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Monthly Archives: März 2014

ProWein 2014 – Die besten Champagner und Schaumweine

Die Prowein begann für mich am Samstag unter anderem mit einem sehr seltenen Champagner: de Marne – Frison Cuvée "Elion" Rosé. Von de Marne -Frison habe ich schon verschiedentlich berichtet und dabei letzthin leider auch erwähnen müssen, dass die Zukunft des 6,5 Hektarguts in Ville sur Arce (Aube) ungewiss ist. Aber Valerie Frison macht allein weiter, nachdem ihr Mann Thierry sich in den Süden Frankreichs verabschiedet hat. Die Zukunft ist also sicher und weil ich hoffe, dass sie auch rosig ist, kam der rare Rosé ins Glas. Der ist eher dunkel und so granatenfruchtig, so voller Granatapfel, dahinter Banane und Kirsche und ein etwas ungemütlicher Gerbstoff, dass mir um die Zukunft dieses sympathischen Kleinerzeugers nicht bang ist. 

Der Eröffnungssonntag brachte verschiedene schöne Schäumer ins Glas. Lanson öffnete beispielsweise aus der spätdegorgierten Jahrgangscollection (alles Magnums) ein paar Exemplare. Mir gefiel der ausdrucksstarke, einerseits sehr frische, andererseits gediegen-reife 1976er, dég. im Februar 2014, am besten.

Zuvor hatte Cyril Janisson aus seiner Einzellagen-/Einzelrebsortenserie den von "Chemin de Conges" in "Conges" umbenannten 2006er Meunier ins Glas gebracht und meinen Beifall geerntet. Der neue Jahrgang ist etwas niedriger dosiert, was ihm unheimlich gut steht und mehr Durchzugskraft verleiht. Der Champagner ist rassiger, klarer definiert, sportlicher und um Nummern forscher, als sein Vorgänger. 

In der nämlichen Champagnerlounge, die letztes Jahr erstmals oberhalb der Österreicher in Halle 7.1 zu finden war und heuer nicht so verdruckst im Halbdunkel, sondern in überwiegend strahlendem weiß vorzufinden war, schenkte Montgueux-Winzer Vincent Couche seinen Sensation 1997, dég. 12. April 2012, aus. Das ist seine Antwort auf den Trend zum verlängerten Hefelager und gefiel mir schon als 1995er sehr gut. Diesmal war eine Spur mehr Eleganz und Finesse, etwas weniger Oxidation und daher sogar mehr Trinkvergnügen als erwartet in der Flasche.

Von 1995 zu 1997 zurück zu 1995: Bruno Paillard, der zum Jahrgangsvergleich seiner aktuellen 2004er Vintages geladen hatte, überzeugte mal wieder mit seinem 1995er Assemblage, der sich bei mir wegen seiner perfekten Reife noch vor dem 2004er Blanc de Blancs, dem 2004er Cuvée und dem 1995er Blanc de Blancs platzieren konnte. Und das will was heißen, denn der 1995er Blanc de Blancs war in einer ähnlichen Vergleichsprobe mit den Jahrgängen 1989, 1995, 1999 Anfang des Jahres in Berlin noch mein klarer Favorit.

Die jungen Aube-Player Tendil & Lombardi mit dem verblüffend an Dom Pérignon angelehnten Etikett konnten vor allem mit ihrem Blanc de Noirs punkten, Piper-Heidsieck setzte sich mit dem 'gewöhnlichen' 2006er Vintage positiv nach oben vom sehr guten und mancherorts (FINE Champagne Magazine Nummer 1 der 100 Best Champagnes for 2011) für überragend gehaltenen Rare 2002 ab. Den sehe ich erst in der Spitzenriege, wenn der Babyspeck abgeschmolzen ist.

