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Monthly Archives: Januar 2015

1, 2, Scha-, Scha-, Scha(umwein)

Apfel, Nuss und Mandelkern essen fromme Kinder gern. Erwachsene sind in der Lage, das zu abstrahieren und in altersgerechter Form zu sich zu nehmen, nämlich als Champagner, der diese und noch sehr viel mehr Aromenmerkmale an den Gaumen und durch die Nase führt. Damit ist er nicht alleine, wie in Rundfunk und Presse kolportiert wird. Da ich diesen Verdacht insgeheim selbst hege, habe ich mir einen kleinen Bestand verschiedener Nichtchampagner angelegt, den so kurz nach der Weihnachtszeit geordnet zu verkosten keineswegs leicht werden würde, mit fachkundiger Hilfe gelang es dann aber doch.

Ein Grund dafür war die Unterstützung, die ich von der zauberhaften Anabela Campos-Neves, Inhaberin von Anabelas Kitchen in Berlin-Charlottenburg bekam. Ein weiterer Grund war die Unterstützung durch die Runde geeignete Mitverkoster, die sich nicht nur in Berlin eines guten Rufs erfreuen, sondern auch und gerade durch ihre Verkostungserfahrung für mich wertvolle Rückmeldung geben konnten.

Als Eröffnungsschluck gab es gleich mal etwas Unerwartetes, einen Ribolla-Gialla 2012 von Tenuta Stella Collio. Sowas kennt ja hier kein Mensch, dabei wäre es längst an der Zeit, sich über die Pausen-Prosecco Kultur hinweggesetzt zu haben und dieser feine Schäumer mit seiner eleganten Aromatik von weißen Pfirsichen, Nashibirne und ruhiger Säure wäre ideal, um dem deutschen Vernissagenpublikum endlich einen neuen Geschmack sanft einzubleuen.

Aber was rege ich mich auf. Lieber erzähle ich, wie es weiterging. Bei den Chardonnays ging es weich und fast harmlos weiter mit dem Chardonnay Brut vom Rheinhessen-Weingut Erbeldinger. Auf den spitzenmäßigen Chardonnay Brut Nature von Erbeldinger, der nicht für jeden Geschmack geeignet ist, meinen aber so zielgenau trifft, hatte ich an anderer Stelle schon hingewiesen, leider bekommt man ihn nicht zu kaufen und so war ich auf die brut-Version verwiesen, die dem normalen Schaumweintrinkergaumen aber schon recht sehr entgegenkommen dürfte. Trotzdem der Brut Nature geht mir nach und auf meine Frage hin wurde mir die tröstliche Antwort zuteil, dass es den Rieslingsekt von Erbeldinger sehr wohl in einer Brut Nature Fassung zu kaufen gibt, worauf ich hiermit nachdrücklich hingewiesen habe. Von Wageck-Pfaffmann kam der 2010er Chardonnay Brut Nature ins Glas (vielen Dank insoweit an Billy Wagner!), dessen fesche Säure und Struktur auffielen, ihn aber nicht unbedingt als Blanc de Blancs erkennen ließen, im Ergebnis dennoch ein mehr als gut gelungener Sekt, den ich mir noch einmal genauer anschauen werde. Der aus England geplante Vertreter hatte leider Kork. Es folgte der Grand C Chardonnay Extra Brut Crémant d'Alsace mit einer leicht flüchtigen Säure, aber gutem, stattlichem Format, cheninblancmässig, aber zum Schluss mit etwas angematschtem Apfel, der doch wieder an das füllige, weiche Elsass erinnerte. Der Hommage-Sekt an Alfons Mucha, ein 2007er, hatte sehr viel Apfel, braune Butter, Toffee, war aber insgesamt etwas mau, spannungsarm und süss, vpr mich gerade noch angenehm morbid, mit positiv herauszuhebender Minze und negativem bemerkenswerten Wurstaromen.

Damit konnten wir die Chardonnays hinter uns lassen und uns der Loire zuwenden, wo mit Bouvet-Ladubay Tresor Blanc ein alter und zuverlässiger Bekannter die Runde eröffnete. Den kenne ich gar nicht anders als frisch, jung, saftig, sauber, mit genügsamer Säure und einem Charakter, der unisono als champagnerig beschrieben wurde. Ich würde diese Sorte von Vergleichen eigentlich lieber vermeiden und bin auch der Ansicht, dass das, was den meisten Trinkern bei Nichtchampagnern immer als champagnerig auffällt, einfach eine gewisse Form von Komplexitätsmix (Autolyse, Frische, Mousseux) ist, der vor allem den führenden Großerzeugern der jeweiligen Regionen regelmäßig in überzeugender Manier gelingt, mit Champagner als Schaumwein hat das also nicht zwingend etwas zu tun, aber ich weiß um die Begriffsnot, wenn es darum geht, solche Geschmacksphänomene zu umschreiben. Gut, weiter: de Chanceny Crémant de Loire wählte eine andere Marschroute und fuhr zunächst Bäckeraromen auf, Brot, Hagelzucker, übergehend in eine entfernt animalische Strenge, wobei der Crémant durchweg länglich blieb. Der Nerleux, La Folie des Loups Crémant de Loire war eckiger, etwas krautig, aber nicht so dass es mich gestört hätte, von der Gestalt her noch schlanker als der de Chanceny und ein wenig stahliger, was sich gut mit den Calamaretti auf Fenchel vertrug, vor allem die Krautnote fand hier ihre Bestimmung. Als harmlosen, ganz leicht nussig-mandeligen Wein empfand ich den Jacquart Brut Blanc, der es nach dem Loiretrio sichtlich schwer hatte.

