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Category Archives: Allgemein

Allerlei und allerhand Information rund um den schäumenden und den stillen Wein, Cognac, Hotels und Restaurants. Streng nach meinen eigenen Interessen geordnet und veröffentlicht.

Halloween-Roséchampagner im Restaurant Reuter’s, Frankfurt

Wer alle Achttausender der Welt erfolgreich besteigen will, muss grundlegende Akklimatisierungstechniken beherrschen. Eine der wichtigsten ist: "hoch steigen, tief schlafen". Um den Gipfel der Lust, bzw. des Champagners zu erklimmen, muss man es ganz ähnlich halten. Um sich an einen hochsteigenden flight heranzutrinken, nützt es, vorher einen soliden, leicht verständlichen Ausgangsflight zu trinken. Das sollte die Technik des Abends werden, begleitet von der dazu abgestimmten Küche von Franco Scavazza, der so freundlich war, für meine Übungen eine Hälfte seines halbmondförmig gebogenen und ob seiner Lage von vielen Frankfurtern noch gar nicht richtig ausgekundschafteten Restaurants zur Verfügung zu stellen. 

Opener

O.1 Adrien Redon l'R du Temps Extra Brut Rosé d'Assemblage

O.2 Grongnet Carpe Diem Rosé de Saignée Extra Brut

O.3 Bourdaire-Gallois Rosé

Adrien Redon aus Trépail gehört zu den jungen Winzern, seine Champagner sind dementsprechend weniger behäbig und weniger oxidativ als man es von den Ahnen kennt. Sein Rosé aus zwei Dritteln Chardonnay und einem Drittel Pinot Noir ist unter Zugabe von 15% Rotwein entstanden. Die Carpe Diem Champagner von Grongnet sind vom Stil her ähnlich winzerig wie die von Adrien, nur dass sie aus einer ganz anderen Ecke der Champagne kommen. Der Assemblagerosé wirkte großzügiger, voluminöser, bauchiger und gefiel mir etwas besser als der sonst so gern getrunkene Carpe Diem, wobei ich zugeben muss, dass ich den am liebsten in der weißen version trinke, weil er da noch ausgeprägter und typischer ist. Im Gefolge der beiden hatte ich noch einen Meunierrosé zum Kalibrieren eingebaut, weil ich nach meinem letzten Besuch in der Champagne unter anderem die beachtlich große und beachtlich gute Auswahl von David Bourdaire kennengelernt habe und mich schon drauf gefreut habe, einige seiner Champagner in verschiedenen Proben sich schlagen zu sehen. David, der 2002 mit seine ca. 4,8 ha die örtliche, von seinem Großvater einst gegründete Kooperative verlassen hat, öffnete vom Jungfernjahrgang bis zu den jüngsten Ernten alles, was da ist und wird in Zukunft sicher die Aufmerksamkeit einer ganzen Reihe von Champagnerfreunden für sich in Anspruch nehmen können. Dass es sich bei diesem Rosé um einen reinen Assemblage-Meunier handelt, hätte wahrscheinlich keiner gedacht. Dessen Herkunft von sandigen Untergrund machte eine Identifikation bsonders schwer und als Einstieg in den hochklassigen ersten flight war mir das gerade recht.

I. Römischer Schinken auf Belugalinsensalat


I.1 Pommery Louise Rosé 1996


I.2 Dom Ruinart Rosé 1996

Die Louise, als Rosé und vor allem aus diesem Jahrgang eine echte Rarität, hatte Mühe, sich unverfälscht und offen zu geben, leider wirkte der so hoffnungsvoll erwartete Champagner in meinem Glas leicht gehemmt und nicht so unbeschwert, wie geplant. Der Dom Ruinart trällerte dafür ein umso himmlischeres Liedchen, die ganze Wucht des Jahrgangs entlud sich in mehreren schweren Ergüssen und umschäumte die Linsen, den Schinken und den leichten Sud mit gewaltigen Wellen. Klarer Sieger war hier der Dom Ruinart, der eine nicht zerstörte, aber verwirrte Louise zurückließ.

II. Geräucherte Entenbrust mit hausgemachtem Apfel-Rilette, Feldsalat, Schnittlauchblinis

II.1 Tristan Hyest Rosé Grapillère

II.2 Jacques Lassaigne Rosé de Montgueux

Ein ähnliches Match wie im ersten flight hatte ich für den zweiten flight vorgesehen. So wie der Dom Ruinart ein Rosé mit weißer Chardonnayseele ist, ist auch der Rosé von Lassaigne ein Produkt, das man vor allem vor dem Hintergrund mächtiger Montgueux-Chardonnays erklären muss; 80-85CH, 15-20PN standen den 40CH von Tristan gegenüber, der wiederum ein ausgemachter Roséspezialist ist, während Emmanuel mit seinem Rosé eher einen lässigen vin de soif in die Weinwelt geworfen hat. Der vertrug sich vor allem mit der milden Schnittlauchschärfe gut, während der Einzellagenrosé von Tristan sich mit der Ente vereinigte. Mit dem Apfelrilette kamen beide Champagner gut klar und so ergab sich ein schöner Gleichstand.

Einschub: Laurent-Perrier Cuvée Alexandra Rosé 1982

Von der Plateauphase der Vorgänger, dem letzten Basislager bevor es in Richtung Gipfel ging, brach die Runde jetzt durch die Wolkendecke. Die Alexandra 1982 gehört schlicht zum besten, was das Jahr und was der Champagnermarkt zu bieten hat. Wunderbar gereift, ist dieser 50 PN/50CH Mazerationsrosé eine der schönsten Roséprestigecuvées überhaupt. Über Jahre hatte sich Fürst Nonancourt den Kopf über diese Cuvée zerbrochen, die er 1988 zur Hochzeit und zu Ehren seiner Tochter Alexandra der Öffentlichkeit vorstellte und die bei Laurent-Perrier bis heute nur zu hohen Anlässen geöffnet wird, im Jahr 1982 fiel die Entscheidung – zu Gunsten eines Jahrgangs, was an sich schon ein Ausbrechen aus der Multi-Vintage Philosophie des Hauses ist. Der Erfolg ist die schönste Bestätigung und eine, die bis heute andauert. Vibrierend, ätherisch, ja metaphysisch, die Abstraktion des reifen Rosés. Großartig.

III. Lauwarmer Muschel-Wirsing-Salat mit Champagner und Blauschimmelkäse

III.1 Dom Pérignon Rosé 2000

III.2 Jacques Selosse Rosé Brut

eigentlich hätte jetzt nach der Bergsteigertechnik ein deutlicher Rückschritt kommen müssen, aber das hielt ich für unzumutbar. Vom einen Gipfel auf den anderen Gipfel zu hüpfen kann wiederum ein mörderisches Unterfangen sein, wenn der Gaumen bereits geschwächt oder immer noch ganz überwältigt ist. Also habe ich mich eines Tricks bedient. Muschel, Wirsing und Blauschimmel führten die Geschmacksnerven in eine ganz andere Richtung, wo sie vom reifen und auf Muscheln spezialisierten 2000er Dom Pérignon Rosé erwartet, abgeholt und fortgeführt wurden. Staffellaufmäßig übergab der Dom an den reifen, schon vor sechs Jahren degorgierten, mächtigen, drängenden Selosse-Rosé, der wie ein verstärktes Echo auf die Alexandra 1982 antwortete und den Gipfelhüpfer kunstvoll abschloss.

