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Monthly Archives: Februar 2015

Reisenotizen: Vitryat

Jeder mittelmäßig interessierte Champagnebesucher kann nach wenigen Tagen jeden Ort zwischen Villers-Allerand und Villers-Marmery in der richtigen Reihenfolge aufsagen, die Weinbauflächen aller Grand Crus der Côte des Blancs bis auf den Ar genau runterrattern und mit etwas mehr Engagement die Jahresverläufe der letzten hundert Jahre repetieren. Reine Fleißarbeit, die man von jedem Weininteressierten erwarten darf. Die Champagne als relativ kleines Weinbaugebiet ist eigentlich schnell erkundet, möchte man meinen. Und das Basiswissen schafft man sich schnell drauf, Details dann bei Gelegenheit. So meint man aber auch nur. So meinte auch ich immer, bis mir aufging, wie wenig ich jenseits der großen Ortschaften überhaupt kenne und weiß. Das Sézannais, die Seitentäler der Marne, praktisch die gesamte Aube – überall klaffen riesige Lücken. Eine besonders große klafft im Vitryat.

Das Vitryat, das ist die Gegend rund um Vitry le Francois. Eine zugige, früher für ihre Windmühlen, heute für ihre Windparks bekannte Region, die man beim Durchfahren an ihrer charakteristischen Fachwerkbebauung – die sich von der zB in Troyes unterscheidet – erkennt. Hier, so vermutet man, ca. 30 Kilometer südöstlich von Châlons en Champagne, schlugen die Römer (im weitesten Sinne) vor 1500 Jahren in einer Art Ur-PEGIDA Attilas Hunnen zurück. Von den also hier belegenen katalaunischen Feldern hat Châlons seinen Namen. Geschichtsträchtig ist die Region also.

Auch der Weinbau hat hier Tradition und lässt sich bis in das 16. Jahrhundert zurückverfolgen. In der Literatur wird das Vitryat irgendwie entfernt der Marne zugeschlagen, die Winzer vor Ort sehen sich mehr als nördlichste Bastion der Côte des Blancs. Man könnte das Vitryat auch eine zersplitterte Spiegelung von Montgueux nennen, denn wie der Kreidehügel unten im Süden ist der Weinbau im Vitryat auf Hügel verstreut. Aber nicht zufällig! Nachdem die Region die Hauptlast mehrerer Kriege zu tragen und die Reblauskatastrophe zu überstehen hatte, war von den einst tausenden Hektar Weinbergen nichts mehr übrig. Erst in den 1960er Jahren begann das CIVC mit der Rekultivierung. Die Gegend wurde mit hohem Aufwand wiederbelebt. Historische Forschung zeigte, dass der Chardonnay hier heimisch war und deshalb herrscht er hier heute wieder vor. Vorherrschen klingt dabei mächtiger, als die Landschaft bestätigt. Man kann nämlich durch das Vitryat fahren, ohne eine einzige Rebe zu sehen. Die sind alle auf haarscharf parzellierten Flächen an den Südhängen der verschiedenen, teilweise sehr steilen Hügel gepflanzt. So wollte es seinerzeit das CIVC. Tatsächlich hat man damals nur die geeignetsten Flächen mit ihrer charakteristischen graubrauntönigen Kreide für die Wiederbepflanzung freigegeben, ein zusammenhängendes Weinbaugebiet gibt es deshalb nicht. Das Vitryat besteht aus erratisch wirkenden Hügelrebflächen. Kurios.

Neugierig war ich deshalb auf die Champagner der heutigen Winzer und besuchte deshalb Charles Baffard von Champagne Baffard-Ortillon-Beaulieu in Bassuet. Dessen Weingut ist seit 1998 in einem entzückenden Fachwerkbau untergebracht, die Produktion findet mit modernster Technik statt, die Charles sich jedes Jahr neu mietet. Vinifikation erfolgt parzellengenau in Inox und zu einem geringeren Teil in Fässchen, die Reserve stammt aus einer im Fuder gelagerten Solera.      