Als kleine Entspannung für den Gaumen habe ich zwei Méthode Rurale Schäumer eingebaut, die gleichermaßen zu gefallen wussten. Der Chardonnay von Menger-Krug war so saftig, fast limonadig, mit Granatapfel, mädchenhaft-charmanter Süße, mit viel Luft dann noch erfrischendem, die Süße relativierendem Menthol. Das Weingut Baeder hatte ich mit seinem Riesling danach platziert, weil er noch deutlich limonadiger war, was beim Menger-Krug der Granatapfel, war hier Maracuja, hinzu kam etwas Brot, bei insgesamt noch weniger fühlbarem Druck als ihn das Ruraleprojekt aus der Pfalz aufwies.

Stichwort Pfalz: natürlich musste die Pfalz probiert werden und da ist die Auswahl unter den Sekten ziemlich üppig. Um es mir einfach zu machen und die probe nicht zu überfrachten, habe ich mich als Auftakt für die V Amici entschieden, das Gemeinschaftsprojekt von Fritz Becker aus Schweigen, Münzberg aus Godramstein, Rebholz aus Siebeldingen, Siegrist aus Leinsweiler und Wehrheim aus Birkweiler. Der Sekt machte sich vor allem durch eine muskatige Note, Khaki und fröhliche Exotik im Mund bemerkbar, auch das Mundgefühl war ansprechend, unverklebt und nicht täppisch. Dann ging es zum neuen Buhl-Sekt. Auch hier Muskat, ganz leicht überwiegendes Brot, Malz, viel gesunde und kräftige, allerdings wohlerzogene Säure, ein messerscharf, am Tisch für Champagner gehaltener Sekt. Lauermann-Weyer, wirkte mit seiner schmalen, zurückgenommenen Ästhetik und dem medizinalen Touch, der erst hintenrum mit Frische durchkam, auch etwas zaghafte weisse Früchte ausfertigte, zu brav nach dem Buhl, wodurch nur einmal mehr deutlich wurde, dass Buhl den Rieslingsekt neu definiert, bzw. ihm eine neue Kategorie, die er vorerst allein ausfüllt und bespielt, hinzugefügt hat. 

Aus der deutschen Toskana ging es in's richtige Italien und dort gleich ad profundum. Sachen, die hier wirklich kein Mensch kennt und an denen Italien so verschwenderisch reich ist. Opera Semplice zum Beispiel, ein Soaveschäumer, den ich Alexander Steinmüller und Nicola Neumann verdanke, zog nach dem letzten Pfalzsekt und einem dazwischengeschobenen Gang von Maishähnchen mit Gewürzfeige mächtig an. Herbe, krachende Nussigkeit, ernstgenommene Naturbelassenheit, im Mund Scherenfleisch, Schalentierfett, Hummerbutter. Meine Güte, wer hätte das aus der Region erwartet? Ich nicht und daher freue ich mich, diesen Schäumer so exakt nach dem Essen positioniert zu haben, dessen Aromen er begierig verwertete. Als nächstes kam eine ligurische Besonderheit, wenn nicht Einzigartigkeit auf den Tisch. Az. Agr. Durin Basura Riunda Pas Dosé, von Laura und Antonio Basso in Ortovero, Savona. Aus 100% Pigato, eine Rebsorte, die einen Eindruck davon vermittelt, wie versekteter Vermentino (die Rebsorten sind nach meiner Kenntnis entfernt miteinander verwandt) schmecken könnte. Mit seiner zierlichen Apfel-Berberitzen-Nase und der üppigen lang und spitz zulaufenden Säure konfligiert allerdings die hoch ausgereifte Grundweinanlage mit ihrer spürbaren Restsüße. Dadurch entsteht der Eindruck eines Windhunds mit leichter Wampe. Da die Dickstelle mit Luft nachläßt und dieser Schaumwein sicher auch so schon weithin seine Freunde gewinnen dürfte, halte ich ihn für sehr beobachtenswert und reifefähig, aufgefallen ist er mir erstmals 2013, als ich ihn beim Schaumweinwettbewerb Euposia erstmals im Glas hatte und wo er dann auch prompt gewann. Von der Tenuta Stella habe ich danach den zur Eröffnung bereits gereichten Ribolla eingeschenkt, um auf die Cuvée Tanni (70CH 15PN 15 Ribolla-Gialla, 10% gebrauchtes Barrique) aus demselben Haus hinzuführen, die ich für sehr beachtlich halte. Die staubigere Nase, der straffere, rassigere Körperbau zeigen, dass die autochthonen Rebsorten nicht nur in Spanien (wo ich bei vielen Cavas den Qualitätssprung erst dann sehe, wenn Chardonnay oder Pinot Noir ins Spiel kommt), sondern auch in Italien von internationalen Reben profitieren können, wenn es um die Scgaumweinbereitung geht. Alsdann folgte eine Minivertikale Ca Rovere, das ist ein Erzeuger aus Alonte, südwestlich von Vicenza, der Garganega und Chardonnay bei seinen Schäumern einsetzt. 2008 war schlank und reifzitronig, ich fand das sehr ansprechend, flott und frech aber leider im Mund viel zu süss, sowas geht nur zum Essen und zum Wurzelgemüse, das passenderweise gerade auf den Tisch kam. Das Kabeljaufilet mit Basilikumgraupen, Kürbis und verschiedenen Wurzeln war wie gemacht zu diesem Schaumwein, der übrigens keinerlei Spuren des Alters zeigte. Eine Kehrtwende markierte der Ca Rovere 2009, der wieder ernster, stramm und fordernd war. Der Schließer war Ca Rovere 2010 der erstaunlicherweise neben dem alterslosen oder jugendhaften 2008 noch viel jugendhafter wirkte, auch schien er mir viel leichter als der 09er geraten zu sein und insgesamt hat Ca Rovere eine ebenso vielfältige wie stringente Leistung abgeliefert, eine differenziertere Jahrgangsabfolge aus ein und demselben Haus habe ich wahrscheinlich noch nie erlebt.