IV. Hasenragout nach Art der Försterin mit Cognac, Pappardelle

IV.1 Benoit Lahaye Rosé de Maceration

IV.2 Laurent-Perrier Cuvée Alexandra Rosé 1998

Der Rosé von Benoit Lahaye hatte danach keine leichte Aufgabe, da er zwischen zwei so überragenden Champagnern wie eingeklemmt wirken musste. Aber der Scxhlawiner aus Bouzy erledigte seinen Auftrag sicher und gekonnt. Der Hase war eine gute Schützenhilfe und erleichterte den Übergang vom nachklingenden Selosse zum pikanten, feinen, ironisch das Haselnussterroir von Bouzy brechenden Champagner von Benoit Lahaye. Der verstand sich nicht nur als Durchgangsstation zur 98er Alexandra, die wie ein hyperintelligenter Teenager, jedoch ohne Hochnäsigkeit oder Sonderlingsgehabe vor allem den Cognac als Partner begriff.

V. In Balsamico und Chipotle geschmorte Spanferkel-Bäckchen mit Rotkrautsalat und Pfeffer-Gnocchi

V.1 deMarne-Frison Cuvée Elion Rosé de Saignée Brut Nature

V.2 Leclerc-Briant Cuvée Rubis de Noirs Millésime 2004

Die logische Folge auf den letzten flight wäre für viele Sommeliers wahrscheinlich eine Rotweinbegleitung zum Spanferkel gewesen. Aber das sollte nicht sein. Warum auch, wenn es Champagner wie diese gibt, Champagner mit der ganzen Weinigkeit burgundischer Pinots und dem unbeschwerten Gemüt des Schaumweins. Wobei ich zugebe: allein mögen diese Champagner mehr als schwierig zu trinken sein, auf den ungeübten Trinker sogar untypisch bis seltsam wirken. Ihre Stärke zeigt sich eben erst zum Essen. Zu Pfeffer, zu Chipotle, zu Rotkraut, Balsamico und zum Schwein, auch oder gerade wenn es Wildschwein gewesen wäre. Die seltene Cuvée Elion von Valerie Frison ist haarscharf am Rotsekt vorbeivinifiziert und wenn man sie trinkt fühlt man sich wie ein Beifahrer, der vergebens auf die imaginäre Bremse tritt, während sich das Fahrzeug des unbeirrt quasselnden Fahrers mit hoher Geschwindigkeit auf die Rückseite eines vorausfahrenden LKW zubewegt. Doch der Wagen kommt rechtzeitig zum Halten und der Champagner schafft es trotz aller Rotweinseligkeit Champagner zu bleiben. Eine nervenaufreibende Erfahrung. Ähnlich ist es beim Leclerc-Briant, der ohne Umwege mitteilt, er habe es nicht nötig, wie ein normaler Roséchampagner zu sein. Mit ausgeprägtem Selbstbewusstsein und der Würde eines reichen Jahrgangs nimmt er den Gaumen in Beschlag und führt sich dort wie ein langjähriger Hausherr auf, so dass kurzzeitig der Eindruck entsteht, der eigene gaumen gehöre jemand anderem. So ist es natürlich nicht, aber der Rubis mit seiner Schokoladigkeit, den ätherischen Noten und seiner Kräuterwürze vermag heftig zu irritieren. Aber was soll's, das hier ist Schach und nicht Dame.

Abschluss:

A.1 Pommery Louise 1999

A.2 Ulysse Collin Blanc de Noirs Extra Brut

A.3 Bollinger Grande Année 2000

A tergo gab es noch ein Stelldichein der nicht ganz so rötlichen Champagner. Die Louise war schwebend leicht, wie mittlerweile schon gewohnt und wie ich es mir bei der 96er Louise Rosé gewünscht hatte. Der Balnc de Noirs von Ulysse Collin war laut Etikett kein Rosé, aber die Farbe strafte das Etikett Lügen. Der Geschmack ist bei diesem ersten Blanc de Noirs von Olivier ganz eigentümlich. Eine alkoholische, schläfrige Süße, Hustenmedizin und Möbelpolitur, dann wieder Schattenmorelle, Himbeerbrause und Ingwer, keine Leichte Kost also, aber ein guter Schließer nach einer aufregenden Tour. Die hätte mit Leichtigkeit der Bollinger 2000 übernehmen können, der sich in guter Form zeigte und dessen feines Holz jedes noch so champagnerkritische Gemüt besänftigt und versöhnt. Nicht, weil es einen bewusstlos schlägt, sondern weil es so natürlich, so selbstverständlich und ausgleichend wirkt.   

Grand Chapitre 2014 im A-Rosa, Sylt (I/II)

Das Sternefestival des Ordre des Côteaux de Champagne fand letztes Jahr in Salzburg statt, dieses Jahr geographisch ausgleichend auf Sylt. Das war eine gute Entscheidung, denn dort schließen gleich zwei Gourmetläden ihre Pforten. Der Jörg Müller haut, wie schon länger bekannt, in den Sack und im Hause A-Rosa leistet man sich den Zweisterneluxus ab Januar 2015 nicht mehr, wie erst kürzlich überraschend vermeldet wurde.

Menu au Champagne 1. Akt

1. Aufzug, kalte Speisen

Johannes King, Söl'ring Hof, **/17

Herbstlicher Gemüsesalat, dazu

Delamotte Blanc de Blancs Millésime 2007

Wurzelgemüse, leicht gebundene, feincrèmige Sauce mit einem Delamotte (Stahltankvinifikation der Trauben aus Avize, Cramant, Oger und Le Mesnil), den ich solo nicht als Jahrgang einsortiert hätte. Der Delamotte unterstützte den herbstlichen Charakter der kleinen Leckerei, die Süße und Konsistenz von blanchierter Pastinake scheint überhaupt dem Charakter des Champagners sehr nahezukommen.

Jörg Müller, */18

Gänseleberpraline, dazu

Veuve Clicquot La Grande Dame 2004

Eine Paarung auf Augenhöhe, ideal für Esser mit besonders gutem Appetit, durch die gargantueske Kalorienfülle, die sich auf wenigen Kubikzentimetern ballt. Die Grande Dame, deren körperliches Format ja selbst einer übergroßen Gänseleberpraline geähnelt haben muss, tat nichts, aber auch gar nichts, um den kleinen Happen von Jörg Müller zu relativieren, ihn aus seiner unanständigen Schlemmerhaftigkeit in Richtung gebremster und kontrollierter Nahrungsaufnahme zu ziehen. Ganz im Gegenteil, befeuerte die üppige Dame den kleinen Racker noch mit ihrem schmeichelnden Pinotaroma, das als Stillwein ganz unmöglich zu kombinieren gewesen wäre, aber in Champagnerform optimal passte. Nichts für Asketen und ehrlich gesagt war ich nach der dritten Praline eigentlich schon satt.

Sebastian Zier, La Mer, **/17

Kaisergranat, dazu

Nicolas Feuillatte Palmes d'Or 2004 en Jéroboam

Wie dankbar war ich, dass nach der Praline nicht etwas noch konzentrierteres kam, sondern ein kleiner Badeausflug. Der Kaisergranat, selbst ein nachtaktives Tier, weckte in mir schlummernde Essensaufnahmekräfte und bereitete auf die lange Nacht vor. Eingerahmt wurde er vom ungewöhnlich fein geschwungenen Palmes d'Or 2004 (50PN 50CH, wobei man bei Nicolas Feuillatte luxuriöserweise auf Chardonnays nicht nur von der Côte des Blancs, sondern auch aus Montgueux zurückgreift), der mit seiner Schwungkraft und Robustheit nie hinter dem Berg hielt, der aber manches Mal allzu prompt seine kräftige Botschaft auslieferte und deshalb nicht gerade ein Vorbild in Sachen Eleganz ist. Dass er auch elegant kann, zeigt er 2004 und zu einem nicht geringen Anteil wird das außerdem am Großformat gelegen haben. Liebhaber der klassischeren, mächtigeren, wärmeren Palmes d'Or sollten bei diesem Jahrgang aufpassen, er könnte hinter den erwartungen zurückbleiben. Wer die Palmes d'Or dagegen immer zu direkt und vordergründig fand, sollte sich mit dem 2004er auseinandersetzen.

