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Category Archives: Allgemein

Allerlei und allerhand Information rund um den schäumenden und den stillen Wein, Cognac, Hotels und Restaurants. Streng nach meinen eigenen Interessen geordnet und veröffentlicht.

Champagne in the (Purple) Brain

Purple Brain, Düsseldorf. Zwischen Le Flair und REWE-Markt liegt die Konzeptbar Purple Brain von Andrew Holloway, den Düsseldorfern vor allem aus dem Weinhandel rotweiss bekannt. Andrew bietet dort vom Vegemitesandwich (auf speziellen Wunsch) bis zum Onkel-Bier allerlei köstliche Kleinigkeiten an, Champagner (gut und günstig:  Nominé-Renard, bekannt und bewährt: Bollinger) natürlich sowieso. Und wo es Champagner gibt, zieht es mich wie durch Zauberkraft hin. Meist mit noch mehr Champagner im Gepäck. Denn zu probieren gibt es immer was und weil der Mensch nicht gern allein probiert, ist eine muntere Verkosterrunde schnell einberufen.

Als Opener habe ich den von mir so hoch geschätzten

Leclerc-Briant Brut Reserve en Magnum

mitgebracht, der auf der Zungenmitte immer etwas auszuufern droht, sich zum Ende hin wieder fängt, nicht zu hoch dosiert ist und trotzdem die breite Masse der Kunden im Blick hat, ohne die Biodynamiefraktion zu vergraulen, der er schließlich selbst entstammt. Schöner, starker, feinmürber Champagner, der an diesem Abend auch durch den Magnumeffekt lange als Maßstab herangezogen wurde.

Von

Champagne Florence Duchêne 

habe ich die beiden Schwestercuvées Kalikasan und Dimangan nachgeführt. Die sind deshalb schön im Vergleich zu trinken, weil sie über denselben DNS-Code verfügen, nur dass der Dimangan etwas höher dosiert ist. "Kann ich nicht beurteilen, muss ich nackt sehen" zieht dann nicht. Bzw. eben gerade doch, denn die Kalikasan ist ja die Dimangan in nackt, eine richtige fruchtbare Naturgottheit, deren 3 Gramm Restzucker nicht alt Wampe oder Speckrollen zu qualifizieren sind, sondern als Mütterlichkeitsattribut. 

Weg von der Mütterlichkeit, hin zum männlichen David Bourdaire von

Champagne Bourdaire-Gallois

der weit mehr als die zwei von mir mitgebrachten Champagner zu bieten hat, aber die beiden von mir für das Purple Brain ausgesuchten Champagner standen in einem gewissen inneren Probenzusammenhang zu Florences Babies. Von David hatte ich den Brut Tradition in seiner aktuellen und in seiner noch unveröffentlichten, resp. seit Ende Januar erhältlichen Fassung (reiner Meunier! Basis 2011, mit 4,5 g/l dosiert) mitgebracht. Die waren sich sehr ähnlich, erstaunlicherweise wirkte der jüngere von beiden trotz meiner Meinung nach ausreichender Ruhe nach dem Dégorgement fortgeschrittener und reifer, beide aber dennoch jung, knackig, ausgelassen und freundlich, was sich der Rebsorte verdankt, die ich praktisch gar nicht anders kenne. 

 

Ein anderer Winzer ist bei

Champagne Maurice Grumier

für den Spaß im Glas verantwortlich: der junge Fabien Grumier. Dessen Jahrgang 2006 hatte elenderweise Kork, so dass nur der Ultra Brut zum probieren übrig blieb, der im direkten Vergleich mit

Champagne Lallier

kein leichtes Spiel, sondern einen ausgemacht schweren Stand hatte. Der Lallier, ein Haus, das man immer nicht so recht im Blick hat, was die charmante Vanessa Cherruau hoffentlich recht bald geändert haben wird, zog alle Register eines Erzeugers dieser Größe: Rondeur, Grandeur, Finesse, gekonnter Umgang mit Dosagelosigkeit, geschickte Zusammenstellung der Grundweine, die typischen Vorzüge eben. Nachteil: der Champagner wirkt nicht gesichtslos, aber verschwommener als die überscharf herausgeabreiteten Konturen der kleinen Winzerlein. Richtig überscharf im Sinne von fast schon wieder schartig gewetzt war der Ultra brut von Grumier freilich nicht. Nur eben das Gegenkonzept zum Lallier. Individuell, zugespitzter, härter, schwerer zugänglich, mit viel im Mund hin- und herspülen dann aber doch irgendwann so weit aufgeknackt, dass er freudige Erregung hervorrief.  

Eine ganz andere Art von Champagner macht man in Bassuet, das ich bis vor kurzem noch nicht einmal grob in der Champagne hätte verorten können. Nun weiß ich, wo der Ort liegt und werde ihn häufiger ansteuern, den

Champagne Baffard-Ortillon

macht dort einen Blanc de Blancs Grande Réserve und einen Blanc de Blancs Cuvée Leone (eingepackt in ein orangefarbenes Schnürkorsett, wie eine Light-Version des Lackdingens, das Jean-Paul Gaultier einst dem Piper-Heidsieck Rare verpasst hat), die es beide in sich haben. Der Chardonnay lässt sich nur ganz schwer einer bestimmten region zuordnen, für Côte-des-Blancs boys ist das nichts. Zu leicht, zu flitterig, zu wenig Säure, keine Kreide. Auch in der Montagne oder im Sézannais würde man den nicht vermuten, aus der Côte des Bars vielleicht? Nein. Aus einem der zugigen seitentäler der Marne, wo sonst nur Meunier wächst? Iwo. Also: sehr leicht als Chardonnay zu erkennen, aber sehr schwer örtlich zuzuordnen. Sehr freidfertig, aber nicht von der dümmlich-harmlosen Art. Lohnt den zweiten und dritten Blick, bzw. Schluck, resp. Flasche. Oder Kiste.

Wieder ganz anders ist

Champagne Charlot-Tanneux

wo Vincent Charlot wirkt. Das ist einer der Winzer, die mir in jüngster Zeit mit am häufigsten empfohlen, nahegelgt und aufgedrängt wurden. La Fruit de ma Passion Extra-Brut (65PM 20PN 15CH aus den Lagen La Genette und Les Chapottes in Mardeuil, zusammen ca. 1.1 ha) und L'Extravagant "sans sulfites ajoute" Extra-Brut sind aufregende Weine, die viel Luft brauchen und sich dann dankbar entfalten. Vor allem gegen den Extravagant ist waffenfähiges Kokain ein armseliger Dreck. Sowas mitreißendes findet man selten, ähnlich habe ich glaube ich nur beim Parallelchampagner von Dominique Moreau empfunden. Der Fruit de ma Passion ist eine nicht unbedingt notwendige, aber sehr lehrreiche Stufe auf dem Weg dorthin. Er macht klar, wie Vincent Champagner verstanden wissen will, seinen eigenen zumindest. Entschiedenheit, Finesse und Sensibilität verdanken sich möglicherweise dem Boden hier, die Kreide findet sich am Fußabschnitt der Hügel, der überwiegende Teil ist Sand und eine ganze Menge Silex findet man ebenfalls. Leider gibt es nur sehr wenige Flaschen.

Getrunken wurden nicht nur Pärchen, einzelne Flaschen gab es auch. 

Champagne Paul Déthune Blanc de Blancs

war im Kontext der ganzen niedrigdosierten Champagner doch sehr süß. Nicht schlecht, aber sehr süß.

Champagne Clément-Perseval Brut Premier Cru

war zum Beispiel so einer von den Champagnern, die dem Déthune das Leben schwer machten. Agil, wendig, facettenreich, wandlungsfähig, eine richtige kleine Korvette im Vergleich zum dicklicheren, brachialeren Déthune, der speckiger glänzte, rundlicher satter und sättigender war. Sehr viele Sympathien konnte

J.L. Vergnon Cuvée Eloquence Extra Brut

auf sich vereinigen, ein mit 3 g/l dosierter Blanc de Blancs (aus Avize, Oger und Le Mesnil), wie er im Buche steht. Der Artisan de Champagne gefällt mir jedes Jahr gut, vielleicht gerade weil er nicht dem plakativ-eloquenten Stil entspricht, der eher als redselig gelten kann, sondern weil bei ihm alles so schön abgewogen und bedacht ist.  

Von meinen wenigen Flaschen, die ich aus dem Hause 

Champagne Daniel Savart Cuvée l'Ouverture

habe, konnte ich guten Gewissens eine für die gute sache opfern. Und wie immer schmeckte mir der Overture saugut. Wie ein Antikörper an das Antigen andockt, belegt dieser "einfache" Savart aus 100PN bei mir alle Schaltzellen der Glückseligkeit. Das ließ sich nicht mehr steigern und so wich ich ganz zum Schluss auf den ewig zuverlässigen, aber viel leichteren, gelinderen

 

Champagne Nominé-Renard Brut en Magnum

aus, dem jede Form von Konkurrenzdenken fremd ist, der vielmehr ein vermittelndes Naturell hat und dabei seine Eigenständigkeit bewahrt wie ein Einigungsstellenvorsitzender im Arbeitsrechtsstreit zwischen Arbeitgeber und Betriebsrat.

WWW: Wein Wegwuppen in Warendorf

Aufmerksame Leser und Weininteressierte sind dem Landhotel Aust von Uwe Aust in Warendorf schon mehrfach begegnet, überwiegend im Zusammenhang mit Stillweinproben von Format. Da Uwe Aust selbst ein Mann, Koch und Weinwahnsinniger von Format ist, lasse ich mich immer wieder gern dorthin ziehen. Kulturbeflissene werden außerdem die Möglichkeit schätzen, in der nahegelegenen Freckenhorster Stiftskirche den berühmten Taufstein und das gewaltige Geläut zu bewundern. Meine Bewunderung galt bei letzter Gelegenheit Anderem:

1. Marinierter Ji Hao Lachs mit asiatischer Vinaigrette und Wildkräutersalat

2. Gebratenes Gänsestopflebermedaillon auf Pastinakenpüree mit Mango-Kürbisceme

3. Gebratenes Steinbuttfilet auf Stockfisch-Brandade mit Safran-Anisschaum

4. Gebratene Jakobsmuscheln auf Blattspinat mit Ochsenschwanzragout und Portweinbutter

5. Rosa gebratenes Black Angus Rinderfilet mit Schnippelbohnen, gefülltem Kartoffelwindbeutel

und Hoisin-Sauce

6. Törtchen von der Haselnuss mit Himbeercoulis

Dazu gab's als Eröffnung den ewigguten

J.J. Prüm Graacher Himmelreich Spätlese  2002, 

zu dem mir schon gar nichts anderes mehr einfälltt, als dass er eben so schweinelecker ist, wie sein Name vermuten lässt. Im Grunde hätte ich davon im Laufe des Abends bequem noch vier bis vierundzwanzig weitere Flaschen leeren können, um mich dann zufrieden ins Bett zu rollen und das Geläut der Stiftskirche abzuwarten. Doch es wartete noch Arbeit. 

Besserat de Bellefon B de B,

die erste richtige Prestigecuvée von Besserat, deren Cuvées des Moines jahrein jahraus zuverlässigen Champagnerspaß bereiten und deren Programm immer seltsam unabgeschlossen wirkte, wie ein Sakralbau ohne krönende Kuppel. Jetzt ist es endlich soweit und der Champagner, wenngleich jung, schmeckte mir gut. Er erinnerte an einen Blanc de Noirs aus der Grande Vallée de la Marne, verzauberte mit einer Blaubeermuffinnase, die ich so noch nie wahrgenommen hatte, hielt sich mit angenehmer Dosage und Holznoten, die nicht spü-, sondern mehr erahnbar waren, in einem angenehm deliriösen Schwebezustand. Der wurde holzhammerhaft beendet von

Ninot Crémant de Bourgogne 1953,

dessen Minztoffeenote und eine leicht stichige, von Pilzen und reifer, süsser Metallik, genausogut ein sprudelnder Pessac mit hoher Dosage hätte gewesen sein können. Ich trinke solche Sachen ja für mein Leben gerne, vor allem schnell und in großen Schlucken, ich verstehe aber, wenn sich andere davon nicht angezogen fühlen. 