Nach dem lehrreichen Italien-Ausflug musste ein klar konturiertes Kontrastprogramm her, um die Probe nicht in ihrem Kern verschwimmen zu lassen und dem Gaumen die Möglichkeit zur Neuausrichtung zu geben. Was könnte da besser passen, als ein georgischer Schaumwein, den ich vor Jahren schonmal für gut befunden habe und der jetzt mit Reife nochmal zeigen durfte, was ich schon lange sage: technisch guten Schaumwein kann man überall auf der Welt machen. Bagrationi 2007 war nicht so reif wie man meinen müsste, denn wenn ich ehrlich bin, hätte ich ähnliche Aromen wie beim Mucha-Sekt erwartet, dem war aber nicht so. In Sachen Jugendlichkeit war der Bagrationi dem 2008er Ca Rovere sogar sehr ähnlich, ansonsten war er einfach aber gut. Die Gran Reserva von Recaredo hatte verfluchten Lork; der folgende Trapiche aus Argentinien war vom Rebsortenmix her eine kleine Wundertüte. Chardonnay, Semillon, Malbec, Rebsorten, die so gar nicht zueinander passen wollen. Das Ergebnis bestätigte die Vorabeinschätzung nicht. Der Argentinier bot gute, gefällige Qualität auf hohem Niveau. Apfel, Röstnote, Hefe und behutsame Exotik, was zum Tomahawk Steak gut passte, wobei ich den recaredo mit seiner furztrockenen Art dennoch vermisst habe.

Die nächste Zäsur stand an und barchte uns zu dem Thema Reife, in einem weiten Sinn verstanden und auf drei Exponate komprimiert. Die Weingüter Wegeler mit ihrem Doctor-Sekt vonb 1984 zeigten, wie reifer Sekt geht. Für mich einer der ältesten immer noch so gut erhaltenen Sekte, schon genügend weich, mit Butter und Toffee wie sie der Mucha-Sekt gleich zu Beginn zeigte, und dann mit einer noblen, dem sektgrundweinfreundlichen Jahrgang zu dankenden Säure, die erneut einen Schaumwein lebendig erhielt und viel frischer als man vermuten müsste wirken ließ. Das I. Triumvirat von Volker Raumland aus dem Jahr 2001 hatte vor allem Reduktion, Jod, Krustentierschale und wirkte irgendwie vergrätzt, das habe ich erst vor wenigen Monaten mit viel mehr Trinkfreude erlebt, weshalb ich die miese Form auf die konkrete Flasche und nicht auf das I. Triumvirat insgesamt schiebe. Jakob Schneider, einer der aufgewecktesten Lehrlinge von Rowald Hepp, hat mit dem Riesling Sekt Brut "Stückfass" 2011 einen Sekt in die Schaumweinwelt entlassen, dessen Altweindosage von 1969er Auslese stammt. Der viele Apfel und sein leichtes Schieferstinkerle machen den Sekt sehr angenehm und ich habe mich bei meinem ersten Schluck gleich wie zu Hause gefühlt. Besonders schön ist, dass der Sekt mit Luft noch deutlich zulegt, die Apfelstückchen kann man dann förmlich kauen.

Alice Beauforts Le Petit Beaufort stammt aus Prusly-sur-Ource, also aus direkter Nachbarschaft zur Champagne. Kennengelernt habe ich dieses Stöffchen in Troyes, wo mir der Vergleich zwischen den Schaumweinen der Region schon viel Kopfzerbrechen bereitet hat, weil ich mir die Aube nie so vielgestaltig vorgestellt hatte und wo ich nicht auch noch jenseits der geheiligten AOC-Grenzen trinkbare Schaumweine vermutet hätte. Nun war und ist es aber so und bei Beauforts Crémant reizen mich jedes Mal die Multivitaminaromen und das frische, gar nicht wirklich medizinale Aroma von aufgelösten Aspirintabletten. Eine andere kleine Kuriosität habe ich mir mit dem Lambrusco Bianco von Lini 910 angelacht. Dieser Blanc de Noirs aus der Gegend von Modena ist nur leicht phenolisch, hat wenig Druck und fließt dennoch mit gutem, stetigem Zug in den Bauch.

