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Tag Archives: g.h. mumm

Soirée Dégustation des Grandes Cuvées 2013

Champagne Mercier, ein Haus der LVMH-Gruppe, das in Deutschland praktisch nicht vertreten ist, war diesjähriger Gastgeber des Verkostungsabends "Soirée des Grandes Cuvées"; organisiert wurde der Abend nun schon zum vierten Mal von den Schülern des Lycée Viticole de la Champagne, die auch den Guide Veron herausbringen. Im Salle du Centenaire des Pavillon Mercier, ziemlich am Ende der Avenue de Champagne in Epernay fand die Vorstellung der für diesen Abend ausgewählten Cuvées durch Vertreter oder Inhaber der verschiedenen Häuser statt.

Zu probieren gab es Prestigecuvées, die teils mehr, teils weniger oder auf Deutschland bezogen sogar überhaupt nicht im Rampenlicht stehen.

1. Veuve Fourny et Fils Clos du Faubourg Notre-Dame 2002, dég. Sep. 2012

100CH, mit rund 4 g/l dosiert.

Charles-Henry und Emmanuel Fourny haben die Trauben dieses Clos bis 1990 immer den Jahrgangsschampagner des Hauses wandern lassen und sich seither erst eine handvoll Male (1993, 1996, 1998, 2000 und ganz aktuell eben 2002) dazu entschließen können, die Ernte gesondert als Clos im (alten) Holz zu vinifizieren und als Extra Brut (bis auf den 2000er, der hat überhaupt keine Dosage erhalten). Was ein starker Auftakt. Mit diesem Champagner im Glas wusste ich, dass die Nachfolger es sehr schwer haben würden und genau so war es, bei hochkarätiger Besetzung. Seidig, zart, aber mit nobler Distanz. Nüsse, weiße Mandeln, reife weiße Früchte, die so verführerisch wirken, wie ein schneeweißer Frauenhals im Film immer auf die zum Biss ansetzenden Vampirgentlemen. Kaum Holznoten, die im Aromenwirbel sowieso keine bedeutende Rolle spielen; viel Spannung bezieht der Champagner aus der selbstbewussten Säure, die zusammen mit Gebäcknoten und dicker, knackiger Amarenakirsche für viel Beschäftigung am Gaumen sorgt, bevor sich zum Schluss ultrafeine Milchkaffeenoten zeigen. 

2. Collet Esprit Couture, dég. Dez. 2012

40CH 50PN 10PM, 2006er Basis, mit 8 g/l dosiert.

Der Auftritt des Kooperativenchampagners war danach kaum mehr mitreißend. Das mag an der höheren Dosage, an der Rebsortenmischung oder an einer Mehrzahl anderer Faktoren liegen; jedenfalls gefiel mir der mollige Charakter des Collet nicht nachhaltig. In der Nase Pfirsichpüree, kalkig-mineralischer Staub und Bergamotte, zuckrig überformt und etwas parfumiert. Im Mund schlaffer als der Fourny, was mit Luft nicht besser wird. Störend wirkte auf mich die gar nicht mal unsaubere, aber ungeschickt an den weichen Mundeindruck anschließende Herbe. Wirklich maßgeschneidert war da nichts.

3. Veuve Clicquot La Grande Dame 2004

PN aus Verzyund Verzenay, CH aus Le Mesnil, Oger und weniger aus Vertus, mit 8 g/l dosiert

Wasser- und Honigmelone, etwas Lychee, Maiglöckchen und Iris, außerdem Bienewachs, Gurkenschale und dezenter Kastanienhonig. Im Mund ein Champagner, der sich bis zur Zungenmitte professionell aufreizend wie eine käufliche Dame entblättert. Ab der Zungenmitte fehlte mir dann Substanz, die ich bei anderen 2004er Grande Dames schon feststellen konnte. Das dürfte normale Schwankungsbreite sein, bringt die Grande Dame aber nicht aus dem Windschatten der Fournywitwe.

4. Gosset Celebris 2002

52CH 48PN, mit 5 g/l dosiert.

