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Tag Archives: Cedric Bouchard

Champagner unter Palmen

Nein, es zog mich nicht in südliche Gefilde, die Aube ist für mich nach wie vor südlich genug gelegen, wärmer brauche ich es nicht. Dennoch habe ich meine bequeme Schlafstätte verlassen und mich auf den Weg nach München gemacht. Denn mit Nicola Neumann vom Nobelweinladen "Noblewine" im Palmengarten des Café Luitpold Champagner zu trinken, lasse ich mir keinesfalls entgehen. Wenn ich dann auch noch meinem von der Umwelt oft als lästig empfundenen Redebedürfnis Genüge tun kann und salbungsvolle Worte an ein staunendes Publikum richten darf, alles im Dienste der guten Sache und der Frohen Champagnerbotschaft, ist quasi schon im Vorfeld alles geritzt. Dasselbe ergab die Nachbetrachtung:   

I. R. Geoffroy Pureté Brut Zero

50PM 50PN

Zuletzt hatte ich die Pureté im Frühjahr 2012 getrunken, als sie noch ungehobelt und splitterig wirkte, etwas schmirgelnden Dosagezucker hätte ich mir da gewünscht; doch Jean-Baptiste wusste es besser und beweist einmal mehr, dass undosierter Champagner von Flaschenreife erheblich profitieren kann. Sämiger Pinot, dessen ungefährliche Säure milden Trinkfluss fördert.

II. Janisson-Baradon Grande Réserve

50CH 50PN, mit 5 g/l dosiert

Fünf Jahre Flaschenlager, 30% Reservewein aus dem Holzfassl, was sich in Form zartröstiger Notem im krossen Briochearoma bemerkbar macht. Sonst ausgewogen, weinig, seriös, eher mittelgewichtig als schwer.

III. Gatinois Grand Cru Brut

90PN 10CH, mit 6 g/l dosiert

Mit eigener Hefe stahltankvergoren. Saftig, dickbackig, rund und süffig. Ob der aus Massenselektion stammende Petit Pinot d'Ay dafür allein verantwortlich ist? Das wird vielleicht auf immer unklar bleiben. Was aber klar ist: der Brut Grand Cru von Gatinois ist ein für Ay archetypischer Champagner, nicht nur wegen seines hohen Anteils nur dort gelesener kleinbeeriger Pinottrauben (deshalb Petit Pinot d'Ay), sondern auch wegen seiner typischen, zwischen robust und elegant changierenden Art, die ein bisschen an Pfälzer Rieslinge der Spitzenklasse erinnert.

IV. Diebolt-Vallois Blanc de Blancs Millesime 2006

Eine Stufe unter dem berühmten Blanc de Blancs Prestige steht bei Jacques Diebolt der Jahrgangschardonnay. Weißer Pfirsich, Birne, Haselnuss, ein paar Toastkrümel. Der Jahrgang wirkt noch etwas zerknittert und unausgeschlafen, über frische Luft freut er sich deshalb sehr. Dann hellt er sich auf und zeigt, welche Pläne er für die Zukunft hegt. Da will er mal ein generöser Essensbegleiter werden, der sich rechtzeitig vor dem Hauptgang diskret zurückzuziehen weiß, um andernorts für pikante Unterhaltung zu sorgen.

V. Marie Courtin Extra Brut Resonance

100PN

Aube-Pinot, so rein, so klar, so unverfälscht. Wirkt wie drei gleichzeitig mit viel Kaffee runtergespülte Koffeintabletten.

VI. Cédric Bouchard Inflorescence Val Vilaine 2009

Einer der eigenwilligsten, vielleicht seltsamsten Champagner(winzer). Der Champagner wirkt zunächst reduktiv bis böckserig, mit Jod und Schwarzpulver, präzisiert sich dann aber in Richtung Austernschale, um sogleich mit Marzipan und Birne zu irritieren, die sich nicht widerstandslos zur Auster gesellen wollen. Erst mit sehr viel Luft bekommt der Wein seine leicht glänzende Speckschicht und ein sanfteres, unaufgerauhtes Äußeres, da wird er so streichelzart wie Mädchenhaut nach einem basischen Bad. Nichts für Anfänger; diesen Champagner muss man sich mit viel Verostungsmühe erarbeiten.

Champagner pêle-mêle in Mainz

In der Vinothek des Mainzer Atrium-Hotels gab es herrlich unaufdringlichen, flotten und präzisen Service zum Champagnermenu. Überaus wohltuend. Item die Teilnehmer der Probe, Wein-, Gastro- und Hotelschaffende, vor allem aber Aficionados allesamt.

I.1 Piper-Heidsieck Brut Croco NV

Ausgeprägtes Profil mit kerniger, obschon nicht geschliffener Säure. Charakterstark, attestierte die Runde. Wurde nicht als Grande Marque erkannt und gefiel auf Anhieb schon ganz gut. Damit war mein wichtigstes Ziel erreicht, nämlich den guten Namen Piper-Heidsieck ganz unvoreingenommen aus der Supermarktplörrenecke herauszuholen und die Kellermeisterkunst von Regis Camus blind auf die Probe zu stellen.

I.2 Gaston Chiquet Grand Cru Blanc de Blancs d'Ay

Litt unter einer quälenden Käsenote. War im Mund zwar leidlich intakt, konnte aber unmöglich genossen werden. Schade.

Auster im Sud mit Wintergemüse, Kresse, Petersilie, Olivenöl

II. Agrapart Avizoise Blanc de Blancs Grand Cru 2004

Zutiefst mineralisch, mit leicht flintiger Note und Zitrone. Passte deshalb so gut zur Auster, spielte schön mit dem Olivenöl, band die Kresse und die Petersilie vorbildlich ein. Konnte sich leider nicht in dem gewünschten Kontrast zum fruchtig-exotischen Blanc de Blancs von Gaston Chiquet zeigen, war aber auch so ein überzeugender performer.

III. Duval-Leroy Authentis Petit-Meslier 2005

Aus einer der extraseltenen Altrebsorten der Champagne fertigt Duval-Leroy alle Jubeljahre einen Champagner in Kleinstauflage. Vom 2005er gibt es nur lachhafte 988 Flaschen und es kostete mich einiges bitten und betteln, bevor ich vom Herrn Lahr, der das Haus Duval-Leroy in Deutschland vertritt, eine Flasche aus dem Reptilienfonds erhielt. Dafür gebührt ihm höchster Dank, schon über den Erhalt der Flasche habe ich mich gefreut wie ein Kind. Nur zu gern hätte ich diesen Champagner in der vorweihnachtlichen Champagnerausgabe von Planet Wissen im WDR vorgestellt, wo ich leider nur eine einzige von insgesamt zehn mitgebrachten Flaschen öffnen durfte – aus Zeitgründen und aus öffentlich-rechtlicher Angst vor Schleichwerbung. Zum Glück musste ich danach nicht lange warten, bis die nächste würdige Gelegenheit zum öffnen dieser schönen Flasche sich bot. In kundiger Runde also verlor dieser Champagner seinen Stopfen und gab einen trockenen, ganz leichten Sherryduft frei, der nicht jedem gefallen wollte. Die tighte Säure, das kühle, beherrschte Auftreten am Gaumen, die etwas strenge Art, der entschiedene Schritt, mit dem der Champagner sich aus dem Scheinwerferlicht der Halbweltetablissements entfernte und sich wie selbstverständlich im Bereich der Weinintelligenzija positionierte; ein Wein wie eine eiskalte KGB-Killerin – auch das gefällt schließlich nicht jedem. Doch kann man sich von dem Wein schwer lösen, egal ob man ihn mag, oder nicht, wenn man ihn nicht sofort aufgrund seiner sherryartigen Töne für fehlerhaft hält.