Nach so viel weißem muss endlich rötlicher Schaumwein zu seinem Recht kommen. Künstlers Rosé 2008, der mir eigentlich ganz gut gefällt und der zuletzt sogar champagnerhafte Ambitionen zeigte, konnte leider nicht überzuegen. Phenol und Brot genügen nicht, auch wenn der Sekt explizit auf der sehr trockenen Seite angesiedelt war, ihm fehlte einfach die besondere Komplexität eines großartigen Schaumweins. Mag ein Flaschenfehler gewesen sein. Bouvet-Ladubay Rosé hatte leichten Muff, der aber schnell verflog und daher am besten als schwefelböckser anzusprechen gewesen sein dürfte, was bei Grossmengenerzeugern, wofür im Übrigen die Mehrzahl der Verkoster votierte, als lässliche Sünde gilt. Champagne Jacquart Rosé gefiel mir dann noch einen Ticken besser, wobei die Preisrelation zwischen beiden zu denken geben könnte. Mir nicht, das ist klar, denn beim Champagner denke ich zuallerletzt an den Preis oder an eine Rechtfertigung für den Preis im Verhältnis zu anderen produkten. Aber die harte Marktrealität zwingt nunmal dazu, in Deutschland als erstes über den Preis nachzudenken. Champagne Moutard 6 Cépages, den ich schon seit Ewigkeiten nicht mehr getrunken habe, passte sehr gut in den Verlauf des Abends, auch wenn er jetzt wieder weiß war und zu den Rosés gerade kein bezug bestand. Seine Besonderheit ist die Frendartigkeit innerhalb der Champagne, die ihn gleichsam zur Öffnungsklausel für ungewohnte Aromen macht. Brennesseltee, Moringablätter, Kakaobohne, im Mund eine ganze Menge Candy, leichte Fassanmutung mit enormer Frische und genau dieses erfrischende Naturell war dafür verantwortlich, dass mir der Moutard in diesem Zusammenhang so gut wie nie zuvor gefiel.

Abschließend gab es aus der höher dosierten Fraktion noch den Grand C Pinot Gris Extra Dry, der vor allem viel weniger süss als gedacht schmeckte, kaum Grauburgundercharakter zeigte und sich vielmehr als sprudelnder Josephshoefer hätte verkaufen lassen; ausgewogen, elegant und ein gelungener Schlusspunkt, bevor ich mich ohne Rücksicht auf Verluste in das Berliner Nachtleben warf.

Was ist festzuhalten? Festzuhalten ist, dass Sekte spitzenmäßig reifen können. Festzuhalten ist auch, dass guter Schaumwein praktisch von überallher kommen kann. Nachzugehen ist meiner Meinung nach den kaum oder wenig bekannten Regionen der bekannten Weinbauländer, in denen sich ein zartes Pfänzchen entwickelt, das den zweiten Punkt meines fazits aufnimmt: guter Schaumwein geht praktisch überall. In Kombination mit geeigneten, autochthonen Rebsorten wird daraus ein lehrreiches Vergnügen, wobei im Moment vor allem die Zugabe von internationalen Rebsorten für den Trinkspass verantwortlich sind. Je mehr Erfahrung die Winzer sammeln werden, desto eher werden sie sich aber von Chardonnay und Pinot Noir emanzipieren und eigenstöndige Weine versekten können, die international konkurrenzfähig sind, ohne als Anlehnung an den Champagnerstil wahrgenommen zu werden. 

Der Sekt von Buhl – Ein Zwischenfazit

Über den Sekt von Buhl ist viel disputiert worden, weshalb ich meinen Senf nicht noch dazugeben muss. Ich tu's aber trotzdem. Denn probiert habe ich ihn schließlich und er ist es wert, vor allem klarstellend kommentiert zu werden. Dieser Klarstellung sollte unter anderem eine kleine Probe dienen, zu der Richard Grosche die bisherigen vier Dégorgements ("T1 – T4") mit in die Hattenheimer Winebank gebracht hat. Drumherum gab es zwangsläufig noch einige weitere Sekte und probiert wurde aus den unterschiedlichsten Gläsern – schließlich sind Schaumweingläser das neueste Lieblingsprojekt der Glashersteller. Zwar gab es Ende 2014 bereits die ersten Warnungen besonders zukunftsgewandter Blogger, wonach kein Mensch mehr etwas über den jüngsten Gläsertest lesen wollte. Aber wen schert dieses Kassandratum schon.

Der Preis vom Buhl. Mit unter 15,00 € für die einen viel zu günstig, für die anderen schon ganz schön teuer – zu teuer für den Glasausschank in der Gastronomie etwa, oder zu teuer für einen Basis-Sekt; wie das eben immer so ist. Ich finde: preislich ist er genau richtig platziert. Richtig ist dabei auch, dass er mit irgendwas zwischen 12 und 15 Monaten Hefelager deutlich oberhalb der gesetzlichen Mindestanforderungen liegt und trotzdem im Bereich der leichten, klaren, frischen Schaumweine ohne allzu heftige Autolyse oder sonstige Flaschenreifearomen bleibt. Stilistisch also ein junger Sekt und in dieser Gruppe am oberen Ende des preislich Machbaren.

Im Gegenzug gibt es liebevolle Details an der Flasche, die deren Trinkbarkeit zwar um keinen Deut befördern, aber Merkmal einer selbstbewussten Trinkkultur sind. Die Folierung am Flaschenhals ist zum Beispiel akkurat, da labbert nichts oder pappt nur so halb angeklebt an der Flasche so dass man Angst haben muss, die Flasche könnte einem bei leichtfertigem Danachgreifen aus den Fingern gleiten. Bei genauerem Hinschauen auf die Folie erkennt man ein Traubenmuster unter dem Graphikgespiele, fast hat man den Eindruck, hier sollte die Fälschungssicherheit eines Qualitätszahlungsmittels erreicht werden. Ähnlich bei der Relieflackierung des Buhl-Wappens. Streicht man über das Wappen, kann man dessen leichte Erhabenheit fühlen.   