2. Aufzug, warme Speisen

Sebastian Zier

Austernvelouté, dazu

de Saint Gall Blanc de Blancs Grand Cru "Orpale" 2002

Aus der Küche von sebastian Zier kam der nächste Schwimmausflug, eine kleine Auster auf einem vorbildlichen Austernsamtsösschen, hinzukombiniert war wieder ein Kooperativenchampagner, diesmal der andere Klassiker, die Cuvée Orpale von de Saint Gall (Chardonnays aus Avize, Cramant, Oger und Le Mesnil, teilweise ohne BSA, mit 7 g/l dosiert). Wirklich überzeugend fand ich diesen Champagner, bei dem immer nur technisch alles zu passen scheint, auch dieses Mal nicht. Weder zur Sauce noch zur Auster selbst wollte sich eine Kommunikation aufbauen lassen, die kleine Auster mit ihrem bisschen Jod und Meerwasser riss gleich alles an sich und wies dem Champagner eine Nebenrolle zu. Der Saucenespresso schlug sich in das Lager seiner Herrin und so hatte der Champagner insgesamt keine Chance, mit unterwürfigem Zuckerschwänzchenwedeln zog er von dannen.

Holger Bodendorf, */18

Wachtelravioli, dazu

Duval-Leroy Blanc de Blancs Grand Cru "Prestige" Millésime 2006

Ein beinahe übersehenes Vergnügen kurz vor dem Beginn des zweiten Akts offerierte Holger Bodendorf, der mit verschwommenem Blick betrachtet ein wenig so aussieht wie ein um Jahre jüngerer Charles Schumann. Beträchtliche Freude bereitete der Raviolo, was in Teilen an dem wohlig-kindheitlichen Gefühl liegen wird, das Raviolispeisen bei mir sowieso immer erzeugen. Überzeugend fand ich dazu den Jeahrgangschardonnay von Duval-Leroy (Oiry, Chouilly, Avize, Cramant, Oger und Le Mesnil), den ich leider etwas aus dem Blickfeld verloren hatte, nachdem er mir als 2002er Brut Nature und als 2004er Brut doch immer wieder gut gefallen hat. Sowohl Ravioli als auch der Champagner bekamen dadurch etwas vom hidden champion des 2. Aufzugs, bzw. um es vorweg zu nehmen: gefielen mir sogar am besten; dicht gefolgt vom Kaisergranat.

Patrick Büchel, Spices, */16

Home Style Asia – Hamachi, Dashi, Aubergine, dazu

Bollinger Special Cuvée en Magnum

Was sich hinter dem Hamachi jetzt genau verbarg, habe ich nicht ergründen können. Ob und welche Makrelenart oder, weil ich auch etwas von Sébaste murmeln hörte, resp. las, Barsch eine Rolle spielte oder ob es sich, was nun wirklich auf der Hand, bzw. auf der kleinen Küchenkreation obenauf lag, im wesentlichen um Seeigel handeln sollte, den ich nicht besonders mag, hier aber immerhin erträglich fand – ich werde dem nicht weiter nachgehen. Klar war immerhin, dass ich den Seeigel essen konnte und das Dashi gut zum Bollinger passte. Mehr braucht's ja eigentlich gar nicht für den Erkenntnisgewinn. Der war vor allem: Bollinger und Umami sind eine gute, aber anstrengende Kombinbation, die mit einem leichteren Champagner trotzdem nicht funktionieren würde.

Der erste Akt überzeugte vor allem im ersten Aufzug. Der Gemüsesalat war vollkommen adäquat zur Jahreszeit und leitete glänzend zur Gänseleber über, die einen ersten, buchstäblichen Schwerpunkt setzte, bevor der Kaisergranat die einsetzende Gemütsschwere leichtflossig aufhob.

Terres et Vins de Champagne: Bérèche, Horiot, Laherte

Bérèche 

Beaux Regards Chardonnay auf 2009er Basis, Butter, Gras und heu, im Mund kakteeig, stechend, sehr fordernd.

Le Cran 2006 war dick, reif und schön, erstmals, seit ich diese Cuvée kenne, übrigens. Und im Gegenzug fehlte mir direkt nach dem beaux Regards ein wenig die Säure.

Campania Remensis Rosé, mittelgewichtig, nicht besonders fruchtgewaltig, mit mäßiger Säure. Der etwas wässrige Charakter verschwand mit Luft und Zeit.

 

Horiot

Métisse 2009er Basis aus 50PN und 50PB, mit Minisolera bis 2006, 2 g/l gewohnt gefällig, spassig, aber etwas kurz geratener Trinkspass.

Sève en Barmont Rosé de Saignée, 2007er Basis, mit 2 g/l dosiert, Rosenblüte, Weingeist und Mahagoni, wirkte dadurch etwas seltsam.

 

Laherte

Blanc de Blancs Brut Nature, sehr viel Vitamin C und eine enge Bauweise

Empreinte, sehr frisch, sehr schlank, ohne den Eindruck von Enge, den der Blanc de Blancs hinterließ, dafür mit leichtem Bitterl

Ultradition, mit 7 g/l dosiert, was höher klingt als es dann schließlich schmeckt.

 

Waste with taste: Champagner von 1928 bis heute in Thomas Fraunds Restaurant Zehntenhofschänke

Spontan paar Flaschen öffnen sagt sich leichter, als es umgesetzt ist. Denn meine eigenen Kochkünste bleiben hinter meinem Esstalent weit zurück. Also muss auswärts gegessen werden. Von Koblenz aus gesehen nicht ganz einfach. Mal eben mit Sack und Pack beim Helmut Thieltges oder Stefan Steinheuer klopfen? Eher nicht. Aber sehr wohl beim Slowfoodler Thomas Fraund, der sich freundlicherweise bereit erklärte, seinen malerischen Innenhof, Kochkünste abseits der Speisekarte und hellwaches Personal zur Verfügung zu stellen. Thema: Prestigecuvées und hochwertige Champagnerjahrgänge vor, bzw. bis einschließlich 1990. Gar nicht mehr so leicht heutzutage, aber schaffbar und in manchem Keller, bei dem es für eine richtige Jahrgangsvertikale nicht reicht, sicher eine schöne Entlastung für den Bestand.

Louis Roederer Cristal 1989 – Kalbsfiletpraline und grüne Sauce

Mit entschiedenem Behagen und nur mühsam kontrollierter Schlingbewegung ging der Cristal hinab, die Gemächer für seine nachkommenden Freunde im Gourmetgewölbe zu bereiten. Die Kalbsfiletpraline passte dazu 1a, ja selbst die grüne Sauce bockte nicht oder verhunzte die Eintracht aus krossem Mantel, zartem Fleisch, reifem Pinot und relaxtem Chardonnay. Der Cristal 1989, dessen Schicksal es ist, zwischen zwei tendenziell großartigen aber nicht immer unproblematischen Jahrgängen eingeklemmt zu sein, nutzte die Gunst der Eröffnung, um sich als feinstens ausgereifte Champagnergröße mit völlig eigenem Charakter zu zeigen. Gebrannte Haselnuss, flitternde Apfelstückchen und mittlerweiel eher auf der Seite des 90ers als auf der des 88ers (wo ich ihn bisher immer verortet habe).