Was auf dem Papier auffällt, ist die hohe Dosage der Champagner von Baffard-Ortillon. Im Glas merkt man davon nichts. Die Chardonnays hier oben im Norden vertragen einfach etwas mehr Dosage; beim sehr langen reifen kann das ein nicht zu unterschätzender Vorteil sein. Ein anderer Vorteil ist die geringe Krankheitsanfälligkeit der überwiegend sehr alten Reben. Alt, weil die meisten Reben aus der Zeit der Wiederbepflanzung stammen, also aus den 1960ern. Geringe Krankheitsanfälligkeit, weil hier stets ein frischer Wind weht und damit Botrytis & Co. wenig Gelegenheit zur Niederlassung bietet.

Der Brut Tradition "Authentique" aus 70CH 30PM ist mit 11 g/l dosiert, Apfel, Birne, Akazie und Zitrusfrüchte lassen sich davon aber wider Erwarten nicht einkleistern, die beiden Blanc de Blancs von Baffard-Ortillon habe ich bei anderer Gelegenheit schon beschrieben. Die beiden hatte ich nur zwei Wochen vor dem Besuch probiert, große Unterschiede gab es demgemäß vor Ort nicht zu konstatieren. Interessant war die Probe der Vins Clairs aus 2014. Sehr wenig Säure, ein sehr reifes Auftreten mit viel Litschi, Birne und Exotik zog sich durch praktisch alle probierten Vins Clairs. Der reinsortige Meunier stand charakterlich den Chardonnays sehr nahe und gab nur bei der Säure ganz leicht nach.  

Ein Besuch im Vitryat lohnt sich. Viele Erzeuger hat es hier nicht, viele verkaufen ihre Trauben weiter, insgesamt mag es an die 30 Winzer geben, deren betriebe, soweit ich sehen konnte, ziemlich gut in Schuss und weitere Erkundigung wert sind. 

Champagne in the (Purple) Brain

Purple Brain, Düsseldorf. Zwischen Le Flair und REWE-Markt liegt die Konzeptbar Purple Brain von Andrew Holloway, den Düsseldorfern vor allem aus dem Weinhandel rotweiss bekannt. Andrew bietet dort vom Vegemitesandwich (auf speziellen Wunsch) bis zum Onkel-Bier allerlei köstliche Kleinigkeiten an, Champagner (gut und günstig:  Nominé-Renard, bekannt und bewährt: Bollinger) natürlich sowieso. Und wo es Champagner gibt, zieht es mich wie durch Zauberkraft hin. Meist mit noch mehr Champagner im Gepäck. Denn zu probieren gibt es immer was und weil der Mensch nicht gern allein probiert, ist eine muntere Verkosterrunde schnell einberufen.

Als Opener habe ich den von mir so hoch geschätzten

Leclerc-Briant Brut Reserve en Magnum

mitgebracht, der auf der Zungenmitte immer etwas auszuufern droht, sich zum Ende hin wieder fängt, nicht zu hoch dosiert ist und trotzdem die breite Masse der Kunden im Blick hat, ohne die Biodynamiefraktion zu vergraulen, der er schließlich selbst entstammt. Schöner, starker, feinmürber Champagner, der an diesem Abend auch durch den Magnumeffekt lange als Maßstab herangezogen wurde.

Von

Champagne Florence Duchêne 

habe ich die beiden Schwestercuvées Kalikasan und Dimangan nachgeführt. Die sind deshalb schön im Vergleich zu trinken, weil sie über denselben DNS-Code verfügen, nur dass der Dimangan etwas höher dosiert ist. "Kann ich nicht beurteilen, muss ich nackt sehen" zieht dann nicht. Bzw. eben gerade doch, denn die Kalikasan ist ja die Dimangan in nackt, eine richtige fruchtbare Naturgottheit, deren 3 Gramm Restzucker nicht alt Wampe oder Speckrollen zu qualifizieren sind, sondern als Mütterlichkeitsattribut. 