IV. Collard-Picard Cuvée des Archives 2002

80CH 20PN aus sehr altem Bestand (1940er Jahre) mit lediglich ca. 3000 kg/ha Ertrag. Erste Gärung im Holzfass. Wer sich mit dem Petit Meslier nicht anfreunden konnte, war dafür beim Collard-Picard umso heimischer. Das ist Champagner, bei dem das Herz aufgeht. Kreidegesättigt, aber kein nasser Mehlsack, volles Apfelaroma, Quittenmus, Hagebuttenpurée, Kumqat, maßvolle Säure, schlüpft flott die Kehle hinunter. Ich finde den 2002er ungemein freundlich, das ist nicht der schwerblütige Johnny-Cash-Verschnitt-Einzelgängerwinzerstil, auch nicht eine anonyme Massenplörre die auf indifferente Weise jedem schmeckt und zumindest nicht aneckt, sondern eine offensiv lebensbejahende Cuvée mit Gesicht und Schwung.

V. Duval-Leroy Clos des Bouveries 2005

Chardonnay aus Vertus. Teilweise Fassausbau.

Eine Symphonie aus Lindenblüten, Waldhonig, Apfeltee und getrockneten Cranberries. Seidig, minimal buttrig, knisternd, mit einer Spur Candy, ein Champagner mit Rondeur und Größe. Solo schön, aber ich schätze den Clos des Bouveries als faszinierenden Essenbegleiter sogar noch höher ein. Auch für diese Flasche schulde ich Herrn Lahr tiefsten Dank, da er so freundlich war, mir diese in Deutschland selten erhältliche Flasche zuzuschicken. Bisher sind noch nicht so viele 2005er von den größeren Erzeugern am Markt, doch was die Winzer vorgelegt haben, ist vielfach so dramatisch gut, dass 2005 nach 2004 und 2002 noch ein heißer Kandidat für Großeinkäufe ist.

Zur Stärkung gab es Forelle, Blumenkohl, Frisée, Rote Bete

VI.3 Perrier-Jouet Belle Epoque 1976

Rötlichgolden schimmert dieser Tropfen im Glas und betörte mich derart, dass ich wie benommen über meinem Kelch saß. Ich habe ja nun schon einige reife Belle Epoques getrunken, mich über die neueren Jahrgänge auch schon reichlich geärgert, sei es, weil sie korkig waren, sei es, weil die Qualität nicht stimmte und die Champagner mir konventionell und langweilig vorkamen. Aber diese Belle Epoque entschädigte mich für manches Missvergnügen. Nur wenige Minuten bitzelten noch vereinzelte Kohlensäurebläschen, die im Mund noch einen Moment länger wahrnehmbar blieben, dann war der Champagner still. Was er bis dahin gezeigt hatte, war bereits enorm. Butter, Toffee, Kaffee, morsche Töne, würzige Noten, aber auch ganz viel rotbackiger Apfel, Himbeere, Kirsche, Kompott, karamellisierte Kräutersträusschen; im Mund eine echte Haupt- und Staatsaktion, vornehme, reife Süße, ein Säurespiel so faszinierend und sci-fi wie die Gasentladungen in einer Plasmakugel.

VII.1 Lanson Extra Âge

40CH 60PN, Jahrgänge 2003, 2002 und 1999, Trauben aus den Grand Crus Chouilly, Avize, Oger, Vertus, Verzenay und Bouzy, fünf Jahre Hefelager.

Aus den Tiefen vergangener Großjahre holte der klärende Großhauschampagner von Lanson uns behutsam in die Welt der aktuellen Jahrgänge zurück. Die jüngste Lanson-Cuvée, abgesehen vom Clos Lanson, den ich aber noch nicht probiert habe, ist schon eine ganze Weile am Markt, ich habe mich aber dagegen entschieden, sie unmittelbar nach der Freigabe durch das Haus in größerer Runde zu verkosten, weil junger Champagner in diesem Stadium erfahrungsgemäß noch nicht annähernd so weit entwickelt ist, dass er mehr als unter Laborgesichtspunkten Freude bereitet. Da Laboratmosphäre gerade nicht im Sinne meiner öffentlichen Verkostungen ist, lasse ich solche relativ jungen Cuvées immer erst ein paar Monate liegen. Dem Lanson tat das gut, seine frühere Ungehobeltheit hat er abgelegt, jetzt bietet der dem Gaumen eine weiche, von gesunder, aber nicht kratziger oder drängender Säure getragene helle Aromatik, in der Cashewkerne eine Rolle spielen, aber auch Honig, Honigmelone, Apfel-Birnenmus, ein Spritzer Limette und vielleicht Kapstachelbeere.

VII.2 Nicolas Feuillatte Palmes d'Or 1999

Eine der wichtigsten Fähigkeiten der Palmes d'Or ist ihre außergewöhnliche Gastroaffinität. Ich habe zum Beispiel die Palmes d'Or 1999 in den vergangenen drei Jahren schon stärker und schwächer erlebt, aber am stärksten war dieser Champagner immer, wenn richtig gute Speisen auf dem Tisch standen. Die beiden extremen Aromaausprägungen der 99er PdO sind korbfrische Himbeeren und modrige Pilzigkeit. Beides steht dem Champagner gut, beides war in dieser Probe nicht dominant. Er pendelte sich nach meinem Empfinden in der Mitte ein, zwischen abklingender Frucht und beginnender Vollreife, mit einer solo etwas zu schwer anmutenden Süße, die sich zum Essen wiederum bestens machte.

Calamari, Roggen, Weizen, Graupen, Popcorn und Sepiasauce

VIII. Dom Pérignon Oenothèque 1990, dég. 2003

Mit Reiner Calmund teile ich nicht nur fast die Konfektionsgröße, sondern auch eine wichtige Champagnererfahrung. Der 90er Dom Pérignon ist der erste wirklich große Champagner, den ich getrunken habe. Und ebenso verhält es sich bei dem Preisträger der "Goldenen Schlemmerente 2007". Im Herbst 2009 und im Frühjahr 2010 hatte ich diesen Champagner als Oenothèque zuletzt getrunken. Wie eine Magnesiumkarosserie so fest und leicht zugleich hatte ich ihn in Erinnerung, mit den ersten sich ankündigenden Pilznoten des letzten Reifestadiums. Dass etwas Großes ins Glas kam, merkte man sofort, Nase für Nase öffnete sich mehr Mandeltorrone, zeigten sich die Röstnoten großer, reifer Dom Pérignons, kam eine leichte Flintigkeit hinzu, während Brioche und ein hintergründiger Minzton die Mürbe, Pilze, Jod und flankierendes Salz ausglichen. Famoser Champagner, der jetzt aber nicht mehr jedem Spaß machen wird.

IX.1 2003 by Bollinger

65PN 35CH aus Ay, Verzenay und Cuis. Fassvergoren.

Das Jahr in dem die Dom Oenothèque dégorgiert worden war, sollte das Anknüpfubgsjahr für den nächsten Champagner sein. 2003. Dunkel stand der Ausnahmebolly im Glas, in der Nase selbstbewusst und dick bis feist, im Mund war der dürftigen Säure wegen nun auch dem Letzten klar, dass es sich nur um einen 2003er handeln konnte und wenn schon um einen 2003er, dann nattürrlich um den 2003er. Wenn dem 2003er etwas gerecht wird, dann das Prädikat burgundisch, vielleicht noch mit dem Anhängsel premature oxydation, was aber täuschen mag.

IX.2 Ulysse Collin Blanc de Noirs Extra Brut, dég. 16. März 2010

Mehr ein Rosé Oeuil de Perdrix als das nur leicht angeschmutzte Weiß eines Blanc de Noirs legt der jüngste Champagner vom aufkommenden Starwinzer Olivier Collin bekanntlich an den Tag. in den letzten eineinhalb Jahren seit meinem Besuch auf der Domaine habe ich diesen Champagner mit gleichbleibender Begeisterung getrunken. Dabei war mir von Anfang an klar, dass auch dieser an sich große Champagner eine Achillesferse hat. Wie beim 2003er Bollinger fehlt ihm vitalisierende Säure. Deshalb war klar, dass die beiden als flightpartner auftreten mussten, was letztlich für einige schöne Vergleichsmöglichkeiten gesorgt hat. Klar wurde dabei auch, dass der Blanc de Noirs von Ulysse Collin, so herrlich fett, raumgreifend und monströs fruchtig er sich jetzt trinkt, in den nächsten Jahren entweder mangels Säure erheblich verlieren wird, oder aber ein zweites glorioses Leben als Stillwein abwarten muss.