WG Britzingen Burgfräulein Spätburgunder Rosé en Magnum

hatte es nach so einem Gewaltschlag schwer. Rosenblüte konnte ich immerhin noch vernehmen, nur war mir der Sprudel nach der Ladung alter Aromen zu harmlos und verfügte, eine Unart süddeutscher Sekterzeuger, über viel zu wenig Säure. Das Säureproblem hatte 

Clos de la Coulée de Serrant 1990

nicht, obwohl es der erste Jahrgang von Nicolas Joly war, der einen biologischen Säureabbau durchlaufen hat. Schon bei anderer Gelegenheit fand ich, dass der 90er Coulée de Serrant ein Langsamläufer ist, der erst mit sehr viel Luft und speziell zum Essen ab- und auftaut. Bleistift, Bittermandel, herzhafte Nuss, Stahlsplitter, wie sie sich beim Bohren in Stahlplatten bilden, prägten meinen Eindruck von diesem Wein. Genau richtig war es deshalb,

Charles Dufour Blanc de Blancs

nachzuschieben, dessen volle, weinige Nase auf der reichhaltigen Kargheit des Jolyweins aufbaute, dabei kompromisslos trocken blieb und sich dem hohen Alkohol vom Vorgänger mühelos gewachsen zeigte; beinahe paradox schien mir dann, wie saftig er bei aller Trockenheit wurde, gefreut habe ich mich über die üppige Kerbel-, Estragon-, Fenchel- und , Aprikosenkernaromatik. Gesteigert und zugespitzt wurde das in 

Charles Dufour Avalon,

wo Apfelkuchen und Basilikum dominierten und oszillierten. Was kann man probentaktisch tun, um jetzt nicht in eine Sackgasse zu geraten? Eine Zigarre rauchen zum Beispiel. Oder koksen. Beides schien jedoch untunlich. Also griffen wir zum Riesling:

Georg Breuer Schlossberg 2001,

Dessen Stinkenase annullierte so gut wie jeder noch so gute Stumpen oder 1a-Tropanalkaloid vorherige Naseneindrücke, im Mund wirbelte er trocken, rassig, schlank und schön umher, wie ich es selbst bei deutlich jüngerem trockenem Riesling nur im Bestfall je erlebt habe. Einmal rekalibriert, konnte es mit

Champagne Mumm, Mumm de Cramant,

weitergehen. Dieser bis heute von einigen wenigen Erzeugern gepflegte Stil mit dem niedrigeren Flaschendruck und der besonders sahnigen Mousse reift sehr elegant und langsam, was wahrscheinlich daran liegt, dass der klassische Crémant de Champagne aus dem Herzen der Côte des Blancs, stammt. In Crémant scheint er ganz ursprünglich beheimatet zu sein, aber auch in Avize und bis hinunter nach Le Mesnil (wo er schonmal als Perle de Mesnil etikettiert wird) kann man sich traditionell damit anfreunden. Ein guter Freund des Mumm de Cramant könnte der reife, sehr volle,

Pommery Apanage 

sein, der schmeckt wie ein Champagner aus den 90ern. Das bedeutet auch: zwar nicht schlecht, aber weit vor seiner Zeit gealtert. Wenn wir damit aromatisch schon unfreiwillig in die Neunziger zurückgeworfen wurden, konnte

Pegau 1990,

kein Fehlgriff sein. Klarer, gestählter, zusammengeraffter und gleichzeitig noch charmanter als wenige Tage zuvor in Berlin. Zum

Château Musar 1989,

mit viel Rosmarin- und Garrigue konnte nichts oder nur wenig besser passen, als das Rindefilet mit Bohnen und Hoisinsauce. Die beiden, Bohnen und Sauce, gaben das Thema vor, der Wein nahm es auf und variierte es durch, darin ist er schließlich ein Meister und ein in Rotwein übertragenes Musikalisches Opfer, nämlich eine herrliche Fuge über ein königliches Thema, weshalb dem kurz darauf verstorbenen Serge Hochar als spiritus rector ewiger Dank gilt. Um einen gelungenen Abend zu Ende zu bringen, braucht es nicht unbedint einen Dessertwein für mich. Wenn doch, dann bleube ich am liebsten in Deutschland. Wenn das nicht geht, ist Frankreich ein verlässlicher Lieferant geeigneter Kreszenzen. Wobei ich weniger an Sauternes und Elsass denke, als an die wenig beachteten Gegenden im Katharerland zum Beispiel, wo man sich auf den Umgang mit Muscat d'Alexandrie, Muscat Petit Grains und der Herstellung von vin doux naturel versteht. Zu den schokoladigsten Weinen, die dennoch nicht den Mund verstopfen, gehört für mich der Banyuls. 

Mas Blanc Banyuls Vieilles Vignes 1985

war aus diesem Grunde die richtige Wahl zum Dessert. Schokolade, Himbeere, Haselnuss, Konzentration alter Reben in gereifter Form und die alles durchschlängelnde, sehr fitte Säure des Weins waren so erlösend, wie ein durch zufälliges Herumknobeln plötzlich richtig zusammengestecktes IQ-Spielzeug.  

Pommery Louise 1999

machte es mir zum Schluss noch einmal sehr einfach, mich im Einklang mit der Welt zu fühlen und entschädigte für den überreifen Auftritt der Apanage, eine Steigerung war dann nur noch möglich durch einen meiner ganz großen Favoriten, der entgegen aller erwartung und teilweise auch Erfahrung nicht totzukriegen ist:  

Dom Pérignon 1990,

zusammen mit 1996 einer der Kontroversjahrgänge der Champagne. Voreilig als Überjahr propagiert, vielfach zum falschen zeitpunkt, mit falschen erwartungen geöffnet, vielfach nicht so vinifiziert, dass er den berechtigten Erwartungen gerecht wurde, von der Natur mit allem verschwenderisch gesegnet, leider selbst zu oft verschwendet. In perfekt erhaltenen Flaschen ohne negative Varianz ist der 90er Dom noch immer ein Monument der Leichtigkeit, eine himmelstürmende Meisterleistung, der Burj Khalifa unter den Champagnern, aber in gotisch. Ein schönerer Schluss- und Schlummertrunk ist beinahe nicht denkbar.

Bring er mir Sekt, Schurke

Gleichsam als Neben-, nicht Abfallprodukt zu einer Probe der verschiedenen Dégorgements des vielbesprochenen Buhl-Sekts gab es eine Reihe anderer Sekte zu probieren, von denen ich einige gewürdigt wissen will.

Peter Weritz brachte mit einen

Sonneck Solitär Riesling Sekt Brut, der sehr kräftig, mit männlicher Herbe und sauber abgeduschtem Athletenkörper punkten konnte.

Ich habe den von mir hochgeschätzten 

Erbeldinger Chardonnay Brut Nature,

mitgebracht, den ich bei einem Besuch auf dem Weingut für zwingend mitnehmenswert hielt und der sich in den letzten Monaten prächtig entwickelt hat. Leider gibt es diesen Sekt quasi nur für den Privatgebrach der Familie, aber wenn dieser kleine Beitrag helfen kann, die Nachfrage zu erhöhen und die Produktion eines Chardonnay Brut Nature dieser Güte zu verstetigen, dann hat sich meine Mühewaltung unbedingt gelohnt. Mit geradezu schieferiger Würze, merklichem Restzucker, der dem empfindlichen Chardonnay aber keine Narrenkappe aufsetzt und einer in der Runde mehrfach gehörten, vermuteten Beeinflussung von Holzaromen war das eine der Neubekanntschaften unter den Sekten, die mir in den letzten ein- bis eineinhalb Jahren am besten gefallen hat.

Die Rheingauer Sektwelt wäre eine andere, schwächere, ärmere, ohne die Sekte aus dem Hause Barth. Mark Barth brachte seinen

Barth Riesling Extra Brut,

mit, dessen fruchtige Nase und dezentfruchtiger Mund, vergnüglich, sauber, aber etwas kurz angebunden wirkten. Erst ein Glaswechsel holte mehr aus dem Sekt, weshalb ich dazu rate, ruhig ein paar verschiedene Schaumweingläser vorzuhalten, und zwar von beiden Sorten: bauchig und flötig. Mir gefiel der Riesling Extra Brut am besten aus dem Lehmann-Jamesse-Glas (dem kleinen, eigentlich für Champagner vorgesehenen), dessen bauchige Form erlaubte dem Riesling, sich optimal der über ihm im Glas liegenden Luftschicht mitzuteilen, was dem gelungenen Trinkvergnügen sehr förderlich ist.

Barth Ultra,

hat mit seiner bekannt komplexen Nase, deren sanfte Nussigkeit Erinnerungen an Bouzy-Pinot wachzurufen geeignet ist, schon seit Jahren meine Sympathie. Die anklingende Süße stört kaum.

Großes Staunen löste der Sekt vom

Weingut Balthasar Ress, "Von Unserm" Brut Nature,

aus. Das ist Rheingaurieslingcharakter in Sekt übersetzt – was leicht und fast selbstverständlich klingt, ist wegen der völlig anderen Methodik in Wahrheit schwer, vielfach wahrscheinlich sogar nur purer Zufall.  Mit seiner gelungenen Trockenheit, Würze und konsequent langgliedrigen Ausstrahlung ist er ganz und gar unkatalektisch, aromatisch geschlossen und ein echtes Gourmetvergnügen.

Peter Weritz ließ noch einen

Rieslingsekt 2007

der 100% neues Barrique von innen gesehen und eine sehr hohe Restsüße von 8 g/l hatte, weshalb er ohne Dosage auskam (aber wohl nicht als Brut Nature firmieren darf). Aprikose, Pfirsich, sanfte Süffigkeit und eine trotz der Süße und des merklichen, aber nicht erdückenden Holzeinflusses ausgezeichnete Beweglichkeit am Gaumen zeichnen diesen Sekt aus. 

 

1, 2, Scha-, Scha-, Scha(umwein)

Apfel, Nuss und Mandelkern essen fromme Kinder gern. Erwachsene sind in der Lage, das zu abstrahieren und in altersgerechter Form zu sich zu nehmen, nämlich als Champagner, der diese und noch sehr viel mehr Aromenmerkmale an den Gaumen und durch die Nase führt. Damit ist er nicht alleine, wie in Rundfunk und Presse kolportiert wird. Da ich diesen Verdacht insgeheim selbst hege, habe ich mir einen kleinen Bestand verschiedener Nichtchampagner angelegt, den so kurz nach der Weihnachtszeit geordnet zu verkosten keineswegs leicht werden würde, mit fachkundiger Hilfe gelang es dann aber doch.

Ein Grund dafür war die Unterstützung, die ich von der zauberhaften Anabela Campos-Neves, Inhaberin von Anabelas Kitchen in Berlin-Charlottenburg bekam. Ein weiterer Grund war die Unterstützung durch die Runde geeignete Mitverkoster, die sich nicht nur in Berlin eines guten Rufs erfreuen, sondern auch und gerade durch ihre Verkostungserfahrung für mich wertvolle Rückmeldung geben konnten.