Bei den englischen Sparkling Wines ('Méthode Anglais') hat Gusbourne die Nase vorn; dort hat man sich Verstärkung geholt: Charlie Holland, der von Ridgeview kommt und Christian Holthausen, der vor gar nicht so langer Zeit von Piper-/Charles Heidsieck zu Nyetimber gewechselt hat. Während ich tüchtig mit Charlie probierte, schlürfte Christian übrigens den eben erwähnten Conges von Janisson-Baradon, was ich ihm von Herzen gegönnt habe. Schon länger im Auge habe ich von Camel Valley den Annie's Anniversary Brut, ein sagenhaft flottes Gerät mit quiekend frischer Säure, Boskoop und Lemon Curd, also allen Attributen, die man sich nur wünschen kann, um den eingestaubten Gaumen freizubekommen. Balfour hatten nur zwei Sparkler da, aber die waren ebenfalls sehr gut und hatten mir schon im letzten Jahr sehr gut gefallen. Die Präsentation war von der knorrigen Art und mit einem Humor, der den anhaltenden Kriegserfolg des Empires erklären hilft. 

Aus deutschen Landen habe ich leider nicht sehr viel probieren können, weil jeder Aufenthalt in der Deutschlandhalle selbst den ehrgeizigsten VKN-Produktionswillen unterminiert und zunichte macht. Vor lauter Begrüßung und Wiedersehen kommt man kaum zum probieren. Geschafft habe ich deshalb nur ein paar Flaschengärer wie Madame Bettys Rheingau Riesling Brut vom Sekthaus Solter, das auf den Etiketten witzigerweise und quasi im Anschluss an die Engländer (oder umgekehrt) die 'Méthode Allemande' für sich reklamiert. Aus der Raumland-Kollektion gefielen mir am besten Marie-Luise und Blanc et Noir, das Triumvirat muss noch ruhen, bevor es sich zum Gaumennahkampf rüsten soll. Vor allem optisch positiv aufgefallen ist mir außerdem mal wieder der Winzerhof Stahl aus Auernhofen, der in Würzburg die "Edel Stahl Brause!" versekten lässt. Dieser Riesling Brut Sekt ist mir eigentlich zu hoch dosiert und schmeckt verdächtig nach Aromahefen, aber wer partout keinen Champagner anrühren will, wird sich leicht mit diesem Frankensekt versöhnen und im Idealfall natürlich verwöhnen können.     

Aus Spanien drang lediglich eine Cava zu mir durch, die sich aber wegen des Chardonnayanteils darin selbst zu später Stunde noch mit Freude trinken ließ. Ausgeschenkt wurde sie von Hauptstadtwinzer Daniel Mayer, der für die spanischen United Wineries als Sales Director Deutschland fungiert. Eben diese United Wineries haben übrigens auch beim Sieger der italienischen Euposia Challenge unter den Rosé-Schäumern ihre Finger im Spiel. Denn der italienische Trento-DOC Erzeuger Cesarini Sforza, von dem der nicht zuletzt unter meiner Mitwirkung aufs Siegertreppchen gehobene "Tridentum Rosé" stammt, gehört den Spaniern.

Der Proweinmontag sollte Großes bereithalten. Nämlich die Party auf der Party: die Caractères et Terroirs de Champagne Single Vineyards Probe in luftiger Höhe. Jörg Kalinke hatte extra und dankenswerterweise höchst bereitwillig seine Bar M168 im Düsseldorfer Rheinturm zur Verfügung gestellt. So konnten gottlob 15 Champagnerwinzer ihren Stoff und seine Wirkung auf den menschlichen Organismus vorstellen. Champagne Aspasie brillierte mit den Cépages d'Antan und einem sehr gelungenen Brut de Fut, von Meunierspezialist Michel Loriot gefiel mir die Monodie, die mir aber neuerlich zu hoch dosiert vorkam. Über den modern gehaltenen Chétillons 2007 von Pierre Peters und die Cuvée des Grands Vintages muss ich glaube ich nicht viel sagen, die beiden haben ihren guten Ruf völlig zu recht, wenngleich sie völlig unterschiedliche Geschmäcker ansprechen. In Richtung des Chétillons ging auf der Caractères-Veranstaltung sonst nur noch die Einzellage "Les Fervins" von Penet-Chardonnet, der mit viel Energie den Markt aufrollt. Dass Eric Rodez auch mit Chardonnay umgehen kann, wissen mittlerweile selbst die erkenntnisscheuesten Typen. 