Skrei, grüne Bohnen, Rosenblüten, Pflaumenduft

zwischendurch gab es Himbeer-Sorbet

X.1. Raumland Monrose 2001

PN CH PM, Holz

Wie nahm der Monrose das Himbeerthema doch so freudig auf! Frappanter habe ich noch nie Himbeere in einem Glas gehabt. Brioche, Blüten und Nüsse, wie sie der Gault-Millau bei der Kür zum besten deutschen Sekt aller Zeiten, bzw. des Jahres 2012 wahrgenommen hat, traten demgegenüber völlig zurück. Dieser Ausnahmesekt durfte nicht nur, sondern musste in den Selosseflight und er musste sich außerdem zum Essen beweisen. Einen gelungeneren Einstand hätte er gar nicht abgeben können. Gegenüber Meister Selosse war er aufrgund seines kürzlich erfolgten Dégorgements der deutlich frischere, jüngere, fruchtigere Wein. Das hat sicher für einige Verkoster den Ausschlag gegeben, ihn dem Selosse vorzuziehen. Zum Kalb passte er wegen seiner rötlichen Noten ebenfalls ganz exquisit, wobei er der naturgemäß der unruhigere Part war.

X.2 Jacques Selosse Rosé, dég. 2006

Der fabelhafte Rosé von Selosse war noch vor ein bis zwei Jahren in seiner Fruchtphase, Richard Geoffroy würde sagen: in seiner ersten plénitude. Die hat er verlassen, um sich rauchiger und mit aufgrauhter Schale zu zeigen, die einen komplexen Fruchtkern umhüllt. Mandel, Grießpudding, oszillierende Frucht, fassgereifter Erdbeerbrand. Von beiden Weinen schien er der bedachtsamere zu sein, als Essensbegleiter war er jedenfalls der anschmiegsamere.

zum letzten flight gab es Niedrigtemperatur-Kalb, Buttermilch, Petersilienwurzel, Lauch

abschließend gab es Mango, Kokos, Bisquit

Als Bonusflaschen gab es dann noch

XI.1 Cedric Bouchard Les Roses de Jeanne Pinot Blanc "La Bolorée", 2006er Basis, dég. 12. April 2010

0,21 ha

Nachdem wir schon das Vergnügen hatten, eine Petit-Meslier getrunken zu haben, gab es noch eine gewisse Nachfrage nach anderen Altrebsortenchampagnern. Unter den wenigen Winzern die sich damit befassen, ist der furoremachende Cedric Bouchard von der Aube ganz weit vorn zu nennen. Dessen Roses de Jeanne bestechen durch ihren höchst speziellen Ausnahmecharakter und sind nur in Kleinstmengen, wenn überhaupt zu bekommen. Meine letzte Flasche passte gut in die Runde. Der Weißburgunder wäre blind kaum als Champagner durchgegangen, oder wenn, dann aus einem heißen Jahr. Ganz klar fehlte da die Säure. Trotzdem war er rund, hatte einen flotten Vorwärtsgang drauf, kam ohne die oft störende Salmiaknote der Weiß- und Grauburgunderschaumweine ins Glas und darf als eines der gelungensten Exemplare unter den Weißburgunderschäumern überhaupt gelten. Ein Fan dieser Rebsorte im Schaumwein bin ich aber selbst durch Cedric Bouchard nicht geworden.

XII.2 Pol-Roger Cuvée Sir Winston Churchill 1996

Deshalb musste, nun mit noch größerem Zuspruch aus der Runde, der mehr als zuverlässige – und in puncto Korkproblematik mir bisher noch nie negativ aufgefallene – Sir Winston Churchill her. Der brachte seine ganze ausgewachsene Admiralswürde ins Glas. Zackige, aber nicht verbissene Säure, dabei Nonchalance und gelassene, selbstbewusste Größe, wie man sie bei einem Admiralsball erwartet. Ausdauernder Tänzer, der gut führt, für den belanglosen Smalltalk nicht so sehr geeignet, das liegt nicht in seinem Naturell. Dafür kann er höchst unterhaltsam die eigene Ahnenreihe zusammenfassen und spielend leicht historische Bezüge herstellen. Wundervoller Gastgeber. Der 1996er SWC ist noch auf Jahre ein Champagner zum schwelgen.

Aube-Intermezzo mit Champagne Drappier

 

Die Champagner von Drappier und ganz besonders die Grande Sendrée galten lange Zeit als die mit Abstand besten Aube-Champagner. Das war freilich in einer Zeit, als von der Avantgardetruppe um Cedric Bouchard, Jacques Lassaigne, Bertrand Gautherot usw. nur in einem sehr kleinen Kreis die lobende Rede war. Heute muss sich Platzhirsch Drappier zwar nicht mühevoll, aber doch in einem Feld sehr guter bis überragender, teilweise ultraindividualistischer Champagner mit höchsten Ansprüchen an sich selbst behaupten. Ich denke, das tut ihm eher gut als weh. Plaudern konnte ich mit Michel Drappier diesmal leider nicht sehr lange, sonst hätte ich ihn gern dazu befragt

I. Carte d'Or

90PN 5CH 5PM

Sonniger Champagner mit massenkompatibler Dosage, kann man aber auch als Champagnerpurist noch ok finden.

II. Quatuor, dég. Januar 2011

Je ein Viertel CH, PB, Petit Meslier und Arbane, 07er Basis, mit 8,5 g/l dosiert.

Fand ich im Frühjahr kräftiger und fetter, auch wuchtiger, diesmal kam er mir eher vor wie ein richtig gutes Sektsorbet.

III. Grande Sendrée 2004, dég. Januar 2011

55PN 45CH.

Die aktuelle Grande Sendrée ist mittelgewichtig, aber nicht schmächtig; leider befindet sich die ähnlich gebaute Grande Sendrée 2002 gerade in einer Verschlussphase, daher ist ein Vergleich zwischen beiden nicht sehr fruchtbringend. Die Grande Sendrée gehört zu den Champagnern, bei denen ich immer eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Chef des Hauses finde. Sanft und distinguiert, sehr präsent und hellwach, die Neigung zu einer halsbrecherischen Autofahrweise würde man bei Michel Drappier gar nicht vermuten, ebenso nicht die wollüstige Entwicklungsfreude der Grande Sendrée, wenn sie die Möglichkeit zur Reifung hat. Nach einem doppelten Espresso zum Abschluss eines großen Mahls gibt es nichts schöneres, als eine frische und vorzugsweise junge Grande Sendrée wie eben diesen 2004er für die inoffizielle Hälfte des Abends zu öffnen.

IV. Grande Sendrée Rosé 2005, dég. Januar 2011

Etwas schwermütiger, melancholischer Rosé mit einem an smoothies erinnernden Früchtemuscharakter. Relativ wenig Säure und ein Schlußpunkt, der die Ballade stimmungsvoll und für mich ein wenig rätselhaft beendet.

Champagner Boot-Camp

Die vielbelächelte, aber landschaftlich malerische Aube habe ich lange vernachlässigt. Deshalb führte mich meine letzte Sauftour Erkundungsreise in die Gegend zwischen Troyes und Bar-sur-Seine, in eine Region, die schon Voltaire und Charles de Gaulle für bewohnenswert hielten. Wegen der verzweifelten Kürze der mir zur Verfügung stehenden Zeit und weil ich dort meine Winz-Allokation reserviert hatte, sollte es hauptsächlich zu einem Newcomer-Pärchen gehen und einigen Entdeckungen am Rande bin ich sowieso nie abgeneigt. 

