige Rolle, am meisten in der Cuvée Rollon (55CH 45PN), mit 7 g/l dosiert. Die Cuvée ist trotz des hohen Stellenwerts, den Holz in der Familie hat, ohne übertriebenen Holzeinsatz ausgekommen und wirkt nicht nur angenehm bescheiden, unübertrieben und gediegen, sondern sogar fast unscheinbar. Vinifiziert wurde als Hommage an die Vorfahren des Winzerpaares (Urgrossvater Martinot war noch selbst Küfer, die Großeltern von Peggy abenteuerten auf einem hölzernen Segelschiff) im Fass (300 und 600 Liter), mehr als 2000 Flaschen gibt es nicht. Auch kein Übermaß an Komplexität. Dafür viel Trockenfrüchte, dezent autolytische Röstnoten und nur vereizelt Einsprengsel von Honig. Im understatement ist Albin Martinot schon ganz gut. Jetzt müsste noch ein bisschen was mit Ausrufezeichen kommen, so in den nächsten Jahren.   

Champagne round-up, glyphosatfrei (hoffentlich), Teil I/II

Honigbienen, die ich für großartige Geschöpfe halte, bürsten die bei ihren Pflanzenbesuchen am Körper haften gebliebenen Pollenkörner mit ihren Füsschen in Pollenkörbchen den Hinterbeinen, wo sie zu Pollenhöschen verkleben und bei der Rückkehr in den Bienenstock in leeren Waben abgelegt werden, um daraus Honig zu machen. Ganz so ist es bei mir nicht. Doch immerhin nehme ich bei meinen Touren durch die Champagne manche Information mit, um sie dann in mehr oder weniger veredelter Form zu verschriftlichen und mich damit der – zum Glück sehr kleinen – Fach- und interessierten Laienöffentlichkeit aufzudrängen. Jetzt ist es wieder an der Zeit, eine dieser Waben zu öffnen und einige der berichtenswerteren Eindrücke meiner jüngeren Anstrengungen freizugeben.  

1. Fleury-Gille Brut Absolu, Trelou sur Marne, Mix aus Meunier und Pinot Noir, von mir schon verschiedentlich probiert und gelobt, fühlte sich beim trinken an wie – ja, wie Trinken. So klar, gerade und isotonisch, mit so viel unverfälschter Natürlichkeit, die ich in dem von mir bisher noch kaum weiter erforschten Trelou schon jetzt für beinahe selbstverständliche Grundhaltung der – mir bekannten – Erzeuger annehme.

2. Hatt et Söner 2009, produziert von Francois Vallois in Bergères-lès-Vertus, war mit Toffee, Milch und einer sahnigen Crèmigkeit beladen, ganz am Ende hatte ich auch den Eindruck von milder, ungewöhnlich früh entwickelter Pilzigkeit, wie bei einem zwergwüchsigen Dom Pérignon. Überbordend und hipsteresk altertümelnd war auch das Etikett, das an Tapetendekor in besseren Designhotels erinnerte.

3. Roger Manceaux, Cuvée Grande Réserve Premier Cru, mit Trauben aus Rilly la Montagne und Taissy, war viel niedriger dosiert als der Hatt et Söner und eine stimmige Rückkehr in den Schoß der Champagnerwinzerigkeit, die sich für mich immer durch eine dunkle, an Fassausbau erinnernde Note, durchsetzt mit Oolon-Tee, Malz und Zuckerrübensirup zu erkennen gibt. 

4. Barrat-Masson Grain d'Argile Extra Brut, 50PN 50CH, in Wahrheit undosiert, bot den meisten Spaß, die meiste Komplexität. Der Champagner aus dem südlichsten Zipfel des Sézannais ist irgendwo zwischen Mandelmus und Sesamsüßigkeiten aus dem Orient zu Hause, Kräuterzucker, Wildkirsche und Cola meine ich außerdem vernommen zu haben, das alles ohne den Eindruck jeglicher Süße. Einer meiner Lieblingserzeuger aus der bemerkenswert unaufgeregten Gegend abseits der bekannten Pfade.

Schon länger auf meiner Liste hatte ich Champagne Lecomte aus Vinay, das in der Vallée du Cubry liegt und somit in den Côteaux Sud d'Epernay. Der Cubry ist ein kleiner Bach, der sich aus dem Forêt d'Enghien bei St. Martin d'Ablois Richtung Epernay schlängelt. Der Legende nach trifft man dort jeden Morgen um 3 Uhr den bleichen Geist der schönen Adelsdame Alix, die im 13. Jahrhundert hier unglücklich verliebt ertrunken, bzw. in den Armen ihres Vaters gestorben sein soll. Entlang der Strecke von Epernay bis nach Festigny, auf der D36 gut zu fahren, finden sich zudem gleich mehrere Winzer, deren Meuniers besondere Beachtung verdienen. Unter ihnen ist aus Moussy natürlich José Michel einer der bekannteren, unter den Neulingen ist gewiss Sélèque der bekannteste. Festigny und Leuvrigny sind ihrerseits Bastionen des Meunier, wobei Loriot und der später hier im Text noch angesprochene Christophe Mignon zu den dort führenden Winzern zu rechnen sind. Abseits der Route liegt Chavot, noch am Eingang der Côte des Blancs und Grauves, praktisch auf der Hügelrückseite von Avize. Beide Orte haben ihrerseits ein eigenes Profil und am meisten macht meiner Meinung nach Aurelien Laherte in Chavot daraus, wohingegen Grauves mit seinen kühlen, säurelastigen und als Verschnittpartnern begehrten Chardonnays leider buchstäblich im Schatten liegt.

5. Lecomte Cuvée Darling Brut 100% Meunier, ist für geübte Trinker ganz gut als Meunier identifizierbar. Dunkle Frucht ist da, Brot und Luftton auch, die Dosage hält sich dezent zurück, die Säure auch und genau daran lässt sich die Rebsorte festmachen. Wenn man soweit gekommen ist, kann man außerdem feststellen, dass die Meuniers aus den Côteaux Sud d'Epernay gar nicht so exotisch-fruchtig sind, wie man der Rebsorte immer nachsagt, bzw. dass sie es hier im Gegensatz zu den Meuniers in der Vallée de la Marne eben nicht sind.   

6. Maurice Grumier Ultra; wenn wir schon über Vallée de la Marne reden, dann dürfen wir Fabien Grumier nicht unterschlagen, der in Venteuil einen guten Job macht und obendrein ein sympathischer Kerl ist. Der Ultra Brut ist bekanntlich ein Drittelmix auf 2009er Basis mit fünf Jahren Hefelager und Solera-Reserve, zum Einnorden des Gaumens bestens geeignet, mit einer unterschwelligen Bitternote sollte man umgehen können; ich kann's zum Glück.  

7. Tristan H. Brut, ist im Gefolge von Grumier eine gute Idee, geographisch betrachtet sind es nur ein paar Kilometer die Marne hinauf, champagnertechnisch betrachtet ist das Rezept ganz ähnlich dem Réserve von Grumier, der als grundlage für den Ultra dient. 50PM je 25PN/CH, 2009er Basis, 7g/l Dosage. Getragen wird der Champagner erkennbar vom Meunier, wobei sich hier die Unterschiede zur Machart wie beim Lecomte gut nachvollziehen lassen, ein ins Herber gehender Charakter verdankt sich hier wahrscheinlich eher den beiden Edelreben. Für mich immer wieder ein Vergnügen.

8. Lallier Millésime Grand Cru 2008 ist in dieser Preisklasse vielleicht nicht der einzige, aber einer von nur wenigen jahrgangsschampagner, die so präzis ausbalanciert sind und Jahrgangseigenschaften wie Reife und Säure so unverfälscht abliefern. Bildschön und leider unterschätzt. Der Rosé von Lallier ist auch nicht unbeachtlich und vielleicht sogar noch stärker unterschätzt, als der Jahrgang. Das liegt daran, dass man sich mit Roséchampagner kaum jemals wirklich ernsthaft auseinandersetzt, von den verrückten Sachen einmal abgesehen. Dafür ist das feld zu dominant besetzt von den üblichen Verdächtigen, dafür gibt es zu viel gleichartig Gutes und viel zu viel gleichartig Belangloses in diesem Segment. Die feinen, liebevoll gemachten, besonderen Rosés herauszufinden, ist noch schwieriger, als das ganze Weingeschäft an sich schon ist. Zu den ganz großen Rosés hat Lallier mit seinem noch nicht aufgeschlossen, aber die besten Anlagen dafür sind vorhanden.

