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Tag Archives: biodynamisch

Bio-Champagner verkostet – Teil I

 

I. Ardinat-Faust

1. Cuvée Brut

Ist ein supersüffiger Champagner zum weggluckern. Völlig anders als die meist sehr strengen, dosagelosen Bio-Avantgarde-Champagne. Moderner, trotzdem barock anmutender Trinkspass im altmodischen Gewand, das nicht jedermanns Sache ist. Gefiel mir sehr gut.

 

2. Blanc de Blancs Millésime 2004

Den süffigen Hausstil konnte man gut wiedererkennen, wegen der Konzentration auf den Chardonnay stand bei diesem Champagner die Säure stärker im Vordergrund. Flüssige Bonbonfüllung, Nimm2-Aromatik, schon mit ersten Reifeanklängen, mit intensiver werdenden rotfruchtigen Aromen.

 

II. André Beaufort/Jacques Beaufort

Das Haus ist seit Anfang der 90er Jahre in Ambonnay Grand Cru und an der Aube, in Polisy, vertreten. Die Keller sind getrennt, vermarktet wird zusammen. Die Grundweine werden im Stahltank vergoren und im Holzfass ausgebaut.

 

Grundweine:

1. Grand Cru 2009

80 PN, 20CH – das ist der Basismix des Hauses. Entwickelte Nase mit Zuckerwatteduft, am Gaumen pektinige Trockenheit.

 

2. Blanc de Blancs 2009 aus Polisy

In der Nase mineralisch und stahlig, am Gaumen zuvorkommend, ja servil. Angenehme, säurearme Frucht.

 

3. Blanc de Noirs 2009

Stahliger, etwas einfacher Pinot.

 

Champagner:

1. Grand Cru Mill. 2005

Mit 9 g/l dosiert, dégorgiert im November 2009. Hier kommen Dosage, Reifegrad und Konzentration zusammen und lassen den Champagner aus meiner Sicht doch sehr süß wirken. Andeutung von Laugengebäck in der Nase. Im Gegensatz zum Ardinat ist mir das aber zu anstrengend süss, etwas mehr Säure hätte dem Champagner sehr gut getan.

 

2. Mill. 2005 aus Polisy

Brausepulveraromatik und Ki-Ba zeichnen den sehr ansprechenden, auch eher süßen und offensichtlich noch ganz jungen Champagner aus. Bei dem sehe ich aber wegen seiner offensiveren Art mittelfristig mehr Potential, als beim Grand Cru, der wiederum langfristig die Nase vorn haben mag.

 

3. Grand Cru Mill. 2000

Auch im Nov. 2009 dégorgiert. Wieder etwas Laugengebäck, wieder recht süß und sehr deutlich mit dem 2005er Grand Cru verwandt, aber hier zeigt sich, wie diese Champagner sich mit der Zeit entwickeln. Sie werden nämlich zu schläfrig-süßen, einlullenden Boudoirchampagnern, die man nicht mögen muss, die aber einen ganz eigenen, morbid-erotischen Charme haben.

 

III. Françoise Bedel

Die Großmeisterin hatte einige ihrer überzeugendsten Grundweine ausgewählt, die zwar nicht zu ihren Cuvées passten, aber dennoch viel über ihre Arbeit verrieten.

 

Grundweine:

1. 100% Pinot Meunier aus dem Stahltank

Mandeln und Aprikosenkerne, niveacrèmig, mit einer Mischung aus Litschi und Pitahaya, sehr wenig Säure, wieder mal ein überrschandes und beeindruckendes Zeugnis von der Wandlungsfähigkeit dieser oft als einfältig abgetanen Traube.

 

2. 100% Pinot-Noir

Kirsche, dunkler Traubensaft, schärfende Acerola, leicht tanninig, ein Grundwein mit viel Rückgrat

 

3. 100% Pinot Meunier aus dem Holzfass

Das Holzfass entpuppt sich als gnadenloser Turbolader für den Pinot Meunier. Die Mandeln bleiben, aus den Aprikosenkernen wird ein hochkonzentriertes Marillenkernöl, die wenige verbleibende Säure ist rotzfrech und gibt dem Wein nochmals Schwung

 

Champagner:

1. Dis, Vin Secret, 2003, non dosé

86 OM 8 PN 6CH. Apfelmetamorphosen. Vornerum noch jung, knackig und grün, hintenrum der reinste Bratapfel mit Rumrosinennote und einer Aromatik, die entfernt an sehr guten Eierlikör erinnert.