Ins Glas damit. Wenig kommuniziert wurde bisher, dass der Buhl-Sekt keinen biologischen Säureabbau durchlaufen hat. Das trauen sich schon in der Champagne nicht sehr viele (neben Lanson und Gosset überwiegend die Winzer, deren Champagner allerorten Furore machen) und die, die keinen BSA machen, stellen das bei jeder sich bietenden Gelegenheit heraus. Im Vordergrund steht dabei immer, wie frisch, apérogeeignet und elegant zugleich der Champagner sei. Ein wichtiger Hinweis auf die Stoßrichtung des Sekts kommt also aus der Technik. Ein weiterer interessanter Hinweis: kein BSA bedeutet meist mehr Schwefel. Aber da hat Buhl gespart: nur ca. 20 mg/l sind es in toto, so Grosche. Punktlandung, würde ich sagen.

Bevor nun ernsthaft getrunken wird, noch ein Wort zu den verschiedenen Dégorgierdaten. Zur Zeit gibt es vier Dégorgements, die jeweils im Abstand von ca. vier Wochen erfolgt sind. Beim ersten Dégorgement, das also gerade einmal ein Vierteljahr zurückliegt, ist die Vermählung von Dosage und Schaumwein jetzt gerade erst und allerfrühestens abgeschlossen. Der Sekt hat seine vorläufige Gestalt gefunden und entwickelt sich, bzw. altert ab jetzt. Das zweite Dégorgement befindet sich noch in der Vermählungsphase und profitiert von dem gerpngfügig längeren Hefelager. Das dritte Dégorgement hat ein noch längeres Hefelager, ist aber noch nicht besonders lange davon getrennt und von Vermählung kann daher noch kaum die Rede sein. Beim vierten Dégorgement war das hefelager am längsten und vermittelt dem Sekt damit die höchste Komplexität, aber durch den so jurz zurückliegenden Trennungszeitpunkt ist die Vitamin-C-Frische des Sekts, die harte Äpfelsäure und der aggressive Charakter eines gerade erst dégorgierten Schaumweins am deutlichsten spürbar.

RvB T1, hatte meiner Meinung nach eine flüchtige Säure in der Nase, die mich etwas gestört hat, war im Mund aber knackig, außerdem schon mild und gefasst für den Markt, was vor allem im Veritas-Glas von Riedel gut herauskam. In Zwiesels Wine Classics Prestige wirkte der Sekt erwartungsgemäß technisch (das Glas sieht nicht nur aus wei ein abgeschnittener Erlenmeyerkolben, sondern verhält sich auch wie ein Laboruntersuchungs- und Analyseapparat) und  filigran, in Lehmanns Jamesse-Glas (dem kleinsten) hingegen füllig, apfelig, champagnerig. Das ist im Übrigen der Eindruck, der wohl bei den meisten, die sich für den Buhl-Sekt erwärmen oder begeistern konnten, überwog.

RvB T2, hatte mehr vom Apfel, war aber immer noch weich und zwar weich aufgrund seines länger zurückliegenden Dégorgierzeitpunkts und nicht weich aufgrund seiner höheren Autolytik, behaupte ich. Im Veritas-Glas wirkte er auf mich am ausgewogensten, im Zwieselglasmerkte man den Dégorgierzeitpunkt: hier schmeckte der Sekt am süssesten, im gemütlichen Lehmannglas war er am breitesten und vollsten.

RvB3, war weicher und auch schon feinsprudeliger, sahniger als seine Vorgänger. Hier zeigte sich erstmals der Effekt längeren Hefekontakts und dieser T3 war auch mein klarer Favorit; am süssesten wirkte er jetzt im Riedel, wieder verschlankt und weiterhin süss in Zwiesel, ein leichte, gesunde Herbe legte sich mit dem Lehmannglas unter die Zunge, was ich als gutes zeichen für die Zukunft werte, da es vermuten lässt, der Sekt werde nicht abdriften, vermatschen, pampig, breiig oder sonst unappetitlich werden.

RvB T4, war dem Grunde nach am weichsten, aber eben noch unruhig nach dem Dégorgement; Komplexität und Frischekick gab es aus dem Riedel, überraschend rund und ausgewogen schien der Sekt in Zwiesel, wobei die Säure mit etwas Zeitversatz piratengleich den Rand der Zunge hochgeentert kam, gegenüber T3 gab es eine zunehmende Herbe im Lehmannglas, die den Sekt ernster, nicht schlechter werden ließ.

Wie lautet also das Zwischenfazit? So: Buhl hat eine neue Sektklasse definiert. Preislich, technisch, in der Ausstattung und im Geschmack. Die Rebsorte, stets das Aushängeschild und der ganze Stolz deutscher Schaumweinerzeugung im Gegensatz zum bloßen Verschnittwein, steht geschmacklich und auf dem Etikett im Hintergrund. Der Sekt lebt von Bausteinen, die der Riesling (der saure Buhl'sche zumal!) bereitwillig in die Hand des Kellermeisters gibt. Der verleiht ihnen mit der zweiten Gärung eine Aura, die nicht wie vom Champagner ausgeliehen oder nachgemacht wirkt, sondern ganz eigenständigen Charakter hat. Dass sich der Vergleich zum Champagner aufdrängt, ist dabei so klar wie falsch.  