Der fünfte Jahrgangscelebris nach 1988, 1990, 1995 und 1998. Offiziell wird er zur diesjährigen Vinexpo vorgestellt, aber für einen Vorabeindruck hat Gosset zur Soirée ein paar Fläschelchen bereitgestellt. Auch hier ein leicht wachsiger Eindruck, wie bei der Grande Dame, aber darüber hinaus auch die reiferen Noten von Veilchen, Muscovadopfeffer, Ananas und die betörende Duftmischung von Apfel und Birne, wie sie in den besten Calvados Domfrontais zu finden ist. Im Mund findet sich nochmal die sehr reife Limonennote, die auch in der Nase gründe Akzente setzte, außerdem Mirabelle und ein Gefühl, wie Jasmintee. Dafür dass Gosset für seine frischen Champagner bekannt ist und für BSA-losen Champagner, der besonders pfiffige Säure enthalten kann, wirkt er dennoch nicht ganz so agil wie der Fourny und muss sich nach Wettstreit auf hohem Niveau geschlagen geben.

5. Mailly Grand Cru Les Echansons 2002

3/4PN 1/4CH zu 100% aus dem Bordeauxbarrique, mit 6 g/l dosiert.

Erdig bis mineralisch, mit Lohe, Fenchelsamen und kräuterigen, aus der Kerbelecke stammenden Noten, außerdem gelbe Pflaume und Piment. Im Mund zeigt sich ein wenig brauner Kandiszucker, der den Champagner aber nicht unnötig beschwert. Im Gegenteil, er hebt förmlich sofort von der Zunge in Richtung Gaumen ab und bleibt dort, mit einem Nachgeschmack von Pflaumenwein. Auf mich wirkt der Champagner wie eine gute Alternative zu den berühmteren Prestigecuvées großer Häuser, denn er bereitet enormen Trinkspaß, ist unanstrengend und ein gutgelaunter Unterhalter.

6. Charles Heidsieck Blanc des Millenaires 1995

Das war der Champagner, der den Fourny in seine Schranken wies. Toast, Reife und Noblesse, im Kupferkessel vor sich hinschmelzende Schokolade, Ghee, Ingwerstäbchen, agrumes, schwarzer Pfeffer; dazu eine schlanke, sexy züngelnde Säure und ein tadelloses Auftreten. Power und Kontrolle, Balance, Alterslosigkeit und Riesenpotential. Äußerst starker Champagner.

7. G.H. Mumm René Lalou 1999

50PN 50CH

Milde Nase mit weißem Nougat und Birnenkompott. Wie Birnenmost aus dem Tonkrug, kühl serviert nach einer langen Fahrradtour. Kaum etwas kann besser schmecken, aber trotzdem: hohes Ansehen hat diese Art der Erfrischung nicht. Ähnlich ist es mit dem 99er Rene Lalou, der bei aller Güte leider nicht, wie vielleicht beabsichtigt udn wie bei guten Dom Pérignons vorbildlich umgesetzt, perfekt balanciert, sondern bloß indifferent wirkt, wobei die Herbe im Abgang natürlcih kaum weiterhilft.

8. Henri Giraud Fut de Chene Multivintage

2005er Basis (60%)

Äpfel, Kräuter und Zitronengras, Heu, eine charmante Holznote, krachledern und lautstimmig, aber nicht lärmig. Menthol, Anis, Picknickstimmung, Vibration und Komplexität. Das ist der dritte Champagner des Abends, der mich hinreißt und wieder ein völlig anderes Kaliber, verglichen mit Fourny und Blanc des Millenaires. Der Champagner zwingt Krustentiere, Schinken und Käse herbei, wirft behende mit Blüten um sich, wirkt trotz seiner ausgeprägten Süße unbeschwert. Über die Champagner von Giraud an anderer Stelle mehr, denn eine Woche nach der Soirée war ich dort auf der Spur des Argonner-Eichenholzes.

  

 

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Sommerchampagner – Fortsetzung

 

Die Sommerchampagner-Reihe setze ich mit einem Nicht-Champagner von einem Champagnerhaus fort, den man in Deutschland schwer oder gar nicht bekommt, weil er offiziell nicht importiert wird. Er gehört, anders als manches Erzeugnis des Mutterhauses, zu den bemerkenswerten Sprudlern und ist deshalb hier gut aufgehoben. 

1. Mumm Napa Cuvée DVX Brut 2000

50PN 50CH, mit 1% Dosageliqueur.