 

2. Entre Ciel et Terre 2002

100PM. Weizenmehlnase. Dann ein geradezu klassisches Champagnerpanorama mit einer sehr langen, ausdauernden Säure und viel Lust an der Entwicklung mit Luft. Die sauberen, frischgewaschenen, an exzellente Duftseife erinnernden Aromen überwiegen. Mein Favorit aus dieser Kollektion.

 

3. Origin'elle 2004

78PM 9PN 13CH. Die lustigen Cuvéeeckdaten resultieren aus der mit aller Ernsthaftigkeit und Strenge vorgenommenen blinden Zusammenstellung der Cuvée. Die Assemblage ist also nicht festgelegt, sondern variiert von Jahr zu Jahr. Bei diesem säurearmen Champagner führte das zu einem Dufteindruck von runzlig gewordenem Cox Orange, am Gaumen war er mürbe, mehlig und mir etwas zu fad.

 

IV. Vincent Bliard

Bliard, der in Hautvillers zu Hause ist, hat keine festgelegte Malo-Politik, sondern überlässt die Entscheidung der Natur, was ich vollkommen richtig finde. Seine Grundweine baut er in Fässern mit 205 – 4600 l Fassungsvermögen aus.

 

1. Brut Prestige

50PM 30PN 20CH. 2006er Basis mit Reserve aus 2005 und 2004, dosiert mit 8 g/l, dég. Ende Februar 2010. Ein Champagner, der mich schon bei früheren Gelegenheiten angesprochen hat. Sofort sehr präsent und bis in die entlegensten Fasern erfrischend. So fühlen sich Blumen, wenn sie gegossen werden.

 

2. Rosé

2006er Basis, mit 8 g/l dosiert, Cuvée, wie der Prestige. Aus Assemblage entstanden, dazu verwendet Bliard Pinot Noir von 56 Jahre alten Reben, den er kalt mazeriert, um möglichst viel Frucht und Leichtigkeit zu erhalten. Das sollte er vielleicht mal überdenken, denn gegenüber dem Prestige wirkt der Champagner gedämpft und unnötig gezügelt. Könnte mehr bieten.

 

3. Grande Réserve Héritage

1997er, in alten Fässern ausgebaut, mit 6 g/l dosiert und erst im Februar 2010 dégorgiert. Voll, weinig, griffig und lang. Dabei trotz des sehr späten Dégrogements keine überbordende Jugendlichkeit und paradoxe Frische, sondern – vielleicht jahrgangsbedingt – schon jetzt eine reife, auf den Punkt gebrachte Art von Champagner, die sich nicht mehr lange halten wird. Sollte innerhalb der nächsten zwei bis drei Jahre getrinken werden, meint Bliard. Ich würde ihm ein kleines bisschen mehr geben, aber wir waren uns einig, dass die Champagnerbestandteile ab jetzt langsam auseinanderdriften werden.

 

V. Thierry de Marne, Champagne Frison Demarne

Dieses Haus existiert noch gar nicht. Das heisst, es existiert natürlich schon seit 2007, aber die ersten Champagner kamen im Juli 2009 in die Flasche, dürfen also frühestens ab November 2010 vermarktet werden. Ausgebaut wird im Barrique. Einen Grundwein habe ich probiert, ein Pinot Noir aus 2009. Der hatte eine leichte Lakritznase, war auch sonst kein Schwergewicht, hatte dementsprechend eine mittlere Säure und kam mir ganz geschmeidig, aber nicht bedeutend vor.

 

1. Chardonnay/Pinot-Noir non dosé, 2007er Ernte

Dégorgiert im Dezember 2009, wurde dieser Champagner inmitten seiner Entwicklung wachgerüttelt. Er gab sich kämpferisch, etwas aufgekratzt aber ich werte das als gutes Zeichen. Im Auge behalten!

 

2. Chardonnay non dosé, 2007er Ernte

Auch zu jung, auch mit Potential. Merklich war hier nur eine sehr vielversprechende Aromatik von rotem Johannisbeersaft – ein Fall für die Merkliste.

 

VI. Jean-Pierre Fleury, Champagne Fleury

Vom Biodynamiepionier habe ich nur den "Doux" getrunken, ein 1995er mit 52 g/l Dosagezucker. Diesmal gefiel er mir nicht so gut wie sein Vorgänger, der eine spritzigere Säure hatte. Trotzdem merkt man von den 52 g nicht so viel, wie man meinen könnte.

 

VII. Bertrand Gautherot, Champagne Vouette & Sorbée

Alle Champagner dieses shooting stars haben etwas Holz gesehen. Die Champagner stammen von einer Domaine auf der Domaine, wenn man so will, die beiden namengebenden Weinberge gehören Monsieur Gautherot, der die Kinder dort spielen lässt. Die machen das mit Hingabe, die Champagner sind alle extra brut oder non dosé, durchlaufen den BSA und zu meiner Freude geben die Kinder auch das Dégorgierdatum ihrer Champagner an.