0. Opener:

1. Husson-Joliet Rosé

Kleiner Erzeuger aus Boursault, dem Örtchen, das am, hinter und neben dem Château der Veuve Clicquot am Berg klebt. Solo und zur rustikalen Ententerrine war der Champagner ok, kam mir nur etwas einfach und eine Spur zu alkoholisch vor, besonders schlimm war das aber noch nicht, denn immerhin konnte er bei aller Einfachheit mit einer beeindruckenden, wenn schon nicht komplexen Fruchtfülle aufwarten. Das war zur Schweinelende sein entscheidender Trumpf, in Verbindung mit Fleisch und Sauce zogen sich nämlich die etwas unbalancierten Aromenverhältnisse wie unter dem Einfluss eines Katalysators gerade.

2. Michel Marcoult Blanc de Blancs Cuvée Francis

Noch südlich von Sézanne liegt Barbonne-Fayel, wo Michel Marcoult seinen Champagner erzeugt. Der ist mit seinen buttrigen Aromen und seinem zurückhaltend-milden Auftritt weder besonders gut, noch besonders schlecht und war für mich gerade recht, um eine handvoll schwarzer Oliven nebst Käsewürfeln runterzuspülen.

I. Thierry de Marne – Frison

Bei diesem sympathischen Winzerehepaar habe ich vergangenes Wochenende die allerersten Flaschen der allerersten Allokation des Jungfernjahrgangs, dégorgiert im Oktober 2010, abgeholt. Verkauft werden die Cuvées "Lalore" und "Goustan" erst seit dem genau 1. Dezember 2010. Unweit von Bar-sur-Seine an der Aube liegt Ville sur Arce, manchen vielleicht bekannt vom dort alteingesessenen und tatsächlich nicht ganz unbekannten Champagnererzeuger Remy Massin. In Villes sur Arce ist der Erzeuger nicht leicht zu finden, wie so oft in der Champagne sind Straßenschilder nur sehr sparsam und etwas beliebig im Ort aufgestellt, auf das – noch junge – Haus de Marne weist auch am Haus selbst nichts hin. Hergestellt wird der Champagner auch gar nicht dort, sondern einige Meter weiter in einem kleinen Hallenkomplex, wo die Fässer (von der Chablisienne) und Stahltanks stehen, wo abgepresst und konfektioniert wird. Thierry lässt sein Bio-Lesegut nach Parzellen getrennt im Fass vergären und ca. ein Jahr auf der Feinhefe liegen, den BSA vermeidet er, wenn nicht widerspenstige Bakterien selbst bei kühlen 5° C sich weigern, den Betrieb einzustellen – wie es bei meinem Besuch gerade der Fall war. De Marne kann man neben dem ihm befreundeten Bertrand Gauthérot (Vouette et Sorbée) aus Buxières-sur-Arce, Cedric Bouchard und Jacques Lassaigne zur neuen Winzer-Avantgarde der Aube zählen.

1. Les Cotannes 2010 (Lalore)

Mit 11% vol. alc. schon sehr alkoholisch für einen Grundwein, merkte man ihm dieses Gefahrpotential nicht an. Mit einer ähnlichen Problematik hat ja Olivier Collin zu kämpfen, dessen 2006er Blanc de Noirs greift nach den 15% vol. alc, schmeckt aber trotzdem nicht hitzig oder spritig – man kann das also händeln. Ganz so arg ist es ja bei Thierry momentan auch nicht und die Substanz im Glas war mir zwar mit einer etwas verdächtigen Herbe ausgestattet, konnte das aber mit einer prallen Frucht aufwiegen.

2. Clos de la Côte 2009 (Goustan) aus dem Barrique

Der Banana Joe unter den Weinen von Thierry. Über die Primärfrucht hinaus blitzeblank und fein strukturiert, was ich trotz der Kälte (5° C) feststellen konnte.

3. La Chevètrée 2010

Fruchtarm, karg und am ehesten noch mineralisch muss man diesen Wein nennen. Im Mund ungeheuer lang und spritzig, mit tollem, von den drei bis dahin verkosteten Weinen wohl sogar der mit dem meisten Potential.

4. Clos de la Côte 2010 aus dem Stahltank

Anders als der fassausgebaute Genosse viel weniger Frucht, dafür alkoholischer, dennoch ein sehr präziser Wein.

5. Cuvée Lalore 2009 still

Erinnerte mich von der Stilistik an manche von den Rheingauer Großen Gewächsen, etwa Georg Breuers Nonnenberg, hart aber herzlich, erdig, würzig, mit gnadenloser Säure.

II. Bérèche et Fils

Rafael Bérèche aus dem Premier Cru Ludes, genauer Craon de Ludes, habe ich auf dem Rückweg besucht. Auch er war unter denen, die ich 2010 nicht mehr zu besuchen geschafft habe. Er gebietet nicht nur über drei sehr ernstzunehmende Hofhunde, sondern auch über jährlich 90000 Flaschen, also über gar nicht mal wenig. Trotzdem sind seine Champagner immer schnell ausverkauft und sein Chardonnay "Les Beaux Regards" ist ebenso wie der "Reflets d'Antan" ab Hof auf drei Flaschen pro Käufer limitiert. Irgendwas muss er also richtig machen. Dieser Eindruck bestätigt sich sofort, wenn man seine Verkostungsgläser in die Finger bekommt. Nobles Zaltomaterial!

1. Brut Réserve, 08er Basis mit 30% Reservewein, 9 g/l

Rötliches Schimmern, in der Nase aufgeladen, im Mund straff, lang und gut. Für eine Basiscuvée sehr einnehmend.

2. Brut Rosé, 07er Basis, dég. von Hand im Oktober 2010, mit 4 g/l dosiert, 45 mg/l SO2 total

35PN 35PM 18CH, Stillweinzugabe aus PN/PM

Ingwercookies, Blutorange, Pomelo und Mandarine locken die Nase tief in den Champagner hinein, mit jedem Schluck wird das Verlangen rauschhafter, Opiate können nicht sinnesbetäubender wirken.

3. Instant "Le Cran" 2004

50CH 45PN 5PM

Herbe Nase, nasse Kreide, etwas Holz, kaum Frucht. Im Mund legt der Champagner sich mächtig ins Zeug. Der verschlossene Naseneindruck weicht einem strahlenden Aromenaufgang, der sich rasend schnell abspielt und einem kaum Zit lässt, die einezelnen Aromen zu identifizieren. Bei jeden Schluck wandelt sich der Champagner und zeigt neue Facetten seiner kraftvollen Persönlichkeit. Stets merklich ist noch das Holz, aber anders als bei Vilmart spielt das Holz hier offenbar gerade keine tragende Rolle, sondern soll sich gleichberechtigt zu den anderen Aromen fügen, wenn die in einigen Jahren so weit sein werden, dass der Champagner die 90 Punkte deutlich hinter sich lässt.

III. Yves Ruffin

Thierry Ruffin ist leider kürzlich verstorben, seine Frau führt den Ecocert-Betrieb deshalb allein. Hilfe erhält sie dabei von Laurent Chiquet, einem der beiden Chef-Brüder von Jacquesson aus Dizy, ein guter Freund ihres allzu früh verstorbenen Mannes – der Ort hat mit Poul-Justine übrigens noch einen weiteren wichtigen Winzer verloren, dessen Spezialität waren die Solera-Champagner. Derzeit gibt es bei Madame Ruffin holzfassausgebaute Champagner in Brut und Extra Brut, einen Demi-Sec, einen Rosé, einen Jahrgang und eine Cuvée, die Thierry komponiert hat, bevor er verstarb. Über deren Schicksal ist entschieden: es wird eine Hommagecuvée à Thierry. Die beiden fassausgebauten Champagner werden voraussichtlich im Programm bleiben, was mit Rosé und Jahrgang passiert, ist noch unklar. 

1. Brut Premier Cru aus dem Eichenfass

75PN 25CH.