Knapp 15% Holzausbau. Wirkt auf Anhieb nicht wie Champagner, sondern wie sehr guter Sparkler. Wenig, aber dauerhaft vorhandene, eher untergründig wirkende Säure. Gleichzeitig reif und frisch. Das sprach für einen Schäumer mit langem Flaschenlager und noch nicht sehr weit zurückreichendem Dégorgement. Üppig dosierter Grosshausstil. Musste meiner Vermutung nach aus einem säurearmen Jahr oder heißer Gegend mit regelmäßig sehr reifem Lesegut stammen, denn für ein spätes Dégorgement fehlte die aggressive Vitamin-C-Aromatik. Dass es sich schließlich um den bei uns seltenen Mumm Napa DVX handelte, freute mich sehr. Vielleicht könnte man Ludovic Dervin noch empfehlen, weniger laktische Noten zuzulassen, oder die Dosage etwas herabzusetzen (für die Schleckermäulchen gibt es ja eigens eine DVX Santana mit höherer Dosage).

2. Marc Hébrart Brut Premier Cru

75PN 25CH. 12,5 ha Pinots aus Mareuil-sur-Ay, Avenay Val d'Or, Bisseuil, Chardonnays aus Chouilly und Oiry.

Apfelspass vom stückigen Apfelmus und frischer Hefezopf. Ein Pinotchampagner, der wie Blanc de Blancs duftet und schmeckt. Würde es sich um einen Blanc de Blancs gehandelt haben, wäre ich nicht enttäuscht gewesen, so war ich sogar beeindruckt, denn dass man von einer Cuvée mit diesem Rebsortenverhältnis so in die Irre geführt wird, ist immer wieder verblüffend und lehrt einen auch nach langen Jahren der intensiven Champagnerverkostung immer wieder Demut. Unter Chardonnaygesichtspunkten ist bemerkenswert, wie dieser Champagner dem Apfelthema in einer seiner einfachsten Formen so lohnende Facetten abgewinnt.

Weiter entlang der Marne geht es zu

3. Yves Ruffin Brut Premier Cru Élaboré en Foudre de Chêne

75PN 25CH.

3ha in Avenay Val d'Or und Tauxières. Bioanbau seit 1971, dem Jahr nach Gründung der Domaine. Ausbau der Grundweine in Eichen- und Akazienholz. Drei Jahre Hefelager. 

Die 2009er Grundweine waren alle verschlossen, geheimnisvoll und kryptisch, die aktuelle gamme dagegen ziemlich vielversprechend. Der Eindruck bestätigt sich bei diesem sehr guten Champagner, der zu den besonderen Tips in der Champagne gehört. Schattenmorellen und Sandelholz, außerdem Hagebutte, Quitte, Sanddorn. Viel gesunde, aber nicht unangemessen auftrumpfende Säure, die ohne biologischen Säureabbau vielleicht genervt hätte, dazu krachendes Fruchtfleisch und ein klärendes Gaumengefühl.

Einmal um die Montagne herum und wir kommen zu

4. Henri Chauvet, Brut Réserve

60-70PN 30-40CH. Drei Jahre Hefelager. Mathilde und Damien Chauvet bewirtschaften 8,4 ha in Rilly-la-Montagne Premier Cru. Davon sind Pinot Noir: 6,20 ha, Pinot Meunier: 0,50 ha und Chardonnay: 1,70 ha.

Der Champagner ist nicht sehr fruchtig, höchstens zu Beginn etwas zuckerwattig und mit einer Andeutung heller Früchte, sonst herb und kraftvoll. Ich fürchte, der Brut Réserve war zu frisch dégorgiert, denn Reifepotential traue ich dem Champagner zu. Warum? Weil die Herbe für mich nicht fehlerhaft war, sondern Ausdruck der Cuvée an sich. Deshalb denke ich, dass dieser jahrgangslose Champagner genug Rückgrat hat, um ein paar Jährchen in der Flasche zu überstehen und in dieser Zeit ein Flaschenbouquet zu entwickeln, das unabhängig von Primärnoten einen schönen Champagner abgibt.

Dann geht es in das Massif St. Thierry, wo Selosseschüler Alexandre Chartogne wartet

5. Chartogne-Taillet, Cuvée Sainte-Anne

60CH 40PN, Basisjahrgang 2006 mit 20% Reservewein aus 2005 und 2004.