Dom Pérignon 1990 – Ziegenfrischkäsecrème, mallorquinischer Honig, Aprikose, Blütenpollen und scharf kandierte Mandeln

Der bewährte Mix aus 55PN und 45CH vom Cristal rief nach einer Fortsetzung und das wir keinen 90er Cristal zur Hand hatten, wurde es ein unter oenopädagogischen gesichtspunkten genauso passender Dom Pérignon 1990. Der illustrierte, was ich mit dem weicheren 90er-Naturell des Cristal gemeint hatte und war auch sonst in Bestform. So balanciert, so harmonisch, so wohlig, weich und großzügig, ein Dalai Lama in Champagnerform. Keine Frage, dass das unbesehen zu Ziege, Honig und Mandel passte wie nichts sonst. 

Veuve Clicquot La Grande Dame 1969 – Hummerscherenfleisch im Bellota 5J

Die Veuve hatte ihre besten Tage hinter sich gelassen, der Dampf war weg und geblieben war ein beschaulicher Stillwein, der altersmäßig einhellig ziemlich richtig einsortiert wurde, überwiegend als 64er oder 66er, jedoch kaum als noch älter. Das ausgeprägte Sherryaroma wurde nicht als unschicklich empfunden, sondern mehrheitlich als angemessen gerade zum Seewasseranteil des Gangs. Faszinierend für mich und passend zu reifem, bzw. zu Stillwein gewordenem Champagner mit stehengebliebenen Fettzermalmerqualitäten ist immer wieder die Gorgonzolaaromatik von lange gereiftem Schinken, bzw. überhaupt von Fleisch, das längere enzymatische Prozesse durchlaufen hat. Selbst wenn man eine Grande Dame in diesem Stadium nicht mehr solo zum Vergnügen trinken würde, mit den geeigneten Speisen ändert sich das. 

Bollinger Grande Année 1985 – Sot-l'y-laisse mit kleinem Oktopus und Cassoulet

Der Bollinger verriet sich schnell durch seine Pinotwürze, die im Alter ja kaum nachlässt, hier aber zunächst verschleiert wurde von einer leichten Metallik. Danach war die Sache aber klar und der von seiner Zusammensetzung seiner Vorgängerin wohl recht ähnliche Bollinger bot gekonnte Unterhaltung, seinem größten Verzehrer dabei überzeugend nacheifernd. Wo James Bond (1985 zuletzt gespielt von Roger Moore) es mit Christopher Walken und Grace Jones zu tun hat, sind es bei der Grande Année Pinot Noir und Chardonnay, auf dem Teller das Pfaffenstückchen der Pute und der dazu gegensätzle, aber zum Unterwasserthema des Films passende Oktopus. Bond schafft es 1985 in "Im Angesicht des Todes" und Bollinger erfüllt seine Mission mit je nach Sichtweise gleichermaßen gutem Ende, d.h. für mich sehr erfreulich, für den Champagner tödlich.  

Kalamansi Sorbet und Kräuterbitter mit angegossenem Champagner

Jacquart Extra brut und Brut Mosaique waren das Pendant zum erfrischenden Sorbet. Der Extra Brut und der Brut Mosaique wurden schnell als deutlich zu jung für das Thema des Abends erkannt, auch ein Drittelmix schien den meisten offenkundig. Hüllenlose Wohlgestalt, die zur Kalamansi passte, beim Extra Brut und reife, entwickelte, natürlich durch höhere Dosage in eine andere Richtung gedrehte Aromatik , die sich der Kräuterbitteraromatik annahm. Mit gefiel das Sorbet aber besser in Verbindung mit dem Extra Brut, wobei auch der Bollinger nochmal eine sehr gute Figur dazu machte.

Drappier Millésime 1979, dég. Dez. 2013 – Kalbsfilet unter der Räucheraalkruste, gebratener Kürbis, Zuckerschote, Ochsenmarkpolenta 

Schnell wurde der Drappier als Aubechampagner enttarnt, aber beim Jahrgang gingen die Schätzungen alle in das Jahrzent 1990 – 1999, Grande Sendrée 1990 schien einigen nahezuliegen. Natürlich wird das am späten Dégorgement gelegen haben. Malz, Brotkruste, Würze und eine etwas altmodischere Art von Eleganz als bei vergleichbaren Erzeugern aus dem Norden der Champagne ließen den 79er aber viel Zuspruch finden. Ich konnte mich nur mit Mühe von der köstlichen Ochsenmarkpolenta abwenden, nur um zu der im Vorfeld skeptisch betrachtetem dafür umso gelungener umgesetzten Räucheraalkruste auf dem Filet zu gelangen. So kann die von mir eigentlich abgelehnte Kombination von See und Land gerne aussehen, bzw. schmecken. Noch besser wird es nur, wenn ein so munter dreinschlagender Champagner dazukommt, der wegen seiner aus dem Spätdegorgement bezogenen besonderen Stärke weder mit Räucheraal noch mit Ochsenmark Schwierigkieten hat.   

Cognacflambierter Orangencrèpe, Campariquark, Bergamottecrèmeis mit Ahorn

Zum Dessert konnten beide 79er zeigen, was sie draufhaben. Vor allem das Bergamotteeis lud zum Aromenvergleich ein, den die Louise für sich entscheiden konnte. Der Drappier zeigte sich dafür als besonders gut zum Campariquarkbegleiter geeignet und machte vielleicht auch die bessere Figur zum Crêpe, wobei ich zugebe, das nicht mehr in allen Einzelheiten festgehalten zu haben, weil die magische Louise alle Konzentration auf sich zog.

Pommery Louise 1979

Für mich der Wein des Abends, auf so hohem Niveau habe ich noch keine Louise getrunken und auch sonst wird es selbst bei den großartigsten unter den reifen Champagnern schwierig. Diamanthart, strahlend und rein, faszinierendes Aromenschillern, unerklärlich frische Säure und unendlich scheinende Komplexität.

Chauvet Blanc de Blancs Crémant de Cramant Grand Cru 1928

Heiteres Staunen in der Runde, nachdem ich den Jahrgang enthüllt habe. Die Schätzungen lagen größtenteils Mitte der Sechziger Jahre, was an der täuschenden Säure lag, die sich zwischen Sherry, Scotch, Butter, Milch und altem Roquefort noch hindurchschlängelte.

Terres et Vins de Champagne: Jeaunaux, Ledru, Marie-Courtin

Jeaunaux

Prestige Brut Zéro, kommt mit kräftigem Antritt aus dem Startloch, keinerlei Durchhängephase, kein Dieselloch oder sonstige Zeichen von Schwäche, sondern ruckelfreier Durchzug, wobei der hohe Chardonnayanteil durch den Pinot erstaunlich warmherzig und beinahe schokoladig wirkt.

Sélection Extra Brut 5 g/l, brotig, exotisch, wie ein dick gebuttertes Vollkornbrot mit Mangoscheibe

Grands Nods Zéro Dosage 2004, Drittelmix mit Limette, Druck, Frische und Eleganz, in dieser Preisklasse immer wieder eine positive Überraschung in Blindproben.