Fruchtig, herb und frisch, mit gut integriertem Holz. Kräftige, etwas wilde Säure. Kunstvolles Früchtepanorama und gekonnter Holzeinsatz.

2. Extra Brut Premier Cru aus dem Akazienholzfass

Behäbiger, weicher, mürber, etwas sandiger auch als der eichenfassausgebaute Ruffin. Nicht so sehr mein Fall.

3. Cuvée Thierry Ruffin

Hochaufgeschossen, schlank, schnittig, mitreißende Säure, noch arg jung und in alle Richtungen auseinanderstrebend, ohne dass man den Eindruck hat, der Champagner würde aromatisch auseinanderfallen. Stattdessen wirkt er, als hätte er einfach nicht genug Platz im Mund. Vielversprechend.

4. Rosé

Fruchtig, nicht zu hoch dosiert, mild, beerig, sahnig, aber nicht übertrieben laktisch.

IV. Danach noch zwei Rosés:

1. Remy Massin, Ville-sur-Arce, Brut Rosé

Weiche Süße, üppige Beernfrucht, dabei nicht kitschig oder eindimensional, etwas breiter dimensioniert als der Rosé von Bérèche.

2. Xavier Leconte, Troissy, Brut Rosé

In der Nase angenehm, zurückhaltend, distinguiert. Im Mund herb, kantig, karg, verschlossen. Deutlich geringer dosiert, als der Aube-Kollege. Erst mit sehr viel Luft geringfügig freundlicher, aber keinesfalls ein Spaßchampagner. Auch als Speisenbegleiter nicht ohne weiteres zu empfehlen. Hat einen eigenwillig intellektuellen Charakter, der zum hageren und mürrischen Winzer passt.  

Bericht von der Champagne Master Class

Die I. Champagne Master Class im Club B der Résidence in Essen-Kettwig war eine Mischung aus phantastischem Zweisterne-Menu und einer tour d'horizon durch die Champagne, bei der es mir darum ging, möglichst viele Typizitäten und Facetten des Champagners zu illustrieren. Die überragende Küchenleistung von Henri Bach verdoppelte dabei das Champagnervergnügen und kitzelte bei manchem Champagner noch Eindrücke heraus, die in einer reinen Nur-Champagner Probe sicher verlorengegangen oder nicht ausreichend gewürdigt worden wären. Viele Champagner stellten ihre Gastroaffinität unter Beweis, manche liefen überhaupt erst zum Essen zu Bestform auf.

Im Einzelnen:

O. Opener: Philipponnat, Royal Réserve en Magnum, dégorgiert im September 2009

40-50PN 15-25PM 30-35CH, überwiegend Stahltank, 25-40% Reservewein aus Soleraverfahren. 9g/l. Das Haus hat ca. 17ha in Mareuil-sur-Ay, Ay, Mutigny und Avenay Val d'Or.

dazu: Ziegenkäsevariationen

Den Opener von Charles Philipponnat nahmen wir bei strahlend schönem Wetter am Stehtisch vor der Résidence ein. Die Dosage war unaufdringlich, der Champagner zeigte eine schöne, herbfrische, minimal rauchige Art, war erkennbar jung, doch mit einer harmonischen, wohlgeformten Rückenpartie ausgestattet, die sich dem Solera-Reservewein verdankt.

***

I.1 Jacky Charpentier, Cuvée Pierre-Henri (Extra Brut)

100PM von ca. 55 Jahre alten Reben in Reuil und Châtillon-sur-Marne, Fassausbau, Bâtonnage, dabei kein biologischer Säureabbau (BSA), 4,5g/l. Rebbesitz auf ca. 12ha in Villers-sous-Châtillon und in der Vallée de la Marne.

I.2 Tarlant, Vigne d'Or (1999, Extra Brut), dégorgiert von Hand am 13. Juli 2004

100PM, von damals 51 Jahre alten Reben aus der Einzellage Pierre de Bellevue, Fassausbau und Bâtonnage, kein BSA. 4g/l. Benoit verfügt über 13ha in Oeuilly, Boursault und Celles-les-Condé.

dazu ein erster Gruß aus der Küche: Variationen von Foie Gras als Eis, Mousse und Terrine, mit einem Stückchen Streuselkuchen

sowie ein zweiter Gruß aus der Küche: Hummerbisque mit Hummerhappen

sodann: marinierte Cantaloupe-Melone | Kaisergranat | Wiesenkräuter

Den ersten flight gab es vorweg als winziges Verkostungsschlückchen ins Glas, denn die freundlichen Küchengrüße bedurften einer adäquaten Begleitung auf dem Weg den Schlund hinab. Zum analysieren war das natürlich nichts, das ging erst mit dem ersten größeren Schluck, der passgenau vor dem Kaisergranat serviert wurde.

Der Charpentier zeigte sich herb, mit der kräuterigen und leicht rauchigen Nase, die er in seiner Jugend scheinbar immer hat. Säure und Holz waren nicht wahrnehmbar, der Champagner wirkte mürbe, ja etwas schläfrig und gewann mit Luft nicht hinzu, sondern blieb die ganze Zeit so. Damit bildete er jedoch einen sehr schönen Begleitchampagner für den Kaisergranat und die Wiesenkräuter.

Wie anders dagegen der Tarlant. Ein Kickstarter mit knalligem Eukalyptusduft und einer Duftfülle, die ich sonst noch von australischen Syrahs gleichen Alters kenne, der Elderton Command Shiraz beispielsweise, der Noon Eclipse Grenache 1999 oder der Fox Creek McLaren Vale Reserve Shiraz 1998 waren auf Anhieb so. Zum Krustentier verhielt er sich etwas angestrengter gespannt, trug jedoch solo deutlich den Sieg über den Pierre-Henri davon, auch weil er sich unentwegt fortentwickelte und noch längst nicht den Eindruck erweckt, als wollte er langsam Reife- oder gar Alterungserscheinungen zeigen.

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II.1 Champagne Doyard, Cuvée Vendémiaire Multi Vintage (2004, 2002, 2001), dégorgiert im Dezember 2009

100CH, 50% Fassausbau ohne Bâtonnage, BSA bei 30%. Flaschenfüllung im Mai 2005. 7g/l. Yannick Doyard hat 10ha in Vertus, Le Mesnil-sur-Oger, Oger, Avize, Cramant, Dizy und Ay.

II.2 Robert Moncuit, Grande Cuvée Blanc de Blancs Grand Cru 2004

100CH von über 40 Jahre alten Reben. 8g/l. 8ha ausschließlich Chardonnay, ausschließlich aus Le-Mesnil-sur-Oger.

dazu: geräucherter Yellowfin als Filet und Tartar, in der Petri-Schale serviert | Wasabimayonnaise | Felchenkaviar

Als der Thun hereingetragen wurde, war noch nicht zu ahnen, was da kommen würde. Lediglich ein gewisses Klappern schien ungewöhnlich. Das Klappern rührte daher, dass der Thun in Petrischalen serviert wurde, die mit Glasdeckeln verschlossen waren. Mit dem Abheben der Deckel entfaltete sich dann schlagartig ein Duft von Lagerfeuer, Buchenholz und frischem Rauch im Club B der Résidence – ein schöner Auftakt für den nächsten Gang. Da es sich um einen reinen Chardonnayflight handelte, war mir die Wahl der passenden Champagner vorab schwer gefallen. Wohl hätte man "S" de Salon, Clos du Mesnil, Perrier-Jouet Belle Epoque Blanc de Blancs öffnen können. Denn jeder dieser Champagner ist hochgradig typisch für seine Gattung und gleichzeitig hochgradig außergewöhnlich. Doch bin ich der Ansicht, dass diese Champagner ein wesentlich höheres Maß an Konzentration verdienen, als sich das in einer Verkosterrunde gewährleisten lässt, bei der es nicht nur um den akademischen Aspekt der Probe geht, sondern vor allem auch um den Genuss im Rahmen eines ausgedehnten Menus. Daher blieb ich am anderen Ende der Preis- nicht jedoch der Qualitätsskala.

