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Category Archives: Allgemein

Allerlei und allerhand Information rund um den schäumenden und den stillen Wein, Cognac, Hotels und Restaurants. Streng nach meinen eigenen Interessen geordnet und veröffentlicht.

Cumières: René Geoffroy vs. Philippe Martin

Cumières in der westlichen Grande Vallée de la Marne ist eine wahre Winzer-Wundertüte. Da gibt es Mikrowinzer mit Ausnahmewein zu Ausnahmepreisen, Winzernachwuchs mit naturgottheitlichen Champagnern und natürlich gibt es dort die alteingesessenen Winzerfamilien, die in neunter und zehnter Generation Wein anbauen. Einer dieser fast 900 Cumariots ist Jean-Baptiste von René Geoffroy, ein Liebling nicht nur der französischen Weinpresse und weltweiten Weinspürnasen, dessen Holzfassvinifikationen (meist ohne BSA) ich schon seit Jahren verfolge (trotz Verwirrungstaktik mit Häusern in Ay und Cumières), ohne daraus jedes mal ganz schlau geworden zu sein. Eine andere alte Familie ist mit ihren zwei sehr ansehnlichen Töchtern in der Rue du Bois des Jots zu Hause, parallel zur Hauptstraße in Cumières und aus westlicher Richtung kommend im direkten Anschluss an die Rue Henri Martin: Champagne Philippe Martin, deren Champagner ich noch nicht so lange kenne aber schon jetzt sehr mag. Beide Betriebe haben ihre ca. 10 Hektar Weinberge oder etwas mehr.

Philippe Martin Brut Zéro Millésime 2004, dég. Dez. 2014, voll, reif, walnussig, PN/CH voll ausbalanicert und gut, hier hat der Winzer alles richtig gemacht, was es richtig zu machen gibt. 2004 in Reinform und weder mit 25 EUR im Spezialangebot noch für 28 EUR regulär zu teuer, vielleicht von der französischen Weinkritik nicht verstanden, übersehen oder trotz letzthin leicht gestiegener Bepunktung falsch eingeschätzt und deshalb so moderat im Preis.

Philippe Martin Brut Millésime 2005 ist leider ein Champagner, bei dem nicht klar ist, warum es ihn gibt. Er wirkt, als sei dem Winzer nicht viel dazu eingefallen. Druck ist da, auch milder Akazienhonig ist da, lässt den Champagner aber unnötig angereift wirken. Sonst ist er sauber durchvinifiziert und schnörkellos gut, nur eben nichts besonderes.

René Geoffroy Extra Brut Millésime 2005, dég. 2014, pustet den 2005er von Philippe Martin um und weg. 53CH 30PN 17PM im Barrique vinifiziert, ist eine ganz genaue Vorstellung vom Jahrgang, optimal umgesetzt. Ertrag und Qualität der Jahrgänge 2005 bis 2007 waren in der Champagne nicht durchweg erfreulich, gerade im Norden waren sie sogar nur für ganz wenige wirklich erfreulich. Vollmundigkeit, Reife und Komplexität in den Wein hineinzubekommen war zwar kein Wagnis, aber ohne zündende Idee drohte Belanglosigkeit. Jean-Baptiste Geoffroy hat sich glänzend geschlagen, seine 6000 Flaschen von dem Jahrgang werden nicht lange auf Käufer warten müssen.

Philippe Martin Brut Speciale mit überwiegend PN/CH im Gleichgewicht und etwas (in den letzten Jahren immer weniger werdend) Meunier, alles aus Cumières und Hautvillers, der Reserveweinanteil der durchschnittlich 3 Jahre auf der Hefe liegenden Cuvée beträgt hohe 50%, dosiert wird mit 8 g/l. Mir gefiel die Cuvée Speciale nicht ganz so gut wie der 2004er Jahrgang aber immerhin besser als der 2005er von Martin; vor allem die Süße störte mich und schien mit einem medizinalen Bitterl zu hadern, aber normalerweise hätte ich die Cuvée Speciale auch zumindest vor dem 2004er trinken müssen, meine Schuld also, wenn der Eindruck jetzt verschoben ist. Für 17 EUR jedenfalls eine noch gute Leistung.

René Geoffroy Empreinte, PN/CH aus 2008, Vinifikation im Eichenfuder, mit 22,50 EUR ab Hof ein echter Schnapper, dessen vitale Säure noch jahrelangen Spass verspricht.

Philippe Martin Brut Réserve für 15,50 EUR, dürfte für Viele eine echte Überraschung im Glas sein. Das liegt am überraschenden Mix: Meunierdominanz aus Verneuil, Pinot Noir aus Cumières und Chardonnay aus dem Vitryat, über dessen Eigenheiten und Vorzüge ich selbst erst seit kurzer Zeit im Bilde bin. Eine Besonderheit dieses Chardonnays ist seine hohe, zuckerverschlingende Säure, die sich im Réserve bemerkbar macht und 10 g/l wie nichts wirken lässt. Der Champagner hat Brotteig, Hefe und Exotik vom Meunier, Quittengelee, Limone und brombeerige Weinigkeit steuern die beiden Nobelreben hinzu, das Ergebnis ist nicht besonders komplex, aber einladend und mit hohem glou-glou Faktor.

Philippe Martin Brut Blanc de Blancs für das gleiche Geld wie der 2005er zu haben (26 EUR), aber entschieden spasshafter, durch Holzfasspassage und eine viel niedrigere Zuckermenge (2 g/l) ist hier viel mehr Kontur, Schliff, Glanz und Gediegenheit wahrzunehmen, Außerdem wirkt der Champagner birnig, nur entfernt haselnussig und leicht, was gerade die mit Holz in Berührung gewesenen Gewächse und die mit langem Hefekontakt wegen ihres dort entwickelten Hangs zum Fetten nicht immer tun.

René Geoffroy Volupté 2007, 80CH 10PN 10PM, teils Fuder-, teils Stahltankvinifikation (45/55), ist wegen des Erntejahrs ein Wagnis gewesen, wenn man genauer reinschmeckt, kann man sich einbilden, die Schwächen zu merken. Hier sitzt nicht alles so stramm, einige oxidative Anklänge wirken wie Flugrost auf sonst makellosem Blech. Dem Namen des Champagners wird das trotzdem irgendwie gerecht, schmutzige, fleckengesprenkelte Wollust ist ja auch völlig ok.

Philippe Martin Brut Terre d'Antan, 100PN aus einer Parzelle in Cumières, 2009er Ernte, sechsmonatiger Fasspassage, mit 4 g/l dosiert. Für 30 EUR zu haben und damit wertgerecht bezahlt. Der Terre d'Antan ist keine Wuchtbrumme, sondern Pinot von der verästelten, komplexen Sorte, die einen unbedachten Holzeinsatz nicht verzeiht. Für Cumières, für gelungenen Winzerpinot ist dieser Champagner ein Glücksfall, ähnlich wie der 2004er in der Weinpresse noch nicht in Gänze angekommen.

Philippe Martin Brut Rosé de Saignée, ein PN/PM aus der 2012er Ernte, der gut 36 Stunden auf der Maische stand und danach im Eichenfass vinifiziert wurde. Das ergibt eine komplexe, dennoch leichte und weder in Sachen Röst-, noch Vanillearomen überfrachtete Mischung mit fragilen Blüten und akupunkturnadelgenauer Säure, mit Luft spielt sich ein wahrer Aromenwirbel ab und zeigt, dass von diesem Rosé noch einiges zu erwarten ist.

René Geoffroy Brut Rosé de Saignée, 100PN aus Cumières, 2012er Basis mit 2011er Reserve, Mazerationsrosé mit Fudervinifikation ohne BSA, erschien mir dieses Mal zum ersten Mal überhaupt nicht so steinicht, fruchtarm, abweisend und verschlossen oder alkoholisch, sondern sahnig, himbeerig, weich, schön und in sich ruhend, voller Selbstbewusstsein und ohne unnötiges Sendungsbewusstsein, in dieser Form dem Rosé von Philippe Martin um Haaresbreite vorzuziehen.

René Geoffroy Extra Brut Blanc de Rose auf Basis 2011 ist eine Rosé-Commaceration aus 50PN/CH von Weinbergen in Damery und Cumières, erstmals auf Basis der 2010er Ernte mit dem von Karine gestalteten Etikett vorgestellt. Gefiel mir da besser, als jetzt.

Als Abschluss gab es noch einen Stillwein von Geoffroy, den dritten dieser Art, den er je gemacht hat: 2009er Meunier, nachdem es zuvor nur die Jahrgänge 2004 und 2008 als Meunierstillweine bei Geoffroy gab (Pinot Noir wird hingegen regelmäßig als Coteaux Rouge vinifiziert). Für Champagnerverhältnisse winzige 5000 kg/ha Erntemenge ergaben nur 1900 Flaschen, die für 26 EUR/Fl. den Eigentümer wechseln. Wer die Schwarzrieslinge von Metzger, Steinmetz oder Schnaitmann kennt, sollte sich hiervon auch mal eine Flasche zulegen.