Dieser Standard-Brut gehört zu den kräftigeren, herberen Winzerchampagnern. Hier überwiegt nicht der Eindruck von überirdischer Leichtigkeit, sondern der von sorgfältigem Winzerhandwerk. So wie ich beim Fiacre die hervorragende Vermählung und sahnige Weichheit schätze, finde ich bei dieser Eingangscuvée die softe Dominanz der etwas herben Spätburgunder gegenüber der nicht quirligen, aber den Eindruck von Beweglichkeit vermittelnden Chardonnays gelungen. Wie ein schwimmendes Fundament legt sich der Chardonnay auf die Zunge und lässt darauf ein schnörkel- aber nicht schmuckloses Burgunderaromenbauwerk seinen Halt finden.

Vom Massif herunter Richtung Marne stoßen wir auf

6. Jean-Francois Launay, Cuvée Grain de Folie

Winzer aus Arthy, einem Örtchen in der Vallée de la Marne, in Richtung Paris direkt hinter Daméry gelegen.

Die Cuvée fällt zunächst wegen ihrer Aufmachung ins Auge, ganz im Stil beispielsweise der Belle-Epoque trägt sie nicht nur ein schnödes Etikett, sondern ist mit einer Teilrückenansicht einer Art-Déco-Schönen serigraphiert, die ein lächerlich kleines Champagnergläschen genießerisch in der Hand und gegen einen traubenüberrankten Hintergrund hält. Das ließ mich einen femininen, leichten, aufgrund seiner Herkunft meunierfruchtigen Champagner erwarten, doch das Exterieur täuscht. Im Glas war der Champagner garconnemäßig rank und drahtig, von einer listig wirkenden Art. Die schlanke Säure wirkte durchdringend und beinahe stechend, wie der Blick des tuberkulosegeschwächten Etikettenzeitgenossen Franz Kafka. Das überraschte mich und ich brauchte einige Zeit, um mich damit anzufreunden. Bis zum Schluss wurde der Champagner in kleinen Schritten besser, ein abschließendes Urteil habe ich mir aber nicht bilden können. Werde ich im Auge behalten.

Etwas abseits ist in Chalons-en-Champagne eines der am wenigsten bekannten großen Häuser beheimatet. In Châlons machte die französische Königsfamilie auf der Flucht vor den Revolutionären kurz Halt und ließ sich wenige Kilometer weiter östlich in St. Menehould der Legende nach noch ein letztes mal die berühmten Schweinsfüsse servieren – so erzählt es uns jedenfalls Alexandre Dumas in seinem Grand Dictionnaire de la Cuisine

7. Joseph Perrier, Cuvée Royale

35CH 35PN 30PM, drei Jahre Hefelager. Reservewein teilweise im 600l-Holzfass.

Mittelschwerer Wein, leider hatte ich ihn etwas zu warm im Glas. Die Trauben kommen ganz überwiegend aus der Vallée de la Marne. Minimale, an manche nicht ganz so gute Winzerchampagner erinnernde Chlornote, sonst fruchtig mit mineralischem Beiwerk, ausgeglichene Aromatik von noch jungem Champagner, fest in der Struktur, mit Flaschenreife sicher noch interessanter und ganz sicher ein guter Begleiter für Pieds de Cochon a la Sainte-Menehould.

Zu guter Letzt darf es auf dem Rückweg nach Epernay einer der schönen Einzellagenchampagner von Leclerc-Briant sein,

8. Leclerc-Briant Blanc de Blancs "La Croisette"

Biodynamischer Chardonnay aus der nach Osten ausgerichteten Einzellage La Croisette (0,37 ha). Sympathisches Detail: am hochwertigen Korkspiegel lacht die biodynamische Leclerc-Briant-Sonne samt Erzeugernamen an Stelle des immer gleichen "Grand Vin de Champagne" Schriftzugs.

Der Champagner ist ein stürmischer Geselle. Ideale Optik für Perlagefreaks, im ganzen Glas wild spiralige und feine Perlenketten. Beginnt mit verhaltener leicht mürber Apfel-Aprikosennase und rennt dann los. Überwiegend gelbfruchtig, nicht mit überschiessender Säure, vollreif, etwas exotisch. lustiges Zigeunermoll. Ein Champagner, dessen Herkunft aus dem Rotweinörtchen Cumières sich an der orientalisch-exotischen nicht schwabbeligen, aber gegenüber Côte des Blancs Chardonnays etwas fetteren Aromatik festmachen lässt.