9. Jacques Lassaigne Vigne de Montgueux en Magnum, ist trotz des Durstlöscherformats kein hirnloser Runterspülwein, sondern ein kleines Meisterwerk an Interpretation. Der falsche Weg wäre es, hier nach unendlich vielen Deutungsmöglichkeiten zu suchen. Der Weg ist nämlich vorgegeben: Weinigkeit und Säure zwischen Burgund und den kreidigen Tiefen von Le Mesnil. Weder dem einen noch dem anderen sich zu sehr zu ergeben, bedeutet das. Gebot der Stunde ist es vielmehr, den Montgueux selbst sprechen zu lassen. Dessen Botschaft ist gar nicht so wahnsinnig schwer verständlich und ergibt auch nicht die komplexesten aller Champagner, um hier mit einem auf das Montrachet-Bonmot zurückzuführende Missverständnis und damit hervorgerufenen falschen Erwartungen aufzuräumen. Denn die Champagne ist und bleibt (aller Wahrscheinlichkeit nach) eine Region, die vom kunstvollen Verschnitt lebt und vor allem damit Komplexität erzeugt. Einzellagen, in denen das gelingt, sind die extrem seltene Ausnahme. Der Montgueux allein ist, wie auch die Weine zB aus Bouzy, charakterstark und im Idealfall ein herausragender Verschnittpartner. Als Solowein reüssiert Montgueux dagegen nicht so sehr. Vielleicht, weil seine Aussage dazu doch zu lapidar ist. 

10. Barrat-Masson Blanc de Blancs Les Margannes ist ein weiteres Beispiel dafür, dass die als abseitig betrachteten Gegenden wahre Schätze bergen können. Ich habe das schon oft von den Kellermeistern großer Häuser zu hören und zu schmecken bekommen, aber es ist natürlich nicht ganz einfach, die Perlen dieser Region in Eigeninitiative ausfindig zu machen. Umso größer die Freude, wenn es denn doch mal gelingt und noch dazu in einem Zusammenhang mit Lassaigne zur Verkostung gelangt. Die UNterschiede liegen auf der Hand und erstaunlich finde ich, dass der Margannes viel karger wirkt, als der auf einem doch viel kargeren, reinkreidigen Boden gediehene Lassaigne. Autolyse, Hefe, ganz zarte Röstnoten vom teilweisen Fasseinsatz und sehr viel nach vorn drängender, den Gaumen penetrierender Chardonnay, wegen der pikanten Noten von Zitrusfruchtkonfitüre von Loic Barrat und Aurelie Masson (bis zur Gründung des 7-Hektarbetriebs Chefönologin der lokalen Kooperative) vollkommen richtig ohne Dosagezucker vermarktet und übrigens auch nicht chaptalisiert. BSA mal so, mal so. Pflichtkauf. 

11. Savart l'Ouverture, ist ein anderer Pflichtkauf für alle, die ihn noch nicht kennen und mal wissen wollen, was Pinot eigentlich noch so alles kann. Und für die, die in Pinot Noir immer nur die erotisierende Diva unter den Trauben sehen. Als ich den Champagner von Frederic Savart vor fünf Jahren zum ersten Mal trank, hat es sofort Peng gemacht und bis heute hallt der Knall nach. Muss man selbst probiert haben – gibt aber leider nicht viel.

12. Dosnon Recolte Noire en Magnum. Ein weiter Weg ist es vom einen Ende der Champagne an das andere, von Ecueil nach Avirey-Lingey, wo Davy Dosnon seine hammermäßigen Pinotchampagner mittlerweile allein macht. Die Récolte Noire kenne ich erst seit drei oder vier Jahren, bin aber nach wie vor begeistert. Aus der Zeit bei Serge Mathieu hat Davy Dosnon sicher die saubere, kontinuitätsgeneigte Arbeitsweise mitgenommen, von Moutard das Gefühl für die aromatische Dimension der ihm zur Verfügung stehenden Trauben. Beides vereint er mit traumwandlerischer Sicherheit in Gaumenvolltreffer. Pfeffer, Schwarzkirsche, den Wechsel der Jahreszeiten, den von Voltaire aus Cirey in Richtung Paris herüberwehenden Esprit, alles vermeint man hier mit allen Sinnen mehr zu spüren als zu schmecken.   

13. Marie-Courtin Efflorescence (2007), näher dran an Avirey als an Cirey ist Polisot, direkt an der Seine, kurz nachdem sie etwas weiter südlich die Laignes aufgenommen hat. In Polisot muss man Dominique Moreau von Marie-Courtin kennen und richtigerweise auch ihren Mann, dessen Champagner unter dem Namen Piollot begeistern. Als Antonio Galloni die 2008er Erzeugnisse von Dominique Moreau so lobend besprach, dass sie in den USA gleichsam über Nacht zum Star wurde, gab es den betrieb noch nicht sehr lange, nämlich erst seit 2006, was ja auch heute noch nicht alt ist. In der Zeit seit es die ersten Champagner von Dominique zu probieren gab, hat sich aber sehr viel getan. Immer ausgefeilter, an den richtigen Stellen naturbelassen und an den passenden Ecken durch behutsamen Eingriff veredelt, wurden die Champagner, wobei man über den letzten, den Rosé wohl noch sprechen muss.    

14. Charlot-Tanneux l'Extravagant Sans Soufre Ajouté, 50CH, 25PN 25PM, sponta vergorener Grundwein, 11 Monate Fassaufenthalt, 4 g/l Dosage, hatte einen lächerlich hohen pH-Wert und jeder gescheite Önologe hätte nach einem ersten Überfliegen der Labordaten gesagt: schütt weg. Nicht so Vincent Charlot, den man übrigens nur selten außerhalb seiner Weinberge antrifft und der bei meinen Besuchen stets erst von dort herbeigerufen werden musste. Ich finde das gut und sehe das wie bei den Köchen, die teilweise ihre hohe Dekoration in Fernsehstudios versilbern, während andere kaum einmal aus der Küche herauszuholen sind und es nur mit viel gutem Zureden zuwege bringen, mal ein Buch o.ä. zu verfassen. Mir ist die letztgenannte Sorte lieber. Vincent vertraute auf die tiefrgündige biodynamische Fundamentierung seiner Weine und ließ den Extravangant ohne BSA, ohne Schwefel, Klärung, Schönung oder Filtration werden wie er wollte und siehe, er wurde gut. Nein, nicht nur gut, sondern extravangant. So anders, wie es nur biodynamische Erzeugnisse zu sein vermögen. So blumig, dass mir schwindelig wurde, mit einer unglaublichen Säure, die wie von einer Metaebene auf den Wein einzuwirken scheint. Leider oder zum Glück konnte ich davon nur extrem wenige Flaschen mitnehmen. Eigentlich sogar nur eine pro Person und Besuch. Da ich aber die anderen bei ihm gekauften Flaschen selbst etikettiert habe, hatte er freundlicherweise ein Einsehen und gewährte mir eine großzügigere Zuteilung, die leider schon wieder komplett verzehrt ist. Der Charlot-Tanneux Expression en Magnum, 70PM 20CH 10PN, ist nach dem Sans Soufre mit gebührendem Abstand zu trinken, wie eigentlich alles danach mit gebührendem Abstand zu trinken ist, außer vielleicht der schwefelfreie Champagner von Marie-Courtin (Concordance heißt er) oder der neue von Leclerc-Briant. Der Expression, um auf den wieder in etwas einfacher nachvollziehbaren Bahnen laufenden Champagner zurückzukommen, ist weniger ein statement für die Rebsorte, als für den Boden. Ich weiß, dass man das schwer trennen kann. Aber nachdem ich die Grundweine von Charlot-Tanneux getrunken habe, die aus derselben Lage auf unterschiedlichen Bodentypen so grundverschieden sind, sehe ich die Dinge anders. Hier gebietet wirklich der Boden über Rebsortencharakteristika und nicht die Rebsorte über den Boden. Die leichthändige Art des Jiu-Jitsu prägt den Champagner, der in allem nachgiebig, eöastisch und flexibel wirkt.  

15. Moet et Chandon Millésime 1988, wirkt gute zehn Jahre jünger als er ist und kann daher immer wieder als Beispiel für die Lagerfähigkeit von Champagner herangezogen werden. Denn bei Licht betrachtet ist der Jahrgang von Moet nur eine ganz gewöhnliche Cuvée, eben mit Jahrgang versehen. Kein Hinweis auf die Lagenherkunft der Trauben oder deren Zusammensetzung findet sich da, was den Champagner formell ziemlich eindeutig in das Lager der einfacheren Cuvées rückt. Auch preislich ist er keine unleistbare Herausforderung und doch bringt er formvollendet alles das auf den Tisch, was man von einem starken Champagner erwartet. Vor allem Komplexität, Balance und eine merkliche Entwicklung, einerseits merklich als Resultat mehrere Jahre in der Flasche, andererseits merklich als Entwicklung, die vor dem Dégorgement stattgefunden haben muss, um die spätere Entwicklung überhaupt zu ermöglichen. Säure und Toast, Röstnoten, Apfel und Nuss versammeln sich da und gern hätte ich diesen Champagner in vier oder fünf Jahren nochmal im Glas, nur leider war dieses meine letzte Flasche.