Avize: Lancelot-Goussard vs. Simon-Selosse

Das Duell der Doppelnamen. Mit den Namensträgern der beteiligten Familien sind ca. 40% der Ortsbevölkerung von Avize erfasst. Lancelot-Goussard aus der Rue Ernest Vallé, kurz bevor man das Lycée Viticole in der Ortsmitte erreicht, verfügt über knapp 5 Hektar mit überwiegend Chardonnay im benachbarten Cramant, sowie in Chouilly, Oiry und Epernay, in Mardeuil und Hautvillers steht Meunier und in Celles-sur-Ource der Pinot Noir. Nur wenige Meter weiter ist Simon-Selosse ansässig, der wegen des klingenden Namens zu (manchmal ganz gezielten) Verwechslungen einlädt. Philippe Simon herrscht seit 1990 über ebenfalls knapp 5 Hektar in Avize, Cramant, Oger, Mancy, Moussy und Vinay. Als Beaune-Absolvent und biodynamisch orientierter Winzer bekennt er sich zu einem weinigen Stil. Beide Erzeuger verkaufen ab Hof zu Preisen zwischen 16,50 für die einfachen und 22,50 EUR für ihre jeweiligen Spitzencuvées

Lancelot-Goussard Brut Réserve, Chardonnay aus Epernay, Chouilly, Oiry und Cramant, Basis 2012 mit Reserve aus 2011 ist ein üppiger Wein, der sich nicht auf Anhieb als Blanc de Blancs zu erkennen gibt und mit viel Nuss punktet, mit für mich zu hoher Dosage aber auch wieder Punkte verliert. Als Einsteigerchardonnay geht er in Ordnung.

Simon-Selosse Cuvée Extra Brut hält mit viel Apfel dagegen und wirkt für einen Extra Brut ebenfalls sehr hoch dosiert. Beim Simon-Selosse Cuvée Traditionelle ändert sich daran nichts zum besseren, der Champagner wirkt lediglich grober, was an sich nicht schlecht ist, für erfahrene Trinker aber auch keinen besonderen Reiz bedeutet. 

Lancelot-Goussard Cuvée Speciale Blanc de Blancs de Cramant 2006, alte Reben (35-50 Jahre heißt es auf der Website, 60-70 Jahre im flyer), der Champagner erinnert mit wenig bis nichts an die typischen und bekannteren unter den Chardonnays aus Cramant. Dafür ist er zu einseitig nussig, mir auch zu phenolisch, die vibrierende Mitte fehlt.

Simon-Selosse Cuvée Premiers Saveurs non dosé, ist demegegenüber deutlich besser geraten, sehr sauber, sehr definiert, nicht mehr so dicklich wie der Einsteiger und mit einer klaren Vorstellung davon, wo seine Grenzen sind. Ehrlicher, weiniger Champagner ohne großes Drumherum und vielleicht ja die Keimzelle für Größeres.

Lancelot-Goussard Brio 2004, 40PN aus Celles-sur-Ource, 60CH aus Chouilly, praktisch dosagelos, mit der beim Cramantchardonnay noch vermissten Mitte, hier wirklich mit Ausdruck, Konzentration und Tiefe gespielt. Der Champagner wirkt außerdem leichter, nicht um den Erfolg bemüht und daher sympathisch. Leicht, immer noch etwas zu süß für mich, aber mit gegensteuernder feiner Schlussherbe. 

Simon-Selosse Cuvée Prestige Brut ist tropfend saftig, ausgewogen und mit 8 g/l immer noch einen Ticken zu hoch dosiert, um mich dauerhaft einzufangen. Eine bierhefige Note zum Schluss stört mich, zerstört aber nicht den positiven Gesamteindruck.

Lancelot-Goussard Rosé Tradition Saint-Jean, Saignéemethode, 100PN aus Celles-sur-Ource. Essensbegleiterchampagner, der durch seine kräftige Pinotnote und den alkoholischen touch allein wenig Spaß macht, dafür umso besser zu Eintöpfen aller Art, zu Pâté und Wurst passt.

Champagner im Jahrgangsvergleich

Jahr für Jahr überlege ich, der Prowein im nächsten Jahr fernzubleiben. Zu viel Rummel, zu viele Termine, die sich doch alle nicht einhalten lassen, zu anstrengend usw. Dann wieder denke ich daran, wen ich da doch alles wieder treffe, wie schön die Vorabend- und flankierenden Veranstaltungen sind und dass allein die Champagnerprobe von Sascha Speicher jedes Mal den Besuch vollauf verlohnt. So war es auch dieses Jahr wieder.

Jetzt genau ist es an der Zeit, einen Blick auf die großen (bereits veröffentlichten) Jahrgänge der letzten 15 Jahre zu werfen. Welche das sind, weiß jeder, der sich mehr als nur am Rande für Champagner interessiert: 2002, 2004, 2008.    

Bei meinem letzten Besuch im Hause Deutz habe ich mich vorwiegend an die mit und seit dem 1961er Jahrgang etablierte Cuvée William Deutz gehalten. Die Amour de Deutz dagegen habe ich seit ihrer ersten Marktfreigabe immer nur sporadisch probiert und weil es sich um den nicht ganz so famosen 1993er handelte, hernach leider nicht mit genügendem Ernst betrachtet. Als weiterer Grund dafür mag herhalten, dass Amour de Deutz aus der Moderebsorte der 90er gemacht wird: Chardonnay, aus Avize und Mesnil-sur-Oger. Der 2002 nun ist ein erwachsener Champagner, der das Jahr gut verkörpert. Zwar ist er ungewohnt massig, nussig und süss; dafür hat er als Gegengewicht viel gelbe Frucht, wirkt ausgeowgen rund, weich und reif. Interessante Notiz am Rande: Deutz hat sich entschieden, die als Blanc de Blancs aufgelegte Cuvée künftig in weiß und rosé herauszubringen und den William Rosé aus 100PN dafür zu streichen.

Pol-Roger ist bekannt für seine getreue Abbildung der Jahrgangseigenschaften. Deshalb darf der Millésime 2002 in einer kleinen Jahrgangsübersicht nicht fehlen. Nach dem Amour hat er es natürlich schwer. Dennoch gibt er sein bestes und zeigt sich kernig, bei – leider, muss ich sagen, denn diese hohe Süße bei Pol-Roger ist mir mehr und mehr lästig, selbst wenn sie sich dereinst als das Geheimnis für die unheimliche Lagerfähigkeit der Champagner entpuppen sollte – ähnlich hoher Süße wie Deutzens Amour, deren Niveau er im übrigen nicht erreicht. Für einen 2002er ist der Pol-Roger noch sehr speckig und bei weitem nicht fertig im Sinne von so weit herausgeschält aus dem schützenden Speckmantel, dass man von Konturiertheit sprechen könnte. Also: lieber weiter liegen lassen.

Pommery Louise 2002 habe ich zusammen mit 1998 und 1999 mittlerweile schon in einer kleinen einstelligen Prozentzahl der Gesamtproduktion zu mir genommen und sehe im Moment den 199er als den schönsten Louisejahrgang an. Das war nicht immer so, die späten 90er sind mir vielmehr nur als hässliche Entlein erinnerlich, die sich im Kellerdunkel zu den Schwänen der Jetztzeit entwickelten. Beim 2002er ist das anders, da ist nichts hässlich, sondern schon jetzt alles schön, nur zerbrechlich, durchsichtig, milchig und beinahe wie hilfebedürftig, wenn da nicht neben der ganz aparten, unoxidativen Milchschokolade, auch kräftige, erstaunlich willensstarke Anklänge wären, die dem Champagner etwas von einer Ballettelevin geben; Röstnoten und Nougat, die auf Autolyse zurückzuführen sein mögen und nicht, wie oft vermutet wird auf hölzernen Einfluss, sprechen von den ersten Reiferegungen und beginnender Pubertät.

Schwenk zum 2004er, der in der Wertschätzung ein hartes Match mit dem 2002er liefert. Zunächst das Pendant zum Pol-Roger, ein "einfacher" Jahrgangschampagner, also vor allem eine möglichst klare Umschreibung der Haupteigenschaften des Jahrgangs. Lanson Gold Millésime 2004, sehr jung, sehr erfrischend und sehr fröhlich.  Typisch war die BSA-freie Säure, eine ernste Komponente gab der fein gerbende Mundeindruck hinzu. Das sehr reichhaltige und bei Unachtsamkeit schnell aromatisch verschwommene Jahr wurde von Lanson gerade wegen des dort üblichen Verzichts auf BSA sehr scharf gezeichnet und wird noch viele Jahre liegen können.

Ein großer und eleganter Klassiker ist Dom Pérignons 2002er und mehr sogar noch der 2004er, den ich gern mal neben einer Louise 2004 trinken will. Denn trinklustig ist er, der alte Mönch, voller Silex, Toast, Vanille, Jod und einer gesunden Menge Seetang, was besonders in den 90ern und bis einschließlich 2000 für mich mal Überhand genommen hatte, mittlerweile aber kontrollierter Verwendung findet.

Einen Anschluss und Richtungswechsel gab es mit Taittingers Comtes de Champagne 2004, auch dieser röstig, hefig, zitronig, apfelig, leicht und sogar mit etwas innewohnender Kühle, die mir sehr gut gefiel und auf die es in den nächsten Jahren zu achten gilt. Wenn sie bleibt, ist das ein Kandidat für die Ewigkeit. 