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Mittsommernachtsschaum

1. Mumm Napa Brut Rosé

85PN 15CH, 5% still vinifizierter Pinot-Noir werden von Ludovic Dervin zugefügt.

Ehemals als Mumm Napa Blanc de Noirs deklariert, jetzt als Rosé. Mit Recht, wie die indifferente, zwiebelschalenfarbene Kupfertönung zeigt. Dieser Rosé ist so hell, dass er als dunkler Blanc de Noirs durchgehen könnte und erinnert insoweit an den ebenfalls sehr rötlich schimmernden Blanc de Noirs von Ulysse Collin – der sich mit dieser Farbe bei der amtlichen Prüfung erst durchkämpfen musste. Insgesamt ein guter Schäumer, gefällig, reif, wenig Säure.

2. Bernhard Huber Pinot Rosé 2005

Im Kern ein länger auf der Maische gebliebener Blanc de Noirs, also ein Mazerationsrosé, mit teilweisem Barriqueausbau und ca. 24 Monaten Hefelager. Leichter Pinotstinker, mit ausgeprägtem Champagnercharakter, spielt auf Grand Cru Niveau mit.

3. Bernard Tornay Rosé

Mild, weich, weinig, sehr elegant, sehr zurückhaltend, konnte mich nicht überzeugen, obwohl ich Tornay sonst sehr gerne habe. Andererseits hatte ich mir während des Spiels Deutschland – Ghana vielleicht etwas zu viel von der afrikanischen scharfen Kreuzkümmelsauce genehmigt.

4. Esterlin Blanc de Blancs Cuvée Cléo

Breites Säurespektrum, das ähnlich einem Prisma die verschiedenen Arten von Säure auffächert. Klare Chardonnaystilistik, trotz seines beeindruckenden Säurefächers etwas eindimensional für einen echten Spitzenchampagner.

5. Fratelli Lunelli, Riserva del Fondatore "Giulio Ferrari" Blanc de Blancs 1997

Die Liste der Auszeichnungen liest sich beeindruckend: Tre-Bicchieri Gambero Rosso 2007, Fünf Trauben im Duemilavini 2007, 95 Punkte/3 Sterne im Veronelli 2007, und Parkers Galloni ist mit 92 Punkten ebenfalls ganz aus dem Häuschen. Fruchtig, reif, nicht sehr viel Säure, erinnerte mich an einen sehr guten Premier Cru oder an einen der fruchtigeren Grand Crus im Norden der Côte des Blancs, hätte gut und gerne eine Mischung aus Pierry, Chouilly und Vertus sein können, war es aber nicht.

6. Voirin-Jumel Cuvée 555 Blanc de Blancs Grand Cru

Schwächer als sonst, kein so ausgeprägter Holzfasston wie bei anderen Flaschen. Ich bin mir nicht sicher, ob das mit zunehmender Flaschenreife immer weiter integriert wird oder ob der Erzeuger unter Varianzen leidet.

7. Törley Blanc de Blancs Brut Zéro 2006

Grundweine aus Lagen in Etyek-Buda. 36 Monate Hefelager. Vom Niveau her ein leichter und fruchtiger Premier Cru, dessen südländisch anmutende Reife mich nicht in meinem Fehlurteil beirren konnte (ich hielt den Sprudler bis zuletzt mit nur wenig Zweifeln für Champagner).


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Celebrity Death Match im Champagnerleistungszentrum (Teil IV.)