16. Dom Pérignon 1998, gehörte mit 1999 und 2000 zu den Dom Pérignons der schwachen Phase. Nach der Freigabe schieferig, leicht schwefelstinkig, sonst sehr auf Noriblätter, Jod, Benzbromaron und höchstens noch etwas Toast beschränkt, konnte ich mich nie für dieses trinkbare Sushi begeistern. Erst seit zwei oder drei Jahren dreht sich hier der Wind und der 98er Dom blüht in seiner zweiten reifephase auf. Der 98er P2 ist zum Beispiel bildschön und auch wenn er völlig anders schmeckt als der regulär dégorgierte 98er, bleibt die Verwandtschaft erkennbar. Der normale 98er hat mehr Schrunden, Falten und Narben im Gesich, was ihm gut steht. Zu seiner Dompérignonigkeit bekennt er sich mit nun deutlich auszumachenden Toast-, Röst- und Pilznoten, die in unnachahmlicher Leichtigkeit ineinander verschränkt sind und den Champagner nicht eine Spur alt wirken lassen.   

Die Reifeprüfung – Comtes de Champagne in der Bibliothek (*/16), Balduinstein

Reinsortige Prestigecuvées sind nicht die Regel in der Champagne. Die lebt vom Mix der Rebsorten, Jahrgänge und Lagen. Reinsortigkeit an sich ist deshalb schon ein statement. Die Erzeuger sind mit diesen statements vorsichtig. Bollinger bewirbt die Vieilles Vignes Francaises nicht, Krug hält sich mit den Clos ebenfalls zurück und Salon ist sowieso ein Sonderfall. Nur Ruinart bekennt sich beim Dom Ruinart offen zum Chardonnay. Und Taittinger. Deren Comtes de Champagne gehören zu den selbstverständlichen Kompagnons der Tischkultur, aber man weiß doch recht wenig über sie. Daher schätzt man sie oft falsch ein. Die schlimmste Fehleinschätzung ist die, wenn man den Wein zu früh öffnet. Ein trauriges Schicksal für den Champagner, der zum Spülhelfer degradiert wird, ohne seine Qualifikation je wirklich ausdrücken zu können. Die Tellerwäscher zum Millionär Geschichte kann so jedenfalls nicht funktionieren. Champagner ist aber nunmal nicht, d.h. nicht mehr, der Tellerwäscher unter den Weinen. Vermeiden wir also in Zukunft, und das ist auch die Lehre, die ich mal wieder aus der Verkostung gezogen habe, ein allzu frühes, unbedachtes Wegtrinken großer Champagner, auch wenn es noch so viel Spaß macht. Warten wird mit noch viel mehr Spaß belohnt.

 

Terrassen-Wartechampagner war, bevor es in den gemütlichen Hallen der Familie Buggle, am Fuße von Burg Balduinstein und Schloss Schaumburg losging, der Brut von Taittinger, den man im Jardin de Crayères genauso bekömmlich wegsüppeln kann, wie im schönen Lahntal. Drinnen wurden gerade die Crespelle mit Lachs, Gurke, Kaviar und Wasabi gerichtet, damit es pünktlich losgehen konnte. Derweil kam draußen noch schnell der Comtes de Champagne 1997 in die Gläser, damit keiner auf dem Weg über die Straße dürsten müsse und das Körperinnere gebührend präpariert sei. Der 97er überraschte mit erheblicher Stärke und Präsenz. Makrele, Buchenholzrauch, verbranntes Fett, dazu eine ungeahnte und vor allem ungeahnt fitte Säure, die eine Entwicklung ins Orangige begleitete und selbst durchmachte, bei der mir alle Sünden und frevlerischen Aussprüche über den Jahrgang bitter und verkehrt vorkamen.

 

Der erste förmliche flight des Abends warf mein Weltbild weiter durcheinander. Comtes de Champagne 2005 war mandelig, süffig, voller Sapidität und Sukkulenz, aber genau deshalb auch unkonturiert und nebulös. Wie das bei jungen Großchampagnern eben oft so ist. Viel jünger als getippt schmeckte direkt danach der Comtes de Champagne 2000, dessen ausdrucksstarke Nase und aparte Säure mich eher an 2002 denken ließen. Unfassbar, gleich der zweite angeblich schwache Jahrgang, der so aufdrehte. Danach kam der gerade erst auf den Markt gelangte Dom Pérignon 2005, dessen toastige, röstige, holznahe aber holzfreie Art gerade in einer Comtes-Runde doch erheblichen Erkennungswert besitzen dürfte. Dachte ich. Aber nein, ich griff voll daneben und tippte auf Comtes 2000, den ich tatsächlich gerade erst zuvor im Glas gehabt hatte, nichtsahnenderweise. Beim Aufdecken also großes Hallo und das Koordinatensystem neu geordnet, Comtes 2000 für mich an der Spitze des flights und die beiden 2005er extrem unterschiedlich und dennoch pari.

 

Ein Zweierlei vom Rind mit Roter Bete und Räucheraal gab Gelegenheit zur Besinnung und Neuordnung, unterstützt von Nicolas Feuillattes Palmes d'Or 1996 und Feuillattes Blanc de Blancs 2002. Die Palmes, die man trotz ihres günstigen Preises und ihrer hohen drinkability nie so recht auf dem Schirm hat, wirkten entwickelt, buttrig, mit einer gegen Ende leider etwas wässrigen Art, die Säure hingegen unaufdringlich, wenngleich fortwährend da. Der Blanc de Blancs verblasste neben der fleischigen Körperlichkeit des Palmes d'Or und wirkte etwas eingeschüchtert.

 

Sehr reduziert, mit viel Austernschale, Löwenzahnblüte und kerbeligen Noten trat der Comtes de Champagne 1998 auf. Zwischen Reduktion und Frucht wollte sich nirgends so recht einpendeln der nächste Champagner. Ich hätte ihn in die Zeit nach 2000 gepackt und dachte, wir hätten es vielleicht jetzt mit 2002 zu tun. Aber wieder falsch. Um einen exquisiten, die Fahne des Jahrgangs noch einmal höher haltenden 1995er handelte es sich. Hätte ich, bei aller Begeisterung für dieses Jahr nicht für möglich gehalten. Für deutlich älter hätte ich hingegen den dann folgenden Comtes de Champagne 1999 gehalten. Der schmeckte so ähnlich, wie ein Dom Pérignon 1993 von vor drei Jahren. Erst völlig zugenagelt, dann rasend schnelle Entwicklung von Eisen, Jod und Seetang bis zu Weihnachtsgewürz und schließlich Minzöl. Wenn der Champagner das auch noch in langsam hinbekommt, freue ich mich auf die nächsten Jahre damit, aber in diesem flight bleibt für mich 1995 der klare Sieger.

 

Zur gebackenen Salzwassergarnele mit Lardo, Erbse und Kopfsalat ließe sich sich wahrscheinlich jeder Chardonnay gut trinken, was vor allem an den grünen aber weichen Aromen von Kopfsalat und Erbse und ihrer Empfänglichkeit für Salz jeder Art gelegen haben mag. Das wurde hier über den Lardo eingepflegt und passte sehr gut zum Sortencharakter der Champagner.

 

Zum Wildfangsteinbutt mit grünem Spargel, Spitzmorcheln und Estragon Beurre Blanc durfte es ruhig ein Comtes de Champagne 2004 sein. Zwischen ghee und trinkbarer beurre blanc in der Grundfrom bewegte sich dieser auch immer noch sehr junge Champagner. Natürlich ist das ein wundervolles Spielfeld für Spitzmorcheln. Auch der Butt tat sich nicht schwer und so konnte es nochmals gestärkt weitergehen.

 

Mit viel Rauch, Toast und Seetang kündigte sich der nächste Champagner an. Das fühlte sich an, wie wenn ein Zauberer oder eine Rockband auf die Bühne kommt. Der Bühnenrauch ist nur Show und eine echte Überraschung gibt es nicht, weil man sehr gut weiß, für wessen Show man das Ticket gekauft hat. Ich jedenfalls wäre verwundert gewesen, wenn es sich hier nicht um einen reifen Dom Pérignon gehandelt hätte, wobei ich irrig auf 1985 statt 1983 getippt habe. Den nächsten Champagner habe ich nur wegen seiner Eukalyptus-Mentholnote, die für deutliche und gelungene Reife spricht, für einen älteren Jahrgang gehalten. Sonst war da nichts, was auf Comtes de Chanpagne 1976 hingewisen hätte. Ein Kernstück des Abends. Als würdiger Paladin gesellte sich Comtes de Champagne 1983 hinzu, der sich nicht so zeitlos zeigte wie der Dom, sondern mit oxidativem Schokoton zu kämpfen hatte und bei dem später Minze und Liebstöckel eine Ältlichkeit ergaben die den Champagner müder wirken ließ, als den starken 1976er.