 

Grundweine:

1. Fidèle 2009

100PN. Kirsche und Nuss, poliertes Edelholz, sauber, fruchtig, schlank, ein agiler, Fidelität ausstrahelnder Grundwein.

 

2. Blanc d'Argile 2009

100CH. Die milde, dünne Nase täuscht: im Mund geht die Dose mit den gelben Früchten auf, und gleichzeitig täuscht die einladende, sofort trinkbare Art dieses Chardonnays über die zugrundeliegende, tragende Säure hinweg.

 

3. Saignée de Sorbée 2009

100PN. Das könnte auch ein leichter Spätburgunder vom Mittelrhein sein. Zart, mit ein paar Rosenblättern und hemmungsloser, aber nicht aufdringlicher Säure.

 

Champagner:

1. Fidèle

Faktisch ein 2007er. Dégorgiert am 14. Dezember 2009. Die quietschvergnügte Fidelität hat sich hier sehr zum Vorteil des Champagners in eine längere, dabei auch rassigere Schönheit umgewandelt. Von der Pippi Langstrumpf zur jungen Nicole Kidman.

 

2. Blanc d'Argile

Faktisch wieder 2007er. Am 9. Dezember 2009 dégorgiert. Deshalb noch viel Ki-Ba und merkliches Holz. Schmeckte mir schon sehr gut, braucht aber noch viel Zeit, um wirklich auf die Probe gestellt werden zu können.

 

3. Saignée de Sorbée

Ein 2006er. Dégorgiert am 12. Januar 2010. Ein noch sehr unausgewogener Champagner, der in der Gaumenmitte plötzlich einen Buckel macht. Dabei kommt starkes Eau de Vie de Quetsch zum Vorschein, was mich denken lässt: hier handelt es sich um eine noch nicht ganz integrierte Versanddosage. Also später nochmal reinchecken.

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Besuch bei Tarlant

Tarlant

 

Ein kurzer Besuch bei Benoit Tarlant war wieder mal jede Minute wert. Die erst vor wenigen Jahren angeschaffte Coquard-Presse mit 6000 kg Fassungsvermögen versieht nach wie vor in nur 1,5 Minuten ihren Dienst, was gegenüber der alten Pneumatikpresse mit ihren 15 Minuten eine wesentlich Verbesserung darstellt. Nicht nur die Pressdurchgänge sind viel einfacher und sauberer, auch die Vinifikation nach Einzellagen ist einfacher, denn die Presse muss im Gegensatz zum Vorgängermodell nicht proppenvoll sein. So lassen sich auch kleine Teilstücke gesondert vinifizieren und müssen nicht in Cuvées verschwinden. Für einen experimentierlustigen Winzer ist das natürlich prima.

 

Grundweine 2009

 

I. Pinot Meunier, 1. und 2. Pressung des ersten Pressgangs aus der Lage Haut de Four Chaux, Tankgärung

Nicht nur in der Pfalz gibt es Kalköfen, auch in der Champagne heissen die Lagen manchmal so. Dieser Meunier war noch ziemlich frisch, hefig-bananig, mit einer milden Säure. Zu leicht für einen eigenständigen Champagner, aber ein guter Cuvée-Partner für den Brut Zéro, sicher auch als Reservewein noch zu gebrauchen.

 

II. Selbe Lage, nächste Pressung, wieder Tankgärung

Rundlicher, mit einer abgeflachten Säure, da war fast gar kein Profil mehr übrig.

 

III. Pinot Meunier aus der Lage Echaudé, Tankgärung

Ein schlanker, spritziger Meunier mit wenig Frucht und mittelmäßiger Säure. Strukturiert – ja, haltgebend – nein.

 

IV. Aus einer Reihe von Chardonnays, die biodynamisch behandelt werden, gab es einen Grundwein, der am Stock noch unter Mehltau gelitten hatte; Tankausbau.

Sofort macht sich Apfel bemerkbar, der Grundwein ist gegenüber den Meuniers körperreicher, voluminöser, aber nicht sehr säurestark.

 

V. Pinot Meunier von 35 Jahre alten Reben, Fassausbau

Diese Reben stehen zusammen mit ein paar Pinot-Noirs von der Mitte des Bergs bis nach oben hin, zwischen Boursault und Oeuilly, dort wo der Kalk mit Tonerde durchsetzt ist. Das zehn Jahre alte Fass gab dem Wein eine sehr milde Holznote, die bei einem pH-Wert von 2,95 und ca. 8 g/l Säure beileibe nicht im Vordergrund stand.