Danach konnte nur noch ein schwergewichtiger Schlusspunkt kommen. Für diese Aufgabe empfiehlt sich stets Nicolas Feuillatte Palmes d'Or 2004, dessen Stoff und Überfuelle in ein barockes Herzogtum passen, wobei man nicht vergessen darf, mit welcher Leichtigkeit und Agilität manche massigen Typen sich doch bewegen können. So ist es immer wieder beim Palmes d'Or. Erst denke ich immer, das ist ja ganz nett aber mir dann doch zu sättigend. Und dann stelt sich trotz aller Trinkbemühungen doch kein Sättigungsgefühl ein, sondern die Flasche ist leer und notgedrungen mache ich, um den Beweis zu erzwingen, noch eine zweite Flasche auf, die noch immer nicht zum gewünschten Resultat führt. Verrückt.

Der Schlussjahrgang lässt sich noch nicht mit Prestigevuvées bestreiten, die schlummern alle noch. Selbst Scnellschießer wie Roederer oder Perrier-Jouet sind noch nicht in diesem Jahr angekommen. Aber Louis Roederer hat immerhin schon den Millésime 2008 rausgebracht, und zeigt damit vor allem, dass das mit dem oxidativen Ausbau der Grundweine hier sehr gut klapp, vor allem steht die dadurch erzielte stabile Art der für den Jahrgang typischen, recht hohen, aber pikanten Säure. 2008 darf man sich schon jetzt alsden keckeren Jahrgang im Vergleich mit 1996 merken, wobei er sonst ein dem 88er ähnliches Profil aufweist, nicht ganz so ausgereift vielleicht, daher angenehm gerbend und keinesfalls mager.

Dann ging die Agraparty los. Agrapart, Avizoise 2008, war mit beiden Händen in den Buttertopf, bzw. Sahneeimer gelangt, ich fühlte mich an laktierende Muttis aus Babynahrungswerbespots erinnert, hatte Hefe in der Nase, spürte Durchhaltevermögen, Zug und sorgenfreie Leichtigkeit.

Das Muttifeeling wurde dann noch gesteigert durch Paul Bara Special Club Rosé 2008, ein Bouzy so warm und mächtig, dass man sich sofort geborgen fühlt. Dass dahinter mehr steckt, machte der Champagner schnell klar. Prägnante Säure, kaum ein rötlicher Charakter, wie man ihn sonst gern mal bei den Winzerrosés aus Bouzy, Ambonnay und Umgebung findet. Dafür fordernd wie ein Inkassobüro, geschwind, feinbeerig, kaum störende oder bremsende Nuss, erst gegen Ende leicht erdbeerig und ganz am Ende für einen kurzen Moment ausladend süss.

Weinrallye #84: Deutscher Sekt, Reinecker Cuvée Classic Brut, L-28602

Es gibt ein Verfahren, das bei gleichzeitig wesentlich erhöhtem Komfort die klassische penile Plethysmographie vollkommen zu ersetzen geeignet ist: Schaumweinverzehr. Der ist nicht nur im Volksmund, bzw. der Volksmedizin (der gehobenen Stände) für seine aphrodiserende Wirkung bekannt, sondern darf jetzt auch wegen seiner tumeszenzfördernden Wirkung medizinisch knallhart (rigide!) als ebenso zuverlässiges wie schlechthin schönes Messverfahren für bestimmte diskrete Funktionszustände angesehen werden.

Bei meinen Forschungen bediene ich mich schon seit längerer Zeit französischer Erzeugnisse, um optimale Messresultate zu erzielen. Doch Deutschland ist ein traditionell starker Lieferant medizinischer Präzisionsgeräte. In Baden sind einige der namhaftesten und zuverlässigsten Produzenten ansässig. Einer davon ist das Sekthaus Herbert Reinecker in Auggen.

Die Cuvée Classic aus ca. 60% Chardonnay wird teilweise im kleinen alten Holzfass vergoren und ausgebaut, der Rest ist Pinot Noir und Meunier, alle aus selektierten Lagen auf Kalk-Lößboden. 36 Monate Hefelager. Früher gab es den Sekt mit kleinem schwarzem Halsetikett, diese Version konnte man bequem vier Jahre oder länger liegen lassen und genau das habe ich mit meiner für die Weinrallye geöffneten Flasche getan.

Der Sekt ist nicht mehr ganz spritzig dafür noch sehr gut strukturiert, die reife gelbe Frucht seiner Jugend winkt noch kurz zum Abschied, rote und exotische Früchte haben sich schon ganz verabsentiert und Platz für einen Nuss-Trockenfrucht-Mix gemacht, wie man ihn manchmal in sehr guten Cocktailbars angeboten bekommt. Außerdem sind geröstete Brotrinde, Toast und eine generöse Säure auf den Plan getreten, die mit der wärmenden Wirkung des Alkohols das Gemächt Gemüt kosend umfangen. So lobe ich mir medizinsche Forschung.

Zu den weiteren rallyebeiträgen geht es hier.

 

Antrittsbesuch: Nobelhart & schmutzig, Berlin

Im Dienste der guten Sache und mit der frohen Champagnerbotschaft in Mund und Glas unterwegs zu sein, das bedeutet jede Menge glanzvolle Empfänge bis in die tiefe Nacht hinein, VIP-Treatments mit denen sich noch Wochen später auf allen sozialen Kanälen tüchtig angeben lässt, rauschende Champagnerparties an hundsgewöhnlichen Werktagen und jährliche Einkünfte im gehobenen sechsstelligen Bereich (inklusive Komma und Nachkommastellen).

Um allen diplomatischen Verpflichtungen nachkommen zu können, bedarf es der Fähigkeit mindestens zur Bilokation und eines schnellen, möglichst komfortablen Autos. Diese Anforderung konfligiert schnell mit dem eigenen, langsamen und rappeligen Auto, von der Fahrerlaubnis ganz zu schweigen. Die jährliche Fahrleistung lässt sich freilich verringern, wenn man auf alternative Verkehrsmittel zurückgreift, zB häufiger mal fliegt oder mit der Bahn fährt. Um wiederum die Nerven insgesamt zu schonen und weil im Innenstadtverkehr beklagenswert wenige Flugdienstleistungen angeboten werden, bediene ich mich gern geeigneter Fahrdienstleister, vulgo: Taxi. Oder, um etwas mehr Furore zu machen, der Autos nebst Fahrer von Blacklane.

Bei meinem Antrittsbesuch im Hause Wagner/Schäfer war das unter Furoregesichtspunkten die falsche Wahl. Denn was nützt es, mit der dicksten S-Klasse vorzufahren, wenn einen aus dem Restaurant heraus gar keiner sehen kann? Nix, außer dass man erheblichen Fahrkomfort genossen hat. Mit einem der Fahrer habe ich mich mal prächtig während der Fahrt vom Flughafen in die Stadt über den Orts- und Häuserkampf auf den Truppenübungsplätzen in Lehnin und Hammelburg unterhalten, ein anderer wartete mit bewundernswertem Langmut, ehe ich mit unverschämter Verspätung aus dem Lokal herausgefunden hatte und insgesamt habe ich den Eindruck, dass die Blacklane-Fahrer einfach entspannter sind, als die meisten Taxifahrer, wobei ich ausgerechnet in Berlin mit Taxen nur gute Erfahrungen gemacht habe, in Paris übrigens auch und sehr viel mehr Städte besuche ich eigentlich meistens sowieso nicht.

Zurück zum Billy. Oder hin erstmal, d.h. rein. Rein kommt man, wenn man auf die kleine Klingel drückt, die den sonst hipsterlokalmäßig unscheinbaren Eingang ziert. Im Lokal geht es erstaunlich ruhig zu, obwohl die Küche komplett offen und die Ess-Theke rundherum gebaut ist. Musik kommt frisch vom Plattenteller und die von mir gewünschte war von Massive Attack, in Erwartung eines entsprechenden Eindrucks. 

Zuerst kam Ziegenkäse mit Holunder, beides sah unscheinbar aus und ich nahm die länglichen Formen, die optisch wie Fensterkitt wirkten, erst gar nicht richtig wahr. Vielleicht lag's an dem von Billy dankenswerterweise flottestens auf den Tisch gezauberten Flasche Atavique von Champagne Mouzon. Der riss förmlich meine Sinne an sich, über Mouzon weiß ich ja nicht umsonst seit Jahren nur positiv zu berichten und die jüngste Entwicklung ist nochmal eine deutliche Steigerung. Mehr durch Zufall und weil ich eben mit einer etwas ungerichteten Appetenz das Auge schweifen ließ, griff ich mir irgendwann eines dieser Ziegenkäsegebilde und schmeckte sofort, dass der Abend gut werden würde. Denn wenn ein so unscheinbares, ja hässliches kleines Ding so korrekt, so vollendet seine Aromen am Gaumen abliefert und vor allem der Holunder so auf die Geschmacksnerven gestanzt wird, dann muss schon sehr vieles vollkommen richtig gelaufen sein. Sofort war das Brot aus Hartweizengrieß trotz seiner überzeugenden Konsistenz und Fluffigkeit vergessen, oder nicht vergessen, aber auf Seite gedrängt. Trotzdem ich ein großer, ja riesengroßer Brotfreund bin und nicht oft genug betonen kann, dass gutes Brot und gute Butter (beim Billy selbstgemachte Rohmilchbutter aus Stettiner Milch) die Grundlage jeglicher Zivilisation sind.