Als Eröffnungsschluck gab es gleich mal etwas Unerwartetes, einen Ribolla-Gialla 2012 von Tenuta Stella Collio. Sowas kennt ja hier kein Mensch, dabei wäre es längst an der Zeit, sich über die Pausen-Prosecco Kultur hinweggesetzt zu haben und dieser feine Schäumer mit seiner eleganten Aromatik von weißen Pfirsichen, Nashibirne und ruhiger Säure wäre ideal, um dem deutschen Vernissagenpublikum endlich einen neuen Geschmack sanft einzubleuen.

Aber was rege ich mich auf. Lieber erzähle ich, wie es weiterging. Bei den Chardonnays ging es weich und fast harmlos weiter mit dem Chardonnay Brut vom Rheinhessen-Weingut Erbeldinger. Auf den spitzenmäßigen Chardonnay Brut Nature von Erbeldinger, der nicht für jeden Geschmack geeignet ist, meinen aber so zielgenau trifft, hatte ich an anderer Stelle schon hingewiesen, leider bekommt man ihn nicht zu kaufen und so war ich auf die brut-Version verwiesen, die dem normalen Schaumweintrinkergaumen aber schon recht sehr entgegenkommen dürfte. Trotzdem der Brut Nature geht mir nach und auf meine Frage hin wurde mir die tröstliche Antwort zuteil, dass es den Rieslingsekt von Erbeldinger sehr wohl in einer Brut Nature Fassung zu kaufen gibt, worauf ich hiermit nachdrücklich hingewiesen habe. Von Wageck-Pfaffmann kam der 2010er Chardonnay Brut Nature ins Glas (vielen Dank insoweit an Billy Wagner!), dessen fesche Säure und Struktur auffielen, ihn aber nicht unbedingt als Blanc de Blancs erkennen ließen, im Ergebnis dennoch ein mehr als gut gelungener Sekt, den ich mir noch einmal genauer anschauen werde. Der aus England geplante Vertreter hatte leider Kork. Es folgte der Grand C Chardonnay Extra Brut Crémant d'Alsace mit einer leicht flüchtigen Säure, aber gutem, stattlichem Format, cheninblancmässig, aber zum Schluss mit etwas angematschtem Apfel, der doch wieder an das füllige, weiche Elsass erinnerte. Der Hommage-Sekt an Alfons Mucha, ein 2007er, hatte sehr viel Apfel, braune Butter, Toffee, war aber insgesamt etwas mau, spannungsarm und süss, vpr mich gerade noch angenehm morbid, mit positiv herauszuhebender Minze und negativem bemerkenswerten Wurstaromen.

Damit konnten wir die Chardonnays hinter uns lassen und uns der Loire zuwenden, wo mit Bouvet-Ladubay Tresor Blanc ein alter und zuverlässiger Bekannter die Runde eröffnete. Den kenne ich gar nicht anders als frisch, jung, saftig, sauber, mit genügsamer Säure und einem Charakter, der unisono als champagnerig beschrieben wurde. Ich würde diese Sorte von Vergleichen eigentlich lieber vermeiden und bin auch der Ansicht, dass das, was den meisten Trinkern bei Nichtchampagnern immer als champagnerig auffällt, einfach eine gewisse Form von Komplexitätsmix (Autolyse, Frische, Mousseux) ist, der vor allem den führenden Großerzeugern der jeweiligen Regionen regelmäßig in überzeugender Manier gelingt, mit Champagner als Schaumwein hat das also nicht zwingend etwas zu tun, aber ich weiß um die Begriffsnot, wenn es darum geht, solche Geschmacksphänomene zu umschreiben. Gut, weiter: de Chanceny Crémant de Loire wählte eine andere Marschroute und fuhr zunächst Bäckeraromen auf, Brot, Hagelzucker, übergehend in eine entfernt animalische Strenge, wobei der Crémant durchweg länglich blieb. Der Nerleux, La Folie des Loups Crémant de Loire war eckiger, etwas krautig, aber nicht so dass es mich gestört hätte, von der Gestalt her noch schlanker als der de Chanceny und ein wenig stahliger, was sich gut mit den Calamaretti auf Fenchel vertrug, vor allem die Krautnote fand hier ihre Bestimmung. Als harmlosen, ganz leicht nussig-mandeligen Wein empfand ich den Jacquart Brut Blanc, der es nach dem Loiretrio sichtlich schwer hatte.

Als kleine Entspannung für den Gaumen habe ich zwei Méthode Rurale Schäumer eingebaut, die gleichermaßen zu gefallen wussten. Der Chardonnay von Menger-Krug war so saftig, fast limonadig, mit Granatapfel, mädchenhaft-charmanter Süße, mit viel Luft dann noch erfrischendem, die Süße relativierendem Menthol. Das Weingut Baeder hatte ich mit seinem Riesling danach platziert, weil er noch deutlich limonadiger war, was beim Menger-Krug der Granatapfel, war hier Maracuja, hinzu kam etwas Brot, bei insgesamt noch weniger fühlbarem Druck als ihn das Ruraleprojekt aus der Pfalz aufwies.

Stichwort Pfalz: natürlich musste die Pfalz probiert werden und da ist die Auswahl unter den Sekten ziemlich üppig. Um es mir einfach zu machen und die probe nicht zu überfrachten, habe ich mich als Auftakt für die V Amici entschieden, das Gemeinschaftsprojekt von Fritz Becker aus Schweigen, Münzberg aus Godramstein, Rebholz aus Siebeldingen, Siegrist aus Leinsweiler und Wehrheim aus Birkweiler. Der Sekt machte sich vor allem durch eine muskatige Note, Khaki und fröhliche Exotik im Mund bemerkbar, auch das Mundgefühl war ansprechend, unverklebt und nicht täppisch. Dann ging es zum neuen Buhl-Sekt. Auch hier Muskat, ganz leicht überwiegendes Brot, Malz, viel gesunde und kräftige, allerdings wohlerzogene Säure, ein messerscharf, am Tisch für Champagner gehaltener Sekt. Lauermann-Weyer, wirkte mit seiner schmalen, zurückgenommenen Ästhetik und dem medizinalen Touch, der erst hintenrum mit Frische durchkam, auch etwas zaghafte weisse Früchte ausfertigte, zu brav nach dem Buhl, wodurch nur einmal mehr deutlich wurde, dass Buhl den Rieslingsekt neu definiert, bzw. ihm eine neue Kategorie, die er vorerst allein ausfüllt und bespielt, hinzugefügt hat. 

Aus der deutschen Toskana ging es in's richtige Italien und dort gleich ad profundum. Sachen, die hier wirklich kein Mensch kennt und an denen Italien so verschwenderisch reich ist. Opera Semplice zum Beispiel, ein Soaveschäumer, den ich Alexander Steinmüller und Nicola Neumann verdanke, zog nach dem letzten Pfalzsekt und einem dazwischengeschobenen Gang von Maishähnchen mit Gewürzfeige mächtig an. Herbe, krachende Nussigkeit, ernstgenommene Naturbelassenheit, im Mund Scherenfleisch, Schalentierfett, Hummerbutter. Meine Güte, wer hätte das aus der Region erwartet? Ich nicht und daher freue ich mich, diesen Schäumer so exakt nach dem Essen positioniert zu haben, dessen Aromen er begierig verwertete. Als nächstes kam eine ligurische Besonderheit, wenn nicht Einzigartigkeit auf den Tisch. Az. Agr. Durin Basura Riunda Pas Dosé, von Laura und Antonio Basso in Ortovero, Savona. Aus 100% Pigato, eine Rebsorte, die einen Eindruck davon vermittelt, wie versekteter Vermentino (die Rebsorten sind nach meiner Kenntnis entfernt miteinander verwandt) schmecken könnte. Mit seiner zierlichen Apfel-Berberitzen-Nase und der üppigen lang und spitz zulaufenden Säure konfligiert allerdings die hoch ausgereifte Grundweinanlage mit ihrer spürbaren Restsüße. Dadurch entsteht der Eindruck eines Windhunds mit leichter Wampe. Da die Dickstelle mit Luft nachläßt und dieser Schaumwein sicher auch so schon weithin seine Freunde gewinnen dürfte, halte ich ihn für sehr beobachtenswert und reifefähig, aufgefallen ist er mir erstmals 2013, als ich ihn beim Schaumweinwettbewerb Euposia erstmals im Glas hatte und wo er dann auch prompt gewann. Von der Tenuta Stella habe ich danach den zur Eröffnung bereits gereichten Ribolla eingeschenkt, um auf die Cuvée Tanni (70CH 15PN 15 Ribolla-Gialla, 10% gebrauchtes Barrique) aus demselben Haus hinzuführen, die ich für sehr beachtlich halte. Die staubigere Nase, der straffere, rassigere Körperbau zeigen, dass die autochthonen Rebsorten nicht nur in Spanien (wo ich bei vielen Cavas den Qualitätssprung erst dann sehe, wenn Chardonnay oder Pinot Noir ins Spiel kommt), sondern auch in Italien von internationalen Reben profitieren können, wenn es um die Scgaumweinbereitung geht. Alsdann folgte eine Minivertikale Ca Rovere, das ist ein Erzeuger aus Alonte, südwestlich von Vicenza, der Garganega und Chardonnay bei seinen Schäumern einsetzt. 2008 war schlank und reifzitronig, ich fand das sehr ansprechend, flott und frech aber leider im Mund viel zu süss, sowas geht nur zum Essen und zum Wurzelgemüse, das passenderweise gerade auf den Tisch kam. Das Kabeljaufilet mit Basilikumgraupen, Kürbis und verschiedenen Wurzeln war wie gemacht zu diesem Schaumwein, der übrigens keinerlei Spuren des Alters zeigte. Eine Kehrtwende markierte der Ca Rovere 2009, der wieder ernster, stramm und fordernd war. Der Schließer war Ca Rovere 2010 der erstaunlicherweise neben dem alterslosen oder jugendhaften 2008 noch viel jugendhafter wirkte, auch schien er mir viel leichter als der 09er geraten zu sein und insgesamt hat Ca Rovere eine ebenso vielfältige wie stringente Leistung abgeliefert, eine differenziertere Jahrgangsabfolge aus ein und demselben Haus habe ich wahrscheinlich noch nie erlebt.

Nach dem lehrreichen Italien-Ausflug musste ein klar konturiertes Kontrastprogramm her, um die Probe nicht in ihrem Kern verschwimmen zu lassen und dem Gaumen die Möglichkeit zur Neuausrichtung zu geben. Was könnte da besser passen, als ein georgischer Schaumwein, den ich vor Jahren schonmal für gut befunden habe und der jetzt mit Reife nochmal zeigen durfte, was ich schon lange sage: technisch guten Schaumwein kann man überall auf der Welt machen. Bagrationi 2007 war nicht so reif wie man meinen müsste, denn wenn ich ehrlich bin, hätte ich ähnliche Aromen wie beim Mucha-Sekt erwartet, dem war aber nicht so. In Sachen Jugendlichkeit war der Bagrationi dem 2008er Ca Rovere sogar sehr ähnlich, ansonsten war er einfach aber gut. Die Gran Reserva von Recaredo hatte verfluchten Lork; der folgende Trapiche aus Argentinien war vom Rebsortenmix her eine kleine Wundertüte. Chardonnay, Semillon, Malbec, Rebsorten, die so gar nicht zueinander passen wollen. Das Ergebnis bestätigte die Vorabeinschätzung nicht. Der Argentinier bot gute, gefällige Qualität auf hohem Niveau. Apfel, Röstnote, Hefe und behutsame Exotik, was zum Tomahawk Steak gut passte, wobei ich den recaredo mit seiner furztrockenen Art dennoch vermisst habe.