 

VI. Pinot Meunier von 60 Jahre alten Reben, Fassausbau

Dieser noch leicht prickelnde Kandidat gab die besten Empfehlungen für eine Verwendung als Vigne d'Or ab. Konzentrierte, herbe, an Grapefruit und Pomelo erinnernde Frucht ruhte auf einem beeindruckend festen Säuregerüst.

 

VII. Pinot-Noir vom Mont de Martin

Diesen Wein aus Celles-lès-Condé hätte man so wie er war schon glatt als einen kernigen, unverspielten, gut gelungenen Blanc de Noirs verkaufen können.

 

VIII. Pinot-Noir aus der Lage Les Haules in Oeuilly

Das hier waren die Freunde von Nr. V., im Gegensatz zu den Meuniers war dieser Pinot im Dezember in der Gärung stecken geblieben und machte danach nur sehr langsam weiter. Deutlich daher ein Zuckerschwänzchen, das dem sonst im herbfruchtigen Saft stehenden Wein regelrecht Esprit verleiht.

 

IX. Biodynamischer Chardonnay aus der Lage Fargots, wieder an der Aisne, in Celles-lès-Condé, wo etwas mehr Kalk im Boden ist. Die vier unterschiedlichen Fässer enthalten denselben Chardonnay, der einzige Unterschied besteht darin, dass der Rhythmus in dem die Bâtonnage stattfindet, ein jeweils anderer ist.

 

1. Fleur

Dieser Chardonnay hatte eine fruchtige, aber vor allem buttrige Art.

 

2. Racine

Schlanker, feiner, eleganter und mit etwas mehr Säure ausgestattet, als der im Fleur-Rhythmus gerührte Chardonnay.

 

3. Noeud

Der dickste, prallste, weinigste, an Kirschen, Kalk und Meursault erinnernde Wein aus der Serie.

 

4. Fruit

Hier zeigte sich am meisten kräuteriges Naturell, im Mund eine einengende, adstringierende Säure.

 

Insgesamt eine interessante Erfahrung, welchen Einfluss der Rührrhythmus auf die Weinentwicklung hat.

 

X. Chardonnay non-greffée

Körper, Extrakt und die Präsenz eines Dritten strahlte dieser Wein aus. Der Butteranteil überwog den der Säure deutlich.

 

XI. BAM – 20% Pinot Blanc, 10% Arbane, 70% Petit Meslier

Hinter diesem kleinen Stinker verbarg sich ein Mix aus drei der in Vergessenheit geratenen Rebsorten der Champagne. Zwar macht gerade Peter Liem Furore mit kryptischen Andeutungen über einen rot und still vinifizierten Gamay mit nur 9% vol. alc., der aus Montgueux stammen soll und von einem Toperzeuger für den privaten Bedarf gemacht wurde, aber von mengenmäßig herausgehobener Bedeutung sind diese Rebsorten für die Champagne alle nicht. Trotzdem ist es interessant, einen BAM, Six Cepages, Quatuor und wie die Rebellenchampagner sonst so heissen, im Glas zu haben. Dieser zeigte eine vegetabile, ins Kräuterige hinüberspielende Aromatik mit präsenter, aber oberflächlicher Säure.

 

XII. BAM Reserve aus 08 und 07

Ganz anders wiederum der Mix aus 2008 und 2007. Bis zum 25. Dezember hatte der noch satte 20 g/l Restzucker und ließ sich viel Zeit bei der Gärung, bei einem pH-Wert von 2,8 überrascht aber gleichzeitig nicht, dass er sich gerade mit einer extrem scharfen Säure zeigt, die sich erst noch abmildern muss. Hinzu kommt eine Ahnung von Butter, die den Wein wie einen Weissburgunder aus der Pfalz – nicht von der übelsten Sorte, ich denke da z.B. an die Weissburgunder aus der Ruhr-Edition von Buhl  – wirken lässt.