Weg von der Mütterlichkeit, hin zum männlichen David Bourdaire von

Champagne Bourdaire-Gallois

der weit mehr als die zwei von mir mitgebrachten Champagner zu bieten hat, aber die beiden von mir für das Purple Brain ausgesuchten Champagner standen in einem gewissen inneren Probenzusammenhang zu Florences Babies. Von David hatte ich den Brut Tradition in seiner aktuellen und in seiner noch unveröffentlichten, resp. seit Ende Januar erhältlichen Fassung (reiner Meunier! Basis 2011, mit 4,5 g/l dosiert) mitgebracht. Die waren sich sehr ähnlich, erstaunlicherweise wirkte der jüngere von beiden trotz meiner Meinung nach ausreichender Ruhe nach dem Dégorgement fortgeschrittener und reifer, beide aber dennoch jung, knackig, ausgelassen und freundlich, was sich der Rebsorte verdankt, die ich praktisch gar nicht anders kenne. 

 

Ein anderer Winzer ist bei

Champagne Maurice Grumier

für den Spaß im Glas verantwortlich: der junge Fabien Grumier. Dessen Jahrgang 2006 hatte elenderweise Kork, so dass nur der Ultra Brut zum probieren übrig blieb, der im direkten Vergleich mit

Champagne Lallier

kein leichtes Spiel, sondern einen ausgemacht schweren Stand hatte. Der Lallier, ein Haus, das man immer nicht so recht im Blick hat, was die charmante Vanessa Cherruau hoffentlich recht bald geändert haben wird, zog alle Register eines Erzeugers dieser Größe: Rondeur, Grandeur, Finesse, gekonnter Umgang mit Dosagelosigkeit, geschickte Zusammenstellung der Grundweine, die typischen Vorzüge eben. Nachteil: der Champagner wirkt nicht gesichtslos, aber verschwommener als die überscharf herausgeabreiteten Konturen der kleinen Winzerlein. Richtig überscharf im Sinne von fast schon wieder schartig gewetzt war der Ultra brut von Grumier freilich nicht. Nur eben das Gegenkonzept zum Lallier. Individuell, zugespitzter, härter, schwerer zugänglich, mit viel im Mund hin- und herspülen dann aber doch irgendwann so weit aufgeknackt, dass er freudige Erregung hervorrief.  

Eine ganz andere Art von Champagner macht man in Bassuet, das ich bis vor kurzem noch nicht einmal grob in der Champagne hätte verorten können. Nun weiß ich, wo der Ort liegt und werde ihn häufiger ansteuern, den

Champagne Baffard-Ortillon

macht dort einen Blanc de Blancs Grande Réserve und einen Blanc de Blancs Cuvée Leone (eingepackt in ein orangefarbenes Schnürkorsett, wie eine Light-Version des Lackdingens, das Jean-Paul Gaultier einst dem Piper-Heidsieck Rare verpasst hat), die es beide in sich haben. Der Chardonnay lässt sich nur ganz schwer einer bestimmten region zuordnen, für Côte-des-Blancs boys ist das nichts. Zu leicht, zu flitterig, zu wenig Säure, keine Kreide. Auch in der Montagne oder im Sézannais würde man den nicht vermuten, aus der Côte des Bars vielleicht? Nein. Aus einem der zugigen seitentäler der Marne, wo sonst nur Meunier wächst? Iwo. Also: sehr leicht als Chardonnay zu erkennen, aber sehr schwer örtlich zuzuordnen. Sehr freidfertig, aber nicht von der dümmlich-harmlosen Art. Lohnt den zweiten und dritten Blick, bzw. Schluck, resp. Flasche. Oder Kiste.