Daher überrascht es nicht, wenn ich bekenne, dass auf der Meiningerprobe von Sascha Speicher am Dienstag der Blanc de Blancs von Rodez zu meinen Favoriten unter den vorgestellten Chardonnays gehörte. Einhalt gebot dem erst der letzte Champagner der Verkostung, Ruinarts großartiger Dom Ruinart 2002. Dazwischen gab es mit der Cuvée des Caudalies von de Sousa, Emmanuel Lassaignes Le Cotet, Rafael und Vincent Bérèches lange auf der Hefe gebliebenen "Côte" sehr starke Mitbewerber und selbst Taittingers Comtes de Champagne 2005 schaltete sich kurz vor Schluss noch kurz ein, konnte aber nicht als game changer reüssieren. Denn für mich waren die Sieger klar: Rodez und Ruinart. Jacquesson, Bollinger, Gosset und Pol-Roger gerieten mir auf der diesjährigen ProWein etwas aus dem Fokus. Sie werden es verkraften, denn es ist kein Ausdruck von Missbilligung, sondern vielmehr so, dass diese guten und stabilen Erzeuger gerade nicht meiner ständigen Aufsicht bedürfen.   

Jerome Coessens' Champagner habe ich erst kurzem wieder lobend erwähnt, daher spare ich mir hier weitere Ausführungen. Hinweisen möchte ich an dieser Stelle sehr gerne noch auf die Champagner des jungen Thibaud Brocard von der Aube, der als Winemaker bei Champagne Brocard-Pierre eine köstliche Cuvée mit dem Namen Limited Edition Blended zu verantworten hat. Das ist Champagner, wie man ihn sich von einem Talent der jungen Champagne-Avantgarde wünscht. Deutlich weniger weitläufig und fassnah angelegt ist die wagemutig gestaltete Cuvée Lady Style von Champagne Malard, Lieferanten des Hauschampagners von "Nicolas", dem französischen Pendant zu unseren Jacques' Weindepots. Die Cuvée Lady Style ist Extra Brut und aromatisch eine etwas unterkühlt wirkende Schönheit vom Typ der eiskalten osteuropäischen Spionin aus James Bond und anderen Agentenfilmen. An dem Cliché ist hier sogar etwas dran, denn Leitfigur ist die bildhübsch in Szene gesetzte Ehefrau des rugbyspielenden Hausherrn, Model und Volleyballspielerin Natacha Malard, die gebürtig aus der Ukraine stammt.  

Die grösste Champagner-Bar der Welt: La Côte des Bar (II/III)

"K.A. Hellenthals Hülfsbuch für Weinbesitzer und Weinhändler oder der vollkommene Weinkellermeister" von Johann Karl Lübeck, M.D., 1829 in Pesth erschienen, lobt die Weine aus den drei Markflecken Trois Riceys in Niederburgund als im ganzen Reiche berühmt. Besonders zögen viele den Wein von Chablis dem besten Champagner vor, heißt es dort weiter. Und damit ist das alberne Buch eines heute völlig zu recht vergessenen und unbekannten Quacksalbers und Kurpfuschers schon wieder uninteressant geworden. Interessant dagegen ist, dass Monsieur Guyot, nach dem eine der in der Champagne zugelassenen Reberziehungen benannt ist, aus Gyé stammte, also von der Côte des Bar; er sah die Dinge ganz ähnlich wie der verrückte Weinarzt aus Transsilvanien und kämpfte lange dafür, Riceys dem Burgund zuzuschlagen. Kümmern wir uns also endlich um Riceys. Ein Ort, der aus drei Orten mit dementsprechend drei Kirchen besteht. Die Erzdiözese Dijon hat historisch das Sagen in Riceys-Haut, die Parochie von Riceys-Bas gehört dem Bistum Troyes an, Riceys Haute-Rive steht unter dem Episkopat von Auxerre. Champagnerkabbalistisch herrscht deshalb die Drei. Keine andere Gemeinde der Champagne ermöglicht es ihren Winzern, zwischen drei verschiedenen Appellationen zu wählen: Coteaux Champenois für die roten und weißen Stillweine, Rosé des Riceys für den burgundischen leichten Rotwein, dem das Örtchen einige Prominenz verdank und schließlich natürlich ist da noch die AOC Champagne. Von meiner letzten Tour stelle ich drei weitere Erzeuger vor, von denen allerdings nur der erste direkt aus Riceys stammt. 