 

XIII. Pinot Meunier, rot vinifiziert

Abschließend gab es eine rot und still vinifizierten Meunier, den Benoit am letzten Tag der Ernte gelesen hat. Der wirkte frisch aus dem Fass total reduktiv, stank nach Räucherkerzen und Paraffin. Im Mund entwickelten sich mit großer Geschwindigkeit und viel Tannin im Schlepptau rote Beeren, der Wein wirkte paradox, reif, aber nicht mit UTA, gesund und gleichzeitig noch völlig unfertig. Benoit hat noch keine Ahnung, was er mal draus machen wird, der Wein selbst weiß es wahrscheinlich noch viel weniger. Er könnte mal ein schöner, angenehm trinkbarer, vielleicht sogar ganz anspruchsvoller Coteaux Champenois werden. Auch als Rotweinzugabe für den Rosé könnte er sich eignen – dann aber nicht für irgendeinen, sondern vielleicht für eine Cuvée Louis Rosé. Und schließlich könnte ihm auch das Schicksal der Destillation bevorstehen. Ich hoffe, dass mal was anständiges aus ihm wird.

 

Die Champagner:

 

I. Brut Zéro Blanc

50% 2005, Rest aus 2004, 2003, 2002. Schlank, pur, aber auch schon reif und gar nicht gezehrt. Beim Zéro zeigt sich doch immer wieder, ob der Winzer mit seinem Wein umzugehen versteht, oder nicht. Benoit jedenfalls weiss, was er da macht.

 

II. Brut Zéro Rosé

80% 2004er, überwiegend Chardonnay, kleiner Anteil Pinot-Noir. Dieser Rosé ist durch Assemblage entstanden. Der Grund dafür ist ganz einfach: Rosé, der ganz ohne Zucker auskommen soll, muss Tannin und Säure unter einen Hut bringen. Ohne ein vermittelndes Element kann das sehr schwer werden. Bei den 2004ern, die Benoit hier verwendet hat, war stets zu viel Tannin in den Trauben, so dass die Säure dazu ziemlich schräg wirkte. Deshalb entschied er sich für die Assemblage mit einem gemäßigteren Rotwein. Eine Traumhochzeit sind Tannin und Säure noch nicht eingegangen, im Gegensatz zu früheren Rosé Zéros wirkt dieser hier weiniger, der Rotwein schlägt stärker durch und er ist nicht so verspielt, explosiv fruchtig und unbeschwert wie sonst.

 

III. Millésime 1998 Extra Brut, dég. Nov. 2009

60CH, 40PN. Reif und frisch in einem – ob das an den nur 4 g/l Dosagezucker liegt? Man hat den Eindruck eines runden, ausgewogenen, in sich ruhenden Weins, der auf Anforderung brachiale Kraft abrufen kann. Der Steven Segal unter den Champagnern. Für mich ein spannender Essenbegleiter und ein Kandidat für das Champagnerleistungszentrum.

 

IV. Millésime 1996 Extra Brut, dég. Mai 2009

Hier noch mehr unverhohlene Kraft und ungebändigte Power. Wer vor einigen Jahren vom 96er Winston Churchill geblendet war, kann denselben Eindruck hier noch einmal nachvollziehen, mit einem etwas gestählteren Körper allerdings. Honig, Brot, Eukalyptus-Menthol bis zu Minztoffee-Bonbons, Schafgarbe, Weißdorn und eine beeindruckende Länge zeichnen diesen Wein aus, dem jedes Jahr zusätzlicher Flaschenreife gegenüber dem ersten Dégorgement sehr gut getan hat.

 

V. Vigne d'Or, dég. Juli 2004

1999er Basis. Der Champagner wirkt gemütlich, reif und rund, dabei nicht unverschmitzt. Wenn der 98er Vintage Steven Segal ist, dann ist der Vigne d'Or der Meister Eder aus Benoits Kollektion. Ein etwas vergranteltes, aber herzliches Goldstück.

 

 

VI. Cuvée Louis

1998er Basis (80%), Reserve 97er und 96er. Das ist der Spitzenwein der an Charakterstärke und Individualität nicht armen Kollektion des Hauses. Mir hat er etwas zu viel Holz, aber Freunde dieses Aromas werden genau das loben und zu preisen wissen. Und in der Tat ist hier nicht herumgeholzt worden, sondern der Ausbau erfolgte ganz ohne unangebrachten Eifer oder Knalleffekt. Die apfeligen Aromen werden nicht zu einer Art Analogcalvados in einer Ecke zusammengedrängt und weder Säure, noch Alkohol wirken vermatscht. Ich habe andere Favoriten in der Kollektion, empfehle dennoch die Cuvée Louis dem sensiblen Holzfreund.