 

Gegrillte Meeresfrüchte mit Orangenfenchel und Bouillabaissesauce, dazu gab es Henriet-Bazin Brut Blanc de Blancs aus dem Erntejahr 2009 (70%) mit einer Solera von 1968 (!) bis 2008. Gepasst hätte wahrscheinlich auch der 97er Comtes mit seinen Orangenfilets, aber der war ja schon lange weg. Nun war es Henriet-Bazins Aufgabe, den Fenchel zu umwerben, was Solera sei Dank bestens gelang und dem frischen Chardonnayanteil des Champagners den Rücken freihielt für die Beschäftigung mit Meeresfrüchten, Röstaromen und Bouillabaisse.

 

Dick und saftig wie das rosa gegarte Bürgermeisterstück vom Kalb, das mit Spitzkohl, Petersilinpurée und Babymais auf die Teller kam, wirkte der erste Champagner des anschließenen flights. Dessen leichte alkoholische Schwere und das entwickelte Walnussaroma ließen einen vorsichtigen Schluss auf Comtes de Champagne 1990 zu. Danach gab es Dom Pérignon 1990, ein Champagner, der wie einst Willy Millowitsch nicht abtreten kann, der auf der Bühne sterben will. Der als Säureschlenker gedachte Comtes de Champagne 1996 hatte leider Kork und musste durch Bollingers Grande Année 1990 ausgetauscht werden, die sich aber nicht in Bestform zeigte. Abweisend, verschlossen, abgekehrt, erkaltet, mit schnell abnehmendem Mousseux. Besser aber immer noch, als der Comtes de Champagne 1986, dessen Whiskynote am Tisch so gar nicht zu begeistern vermochte.

 

Ein versöhnlicher Ausklang wurde uns dann beschert von zwei Champagnern, die man gut auseinanderhalten konnte, Dom Pérignon 1985 und Comtes de Champagne 1985. Natürlich war das Identifikationskriterium beim Dom Pérignon das kräftige Toastaroma und zum Topfensoufflé mit Rhabarber und Käsekucheneis wäre das einer der ganz wenigen Champagner, die ernsthaft etwas beitragen könnten. Wir haben uns aber zum Dessert doch lieber für einen klassischen Süßwein aus dem Hause Schönborn entschieden, der seiner gar nicht so einfachen Aufgabe, zwischen Quark und Rhabarber zu moderieren, gut nachkam.

 

Was habe ich gelernt? Vor allem Details. Die sind wichtig, wenn man es blind mit Wein zu tun hat. Am deutlichsten wurde mir das beim 1976er Comtes. Der schmeckte sehr jung, viel jünger, als der Jahrgang laut Etikett in meiner Vorausbeurteilung je hergegeben hätte. Aber Details in der Nase waren es, die den 76er verrieten. Außerdem habe ich über die Jahrgänge 1997 und 2000 gelernt, dass sie niht nur drei und vier und fünf Chancen verdient haben, sondern dass die Zeiträume zum Nachprobieren deutlich länger gestreckt sein dürfen. Ich werde das mit dem Jahrgang 2003 jetzt so handhaben. Beim Dom Pérignon 2005 habe ich festgestellt, dass er so stark auf typische Merkmale baut, wie vielleicht noch nie zuvor. Mir kommt er zur Zeit vor wie eine Konzentration von Toast und Röstnote, verbunden mit einer Leichtigkeit, die sich paradoxerweise fast greifen lässt.

 

 

Origines Champagne 2015

Von Florence Duchêne aus Cumières habe ich mittlerweile ca. fast die Hälfte der Produktion augetrunken und bin erstens noch nicht zu einem endgültigen Urteil gekommen, zweitens ist mein Eindruck aber weiterhin positiv. Das Weingut hat sich gegenüber meinem letzten Besuch außerdem vergrößert und zwar von drei auf nun stattliche vier Hektar. Die Cuvée Kalikasan aus 50CH 45PN und 5M, die außerdem einen Winzanteil von ca. 0,01PB enthalten (die Pflanzen sind einfach dazwischen gerutscht und wurden erst spät durch Zufall als Weißburgunder identifiziert), hat 0 g/l Dosage, was der einzige Unterschied zur Cuvée DiMangan ist (3 g/l Dosage aus Traubenmostkonzentrat). Erstaunlich, wieviel das bisschen Zucker ausmacht. Von hart, unerbittlich und trotzdem nicht ohne Charme hin zu offen, fruchtbar und spendabel mit nur 3 Gramm Dosage. Am besten gefiel mir diesmal die RoséCuvée Bathala aus 45CH 43PN 4M und 8% Rotweinzugabe. Lebhaft, mit voller Fruchtentfaltung, bei einem leicht oxidativ-milchschokoladig gehaltenen Stil, der mich außerdem an Trüffel mit Marc de Beaujolais Füllung denken ließ. Hagebutte, Konditoreiaromen und Veilchen rundeten das Erlebnis ab.

 

Der Schöpfer von Champagne Tristan H., der allezeit friedvolle, hintergründige und leicht verschmitzte Tristan Hyest brachte mit der Cuvée Brut Mature aus 55CH und 45PN aus dem Jahr 2004, 2012 dégorgiert, mal wieder eine Besonderheit mit, die ihm niemals auszugehen scheinen. Rauch und Röstnote von langem Hefelager, milde Laktik, etwas Brombeere, viel Körper, in den man sich hineingraben will. Preiselbeerkompott und Wildscheinpâté drängten sich dazu im Geiste förmlich auf, und ich in der Folge mich dem armen Tristan, um ihm am nächsten Tag einige Fläschelchen davon aus dem keller zu ent- und mit mir heimzuführen. Sein Rosé mit dem schönen Namen Iseult, der Blanc de Blancs und sein trotz des schwierigen Erntejahrs 2011 überaus gut gelungener, hiermit allseits nachdrücklichst empfohlener Brut nestätigten einmal mehr den früh, d.h. von Anfang an gehabten positiven Eindruck. Für mich bleibt jetzt nur abzuwarten, wie sich die verschiedenen Parcellaires und Spezialsachen über die Jahre entwickeln, wenn ich sie nicht vor der Zeit austrinke, was nicht unwahrscheinlich ist.

 

Benoît Déhu aus Fossoy brilliert nun schon etwas länger mit seinem Einzellagenprojekt La Rue des Noyers und macht die Leute verrückt, weil diese Form von Meunier (2012er Brut Nature, eichenfassvinifiziert und dort elf Monate verblieben) so vitalisierend und köstlich ist. Wichtig für mich: bei der Rue des Noyers lässt sich wie unter dem Mikroskop verfolgen, wie jede Änderung sich im Champagner auswirkt. Der Extra Brut 2011 mit zehn Monaten Fassausbau zum Beispiel ist mit einem (!) lachhaften Gramm dosiert und wirkt gleich viel langsamer, breiter, wenngleich immer noch sehr gut. Den Vorzug verdient aber 2012. Bei den Stillweinen ergibt sich ein ähnliches Bild, vor allem der Unterschied zwischen 2013 und 2011 ist frappant. Sehr eindrucksvoll sind auch die Unterschiede zwischen den verschiedenen Sektionen derselben Parzelle, auf die ich hier nicht näher eingehen muss, weil sie nur zu Demonstrationszwecken und nicht mit der Absicht jeweils eigener Vinifikation (was wohl ziemlich einzigartig wäre) vorgestellt wurden.

 

Pierre Amillet von Robert Moncuit aus Le Mesnil hat sich in Deutschland langsam aber stetig eine gewisse Gefolgschaft vor allem unter den sonst Stillweinfexen errungen und verdient. Sein Brut Grand Cru (mit 6 g/l dosiert und daher schon Extra Brut) und vor allem der Grand Cru Extra Brut (mit 3 g/l dosiert und daher schon Ultra Brut) haben schon lange meine Aufmerksamkeit und mehr noch die Jahr für Jahr gelungenen Jahrgänge. Jetzt kam krönend ein Parcellaire hinzu. Nicht aus irgendeiner Lage, sondern aus der Lage Les Chétillons. Die, so schien es immer, wurde einzig bespielt und dominiert von Pierre Peters. Doch das ist nun vorbei. Guy Charlemagne hat einen Chétillons rausgebracht und jetzt auch Pierre Amillet. Seiner ist Jahrgang 2008 und non dosé, bzw. bei Marktfreigabe im september 2015 wird er ausschließlich in Magnums und mit 2 g/l Dosage erhältlich sein. Wer da nicht zugreift, mach einen Riesenfehler. Bombastische Säure, Gojibeere und Himbeermark machen eindrucksvoll Weerbung für Robert Moncuit und bringen Leben in das sonst sehr abgesteckt wirkende Le Mesnil.