 

Marie-Noelle Ledru

Extra Brut 2006er Basis, ein Lehrstück über Winzerchampagner aus Ambonnay. Ordentlich, kräftig, zupackend, mit feiner Nuss

Blanc de Noirs Millésime 2006, schnittig, etwas rauher und kratziger als der Extra brut, mit fiebernder, handlungsfreudiger Säure

Cuvée de Goulté 2008, deutlicher Niveausprung, unnötiger Speck ist hier abgeschmolzen, der Champagner steht elegant und ausbalanciert, dabei mit bemerkenswerter innerer Spannung wie auf einer Yogamatte da

 

Marie-Courtin

Résonance, Orange, Nektarine in klarer, reiner, schöner Verarbeitung

Efflorescence 2008er Basis, Madarine, Marille, pikante Säure, Acerola

Eloquence 2008er Basis, dicker hingetuschte Linien als bei der Efflorescence, etwas weniger trennscharf, weniger Säureempfindung


 


 

Terres et Vins de Champagne: Doquet, Geoffroy, Lahaye, Pouillon

Pascal Doquet

Horizon, locker, weich und gut gelaunt, wie der Murgier von Boulard, aber mit einer freundlichen, hippiehaften Naivetät. Da hier eine Dosage von um die 7 g/l verarbeitet werden will, lihnt es sich, den Champagner für mindestens ein Jahr nach dem Erwerb wegzuschließen.

Vertus Premier Cru Millésime 2002, 1/3PN 2/3CH, 5 g/l, Vertus stellt sich mal wieder als die reinste Champagnerwundertüte vor. Toller Chardonnay, toller Pinot, ergeben diesen tollen Champagner. Lang, komplex, reif aber nicht überreif, einnehmend, aber nicht überrumpelnd.

Le Mesnil Grand Cru Vieilles Vignes 2002

Für mich der beste Le Mesnil Grand Cru von Doquet. Effekthascherei ist ihm ja soweiso fremd, aber das gelebte understatement kann Champagner auch schonmal ins Hintertreffen geraten lassen. Dieser präsentiert sich erstmals mit ruhigem, nicht zu dick aufgetragenem Selbstbewusstsein, mit Getreideanklängen, getrockneten Früchten und einer ruhig dahinfließenden, unaufgeregten Säure.

 

René Geoffroy

Blanc de Rosé Saignée, 2010er Basis, Commaceration von Chardonnay und Pinot Noir, was einen sehr aromastarken Champagner aus einem Guss ergibt, blumig, rosig, mit nur ganz wenig untermalender Säure. Ein fabulöser Champagner der leisen Töne.

Empreinte 2007er Basis, Fassvinifikation, saftig, mit Süße und Säure in einem Gleichgewicht, wie man es von schönen Moselkabinetten her kennt und das nicht zu verwechseln ist mit chinesischer süß-sauer Sauce.

Millésime Extra Brut 2004, Kork.

 

Benoit Lahaye

Violaine, was für ein ausgefuchster Champagner ist das jetzt wieder, dachte ich mir. Aber klar, Lahaye ist ja für solche Überraschungen immer gut.

Rosé de Saignée 2010er Basis, Veilchen, Lavendel und etwas tückisches Geraniol, dazu eine Süße, die schwerem Blütenduft nunmal eignet.

Millésime 2004, für einen 2004er ungewohnt druckvoll und rassig, davon hätte der Rosé etwas abbekommen dürfen.

 

Pouillon

Chardonnay Les Valnons Ay Grand Cru, mit 7 g/l dosiert, exotischer Chardonnay, wie man das aus ay erwarten darf, wobei mir die Dosage zu hoch war und sich mit der Zeit hoffentlich soweit eingliedert, dass der Fruchtgenuss ungetrübt stattfinden kann.

Nature de Mareuil Les Blanchiers 50PN 50CH, nur 1% weniger auf der échelle des crus und in den richtigen Händen doch mindestens auf Augenhöhe mit Ay. Mareuil gehört zu den Terroirs, die es sich immer zu probieren lohnt. Reif, aber nicht runzlig, griffig, mit einer klugen Balance von Pinot und Chardonnay.

2XOZ 2006er Basis, 100PN, der programmatische Name lässt entweder sehr viel oder sehr wenig Zucker erwarten. Beides ist richtig. Die Trauben waren schön reif, der Champagner brauchte dafür dann keine Extradosage mehr. Das Ergebnis ist ein dichter Champagner, der mich an die ersten Blanc de Noirs von Ulysse Collin erinnert und sich bequem wegtrinkt. 

Terres et Vins de Champagne: Leclapart, Laval, Agrapart

Leclapart

Artiste 2008er Basis, vollmundig, fett, reif und stark

Apôtre 2007er Basis, behäbiger als der Artiste

Alchimiste 2008er Basis, nachdem der erste Mief verstunken ist, zeigt sich ein rassiger Champagner, der mir von allen Alchimisten bisher am besten gefiel

 

Laval

Brut Nature Premier Cru 2010er Basis, selten einen Brut Nature mit so viel Substanz getrunken

Brut Premier Cru 2008er Basis, geweitet und aufgespreizt, jahrgangs- und dosagebedingt.

Hautes Chèvres Pinot Meunier vs. Longues Violes Pinot Noir, die ersteren oben am Berg, die zweitgenannten direkt darunter. Viel mehr Säure und Konzentration beim Pinot Noir, aber auch eine gefährliche Schwergewichtbildung dadurch. Ein Kandidat für die lange Kellerlagerung.

 

Agrapart

Mineral 2007er Basis, weich und fast schokoladig wirkte der Mineral, mit mildgesalzener Butter und getrockneten Apfelstückchen, von den sonst üblichen Blumen, Kräutern und vor allem von der geschätzten Säure habe ich nur wenig vernommen.

Avizoise 2007er Basis, scharfe Kanten, kein Schoko, weniger Süßwarenladen, mehr Epicerie, mehr Kreide und Stein.

Venus 2007er Basis, Harmonie, Kraft und Kontrolle; Heu, Gras, reifes Obst, Hagebitte, Quitte, ein ganzer Sommer auf dem Lande, zusammengefasst in wenige Deziliter.

Dom Pérignon Stage Dinner in der Laeiszhalle, Hamburg

Dom Pérignon steht für Champagner wie Burger King für fast food und Formel 1 für schnelle Autos. Um in seinem jeweiligen Bereich die Spitze zu behaupten, genügt es nicht, ein bekanntes Erfolgsrezept stumpf ad infinitum zu perpetuieren. Das gilt für Luxusgetränke, wie für fast food und Autos. Spitze ist avant-garde, deren glamouröse Vorreiterrolle verdient sein will. Carl von Clausewitz wusste, dass die Vorhut nicht nur eine beobachtende Funktion hat, sondern auch mit Widerstand konfrontiert wird, dem sie sich mutig zu stellen hat. Das verschafft dem Rest der Truppe Zeit und offenbart die Absichten des Gegners, der aus seiner Deckung gelockt wird. Utz Claassen nennt das in seinem ansonsten ziemlich unerträglichen Buch "Unbequem" wie? Genau: unbequem.