IV. Alexandre Bonnet

1934 wurden die ersten Reben gepflanzt, 1960 die bis heute tätige Firma gegründet. Die ist längst Teil eines größeren Ganzen geworden, Lanson BCC hat sich mit Alexandre Bonnet schlauerweise einen dicken Batzen in der Côte des Bar steckenden Reblands gesichert. Damit bestehen firmenverwandtschaftliche Beziehungen zu Lanson, Philipponnat, Boizel, Besserat de Bellefon, de Venoge, Chanoine und Tsarine. Ein gutes, vor allem gut gemischtes Umfeld. Wie behauptet sich da der Player von der Aube? Wir sehen es sogleich.

1. Grande Réserve

80PN 20CH, 2010er mit bis zu 45% Reservewein aus 2009 und 2008, 10 g/l Dosage

Wirkt trotz seiner 10 g/l Dosage frisch, leicht, mit brotigem Ton, feiner Würze und entfernter Röstigkeit, die vom malzigen Geschmack der Aube-Pinots herrühren wird. Insgesamt schmalhüftig, am Ende ganz leicht gerbend. Damit ist die Stoßrichtung auf ein breites, aber durchaus weinkundiges Publikum abgeklärt.

2. Noir Extra Brut

100PN, 2009er Basis, bis zu 45% Reserve aus 2008, 2007 und 2006, aus der Lage Les Forets.

Die holzige Anmutung findet keine Stützte in der holzlosen Weinbereitung und ist wieder einmal regionales Phänomen, andere würden sagen: Terroir. Altmodische bis klassisch wirkende, etwas apfelige Nase und ein leichtes gerben.Extra Brut, der fortgeschritene Anfänger in die Welt der Niedrigdosage geleiten kann. Mäßige Säure, Eindruck von nussigem Wassereis, Nussgranité.

3. Blanc de Noirs Brut

100PN, bis 40% Reservewein

Deutliche Süße, hineingemengt auch Süßholz und Schokolade, trinkt sich dann aber angenehmer und leichter, als die Nase vermuten lässt. Süße und Säure befinden sich in gutem Gleichgewicht, wobei die Säure länger durchhält und nachreinigt, was den dann zum Vorschein kommenden Tannennadeln und Anisnoten schöne Gelegenheit zur Präsentation gibt.

4. Millésime 2008

50PN 50CH, Trauben aus Les Riceys und neuville sur Seine, mit 8 g/l dosiert

Leider etwas unterdurchschnittlicher Jahrgang, dem der herrliche Schmelz, die weitgefächerte Aromatik und ätherische, unbelastende Süße des Jahrgangs abgeht. Malzbrot, Zuckerwatte und Hagelzucker finde ich da wieder und eine Menge röstiger Noten, was den Champagner in dieser Zusammenstellung geringfügig profaniert.

5. Cuvée Douceur

100PN, ca. 40% Reservewein, mit 33 g/l dosiert

Fruchtfleisch und Säure betten die deutliche Süße gekonnt ein.Außerdem wird die Süße von einer leichten alkoholischen Hitze ausgebremst, bevor sie wirklich nerven kann. Nüsschen, Honig, Blüten und Malz reihen sich auf und geben eine artige Vorstellung ab. Einer der wenigen besser gelungenen Demi-Sec Champagner und ein Produkt, das ich mir vorstellen kann, häufiger im Glas zu haben.

6. Noir Extra Brut Rosé

100PN aus Les Forets, mit 3 g/l dosiert

Rote Grütze meldet sich verhalten zu Wort, ein seidiger Schmelz wirkt genauso unaufdringlich, pikante Salzigkeit wie sie deutsche Heilwässer oder in Frankreich Badoit haben, passt gut zu Malz, Erdbeere und Nüssen, die am Ende eine herbfruchtige Liaison eingehen.