Besonders gefreut habe ich mich dann über die Teltower Rübchen, die schon bei Balzac mit Genuss verspeist werden. zusammen mit dem Traubenkernöl eine ausgesprochen intensive Erfahrung, zu der jegliches Fleisch oder Fisch nur gestört hätte. Ein Glas Champagner durfte es aber doch sein und weil von Cedric Moussé welcher zur Hand war, wurde es der. Rübchen und spätburgundisch-meunierhafte Erdigkeit glitten einträchtig über den Gaumen und machten ihn bereit für eine unfassbar zarte Müritzer Forelle mit Kartoffel und Chicorée, die mir beide fast egal waren, angesichts der angegossenen Molke, die mit der Forelle eine Traumkombination abgab.

Danach hatte es die Schwarzwurzel mit den Haselnüssen und dem unglaublich nach schwarzem Johannisbeerstrauch schmeckenden schwarzen Johannisbeerstrauch sehr schwer, vor allem die – ungeschälte! – Schwarzwurzel, die an sich perfekt gegart war und mit dem Strauch eine kluge und raffinierte Verbindung einging, war nach den beiden Aromenschwergewichten (Rübchen; Forelle) einfach nicht intensiv genug und ich hätte sie mir vor den Rübchen gewünscht.

Alsdann musste neuer Stoff her, auf dem Teller und im Glas. Auf den Teller kam ein Armeleutegemüse der Nachkriegszeit, der heute als Star gefeierte Topinambur, mit Blutwurst (mehr als Crumble, nicht als regelrechte Flönz oder aufgeplatze boudin noir) und Petersilie. Wieder drei Zutaten, drei intensive Aromen, eine gelungene Kombination. Von der Blutwurst hätte ich mir mehr gewünscht, erstens weil sie gut geschmeckt hat, zweitens, weil sie es mengenmäßig gegenüber dem Topinambur und der überaus aromatischen Petersilie etwas schwer hatte. Andererseits könnte man sie auch nur als eine Art Salzersatz betrachten, dann wäre ihr Einsatz in der geringen Menge wieder voll gerechtfertigt. Im Glas war es zeit für einen anderen schönen und zwingend empfehlenswerten Champagner aus der mit Freude zu lesenden Weinkarte des Restaurants: Charles Dufour, Bulles de Comptoir No. 3. Ein Champagner, der die Gravitationsverhältnisse im Raum verändert. Muss man erlebt haben.

Sehr erlebenswert war die dann folgende Sellerie-Lauchsuppe mit Lammfettzugabe, schon wieder so eine ebenso simple wie überzeugende Konstruktion. Die wurde gefolgt von Lammnacken mit einer Rosenkohlart, die in sehr unterschiedlichen Größen und sehr unberechenbar zu gedeihen scheint, ich hatte einige Kügelchen babyrosenkohlgroßer Pflänzchen oder Früchtchen oder Blüten oder was der Rosenkophl jetzt eigentlich genau auch sein mag, auf dem Teller und habe mich, obwohl ich sonst nicht zu den Freunden dieses Gemüses zu rechnen bin, sehr am Aroma dieser kleinen Kugeln erfreut. Der Blaufränkisch-Sekt von Uwe Schiefer war dazu eine perfekte Ergänzung und wollte gegenüber dem Champagner nicht abfallen, allein das ist schon Leistung genug. Würdigenswert außerdem: Schiefer und Lamm zum Ausklang des einen Gangs und Schiefer dann mit Holunder, Joghurt und Blütenpollen. Der Holunder hatte nun schon seinen zweiten Einsatz, war aber wieder so naturgetreu und eindrucksvoll, dass ich das nicht übelzunehmen habe. 

Rote Bete, Rose und Hafer verlangte nach etwas noch wieder anderem, Billy entschied sich, alles auf Kystin Cuvée 17 zu setzen und gewann. Was für mich wie Birnenschaumwein mit Haselnuss schmeckte und wegen seiner Nussnoten sogar an Bouzy erinnerte, war Apfel mit Kastanie verschäumt. Irres Zeug und der richtige Abschluss, bevor wegen hässlicher Termine am Folgemorgen der Heimweg unweigerlich anzutreten war, versehen mit einer kleinen Köstlichkeit, nochmal die Botschaft des Abends in sich vereinigend: Berberitzenriegel mit Fenchelsaat. In Sachen dieser kleinen Riegel habe ich bisher nur einen einzigen ähnlich guten Riegel gegessen, der war aus aufgepopptem Amaranth und mit etwas Cranberry.

Fazit: nobelhart & schmutzig isst man nicht mal eben so zu Abend. Man könnte das wohl tun und wenn ich in Berlin wohnte, würde ich das vielleicht sogar tatsächlich tun, vielleicht auch häufiger, insbesondere häufiger als gut ist wahrscheinlich, aber in der Situation bin ich ja nunmal nicht. Mich hat fast am meisten die leise arbeitende Küche und die aufmerksame Bedienung gefreut. Dass kein eitler Schmuckunfug auf dem Teller liegt oder kokett draufdrapiert wird, gefällt mir selbstredend. Billy Wagner und Micha Schäfer bieten, und das ist als meisterstück an understatement gar nicht mehr richtig in Worte zu bringen, eine viel unkomplizierter essbare Küche als das brutal-lokale Programm vermuten lässt, bzw. eigentlich sogar androht (man sieht sich ja im Vorfeld schon irgendwelche harten, holzig-strohigen Heidegräser kauen und mit umgekippter Ziegenmilch runterspülen) – und das, ich muss es nochmal deutlich hervorheben, für läppische 80,00 €.  

Salon des Vignerons Independants, Strassburg

In Straßburg findet immer der Salon des Vignerons Independants statt, auf dem man zu Ab-Hof-Preisen einkaufen kann. Ganz nebenher kann man sich in der auch zu Viehmarktzwecken geeigneten Halle mit Austern zum Schmunzelpreis vollfuttern (Dutzend frischer Austern zum Mitnehmen oder sechs geknackte Biester mit Butter, Brot und Zitrone zum Preis von 10,00 €), wer die nicht mag, deckt sich mit Schinken, Wurst, Käse, Sandwiches oder, klar, Foie Gras ein. Oder macht aus Zeitnot und Gier alles zusammen, so wie ich. 

Mein Hauptaugenmerk galt den Champagnerwinzern, die über die Halle verstreut ihre heiße Ware ausschenkten.

Fleury-Gille (Courcelles/Trelou sur Marne),

Trelou kennt man von der auf dem Weg dorthin gelegenen Foie-Gras-Farm und vom Bier. Und neuerdings auch wegen einiger dort beheimateter Winzer, zu denen ich unbedingt Fleury-Gille zähle. Der undosierte Blanc de Noirs Brut Absolut aus 60PM/40PN auf 2011er Basis macht klar, dass Fleury-Gille sich nicht zu den Winzern zählen lassen möchte, die Großhausklone produzieren, sondern lieber zu den Erzeugern mit erkennbarem Lokalcharakter. Der wird zwar bei der Spitzencuvée des Winzers nicht so ganz deutlich, aber darauf kann ich ausnahmsweise verzichten, wenn der Champagner sich so schwungvoll die Kehle hinabstürzt. Cuvée Pierre-Louis heißt der Stoff und ist aus 100CH gemacht, mit sechs Monaten Fassaufenthalt. Davon halte ich mir zu Testzwecken einen kleinen Handvorrat, denn auf die Reifefähigkeit bin ich jetzt sehr gespannt. Auch den 2005er aus 50CH/50PN will ich nicht verschweigen, der holt aus dem gerade im mittleren Marnetal nicht ganz einfachen jahrgang alles raus, was geht und steht zur Zeit wie eine Eins.    

Jean Gimonnet (Cuis),

Gimonnet kennt man. Aber nicht den hier. Wobei, mittelbar doch: von den 10 Hektar Rebfläche gehen 20% an Pol-Roger. Der Blanc de Blancs Premier Cru auf 2006er Basis, dégorgiert im Oktober 2014 und mit 4,5 g/l dosiert machte einen ordentlichen Eindruck, der sich stilistisch auch irgendwie in Richtung Pol-Roger verstehen ließ. Knackig und klar, dazu ein ganz leicht nussiges Zugeständnis an den goût anglais, insgesamt gut, nur etwas simpel. Warum es das genau gleiche Produkt dann nochmal als Millésime 2006, dég. November 2014 geben musste, erschloss sich mir auf dem Papier nicht. Im Glas dann schon. Die Qualitöt war doch merklich gehoben, leider auch der Preis: 23,50 € statt 17,60 €. Als klaren Favoriten habe ich für mich die Cuvée Prestige (wieder 100CH) Premier Cru für 24,00 € identifiziert, ein so lächerlicher Preissprung gegenüber dem Jahrgangschardonnay, aber eine nochmal deutliche Steigerung im Geschmack. Basis hier ist 2005 mit Reserven aus 2004 und 2002, Dosage hat er 4 g/l bekommen. Lupenrein, auch etwas ins sterile gehend, aber dadurch überhaupt nicht leblos, eher dass er an Klinikfetish und Latexkrankenschwesterdress erinnert, mittellang, mittelleicht, ausgeprägt schön.   