 

Laurent Vauversin von Champagne Vauversin aus Oger konnte mich nicht für seinen Brut Original Grand cru begeistern. Der war einfach zu hoch dosiert, 7 bis 10 g/l kann ich selbst ohne BSA nur schwer durchgehen lassen. Viel besser gefiel mir der Grand Cru Extra Brut Millésime 2008 von alten Reben, mit vollem BSA, einem minimalem Anteil Fassnutzung und 3 g/l. Da war der Zugriff, wie ich ihn mir bei der Basis gewünscht hätte. Unangefochten an der Spitze und Ausdruck seines Könnens ist nach wie vor die Réserve Orpair Grand Cru 2008. Schon im letzten Jahr war dieses freche Biest (damals noch 2007er Jahrgang) kaum zu bremsen. So versaut schmiegt und presst sich der Champagner an den Gaumen, dass man sich ganz verboten vorkommen muss. Zum Glück darf ich solche Champagner trinken, ohne gegen geltendes Recht zu verstoßen.

 

Champagne Denis Salomon aus Vandières hat mittelfristig einfach etwas mehr Biss nötig, um bei mir auf der Einkaufsliste zu landen. Gewiss: sein Inédite Brut Nature 2010 ist speichelfördernd und keineswegs schlecht, vor allem nicht zehrend oder übermäßig trocknend; was mir fehlt, sind bei dieser Cuvée aus 50PN 50CH Ideen, die den Selbstläufer, bei dem man nichts falsch machen kann, zum Iron Man oder sonstwas mit Merkcharakter machen. Der Millésime 2009 war mir mit 8 g/l deutlich zu hoch dosiert, Carte Noire (100M) und Rosé de Saignée (100M) leider ebenfalls. Im Restaurant und zu einer Küche, die keine Angst vor starken Aromen und reichtlich Salz hat, sind diese Champagner am besten aufgehoben, da gibt es die schönsten Paarungen.

 

Auf Fabien Grumier von Champagne Maurice Grumier habe ich mich gefreut, weil ich die Art, wie er die Champagnerklaviatur bespielt, sehr mag. Blanc de Noirs und Blanc de Blancs stehen gleichberechtigt nebeneinander, von hoch (9 g/l, die Cuvée Aline als weibliches gegenstück zum Amand sogar noch deutlich höher) bis niedrig dosiert (3 g/l), von aktueller Ernte bis zurück in das Jahr 2005 findet sich alles. Die Cuvée Amand bildet die Spitze und war dieses jahr mit nur noch 3 statt 6 g/l dosiert, was ihr sehr gut bekam. Dadurch verschwand etwas von der puttenhaften Pausbäckigkeit und der Holzeinsatz wirkte nicht mehr wie eine Babyschaukel, sondern schmückend wie ein dezenter Bilderrahmen. Schön war weiterhin der Rosé de Saignée Les Rosiers Extra Brut, ein 100PN ohne BSA, in dem verbindliche Freundlichkeit und herbe Strenge sehr passend vereint sind.

 

Jérôme Bourgeois von Champagne Bourgeois-Diaz aus Crouttes sur Marne hat letztes Jahr vor allem im Rosebereich gezeigt, was er kann. Dieses Jahr gab es seine Vins Clairs nach Rebsorten getrennt aus den Lagen Les Justices (Meunier aus dem 500-Liter Fass), Les Bien Aimées (PN, 600 Literfass) und Les Saint Méloirs (CH im 225-Liter Fass vinifiziert), beim Champagner gab es den 3C, naheliegenderweise aus allen drei Hauptrebsorten (40CH 35M 25PN), der trotz seiner nur 2 g/l Dosage uneingeliedert und unrund schmeckte, wie ich leider anmerken muss. Auch der Meunier "M" wusste nicht zu überzeugen. Zu bekannter Stärke fand erst der Blanc de Noirs "N" aus 40PN 60M mit 4 g/l Dosage zurück, Erde, Hagelzucker und schwerer Vorhangstoff, sehr schön umgesetzte Idee vom dunklen, schwarzen Charakter eines Blanc de Noirs.

 

Nathalie Falmet zeigte mit dem ZH 302 (das ist der Katastername der Parzelle) einen reinsortigen Meunier aus dem Erntejahr 2010, der im Holzfass vinifiziert wurde und undosiert geblieben ist. Nachdem die letzten Falmet-Champagner mir etwas lädiert vorkamen und auch in diesem Jahr weder der brut Nature noch der Brut auf Anhieb überzeugen konnten, ja sogar leicht käsig wirkten, war der ZH 302 genau das, was ich sonst mit dem Namen Falmet verbinde: schlank, schnittig, zestig, der BMW 507 unter den Champagnern.

 

Patrick Renaux von Champagne Soutiran aus Ambonnay versteht sich naturgemäß auf Pinot Noirs. Das mag in Ambonnay nich schwerfallen. Was mir dafür schon vor Jahren auffiel, ist sein Umgang mit Chardonnay. Statt sich nämlich auf die guten Ambonnaypinots zu verlassen, baut er in viele seiner Champagner erhebliche Anteile Chardonnay ein, so dass sich ein glückvolles Gleichgewicht ergibt. Etwas ähnliches muss der alte Dom Pérignon vorgehabt haben und sehr ähnlich, wenn auch mit einer Vielzahl an Parzellen aus einer Vielzahl verschiedenster Lagen, geht der Macher der heutigen Cuvée Dom Pérignon vor. Was zeigt, dass Patrick Regnaux mit seiner Arbeit so verkehrt nicht liegen kann. Womit man leben können muss, ist die hohe Reife und Süße seiner Champagner, selbst wenn zB in der Collection Privée Grand Cru Mis en Cave 2010 aus 53PN 47CH weit überwiegend aus dem Jahr 2008 und nur wenig (10%) 2009er lediglich 5 g/l Dosage zugegebn wurden. Am besten gefiel mir die Säure in dem dafür sowieso am besten geeigneten Jahrgangschampagner Millésime Grand Cru 2008 aus 47PN 53CH, die Perle Noire Grand Cru aus dem Jahr 2006 konnte verständlicherweise nicht mithalten.   

Des Pieds et des Vins 2015

Eine ganz neue Winzervereinigung, deren Logo dem der (nicht nur) Münchner Bier-, bzw. Weininseln sehr ähnelt, hat sich für die Grands Jours in der Champagne den Sonntagnachmittag und einen sonnigen Platz in meinem Herzen gesichert. Nicht so sehr im homoiopathischen Sinne eines similia similibus curentur sind der Ähnlichkeiten noch weitere: beim Namen der Truppe, die als "Des Pieds Et Des Vins" firmiert, drängt sich zumindest mir als sprachenübergreifendes Homoioteleuton immer gleich Steinbecks "Of Mice and Men" auf. Ohne dass es deshalb gleich zu Todesfällen kommen muss, ist das vielleicht gar nicht mal so abwegig, wie wir gleich sehen werden.

Nach neunzig Jahren zeigte sich das Bois Joli auf halber Strecke zwischen Reims und Epernay 2014 erstmals wieder in neuem Glanz. Bis dahin war der Laden ein eher beliebiger Schuppen am Wegesrand, an dem man immer nur möglichst schnell vorbei zum nächsten Ziel seiner cruise'n'booze Tour sauste. Der von Herrn Jolibois gegründete Laden nahm sich der Pieds et Vins Winzer gern an und wird das nicht bereut haben.

Die einzelnen Winzer stelle ich nach und nach etwas ausführlicher vor, an dieser Stelle genügt es sicher, wenn ich die ergreifendsten Cuvées skizziere. Bei manchen Neuentdeckungen muss ich mich sowieso erst noch vor Ort vergewissern, dass der Eindruck, den ich auf der Probe gewonnen habe, nicht nur einmaliger Natur war, sondern mindestens in seiner Grundtendenz bestätigt wird. Für praktisch alle Winzer gilt: die Mengen sind sehr klein, vielfach gerade mal an die 10000 Flaschen pro Jahr, manchmal sogar deutlich weniger. Exklusivität ergibt sich so ganz von selbst.

Champagne Barrat-Masson kommt aus Villenauxe, etwas unterhalb von Sézanne und auf der Nord-Süd-Achse von Epernay über die Côte des Blancs bis nach Troyes leigt der Ort grob spiegelbildlich zu Vitry-le-Francois. Ähnlichen Überraschungscharakter hat der Chardonnay von dort. Der Parcellaire "Les Margannes" aus dem Erntejahr 2011, non dosé, kommt förmlich aus einer anderen Welt, der Mund fühlt sich an, wie mit einem Heliumballon gefüllt, der plötzlich zerknallt und wie eine Kreidesplitterbombe gegen die Backen querschlägt. Famos.