Die nächste Zäsur stand an und barchte uns zu dem Thema Reife, in einem weiten Sinn verstanden und auf drei Exponate komprimiert. Die Weingüter Wegeler mit ihrem Doctor-Sekt vonb 1984 zeigten, wie reifer Sekt geht. Für mich einer der ältesten immer noch so gut erhaltenen Sekte, schon genügend weich, mit Butter und Toffee wie sie der Mucha-Sekt gleich zu Beginn zeigte, und dann mit einer noblen, dem sektgrundweinfreundlichen Jahrgang zu dankenden Säure, die erneut einen Schaumwein lebendig erhielt und viel frischer als man vermuten müsste wirken ließ. Das I. Triumvirat von Volker Raumland aus dem Jahr 2001 hatte vor allem Reduktion, Jod, Krustentierschale und wirkte irgendwie vergrätzt, das habe ich erst vor wenigen Monaten mit viel mehr Trinkfreude erlebt, weshalb ich die miese Form auf die konkrete Flasche und nicht auf das I. Triumvirat insgesamt schiebe. Jakob Schneider, einer der aufgewecktesten Lehrlinge von Rowald Hepp, hat mit dem Riesling Sekt Brut "Stückfass" 2011 einen Sekt in die Schaumweinwelt entlassen, dessen Altweindosage von 1969er Auslese stammt. Der viele Apfel und sein leichtes Schieferstinkerle machen den Sekt sehr angenehm und ich habe mich bei meinem ersten Schluck gleich wie zu Hause gefühlt. Besonders schön ist, dass der Sekt mit Luft noch deutlich zulegt, die Apfelstückchen kann man dann förmlich kauen.

Alice Beauforts Le Petit Beaufort stammt aus Prusly-sur-Ource, also aus direkter Nachbarschaft zur Champagne. Kennengelernt habe ich dieses Stöffchen in Troyes, wo mir der Vergleich zwischen den Schaumweinen der Region schon viel Kopfzerbrechen bereitet hat, weil ich mir die Aube nie so vielgestaltig vorgestellt hatte und wo ich nicht auch noch jenseits der geheiligten AOC-Grenzen trinkbare Schaumweine vermutet hätte. Nun war und ist es aber so und bei Beauforts Crémant reizen mich jedes Mal die Multivitaminaromen und das frische, gar nicht wirklich medizinale Aroma von aufgelösten Aspirintabletten. Eine andere kleine Kuriosität habe ich mir mit dem Lambrusco Bianco von Lini 910 angelacht. Dieser Blanc de Noirs aus der Gegend von Modena ist nur leicht phenolisch, hat wenig Druck und fließt dennoch mit gutem, stetigem Zug in den Bauch.

Nach so viel weißem muss endlich rötlicher Schaumwein zu seinem Recht kommen. Künstlers Rosé 2008, der mir eigentlich ganz gut gefällt und der zuletzt sogar champagnerhafte Ambitionen zeigte, konnte leider nicht überzuegen. Phenol und Brot genügen nicht, auch wenn der Sekt explizit auf der sehr trockenen Seite angesiedelt war, ihm fehlte einfach die besondere Komplexität eines großartigen Schaumweins. Mag ein Flaschenfehler gewesen sein. Bouvet-Ladubay Rosé hatte leichten Muff, der aber schnell verflog und daher am besten als schwefelböckser anzusprechen gewesen sein dürfte, was bei Grossmengenerzeugern, wofür im Übrigen die Mehrzahl der Verkoster votierte, als lässliche Sünde gilt. Champagne Jacquart Rosé gefiel mir dann noch einen Ticken besser, wobei die Preisrelation zwischen beiden zu denken geben könnte. Mir nicht, das ist klar, denn beim Champagner denke ich zuallerletzt an den Preis oder an eine Rechtfertigung für den Preis im Verhältnis zu anderen produkten. Aber die harte Marktrealität zwingt nunmal dazu, in Deutschland als erstes über den Preis nachzudenken. Champagne Moutard 6 Cépages, den ich schon seit Ewigkeiten nicht mehr getrunken habe, passte sehr gut in den Verlauf des Abends, auch wenn er jetzt wieder weiß war und zu den Rosés gerade kein bezug bestand. Seine Besonderheit ist die Frendartigkeit innerhalb der Champagne, die ihn gleichsam zur Öffnungsklausel für ungewohnte Aromen macht. Brennesseltee, Moringablätter, Kakaobohne, im Mund eine ganze Menge Candy, leichte Fassanmutung mit enormer Frische und genau dieses erfrischende Naturell war dafür verantwortlich, dass mir der Moutard in diesem Zusammenhang so gut wie nie zuvor gefiel.

Abschließend gab es aus der höher dosierten Fraktion noch den Grand C Pinot Gris Extra Dry, der vor allem viel weniger süss als gedacht schmeckte, kaum Grauburgundercharakter zeigte und sich vielmehr als sprudelnder Josephshoefer hätte verkaufen lassen; ausgewogen, elegant und ein gelungener Schlusspunkt, bevor ich mich ohne Rücksicht auf Verluste in das Berliner Nachtleben warf.

Was ist festzuhalten? Festzuhalten ist, dass Sekte spitzenmäßig reifen können. Festzuhalten ist auch, dass guter Schaumwein praktisch von überallher kommen kann. Nachzugehen ist meiner Meinung nach den kaum oder wenig bekannten Regionen der bekannten Weinbauländer, in denen sich ein zartes Pfänzchen entwickelt, das den zweiten Punkt meines fazits aufnimmt: guter Schaumwein geht praktisch überall. In Kombination mit geeigneten, autochthonen Rebsorten wird daraus ein lehrreiches Vergnügen, wobei im Moment vor allem die Zugabe von internationalen Rebsorten für den Trinkspass verantwortlich sind. Je mehr Erfahrung die Winzer sammeln werden, desto eher werden sie sich aber von Chardonnay und Pinot Noir emanzipieren und eigenstöndige Weine versekten können, die international konkurrenzfähig sind, ohne als Anlehnung an den Champagnerstil wahrgenommen zu werden. 

Der Sekt von Buhl – Ein Zwischenfazit

Über den Sekt von Buhl ist viel disputiert worden, weshalb ich meinen Senf nicht noch dazugeben muss. Ich tu's aber trotzdem. Denn probiert habe ich ihn schließlich und er ist es wert, vor allem klarstellend kommentiert zu werden. Dieser Klarstellung sollte unter anderem eine kleine Probe dienen, zu der Richard Grosche die bisherigen vier Dégorgements ("T1 – T4") mit in die Hattenheimer Winebank gebracht hat. Drumherum gab es zwangsläufig noch einige weitere Sekte und probiert wurde aus den unterschiedlichsten Gläsern – schließlich sind Schaumweingläser das neueste Lieblingsprojekt der Glashersteller. Zwar gab es Ende 2014 bereits die ersten Warnungen besonders zukunftsgewandter Blogger, wonach kein Mensch mehr etwas über den jüngsten Gläsertest lesen wollte. Aber wen schert dieses Kassandratum schon.

Der Preis vom Buhl. Mit unter 15,00 € für die einen viel zu günstig, für die anderen schon ganz schön teuer – zu teuer für den Glasausschank in der Gastronomie etwa, oder zu teuer für einen Basis-Sekt; wie das eben immer so ist. Ich finde: preislich ist er genau richtig platziert. Richtig ist dabei auch, dass er mit irgendwas zwischen 12 und 15 Monaten Hefelager deutlich oberhalb der gesetzlichen Mindestanforderungen liegt und trotzdem im Bereich der leichten, klaren, frischen Schaumweine ohne allzu heftige Autolyse oder sonstige Flaschenreifearomen bleibt. Stilistisch also ein junger Sekt und in dieser Gruppe am oberen Ende des preislich Machbaren.

Im Gegenzug gibt es liebevolle Details an der Flasche, die deren Trinkbarkeit zwar um keinen Deut befördern, aber Merkmal einer selbstbewussten Trinkkultur sind. Die Folierung am Flaschenhals ist zum Beispiel akkurat, da labbert nichts oder pappt nur so halb angeklebt an der Flasche so dass man Angst haben muss, die Flasche könnte einem bei leichtfertigem Danachgreifen aus den Fingern gleiten. Bei genauerem Hinschauen auf die Folie erkennt man ein Traubenmuster unter dem Graphikgespiele, fast hat man den Eindruck, hier sollte die Fälschungssicherheit eines Qualitätszahlungsmittels erreicht werden. Ähnlich bei der Relieflackierung des Buhl-Wappens. Streicht man über das Wappen, kann man dessen leichte Erhabenheit fühlen.   

Ins Glas damit. Wenig kommuniziert wurde bisher, dass der Buhl-Sekt keinen biologischen Säureabbau durchlaufen hat. Das trauen sich schon in der Champagne nicht sehr viele (neben Lanson und Gosset überwiegend die Winzer, deren Champagner allerorten Furore machen) und die, die keinen BSA machen, stellen das bei jeder sich bietenden Gelegenheit heraus. Im Vordergrund steht dabei immer, wie frisch, apérogeeignet und elegant zugleich der Champagner sei. Ein wichtiger Hinweis auf die Stoßrichtung des Sekts kommt also aus der Technik. Ein weiterer interessanter Hinweis: kein BSA bedeutet meist mehr Schwefel. Aber da hat Buhl gespart: nur ca. 20 mg/l sind es in toto, so Grosche. Punktlandung, würde ich sagen.

Bevor nun ernsthaft getrunken wird, noch ein Wort zu den verschiedenen Dégorgierdaten. Zur Zeit gibt es vier Dégorgements, die jeweils im Abstand von ca. vier Wochen erfolgt sind. Beim ersten Dégorgement, das also gerade einmal ein Vierteljahr zurückliegt, ist die Vermählung von Dosage und Schaumwein jetzt gerade erst und allerfrühestens abgeschlossen. Der Sekt hat seine vorläufige Gestalt gefunden und entwickelt sich, bzw. altert ab jetzt. Das zweite Dégorgement befindet sich noch in der Vermählungsphase und profitiert von dem gerpngfügig längeren Hefelager. Das dritte Dégorgement hat ein noch längeres Hefelager, ist aber noch nicht besonders lange davon getrennt und von Vermählung kann daher noch kaum die Rede sein. Beim vierten Dégorgement war das hefelager am längsten und vermittelt dem Sekt damit die höchste Komplexität, aber durch den so jurz zurückliegenden Trennungszeitpunkt ist die Vitamin-C-Frische des Sekts, die harte Äpfelsäure und der aggressive Charakter eines gerade erst dégorgierten Schaumweins am deutlichsten spürbar.

RvB T1, hatte meiner Meinung nach eine flüchtige Säure in der Nase, die mich etwas gestört hat, war im Mund aber knackig, außerdem schon mild und gefasst für den Markt, was vor allem im Veritas-Glas von Riedel gut herauskam. In Zwiesels Wine Classics Prestige wirkte der Sekt erwartungsgemäß technisch (das Glas sieht nicht nur aus wei ein abgeschnittener Erlenmeyerkolben, sondern verhält sich auch wie ein Laboruntersuchungs- und Analyseapparat) und  filigran, in Lehmanns Jamesse-Glas (dem kleinsten) hingegen füllig, apfelig, champagnerig. Das ist im Übrigen der Eindruck, der wohl bei den meisten, die sich für den Buhl-Sekt erwärmen oder begeistern konnten, überwog.

RvB T2, hatte mehr vom Apfel, war aber immer noch weich und zwar weich aufgrund seines länger zurückliegenden Dégorgierzeitpunkts und nicht weich aufgrund seiner höheren Autolytik, behaupte ich. Im Veritas-Glas wirkte er auf mich am ausgewogensten, im Zwieselglasmerkte man den Dégorgierzeitpunkt: hier schmeckte der Sekt am süssesten, im gemütlichen Lehmannglas war er am breitesten und vollsten.