Francois Gonet (Le Mesnil),

Gonet ist in der Côte des Blancs ein geläufiger Name. Michel Gonet aus Avize, Philippe Gonet aus le Mesnil sieht man in Deutschland oft. Francois Gonet aus Le Mesnil nicht. Das ist nicht weiter schlimm. Mich haben die Champagner nicht berührt, auch wenn die Preise für Brut Reserve (15,30 €), Millésime 2009 (16,70 €) und Prestige auf Basis des 2006ers (20,00 €) sehr auf dem Boden geblieben sind.Mir war die Dosage zu hoch, der Jahrgang zu einfältig gemacht, der Prestige zu antriebsarm.     

Pascal Henin (Ay),

Weiter geht's mit dem kennt man, kennt man nicht Spiel: Ay kennt man. Pascal Henin kennt man nicht. Hier nicht. So alt ist der Erzeuger auch noch gar nicht. 1989 wurde der Familienbetrieb gegründet, eine Rebschule komplettiert das Tätigkeitsfeld der alteingesessenen Familie. Was mir auffiel: die Dosage ist mit 7 g/l nicht wirklich hoch, aber die Champagner wirken so, als habe es der Winzer ein bisschen zu gut mit der Dosage gemeint. Bei einem anderen Winzer und Rebschulbetreiber in Ay ist mir das seit jahren schon ein Dorn im Auge aber vielleicht soll das ja so sein und vielleicht muss ich meinen Gaumen da lieber etwas weniger wichtig nehmen, denn nicht ich muss den Champagner am Ende verkaufen, sondern die Winzer und die werden wissen, was beim Publikum ankommt und was nicht. Der ordentlich gemachte Brut Tradition aus 40PN 40CH 20PM auf Basis 2012 gab als Einstieg jedenfalls diese süßliche Richtung vor, an der es technisch nunmal nichts zu meckern gibt. Der Brut Reserve auf Basis 2010 legte in Sachen Komplexität gleich einige Briketts mehr auf, spätestens nach diesen beiden Champagnern gehen einem dann die Zweifel an der Stilistik verloren: das Süße ist gewollt und gekonnt. Gekonnt und erstmals auch für meinen Geschmack ein Aufmerker war der 2008er Grand Cru aus 50PN aus der Lage La Pelle (die es bekanntlich von einem anderen Winzer auch als sehr trinkenswerte Einzellage gibt) und 50CH aus Chouilly. Trotz satter 8,5 g/l Dosage ein Wein für Schlemmer und ein richtig guter Vertreter für den reichhaltigen Stil. Hin und weg war ich danach vom Zéro Dosage "Terre de Craie", dessen Aufmachung und Stilistik genau das ist, was ich von einem jungen Betrieb erwarte. Blanc de Blancs mit CH aus Chouilly, Ay, Mareuil le Port, palettenweise Mandarine, Limone und Zitronencrème. So macht Champagner richtig Spaß und dieses Gegenprogramm zum auch sehr schönen, stilistisch gänzlich entgegengesetzten 2008er zeigt mir, dass Henin ein Erzeuger ist, den man im Auge behalten muss. 

Thierry Massin (Ville sur Arce), 

Massin ist wie Gimonnet und Gonet ein Name, der für Verwirrung sorgt und der letzte in der kurzen bekannt/nicht bekannt Serie, die ich auf dem Salon des Vignerons Independants improvisiert habe. Der Instant M Extra Brut mit seinem etwas moderneren und die Cuvée Mélodie mit ihrem etwas altmodischeren Etikett sind keine Monumentalchampagner, aber dermaßen akkurat, schnörkellos, genussfreundlich und sympathisch, dass ich beim nächsten Besuch vor Ort unbedingt etwas davon mitnehmen werde, meine Notizen dazu kann ich nämlich nicht mehr entziffern, sehe aber anhand der Pluszeichen, dass es guten Grund zur Nachverkostung gibt.  

Train hard fight easy: Vins Clairs Workshop mit Floriane Eznack

Die Alliance Champagne gehört zu den größeren Neu-Zusammenschlüssen von Champagnerproduzenten innerhalb der letzten Jahre. Drei Genossenschaftsgruppen mit den wichtigsten Marken Pannier, Devaux und Jacquart agieren jetzt unter diesem Dach und haben eine gewaltige Menge Trauben aus allen Regionen der Champagne zu ihrer Verfügung. Jacquart als am nördlichsten angesiedelter Produzent hat sich seit 2010 die Kellermeister-Dienste der energiereichen Floriane Eznack gesichert, die in den letzten zehn Jahren eine steile Karriere, u.a. bei Moet und Veuve Clicquot, hingelegt hat. Von ihr werden wir noch einiges hören, bzw. trinken.

Die Alliance sorgt für ein eigenständiges und hochwertiges Auftreten ihrer Marken; so repräsentiert Veuve Devaux sehr herrschaftlich in einem großzügigen Manoir in Villeneuve und Jacquart hat sich das Hotel de Brimond am Boulevard Lundy in Reims gesichert, direkt gegenüber von Louis Roederer. Wohl aus gutem Grund. Denn Straßen haben für Jacquart eine historische Bedeutung. Eine Gründerpersönlichkeit gibt es schließlich nicht, mehr ein Gründerkollektiv. Das residierte in der rue Jacquart, die folglich als Firmenname adaptiert wurde.

Heute ist Jacquart weltweit heimisch, vor allem in USA sehr präsent. In Deutschland war der Start 1997 aus meiner Sicht nicht ganz so glücklich, die Trennung zwischen Supermarktware und Fachhandelslinie wollte mir nie gefallen, die undiffrenzierte Vielzahl verschiedener Spitzencuvées war nie recht begreiflich zu machen und ehrlich gesagt schmeckten die auch nicht so gut, dass davon viel bei mir haften geblieben wäre – glücklicherweise wurde das Chaos an der Spitze zusammengestrichen und durch eine wiederum neue Cuvée Alpha ersetzt. An einige Magnums der Cuvée Nominée 1988 kann ich mich von Ferne noch erinnern, das war's aber auch. Dabei war der Champagner von Jacquart wenn man wusste, was und wann man zu kaufen hatte, immer zuverlässig, sei es der Brut Mosaique oder der hemmungslos durch fast alle Jahre durchproduzierte Jahrgangs-Blanc de Blancs. Dolles Reifepotential hatten die nicht, aber frisch nach Freigabe verzehrt war das immer eine gute Sache und ist es bis heute, zum Beispiel im von mir geschätzten Londoner Sushi Samba (obwohl ich das Duck & Waffles noch besser finde, weil man da rund um die Uhr sein kann), wo Jacquart seinen 50. Geburtstag gefeiert hat, bezeichnenderweise nicht mit einer seiner Spitzencuvées oder etwas sonstwie neuartigem, sondern mit dem ganz normalen Rosé, den es eigens für diesen Anlass erstmals aus Magnums gab, wo er sich bestens hält – dieser Rosé wird auf Basis des Brut Mosaique Blanc hergestellt und bekommt etwas Rotwein, der regelmäßig aus Riceys, Neuville, Vertus, Cumières und Ay stammt.

Nun also hat Jacquart seine vor wenigen Jahren begonnene Workshopreihe fortgesetzt und Interessierten die Möglichkeit eröffnet, Grundweine aus wirklich berufenem Munde erklärt zu bekommen. Floriane Eznack hatte eine kleine Terroir- und Rebsortenrundreise vorbereitet, war aber um spontane Ausflüge in die Bibliothek nicht verlegen und bot so ein wirklich lehrreiches Programm, bei dem ich einmal mehr festgestellt habe, wie es denn so um meine sensorischen Fähigkeiten bestellt ist.

Meuniers:

Der Wein aus Trelou steht auf sandig-kalkigem Boden und zeichnet sich durch seine milde Rauchnote aus, auf mich wirkte er etwas breit und alkig, aber nicht ausgefranselt, bei vergleichsweise wenig Säure. In Villedomange sind die Meuniers gleich viel strukturierter was an der abhärtenden, jedes unnötige Fett wegschmelzenden Lage in der Montagne liegen kann, ähnlich wie bei den athletischen Chardonnays von dort. der Meunier war gleich viel schlanker, fruchtiger, frecher, mit einer prickligen Attacke auch am Gaumen, eine lange stehende Säure blieb dennoch aus. Festigny, wo einige der besten Meuniers herkommen, hat sandigen eisenoxiddurchsetzen Boden mit nur wenig Kreide, dort hat der Meunier eine ruhige und gelassene Nase, im Mund hingegen eine ausgeprägte, lange und gesunde Säure, also genau das, was den anderen beiden gefehlt hat, so dass sich das dreiteilige Puzzle doch noch zusammensetzen ließ.