Dom Pérignon ist ein solcher Avantgarde-Champagner; ganz anders, als die gewagtesten Champagner der Aube-Winzer oder die Kreationen der jüngsten Generation von Winzern, die jetzt gerade das Ruder im elterlichen Betrieb übernimmt, eher ein Bataillon als ein Spähtrupp, würde Clausewitz sagen. Das Zeitmoment, das in der Arbeit vieler Champagner-Kellermeister eine zwingend wichtige Rolle spielt, wird von Dom Pérignon schon seit Jahren mit besonderer Aufmerksamkeit bedacht. Denn bei einer zyklischen Betrachtungsweise, die im Weinbau naheliegt, zeigen sich im Laufe der Jahrzehnte typische Entwicklungen. Bei Dom Pérignon spricht man von drei plénitudes und meint damit die drei Stadien der Champagnerreifung. Ist die erste plénitude nach ca. sieben Jahren durchlaufen, kommen wir in den Genuss des jeweils neuen Dom Pérignon Jahrgangs, der fortan gedanklich ein "P1" tragen sollte. Nach weiteren sieben Jahren hat sich der Charakter des Champagners stärker ausgeprägt, teilweise sogar gewandelt. Dann ist die zweite plénitude durchlaufen und der Dom Pérignon erhält ein neues Kleid. Das Etikett ist nun schwarz und bis vor kurzem prangte der Zusatz "Oenothèque" darauf. Das hat sich jetzt geändert. Die Oenothèque heisst nun nicht mehr nur hausintern sondern ganz offiziell "P2", der erste Jahrgang mit dieser Bezeichnung am Hals ist der 1998er Dom Pérignon. Wer den noch im Keller liegen hat oder sich dessen Geschmack auf andere Weise vergegenwärtigen kann, sollte das schleunigst tun. Denn bei diesem Jahrgang erkennt man die Entwicklung sehr deutlich. Je nach weiterem Reifeverlauf wird es in weiteren ca. sieben Jahren einen "P3" geben, aber bis dahin müssen wir uns noch in Geduld üben. Hauptsache ist erstmal, dass das Spätdégorgement verstanden wird.

Zur Feier dieses in der Champagnerwelt u.a. auch von Bollinger (R.D.), Krug (Collection), Jacquesson (Dégorgement Tardif) gepflegten Konzepts und zum besseren Verständnis hat sich das Team um den Mönch etwas schönes einfallen lassen. Nämlich eine synästhetische Produkterfahrung. Alle drei Hamburger Zweisterner, Christoph Rüffer vom Haerlin, Thomas Martin vom Louis C. Jacob und Karlheinz Hauser vom Seven Seas im Süllberg bündelten ihre Kräfte, um in der Laeiszhalle aufzuspielen. Friedrich Liechtenstein leitete alles andere als unbequem durch den Abend, der von Nayon Han auf dem Cello, Eberhard Lauer an der Laeisz-Orgel und einem Teil der Berliner Symphoniker instrumental begleitet wurde, vokal kamen der Monteverdi-Chor und der Hamburger Mädchenchor hinzu, Bach und Brahms forderten den Intellekt. Sara Zinna und Marten Baum lieferten sich eine Tanzschlacht mit den b-boys der flying steps academy, pas de deux traf auf urban dance, Bach auf Coldplay und am Ende gab es Anonymous Love für alle.

Zur Eröffnung gab es Dom Pérignon 2004 und Kleinigkeiten zur Einstimmung auf die verschiedenen Küchenstile der Kochgefährten des Abends.

Karlheinz Hauser kombinierte erst Kalbstartar, Petersilie, gebackene Sardelle und Zitrone, dann Iberico Schweinebauch, Ponzu, Mango, Gurke. Mir gefiel die Sardellenidee zum Dom sehr gut, der Schweinebauch hätte heißer und krosser sein dürfen, dann wäre der Kontrast mit Mango und Gurke augenfälliger gewesen und der Champagner hätte klarer dazu glänzen könnenn.

Christoph Rüffer offeriert Thunfisch mit Erdnuss & Salzpflaume und danach einen Gänseleberlolli mit Passionsfrucht & Ziegenkäse; klingt banal, nach Sofasnack und Lolita, passt aber. Vor allem die Kombination aus Fisch, Nuss und Obst unter einem gemeinsamen salzigen Dach fügt sich feinsinnig in die weit geöffneten Aromenslots des Champagners. Konventioneller schien die Gänseleber, nur mühsam gebändigt die Passionsfrucht, die Zusammenstellung insgesamt ein Hinweis für Freude an der Provokation und Risikolust.

Thomas Martin bot einen Rote Bete Maccaron mit Entenlebermousse an und wies damit auf die erdigen und bodenständigen Komponenten des Champagners hin. Hamachi mit Tomate und Koriander kitzelten wieder die Seeseite und vor allem der Koriander holte Orientalik aus den Tiefen des Glases.

 

Menü:

 

I. Thomas Martin, der im Hauptteil seine klassische Küche zelebriert, verpaarte den klassischen Dom Pérignon mit Klassikern zum Sattwerden.

I.1 Schottischer Biolachs im Kräutermantel mit Osietrakaviar von AKI, Crème Fraîche und Brioche

I.2 Samtsuppe von Kaisergranat mit karamellisiertem Apfel und Zuckerschoten

dazu jeweils: Dom Pérignon 2004, der immer wieder mit seiner Nähe zum Dill überrascht, besonders deutlich war das beim Kräutermantel vom Lachs schmeckbar. Mit dem Öl der Meerestiere gab es keine Probleme, im Gegenteil. Die räucherigen Aromen vom Dom umwoben den Kaviar wie ein hauchzartes Negligé, Crème Fraîche und Brioche kamen so selbstverständlich dazu wie die unvermeidlichen besten Freundinnen einer College-Partyqueen. Beim Kaisergranat entzückte einerseits, dass keine Spur von verbrannten Aromen zu schmecken war, was ich leider selbst in der Sterneküche schon erleben musste, andererseits die Apfelstücke, die hie im Champagner wie dort in der Speise aus den Nichts aufzutauchen schienen, gegen den Gaumen stießen und sofrt wieder abtauchten. Sowas erzeugt Vergnügen.  

 

II. Christoph Rüffer, in Hamburg wohl der primus inter pares, kochte clever, frech und ausgereift, was ihn zu idealen Partner des P2 machte. Großartig war die Idee, ein wohlbekanntes und in jeder Truckergaststätte schon bis zum Ende durchgenudeltes Gericht mit Zutaten der Hochküche zu revitalisieren. Beim P2 kann man schließlich einen ganz ähnlichen Effekt miterleben, nur dass weder der normale noch der spätdegorgierte Dom Pérignon oft in Truckergaststätten anzutreffen ist. Obwohl, so genau weiss man das ehrlich gesagt gar nicht.

II.1 Cordon Bleu von Kalbsbries und Gänseleber mit Karottenpüree, Pfifferlingen & Orangenblüten-Dashi

II.2 Steinbutt mit Bouillabaissejus Fenchel & Sauce Choron

dazu jeweils: Dom Pérignon P2 1998, der unvergleichlich leicht und porentief zugleich war. Das ist in meiner Wahrnehmung sowieso ein Schlüsselmerkmal des Dom Pérignon, neben den üblichen Toast-, Pilz- und Röstaromen: die Leichtigkeit, das Er-leichternde des Champagners, das mir beim regulären 98er und bei den schwächeren Dom-Jahrgängen wie 92, 93, 2000 insgesamt immer gefehlt hat. 

 

III. Karlheinz Hauser versöhnte mit dem Merinolamm den theoretischen Veganer in mir und ließ den Tod dieser Tiere nicht nur sinnvoll, sondern zwingend notwendig erscheinen. Genauso zwingend war der Griff zum Dom Rosé 2003, der Lammfleisch und Orange zu verbinden verstand, wie es ein Stillwein vielleicht nicht gekonnt hätte. Tomate und Sobrasata machten diese Aufgabe nicht leichter, wobei leicht auch nicht der bevorzugte Tummelplatz dieses Champagners ist. Süß aber auch nicht, wie sich dann zeigte. Trotz eines witzigen Limonadencräckers und des für sich genommen noch gut passenden Lavendels war die Süße zu massiv und vielgestaltig, um den besonders weinigen Champagner angemessen einzukleiden oder umgekehrt sich von ihm umfangen zu lassen. 

III.1 Verschiedenes vom Merino Lamm, Orange – Quinoa Bohnen – Sobrasata – Tomate

III.2 Gebrannte Mandelcreme, weißer Gascogne Pfirsich – Limonade – Lavendel

dazu jeweils: Dom Pérignon Rosé 2003.