Wieder ganz anders ist

Champagne Charlot-Tanneux

wo Vincent Charlot wirkt. Das ist einer der Winzer, die mir in jüngster Zeit mit am häufigsten empfohlen, nahegelgt und aufgedrängt wurden. La Fruit de ma Passion Extra-Brut (65PM 20PN 15CH aus den Lagen La Genette und Les Chapottes in Mardeuil, zusammen ca. 1.1 ha) und L'Extravagant "sans sulfites ajoute" Extra-Brut sind aufregende Weine, die viel Luft brauchen und sich dann dankbar entfalten. Vor allem gegen den Extravagant ist waffenfähiges Kokain ein armseliger Dreck. Sowas mitreißendes findet man selten, ähnlich habe ich glaube ich nur beim Parallelchampagner von Dominique Moreau empfunden. Der Fruit de ma Passion ist eine nicht unbedingt notwendige, aber sehr lehrreiche Stufe auf dem Weg dorthin. Er macht klar, wie Vincent Champagner verstanden wissen will, seinen eigenen zumindest. Entschiedenheit, Finesse und Sensibilität verdanken sich möglicherweise dem Boden hier, die Kreide findet sich am Fußabschnitt der Hügel, der überwiegende Teil ist Sand und eine ganze Menge Silex findet man ebenfalls. Leider gibt es nur sehr wenige Flaschen.

Getrunken wurden nicht nur Pärchen, einzelne Flaschen gab es auch. 

Champagne Paul Déthune Blanc de Blancs

war im Kontext der ganzen niedrigdosierten Champagner doch sehr süß. Nicht schlecht, aber sehr süß.

Champagne Clément-Perseval Brut Premier Cru

war zum Beispiel so einer von den Champagnern, die dem Déthune das Leben schwer machten. Agil, wendig, facettenreich, wandlungsfähig, eine richtige kleine Korvette im Vergleich zum dicklicheren, brachialeren Déthune, der speckiger glänzte, rundlicher satter und sättigender war. Sehr viele Sympathien konnte

J.L. Vergnon Cuvée Eloquence Extra Brut

auf sich vereinigen, ein mit 3 g/l dosierter Blanc de Blancs (aus Avize, Oger und Le Mesnil), wie er im Buche steht. Der Artisan de Champagne gefällt mir jedes Jahr gut, vielleicht gerade weil er nicht dem plakativ-eloquenten Stil entspricht, der eher als redselig gelten kann, sondern weil bei ihm alles so schön abgewogen und bedacht ist.  

Von meinen wenigen Flaschen, die ich aus dem Hause 

Champagne Daniel Savart Cuvée l'Ouverture

habe, konnte ich guten Gewissens eine für die gute sache opfern. Und wie immer schmeckte mir der Overture saugut. Wie ein Antikörper an das Antigen andockt, belegt dieser "einfache" Savart aus 100PN bei mir alle Schaltzellen der Glückseligkeit. Das ließ sich nicht mehr steigern und so wich ich ganz zum Schluss auf den ewig zuverlässigen, aber viel leichteren, gelinderen

 

Champagne Nominé-Renard Brut en Magnum

aus, dem jede Form von Konkurrenzdenken fremd ist, der vielmehr ein vermittelndes Naturell hat und dabei seine Eigenständigkeit bewahrt wie ein Einigungsstellenvorsitzender im Arbeitsrechtsstreit zwischen Arbeitgeber und Betriebsrat.

WWW: Wein Wegwuppen in Warendorf

Aufmerksame Leser und Weininteressierte sind dem Landhotel Aust von Uwe Aust in Warendorf schon mehrfach begegnet, überwiegend im Zusammenhang mit Stillweinproben von Format. Da Uwe Aust selbst ein Mann, Koch und Weinwahnsinniger von Format ist, lasse ich mich immer wieder gern dorthin ziehen. Kulturbeflissene werden außerdem die Möglichkeit schätzen, in der nahegelegenen Freckenhorster Stiftskirche den berühmten Taufstein und das gewaltige Geläut zu bewundern. Meine Bewunderung galt bei letzter Gelegenheit Anderem:

1. Marinierter Ji Hao Lachs mit asiatischer Vinaigrette und Wildkräutersalat

2. Gebratenes Gänsestopflebermedaillon auf Pastinakenpüree mit Mango-Kürbisceme

3. Gebratenes Steinbuttfilet auf Stockfisch-Brandade mit Safran-Anisschaum

4. Gebratene Jakobsmuscheln auf Blattspinat mit Ochsenschwanzragout und Portweinbutter

5. Rosa gebratenes Black Angus Rinderfilet mit Schnippelbohnen, gefülltem Kartoffelwindbeutel

und Hoisin-Sauce

6. Törtchen von der Haselnuss mit Himbeercoulis

Dazu gab's als Eröffnung den ewigguten

J.J. Prüm Graacher Himmelreich Spätlese  2002, 

zu dem mir schon gar nichts anderes mehr einfälltt, als dass er eben so schweinelecker ist, wie sein Name vermuten lässt. Im Grunde hätte ich davon im Laufe des Abends bequem noch vier bis vierundzwanzig weitere Flaschen leeren können, um mich dann zufrieden ins Bett zu rollen und das Geläut der Stiftskirche abzuwarten. Doch es wartete noch Arbeit. 

Besserat de Bellefon B de B,

die erste richtige Prestigecuvée von Besserat, deren Cuvées des Moines jahrein jahraus zuverlässigen Champagnerspaß bereiten und deren Programm immer seltsam unabgeschlossen wirkte, wie ein Sakralbau ohne krönende Kuppel. Jetzt ist es endlich soweit und der Champagner, wenngleich jung, schmeckte mir gut. Er erinnerte an einen Blanc de Noirs aus der Grande Vallée de la Marne, verzauberte mit einer Blaubeermuffinnase, die ich so noch nie wahrgenommen hatte, hielt sich mit angenehmer Dosage und Holznoten, die nicht spü-, sondern mehr erahnbar waren, in einem angenehm deliriösen Schwebezustand. Der wurde holzhammerhaft beendet von

Ninot Crémant de Bourgogne 1953,

dessen Minztoffeenote und eine leicht stichige, von Pilzen und reifer, süsser Metallik, genausogut ein sprudelnder Pessac mit hoher Dosage hätte gewesen sein können. Ich trinke solche Sachen ja für mein Leben gerne, vor allem schnell und in großen Schlucken, ich verstehe aber, wenn sich andere davon nicht angezogen fühlen. 

WG Britzingen Burgfräulein Spätburgunder Rosé en Magnum

hatte es nach so einem Gewaltschlag schwer. Rosenblüte konnte ich immerhin noch vernehmen, nur war mir der Sprudel nach der Ladung alter Aromen zu harmlos und verfügte, eine Unart süddeutscher Sekterzeuger, über viel zu wenig Säure. Das Säureproblem hatte 

Clos de la Coulée de Serrant 1990

nicht, obwohl es der erste Jahrgang von Nicolas Joly war, der einen biologischen Säureabbau durchlaufen hat. Schon bei anderer Gelegenheit fand ich, dass der 90er Coulée de Serrant ein Langsamläufer ist, der erst mit sehr viel Luft und speziell zum Essen ab- und auftaut. Bleistift, Bittermandel, herzhafte Nuss, Stahlsplitter, wie sie sich beim Bohren in Stahlplatten bilden, prägten meinen Eindruck von diesem Wein. Genau richtig war es deshalb,

Charles Dufour Blanc de Blancs

nachzuschieben, dessen volle, weinige Nase auf der reichhaltigen Kargheit des Jolyweins aufbaute, dabei kompromisslos trocken blieb und sich dem hohen Alkohol vom Vorgänger mühelos gewachsen zeigte; beinahe paradox schien mir dann, wie saftig er bei aller Trockenheit wurde, gefreut habe ich mich über die üppige Kerbel-, Estragon-, Fenchel- und , Aprikosenkernaromatik. Gesteigert und zugespitzt wurde das in 

Charles Dufour Avalon,

wo Apfelkuchen und Basilikum dominierten und oszillierten. Was kann man probentaktisch tun, um jetzt nicht in eine Sackgasse zu geraten? Eine Zigarre rauchen zum Beispiel. Oder koksen. Beides schien jedoch untunlich. Also griffen wir zum Riesling:

Georg Breuer Schlossberg 2001,

Dessen Stinkenase annullierte so gut wie jeder noch so gute Stumpen oder 1a-Tropanalkaloid vorherige Naseneindrücke, im Mund wirbelte er trocken, rassig, schlank und schön umher, wie ich es selbst bei deutlich jüngerem trockenem Riesling nur im Bestfall je erlebt habe. Einmal rekalibriert, konnte es mit

Champagne Mumm, Mumm de Cramant,

weitergehen. Dieser bis heute von einigen wenigen Erzeugern gepflegte Stil mit dem niedrigeren Flaschendruck und der besonders sahnigen Mousse reift sehr elegant und langsam, was wahrscheinlich daran liegt, dass der klassische Crémant de Champagne aus dem Herzen der Côte des Blancs, stammt. In Crémant scheint er ganz ursprünglich beheimatet zu sein, aber auch in Avize und bis hinunter nach Le Mesnil (wo er schonmal als Perle de Mesnil etikettiert wird) kann man sich traditionell damit anfreunden. Ein guter Freund des Mumm de Cramant könnte der reife, sehr volle,

Pommery Apanage 

sein, der schmeckt wie ein Champagner aus den 90ern. Das bedeutet auch: zwar nicht schlecht, aber weit vor seiner Zeit gealtert. Wenn wir damit aromatisch schon unfreiwillig in die Neunziger zurückgeworfen wurden, konnte

Pegau 1990,

kein Fehlgriff sein. Klarer, gestählter, zusammengeraffter und gleichzeitig noch charmanter als wenige Tage zuvor in Berlin. Zum

Château Musar 1989,

mit viel Rosmarin- und Garrigue konnte nichts oder nur wenig besser passen, als das Rindefilet mit Bohnen und Hoisinsauce. Die beiden, Bohnen und Sauce, gaben das Thema vor, der Wein nahm es auf und variierte es durch, darin ist er schließlich ein Meister und ein in Rotwein übertragenes Musikalisches Opfer, nämlich eine herrliche Fuge über ein königliches Thema, weshalb dem kurz darauf verstorbenen Serge Hochar als spiritus rector ewiger Dank gilt. Um einen gelungenen Abend zu Ende zu bringen, braucht es nicht unbedint einen Dessertwein für mich. Wenn doch, dann bleube ich am liebsten in Deutschland. Wenn das nicht geht, ist Frankreich ein verlässlicher Lieferant geeigneter Kreszenzen. Wobei ich weniger an Sauternes und Elsass denke, als an die wenig beachteten Gegenden im Katharerland zum Beispiel, wo man sich auf den Umgang mit Muscat d'Alexandrie, Muscat Petit Grains und der Herstellung von vin doux naturel versteht. Zu den schokoladigsten Weinen, die dennoch nicht den Mund verstopfen, gehört für mich der Banyuls. 

Mas Blanc Banyuls Vieilles Vignes 1985

war aus diesem Grunde die richtige Wahl zum Dessert. Schokolade, Himbeere, Haselnuss, Konzentration alter Reben in gereifter Form und die alles durchschlängelnde, sehr fitte Säure des Weins waren so erlösend, wie ein durch zufälliges Herumknobeln plötzlich richtig zusammengestecktes IQ-Spielzeug.  

Pommery Louise 1999

machte es mir zum Schluss noch einmal sehr einfach, mich im Einklang mit der Welt zu fühlen und entschädigte für den überreifen Auftritt der Apanage, eine Steigerung war dann nur noch möglich durch einen meiner ganz großen Favoriten, der entgegen aller erwartung und teilweise auch Erfahrung nicht totzukriegen ist:  

Dom Pérignon 1990,

zusammen mit 1996 einer der Kontroversjahrgänge der Champagne. Voreilig als Überjahr propagiert, vielfach zum falschen zeitpunkt, mit falschen erwartungen geöffnet, vielfach nicht so vinifiziert, dass er den berechtigten Erwartungen gerecht wurde, von der Natur mit allem verschwenderisch gesegnet, leider selbst zu oft verschwendet. In perfekt erhaltenen Flaschen ohne negative Varianz ist der 90er Dom noch immer ein Monument der Leichtigkeit, eine himmelstürmende Meisterleistung, der Burj Khalifa unter den Champagnern, aber in gotisch. Ein schönerer Schluss- und Schlummertrunk ist beinahe nicht denkbar.