Mit Yannick Doyards Vendémiaire konnte ich ein Gewächs öffnen, auf das der Erzeuger zu Recht sehr stolz ist. Jung, stämmig, bärenstark. Auf dem Teller fand er sein Pendant im Thunfischfilet, das dunkel, saftig, lüstern, einladend, und auf mich sogar ein wenig geheimnisvoll wirkte, es bildete sich eine sehr fordernde Allianz. Der Kombination fehlte es dennoch etwas an Eleganz.

Klarer Sieger am Tisch war auch nach meiner Meinung in diesem flight der Jahrgangschardonnay von Moncuit. Der hatte seinen Einstand ja schon bei anderer Gelegenheit in der Résidence gefeiert. Damals hatte ich ihn zur Frühlingsrolle und zum Wan-Tan-Hummer, zum Sellerie-Pumpernickel und zu anderen Variationen mit Fenchel genossen. Dieser Champagner bietet Apfelsexyness, die man Ernst zu nehmen hat. Zum feinen Tartar entafaltete sich ein zauberhaftes Ingwer-Bitterorangenaroma, das wohl jeden am Tisch betört hat. Im Gegensatz zum Doyard, bei dem die mitschwingende Räuchernote Cowboyfeeling verbreitete, wairkte sie hier von so asiatisch und puristisch wie ein Parfum von Issey Miyake.

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III.1 Cedric Bouchard (Les Roses de Jeanne) Cuvée Inflorescence (2008, Brut Nature)

100PN aus der Lage Val Vilaine, fussgestampfter Most, in Edelstahltanks vergoren. Kein Dosagezucker. Cedric Bouchard verfügt über insgesamt nur 3ha in Celles-sur-Ource.

III.2 André Clouet, Un Jour de 1911 Multi Vintage (2002, 2001, 2000)

100PN. 10ha in Bouzy.

1911 Flaschen von alten Reben, unfiltriert, ungeklärt, ungeschönt, vinifziert wie 1911.

dazu: Jakobsmuscheln | Wakame Algen | Ingwergelée | Tom Ka Kai

Die Inflorescence von Cedric Bouchard wirkte rund, zeigte minimalen Babyspeck und machte noch nicht den Eindruck, als sei sie besonders ausgereift, was angesichts des Jahrgangs und der kurzen Hefeverweildauer kaum überrascht. Diesen raren Champagner wollte ich der Runde aber nicht vorenthalten haben, denn er ist ein Vertreter von der "neuen Aube". Dieses Stieftochtergebiet macht zur Zeit eine positiv unruhige Zeit mit vielen Neugründungen und experimentierfreudigen Winzern durch. Cedric Bouchard ist einer der wichtigsten Vertreter dieser Entwicklung und seine Inflorescence ist alles andere als ein Vieilles Vignes Francaises – doch dieser Champagner ist ein emblematischer Pinot-Noir aus einer Gegend, die in der Champagne niemand für konkurrenzfähig mit Bouzy, Ambonnay oder Ay gehalten haben würde. Seine seidige, verführerische Art passte meiner Ansicht nach besonders gut zu dem zwischen Jod und Gurke changierenden Algensalat und zur Jakobsmuschel.

Die "Jour de 1911" Champagner öffne ich immer zu früh. Sie machen mir aber jedes Mal so viel Spass, dass ich nicht die Finger davon lassen kann. Hier zeigte er sich wieder mit höchster Spielkultur, dem würzigen Tom Ka Kai locker auf Augenhöge begegnend: Galgant, Kokosmilch, Brühe, Zitronenmelisse, Verbene, Hagebutte, Goji-Beere, Cranberry, Schattenmorellen – alles lief so mühe- und kollisionslos durcheinander, dass ich zeitweise nicht wusste, woher welches konkrete Aroma kam, vom Tom Ka Kai oder vom Champagner.

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Pirat I.1 Bagrationi 1882, Finest Vintage 2007

100 Chinuri, Flaschengärung.

Pirat I.2 Robert Camak, Brut 2007

80% Riesling 20% Chardonnay, Flaschengärung. Kein BSA. 15,2g/l.

Die beiden Piraten wurden schnell als solche erkannt, womit ich bei der Probenplanung gerechnet hatte. Nachdem die drei Hauptrebsorten Gelegenheit hatten, sich vorzustellen, wollte ich nicht nahtlos mit den Rebsortencuvées beginnen. Eine Zäsur musste her und zum Glück hatte ich zwei etwas abseitig erscheinende Schäumer parat, die nichtsdestoweniger einem guten didaktischen Zweck dienen konnten. Den Georgier in einem so noblen Umfeld zu erleben, war für mich besonders spannend, er schlug sich dabei nicht schlecht, traf jedoch niemandes Geschmack so richtig. Der kroatische Sekt konnte durchaus einige Stimmen auf sich vereinigen, seine Aprikosenmusnatur, vermischt mit der milden, eigentlich gar nicht vorhandenen Säure und dem Ausklang von naturtrübem Apfelsaft ist sicher kein Sekterlebnis, das einen befeuert, dafür ist der Sekt zu behäbig. Er ist aber auf eine angenehme, pfälzisch anmutende Weise behäbig, die ihn sympathisch macht.

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IV.1 Chartogne-Taillet, Cuvée Fiacre 2000

40PN 60CH von alten, zum Teil wurzelechten Reben. Mit geringerem Flaschendruck von ca. 4,5 bar als klassischer Crémant erzeugt. 8g/l. Alexandre Chartogne hat 11ha in Merfy, Chenay und St. Thierry. Selosse-Schüler.

IV.2 Leclerc-Briant, Cuvée Divine 2004

50CH 50PN aus Dizy, Cumières, Daméry, Hautvillers. Biodynamisch (demeter). 7-8g/l. Pascal Leclerc bewirtschaftet 30ha und betreibt ein Resozialisierungsprojekt für Jugendliche auf dem Gut.

dazu: Tramezzini vom Kaninchen | Vanillemöhren | Löwenzahn

Dann ging es auf zum ersten Cuvéeflight. Wieder sollten sich zwei Champagner den Verkostergaumen stellen, die alle noch in guter Verfassung waren.

Beim Fiacre merkte man den niedrigeren Flaschendruck nicht unbedingt. Er war in frischer Verfassung, die Balance zwischen Pinot und Chardonnay war praktisch perfekt, ein klarer Rebsortencharakter ließ sich nicht mehr ausmachen, hier zeigte sich zum ersten mal im Laufe des Abends, was Verschneidekunst bewirken kann. Die Vanillemöhren – manchem waren sie zu krachend, andere mochten genau das – und der Champagner waren eine gelungene Kombination und gefielen mir an diesem Gang besonders gut.

Druckvoller, stärker moussierend wirkte im Vergleich der Divine von Leclerc-Briant. Ich meine nicht, dass die Perlage groib wirkte, wie versciedentlich angemerkt wurde, will das aber auch nicht kategorisch ausschließen, wobei ich das hauptsächlich mit dem Crémantcharakter des Fiacre erklären würde. Der Divine ist ein Champagner, der auch im klaren Kontrast zu den Monocrus von Leclerc-Briant steht. Dieser Champagner ist dicht, wuchtig, aber er gehört nicht zu den rasiermesserscharfen, ultrapräzisen Champagnern. Darin unterscheidet er sich z.B. von den Chèvres Pierreuses aus gleichem Hause.

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V.1 Armand de Brignac, The Ace of Spades Blanc, dégorgiert im März 2009

40CH 40PN 20PM. 2005er Basis mit Reservewein aus 2003 und 2002. Trauben aus Grand- und Premier Crus (Chouilly, Cramant, Avize, Oger, Le Mesnil und Ludes, Rilly-la-Montagne, Villers Allerand, Taissy, Villers Marmery, Montbre, Pierry, Damery, Vertus, Mareuil-sur-Ay). 9,65 g/l. Der Dosageliqueur lagert neun Monate im burgundischen Holzfass. Erzeuger ist das Haus Cattier aus Chigny-les-Roses.