Zum Ausgleiten gab es Dom Pérignon aus der Leuchtflaschenedition, dazu die Musik von DJ Anonymous Love.

 

Eines konnte man an diesem Abend lernen: Dom Pérignon ist ein Champagner, der wie kaum ein zweiter alle Sinne anspricht und auf allen Ebenen interpretiert werden kann. Essen allein reicht dazu nicht; die schwarz und weiß gehaltene Tischdeko spiegelte die beiden Rebsorten Pinot Noir und Chardonnay, die sich im Champagner spannungsvoll gegenüberstehen, die miteinander ein Tänzchen wagen, einen pas de deux aufführen und urban dance moves zeigen. Vom vollen Klang der Orgel über den wohligen Klang der Stimme von Friedrich Liechtenstein, vom Klavierstück, vom Monteverdi- bis zum Mädchenchor ist in diesem Champagnerfüllhorn alles drin. Das gezeigt zu haben, war im Kern der Zweck des Abends, zumindest für mich.

Terres et Vins de Champagne: Paulet, Boulard, Pascal

Hubert Paulet

Brut Tradition 2008er Basis 4 g/l, wieder mal war die Schokolade leitmotivisch, trotz der nicht besonders hohen Dosage gab es viel Harmonie und Süße, wohl dem Jahrgang geschuldet.

Rosé Mazeration 2005er Basis, 6 g/l, Joghurette in der Gourmetversion

Cuvée Risleus, aus 47CH 32PN und 11PM, 7,5 g/l, röstig, reif, sehr entwickelt, ersetzt ein kleines Pilzrisotto.

 

Boulard Père et Fille

Murgiers 2010er Basis, locker, angenehm und in kumpelhafter Stimmung wie der allseits im Dorf geschätzte Vorsitzende vom Fussballverein, den man sonntags in bequemer Kleidung beim Brötchenholen trifft.

Rachais 2007er Basis Brut Nature, dieser Chardonnay hatte noch Potential nach oben, im Moment befindet er sich in Ruhestellung. So weich und rund wie er schmeckt habe ich geringe Zweifel daran, dass ihm in den nächsten Jahren die Puste ausgehen wird, höchstens der Jahrgang selbst könnte an der Langlebigkeit etwas knabbern.

Petraea 97-07, solerahafte Gemütlichkeit.

 

Franck Pascal

Reliance Brut Nature, Milchkaffee mit schönem Schäumchen und gesunder innewohnender Süße, die keiner weiteren Dosage bedarf, obwohl gerade die Champagner von Franck Pascal davon mehr profitieren als darunter zu leiden.

Tolerance Rose d'Assemblage, fruchtiger und spielfreudiger Rosé, der mir viel Freude bereitet hat und den ich künftig häufiger im Glas haben will.

Cuvée Prestige 2003 en Magnum, wirkte bierhefig und nicht sehr ausgeglichen, eher noch unfertig und aus dem Pfad der Selbsterkenntnis, also bei weitem noch nicht so durch wie manche viel bekannteren 2003er.


 

Aus dem Champagnerlabor

Besonderes Kopfzerbrechen bereitet mir schon länger die Antwort auf die Frage, wieviel Zeit von der gierigen Deglutition des Champagners bis zur soteriologischen Erek-, nein Eruktation beim Manne, bzw. zum niedlichen Singultus der Frau schicklicherweise zu vergehen hat.

Ich führe deshalb regelmäßig kontrollierte Selbstversuche durch, bei denen ich die Umschaltgeschwindigkeit von Luft- zu Speise-, resp. Trinkröhre ermittle und mich redlich mühe, Champagner aus unterschiedlichsten Gemäßen in verschieden(st)en Kadenzen mir einzuverleiben. Damit dabei der Überblick nicht verloren geht, halte ich die Resultate meiner Untersuchungen fest und veröffentliche sie sogar teilweise zum gemeinen Nutz und Wohl.      

Im Rahmen meiner neuesten Forschungsarbeiten mussten deshalb wieder einige Champagner das Zeitliche mit dem Ewigen vertauschen. Als Grabschmuck gab es Balik Lachs, Prunier Caviar, Käse und marrons glacés. Und u.a. die Chips von Pfannifrisch, die noch nicht im Handel erhältlich sind, aber so gut schmecken, dass es sie gefälligst bald zu geben hat – das aber nur als Randnotiz.

1. Bollinger Grande Année 2002 Bond Edition

Bollinger brilliert ja jedes Mal, wenn man eine Flasche von da aufmacht. Oft denke ich sogar, ich hätte mich daran sattgetrunken und bräuchte jetzt gar nicht unbedingt einen Bollinger im Glas, dann kommt aus welchem Grund auch immer doch welcher rein und ich bin wieder elektrisiert. So war es bei der 2002er Grande Année schon verschiedentlich und mittlerweile ist die Auswahl an Grande Années richtig breit geworden, vor allem wenn man die Abstufungen der R.D.s hinzunimmt, vielleicht so breit wie bei keinem anderen Erzeuger. Begonnen beim 1990er über den erstaunlichen 1995er, den ruppigeren 1996er, zum pummligeren 1997er, über 1999 und 2000 hinweggeglitten bis hin zum 2004er, den 2002er als einen der geschniegetsten mittendrin. 

2. Tristan H. Cuvée Iseult

Eine Herzensangelegenheit von Tristan ist seine Cuvée Iseult. Die ist weiblich, wandlungsfähig, nicht zu verwechseln mit launisch. Der Pinot ist nicht zu schwer und bodennah, sondern flitternd, auf eine unterhaltende Weise glamourös, der eingängige Chardonnay leistet seinen Beitrag in coolestmöglicher Manier, ohne dass der Champagner abgehoben wirkt. Das mag in Teilen am Winzer liegen, der so liebenswert und freundlich ist, dass man diesen Eindruck auf seine Cuvées überträgt ohne darüber nachzudenken, wie so ein Champagner in einem glitzernden Neunsterneschuppen in Shanghai wirken würde.

3. Charlot Cuvée Speciale Extra Brut

Wie schön spielte der Extra Brut aus der in Dreigrammschritten dosierten Speciale-Serie doch jetzt auf. So viel Saft und Kraft, aber nicht so, dass er vor lauter Kraft nicht mehr gehen könnte. Also eben nicht der Muskelprotz, zu dem manche Champagner neigen, wenn der Winzer vergisst, eine Kontrollfunktion einzubauen, hier in Form von Butter, Crème Brûlée und Milchkaffee. Deutschen Verkostern kommt sowas immer überreif, oxidativ und was weiss ich nicht alles vor. Mich stört's selbst bei einem vergleichsweise jungen Champagner nicht, ich stelle das aber durchaus beim Alterungspotential in Rechnung. 

4. Dehours Collection Blanc de Meuniers 2007

Von Jérôme Dehours sind die Einzellagen besonders begehrenswert und bisher ohne erkennbare Schwäche. Dabei könnte ich nicht sagen, dass sich der Schwerpunkt seines Könnens beim Pinot Meunier festmachen lässt. Dazu sind die anderen reinsortigen Champagner von ihm viel zu stark. Aber eine ortsbezogene Verpflichtung gegenüber dem Meunier lässt sich kaum leugnen. Deshalb schaue ich bei Dehours gern in die zweite Reihe, hier in Form der Jahrgangscollection. Die ist merklich näher an den typischen Eigenschaften der Rebe, leider auch im negativen Sinn. Dadurch wird der Champagner nicht schlechter, aber man muss diese Typizität wollen. Beim Meunier 2007 ist eben nicht alles bis ins letzte durchdacht und perfektioniert, da tun sich Spaltmaße auf, wie man sie bei englischen Sportautooldtimern hinnimmt, bei modernen Produkten aber nur als Liebhaber zu tolerieren bereit ist.