Bring er mir Sekt, Schurke

Gleichsam als Neben-, nicht Abfallprodukt zu einer Probe der verschiedenen Dégorgements des vielbesprochenen Buhl-Sekts gab es eine Reihe anderer Sekte zu probieren, von denen ich einige gewürdigt wissen will.

Peter Weritz brachte mit einen

Sonneck Solitär Riesling Sekt Brut, der sehr kräftig, mit männlicher Herbe und sauber abgeduschtem Athletenkörper punkten konnte.

Ich habe den von mir hochgeschätzten 

Erbeldinger Chardonnay Brut Nature,

mitgebracht, den ich bei einem Besuch auf dem Weingut für zwingend mitnehmenswert hielt und der sich in den letzten Monaten prächtig entwickelt hat. Leider gibt es diesen Sekt quasi nur für den Privatgebrach der Familie, aber wenn dieser kleine Beitrag helfen kann, die Nachfrage zu erhöhen und die Produktion eines Chardonnay Brut Nature dieser Güte zu verstetigen, dann hat sich meine Mühewaltung unbedingt gelohnt. Mit geradezu schieferiger Würze, merklichem Restzucker, der dem empfindlichen Chardonnay aber keine Narrenkappe aufsetzt und einer in der Runde mehrfach gehörten, vermuteten Beeinflussung von Holzaromen war das eine der Neubekanntschaften unter den Sekten, die mir in den letzten ein- bis eineinhalb Jahren am besten gefallen hat.

Die Rheingauer Sektwelt wäre eine andere, schwächere, ärmere, ohne die Sekte aus dem Hause Barth. Mark Barth brachte seinen

Barth Riesling Extra Brut,

mit, dessen fruchtige Nase und dezentfruchtiger Mund, vergnüglich, sauber, aber etwas kurz angebunden wirkten. Erst ein Glaswechsel holte mehr aus dem Sekt, weshalb ich dazu rate, ruhig ein paar verschiedene Schaumweingläser vorzuhalten, und zwar von beiden Sorten: bauchig und flötig. Mir gefiel der Riesling Extra Brut am besten aus dem Lehmann-Jamesse-Glas (dem kleinen, eigentlich für Champagner vorgesehenen), dessen bauchige Form erlaubte dem Riesling, sich optimal der über ihm im Glas liegenden Luftschicht mitzuteilen, was dem gelungenen Trinkvergnügen sehr förderlich ist.

Barth Ultra,

hat mit seiner bekannt komplexen Nase, deren sanfte Nussigkeit Erinnerungen an Bouzy-Pinot wachzurufen geeignet ist, schon seit Jahren meine Sympathie. Die anklingende Süße stört kaum.

Großes Staunen löste der Sekt vom

Weingut Balthasar Ress, "Von Unserm" Brut Nature,

aus. Das ist Rheingaurieslingcharakter in Sekt übersetzt – was leicht und fast selbstverständlich klingt, ist wegen der völlig anderen Methodik in Wahrheit schwer, vielfach wahrscheinlich sogar nur purer Zufall.  Mit seiner gelungenen Trockenheit, Würze und konsequent langgliedrigen Ausstrahlung ist er ganz und gar unkatalektisch, aromatisch geschlossen und ein echtes Gourmetvergnügen.

Peter Weritz ließ noch einen

Rieslingsekt 2007

der 100% neues Barrique von innen gesehen und eine sehr hohe Restsüße von 8 g/l hatte, weshalb er ohne Dosage auskam (aber wohl nicht als Brut Nature firmieren darf). Aprikose, Pfirsich, sanfte Süffigkeit und eine trotz der Süße und des merklichen, aber nicht erdückenden Holzeinflusses ausgezeichnete Beweglichkeit am Gaumen zeichnen diesen Sekt aus. 

 

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