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Vermischte Champagnernotizen

A. Vilmart, Premier Cru Rilly-la-Montagne, Grand Cellier d'Or 2002

80CH, 20PN, 8-9 g/l dosiert, 10-monatiger Fassausbau, kein BSA. Der Maître weiss nicht nur, wie man Kirchenfenster kunst- und eindrucksvoll anmalt, sondern er kann auch ebensolchen Champagner machen. Die Nase ist schon ein Vergnügen, Aprikose, Marille, Walnuss und immer ein paar eingesprenkelte Zitrusfruchtakzente duften wie eine altwienerische Konditorei, im Mund kommt der Eindruck von Kokosnuss, natürlich auch wieder von saftig reifen Zitrusfrüchten, Bratapfel, Calvados und Mandelgebäck hinzu. Für einen 2002er schon ein ziemlich wuchtiges Geschoss, aber eins mit enormer Präzision. Tip: kaufen und lagern.

B. Jean Baillette-Prudhomme, Premier Cru Trois Puits, Vieille Cuvée

80 PN, 10CH, 10PM. Marie-France, die Witwe von Jean Baillette und ihre Töchter Laureen und Justine tragen die Firmenphilosophie weiter. Deren wichtigster Inhalt ist, mit einem hohen Anteil an Reserveweinen zu arbeiten, meist um die 50%. Das führt unweigerlich zu Champagnern mit stark entwickelten Aromen und der Gefahr allzuvieler Oxidationsnoten. In dieser Cuvée ist aber nichts schiefgelaufen, sondern alles ist an seinem Platz. Da nervt kein überreifer, raumgreifender Apfel, da ist noch genug Frische und jugendliche Säure, neben leicht grasigen und an Trockenkräuter erinnernden Noten finden sich getrocknete Aprikosen, Sternanis und eine Mineralität wie von gemahlenen Steinchen.

C. Marquis de Marmontel, Blanc de Noirs

Eine seltene oder untypische Art von Champagner musste ich da blind konstatieren. Das war mir nachher gar nicht recht, war doch die Flasche auf Empfehlung hin gekauft. Aber egal, nun musste dieser im Vergleich mit dem Goria Ferrer wasserhelle Blanc de Noirs eingeschätzt werden. Die Perlage war nur bemerkenswert hinsichtlich ihrer untypisch tumb-groben Bläschen. Zum Glück gebe ich auf Äußerlichkeiten und speziell die Bläschen nicht sehr viel, ein gutes Zeichen war es trotzdem nicht. In der Nase schwer einzuordnen, die weinige, auch etwas mehlige Art sprach für Pinot Noir, wobei ich auf einen Anteil im 80%-Bereich getippt habe. Im Mund nun auch nicht gerade everybody's darling, sondern ein etwas verstockter junger Adliger. Mittlerer Druck am Gaumen und ein immerhin sehr ordentlicher, mittellanger Säureteppich ohne Bruchkante am Schluss. Mit Luft und Zeit zog sich der ganze Champagner am Ende noch gerade, aber das Zeug zum Publikumsliebling hat er nicht.

D. Doquet-Jeanmaire, Coeur de Terroir 1996, dég. 6. Okt. 2008

60 CH, 40 PN Das Haus ging 2004 an Laurent-Perrier; der Junior Pascal Doquet führt einen Teil des Betriebs unter seinem in der Biowinzerszene schon jetzt ganz klangvollen Namen weiter. Im Glas also ein Champagner, dessen Grundweine seine Eltern im Jahr 1996 gelesen hatten, dessen Cuvée 1997 in die Flasche kam und nach einer luxuriösen Lagerzeit von elf Jahren dégorgiert wurde. Farblich noch sehr hell, in der Nase dagegen die eigentümlich reife Art noch nicht so lang dégorgierter älterer Jahrgänge. Diese Spötdégorgements sind ja alle ein wenig paradox angelegt, von der Feinhefe gegen Oxidation geschützt und aromatisch verfeinert, wenn nicht sogar überfeinert, wie ein Messer, dessen Klinge so lange scharf gewetzt wird, bis es mangels Masse schartig wird. Der als Terroirchampagner annoncierte Jahrgangsblubber hatte das angereifte, aber bei weitem noch nicht reife Auftreten einer schwangeren Vierzehnjährigen. Haselnuss, Milchschokolade und Äpfel konnte man erkennen, Säure war in gewissem Umfang da und trug dazu bei, dass der Champagner aromatisch nicht ins Infantile kippte. Mit Luft legte der Champagner merklich zu und füllte die noch vorhandenen Reifelücken gut auf.