7. Perle Rosée

100PN, davon 90% weiß gekeltert, 10% rot, mit 11 g/l dosiert

Der zweite von drei Roséchampagnern, was doch einigermaßen reichlich ist, wie ich finde. In der Nase viel erdbeer-Rhabarber, im Mund trockener, als darob erwartet und vom Dosagewert angedroht. dafür leider nicht sehr lang, was schade ist, weil sich die Mischung aus Candy, Marshmallow und Himbeerbockbier, wie man es in Belgien zu brauen versteht, ganz vielversprechend zeigte.

8. Expression Rosée

100PN, davon 72% weiß und ganze 28% rot gekeltert, mit 11 g/l dosiert

Typischer Gastronomenrosé, viel Wildkirsche, Walderdbeere, Aromen des Waldes überhaupt.Viel Kraft, wenig Detailverliebtheit, ein Champagner, der zu Andouillettes verzehrt werden will, oder zu gefüllten Schweinsfüssen. 

Auf den Halskrausen steht bei allen Champagnern von Bonnet das Dégorgierdatum, leicht verschlüsselt: L1 GR 10 3 E1 liest sich "GR" für Grande Réserve, "10" für Oktober, "3" für 2013; die technischen Daten schwanken bei allen Cuvées um 3,13 pH und 4,60 g/l Säure. 

 

V. Serge Mathieu

Die Nr. 6 in der Rue des Vignes, Avirey-Lingey, da wo Serge Mathieu zu Hause ist, könnte ohne Umschweife als neue Heimstätte der Hobbits dienen, so niedlich, friedvoll und unbekümmert ist es dort. Die Weinbereitung geht dort ohne Filtration, Schönung, passage froid und ähnlichen Zauber vonstatten, daher kommt ein sauberer Stil ohne Holzeinfluss, nur der Fruchtsuche verpflichtet, entfernt vergleichbar mit dem, was bei Billecart-Salmon passiert. Das hebt die Biochampagner von Serge Mathieu vom Aubestil ab, der röstig, kräftig, auch mal derb, gerne malzig und selten besonders raffiniert ist. Auf den Etiketten von Serge Mathieu findet sich immer der kleine Löwenzahn, auf dem Rückenetikett ein durchgestrichener Dinosaurier, als augenzwinkernder Seitenhieb auf die immer alberner werdende Regulierungswut, die allerorten um sich greift und nicht nur in Frankreich die Winzer verpflichtet, immer mehr Warnhinweise auf ihren Produkten anzubringen. Ein mir sehr wichtiger Hinweis ist bei Serge Mathieu auf dem Korken angebracht: nach dem Buchstabenbrand findet sich dort das Jahr (zB "12") und der Monat (zB "11") des Dégorgements. Das alles ist so sympathisch, so präzise wie entspannt, didaktisch wie humorvoll, dass die Werbebroschüre des immerhin 100000 Flaschen in die Welt und bis auf das Dach der Welt verkaufenden Erzeugers gar nicht überzeugender ausfallen könnte.

1. Extra Brut Blanc de Noirs, dég. Nov. 2012

Basis 2010 mit 2009, 5 g/l 

Mineral, paradoxerweise wieder der aubetypische Holzgeschmack, leichte Herbe, die bei 6 g/l RZ überhaupt nicht stört, aber sonst ist der Champagner schon ungewohnt puristisch gehalten für die Gegend.

2. Tradition, dég. Okt. 2013

100PN wie der BdN Extra Brut, aber mit 8 g/l dosiert 

Kokos kam dazu, auch Blutorange, Fruchtfleischfetzen, wegen der Dosage wundert mich nicht, dass da mehr Spiel ist

3. Cuvée Prestige, dég. April 2013

70PN 30CH aus 2007 und 2006, Tirage war allerdings erst 2009, mit 8 g/l dosiert

Kratzig, bissig, schmissig, mit Guave, Kaktus und dem Willen, sicht fortzuentwickeln. Vielleicht einer der reifefähigeren Champagner von Serge Mathieu, wobei ich ihn nicht an seinem Reifepotential messen will, sondern an der spontanen Trinkfreude, die er vermittelt. Michel und Isabelle meinen, das sei ihr weiblichster Champagner, was ich so nicht unbedingt unterschrieben würde, es sei denn, man würde in der Cuvée Prestige die blonde Schwester der Cuvée Sélect sehen, dann stimmt das Bild wieder. 