RvB3, war weicher und auch schon feinsprudeliger, sahniger als seine Vorgänger. Hier zeigte sich erstmals der Effekt längeren Hefekontakts und dieser T3 war auch mein klarer Favorit; am süssesten wirkte er jetzt im Riedel, wieder verschlankt und weiterhin süss in Zwiesel, ein leichte, gesunde Herbe legte sich mit dem Lehmannglas unter die Zunge, was ich als gutes zeichen für die Zukunft werte, da es vermuten lässt, der Sekt werde nicht abdriften, vermatschen, pampig, breiig oder sonst unappetitlich werden.

RvB T4, war dem Grunde nach am weichsten, aber eben noch unruhig nach dem Dégorgement; Komplexität und Frischekick gab es aus dem Riedel, überraschend rund und ausgewogen schien der Sekt in Zwiesel, wobei die Säure mit etwas Zeitversatz piratengleich den Rand der Zunge hochgeentert kam, gegenüber T3 gab es eine zunehmende Herbe im Lehmannglas, die den Sekt ernster, nicht schlechter werden ließ.

Wie lautet also das Zwischenfazit? So: Buhl hat eine neue Sektklasse definiert. Preislich, technisch, in der Ausstattung und im Geschmack. Die Rebsorte, stets das Aushängeschild und der ganze Stolz deutscher Schaumweinerzeugung im Gegensatz zum bloßen Verschnittwein, steht geschmacklich und auf dem Etikett im Hintergrund. Der Sekt lebt von Bausteinen, die der Riesling (der saure Buhl'sche zumal!) bereitwillig in die Hand des Kellermeisters gibt. Der verleiht ihnen mit der zweiten Gärung eine Aura, die nicht wie vom Champagner ausgeliehen oder nachgemacht wirkt, sondern ganz eigenständigen Charakter hat. Dass sich der Vergleich zum Champagner aufdrängt, ist dabei so klar wie falsch.  

 

Paarungsspiele in der Goldenen Traube, Coburg (*GM)

Der Präsident der Deutschen Sommelierunion, Bernd Glauben, unterhält in Coburg ein hübsches Hotel mit kleinem, erst neulich renoviertem Gourmetrestaurant: die Goldene Traube in deren Esszimmer Stefan Beiter u.a. mit den Produkten der ägeschtzten Koblenzer Gewürzspezialisten Pfeffersack & Söhne kocht. Einmal im Jahr nun schart Max Hendlmeier seine Getreuen um sich und die folgen dem Ruf gerne, in berechtigter Erwartung großer Weinunterhaltung. Die sollte sich diesmal zu einem nicht ganz unwesentlichen Teil um Champagner drehen und an dem Punkt komme, ohne dass es besonderer Aufforderung bedarf, ich ins Spiel. Los ging's aber mit einigen gereiften Sächelchen wie dem Wegelerpaar

Wegeler Spätlese Rheingau 1995 und

Wegeler Spätlese Mosel Vintage Collection 1994,

wobei der Rheingauer noch sehr präsente Jugendlichkeit anzubieten hatte, bei reichlicher Süße, die mit der knackigen, frechen Mosel auf gutem Niveau konkurrierte.

Château de Beaucastel Châteauneuf-du-Pape Blanc 2006

wirkte auf mich schnapsig, breit, hatte keinerlei merkliche Säure und war für mich nur schwer zu trinken, um nicht zu sagen schwer erträglich. Deutlich besser gefiel mir die

Karthäuserhofberger Orthsberg Riesling Spätlese von 1971,

deren Oxidation, Butter, Öl und Firne jegliche Süße übertönten und verabschiedeten, aber noch ein wenig Mandarine übrigließen, was für einen immerhin versöhnlichen Abschied sorgte.

Als Überleitung zum ersten Gang gab es den Standardbrut von

Laurent-Perrier,

ein Champagner, der fein zum Tomateneis, Walnussbrioche, Beurre d'Isigny und zu Thymianpanettone passte, wobei ich das Tomateneis als die beste Kombination empfand, wegen der Kühle, Salzigkeit, unvermerkten Süße und weil die an sich für Weißweine aller Art nur schwer zu bewältigende Tomatigkeit hier glänzend eingefangen wurde.

Dann wurde es ernst.

Familia Rovira Carbonell Mas d'en Gil Coma Alta Priorat 2012,

brachte schubkarrenweise Kautschuk, Vulkanisationsaromen und den von mir nicht so sehr geliebten, als südeuropäischen Weissweincharakter verunglimpften Mix aus Hitze und Säurearmut. Fand ich solo nur solala, aber erstaunlicherweise tiptop zum Brioche.

Jean Thévenets Domaine de Bongran Macon Village Quintaine 1999,

ist der Wein aus alten Reben eines Weinverrückten, der in der Nase viel mit verbranntem Gummiboot gemein hatte, dann Brotkruste und Trockenfrüchte, vor allem Birne, Apfelringe aber auch Khaki offerierte, im Mund wirkte der Wein dann überraschend alkoholisch mit moderierender Erdnuss und diskreter, wenngleich überraschend hoher Süße, was wiederum fein zum Gänselebermuesli und zu der Kaffee-Apfelsphäre mit konzentriertem Maracujajus aus Stefan Beiters Küche passte. Denn speziell die Süße des Weins trat nun komplett zurueck und gab dem Kaffee Gelegenheit, kräftig in die Saiten zu greifen.

Raumland Blanc de Noirs Cuvée Marie Luise 1991, dég. 10. Januar 2005

war saftig, hatte nur noch wenig Sprudel, wirkte deshalb vielleicht besonders gewürzig, erinnerte mich vor allem an Lebkuchengewuerz und Rowald Hepp neben mir raunte etwas von Dosenchampignonwasser wahrgenommen zu haben, ein Eindruck den ich, einmal darauf gebracht, sogar teilen konnte; später zeigte sich noch Honig und die erste Ausgabe der Raumlandschen Geburtstagscuvée schmeckte ansprechend frisch, allerdings war sie auch mit merklicher Dosage versehen.

Domaine Leflaive Puligny-Montrachet Les Flatiers 2007,

war ein Win mit klassischem Burgunderzuschnitt, schlank, nussig, zum Essen mit dem Maß an Spannung und Lebhaftigkeit, das eine gelungene Paarung ausmacht,

Domaine Jacques Prieur Puligny-Montrachet Les Combettes 2002,

hingegen war deutlich eigensüchtiger, brachte schwere Ladungen von Kuchen, Safran, Kardamom, brauner Butter, hellem Karamell und Apfel mit, was ihn schwierig als Essensbegleiter machte, solo jedoch deutlich stärker und spaßhafter als den Leflaive.

Champagne Grongnet Carpe Diem Rosé,

hatte ich erst vor wenigen Wochen im Rahmen eines Rosé-Rundumchecks geöffnet und für einen saftigen Champagner gehalten, dessen recht dunkle Färbung einen gehaltvollen Wein auswies. Er wirkt hochdosiert, obwohl im schwachen extra Brut Bereich angesiedelt, passte aber genau deshalb spitze zum weissen Balsamicoessig mit Kasslerwürfelchen, Speck und Zander auf Linsenschaum mit Croûtons.

Keller Morstein 2008,

schien erst fett, dann wieder ausgedünnt und so ging es hin und her, bis zum Schluss hätte ich nicht sagen können ob der Wein nun mastig oder nicht doch eher schlank ist. Positiv fiel mir eine Note von schwarzem Tee auf, dazu eine elegante Süße, trotzdem war es der bäuerlichste Wein in diesem flight, bei aller durchscheinenden Gelehrtheit.

Kühling-Gillot Rothenberg 2008,

war ohne jeden Zweifel vom Start weg schlank, geschwind, leicht grasig, mit einem Charakter von Tee aus Bambusblättern, gleichzeitig kühlend, fliessend, wenn nicht sogar reißend, ein sehr starker Wein.

Heymann-Löwenstein Uhlen 2008,

war der filigranste von den dreien, leichtes Prickeln ließ ihn dabei noch leichter wirken, der feine Schieferstinker gab ihm aber die nötige Bodenhaftung und kompliziert ist der Wein bei aller Leichtigkeit trotzdem. Das unbeschwertere Trinkvergnügen bot für mich der Rothenberg.

Champagne Vincent Charlot Rosé Le Rubis de la Dune

war einer der von mir mitgebrachten Champagner vom jungen Biowinzer Vincent Charlot, bei dem ein Besuch sich allemal lohnt. Der Champagner braucht sehr viel Luft, um Blütenblaetter, vor allem Rose, zu zeigen, wirkt dann aber nicht trivial floral, sondern sehr glatt, sehr gekonnt und sehr eingängig; zum Lango mit 1a-Salzeinsatz von Stefan Beiter sind meiner Meinung nach Heymann-Löwenstein mit seinem Schieferstinker, Kühling-Gillot wegen seines enormes Durchzugsvermögens und Charlot als Komplexitätszusatz am besten gewesen.

Pommery Louise 1999,

gehört zu den Champagnern, die ich im letzten Jahr sicher mit am häufigsten getrunken habe. Das liegt daran, dass diese Cuvée so unverbrüchlich lang, fein, biscuithaft und konstant ist, wenn ich das richtig wahrnehme sich zudem auch noch verfeinert hat und auf diesem Niveau gerne noch ein paar Jahre verweilen darf.

Diebolt-Vallois Vintage 1999,

schien mir zuerst mit einem großen Fragezeichen versehen und weit davon entfernt, die beste Wahl zu sein. Nach der Louise hatte ich die Befürchtung, dass der normale Vintage es vielleicht nicht schaffen könnte oder dass ein Blanc de Blancs doch der geeignetere Champagner gewesen sein könnte. Aber sachte – auf Meister Diebolt ist Verlass und sein Jahrgang war nur kräftiger, nicht rustikaler als die Louise. Zum Steinbutt mit Kalbslunge, Kalbsherz, Sardellenkapernpesto, fritierter Steinbutthaut, passte die Louise weil sie eine Art Allzuständigkeit hat, wie sie den großen Prestigecuvée nunmal eignet. Aus dem genetischen Material hunderter Crus können diese Champagner quasi auf jede Speise eine passende Antwort geben. Anders ist das bei den kleineren Winzern, die müssen vom Kombinatuer passgenau in Stellung gebracht werden, was bei diesem schwierigen Gang hervorragend glückte. Der Steinbutt holte wirklich alles aus dem Diebolt raus und die verschiedenen Innereien wirkten zusammen mit der fritiertern Steinbutthaut als zusätzlicher Ansporn, wobei vor allem der Apfel eine klasse Vorstellung abgab.

Elio Altare Arborina 1998,

war erst verspielt wie ein Kätzchen und hatte auch eine unkomplizierte Eingängigkeit, die an Miracolispaghetti erinnert, ein absoluter Selbstläufer eben. Das änderte sich mit der Zeit und aus dem verspielten Kätzchen wurde ein eleganter, donnahafter Wein.

Marques de Murrieta Castillo Ygay Gran Reserva Especial Cosecha 1998,

war die ganze zeit zurückhaltend, ohne besonders vornehm dabei zu wirken, sondern eher verengt und konzentriert; war nicht sein Tag oder er braucht viel Luft.

Château La Nerthe Châteauneuf-du-Pape 1993,

bestach mit einem gewissen Bordeauxparfum, war aber nicht gerade das was man ein powerhouse nennen würde, im Endeffekt beschränkte sich der Wein auf eine brombeerige Wirkung.