IV.1 Perrier-Jouet Belle Epoque 1971

Mit dem 71er habe ich schon gute Erfahrungen gemacht und es war mal wieder an der Zeit, zu sehen, wie sich dieser Champagner im Alter denn entwickelt. In Erinnerung hatte ich einen noch sehr lebendingen, aromafrischen und nur leicht anoxidierten Champagner, der einen leichten Rosécharakter hatte. Die Erinnerung trog nicht und der Champagner hielt, was die Erinnerung versprochen hatte. Die Belle Epoque 1971 gehört zu den großen, reifefähigen Champagnern, die der Gattung der Luxuschampagner eine über den reinen Protzigkeitsfaktor hinausgehenden Wert und die eigentliche Daseinsberechtigung verleihen. Anders als viele kleinere Champagner dieser Altersklasse hatte die 1971er Belle Epoque nicht nur Kuriositäts- und Seltenheitsunterhaltungsmehrwert, sondern auch geschmacklich einiges zu bieten. Natürlich war da eine prägnante Nussigkeit, sehr viel Toast, süße Kräuter und etwas gesüßter Milchkaffee. Deutlich wahrnehmbar waren überdies die sehr fidelen Beerenaromen und runzlig gewordener Apfel. Mit anderen Worten: der Champagner beginnt, sich ganz langsam aus dem Lager der noch mit Freude trinkbaren Oldies in Richtung der nur noch mit akademischem Interesse trinkbaren Champagner zu verabschieden. Ich werde meine letzte Flasche in den nächsten drei Jahren öffnen und dann hoffentlich auf eine lupenreine Genussbilanz mit diesem Champagner zurückblicken können.

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IV.2 Perrier-Jouet Belle Epoque 1976

Obwohl er jünger als der 1971er war, kam der 1976er etwas dunkler ins Glas. Korken und Mousseux unterschieden sich bei beiden nicht besonders. Trotz der Herkunft aus gleichem Haus und eines entfernt identifizierbaren Hausstils waren diese Champagner sehr verschieden. Der war 71er in Würde gereift, ohne Risse, Scharten und schrundige Kanten. Der 76er schien rückwärts zu altern. Die für einen weißen Champagner auch dieses Alters tiefdunkle, in rötliche Farbtöne spielende Färbung ließ ein kurzes Vergnügen, ein nur kurzes, mehr oder weniger verzweifeltes Aufbäumen (ein mir gut bekannter Weinakademiker sagt dazu immer "Opas letzter Ständer") vor dem abdriften ins Weinnirvana vermuten. Doch es kam anders. In der Nase anfangs verhalten, jedenfalls ohne Sherry- und Malznoten, allenfalls etwas obstig, vielleicht kräuterig. Im Mund die frische Überraschung: junge, saftige rotfruchtige Aromen, eine leicht aggressive Bissigkeit, zähe Griffigkeit am Gaumen und im Nachhall erst sahnige, an Butter, Toffee und Brotrinde erinnernde Aromen, dann, ganz zum Schluss und kaum merklich ein Müdigkeit ankündigendes medizinales, lakritziges Stechen. Verblüffend.

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Belle Epoque und Grande Dame im Champagnerleistungszentrum

Im Champagnerleistungszentrum treffen nicht nur junge Talente aufeinander und messen sich im friedlichen Wettstreit, nein, auch die alten Kämpen müssen zeigen, ob sie noch Dampf haben. Selbst alter Adel wie der einer Grande Dame und einer Belle-Epoque schützt nicht vor dem unerbittlichen Blick unter den Rock.

Veuve Clicquot, Grande Dame 1985: wuchtig, herb und sehr füllig. Im Glas war der Champagner dann weniger alte Witwe, als vielmehr ziemlich knackiges, wenngleich nicht mehr ganz taufrisches Mädel. Ein schicker Twen, was ja auch zum Jahrgang paßt. Verhaltene Säure und sehr viel weinige Würze, Andeutungen von Milchkaffee, Karamell, Buttertoffee und Kakao, aber alles wirklich nur hauchfein und in den nächsten Jahren sicher immer stärker werdend. Dieser elegante, noch herzhaft jugendlich wirkende Champagner spricht sehr für das Haus, bzw. die Kunst des seinerzeitigen Kellermeisters Peters. In der Jugend sind die Champagner immer haarscharf zu hoch dosiert für meinen Geschmack – passen dafür aber zu zahlreichen Speisen sehr gut, dazu gleich mehr -, im Alter zeigt sich dann, was die Réaction Maillard alles vermag. Korrespondierende Speisen waren:
– Brunnenkressesuppe mit pochiertem Wachtelei: definitiv kein dreamteam zur Grande Dame, die beiden standen sich in respektvollem Abstand gegenüber, bzw. einander zur Seite, gingen aber keine harmonische Allianz ein. Getrennt voneinander am besten, zusammen war mir die Mixtur zu spannungsvoll.
– Jakobsmuschel mit hauchdünnem Cräcker auf blanchiertem Kohl: sehr schmackhaft, Jakobsmuschel und Champagner sowieso, in Verbindung mit dem kleingeschnipselten Kohlgemüse und dem Keks dann noch einmal bereichert.
– Kaninchen mit Linsen und Speckschaum: eine Spitzenkonstellation, für Liebhaber von herzhaften Variationen rund um den Speck ein besonders schönes Erlebnis. Dankenswerterweise war das Kaninchenfilet mit einem schützenden und gut harmonisierenden Teigmäntelchen versehen, zusammen mit den reifen Noten der Grande Dame wundervoll.