Bleiben wird doch, bzw. gehen wir noch etwas weiter in den Süden, zu Champagne Robert Barbichon aus Gyé-sur-Seine, zwischen Les Riceys und Essoyes. Thomas Barbichon macht einen guten Réserve 4 Cépages aus 70PN 10M 10PB und 10CH, dessen Dosage kleinere Unebenheiten wegbügelt und einen sympathischen Champagner entstehen lässt. Besser noch, wenngleich etwas rustikal, mit Wildkirsche, Malz und einer herbfröhlichen Art ist der mit 6 g/l dosierte Rosé de Saignée.

Champagne Rémi Leroy aus Meurville, wieder etwas nördlich von Essoyes, immer noch in der Aube, gelegen, kenne ich seit meinem ersten oder zweiten Troyes-Besuch (leider viel zu spät und viel zu oberflächlich). Gekauft habe ich meine ersten Flaschen damals im Crieurs de Vin, nicht beim persönlichen Check vor Ort. Das persönliche Kennenlernen ging dafür umso leichter während der Pieds et Vins vonstatten, wo mir der strenge, gespannte, düstere Brut Base (2010) mit 6 g/l besser als der 2009er gefiel und noch eine Nummer besser war die Basis 2011 mit nur noch 3 g/l.

Der Ruf von Champagne Etienne Calsac aus Avize ist stellenweise schon auf die rechte Rheinseite herübergedrungen und wer dem Klang der Kreide aus Grauves lauschen will, sollte sich die beiden Versionen der L'Échappée zu Gemüte führen. Die gibts mit 6 und mit 2 g/l dosiert (Traubenmostkonzentrat), der Mix ist bei beiden 95CH 5PN und das Erntejahr ist jeweils 2010. Grauves, das wegen seiner Lage auf der Hügelrückseite der Côte des Blancs vor allem für seine Säure und in Teilen für besondere Langlebigkeit bekannt ist, gibt dem Chardonnayerzeuger aus Avize einen besonderen Dreh.

Champagne Corbon, auch aus Avize, macht einen Champagner mit 35 Jahre alter Solera, der für Solerachampagnerfreunde eine echte bereicherung im Portfolio darstellen wird. Mir war er etwas zu weich geraten. dafür habe ich mich umso leidenschaftlicher in den Absolument Brut verliebt. 50CH 25PN 25M aus der 2008er Ernte, 0 g/l Dosage, im Februar 2015 dégorgiert – ein Traum von einem Hammer von Champagner. Einer der ganz großen Überrascher des Wochenendes.

Aus Cumières kommen immer mehr schöne Erzeugnisse. Yann Vadin von Champagne Vadin-Plateau zum Beispiel gehört nach meiner jüngsten Wahrnehmung auch dazu. Nicht alle seine Champagner gefallen mir, was vor allem an der für mich zu hohen Dosage liegt. Aber seine Cuvée Aurelie aus der Lage Chêne la Butte, ein reinsortiger Chardonnay, im Ei vergoren, hat schon ganz gute Substanz. Und die Cuvée Y aus der Einzellage Bois des Jots, 100PN aus dem Fass, zeigt, wohin die Reise einmal gehen könnte, wenn Yann sich zu mehr Präzision und weniger Zucker entschließt.

Nichts zu deuteln gab es bei Champagne Aurélien Lurquin aus Romery, nur wenige Kilometer hinter Saint Imoges gelegen. Der Meunier 2013 non dosé ohne BSA war so rasend schnell, so blitzeschleudernd furios und ungestüm wie ich die Rebsorte noch selten erlebt habe. Das hier ist Schach, nicht Dame.

Champagne Thomas Perseval aus Chaméry, neben Ecueil, dem heimlichen Gravitationszentrum der Champagne, habe ich erstmals in der Epicerie au Bon Manger in Reims getrunken. Dort wurde ich noch nie enttäuscht, bzw. wenn, dann nur weil die eine oder andere Flasche nicht mehr verfügbar war. Thomas Perseval also macht das, was ich leider einen geilen Saufstoff nennen muss. Das gilt schon für den Tradition aus 45PN 45M 10CH aus 2012er Ernte ohne Dosage und noch viel mehr für den zu meinem großen Ärger ausverkauften Drittelmix Grande Cuvée aus den Lagen La Masure, La Pucelle und Le Village; wieder 2012er Ernte, wieder Nulldosage, noch geilerer Saufstoff.

Von Chamery weiter nach Norden fahrend gelangt man irgendwann, d.h. recht schnell sogar, nach Gueux. Bevor man dort ankommt, liegt Vrigny auf der Strecke, wo der unglaubliche Guillaume Sergent für den eponymischen Champagne Guillaume Sergent verantwortlich zeichnet. Dieser Champagner ist der zweite ganz große Überrascher des Wochenends geworden. Aus zwei Parzellen stammt der Les Prés Dieu, ein 100CH Extra Brut, der wie eine naturtrübe Apfelsaftschorle mit einem Spitzer schwarzer Johannisbeere schmeckt, Kuchenteig, Streusel, gute Butter und trotz aller Omazutaten eine Finesse und Leichtigkeit, rabiate Power und jugendliche Unbekümmertheit, so explosiv wie Volleyball im Minenfeld.

Sehr philosophisch wurde es mit dem schon länger in meinem Glas wirkenden Champagne Stroebel von Timothée Stroebel aus Villers-Allerand. Dessen einfachen Héraclite aus 100M kenne und schätze ich, die Roséversion davon habe ich kennengelernt und schätze sie nun, aber der eigentliche Donnerstoß ist der Logos d'Héraclite, ein Rosé de Saignée aus 100PN, 2005er Ernte, Brut Nature. Nur 814 Flaschen gibt es davon und gefühlt müssen es zehnmal so viele sein, deren Extrakt Stroebel eingefangen und auf sein kleines Kontingent konzentriert hat wie Tomatenmark in der Tube. Reife Kirsche, Eau de Vie, Schlehenfeuer, Erdbeerpurée, Himbeere, Zimt, Nelke, schwarzer Pfeffer, betäubende Würze. Von wegen Heraklit, der Dunkle. Das hier ist illuminaughty.

Champagne Mouzon-Leroux aus Verzy erfreut sich in Deutschland schon einiger Beliebtheit, in Billy Wagners nobelhart & schmutzig gibt es zum Beispiel den Atavique aus 60PN 40CH, der zu 20% Fass gesehen hat und mit 3 g/l dosiert ist. Das ist die Einstiegsdroge. Der Ineffable und vor allem der Rosé de Saignée L'Incandescent aus 100PN, 100% Fass, mit 4 g/l dosiert, ist ein ungeheures Kraftpaket und einer der Rosés, die kunstfertig und höchst unterhaltsam zwischen Frucht und Holz, weiniger Gemütlichkeit und champagneriger Ungeduld pendeln.

Les Mains du Terroir 2015

Die Mains du Terroir sind größer geworden und umgezogen, vom Theatre in den überdachten Wochenmarkt von Epernay, wo ich sonst gerne statt des französischen Hotelfrühstücks schöne Hähnchenschlegel verzehre.

 

Dieses Jahr waren mehr Winzer denn je zu besuchen, ich habe mich deshalb auf eine Auswahl beschränken müssen. Die war nicht völlig willkürlich, sondern wohldurchdacht und länger vorbereitet. Mehrere Winzer konnte ich schon im Vorfelkd besuchen und bei einigen bin ich durch häufigeres Vorab-, bzw. Nachverkosten schon ganz gut im Bilde.

 

Bei Champagne Aspasie aus der Vallée de l'Ardre gab es in den letzten Jahren für meinen Geschmack nicht genug Action, was den Cépages d'Antan (mit 9 g/l dosiert, was ihm etwas von der Beschleunigung nimmt) nicht beschädigt, in der Auseinandersetzung mit anderen Altrebenchampagnern, von denen es schließlich immer mehr brauchbare bis herausragende gibt, aber eben auch nicht nach vorne bringt. Der 2009er Jahrgang profitierte von der auf 2 g/l reduzierten Dosage. Der Brut de Fût mit seinen 8 g/l und dem leicht schläfrigen Holzeinsatz, bei angenehm langer Griffigkeit hätte über eine Reduzierung sicher auch nicht klagen können.