Champagne Paul Bara Rosé 2008,

wollte in den ersten Augenblicken nach dem einschenken kaum mehr offenbaren, als eine medizinale Herbe, besann sich dann aber anders und offerierte sein ganzes ultrafeingestricktes Innenleben, das ihn als erstklassigen Champagner auswies, mit nur wenig und sehr gekonnt eingesetzter Haselnuss.

Champagne Maurice Grumier Rosé Les Rosiers,

war danach viel dunkler, so dass eine Kombination mit dem grongnet zumindest optisch nahegelegen hätte. Diese Entscheidung wäre aber grundfalsch gewesen, denn die Champagner sind grundverschieden. Der von Maurice Grumier ist einer, der sogar mit frischem Liebstöckel aufwarten kann, ohne gleich alt und kaputt zu wirken, im Mund ist er kompromisslos trocken, hat ein wenig Cassis und ein geradezu fränkisches Gemüt, was die Lakonik angeht, mit der er so entzückend wie kommentarlos trocken ist. Perlhuhn mit gebackenem Kalbskopf und Albatrueffel ist dazu natürlich nur eine von vielen denkbaren Kombinationen und eigentlich ein Leichtes, ja zu leichtes Spiel. Aber vergessen wir nicht, dass der Champagner nicht alleine stand, sondern noch weitere Mitspieler sich abzuarbeiten hatten. Das gelang dem Altare sehr gut, bei dem man so etwas wie heimatliche Verbundenheit aufkommen sah, der Marques wirkte weiterhin beleidigt und der La Nerthe überfordert. Paul Bara hingegen schlug sich schnell in das Lager von Maurice Grumier und spielte den ganzen Charme seiner milden haselnussigkeit gegen den Trüffel aus, woraufhin beide gewannen. Zum Huhn wie zum Kalbskopf bedarf eigentlich keiner Erwähnung, dass beide Champagner brillierten.

Pirat, Pichon-Comtesse 1986,

das war der eindeutig maskulinere Wein und ich habe in Richtung Pichon-Baron getippt, was soo verkehrt ja nun auch wieder nicht ist.

Pirat, Pichon Comtesse 1989,

klassische Schönheit, wollüstig ausgeprägt. Ein köstlicher Wein, der noch lange Spass machen wird.

Zur Sättigung gab es gebratenes Lamm mit Quinoa und Chorizo, in Thymiankruste und mit Auberginenpuree.

Solaia 1995,

lief dazu gut rein, war easydrinking von der bequemsten Art, das einzig komplexe an diesem Wein war eine gewisse Moncherienote, die aber nicht alkoholisch wirkte und eben Resultat eines sehr gute Weintechnik ist, die es zudem noch schafft, die Fleischigkeit von Schaschlikspiessen und rote Grillpaprika aromatisch zu verbauen. Nobrainer zum Lamm.

Ridge Zinfandel 1995,

hatte eine Nase voll flüchtiger Säure, wirkte auf mich etwas barock durch seine Wucht, den vielen Alkohol und die sofortige, drängende körperliche Präsenz. Zum Glück nimmt sich der Wein mit Luft zurück, bleibt aber fett; für mich ist das ein authentischer, klarer Stoff, dessen Tannin spät aber prononciert durchdrückt und alles in allem ist der Wein der ideale Ersatz für ein eigenes Selbstbewusstsein, da er selbst so viel davon hat. Zum Lamm eine sehr gute Wahl für starke Esser.

G.D. Vajra Kyè Freisa 2010,

zurückhaltend, im Gegensatz zum Ygay aber gentlemanlike, leider zum Essen etwas profilarm, beim Fleisch wirkt die Nase spritig, je mehr Luft und Temperatur er bekommt, desto schokoladiger wird der Wein, wobei die Schokolade hier kakaoig und gesund ist, nicht ausgezehrt, milchschokoladig wie bei toten Altweinen.

Seghesio Sonoma Zinfandel 2011,

der Wein war nix. Er roch wie eine Dornfelderneuzuechtung riechen könnte, samtig, blumig, sehr weich bis matschig und so schmeckte er auch, straffte sich mit Luft etwas, blieb aber wenig bemerkenswert.

Champagne Paul Bara Rosé Special Club 2008,

war zum Lamm und vor allem zur Jus perfekt, für mich vielleicht sogar die Kombination des Abends.

Margaux 1994,

stellte sich etwas verrückt an, erst mit schwarzem Tee, Graphit und Gemüse, dann wild rotierend und zum Schluss überlegen, könnerhaft und dank einer sehr stabilen Struktur ragend. Bordeauxfexe sollten da mal genauer hingucken, einige werden sich sicher wundern und freuen.

Château d'Yquem 1986,

war schön und gut, aber ist überhaupt nicht meine Art von Wein. In der Nase schlug mir erst ein unschöner Schwimmbadgeruch entgegen, danach Privatjet mit Rosenholzausstattung und crèmfarbenem Leder, also eigentlich alles, was ich aus Gründen des Klassenkampfes ablehnen müsste, wenn ich mich denn für Kommunismusfolklore interessieren würde. Tu ich aber nicht; mir war der Wein trotzdem zu viel, ein bisschen, als würde man ein kleines Kind in einem Hussel-Laden einsperren und es sich dort überfressen lassen. Dass man nach einem Gläschen davon nicht platzt, ist eigentlich ein Wunder und liegt sicher auch daran, dass der Yquem unter allen mir bekannten Sauternes doch immer noch derjenige ist, dem man seine Dichte schier nicht abkaufen will, so schmetterlingshaft leicht gibt er sich. Da bleibe ich, bei aller Achtung vor dem Kunststück, die gewaltsame Vielzahl an kandierten Fruchtaromen, feinstem Gewürz und Gebäckzutaten in einen Wein zu bringen, ohne dass er zu einem Stück festen Nougats gerinnt, am Ende aber doch lieber an der Mosel.

Ferreira Vintage Port 1982,

wirkte auf mich erst gar nicht wie Port, altersmäßig hätte ich ihn sowieso nicht auf 1982 geschätzt; wobei ich im schätzen ohnehin nicht besonders gut bin. Die Aromatik irritierte etwas, ich gebe auch zu, den Wein gar nicht für Port gehalten zu haben, sondern irgendetwas ganz anderes, aber was soll's. Es war eben Port und einer, der mir zum Zitronenschaum mit Kreuzkümnel Rote Bete, Zitronenmarshmallow, Schokopraline, Bananensorbet, ja sogar zum Whiskyschaum, zu Nougat, gelierter Schokolade mit weißem Trüffel und Cassiswürfel sehr gut gefiel. 

Champagner und Speisen

Champagner und Speisen? Champagner kommt doch mit Speisen gar nicht in Berührung – weil: ist doch Apéro. Tja, falsch gedacht. So war es vielleicht mal und wenn, dann nur in schlecht informierten Haushalten. Tatsächlich ist Champagner ein Wein, der von Escortlady bis Gastgeber jede Funktion zum Essen einnehmen kann. Champagner kann teuer eingekaufte Begleitung zum Dîner mit anschließender private time sein, Champagner kann aber auch den ganzen Menuablauf verbindlich meistern, Champagner kann sich im Hintergrund halten oder diskret dominieren, Champagner kann sich unterhaltsam krähend in den Vordergrund spielen und er kann dezente Speise-Aromen behutsam anstupsen, um ihnen einen stärkeren Auftritt am Gaumen zu verschaffen. Ob Brathähnchen in der Toplessbar, kofta alemanni (vulgo: Boulette) oder Küchenparty in der Sternegastronomie, Begleitschluck zum gegrillten Bauchspeck, zu Innereienwürstln oder beseligende Einmalerfahrung beim japanischen Sushimeister, Champagner ist idealer Leberabschiedsgefährte und erste Wahl aller red carpet regulars, die sich nicht gerade für Kapselkaffee oder Schnaps entschieden haben und eine Umfrage unter Säuglingen ergab letzthin, dass Champagner sogar besser schmecken soll, als Muttermilch.

Die unerhörte phallische Turgeszenz des Champagners verlangt nach und bietet mehr als schale Halbzufriedenheit und folgerichtig ruft er nach Lebensmitteln, die ihren Namen verdienen. Gern dürfen das saft- und kraftstrotzende Speisen sein, aromatische Edukte, die nicht komplex, sondern zunächst einmal nur unverfälscht und bei Verarbeitung sinnvoll zusammengestellt sein müssen. Der hochgeschätzte Julien Walther formuliert, worauf es ankommt: "Keine Reduktion im Sinne von Enthaltsamkeit oder geringerer Ansprüche, sondern eine Besinnung auf für mich Wesentliches. Dazu gehört für mich gastronomisch eine Umgebung, die Unbeschwertheit vermittelt statt Etikette, und kulinarisch eine Form der Küche, die kein Konzept zelebriert, sondern hervorragende Rohstoffe und vorbildliches Handwerk auf den Teller bringt." (unbedingt nachzulesen hier). Beherzigt man das bei der eigenen Lebensführung, Lebens- und Genussmittelauswahl, braucht es für gelungene Champagner- und Speisenkombinationen nicht mehr viel, so archetypisch wie clichéhaft dafür steht im Grunde das Duo Champagner + Austern oder Champagner + Kaviar.  

Nun bestehen Austern und Kaviar leider überwiegend aus Wasser, sättigen also nur bedingt. Außerdem will sich natürlich kein vernünftiger Mensch der Gefahr einer Wasservergiftung aussetzen, austernkonsumbedingtes Hirnödem nach hypotoner Hyperhydration ist zwar eine schöne Alliteration, als Diagnose und Todesursache aber kaum wünschenswert. Was also passt sonst noch an erschwinglichen und im hiesigen Lebensmittelhandel weitestgehend umstandslos erhältlichen Speisen zum Champagner?  

Die Antwort: Salz und Fett. Sauer ist schon schwieriger und süße Sachen sind zu meiden, die Bauchspeicheldrüse wird's danken. Hier einige Denkanstöße und erprobte Vorschläge.

Trocken eingelegte Oliven, getrocknete/eingelegte Tomaten, fritierte Zucchiniblüte, marinierte Aubergine, frische Pilz- und Algensalate passen mit ihrer Pflanzlich-/Gemüsigkeit gut zu meunierdominierten Champagnern, die sich oft am besten auf Pflanzenprodukte verstehen. Die Meuniers sollten den Champagner schon prägen, ein Anteil von 60-70% müsste es also mindestens sein und die Dosage darf keinesfalls zu hoch ausfallen. Von Dosagelosen Meuniers rate ich in diesem Zusammenhang, Abstand zu nehmen. Dafür gibt es zu wenige wirklich gelungene Exemplare, besser sind die leicht dosierten Meunierchampagner, denen der geringe Zuckeranteil gut dabei hilft, sich an die Pflanzlichkeit der Speisen anzuschmiegen. 

Bellotaschinken, Gänserillettes, (an)geräucherte Entenbrustfilets, Bündner Fleisch, Sülze, Geliertes, Schmalz, Holsteiner Sauerfleisch, der petersilienlastigere und weniger saure Jambon de Reims, Tatar und die Spielarten davon sind die Wunschpartner für Chardonnaychampagner aller Art. Hier gilt allenfalls die Warnung, dass der Champagner nicht zu hoch dosiert und möglichst nicht zu reif sein sollte, sonst geht das köstliche Aromenwechselspiel verloren. 