Taille:

Zu Ausbildungszwecken gab es dazwischengeschoben zwei Tailles, also den Saft der zweiten Pressung. Einmal vom Chardonnay, einmal vom Pinot Noir. Beide wirkten, selbst nach den an sich harmlosen Meuniers, weichlicher, zugleich grober, alkoholischer, wenig komplex, insgesamt kurz, und mit Zeitablauf immer langweiliger. Kein Wunder, dass alle immer von sich behaupten, keine Taille zu verwenden, sondern die immer nur an andere weiterzuverkaufen.

Pinot Noir:

Der Pinot von der Aube ist das Spezialgebiet von Monsieur Parisot aus dem Schwesterhaus Devaux. Floriane Eznack versteht sich aber auch darauf. Sie mag vor allem die eleganten Pinots aus Urville, Landreville und Neuville sur Seine, deren letzterer schlank, stahlig, mit feiner Rotfrucht, Crème und nur andeutungsweise etwas guter Butter zu gefallen wusste. Die allererste Pressung des ersten Pressdurchgangs der Trauben aus dem Grand Cru Mailly toppten den Aube-Pinot mühelos. Feingebäck, Shortbread Fingers und ein Auftrete wie frisch gewaschen, mit extrem viel Kraftreserve, die immer erst mit sehr viel Zeit zum tragen kommt und sich niemals aufdrängt, wie man es zB aus Orten wie Verzenay kennt, wo von vornherein alle Kraft, der ganze Schub und Vortrieb losgelassen wird. Bei Jacquart passt das nicht in die Konzeption, hier soll der Pinot als gediegener Hintergrund für guten Chardonnay nützen, und nicht als dominierende Rebsorte. Deshalb ist der Pinoit aus Ambonnay gerade auf der Grenze für solche Zwecke. Die Linienführung ist härter, energischer, nicht nur der Butterkeks bekommt hier eine Salzkruste, auch die zwanglos drapierten Früchtchen müssen sich nun strenger ausrichten, reife Schalenaromen von Melone und Gurke kommen dazu, die Säure ist trotzdem noch sehr rund und mit Mühe zurückhaltend. 

Chardonnay:

Aus Villers-Marmery gab es nochmal eine allererste und feinste Pressung, die leichte Exotik versprühte und keine Neigung zum gelegentlich auch hier auftretenden Vegetabilitätsproblem erkennen ließ; Wachs, weisser Pfeffer, Reinheit und Säure waren schön vereint und schon jetzt gut trinkbar. Montguex zeigte sich viel meloniger, mit viel weissem Pfirsich, merklih höherer Reife bei ausgeprägter Delikatesse und ließ mich mal wieder stark beeindruckt zurück. Für eine Cuvée, so erkannte ich ebenfalls mal wieder, ist das nur schwer zu verarbeitendes Material. In altem Holz und solo ausgebaut, ohne BSA, mit wenig Dosage könnte das aber ganz aufregend sein. Man wird sehen, ob Jacquart ein Wagnis dieser Art irgendwann einmal eingehen wird. Aufregend war als nächstes der Chardonnay aus Avize. Salzige Mandel, Süßholz, Trockenblumen, viel versteckte Säure und eine Kraftkontrolle, wie man sie nur in richtig guten Grundweinen findet, kündeten vom Ruf des Grand Cru und bestätigten ihn im selben Arbeitsgang.

Reserveweine:

Der Chardonnay aus Vaudemange 2012, hatte schon klare Toastaromen entwickelt und viel Orange, wirkte gesund und komplex, locker noch mit einem Potential für fünf Jahre, wobei ich ihn dann schon an der Höchstgrenze sehe und meine langjährige Einschätzung bestätigt finde, dass nämlich Jacquart keinen Champagner für die Ewigkeit macht. Der Chardonnay aus Oger 2008, hatte auch Toast, wich dann dann in Richtung Kastanie aus, gab etwas Phenol preis, das sich in guter Balance mit Butter und Nuss hielt, was für eine bislang positiv verlaufene Entwicklung spricht, in der die jahrgangstypisch präsente, aber nicht nervtötende Säure sich hohe Meriten verdient. 

Die Cuvées:

Mosaique auf Basis 2009 trat mit einer entfernt holzigen Empfindung an mich heran, es zeigten sich bald medizinale Töne und Kastanie, im Kern dann eine sanfte Röstnote, die von etwas mehr als notwendigem Alkohol in der Nase umwabert wurde, auf mich wirkte der Champagner schon leicht ausgebreitet und sollte bis Ende des Jahres getrunken werden. Der 2010er Mosaique, hatte deutlich mehr Frische, Honigmelone und Zitrusfrucht, im Kern frisches brot und unaufdringliche, noch wie in sich zusammengerollte Röstnoten, so dass er wirkte, als sei er mit noch angelegten Flügeln unterwegs.

Zu Essen gab es in der ganzen Zeit natürlich auch, das Essen bei Jérôme Gangneux am ersten Abend in Paris hatte es dabei nicht leicht. Sein Pressé de chair de tourteau war durch eine Überfülle an Kräutern gar nicht recht erkennbar, das wenig intensive coulis d'avocat und sein huile légère de curry halfen dem Umstand nicht ab, sondern stifteten nur Verwirrung, die weder vom schmackhaften, allerdings auch schon reif wirkenden 2006er Blanc de Blancs noch vom kräftigen Brut geklärt werden konnte. Beim Klassiker Coquillettes façon risotto, coppa et jambon blanc, à la brisure de truffe vermisste ich vor allem das Trüffelaroma, das sich bestimmt gut zum Blanc de Blancs gemacht hätte, Schinken und Coquilettes hingegen waren völlig in Ordnung, die Portion sogar sehr üppig, so dass ich gleich zwei Gründe hatte, das Duo de ris de veau et rognon de veau rôti entier, déclinaison de céleri, jus de vinaigre nicht genommen zu haben, mit dem ich anfangs geliebäugelt hatte, das aber trotz seiner hohen Warenqualität und Zubereitung (Gangneux hat immerhin bei Jean-Pierre Vigato vom Zweisterner Apicius in Paris gelernt) am Tisch keine breite Zustimmung erhielt (Röhren und Sehnen in der Niere waren nicht entfernt worden). Zufrieden war ich mit der citron dans tous ces états, dem natürlichen Trainingspartner für ambitionierten Chardonnay. Im Hotel de Brimont gab es am nächsten Tag Seebrassentartar mit Babyleaf-Salat, beides zusammen mit dem 2006er Chardonnay eine ganze Klasse besser als der Taschenkrebs am Abend zuvor, noch gesteigert von einer Hummerminestrone mit Fenchelschaum, zu der Cuvée Alpha 2006 und Charonnay 2006 sich gegenseitig hochschaukelten. Das Tenderloin Beef mit Foie-Gras Timbale und kleinem Gemüse lasse ich außer Betrachtung, obwohl es dazu einen schmackhaften Rotwein gab (Domaine Mas des Armes Cuvée Perspectives), denn die Champagner wollten dazu nicht recht passen, am ehesten ging noch der Rosé. Zum Comté mit Mesclun war der Jacquart 2002 en Magnum eine gute, aber keine zwingende Wahl, solo machte er mir mehr Spaß und nicht nur vielleicht wäre der danach zur Poire Bavarois eingeschenkte demi-sec zum Käse besser gewesen, aber um mir darüber vertiefte Gedanken zu machen reichte die Zeit einfach nicht mehr, denn ich musste schon wieder weiter.

Reisenotizen: Maurice Grumier, Venteuil

Im Vorfeld der großen Verkostungstage in der Champagne tummle ich mich gern schonmal bei den Erzeugern, um mir einen ersten Eindruck von der letzten Ernte zu verschaffen und mir ein paar Vins Clairs zu Gemüte zu führen. Bei manchen Winzern bin ich ganz gezielt, weil ich um den Rummel weiß, der bei den Verkostungen immer herrscht, weil dort für manche Detailbetrachtung einfach kein Raum ist und manches Gespräch auf der Strecke bleibt. Zu manchen Winzern zieht es mich aus reiner Neugier oder weil ich bestimmte Eindrücke verfestigen oder in Frage stellen will.

Zu Fabien Grumier aus Venteuil zog es mich, weil ich seine Champagner immer sehr homogen und dicht beieinander fand, aber notgedrungen nur einen sehr schmalen Einblick hatte und nun endlich das ganze Programm erforschen wollte. Einen geeigneteren ort dafür, als sein Haus in Venteuil gibt es nicht. Es liegt direkt gegenüber dem Château de Boursault am Hügel von Venteuil und bietet eine fast unschlagbare Sicht über das an dieser Stelle mitunter schon recht zugige Marnetal. Diese Zugigkeit (auf die sogar der Ortsname schon hinweist) ist von Vorteil, wenn es um die Rebstockgesundheit geht, führt jedoch in schwächeren Jahren zu Reifeproblemen und der ungeliebten grünen Note beim Meunier, der hier überwiegend steht. Bei Maurice Grumier (gegründet 1743, im selben Jahr wie Moet et Chandon) stehen die Reben nicht nur in Venteuil, sondern auch auf der gegenüberliegenden Seite, im berühmten Festigny, was an der geschützteren Lage liegen mag. Ganz gleich, es galt, zu trinken:

​Brut 80PM 20PN Festigny und Dormans, mit 9g/l dosiert, war nussig, leicht und fein, wegen der nicht gerade sparsamen Dosage aber etwas klebrig am Gaumen. Für einen Brut Traition völlig in Ordnung. In Ordnung aber auch, weil diese gemütliche, aber nicht breiige, sondern eher barockisierende Art sich durch das ganze Programm zieht und mit den weiteren Cuvées in unterschiedlicher Fassung herausgearbeitet wird.   