5. Pol-Roger Cuvée Sir Winston Churchill 2000

Was ich eben zum Bollinger gesagt habe, trifft in gewisser Weise auch auf Pol-Roger zu. Nur dass bei Pol-Roger die Produktpalette bedeutend größer und dadurch in den letzten zehn Jahren etwas unruhiger geworden ist. Vor allem das Dosagethema wurde bei Pol-Roger nicht so fugenlos bearbeitet, wie ich mir das gewünscht hätte. Um mich damit nicht unnötig zu belasten, habe ich den jüngsten Neuzugängen meines Handvorrats aus dem Hause Pol-Roger etwas Ruhe und zeitlichen Abstand gegönnt. Das hat sich gelohnt. Jedenfalls bei der Cuvée Sir Winston Churchill 2000, der ich in meiner grenzenlosen Hoffnung immer schon viel zugetraut habe, Jahrgang hin oder her. So delikat wie ein geschälter Pfirsich, ganz ohne jede unwirsche Überheblichkeit, die man bei einer Cuvée dieses Zuschnitts erwarten oder befürchten könnte.Trotz des traditionellen Übergewichts an Pinot Noir wirkt der Champagner ausgewogen, als wäre der Pinot nur gedanklich in der Übermacht. Am Gaumen merkt man natürlich schon eine Dichte, für die man die Mixverhältnisse verantwortlich machen kann; nur ist dieser SWC eben so erudiert, dass Technikfragen völlig zurücktreten.

6. Marc Hebrart Special Club 2008

Ein Artisan de Champagne ist Paul Hébrart und seine Champagner sind seit Jahren eine sichere Bank. Klarer Fall, dass 2008 dort gelingen musste. Die Dosage ist hier geringfügig höher eingestellt, als mancher Champagnerpurist sich das wünschen mag, aber Champagnerdosage ist nunmal kein kirchenrechtliches Dogma und mehr als sonst gilt beim Champagner: jeder wie er will und toll, wenn's klappt. Für mich ist der Specual Club von Hebrart einer der ganz großen Freudenspender. Unernst, trotzdem inspirierend, munter, kregel und zum Leichtsinn verleitend, euphorisierend, tonisierend und besser als jeder noch so gelungene one night stand.

7. Jean Vesselle Oeuil de Perdrix

Als Rosé ist dieser hellzwiebelschalenfarbene Pinot-Champagner von Delphines 11 Hektar im Hanutaterroir von Bouzy kaum zu erkennen, solange man ihn nicht im Mund hatte. Dort zeigt er sofort, aus welchem Stall er kommt. Erdbeere, Törtchen, Nuss, aber davon nur ganz wenig. Lang, weia! Waga! Woge, du Welle, walle zur Wiege, wagala weia, Wallala wogend wie die Rheintöchter aus dem Ring (des Nibelungen). 

8. Nicolas Feuillatte Palmes d'Or 1999

Als hätte ich es gewusst oder zumindest geahnt. Erst seit paar Tagen ist bekannt, dass der eponymische Monsieur Feuillatte im gesegneten Alter von 88 Jahren verschieden ist. Fiducit. Fiducit auch, Palmes d'Or, in absichtsloser Vorausahnung. Nach dem zierlichen Oeuil de Perdrix von Vesselle war das ein absehbar mächtiges Geschoss (vulgo: Oschi), das unmittelbar nach dem Bollinger sicher besser gepasst hätte. 

9. Agrapart Mineral 2007, dég. Sep. 2013

Chardonnay aus Avize, so ruhig und beruhigend, in sich geschlossen und firm wie man ihn nicht oft bekommt. Er braucht nach dem Dégorgement gut und gerne sein neun bis zwölf Monate Ruhe, Enthusiasten trinken ihn schon früher reulos.

10. Daudet-Cotel 

Als ich bei Michel Drappier zu Tisch war, wies mich der auf Champagne Dautel-Cadot hin, dort würde ich einen bemerkenswerten Weißburgunderchampagner finden. Da ich sowieso in Essoyes noch zu tun hatte und mich mit Charles Dufour treffen wollte, bot sich ein Abstecher zu Dautel-Cadot an, bzw. drängte sich auf. Die dort mit Sylvain Dautel verkosteten Champagner waren leider alle viel zu kalt und ließen nur wenig erkennen. Also musste eine Testreihe mitgenommen werden, vor allem der Pinot Blanc interessierte mich natürlich. Und siehe, mit Ruhe und wohltemperiert offenbart sich die ganze Eleganz und blühende Fülle dieser Rebsorte, deren Aromatik nie auf Champagner weist, die aber in den Händen eines Champagnerkönners bis zur Machbarkeitsgrenze ausgelotet werden kann. Bei Dautel-Cadot wirkt der Weißburgunder besonders blütenduftig und fruchtig, auch reif, saftig und mir, der ich gerade solche Champagner dosagelos bevorzuge, eigentlich zu süß, aber das bedeutet nichts. Denn Sylvain legt es auf gourmetfreundliche Champagner an, die sich nicht so sehr im Laborvergleich, sondern beim convivialen Weindîner bewähren sollen.   

11. Christian Senez Cuvée Renoir

Christian Senez macht angenehme Champagner zu vernünftigen Preisen. deshalb war meine Freude groß, als ich erfuhr, dass die Distribution in Deutschland vorankommt. Bei meiner letzten Aubetour habe ich gegenüber den unmittelbar zuvor genossenen Kreationen von Charles Dufour zwar einen merklichen Abfall hinnehmen müssen, aber wenn man es umgekehrt aufreiht oder auch gleich ganz nur bei Senez bleibt, oder aber nach einer langen Verkostungsrunde sich einfach so ein Fläschlein Senez genehmigt (so zuletzt erwiesenermaßen erfolgreich und krampflösend praktiziert nach, bzw. während eines anstrengenden Berlinaufenthalts), dann geht's. Gefällig mit leichtem Säurekick, ein Champagner, der keine unnötigen Fragen stellt oder aufwirft, sondern einfach nur helfen will. 

12. Piollot Rosé de Saignée 1982 dég. à la volée

Am Ufer der Seine liegt das kleine Gut von Dominique Moreau (= Champagne Marie-Courtin). Ihr Mann macht dort auch Champagner, den er unter eigenem Familiennamen verkauft. Im Keller hat er scheinbar noch erhebliche Mengen älterer Ware liegen. So richtig wild aufs verkaufen ist er damit nicht; eigentlich erfuhr ich das mehr zufällig und beiläufig und eigentlich sagte ich mehr spaßßeshalber, dass ich ja ganz gern auch davon mal etwas probieren wollte, denkend, es würde sich um so altes Zeugs handeln, für das er sich vielleicht ein wenig schämt, so defensiv, wie das alles klang. Ohne große Erwartuzng, zumal nach der sehr hohen Vorlage seiner Frau, probierte ich dann eine Flasche vom 82er Rosé de Saignée und hätte am liebsten gleich die ganze Restpalette vom Fleck weg gekauft.  Unwahrscheinlich frisch, durch das Handdegorgement gleichsam alterslos, mit ein wenig Buchenrauch und Mandel, köstlichem Speck, gekonnten Burgunderanleihen, cold brew coffee und massig torrefaction, obwohl ausschließlich im Stahltank gelagert, war das ein krönender Abschluss meiner Versuchsreihe.