 

Champagne Maxime Blin operiert dicht an der für mich kritischen Grenze von 10 g/l und bedarf deshalb meiner Beobachtung; seiner Carte Blanche, der Grande Tradition und der Cuvée Maxime Blin tut das keinen Abbruch. Jedoch: der undosierte Blanc de Blancs Millésime 2013 war schon jetzt das, was ich mir von den anderen Cuvées wünschen würde. Ungetüncht, sehr elegant, nicht unzüchtig und nicht von unschicklicher Nacktheit. In vier Jahren wird er, mit höchstens drei Gramm dosiert, sicher ein schönes Beispiel für einen gelungen vinifizierten Jahrgangschampagner aus einem nicht ganz einfachen Jahr gelten dürfen. Wenn Maxime sich bei seinen anderen Cuvées dazu entschließen sollte, die Dosage herabzusetzen, würde mich das riesig freuen.

 

Von de Sousas Brut Réserve habe ich nur kurz gekostet, um mir danach drei Ausfächerungen von de Sousa genauer zu beschauen, die man gar nicht einem einzigen Winzer zuordnen würde, sondern drei völlig verschiedenen. Der Klassiker von de Sousa ist die Cuvée des Caudalies aus Solerachardonnay der Orte Avize, Oger und Le Mesnil, deren erstaunliche Weichheit über das erhebliche Potential des Champagners hinwegtäuscht. Die Cuvée Umami 2009 hat an Fett zugelegt und zeigt jetzt alle Aromen wie in einem Konkavspiegel vergrößert. An die guten Pferdeknackwürste vom Kaspar Wörle erinnert mich zunehmend die Cuvée Mycorhize, so fettarm, fleischig und intensiv ist der Champagner. Sanftmütig, aber nicht im minderen Sinne stoisch, saftig, lang und ohne jedes Chardonnayklischee.

 

Und wieder nähern wir uns Eric Rodez, der nach Jahren nun endlich die Aufmerksamkeit zu bekommen scheint, die ihm zusteht, jedenfalls in Deutschland. Die Vins Clairs des Jahrgangs 2013 waren die helle Freude. Der Chardonnay öffnete sein Nussherz und zeigte die kraftvoll darin pulsierende Wildkirsche, der Pinot Noir daneben elegant, zurückhaltend und fein wie russischer Zobel, aber unwahrscheinlich kraftvoll auch dieser Wein. Die Champagner sind kleine Denkmäler. Der Blanc de Blancs aus 2008, 07, 06, 05, 04, 03 war so vollmundig, vorbildlich und weit weg vom Klischee, dass man fast eine neue Kategorie innerhalb des Genres für ihn aufmachen müsste. Der Blanc de Noirs aus den gleichen Jahren mit Ausnahme des 2003ers, der hier durch 2002 ersetzt wurde, ruht buddhistisch in sich selbst, ein Pinot, der völlig unaufgeregt sich seiner Schönheit selbst bewusst ist. Sowas gelingt nur ganz selten, einen ähnlichen Eindruck hatte ich nur einmal bei einem  Domaine Prieuré-Roch Chambertin Clos de Bèze, den ich (natürlich, möchte ich fast meinen) in der Champagne getrunken habe. Die neue Dosage Zéro aus 30CH 70PN, gemixt aus 2006, 05, 04 und 02 hat völlig richtig keinen Zucker zugesetzt bekommen, weil auch diese neue Cuvée im perfektionistischen Rodez-Stil so gebaut ist, dass alles notwendige bereits aus den verwendeten Grundweinen genommen werden kann und Zugaben des Winzers weitestgehend unnötig, ja störend erscheinen. Die Cuvée des Grands Vintages aus 05, 04, 02, 00, 99, 98 zeigt das ganz deutlich und befindet sich JETZT auf Nöchstniveau. Eine vollere Ausprägung von Jahrgangskomplexität habe ich in einem Multivintage noch nicht erlebt. Anders ja, aber nie so, dass einzelne Merkmale greifbar werden und zu sprechen scheinen. Die Empreinte de Terroir Champagner von Eric Rodez aus dem Jahr 2003 gehören wie die Vorgänger aus dem Jahr 1999 als Pinot und als Chardonnay zu den Denkwürdigkeiten des Champagnergeschäfts und zu den Champagnern, die man getrunken haben muss, um ernstlich mitreden zu können. Archetypischer geht es eigentlich nicht, ohne Abstriche zu machen.

 

Ein alter Bekannter ist natürlich auch Janisson-Baradon, dessen Toulette als Vin Clair schwer Eindruck bei mir gemacht hat. Der hätte für mich allein schon das Tagesziel markieren können. Der Extra Brut, den ich mir auch gern im neuen Laden von Cyril genehmige, mitten in Epernay am Kreisel, dort, wo es zu den großen Häusern hinauf geht, der griff nach Kräften in die dargebotenen Aromenangebote und weil er aus Pinot und Chardonnay gleichermaßen besteht, machte er den Übergang zu den sprudelnden Toulette, Conges und Tue Boeuf 2006 leicht. Am weitesten stach der Toulette 2006 heraus und nahm damit dem von mir für eine ganze weile favorisierten Tue Boeuf wieder Punkte ab, der unter Conges firmierende Meunier kommt da nicht ganz mit, gehört aber zu den stärksten Meuniers der Region. Anschauen kann man sich die Reben übrigens ganz einfach vor Ort, den Chemin de Conges erreicht man, indem man einfach rechts am Anwesen von Janisson-Baradon vorbei nach oben geht und sich dann hakenförmig nach links wendet, als quasi Richtung hinterer Garten des Hauses, dort stehen auch die Trauben vom Nachbarn Leclerc-Briant.

 

Die Terminator-Champagner von Penet-Chardonnet wirken auf mich, wie aus der Zukunft, wie aus einer Zeit, in der man mit überlegenen Werkzeugen um ein Vielfaches präziser arbeiten kann, als heute. Der Reserve Grand Cru Extra Brut aus 70CH 30PN ist mit leichten 3 g/l dosiert und wirkt deshalb stramm, ohne großes Gepäck, stahlig und mit einem Hauch von blanchierter Mandel. Die Cuvée Parcellaire Les Fervins aus Verzy ist ein 2009er Champagner, mit 70PN 30CH, mit etwas zeitlichem Abstand wirkt er süßlicher auf mich, als vor wenigen Monaten noch. Am beeindruckendsten ist der Pacellaire Les Epinettes, ein Verzy Grand Cru 2009 aus 100% Pinot Noir, dessen Aroma von gesalzenen Nüssen mir doch sehr dicht an dem zu liegen scheint, was man das Terroir von Verzy nennen könnte. Formal noch höher anzusiedeln ist die Cuvée Diane Claire, Grand Cru Brut Nature 2002 mit zwei Dritteln Pinot Noir und einem Drittel Chardonnay, alles aus Verzenay. Hier kommen Butter, Hefe, Honig, Seide, Balsam, Akazien und Apfel in einen Bottich, woe sie kundig vermengt werden und in schönster Balance am Gaumen begeistern. Und dennoch: wenn ich gefragt werden würde, ich würde den Epinettes vorziehen.

 

Mit die schönsten Vins Clairs hatte das junge, in Deutschland schon gut eingeführte Talent Sélèque dabei. Sein Meunier aus Pierry, Les Gouttes d'Or und sein Rosé de Saignée, beides 2013er hatten allerbeste Anlagen. Vanillekipferle, Krokant und Traubenmost hier, Mandel, Frische und Schlürfigkeit da – und das schon nur beim Vin Clair! Comédie 2008 war brotig, mälzelte etwas und hätte nicht höher als mit den hier verwendeten 4 g/l dosiert sein dürfen. Partition 2008 und 2009 sind saftig, flott, ja rockig (2008), bzw. klarer, klassischer, förmlicher (2009). Einmal mehr wird hier gelten, dass der 2008er ruhig liegen darf, bis der 2009er seine Vorzüge voll verausgabt hat und sich auf dem absteigenden Ast befindet – das sieht Sélèque ganz ähnlich, weshalb er den Verkauf der 2008er gestoppt hat und erst in ca. fünf Jahren wieder aufnehmen will, mit Spätdegorgements. Überhaupt nicht kindsköpfisch, rebellisch oder aufmüpfig war der 2009er Rosé de Saignée, der auf mich saftig mit leichtem Halskratzen, sonst aber herbfrisch und ziemlich erwachsen wirkte.

Der Klügere kippt nach: Q1 und Vorschau auf einige Neuerscheinungen

Damit nicht jemand annimmt, dass ich aus Überheblichkeit meine Beschäftigung rühmend übertreibe (Sallust), berichte ich von meiner auch im vergangenen ersten Quartal nicht abbrechenwollenden Befassung mit dem Champagner. Das ist so schwer wie noch nie zuvor. Ich verzichte deshalb auf jede einzelne Benennung selbst wenn das gegenüber den nicht benannten Champagnern eine nur schwer zu rechtfertigende Heraushebung ist, indes, für Rechtfertigungen bin ich meiner Natur nach einfach zu faul. Erklären und beschreiben ist mir dagegen ein Bedürfnis.