(Jahrgangs)Sardinen, Anchovis bis hin zu den salzig-pikanten Myeolchi der koreanischen Küche, deren Fermentierfreudigkeit und Schärfe mit brut nature oder sehr sparsam dosiertem Champagner gut pariert werden kann – gleichzeitig ist das eine elegantere und weniger einfältige Lösung als der meistens empfohlene restsüße oder feinherbe Riesling. Zu Seefischen empfiehlt jeder, der eine mehr oder weniger bürgerliche Erziehung mit Grundzügen der Wein-und-Speisen Kombinatorik erhalten hat, sowieso reflexarig Champagner. In seiner unüberschaubaren Pauschalität ist das eigentlich infam, führt aber trotzdem meistens zu vertretbaren Ergebnissen. Wem das nicht reicht, der probiert vorzugsweise brut nature zu Seefischen und hält sich dabei mit pinotgeprägten Champagnern lieber etwas zurück, es sei denn, er serviert surf & turf oder vergleichbare Speisekombinationen, bei denen See und Land (z.B. in Form von Pilzen oder Speck) gemischt werden.    

Rustikal darf es zugehen, wenn Pinot-Noir im Champagner vorherrscht; mit viel Röstaromen auch. Aus der portugiesischen Küche der gegrillte Pulpo und natürlich alle Variationen von Blutwurst machen zum Champagner aus überwiegend Pinot Noir (gerne von der Aube, wo er ganz ohne Holzfasseinsatz gernedie passenden holzig-röstigen Noten entwickelt) Spass und praktisch alle pinotgeprägten Champagner entwickeln mit zunehmender Flaschenreife entweder pilzige, röstige, schokoladig-kaffeeeige oder auch Toastaromen. Klar, dass man dazu Kräftigeres bis hin zum Wildschwein, das in der Region Champagne-Ardenne mit einer asterix-und-obelixhaften Häufigkeit vorkommt, reichen darf. Pinotchampagner verträgt sich aber auch gut mit Ei, sei es pochiert, verbuddelt oder in der Sauce verarbeitet. Krug empfiehlt sein Pinotflaggschiff Clos d'Ambonnay 1998 in aller Unschuld zu Rührei mit Trüffeln, und das völlig zu recht. 

Reifer Parmigiano Reggiano, getrüffelter oder gepfefferter Pecorino, Ziegen(frisch)käse sind sichere Paarungen mit den weitverbreiteten Drittelmixen aus Chardonnay, Pinot Noir und Meunier, damit kann man praktisch nicht daneben liegen. Zu Penne/Spaghetti alla Carbonara, deren Zutaten eigentlich nur Pancetta, Pecorino und Eigelb sind, sollte es ein Champagner mit tüchtiger Säure sein, wobei die Zutaten ihrerseits Wege in den Bereich reinsortiger Champagner bahnen. Trotzdem finde ich zu Einzelspeisen wie Käse oder Gerichten mit nur sehr wenigen Zutaten den Drittelmix meist am besten, weil dadurch alle denkbaren Anspielstatonen die Möglichkeit haben, sich am Gaumen zu äußern.

Pegau 1986 – 2010 mit Laurence Feraud in Berlin

Ich trinke nur selten Stillwein. Wenn, dann haben es mir die klassischen Moselkabinette und -spätlesen angetan, auch für die Nahe kann ich mich überweigend begeistern. Rotes trinke ich am liebsten reif und aus Bordeaux, Burgund oder Châteauneuf. Die wenigen Stillweinproben, die ich im Jahr besuche, wähle ich sorgfältig aus. Verlockend sind immer wieder die schon im Voraus als legendär absehbaren Proben der größten Jahrgänge aus 200 Jahren, wie sie von verschiedenen Zirkeln zelebriert werden. Manchmal gehe ich da auch hin, aber für eine wirklich intensive Beschäftigung und letztlich Würdigung reicht mein mehr laienhaftes Interesse nicht. Anders, wenn es um so Sachen wie die Pegauvertikale hier geht. Das ist zwanglose Unterhaltung auf höchstem Niveau, bei der ich mich nicht als völliger Weindepp fühlen muss.    

Einberufen hat die Probe der liebe Martin Zwick zusammen mit Zeremonienmeister Michael Quentel vom Weinwisser. Schauplatz war das mir bis dahin völlig unbekannte, aber ab sofort gern frequentierte Charlottenburger Restaurant Anabelas kitchen. Die gebürtige Portugiesin Anabela Campos-Naves bringt dort ibero-deutsche Küche mit zauberhaftem Charme und zu ebenso zauberhaften Preisen auf den Tisch. In der Küche werkelt außerdem Facil-Personal, was ja nicht die schlechteste berufliche Herkunft ist. 

 

Euposia Winechallenge 2014

Juvenals Jammer über das römische Volk,

qui dabat olim imperium, fasces, legiones, omnia, nunc se continet atque duas tantum res anxius optat, panem et circenses,

träfe als historischer Fingerzeig die Juroren der alljährlichen Euposia Winechallenge völlig zu Unrecht und müsste zurückgewiesen werden, wenn das Arbeitsprogramm tatsächlich so herkulisch wäre, wie avisiert. Mehr als 350 Schaumweine aus aller Welt sollten an eineinhalb Tagen verkostet werden. Im Vorfeld wurde diese unerhörte Menge eingedampft auf ca. nur noch die Hälfte, also ein läppischer Aufwand, der kaum die Anreise lohnt. Das was übrig blieb, wude von zwei Verkostergruppen durchprobiert, eine Abschlussrunde der besten Schäumer beider Gruppen und die Rosés wurden gemeinsam verkostet.

Obwohl ich überwiegend mit Abstand hinter dem Rundendurchschnitt zurückgeblieben bin, waren einige Schaumweine dabei, die nähere und häufigere Betrachtung verdienen. Auf die Schäumer oberhalb meiner Aufmerksamkeitsschwelle von 85 Punkten will ich nachfolgend kurz hinweisen, bei vielen bin ich mir selbst noch nicht sicher, ob das was für länger ist oder ob sich nur Verkostungsrundeneffekte bemerkbar gemacht haben. Bei einigen vor allem mir schon gut bekannten Schäumern erstaunt mich der direkte bepunktungsvergleich und regt zum nachdenken, bzw. nachkaufen und nachprobieren an, bei wieder anderen ist das Verkostungserlebnis als singuläres Erlebnis noch nicht aussagekräftig genug und reizt deshalb zum weiterforschen. Vielleicht ist ja auch für die geneigte Leserschaft etwas dabei.

 

Die Rosés

Bei den Rosés gab es wirklich nennenswerte Schäumer nur aus dem Gastgeberland und aus – Slowenien.

 

Zlati Gric Brut Rosé Konjiska Penina, Slowenien

86 Punkte; zwei Jahre auf der Hefe und ca. 7 g/l Dosage verhelfen diesem Wein zu Aufmerksamkeit oberhalb der Bagatellschwelle.

 

Carga 1767 Cuvée Donna Regina Rosé (Extra Dry) 2010, Slowenien

Merlot 80-90 Cabernet-Sauvignon 10-20, 86 Punkte; die Trauben stammen aus dem Soca-Tal, nächst Friaul, der Wein liegt 21 Monate auf der Hefe und hat Beachtung verdient, da er trotz seiner eigenwilligen Rebsortenwahl und Dosage nicht pampig, dicklich oder sonst unbeschwingt wirkt.

 

Bellenda 1986 Rosé Talento Brut

100PN, 86 Punkte; mit 36 Monaten auf der hefe und 7 g/l dosiert schlug sich auch dieser italienische Rosé mit Trauben aus genauer bezeichneter Lage ("del Moro")gut.

 

Endrizzi Pian Castello Rosè Mill.

PN100; 86 Punkte; schon einige Male hatte ich die Schäumer von Endrizzi in den letzten fünf Jahren im Glas, für blinde Wiedererkennung reichte es freilich nicht; aber für einen guten Punktewert, den dieser Rosé aus kleiner Produktion in Höhenlage sicher verdient hat.

 

I Greco Gran Cuvee Millesimato Rosé 2012

Gagliopppo 100, 86 Punkte; 18 Monate hat dieser kalabrische Schäumer auf der Hefe verbracht und das zahlt sich aus.

 

Luretta – Castello di Momeliano Cuvée On Attend les Invités Mill. 2011

100PN, 86 Punkte; Saignéerosé aus dem Stahltank und meine erste bewusste begegnung mit Schaumwein der Colli Piacentini; nicht schlecht.

 

Gianfranco Fino Cuvée Simona Natale pas dosé Mill. 2009

100% Negroamaro, 88 Punkte; in Italien längst kein Unbekannter mehr, war dieser Negroamaro in der edlen Aufmachung schon reichlich staunenswert und erst recht darf man sich wahrscheinlich auf das freuen, was von dieser noch jungen Domaine (gegründet 2004) in Zukunft kommen wird. 

 

Die Weißen

Die weißen Schäumer, bei denen im letzten Jahr noch brasilianische und indische Provenienzen für Aufregung sorgten, wurden dieses Jahr – wie auch im letzten Jahr – vor allem von frechen Säurepieksern aus England auf Trab gehalten, waren aber auch sonst in internationaler Hinsicht überaschend ergiebig.

 

Patriarche – Veuve du Vernay Brut NV

100CH, 88 Punkte; ein erstaunliches und respektables Ergebnis für eine Marke aus Burgund, die ich bis dahin vor allem als eine für westliche Exportmärkte bestimmte Partybrause eingeschätzt hatte.

 

Hambledon Vineyard Classic Cuvée

70CH 20PM 10PN, 88 Punkte; bei Hambledon befasst man sich schon länger mit Schaumwein. Dieser hier ist 2014 erst auf den Markt gelangt, auf 2011er Basis mit 2010er Reserve. Dass er schnurstracks 88 Punkte bei mir einsäckelte liegt wahrscheinlich nicht nur an seiner champenoisen Bauweise, sondern auch daran dass zufällig einer der umtriebigsten Biokellermeister der Champagne dafür verantwortlich zeichnet: Hervé Jestin, derzeit beim Biochampagnerproduzenten Lecler-Briant unter Vertrag, aber auch verantwortlich für einige aufregende Sachen bei Duval-Leroy und für die jetzt nicht mehr ganz so neue, aber gute Cuvée Sapience, kurz: der Mann weiß, wie's geht; ihm zur Seite steht mit Antoine Arnault ein Roederer- und Pannier-erfahrener weiterer Champenois. Mit 28,50 GBP ist der Stoff natürlich schon nicht mehr bei den Billigheimern.

 

Jenkyn Place Vineyard JP Brut Mill. 2009

Wohl ein klassischer Drittelmix, 88 Punkte; junger (2004 gegründet) englischer Sparkling aus Hampshire, wo Dermot Sugrue (Ex-Nyetimber) die Kellerleitung innehat. Sollte man im Auge behalten.

 

Endrizzi Pian Castello Brut Mill. 

60CH 40PN, 88 Punkte; nochmal ein Endrizzi, der immer ca. 5 Jahre auf der hefe liegt, so dass ich von Jahrgang 2008 ausgehe, ohne das nun ganz genau zu wissen. 

 

Cave de Bestheim Alsace Cuvée Brut Mill. 2011

100PB, 88 Punkte; zja, reiner Weißburgunder also. Schmeckte erstaunlich gut. Die Elsässer kennen sich damit wohl doch ganz gut aus. 

 

Az. Agricola Ricchi Essenza Zero Pas Dosé

75CH 25PN, 88 Punkte; aus der Lombardei und mit klar über 20 EUR/Fl. nicht gerade billig, aber sehr gelungen.

 

Gramona III Lustros Mill. 2006

70 Xarel-lo 30 Macabeo, 89 Punkte; diese Cava nun wieder ist ein alter, verlässlicher Bekannter. Reichlicht Zeit auf der Hefe, wenig Zucker (brut nature) und am erstaunlichsten vielleicht: wenig Alkohol sind hier das Erfolgsrezept. 