 

Paarungsspiele in der Goldenen Traube, Coburg (*GM)

Der Präsident der Deutschen Sommelierunion, Bernd Glauben, unterhält in Coburg ein hübsches Hotel mit kleinem, erst neulich renoviertem Gourmetrestaurant: die Goldene Traube in deren Esszimmer Stefan Beiter u.a. mit den Produkten der ägeschtzten Koblenzer Gewürzspezialisten Pfeffersack & Söhne kocht. Einmal im Jahr nun schart Max Hendlmeier seine Getreuen um sich und die folgen dem Ruf gerne, in berechtigter Erwartung großer Weinunterhaltung. Die sollte sich diesmal zu einem nicht ganz unwesentlichen Teil um Champagner drehen und an dem Punkt komme, ohne dass es besonderer Aufforderung bedarf, ich ins Spiel. Los ging's aber mit einigen gereiften Sächelchen wie dem Wegelerpaar

Wegeler Spätlese Rheingau 1995 und

Wegeler Spätlese Mosel Vintage Collection 1994,

wobei der Rheingauer noch sehr präsente Jugendlichkeit anzubieten hatte, bei reichlicher Süße, die mit der knackigen, frechen Mosel auf gutem Niveau konkurrierte.

Château de Beaucastel Châteauneuf-du-Pape Blanc 2006

wirkte auf mich schnapsig, breit, hatte keinerlei merkliche Säure und war für mich nur schwer zu trinken, um nicht zu sagen schwer erträglich. Deutlich besser gefiel mir die

Karthäuserhofberger Orthsberg Riesling Spätlese von 1971,

deren Oxidation, Butter, Öl und Firne jegliche Süße übertönten und verabschiedeten, aber noch ein wenig Mandarine übrigließen, was für einen immerhin versöhnlichen Abschied sorgte.

Als Überleitung zum ersten Gang gab es den Standardbrut von

Laurent-Perrier,

ein Champagner, der fein zum Tomateneis, Walnussbrioche, Beurre d'Isigny und zu Thymianpanettone passte, wobei ich das Tomateneis als die beste Kombination empfand, wegen der Kühle, Salzigkeit, unvermerkten Süße und weil die an sich für Weißweine aller Art nur schwer zu bewältigende Tomatigkeit hier glänzend eingefangen wurde.

Dann wurde es ernst.

Familia Rovira Carbonell Mas d'en Gil Coma Alta Priorat 2012,

brachte schubkarrenweise Kautschuk, Vulkanisationsaromen und den von mir nicht so sehr geliebten, als südeuropäischen Weissweincharakter verunglimpften Mix aus Hitze und Säurearmut. Fand ich solo nur solala, aber erstaunlicherweise tiptop zum Brioche.

Jean Thévenets Domaine de Bongran Macon Village Quintaine 1999,

ist der Wein aus alten Reben eines Weinverrückten, der in der Nase viel mit verbranntem Gummiboot gemein hatte, dann Brotkruste und Trockenfrüchte, vor allem Birne, Apfelringe aber auch Khaki offerierte, im Mund wirkte der Wein dann überraschend alkoholisch mit moderierender Erdnuss und diskreter, wenngleich überraschend hoher Süße, was wiederum fein zum Gänselebermuesli und zu der Kaffee-Apfelsphäre mit konzentriertem Maracujajus aus Stefan Beiters Küche passte. Denn speziell die Süße des Weins trat nun komplett zurueck und gab dem Kaffee Gelegenheit, kräftig in die Saiten zu greifen.

Raumland Blanc de Noirs Cuvée Marie Luise 1991, dég. 10. Januar 2005

war saftig, hatte nur noch wenig Sprudel, wirkte deshalb vielleicht besonders gewürzig, erinnerte mich vor allem an Lebkuchengewuerz und Rowald Hepp neben mir raunte etwas von Dosenchampignonwasser wahrgenommen zu haben, ein Eindruck den ich, einmal darauf gebracht, sogar teilen konnte; später zeigte sich noch Honig und die erste Ausgabe der Raumlandschen Geburtstagscuvée schmeckte ansprechend frisch, allerdings war sie auch mit merklicher Dosage versehen.

Domaine Leflaive Puligny-Montrachet Les Flatiers 2007,

war ein Win mit klassischem Burgunderzuschnitt, schlank, nussig, zum Essen mit dem Maß an Spannung und Lebhaftigkeit, das eine gelungene Paarung ausmacht,

Domaine Jacques Prieur Puligny-Montrachet Les Combettes 2002,

hingegen war deutlich eigensüchtiger, brachte schwere Ladungen von Kuchen, Safran, Kardamom, brauner Butter, hellem Karamell und Apfel mit, was ihn schwierig als Essensbegleiter machte, solo jedoch deutlich stärker und spaßhafter als den Leflaive.

Champagne Grongnet Carpe Diem Rosé,

hatte ich erst vor wenigen Wochen im Rahmen eines Rosé-Rundumchecks geöffnet und für einen saftigen Champagner gehalten, dessen recht dunkle Färbung einen gehaltvollen Wein auswies. Er wirkt hochdosiert, obwohl im schwachen extra Brut Bereich angesiedelt, passte aber genau deshalb spitze zum weissen Balsamicoessig mit Kasslerwürfelchen, Speck und Zander auf Linsenschaum mit Croûtons.