Brut Reserve ist ein Drittelmix und liegt drei Jahre auf der Hefe, 40% Reserve stammen aus Solera, dosiert ist mit 7,5 g/l, der Reserve ist gegenüber dem Brut Tradition schon deutlich komplexer, aufgespreizter und aufreizender im Duft, der leicht minzig und leicht brotig rüberkommt, als würde man das Innere von After Eights auf Stullen geschmiert haben, was mir sehr gut gefiel.

Der Ultra Brut ist an sich genau wie der Reserve gemacht, nur mit zwei Flaschenjahren mehr, d.h. aktuell auf der Basis von 2009 mit 2008 und Solera, wobei mir hier eine individuelle Herbe auffiel, die sich oft in Ultra bruts wiederfindet und einer der Gründe dafür ist, manchmal vielleicht doch lieber noch ein winziges bisschen mehr Dosage zu verwenden.

Blanc de Blancs mit Chardonnay aus Venteuil, 2010er mit 09 und 08, dosiert mit 6 g/l ist ein eleganter, leichter Vertreter mit hellwacher Säure. Dieses Konzentrat Alter Reben (vom Vater 1975 gepflanzt) lässt sich schwer einschätzen. Die Säure ist voll da, nur verhält sich der Champagner ganz anders, als man bei dieser Präsenz vermuten würde. Für südliche Côte des Blancs fehlt die Härte, für nördliche Côte des Blancs Exotik, Frucht und Blumigkeit. Für Montagne de Reims reicht die Athletik nicht. Als Gebietsmix geht er wiederum auch nicht durch, so dass man blind auf die Idee kommen könnte, es handle sich um einen der Chardonnays aus der Côte des Bar oder aus dem kürzlich und tatsächlich zeitlich auch erst wenige Tage vorher entdeckten bzw. bereisten Vitryat. Nur auf Vallée de la Marne kommt man nicht so leicht, es weiß schließlich sowieso kaum jemand, dass hier brauchbarer Chardonnay wächst.

Der 2006er Extra Brut, den ich zuletzt zu meinem großen Ärger korkig erleben musste, wurde mir als Problemcharge wegen schlechter Korken von Fabien bestätigt und sein Ärger darüber wird noch viel größer sein als meiner, Dieser 06er ist aber ok. 75CH 25PN, die Jahrgänge von Fabien liegen immer mindestens sechs Jahre und das hier ist sein erster nach Abschluss des Lycee in Avize selbst verantworteter aus dem Jahr der Betriebsübernahme. 4 g/l Dosage reichten völlig aus, denn das Zucker-Säure-Gleichgewicht war naturbedingt nur auf niedrigem Niveau. Bei reicher Ernte im heissen Jahr hätte mehr Zucker nur geschadet, in den Jahren 2005, 06, 07 war das in der Gegend regelmäßig ein Problem. Der 2006er von fabien ist aber gelungen, kein Champagner für die Ewigkeit, aber ein geschickt zusammengestellter Mix, dessen Chardonnayfrische, Pinotweinigkeit und Reife einen freundlichen Wein ergeben, der vor allem Neulinge im Extra Brut Bereich begeistern wird.   

Nun zur Cuvée Amand, eine Großvaterhommagecuvée, 50/50 PN/CH mit Barriqueeinsatz und batonnage, Basis 2006 mit 05, ohne Kaltpassage und Filtration. Ganz schön üppig, ganz schön schön und wenn man sich durch die anderen Cuvées bis nhierhin vorgearbeitet hat, der logische Schlusspunkt. Danach ist nach jetzigem Stand erstmal nichts weiter zu erwarten, die Cuvée Amand vereinigt voraussichtlich für die nächste Zeit alles, was den Grumier-Stil ausmacht in sich. 

Ein anderes Thema und wie bei den meisten Erzeugern eher eine Seitenlinie ist der Rosé. Der Rosé Assemblage auf Basis der Reserve mit 10% Rotwein aus der Lage Les Rosiers, gepflanzt 1956, hat eine leicht alkoholische Nase, die sich wegen der immerhin 8g/l Dosage im Mund nicht fort- oder durchsetzt und vor allem nicht stark hervorschmeckt, wobei der Zucker wiederum eine Art Candykruste erzeugt. Kein ganz leicht zu kombinierender Rosé, den ich solo nicht empfehlen würde, sondern immer mit etwas Essbarem dazu, am besten wahrscheinlich mild gesalzenen Schinken.

Der Rosé Les Rosiers ist das Mutterschiff zum Assemblagerosé, auf 2012er Basis ohne BSA, 4g/l, Saignée 100PN, hat er eine hohe Aromenkonzentration, viel rote Frucht, Power, Länge, und eine ganz andere Art von Gastrofreundlichkeit, nämlich eine im doppelten Sinne: der unauffällig eingearbeitete Hagebuttentee, die Blüten und das unaggressiv-quirlige Element stimmen den Magen freundlich und den auf Magenverwöhnung gerichteten Gastronomensinn gleich mit, weil die Kombinationsmöglichkeiten hier sehr vielfältig sind.

Die Cuvée Aline ist dieselbe Cuvée wie Amand aber demi sec mit 40g/l dosiert, was auf hohem Niveau balanciert wirkt, wie ein Veuve Clicquot Riche Reserve Klon, wobei hier Holz, Reife und Zucker das Dreigestirn bilden.

Abschließend gab es noch einen umwerfend schönen 1996er, deg. 2006, stark, reif, saftig, reichhaltig, mit Bienenwachs, weissem Pfeffer und Honig, ein Paradeexemplar für gelungene Vinifikation des anstrengenden Jahrgangs 1996.

 

Reisenotizen: Charlot-Tanneux, Mardeuil

Wenn man aus Epernay rausfährt, links der Marne, landet man sofort in Mardeuil, wo knapp 1600 Mardouillats wohnen. Einer davon ist Vincent Charlot, dessen Vater entfernt aussieht wie Steve Martin. Um den geht es aber nicht. Sondern um Vincent, bzw. dessen Weine. Die liegen im Keller, d.h. in einem der vielen Keller, die sich unter dem Haus hintereinanderliegend erstrecken. Ganz hinten angekommen, liegen die Bordeauxfässchen mit dem kostbaren Inhalt. Ungewöhnlich: Vincent benutzt Rotweinfässer für seine – weißen – Grundweine. Das hat, innerhalb seiner tantrisch anmutenden Philosophie den Grund, dass der tanninstarke, gesättigte Rotwein sich wie ein schützender Mantel um den jungen Champagnergrundwein legt, anders als es in einem Weißweinfass der Fall wäre. Dort, so Vincent, würde der Grundwein nicht eingehüllt, sondern ausgesaugt und geschwächt werden. Naja. Schon besser gefiel mir die Begründung dafür, warum er überhaupt Fässer benutzt. Die seien nämlich das weibliche, aufnehmende Element für den männlichen, eindringenden Wein. Resultat sei, gleichsam als Baby, der Champagner. Schöner Gedanke, der so oder so ähnlich von vielen Winzern gedacht wird. Also: Fortpflanzung und Familie ist alles, daher kommen die ganzen mit Ahnenbildern ausgestatteten oder zur Geburt von Nachkommen kreierten Champagner.

Zurück in den Keller, wo Vincent den Ertrag seiner vier Hektar auf die Fässer verteilt hat und mir freundlicherweise Zugang dazu gewährte. Kurios gleich der Einstieg mit zwei ungeschwefelten Weinen, die ohne biologischen Säureabbau und immerhin 3,6 pH gegen alle Erwartung nicht zu Essig geworden sind. Und nicht nur das, die beiden sind so frisch, klar und rein, dass man ihnen die eigenartigen technischen Daten gar nicht abnehmen mag.

Mardeuil ist Meuniergegend, also kommt der im Keller vorrangig ins Glas und beeindruckt mit einer sehr rauchigen, steinichten Silexnote. Völlig anders ist der Meunier aus den Côteaux Sud d'Epernay, speziell jener aus der Lage Temple. Birne, Apfel und Kräuter geben den bilderbuchmäßigen Meunier preis. Im Gegensatz dazu steht der Meunier aus der nördlicheren Lage Chapottes, der sich mit mehr Diesel, Struktur und Masse auf die Zunge wälzt und offenbar eifrig den Schulterschluss mit dem Silexwein aus Mardeuil sucht. Im Vergleich dazu ist der Chardonnay aus derselben Lage damenhaft, mit einem Rosenblütenparfum und erheblicher Passsionsfrucht wirkt er einerseits fein, feminin und elegant andererseits durchaus fleischig, wobei die zarte Säure und geschmackvoll angepasstes, feines Tannin den Wein nicht schwer wirken lassen. Aus Ay kann nur Pinot Noir ins Glas kommen, aus der sandigen Partie, über die Vincent dort verfügt, gewinnt er einen buttrigen, dabei finessereichen Pinot, der leicht vegetabil wirkt.