Auf der Haut les Vins habe ich es mit Vincent Couche und Benoit Tarlant und somit zwei Terres et Vins de Champagne Haudegen zu tun gehabt, die sehr gegensätzliches Zeug machen, das mir aber von beiden schmeckt. Einmal mehr im Gedächtnis geblieben ist die seit Jahren erhaben dahinsegelnde und alterslose, bzw. auf hohem Reifeniveau gleichsam konservierte Cuvée Sensation 1997 von Vincent Couche, während Benoit Tarlant mit der Jahrgangsfortsetzung seiner Rebsortenreihe verdiente Punkte eingefahren hat.

Das Riedel Glas-Tasting auf der Prowein war viel weniger ergiebig. Maximilian Riedel servierte Champagne Roederer aus Schalen, die außerhalb der Film- und Vorstellungswelt von Raymond Louis Bacharach (a.k.a John Thompson) und der Konsumenten seiner Filme keine Daseinsberechtigung haben. Auch die völlig unnötigerweise und zu meinem großen Ärger immer noch produzierten Sektflöten boten keinen Erkenntnis- oder gar Genussgewinn. Klar war hingegen von vornherein, dass der Brut Premier aus dem innerhalb kurzer Zeit und völlig zu Recht etablierten Veritas-Glas gut schmecken würde und klar war auch, dass der Rosé aus dem Burgunderglas gut schmecken würde. Vertane Zeit war das am Ende trotzdem.  

Die Champagner-Lounge und und ihr Drumherum auf der Prowein gefiel mir dafür gut und umso besser, weil im nunmehr dritten Jahr endlich der Eindruck entstand, hier wüchsen die Champagnerproduzenten zusammen, was zumindest räumlich wirklich der Fall war. Vereinzelt sind sie immer noch in irgendeiner der immer mehr werdenden Hallen verstreut und erfordern Fußarbeit für den Besuch, aber der Zeitaufwand ist doch sehr geschrumpft, durch das Zusammengeknubbele. Claus Niebuhr lenkte mit Begeisterung und Verve meine Aufmerksamkeit geschickt auf Champagne Michel Mailliard aus Vertus, dessen Gamme mir gut gefiel und für dessen gereifte Bibliotheksweine ich mich demnächst vor Ort noch etwas stärker interessieren werde. Christian Holthausen, der nach längerem Ausflug in die englische Schaumweinproduktion wieder in die Champagne zurückgefunden hat, zeigte die neuesten, sehr verfolgenswerten Entwicklungen bei A.R. Lenoble, wobei mir besonders gut gefiel, dass es oberhalb der Cuvée Intense noch erheblichen Spielraum gibt, der zudem gut, wenngleich noch nicht voll, zB von der Cuvée Aventures, genutzt wird. Vazart-Coquart überzeugte mich noch einmal von den Stärken des Chardonnays aus Chouilly und werde bei den bevorstehenden Grands Jours in der Champagne weiter nachhaken. Antoine Roland-Billecart und Eric Calzolari von Billecart-Salmon erläuterten einige Einzelheiten zu den von ihnen mitgebrachten und oberhalb des Millésime sehr selektiv ausgeschenkten Champagnern. Auf den neuen 1999er Clos St. Hilaire weise ich nur deshalb hin, weil von ihm viel zu selten die Rede ist, dabei gehört er zu den allergrößten Champagnern überhaupt. Coteaux Champenois Freunde dürfen sich auf einen neuen Rouge auf 2013er Basis von Billecart freuen, der erst im Juli auf den Markt kommen wird, für Deutschland sind nur 480 Flaschen vorgesehen, wie ich erst jetzt erfahren habe. Bei Billecart spricht man vom größten Rotweinjahr aller Zeiten, wer die zurückhaltende Art dort kennt, weiß, was das bedeutet. Bei Pommery gab es ein freudiges Wiedersehen mit Thierry Gasco, der zu später Stunde jeden noch so bekloppten Selfiewunsch erfüllte und mit einer buddhistischen Gemütsruhe ertrug, die es ihm wahrscheinlich überhaupt erst ermöglicht, Champagner wie den Clos Pompadour oder die langsam an Fahrt aufnehmende Louise 2002 zu schaffen. Von Bollinger wird man im Mai mehr hören, da findet die offizielle Vorstellung der Grande Année 2005 statt, die in Rosé schon jetzt den Gaumen anspringt, in weiß dagegen noch ein Weilchen Ruhe oder ein großes Glas oder ein Bad in der Karaffe gebrauchen kann. 

Meine eigene Veranstaltung, die Champagne-Reise von Norden nach Süden will ich an dieser Stelle nicht noch einmal ausbreiten, die meisten, wenn nicht alle meiner Leser waren ja vor Ort und leiden wahrscheinlich noch heute unter der Heimsuchung durch Albträume in denen sie das Gehörte wieder und wieder erleben müssen. Nur so viel: für nächstes Jahr drohe ich eine Wiederholung in dieser oder ähnlicher Form an.  

Im Düsseldorfer Rheinturm gab es die, und damit meine ich DIE Chef-Veranstaltung der Caractères et Terroirs, in's Leben gerufen und seit der umjubelten Jungfernveranstaltung 2014 zu noch stattlicherer Größe gebracht von der schaffensfrohen Nicola Neumann. Champagne Dosnon (mittlerweile ohne Lepage) und Champagne R. Pouillon blieben in der Auswahl von an die hundert Champagnern und den Gewächsen der Familie Raumland dieses Mal besonders haften. Die anwesende Winzerschar hätte an dieser Stelle natürlich eine eingehendere Beschreibung verdient, nur leider: der positiven Eindrücke waren so viele, dass ich die Winzer lieber alle nochmal einzeln vorstelle, die meisten sehe ich nächste Woche ja sowieso wieder.

Was fiel sonst noch positiv auf? Champagne Soutiran ist weiterhin auf einem guten Weg, mit mehr Dynamik als in den letzten Jahren, bei gleichbleibend hoher Weingüte. Comte Dampierre hat mit dem Jahrgang 2002 einen schlanken, griffigen, sportlichen und leicht apfeligen Champagner vorgelegt, der momentan vom 2005er Family Reserve Blanc de Blancs übertroffen wird, ihn aber vermutlich in fünf bis sieben Jahren wieder eingeholt haben wird, um ihn dann nach kurzem Kampf hinter sich zu lassen. Aspasie hat 2007 einen guten Jahrgang erwischt, was keine Selbstverständlichkeit ist. Immerhin, Deutz, Roederer und Pierre Peters sind damit am Markt, der Trick ist aber: die Chardonnays kamen 2007 alle ganz gut durch das Jahr, einen Blanc de Blancs zu machen war also nicht so schwierig, wie einen Drittelmix oder einen von Meunier dominierten Champagner, wie er im Manretal üblich ist. Dafür ist der von Aspasie schön schlank und spritzig geworden, ohne schlimme Macken, ausgelatschte Breite oder wegen der am Ende doch beinahe überbordenden Ernte gegenteilig einer Verwässerung. Louise Brison hat mit der Cuvée Tendresse 2005 in einem unebenen und noch immer schwierig einzuschätzenden Jahr alles an Akazienhonig, feiner Säure und mittelgewichtiger Eleganz herausgeholt, was ging und dafür Lob verdient. Wieder und wieder empfehelenswert in allen Klassen ist Mouzon-Leroux, deren Champagner erwiesenermaßen zur guten Küche passt, den Beweis erbringt gern Billy Wagner in seinem neuen Restaurant nobelhart & schmutzig.

Weniger eine Frage der Neuerscheinung als eine Frage der sich langsam ankündigenden Trendumkehr ist die Nachricht, dass Perrier-Jouet eine Nuit Blanche auf den Markt wirft, die mit 20 g/l dosiert ist und sich damit in die Riege der gezielt hochdosierten Champagner vornehmlich der großen Häuser einreiht. Hervé Deschamps hat dabei vergleichsweise leichtes Spiel, weil er zu den Kellermeistern gehört, die mit einem geringen Reserveweinanteil von 15-18% arbeiten, wobei auch das bei den großen Häusern weiter verbreitet ist. Viele kleine und mittelgroße Produzenten packen hingegen bis zu 50% Reservewein in ihre jahrgangslosen Cuvées und geben ihr so von Grund auf ein völlig anderes Gepräge. 

Im nächsten Quartal geht es weiter mit den großen Verkostungstagen in der Champagne, die große Comtes de Champagne Probe steht an, das Dejeuner aux Huitres und einige weitere aufregende Veranstaltungen, über die ich dann wohl gesondert berichten werde.