E. Gerard Littière, Mill. 2004

Der Name Littière ist in Oeuilly allgegenwärtig, wenngleich in der champagnertrinkenden Öffentlichkeit nicht annähernd so bekannt wie der Name Tarlant. Dieser Jahrgangsvertreter war noch ersichtlich jung und keiner von den phantasievollen, geheimnisumwitterten oder gar magischen Champagnern. Solide gemacht, mit sauberem Lesegut, bisschen mineralisch, bisschen fruchtig, mit einer etwas angelernt wirkenden Eleganz, ohne besonders herausragenden Jahrgangscharakter. Man muss vielleicht dazu noch sagen, dass Jahrgänge wie 2002 und 2004 für die meisten Winzer und großen Häuser Fluch und Segen zugleich sein dürften. Denn diese leichten, ätherischen, elfenhaften Jahre werden in der Hand eines untalentierten, industriell oder nachlässig arbeitenden Kellermeisters schnell zu austauschbarer und gesichtsloser Ware. Nur derjenige, der erstens über erstklassiges Lesegut und zweitens über das notwendige feine Gespür für diese Art von Jahrgang verfügt, wird daraus sagenhaft langlebige, schwerelose Champagner komponieren können.

F. Voirin-Jumel BdB Cuvée 555 élevé en fûts de chêne

Die Cuvée hat ihren Namen nicht etwa vom Fassungsvermögen der für den Ausbau verwendeten Holzfässer; sondern daher, dass Cramant ein ganz kleines Nest mit nicht einmal tausend Feuerstellen ist. Die paar Häuschen wurden einfach fortlaufend durchnumeriert und der Sitz von Voirin-Jumel bekam die Nummer 555. Tochter Alice spricht sehr gut deutsch, was den Besuch vor Ort für viele Altsprachler komfortabler macht – und was Komfort betrifft, gehört Voirin-Jumel zusammen mit Eric Isselée zu den beiden einzigen Anbietern des Örtchens, die ein modernes Apartmenthaus für zehn und mehr Gäste anzubieten haben. Fragen lohnt sich, die Kurse sind human. Der Champagner zeigte sich zurückhaltend, mineralisch, mit spürbarem, aber unaufdringlichem Holz, Apfelaromatik und einigermassen eleganter, langer Säure. Kein Knaller, der auf Verkostungen erstaunte Gesichter hinterlässt, aber ein solider Holzfasslchampagner, der in ambitionierten Restaurants übers amuse gueule hinaus eine gute Figur zum Essen macht.

G. Lemaire-Rasselet Brut

Reif, oxidativ, etwas einfach, aber vollmundig. Der Winzer, der am westlichen Ortsausgang von Boursault in Richtung Oeuilly am Waldesrand wohnt, macht einen von einer flüchtigen Holzandeutung und beachtlichem Reserveweinanteil geprägten Champagner. Dem Dreimädelchampagner von Baillette-Prudhomme insofern nicht unähnlich, aber etwas grober gestrickt.

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Nicolas Joly und die Biodynamie

Der Wein, die Rebe und die biologisch-dynamische Wirtschaftsweise

Nicolas Joly

Verlag Gebrüder Kornmayer, 2. Auflage, Mai 2009

156 Seiten

15,40 €

ISBN: 978-3-938173-46-6

 

Am 19. März 2010 steht die dicke Clos de la Coulée de Serrant-Probe von Uwe Bende an. Nicolas und Virginie Joly stellen ihre Jahrgänge 1977, 1979, 1983, 1986, 1987, 1988, 1989, 1990, 1994, 1995, 1997, 2002, 2003, 2005, 2007, 2008 in der Bochumer Gesellschaft Harmonie von Daniel Birkner vor. Da heißt es, sich vorbereiten. Und das fällt zum Glück nicht schwer, denn Nicolas Joly macht nicht nur Weine, über die man spricht, sondern er spricht auch aus seinen Büchern zum Genießer.

 

Nun kann man von Rudolf Steiner, dem – nicht nur – geistigen Vater der von Joly praktizierten biologisch-dynamischen Wirtschaftsweise halten, was man will; aber was sich nicht ins Lächerliche und Unglaubwürdige ziehen lässt, ist der besondere Charakter der von Nicolas und Virginie Joly erzeugten Loire-Weine. Die Auseinandersetzung mit der Produktionsphilosophie, wie sie von Joly in Buchform gegossen wurde, ist daher vielversprechend. Ans Werk, also!