Dann geht es richtig los. 70PN 30PM von einer 15 Ar großen Fläche in Mardeuil, auf der 50 Jahre alte Rebstücke stehen. Klassisch, dick, massiv und so herzhaft, dass man ihn eher in der Gegend von Ambonnay vermuten würde.

100CH mit viel Exotik, Salz und Bittermandel, ein Lübecker Marzipanbrot mit Fleur de Sel wäre nicht köstlicher.

70CH 30PN aus dem Clos des Futie, ein Clos mit zwei verschiedenen Bodenarten, bringt puren weißen Pfirsich, noch mehr Feinheit als Chapottes, für Vincent ist das ein sensibler und natürlich erotischer Wein. Noblesse statt Travestie oder dämlicher Burlesque.

Rubis de la Dune ist ein Saignée, der 14 Stunden Mazeration hinter sich hat. Der Weinberg wurde 1955 auf Silex gepflanzt. Trüffel und Sauerkirsche sind das wohlschmeckende, sehr feingeistige Ergebnis. Rubis de la Dune ist das Gegenstück zu Ecorche de la Genette, dem gegenüberliegenden Weinberg. Herber, kräftiger, krautiger, schmutziger ider der Ecorche und beide sind sie wie Pichon Comtesse und Pichon Baron.    

Aus Moussy gab es noch einen abschließenden Meunier, der besonders beeindruckend war. Mandel, schwarzer Pfeffer und Wildkirschengelee. Wein, der zwischen den Backen hin- und hergeschoben werden will und muss.

Blanc de Blancs 1999 en Magnum, sans dosage und vor einer Woche degorgiert. War enorm.stark, reif, voll, groß. Ich dachte zuerst, das sei eine Flasche, die Vincent sich von einem großen Haus besorgt hat, um sich Anregung zu holen. So war es aber nicht, dieser verglichen mit seinen Vorgängern wieder völlig andere Wein hatte das weiche, gefällige der großen Häuser, dabei war er doch ganz nach den Regeln der tantrischen Biodynamie nach Vincents persönlicher Lesart gemacht. Hätte er dann nicht verrückt, kratzig, seltsam, irgendwie hinkend, schielend oder sonstwie "interessant" schmecken müssen? Nein. Eben nicht. 

Ganz zum Schluss gab es noch die Cuvée Nicolas Premier Cru 2009 aus 80PN 20PM. Von diesem Wein gibt es nur 400 Flaschen, von denen ich mir glücklicherweise einen kleinen Teil sichern konnte. Kein BSA, 5 g/l Dosage. Und ein Duft von Kölnisch Wasser, nicht so, wie von Oma, sondern so, wie von einer umwerfenden Frau, die egal welchen Duft tragen könnte und damit gut röche, sich aber aus Provokationslust oder wegen eines unaufgearbeiteten Vaterkomplexes für Kölnisch Wasser entschieden hat. Außerdem gab es Zitronenpudding, Yuzu, Limone und schönes Eigelb. Fein, leicht, aber nicht schwerelos.      

Reisenotizen: Vitryat

Jeder mittelmäßig interessierte Champagnebesucher kann nach wenigen Tagen jeden Ort zwischen Villers-Allerand und Villers-Marmery in der richtigen Reihenfolge aufsagen, die Weinbauflächen aller Grand Crus der Côte des Blancs bis auf den Ar genau runterrattern und mit etwas mehr Engagement die Jahresverläufe der letzten hundert Jahre repetieren. Reine Fleißarbeit, die man von jedem Weininteressierten erwarten darf. Die Champagne als relativ kleines Weinbaugebiet ist eigentlich schnell erkundet, möchte man meinen. Und das Basiswissen schafft man sich schnell drauf, Details dann bei Gelegenheit. So meint man aber auch nur. So meinte auch ich immer, bis mir aufging, wie wenig ich jenseits der großen Ortschaften überhaupt kenne und weiß. Das Sézannais, die Seitentäler der Marne, praktisch die gesamte Aube – überall klaffen riesige Lücken. Eine besonders große klafft im Vitryat.

Das Vitryat, das ist die Gegend rund um Vitry le Francois. Eine zugige, früher für ihre Windmühlen, heute für ihre Windparks bekannte Region, die man beim Durchfahren an ihrer charakteristischen Fachwerkbebauung – die sich von der zB in Troyes unterscheidet – erkennt. Hier, so vermutet man, ca. 30 Kilometer südöstlich von Châlons en Champagne, schlugen die Römer (im weitesten Sinne) vor 1500 Jahren in einer Art Ur-PEGIDA Attilas Hunnen zurück. Von den also hier belegenen katalaunischen Feldern hat Châlons seinen Namen. Geschichtsträchtig ist die Region also.

Auch der Weinbau hat hier Tradition und lässt sich bis in das 16. Jahrhundert zurückverfolgen. In der Literatur wird das Vitryat irgendwie entfernt der Marne zugeschlagen, die Winzer vor Ort sehen sich mehr als nördlichste Bastion der Côte des Blancs. Man könnte das Vitryat auch eine zersplitterte Spiegelung von Montgueux nennen, denn wie der Kreidehügel unten im Süden ist der Weinbau im Vitryat auf Hügel verstreut. Aber nicht zufällig! Nachdem die Region die Hauptlast mehrerer Kriege zu tragen und die Reblauskatastrophe zu überstehen hatte, war von den einst tausenden Hektar Weinbergen nichts mehr übrig. Erst in den 1960er Jahren begann das CIVC mit der Rekultivierung. Die Gegend wurde mit hohem Aufwand wiederbelebt. Historische Forschung zeigte, dass der Chardonnay hier heimisch war und deshalb herrscht er hier heute wieder vor. Vorherrschen klingt dabei mächtiger, als die Landschaft bestätigt. Man kann nämlich durch das Vitryat fahren, ohne eine einzige Rebe zu sehen. Die sind alle auf haarscharf parzellierten Flächen an den Südhängen der verschiedenen, teilweise sehr steilen Hügel gepflanzt. So wollte es seinerzeit das CIVC. Tatsächlich hat man damals nur die geeignetsten Flächen mit ihrer charakteristischen graubrauntönigen Kreide für die Wiederbepflanzung freigegeben, ein zusammenhängendes Weinbaugebiet gibt es deshalb nicht. Das Vitryat besteht aus erratisch wirkenden Hügelrebflächen. Kurios.

Neugierig war ich deshalb auf die Champagner der heutigen Winzer und besuchte deshalb Charles Baffard von Champagne Baffard-Ortillon-Beaulieu in Bassuet. Dessen Weingut ist seit 1998 in einem entzückenden Fachwerkbau untergebracht, die Produktion findet mit modernster Technik statt, die Charles sich jedes Jahr neu mietet. Vinifikation erfolgt parzellengenau in Inox und zu einem geringeren Teil in Fässchen, die Reserve stammt aus einer im Fuder gelagerten Solera.      

Was auf dem Papier auffällt, ist die hohe Dosage der Champagner von Baffard-Ortillon. Im Glas merkt man davon nichts. Die Chardonnays hier oben im Norden vertragen einfach etwas mehr Dosage; beim sehr langen reifen kann das ein nicht zu unterschätzender Vorteil sein. Ein anderer Vorteil ist die geringe Krankheitsanfälligkeit der überwiegend sehr alten Reben. Alt, weil die meisten Reben aus der Zeit der Wiederbepflanzung stammen, also aus den 1960ern. Geringe Krankheitsanfälligkeit, weil hier stets ein frischer Wind weht und damit Botrytis & Co. wenig Gelegenheit zur Niederlassung bietet.

Der Brut Tradition "Authentique" aus 70CH 30PM ist mit 11 g/l dosiert, Apfel, Birne, Akazie und Zitrusfrüchte lassen sich davon aber wider Erwarten nicht einkleistern, die beiden Blanc de Blancs von Baffard-Ortillon habe ich bei anderer Gelegenheit schon beschrieben. Die beiden hatte ich nur zwei Wochen vor dem Besuch probiert, große Unterschiede gab es demgemäß vor Ort nicht zu konstatieren. Interessant war die Probe der Vins Clairs aus 2014. Sehr wenig Säure, ein sehr reifes Auftreten mit viel Litschi, Birne und Exotik zog sich durch praktisch alle probierten Vins Clairs. Der reinsortige Meunier stand charakterlich den Chardonnays sehr nahe und gab nur bei der Säure ganz leicht nach.  

Ein Besuch im Vitryat lohnt sich. Viele Erzeuger hat es hier nicht, viele verkaufen ihre Trauben weiter, insgesamt mag es an die 30 Winzer geben, deren betriebe, soweit ich sehen konnte, ziemlich gut in Schuss und weitere Erkundigung wert sind.