4. Blanc de Noirs Millésime 2006, 

mit 5g/l dosiert 

Honig, wird langsam zu reif für die Mathieus, wie sie mir selbst sagten; mit gefielen weisse Schokolade und beginnendes Trüffelaroma, mir war aber auch klar, dass diese Entwicklung immer eine Zäsur bedeutet, die Jungweintrinker verabschieden sich an diesem Punkt der Reise, die Fans reifer Sachen treten auf den Plan, müssen aber bedenken, dass mir die Champagner von serge Mathieu noch nie wegen ihrer besonderen reifefähigkeit aufgefallen sind und dass sie auch gar nicht darauf hin angelegt sind. Eine Empfehlung zum Einlagern kann ich daher bei den jahrgängen von serge Mathieu nur auf eigenes Risiko geben.

5. Blanc de Noirs Millésime 2008, dég. Okt. 2013

5g/l

Zuckerwatte, dezent Candy und Marshmallow, etwas weisse Schokolade, Milchschokolade, die Süßigkeiten belasten aber nicht den Gaumen, sondern lassen einer sich entwickelnden Spannung zwischen kandiertem Ingwer, Orangenfilets, Grapefruit, und trockener holziger würze viel Raum. Im Vergleich mit dem 2006er ist dieser hier natürlich der elegantere, auch ausgewogenere Champagner, aber in den nächsten drei bis fünf Jahren kann ich mir gut vorstellen, dass beide nur eine Nasenspitze auseinanderliegen werden, bevor der 2008er die Überhand für sich gewinnt und der 2006er zu mürbe wird, um noch mithalten zu können. 

6. Sélect, dég. Jan. 2013

70CH 30PN aus 2006 und 2005, mit 8 g/l dosiert

Das ist die brünette Schwester der Cuvée Prestige, mit kräftigem Chardonnay macht sie deutlich, dass Druck herscht und keinerlei Anzeichen von Schlaffheit oder Nachgiebigkeit; versöhnliche Kakaonoten wie von der Etikettenfarbe angedeutet umschmeicheln die Zunge schlangengleich wie eine nubische Geliebte.

7. Rosé

90PN 10CH, 2009er Assemblage mit kleinem Rotweinanteil, 9,5 g/l Dosage

Löwenzahnsalat, Mineral, viel Wiesenblume, wenig Frucht. Der Rosé gehört wider Erwarten und trotz seiner an 10 g/l grenzenden Dosage zu den ernsteren Champagnern von Michel und Isabelle. Seine Fans hat er ganz zu recht und der ernste Gesichtsausdruck steht ihm sehr gut, denn da ist nichts ausgezehrtes oder verhärmtes drin, vielmehr ist da die Ruhe und Würde eines in sich ruhenden Champagner(macher)s erkennbar. 

 

VI. Jacques Lassaigne

Wie ein kleiner Tafelberg erhebt sich der Montgueux nördlich von Troyes aus der Ebene. Geologisch ist er ein extremer Südausläufer der Côte des Blancs, sein Boden ist kreidig und trotz seiner tatsächlichen Verortung in der Côte des Bars nicht von Portland- oder Kimmeridge geprägt. Der große Daniel Thibault nannte diesen Hügel mal den Montrachet der Champagne, so wie manche den Clos des Goisses als Romanée Conti der Champagne bezeichnen. Chantal Bregeon-Gonets (von Champagne Philippe Gonet aus, bezeichnenderweise, Le Mesnil) Großvater war einer der ersten, wenn nicht der Erste, die Montgueux als Spitzenterrain, resp. Terroir entdeckt haben. Bei Salon wiederum kann man mit Montgueux nicht viel anfangen, was nicht nur an der hauseigenen Ortsgebundenheit liegt, sondern am Stil der Weine, die vom Kreidehügel stammen. Der bekannteste Montgueuxagitator ist der – soweit mein Französisch reicht – ungemein witzige Emmanuel Lassaigne. Mit dem traf ich mich, um ein paar seiner à la volée dégorgierten Flaschen zu leeren und hinterdrein im Crieurs de Vin ausnehmend convivial zu speisen. 