 

Joly erläutert zunächst die Stellung der Weinrebe in der Landwirtschaft. Dabei wird schon früh deutlich, dass die in seinem Ansatz enthaltene Kritik an der modernen Landwirtschaft immer auch eine Kritik an der heutigen AOC-Praxis in Frankreich ist. Ähnlich wie Victor Hugo seinen Miserables-Helden Jean Valjean unter der Identität des Monsieur Madeleine ein Loblied der Brennessel singen lässt, sieht auch Joly die verborgenen Qualitäten dieser Pflanze. Bei der Brennessel bündele sich die Kraft in der Mitte, weder dringen die Wurzeln nämlich tief ins Erdreich, noch streben ihre äußeren Extremitäten zum Licht. Vielmehr dränge sich alles im mittengelagerten Blatt zusammen. Das wiederum mache die Brennessel zu einem Helfer für äquivalent gelagerte Organe wie in diesem Fall das menschliche Herz und letztlich nehme deshalb auch die Rebe gern Brennesseltee oder -Jauche an. Dieses einführende Beispiel illustriert bereits ganz gut einen Teil der antroposophischen Denkweise. Es verwundert deshalb nicht, wenn Joly auf die Agrochemie einteufelt: die chemische Keule vernichte erst mit dem sogenannten Unkraut, den Schädlingen und Mikroorganismen das Leben im Boden und der dann überhaupt erst notwendige Industriedünger treibe den Teufel mit dem Beelzebub aus, ja noch schlimmer: moderne Pflanzenschutzpräparate setzten sich nicht nur abwaschbar außen auf der Pflanze, sondern in ihrem Saft ab. Eine Entwicklung, die auch von den Vollwertlern wortreich beklagt wird.

 

Der Abschnitt zu den Ortsenergien ist recht knapp gehalten, mündet aber in der programmatischen Aussage, dass der Winzer in der Entbindungsstation Weinkeller die Wahl hat, ob er "wine maker" oder "nature assistant" sein will. Auf den folgenden Seiten gibt sich Joly als Terroirist zu erkennen, wohlwissend, dass der Begriff verwaschen, beinahe anrüchig geworden ist. Nach dem Rundgang durch den Folterkeller der konventionellen Vinifikation geht es pfeilgrad wie in der "Chymischen Hochzeit des Christian Rosenkreutz" in die oberen Etagen der Kraft-, Schwingungs-, Harmonie- und Formenlehre. Dass Joly keine wissenschaftliche Abhandlung, sondern ganz bewusst das genaue Gegenteil davon schreibt, muss einem natürlich klar sein. Da das Werden, Sein und Vergehen des Weins als einer überaus komplexen Chemikalie den vereinigten naturwissenschaftlichen Kräften und Bemühungen bis heute nicht zur Gänze offenliegt, spricht nichts gegen alternative und hier im besten Sinne unkonventionelle Erklärungsversuche. Der einzige Maßstab kann in diesem Fall der Erfolg sein. Und da der Erfolg für Joly spricht, gilt es, seinen Ausführungen aufmerksam zu folgen – auch wenn sie in weiten Teilen schlichtweg unbelegbar sind, was insbesondere wissenschaftsgläubigen Zeitgenossen ein schwer zu entfernender Dorn im Auge sein dürfte, wie Joly freimütig etwa auf S. 105 bekennt.

 

Praktische Ausführungen kommen zum Schluss des Buchs. Joly gibt kurz wieder, was Rudolf Steiner bei den Keyserlings auf Gut Koberwitz anstellte und erklärt die Wirkung der biodynamischen Präparate. Gleichsam augenzwinkernd kommt er dann noch auf das berühmte Kuhhorn und die Dynamisierung zu sprechen, wobei im Ergebnis geht es der Biodynamie darum, den landwirtschaftlichen Betrieb ganzheitlich, als organisches, von Kreisläufen geprägtes und in die Verwebung von Mikro- und Makrokosmos integriertes Wesen zu verstehen, andererseits sind die Methoden, mit denen in der biodynamischen Landwirtschaft Wirkung erzielt werden soll, in der Nähe homöopathischer Ansätze zu Hause.

 

Fazit: So sehr man mit einer Affinität für naturwissenschaftlich geprägtes Denken geneigt ist, die Biodynamie ins Lächerliche zu ziehen und ihre Vertreter verächtlich zu machen, so verkehrt wäre diese Art der Kritik gleichzeitig. Den Konflikt zwischen (dem Nichtvorhandensein von) wissenschaftlichen Erkenntnissen und dem Dafürhalten von Anwendern der Steinermethoden kann Jolys Buch nicht lösen. Überzeugender dürften da schon seine Weine oder die anderer Vertreter der biodynamischen Lehre sein. Joly punktet in seinem Büchlein über den Wein, die Rebe und die biodynamische Wirtschaftsweise vor allem mit seinem leicht wegzulesenden Schreibstil, Abzüge gibt es für das verschwörungstheoretisch anmutende ständige wettern gegen die agrochemische Industrie. Insgesamt ein Buch, das den Einstieg in die Materie erleichtert, aber noch nicht sektiererisch daherkommt.

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