Keller Morstein 2008,

schien erst fett, dann wieder ausgedünnt und so ging es hin und her, bis zum Schluss hätte ich nicht sagen können ob der Wein nun mastig oder nicht doch eher schlank ist. Positiv fiel mir eine Note von schwarzem Tee auf, dazu eine elegante Süße, trotzdem war es der bäuerlichste Wein in diesem flight, bei aller durchscheinenden Gelehrtheit.

Kühling-Gillot Rothenberg 2008,

war ohne jeden Zweifel vom Start weg schlank, geschwind, leicht grasig, mit einem Charakter von Tee aus Bambusblättern, gleichzeitig kühlend, fliessend, wenn nicht sogar reißend, ein sehr starker Wein.

Heymann-Löwenstein Uhlen 2008,

war der filigranste von den dreien, leichtes Prickeln ließ ihn dabei noch leichter wirken, der feine Schieferstinker gab ihm aber die nötige Bodenhaftung und kompliziert ist der Wein bei aller Leichtigkeit trotzdem. Das unbeschwertere Trinkvergnügen bot für mich der Rothenberg.

Champagne Vincent Charlot Rosé Le Rubis de la Dune

war einer der von mir mitgebrachten Champagner vom jungen Biowinzer Vincent Charlot, bei dem ein Besuch sich allemal lohnt. Der Champagner braucht sehr viel Luft, um Blütenblaetter, vor allem Rose, zu zeigen, wirkt dann aber nicht trivial floral, sondern sehr glatt, sehr gekonnt und sehr eingängig; zum Lango mit 1a-Salzeinsatz von Stefan Beiter sind meiner Meinung nach Heymann-Löwenstein mit seinem Schieferstinker, Kühling-Gillot wegen seines enormes Durchzugsvermögens und Charlot als Komplexitätszusatz am besten gewesen.

Pommery Louise 1999,

gehört zu den Champagnern, die ich im letzten Jahr sicher mit am häufigsten getrunken habe. Das liegt daran, dass diese Cuvée so unverbrüchlich lang, fein, biscuithaft und konstant ist, wenn ich das richtig wahrnehme sich zudem auch noch verfeinert hat und auf diesem Niveau gerne noch ein paar Jahre verweilen darf.

Diebolt-Vallois Vintage 1999,

schien mir zuerst mit einem großen Fragezeichen versehen und weit davon entfernt, die beste Wahl zu sein. Nach der Louise hatte ich die Befürchtung, dass der normale Vintage es vielleicht nicht schaffen könnte oder dass ein Blanc de Blancs doch der geeignetere Champagner gewesen sein könnte. Aber sachte – auf Meister Diebolt ist Verlass und sein Jahrgang war nur kräftiger, nicht rustikaler als die Louise. Zum Steinbutt mit Kalbslunge, Kalbsherz, Sardellenkapernpesto, fritierter Steinbutthaut, passte die Louise weil sie eine Art Allzuständigkeit hat, wie sie den großen Prestigecuvée nunmal eignet. Aus dem genetischen Material hunderter Crus können diese Champagner quasi auf jede Speise eine passende Antwort geben. Anders ist das bei den kleineren Winzern, die müssen vom Kombinatuer passgenau in Stellung gebracht werden, was bei diesem schwierigen Gang hervorragend glückte. Der Steinbutt holte wirklich alles aus dem Diebolt raus und die verschiedenen Innereien wirkten zusammen mit der fritiertern Steinbutthaut als zusätzlicher Ansporn, wobei vor allem der Apfel eine klasse Vorstellung abgab.

Elio Altare Arborina 1998,

war erst verspielt wie ein Kätzchen und hatte auch eine unkomplizierte Eingängigkeit, die an Miracolispaghetti erinnert, ein absoluter Selbstläufer eben. Das änderte sich mit der Zeit und aus dem verspielten Kätzchen wurde ein eleganter, donnahafter Wein.

Marques de Murrieta Castillo Ygay Gran Reserva Especial Cosecha 1998,

war die ganze zeit zurückhaltend, ohne besonders vornehm dabei zu wirken, sondern eher verengt und konzentriert; war nicht sein Tag oder er braucht viel Luft.

Château La Nerthe Châteauneuf-du-Pape 1993,

bestach mit einem gewissen Bordeauxparfum, war aber nicht gerade das was man ein powerhouse nennen würde, im Endeffekt beschränkte sich der Wein auf eine brombeerige Wirkung.

Champagne Paul Bara Rosé 2008,

wollte in den ersten Augenblicken nach dem einschenken kaum mehr offenbaren, als eine medizinale Herbe, besann sich dann aber anders und offerierte sein ganzes ultrafeingestricktes Innenleben, das ihn als erstklassigen Champagner auswies, mit nur wenig und sehr gekonnt eingesetzter Haselnuss.

Champagne Maurice Grumier Rosé Les Rosiers,

war danach viel dunkler, so dass eine Kombination mit dem grongnet zumindest optisch nahegelegen hätte. Diese Entscheidung wäre aber grundfalsch gewesen, denn die Champagner sind grundverschieden. Der von Maurice Grumier ist einer, der sogar mit frischem Liebstöckel aufwarten kann, ohne gleich alt und kaputt zu wirken, im Mund ist er kompromisslos trocken, hat ein wenig Cassis und ein geradezu fränkisches Gemüt, was die Lakonik angeht, mit der er so entzückend wie kommentarlos trocken ist. Perlhuhn mit gebackenem Kalbskopf und Albatrueffel ist dazu natürlich nur eine von vielen denkbaren Kombinationen und eigentlich ein Leichtes, ja zu leichtes Spiel. Aber vergessen wir nicht, dass der Champagner nicht alleine stand, sondern noch weitere Mitspieler sich abzuarbeiten hatten. Das gelang dem Altare sehr gut, bei dem man so etwas wie heimatliche Verbundenheit aufkommen sah, der Marques wirkte weiterhin beleidigt und der La Nerthe überfordert. Paul Bara hingegen schlug sich schnell in das Lager von Maurice Grumier und spielte den ganzen Charme seiner milden haselnussigkeit gegen den Trüffel aus, woraufhin beide gewannen. Zum Huhn wie zum Kalbskopf bedarf eigentlich keiner Erwähnung, dass beide Champagner brillierten.