 

Fernand Engel Alsace brut Mill. 2011

je 1/3 Ch, PB, PN, 89 Punkte; Biowinzer aus Rohrschwihr, mit dessen Trilogie (deren Etikett ziemlich eigenwillig ist) ich schonmal Bekanntschaft gemacht hatte und der sich hier in exzellenter Verfassung zeigte.

 

Edoardo Miroglio Winery Cuvée EM Brut Mill. 2008, Bulgarien

80PN 20CH, 89 Punkte; 24 Monate Hefelager und eine Herkunft, mit der keiner gerechnet hätte, bzw. so überraschend ist das nun auch wieder nicht. Die Mirogliofamilie hat mit Textilien offenbar so viel Geld verdient, dass sie sich ein bulgarisches Weinvorzeigeperojekt ohne weiteres leisten und nebenbei den Beweis antreten kann, dass guter Schaumwein technisch gesehen eigentlich überall gemacht werden kann, ohne dass ich Bulgarien damit als Weinbauland herabgesetzt wissen will.

 

Wegeler Geheimrat J 2004

Riesling 100, 93; blind sofort von allen als Wegeler erkannt und belobigt. Völlig zu recht als Sieger aus dem gesamten Wettbewerb hervorgegangen.

 

Camel Valley Cornwall Brut Mill. 2012

Seyval 60/Reichensteiner 20/CH 20, 96 Punkte; ob aus Trotz oder Übermut, ob mit erschöpftem Gaumen oder weil die Geschmacksnerven aus anderen Gründen überfordert waren: dieser Schäumer versüßte mir ganz zum Schluss die gesamte Verkostungsmühe und ließ mich bass erstaunt zurück. Muss ich unbedingt nochmal in einem anderen, engeren Zusammenhang nachprobieren.

 

Die Champagner

Viele waren es nicht, die Resultate lagen bei mir zwischen 87 und 91, wobei Jacquarts Brut Mosaique mit sauberen 89 Punkten abschnitt. Bruno Paillards Première Cuvée konnte sich leicht vom Feld absetzen (91), die Grande Année 2004 von Bollinger wirkte demgegenüber gehemmt (90). Devaux Ultra D bekam als niedrigstdosierter Champagner leider die niedrigste Punktzahl (87) und hätte wohl einfach noch etwas länger liegen sollen. Louise Brison Mill. 2008 nahm 88 Punkte mit nach Hause und wäre sicher interessant im Zusammenhang mit den Nichtchampagnern gleicher Punktzahl noch einmal zu probieren.

 

Die Challenge Euposia ist einer der jüngeren Schaumweinwettbewerbe und die italienische Herkunft spiegelt sich im Teilnehmerfeld sehr deutlich. Frankreich ist wenig mit Champagner, dafür stärker mit exportorientierten Crémanterzeugern vertreten, Deutschland nur ganz punktuell, dafür dominierend in der Güte. Scheinbare Exoten aus Bulgarien, Slowenien, England und Brasilien bekommen ein Forum zum Punkte, Auszeichnungen und Aufmerksamkeit sammeln, was ein schöner Ansporn für kommende Hochleistung sein kann.

 

 

Grand Chapitre 2014 im A-Rosa, Sylt (II/II)

Menu au Champagne, 2. Akt

Zum Auftakt des zweiten Akts bestellte sich Hausmatador Patrick Büchel, dessen Restaurant Spices im A-Rosa allem Anschein nach erhalten bleiben wird, selbst wenn man mit dem Stern weiterhin nicht hausieren gehen will, wie es wohl aus der Geschäftsleitung heißt.

Patrick Büchel, Spices, */16

Heilbutt, Bouillon, Meerrettich, dazu

Billecart-Salmon Cuvée Nicolas-Francois Billecart 1999

Perfekter Heilbutt in tüchtig salziger Bouillon mit traumhaft sahnigem Meerrettich traf hier auf einen röstigen Billecart, der endlich Mut zum Dreck zeigte, vielleicht dank der (teilweisen) Vinifikation der CH- und PN Grand Crus im Fuder; so kennt man Billecart-Salmon nämlich gar nicht, üblicherweise sind die Billecartchampagner geschniegelt und ohne jedes Staubkörnchen. In den letzten zwei Jahren hat sich Nicolas-Francois Billecart 99 sowieso schwer verändert. Anfangs war er noch dem Abschluss der ersten Reifephase verhaftet, mit süffigem, fruchtnahem Trinkfluss, dann kamen die fortgeschrittenen Reifenoten immer stärker zum Vorschein und das genau zur rechten Zeit, so dass mir um die Zukunft dieses Champagners nicht bange ist. Wer mit Röstnoten nicht viel anfangen kann, sollte die Finger von diesem Champagner lassen, Freunde dieser Aromatik dürfen sich hingegen freuen. Die Fähigkeiten von Patrick Büchel sind im Fischbereich wahrscheinlich kaum noch weiter auszubreiten, das zeigt sein Dashi auf der einen Seite und das belegt der herrliche Heilbutt auf der anderen Seite. Dass die Bouillon recht salzig daherkam, hat mich nicht gestört und passte bestens zum Champagner, andere hätten sich vielleicht eher dran gerieben.

Jörg Müller, */18

Algengemüse, Nordseekrabben, Lachs-Zander-Klösschen, dazu

Lanson Extra Âge Blanc de Blancs Brut

So wie im ersten Akt das Dashi von Patrick Büchel mit dem Bollinger klappte dieser Gang leider genau nicht. Die Lachs-Zander-Klösschen erinnerten zwar an besonders gutes Sujebi-Guk, aber die Kombination der Klösschen (in Wirklichkeit waren das zwei ausgewachsene Klösse, die aber trotz ihres beängstigenden Formats fluffig leicht wirkten, so als seien sie viel kleiner) mit Algen und Krabben war einfach zu viel für den bemühten Lanson, der nur auf süßer Ebene überhaupt operativ tätig und dabei eher störend war. Das mag auch daran liegen, dass der Extra Âge Blanc de Blancs (eine reiner Grand Cru aus Oiry, Avize, Cramant, Oger und Le Mesnil – die anderen Champagner der Extra Âge Serie sind nicht unbedingt reine Grand Crus sondern enthalten auch Premier Crus) sich aus den Jahrgängen 2003, 2004 und 2005 zusammensetzt. Dann ist der 2003er Anteil in Verbdinung mit einer hoch gewählten Dosage, die hier auch nicht durch den Verzicht auf die malolaktische Gärung aufgefangen werden konnte, schuld an der Disharmonie. Die Küche von Jörg Müller stach trotz der nicht ganz so gelungenen Kombination als die bei allem Feinsinn geschmackigste heraus.

Holger Bodendorf, */18

Variation vom Kalb, dazu

Louis Roederer Cristal 2002 en Magnum

Köstlich, nein köstlichst war das Kalb von Holger Bodendorf, der damit gleich zwei hervorragende Wein-Speisen-Kombinationen an diesem Abend auf sich verbuchen konnte. Nichts hätte besser zu diesem unglaublichen Kalb passen können, als der punktgenau gereifte Cristal (Erfolgsrezept 55PN 45CH), dessen generöse Art und hochsubtile Süße mit dem Babyfett vom Kalb eine so königliche Liasion einging.

Johannes King, Söl'ring Hof, **/17

Hirsch, dazu

Pommery Les Clos Pompadour

Johannes King, zu dem die königliche Liaison ebenfalls gepasst hätte, war der Mann für die dichten, zusammengepackten Aromen und für die Küche der schreitenden Gangart. Auch bei ihm zwei erstklassig abgestimmte Kombos und vor allem im zweiten Akt ein brillant gegarter, ultrazarter Hirsch, der sich so eng an den Clos Pompadour (eine der ganz wenigen Spitzencuvées, die einen Anteil Meunier enthält: 75CH 20PN 5PM von reben zwischen 25-30 Jahren Durchschnittsalter; 9 g/l Dosage) schmiegte, dass mir beinahe Tränen der Rührung gekommen wären. Der Clos Pompadour wirkte auf mich so herrschaftsvoll und freundlich zugleich, wie man es nur von guten Königen im Märchen kennt. Kleiner Wermutstropfen war lediglich eine gewisse Laktizität, die mir nicht recht zum Champagner passen wollte, so wie Milch auch nicht recht zu Apfelmus passt. Von der Sauce und vom Champagner hätte ich anstelle des desserts jeweils noch tassenweise weiterschlürfen können.

Aus der A-Rosa Pâtisserie von Gastgeberkoch Sebastian Zier gab es zwei Themenbuffets:

Aromawelt Erde mit

Deutz Cuvée William Deutz 1999 (65PN 25 CH 10PM (!)) en Jéroboam und

Aromawelt Frucht mit

Alfred Gratien Brut Rosé

Den Abschluss bildete Laurent-Perrier Brut Rosé.

Die unzähligen Maccarons, Schokosachen und Kleinigkeiten aufzuzählen, würde unnötig zeilen füllen. Entscheidend ist: Champagner und Dessert ist etwas was man machen kann, aber nicht muss und nach meiner Meinung ohne Not nicht sollte. Dann lieber eine schöne Käseauswahl. Die Champagner habe ich, obwohl ich mich unvernünftig wie ich nunmal bin durch die Dessertsachen durchgenascht habe, lieber solo getrunken. Der Deutz war die richtige Wahl für den Abschluss und kam dem gerade zuvor getrunkenen Pommerygiganten nicht ins gehege, was erstaunlich genug ist. Ein Riesenvorteil von Deutz ist sicher, dass man dort den Umgang mit Großflaschen liebevoll kultiviert hat und deshalb immer topfitte Kandidaten ins Glas bekommt. Die über Jahre gepäppelte Säure konnte sich nach dem ungewöhnlich langen Essen richtig austoben, wie man es sonst nur von Werbespots für Wunderreinigungsmittel kennt, deren Wirkung in Mund, Wohnzimmer oder WC stets mit munter wirbelnden Zeichentrickfiguren dargestellt wird. Danach war im Laufe des Abends schon sturmreif gemachte Gaumen bereit für die betäubende Frucht der beiden Rosés, die sich durchaus auf Augenhöhe begegneten. Ich sage das extra dazu, weil der Rosé von Laurent-Perrier (Mazerationsrosé mit Pinot aus Ambonnay, Bouzy, Louvois und Tours-sur-Marne) so weithin bekannt und beliebt ist, ja wahrscheinlich bei einer Befragung interessierter Kreise immer noch als einer der drei bis fünf besten Roséchampagner im Nonvintagebereich gelten dürfte und der Rosé von Alfred Gratien (erste Gärung im 228-Liter Fässchen, Assemblagerosé mit Rotwein aus Bouzy) dagegen so völlig unbekannt scheint, was ungerecht ist, angesichts seiner offenkundigen Güte.

Zusammen mit Ingo Holland und einer kleinen Truppe besonders hartnäckiger Champagnerfreunde habe ich mir dann an der Bar des A-Rosa noch einige Pilschen und hernach einige der verbliebenen Champagnerflaschen genehmigt, bevor mich endgültig der Schlaf übermannte. Um die beiden Restaurants von Sebastian Zier und Jörg Müller ist es, das wurde als Fazit für mich klar, schade. Aber um Jörg Müller muss man sich wahrscheinlich keine Sorgen machen. Der ist sowieso schon gut aufgestellt und seine Küche lässt sich bequem im Nichtsternebereich adaptieren, was einigen Charme hat. Was Sebastian Zier als nächstes macht, weiß ich nicht. Mit seinen zuletzt 2 Maccarons kann er es leicht, aber auch unerwartet schwer auf dem Festland haben. Zu wünschen ist ihm jedenfalls nur das beste und egal wo es ihn hinzieht, ich werde zum Essen gern dorthin kommen.