Es folgte

Perrier-Jouet Belle-Epoque 1983. Ein erstes kleines Stinkerle im Glas wich schnell, mit Zeit und Luft wurde ich dann auf Kosten der von vornherein optisch müden Perlage Zeuge eines kleinen Chardonnaywunders im Glas. Bei älteren Belle Epoques zeigt sich eben immer wieder die grandiose Standfestigkeit der Cramantchardonnays. Die Nase betörend mit kandierten Zitrusschalen, der Mund von stahlharter Säure ausgekleidet, mit langem, feinstprickelndem Nachhall. Dazu gab es:
– Stubenküken mit Knoblauchconfit: Köstlich! Punkt.
– auf der Haut gebratenen Zander samt Fenchelgemüse: ebenfalls eine ausgezeichnete Kombination und ein würdiger Platzhalter für das als Auftakt genossene 2005er Leitz'sche Magdalenenkreuz.

Die crème brûlée hatte mit den Champagnern nichts mehr zu tun und vertrug sich dementsprechend bestens mit Barbeitos 1978 Madeira Verdelho, nach dem Käffchen gab es dann Reisetbauers Elsbeere, ein Brand den man am liebsten inhalieren will, bis das Glas leer ist. Schmeckt aber auch so ganz gut, wenn man Schnaps mag.

Fazit: Beide Prestigechampagner verwöhntem auf sehr hohem Niveau, zeigten sich den Speisen überwiegend gewachsen, wobei die Grande Dame in der Konfliktsituation mit dem Ei weniger gut abschnitt, als die Belle-Epoque mit dem Knoblauch.

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Ri-, Ra-, Rosé-Champagner

I. Billecart-Salmon Rosé
Der Rosé-Klassiker hatte ca. ein Jahr Flaschenreife, was gut war. Vollmundig, rund, facettenreich, zu Recht einer der tonangebenden Nichtjahrgangs-Rosés.

II. Alfred Gratien Rosé
Die spritzige, leicht aggressive Säure, lässt zunächst an jungen Jahrgangschampagner denken, aber wie so oft liegt alles nur am BSA. Nicht weiniger und auch nicht komplexer als der Billecart-Salmon, aber von sperrigerer Art; gefiel mir, vielleicht auch, weil er mir geringer dosiert vorkam oder einfach nur, weil ich ihn nicht gar so häufig im Glas habe, etwas besser.

III. Henri Giraud, Francois Hémart Rosé en Magnum
Mein wine of the night. Ricolakräuter und Orangenschale, anschmiegsam und trotzdem mit funkelndscharfer Säurekralle ausgestattet, der reinste Katzenchampagner.

IV. Denis Salomon Rosé de Saignée
Dieser Champagner war bäuerlich, kirschsaftig, eine Cuvée aus Meuniers. Mit etwas couragierterer Säure wäre er sicher attraktiver gewesen, hatte es nach dem Hémart aber natürlich sehr schwer. Die beiden wirkten im direkten Vergleich zwar nicht wie Cecilia Bartoli und Florence Foster Jenkins, aber vielleicht ein bisschen wie das iPhone 3Gs und ein handelsübliches pre-paid Handy

V. G. H. Mumm Rosé Millésime 1985
In der Nase deutlich frischer als im Mund, wo anstelle der belebenden Kohlensäure eine etwas ältliche Weintextur Raum griff. Für Freunde reifer Champagner noch mit Mehrwert zu trinken, für Frischefetischisten leider tot. Gerade für diesen Jahrgang ist das besonders traurig, denn meine übrigen Erfahrungen mit den 1985ern sind sehr gut und zeugen von langer Lagerfähigkeit.

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