Bei den Flaschen von Lassaigne fällt neben dem für burgundisch orientierte Winzer schon obligatorisch gewordenen schlicht-weißen Etikett auf, dass der Korken mit drei Schichten unter dem Granulat ausgestattet ist, was man nur allerhöchst selten antrifft und sehr zur guten Lagerfähigkeit beiträgt. Denn um eine Korkschicht zu durchfeuchten, braucht der Wein laut Emmanuel mindestens ca. drei Jahre. Gute zehn Jahre dauert es also, bis er an das minderwertige Granulat stößt und sich dort, bewahre, mit TCA infiziert. Wer so denkt und arbeitet, macht alles richtig und obendrein gibts im Hause Lassaigne gleich drei Töchter, die bald das heiratsfähige Alter erreichen und dafür wiederum, muss ich sagen, sieht Emmanuel auch noch erstaunlich ausgeglichen aus; ein echter Glückspilz also. Und was es heißt, sich wie ein Glückspilz fühlen zu dürfen, kann man mit jedem Schluck seines Champagners am eigenen Gaumen nachvollziehen.

1. Vigne de Montgueux

2011, 10, 09, Stahltank, 15% Fassausbau über ein Jahr

Massiger Champagner, rauchig, drückendstark und überlegen wie eine Profifussballmannschaft in der Kreisliga, außerdem geheimnisvoll, fein-nussig und etwas kräuterig mit einem milden Hang zum Kakteenhaften, Röstnoten, die von angebrannter Bananenschale stammen könnten, dazu eine lange, fließende Säure und das Gefühl verflüssigter Kreide im Mund

2. Millesime 2006

Den Champagner gibt es ab September 2014, er ist noch massiger, füllender, fetter und reifer als der Vigne de Montgueux, dabei agil, drahtig und wendig, mit weniger Nuss ausgestattet, macht er viel mehr Rabatz am Gaumen, ist oszillierend und frisst sich wie ein Tunnelbohrer in den Schädel. Der Champagner beruhigt sich mit sehr viel Luft, zeigt dann auch kurz, fast wie unwillentlich, etwas Nuss, als gehöre das zu einem ungeliebten Pflichtprogramm an Komplexität und Typizität, bleibt dabei aber durchweg dynamisch, fast ungeduldig, aber nicht genervt.

3. La Colline Inspirée

2010, 2009, dég. im Sep. 2013, zero dosage

Winzerig, umtriebig, aktiv, rumorend. Merkliche Fassvinifikation, burgundischer Typus, ein Charakter, der die Aufmerksamkeit an sich fesselt wie ein sehr guter Illusionist; nur dass hier keine Illusion vorgespielt wird, sondern echtes, großes Champagnerwerk vollbracht wird. Dazu gehört in diesem Fall ein Hauch von After Eight und sogar Cola. Riesenchampagnerspaß!

4. Le Cotet

Vieilles Vignes 1964, dég. Okt 2013, 90% 2010 und 10% 2006, 2004, 2002, quasi ein Multivintagesolera, 80% Stahl, 20% fut de chene; die alten Jahrgänge stammen von geöffneten und als reserve wiederverwerteten Flaschen, wie ich es auch innerlich weinend bei zB Veuve Devaux gesehen habe, wo ein Trupp Arbeiter den Vormittag über unausgelieferte Großflaschen  knallend öffnete und den Inhalt in Tanks schüttete, die dem Reserveweinbestand zugeführt wurden. Der Cotet ist sehr glatt für einen Champagner aus dem Hause Lassaigne, was ich auf den weichzeichnenden Soleraeffekt zurückführe. Von allen Champagnern Emmanuels bietet dieser am meisten easy drinking, das zeug geht runter wie man es in geeignetem Erwachsenenfilmmaterial staunend betrachten kann, oder wie das Schwert beim Schwertschlucker.