V.2 Vilmart, Coeur de Cuvée 2001

80CH 20PN von über 50 Jahre alten Reben, Fassausbau ohne biologischen Säureabau, verwendet wird nur das Herzstück der ersten Pressung. Laurent Champs verfügt über 11ha in Villers-Allerand und Rilly-la-Montagne.

dazu: Perlhuhnbrust | Steinpilze | Fregola | Paprikacoulis

Rund. Harmonisch. Sehr elegant. Animierend und balsamisch die Kehle heruntergleitend. Das ist der beste Champagner der Welt. Das süssliche Paprikacoulis war ein anspruchsvoller und geeigneter Partner für den Armand de Brignac.

Wuchtig, holzig, aus dem Glas drängend, dabei so seidenglatt und trotzdem raumgreifend ist das Schätzchen von Vilmart. Von Beginn an zeigt er eine Nase von frischgeschnittenen Pilzen, die sich oft bei reifenden Champagnern entwickelt und die fabelhaft zu den Steinpilzen passte. Bemängelt wurde, dass Vilmart mit dem offensiven Holzaroma Leere zu überdecken versuchen könnte. Das finde ich eindrucksvoll anhand der schillernden Aromenvielfalt des Champagners widerlegt. Bei reifen Vilmarts zeigt sich, dass die herausgehobene Holzaromatik sich einbindet, nicht indem sie zurückgeht oder auf unerklärliche Weise abgebaut wird, sondern weil die fortschreitenden Flaschenreifearomen aufschließen, der Kontrast zwischen Primärfrucht und Holz ist eben doch ein anderer, als der von Champignon und Fass.

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VI.1 Perrier-Jouet, Belle Epoque 1979 en Magnum

45PN 5PM 50CH. 95 Punkte bei Richard Juhlin.

VI.2 Laurent-Perrier, Grand Siècle Lumière du Millénaire 1990

58PN 42CH. 95 Punkte bei Richard Juhlin.

dazu: Ziegenfrischkäse | Schwarze Oliven | Ofentomate

Dann kam der Rocker des Abends. Die Belle Epoque zeigte sich in famoser Form. Reif, gewiss mit Apfeltypik aus Cramant unterlegt, doch spielte das für mich nicht die Hauptrolle. Viel wichtiger war mir der bestrickende Mundeindruck. So präzis und messerscharf wie das japanische Seppuku-Kurzschwert, mit dem man früher u.a. die Köpfe gefallener Gegner abgetrennt hat. Kühlend, ohne ein Übermaß an reifetönen, die gleichwohl merklich vorhanden waren. Unausgezehrt, vielschichtig und entwicklungsfreudig, trotz praktisch fehlender Perlage klar als Champagner erkennbar und schnurgerade auf dem Weg in eine burgundische Zukunft. Sehr schön zum Ziegenkäse, der die feine Säure des Champagners angemessen erwiderte, sehr schön auch zu Oliven und Tomate und wahrscheinlich der Champagner mit der rundum besten performance des Abends.

Schwächer war der Grand Siècle, ich vermute deshalb, dass die Zeit für diesen Champagner trotz vereinzelt vielleicht noch anzutreffender besonders schöner Exemplare gekommen ist. Obwohl erkennbar jünger als die Belle Epoque, schien mir hier die Substanz schon wesentlich weiter von Reife- und Alterstönen in Mitleidenschaft gezogen. Nicht, dass der Sonnenkönig mit zerkratztem Gesicht dagestanden hätte, aber er wirkte doch, als sei ihm die Schminke arg verlaufen. Er konnte das aber bei Tisch noch wettmachen, zusammen mit den schwarzen Oliven und der gebackenen Tomate kam mir der Champagner um Längen besser vor.

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Pirat II.1 Bergdolt, Weissburgunder-Sekt 2005 (Extra Brut), von Hand dégorgiert 2008

Grundweine in Kabinettqualität aus dem Kirrweiler Mandelberg – kalkhaltiger Lössboden – im Stahltank ausgebaut. Kein BSA. 3g/l.

Pirat II.2 Robert Dufour, "Les Instantanés" Blanc Gormand Extra Brut (genauer: Blanc de Pinot Blancs, Brut Nature), 2003, Tirage am 12. Mai 2004 , dégorgiert am 15. Juni 2009

100PB. 10ha in Landreville.

danach: Himbeeren | Sauerrahmsorbet

Bergdolts Weißburgunder war ordentlich, für Sektverhältnisse sogar ziemlich gut, doch kam es darauf nicht an. Denn er sollte sich einer Herausforderung aus der Champagne stellen, sich auf ein Duell einlassen, das nicht offensichtlich von den Stärken der Champenois dominiert wurde. Denn sein Flightpartner war ein ebenfalls aus Weißburgunder gewonnener Champagner. Beide verfügen über eine für ihre jeweiligen Verhältnisse recht lange Hefeverweildauer, liegen technisch am untersten Ende der Süßeskala und selbst die Bodenverhältnisse sind sich nicht unähnlich. Umso überraschender war es – oder auch nicht -, dass der Champagner überwiegend, schnell und ohne Zweifel als Champagner identifiziert wurde. Besonderen Trinkspaß, das sei noch hinzugesetzt, hat er aber nicht bereitet, dafür fehlte ihm meiner Meinung nach Pfiff, Witz, Rasse, Schwung, Aroma, Sapnnung, ja eigentlich alles, was einen guten Champagner ausmacht. Zu den Himbeeren ließen sich dennoch beide Schäumer gut vertilgen und abgesehen davon, dass die Himbeeren mit dem Sauerrahm schon sehr gut waren, kam mir die Kombination von beidem mit jedem der beiden Blubberer exzellent vor.

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VII.1 Pommery, Falltime Extra Dry

100CH. Drei Jahre Hefelager.

VII.2 Pommery, Drapeau Sec NV (70er Jahre)

60-70PN 30-40CH, 27g/l.

VII.2 Abel-Jobart, Doux, Millésime 2004

60PM 40CH. 55g/l. 10ha Sarcy

dazu: Pfirsich | Zitronenthymian | Erdnusseis

Klarer Favorit war für mich der Falltime. Der wirkte wie ein besonders saftig geratener Standardbrut, den Chardonnay vermochte ich nicht unbedingt herauszuschmecken. Wahrscheinlich handelt es sich dabei überwiegend um Chardonnays von fruchtiger Art und vielleicht sind noch ein paar Trauben aus zugigen Ecken wie Grauves dabei, die den erfischenden Säureunterbau verantworten. Fein schmeckte mir der Falltime zum Zitronenthymian. Zum Erdnusseis passte natürlich der merklich gealterte Drapeau Sec recht gut, da kam Nuss auf Nuss, aber auch Sherry und einige flüchtige Säuren waren im Spiel und trübten mir den Gesamteindruck – wobei sich der Drapeau insgesamt wacker schlug. Keineswegs so süß wie gedacht war dann der Abel-Jobart, aber auch nicht besonders fordernd. Anders als beim Doux von Fleury kam hier keine erkennbare Säure dazu, oder ein begeisterndes Aromenspiel. Auch mit dem Dessert vermochte sich der Champagner nicht recht anzufreunden. Als Schlusspunkt des flights wirkte er am schwächsten.