Pirat, Pichon-Comtesse 1986,

das war der eindeutig maskulinere Wein und ich habe in Richtung Pichon-Baron getippt, was soo verkehrt ja nun auch wieder nicht ist.

Pirat, Pichon Comtesse 1989,

klassische Schönheit, wollüstig ausgeprägt. Ein köstlicher Wein, der noch lange Spass machen wird.

Zur Sättigung gab es gebratenes Lamm mit Quinoa und Chorizo, in Thymiankruste und mit Auberginenpuree.

Solaia 1995,

lief dazu gut rein, war easydrinking von der bequemsten Art, das einzig komplexe an diesem Wein war eine gewisse Moncherienote, die aber nicht alkoholisch wirkte und eben Resultat eines sehr gute Weintechnik ist, die es zudem noch schafft, die Fleischigkeit von Schaschlikspiessen und rote Grillpaprika aromatisch zu verbauen. Nobrainer zum Lamm.

Ridge Zinfandel 1995,

hatte eine Nase voll flüchtiger Säure, wirkte auf mich etwas barock durch seine Wucht, den vielen Alkohol und die sofortige, drängende körperliche Präsenz. Zum Glück nimmt sich der Wein mit Luft zurück, bleibt aber fett; für mich ist das ein authentischer, klarer Stoff, dessen Tannin spät aber prononciert durchdrückt und alles in allem ist der Wein der ideale Ersatz für ein eigenes Selbstbewusstsein, da er selbst so viel davon hat. Zum Lamm eine sehr gute Wahl für starke Esser.

G.D. Vajra Kyè Freisa 2010,

zurückhaltend, im Gegensatz zum Ygay aber gentlemanlike, leider zum Essen etwas profilarm, beim Fleisch wirkt die Nase spritig, je mehr Luft und Temperatur er bekommt, desto schokoladiger wird der Wein, wobei die Schokolade hier kakaoig und gesund ist, nicht ausgezehrt, milchschokoladig wie bei toten Altweinen.

Seghesio Sonoma Zinfandel 2011,

der Wein war nix. Er roch wie eine Dornfelderneuzuechtung riechen könnte, samtig, blumig, sehr weich bis matschig und so schmeckte er auch, straffte sich mit Luft etwas, blieb aber wenig bemerkenswert.

Champagne Paul Bara Rosé Special Club 2008,

war zum Lamm und vor allem zur Jus perfekt, für mich vielleicht sogar die Kombination des Abends.

Margaux 1994,

stellte sich etwas verrückt an, erst mit schwarzem Tee, Graphit und Gemüse, dann wild rotierend und zum Schluss überlegen, könnerhaft und dank einer sehr stabilen Struktur ragend. Bordeauxfexe sollten da mal genauer hingucken, einige werden sich sicher wundern und freuen.

Château d'Yquem 1986,

war schön und gut, aber ist überhaupt nicht meine Art von Wein. In der Nase schlug mir erst ein unschöner Schwimmbadgeruch entgegen, danach Privatjet mit Rosenholzausstattung und crèmfarbenem Leder, also eigentlich alles, was ich aus Gründen des Klassenkampfes ablehnen müsste, wenn ich mich denn für Kommunismusfolklore interessieren würde. Tu ich aber nicht; mir war der Wein trotzdem zu viel, ein bisschen, als würde man ein kleines Kind in einem Hussel-Laden einsperren und es sich dort überfressen lassen. Dass man nach einem Gläschen davon nicht platzt, ist eigentlich ein Wunder und liegt sicher auch daran, dass der Yquem unter allen mir bekannten Sauternes doch immer noch derjenige ist, dem man seine Dichte schier nicht abkaufen will, so schmetterlingshaft leicht gibt er sich. Da bleibe ich, bei aller Achtung vor dem Kunststück, die gewaltsame Vielzahl an kandierten Fruchtaromen, feinstem Gewürz und Gebäckzutaten in einen Wein zu bringen, ohne dass er zu einem Stück festen Nougats gerinnt, am Ende aber doch lieber an der Mosel.

Ferreira Vintage Port 1982,

wirkte auf mich erst gar nicht wie Port, altersmäßig hätte ich ihn sowieso nicht auf 1982 geschätzt; wobei ich im schätzen ohnehin nicht besonders gut bin. Die Aromatik irritierte etwas, ich gebe auch zu, den Wein gar nicht für Port gehalten zu haben, sondern irgendetwas ganz anderes, aber was soll's. Es war eben Port und einer, der mir zum Zitronenschaum mit Kreuzkümnel Rote Bete, Zitronenmarshmallow, Schokopraline, Bananensorbet, ja sogar zum Whiskyschaum, zu Nougat, gelierter Schokolade mit weißem Trüffel und Cassiswürfel sehr gut gefiel. 

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