 

Champagne Bruno Paillard. Ein Rück- und Überblick aus dem Restaurant first floor, Hotel Palace, Berlin

Bei www.captaincork.com habe ich mit einer kleinen Bruno Paillard Eloge meinen Einstand gegeben (hier: http://www.captaincork.com/Weine/champagner-aber-bitte-mit-datum-bruno-paillard-brut-assemblage-2002) und das Glas mit dem großen NPU auf den geschiedenen Captain Klimek erhoben, der guten Ordnung und Vollständigkeit halber nachfolgend meine jüngsten Notizen zu Bruno Paillard, gewonnen auf der Präsentation im first floor des Hotel Palace, Berlin.

I.1 Première Cuvée, dégorgiert Januar 2013

Sehr jung, mit schneidender Säure und dem für junge Champagner ganz typischen Gefühl, in einen frisch von der Streuobstwiese gepflückten Apfel zu beißen. So schmeckt Champagner direkt nach der Marktfreigabe und bei Bruno Paillard schmeckt er in diesem Stadium noch besonders aggressiv.

I.2 Première Cuvée, dégorgiert Dezember 2009

Schon ganz anders schmeckt ein zurückliegendes Dégorgement des exakt selben Champagners, allerdings mit gut drei Jahren Flaschenreife. Die zum Austernschlürfen so begehrten jodigen und an Meerwasser erinnernden Noten gesellen sich zum Apfel dazu und zeigen: wer den Champagner innerhalb der ersten zwei jahre getrunken hätte, wäre vielleicht sogar enttäuscht gewesen. Erst jetzt hat er den Charakter eines Champagners, den man gern zum meeresfrüchtegprägten Apéritif serviert bekommt. Für den Durchschnittstrinker reicht das völlig.

I.3 Première Cuvée, dégorgiert September 2005

Ambitioniertere Genießer haben ihre wahre Freude erst bei einem Dégorgierzeitpunkt, der ganze acht Jahre zurückliegt. Das muss man erstmal wissen. Denn erst jetzt öffnet sich der Champagner wie die weichen Schenkel einer bis zur völligen Zufriedenheit verwöhnten Kokotte. Der Apfel ist noch da und liefert als Apfelchutney dienstbare Säure an die jetzt tonangebenden Confiseriearomen, mit Quittenmus, Orangenschale, Toast und Honig. Das ist das Hochplateau der Reife dieses Champagners.

I.4 Première Cuvée, dégorgiert November 2001

Erst das zwölf Jahre zurückliegende Dégorgement zeigt erste Müdigkeitserscheinungen. Der Honig nimmt langsam Überhand und kleistert mit seinen Akazien- und Kastanienaromen die immer noch merkliche, aber abnehmende Komplexität ein. Dieser Champagner sollte tatsächlich bis zu den Feiertagen ausgetrunken werden.

II.1 Blanc de Blancs Millésime 1999, dégorgiert April 2011

Sehr delikat präsentiert sich der eigentlich immer als unscheinbar abgetane Jahrgang 1999. Wonnige Säure zieht sich mit dem Auftreten erster zarter Pilznoten diskret zurück und überlässt den hinzutretenden Noisettevariationen und Orangenfilets das Feld.

II.2 Blanc de Blancs Millésime 1995, dégorgiert Februar 2007

Weniger fett tritt der stillste Star der Neunziger Jahre an. Damals standen alle zuerst unter dem krönenden Abschluss der jahrgangsreihe 1988, 1989, 1990 still, dann überschattete der mächtige 1996er alles. Auf den talentierten 1995er nahm keiner mehr Rücksicht. Das ist gut für die, die noch welchen haben. Edelgehölz, Meeresgetier und herbfrische Zitrusfrüchte geben den Ton an, bevor gedämpften Schrittes Buttergebäck und noble Röstnoten dazukommen. Mein Favorit in der Verkostung und ein bescheidener, bestens trainierter Langläufer.

II.3 Millésime 1989, dégorgiert Mai 2003

Die Assemblage aus dem Jahrgang 1989 ist wieder nur was für Altweinfreunde. Das Bild wird von Trockenfrüchten bestimmt und erinnert mich außerdem wegen seiner in Rauchige gehenden Röstigkeit an englische Orangenmarmelade mit einem Schuss Scotch. Der Campari-O unter den Champagnern.

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