Das schreiben die anderen: Patrick Dussert-Gerber

Der aktive Autor hat sich in der aktuellen Ausgabe von "Millésimes" mit seinem Champagner-Classement für 2010 zu Wort gemeldet. Nicht zur Unzeit, wie ich meine, denn Zeit für Champagner ist bekanntlich immer – nicht nur kurz vor Weihnachten. Also, was schreibt er denn? Zunächst mal muss man seine Classements kennen. Darin unterscheidet er zwischen erst-, zweit- und drittklassifizierten Weinen. Diese Classements stellt er für jede Weinbauregion gesondert auf, d.h. ein erstklassifizierter Champagner unterliegt den Regeln seines Champagner-Classements und ist insofern nicht vergleichbar mit einem von ihm erstklassifizierten Bordeaux. Innerhalb der jeweiligen Classements herrscht nochmal eine Hierarchisierung, wobei Dussert-Gerber im Champagner-Classement jede Klasse nochmal in kräftige und elegante Champagner unterteilt. Dabei fließen Werte wie Reifevermögen, Preis-Leistungs-Verhältnis und Kontinuität der letzten Jahrgänge einer Cuvée ein. Wer also in der Spitze eines Classements steht, dem kommt eine gegenüber den nachfolgenden Weinen herausgehobene Bedeutung zu.

Neu hinzugefügt hat er die folgenden Champagner (A steht jeweils für die Gruppe der körperreichen Champagner, B für die eleganten Champagner):

AVENAY-VAL-D'OR, CHAMPAGNE LAURENT-GABRIEL, 2ème A

AY , CHAMPAGNE GOSSET, 1er B

BOUZY, CHAMPAGNE MAURICE VESSELLE, 2ème A

CHAMERY, CHAMPAGNE PERSEVAL-FARGE, 2ème B

CHIGNY-LES-ROSES, PHILIPPE DUMONT, 2ème A

CHOUILLY, CHAMPAGNE LEGRAS ET HAAS, 2ème B

COURTERON, CHAMPAGNE FLEURY, 2ème A

CRAMANT, CHAMPAGNE P. LANCELOT-ROYER, 3ème A

DAMERY, CHAMPAGNE DANIEL CAILLEZ, 2ème B

DIZY, CHAMPAGNE VAUTRAIN-PAULET, 2ème A

EPERNAY, CHAMPAGNE ELLNER, 1er A

LE BREUIL, CHAMPAGNE PIERRE MIGNON, 2ème B

POUILLON, CHAMPAGNE BOURDAIRE-GALLOIS, 2ème A

RILLY-LA-MONTAGNE, CHAMPAGNE ANDRE DELAUNOIS, 2ème B

Um einen Eindruck von seinem Classement zu bekommen, ist es hilfreich, sich seine erstklassifizierten Champagner anzusehen.

In der Gruppe A, bei den körperreichen Champagnern, finden wir:

CHARLES HEIDSIECK (Millénaire)
KRUG (Grande Cuvée) (r)
MOËT ET CHANDON (Dom Pérignon)
POL ROGER (Sir Winston Churchill) (r)
TAITTINGER (Comtes de Champagne) (r)
ALAIN THIÉNOT (Grande Cuvée)
DEVAUX (D) (r)
ELLNER (Réserve) (r)
PHILIPPONNAT (Clos des Goisses)
(BOLLINGER (RD))
CANARD-DUCHÊNE (Charles VII)
RENÉ GEOFFROY (Volupté)
LAURENT-PERRIER (Grand Siècle)

In Gruppe B, bei den eleganten Champagnern, finden wir:

GOSSET (Grand millésime) (r)
PIPER-HEIDSIECK (Rare)
ROEDERER (Cristal)
DE SOUSA (Caudalies)
DE TELMONT (O.R.1735)
Pierre ARNOULD (Aurore)
PAUL BARA (Réserve) (r)
Pierre PETERS (Spéciale Millésime)
RUINART (Dom Ruinart) (r)
DE VENOGE (Princes)

Was sagt uns das? Das sagt uns, dass Monsieur Dussert-Gerber einen, sagen wir mal: sehr eigenständigen Gaumen hat. Wie sonst ist es zu erklären, dass er Dom Pérignon, den Inbegriff der Leichtigkeit und des schwerelosen Genusses in die Gruppe der körperreichen Champagner einordnet? Liegt es vielleicht daran, dass er nur die klobigeren, angestrengteren Jahrgänge aus den späten Neunzigern getrunken hat? Wir wissen es nicht. Auch eine Erklärung über die Jahrgangschampagner aus dem Hause Krug bleibt der Meister schuldig. Doch der Seltsamkeiten noch nicht genug, finden wir unter den erstklassifizierten Champagnern Häuser wie Devaux, Ellner und Canard-Duchêne, nicht jedoch die Grande Dame von Veuve Clicquot, keine Champagner aus dem Haus Perrier-Jouet, Delamotte, Salon oder Besserat de Bellefon, die alle wahrlich keine Geheimtips mehr sind und es mit einigen der erstklassifizierten Champagner ohne weiteres aufnehmen könnten.

Sehr seltsam ist auch, dass sich im gesamten Classement Winzer finden, die gut und gerne trinkbare Champagner machen, Erzeuger wie Selosse, Prevost, Ulysse Collin, David Leclapart, Jacques Lassaigne, Tarlant, Cedric Bouchard, Vouette et Sorbee, Georges Laval, Diebolt-Vallois jedoch noch nicht einmal unter den drittklassifizierten auftauchen. So ist doch ausgesprochen fraglich, ob die süffigen, aber nicht besonders inspirierten Champagner beispielsweise vom Château de Boursault und Abel-Jobart einen Platz im Classement halten könnten, wenn die anderen genannten Winzer dort ebenfalls vertreten wären.

Will man Monsieur Dussert-Gerbers Gaumen kein voreiliges Unrecht antun, so kann man nur vermuten, dass er einige sehr wichtige Champagner noch gar nicht getrunken hat. Dann aber, so meine ich, muss man sich mit der Herausgabe eines Classements zurückhalten und artig gedulden, bis die Datenbasis dafür groß genug ist.

Dass er einige sehr gute Champagner auf dem Schirm, resp. im Glas hatte, zeigt sich nicht zuletzt daran, dass er Champagne Aspasie von Ariston Père et Fils hoch einstuft. Franck Bonville, Pascal Agrapart und Jacky Charpentier haben sich ihren Platz gewiss ebenfalls verdient, wenngleich ich ihre Champagner nicht zu den körperreichen zählen würde. In der Kategorie ist richtigerweise der "Comète" von Francis Boulard gut aufgehoben – auch wenn dieser Champagner ultrarar ist und die anderen Champagner von Francis scheinbar keine Berücksichtigung gefunden haben. Bei den eleganten Zweitklassifizierten stoßen wir sodann auf Gaston Chiquet, Leclerc-Briant, Legras et Haas, Bonnaire, Comte Audoin de Dampierre, Drappier und Gimonnet, sowie auf andere alte Bekannte: Blin, Bedel, Tixier, Brice, Chapuy, Robert Charlemagne und Michel Turgy. Wieder könnte man darüber streiten, ob die Champagner z.B. von Dampierre zu den allerelegantesten gehören, oder ob sie nicht wegen ihrer reichlichen Dosage bei den körperreichen Champagnern anzusiedeln wären.

Lässt man die Frage nach der Notwendigkeit eines Champagner-Classements offen, so kann man sich fruchtbar nur noch mit der tatsächlich erfolgten Umsetzung eines solchen Classements befassen. Das von Dussert-Gerber ist gut gewollt, doch unübersichtlich und die vergleichsweise umfangreichen Beschreibungen der Erzeuger wiegen nicht seine allzu kurz geratenen Weinbeschreibungen auf. Wichtige Champagner fehlen völlig, mancher nur leicht überdurchschnittliche oder gerademal durchschnittliche Erzeuger erhält durch die viel zu dünne Datenbasis ein unproportional hohes Gewicht. Das mag den betroffenen kleinen Winzer freuen und mit Sicherheit werden einige Winzer nach der Publikation des jeweils aktuellen Classements ein verdientes Maß erhöhter Aufmerksamkeit erhalten. In diesem Punkt erweist sich Dussert-Gerber nämlich als fleißiger Verkoster – was letztlich dem Verbaucher nur willkommen sein kann. Meiner Ansicht nach leidet das Classement aber noch zu sehr unter seiner Unausgewogenheit.

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