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Aus dem Champagnerlabor

Besonderes Kopfzerbrechen bereitet mir schon länger die Antwort auf die Frage, wieviel Zeit von der gierigen Deglutition des Champagners bis zur soteriologischen Erek-, nein Eruktation beim Manne, bzw. zum niedlichen Singultus der Frau schicklicherweise zu vergehen hat.

Ich führe deshalb regelmäßig kontrollierte Selbstversuche durch, bei denen ich die Umschaltgeschwindigkeit von Luft- zu Speise-, resp. Trinkröhre ermittle und mich redlich mühe, Champagner aus unterschiedlichsten Gemäßen in verschieden(st)en Kadenzen mir einzuverleiben. Damit dabei der Überblick nicht verloren geht, halte ich die Resultate meiner Untersuchungen fest und veröffentliche sie sogar teilweise zum gemeinen Nutz und Wohl.      

Im Rahmen meiner neuesten Forschungsarbeiten mussten deshalb wieder einige Champagner das Zeitliche mit dem Ewigen vertauschen. Als Grabschmuck gab es Balik Lachs, Prunier Caviar, Käse und marrons glacés. Und u.a. die Chips von Pfannifrisch, die noch nicht im Handel erhältlich sind, aber so gut schmecken, dass es sie gefälligst bald zu geben hat – das aber nur als Randnotiz.

1. Bollinger Grande Année 2002 Bond Edition

Bollinger brilliert ja jedes Mal, wenn man eine Flasche von da aufmacht. Oft denke ich sogar, ich hätte mich daran sattgetrunken und bräuchte jetzt gar nicht unbedingt einen Bollinger im Glas, dann kommt aus welchem Grund auch immer doch welcher rein und ich bin wieder elektrisiert. So war es bei der 2002er Grande Année schon verschiedentlich und mittlerweile ist die Auswahl an Grande Années richtig breit geworden, vor allem wenn man die Abstufungen der R.D.s hinzunimmt, vielleicht so breit wie bei keinem anderen Erzeuger. Begonnen beim 1990er über den erstaunlichen 1995er, den ruppigeren 1996er, zum pummligeren 1997er, über 1999 und 2000 hinweggeglitten bis hin zum 2004er, den 2002er als einen der geschniegetsten mittendrin. 

2. Tristan H. Cuvée Iseult

Eine Herzensangelegenheit von Tristan ist seine Cuvée Iseult. Die ist weiblich, wandlungsfähig, nicht zu verwechseln mit launisch. Der Pinot ist nicht zu schwer und bodennah, sondern flitternd, auf eine unterhaltende Weise glamourös, der eingängige Chardonnay leistet seinen Beitrag in coolestmöglicher Manier, ohne dass der Champagner abgehoben wirkt. Das mag in Teilen am Winzer liegen, der so liebenswert und freundlich ist, dass man diesen Eindruck auf seine Cuvées überträgt ohne darüber nachzudenken, wie so ein Champagner in einem glitzernden Neunsterneschuppen in Shanghai wirken würde.

3. Charlot Cuvée Speciale Extra Brut

Wie schön spielte der Extra Brut aus der in Dreigrammschritten dosierten Speciale-Serie doch jetzt auf. So viel Saft und Kraft, aber nicht so, dass er vor lauter Kraft nicht mehr gehen könnte. Also eben nicht der Muskelprotz, zu dem manche Champagner neigen, wenn der Winzer vergisst, eine Kontrollfunktion einzubauen, hier in Form von Butter, Crème Brûlée und Milchkaffee. Deutschen Verkostern kommt sowas immer überreif, oxidativ und was weiss ich nicht alles vor. Mich stört's selbst bei einem vergleichsweise jungen Champagner nicht, ich stelle das aber durchaus beim Alterungspotential in Rechnung. 

4. Dehours Collection Blanc de Meuniers 2007

Von Jérôme Dehours sind die Einzellagen besonders begehrenswert und bisher ohne erkennbare Schwäche. Dabei könnte ich nicht sagen, dass sich der Schwerpunkt seines Könnens beim Pinot Meunier festmachen lässt. Dazu sind die anderen reinsortigen Champagner von ihm viel zu stark. Aber eine ortsbezogene Verpflichtung gegenüber dem Meunier lässt sich kaum leugnen. Deshalb schaue ich bei Dehours gern in die zweite Reihe, hier in Form der Jahrgangscollection. Die ist merklich näher an den typischen Eigenschaften der Rebe, leider auch im negativen Sinn. Dadurch wird der Champagner nicht schlechter, aber man muss diese Typizität wollen. Beim Meunier 2007 ist eben nicht alles bis ins letzte durchdacht und perfektioniert, da tun sich Spaltmaße auf, wie man sie bei englischen Sportautooldtimern hinnimmt, bei modernen Produkten aber nur als Liebhaber zu tolerieren bereit ist.

5. Pol-Roger Cuvée Sir Winston Churchill 2000

Was ich eben zum Bollinger gesagt habe, trifft in gewisser Weise auch auf Pol-Roger zu. Nur dass bei Pol-Roger die Produktpalette bedeutend größer und dadurch in den letzten zehn Jahren etwas unruhiger geworden ist. Vor allem das Dosagethema wurde bei Pol-Roger nicht so fugenlos bearbeitet, wie ich mir das gewünscht hätte. Um mich damit nicht unnötig zu belasten, habe ich den jüngsten Neuzugängen meines Handvorrats aus dem Hause Pol-Roger etwas Ruhe und zeitlichen Abstand gegönnt. Das hat sich gelohnt. Jedenfalls bei der Cuvée Sir Winston Churchill 2000, der ich in meiner grenzenlosen Hoffnung immer schon viel zugetraut habe, Jahrgang hin oder her. So delikat wie ein geschälter Pfirsich, ganz ohne jede unwirsche Überheblichkeit, die man bei einer Cuvée dieses Zuschnitts erwarten oder befürchten könnte.Trotz des traditionellen Übergewichts an Pinot Noir wirkt der Champagner ausgewogen, als wäre der Pinot nur gedanklich in der Übermacht. Am Gaumen merkt man natürlich schon eine Dichte, für die man die Mixverhältnisse verantwortlich machen kann; nur ist dieser SWC eben so erudiert, dass Technikfragen völlig zurücktreten.

6. Marc Hebrart Special Club 2008

Ein ist Paul Hébrart und seine Champagner sind seit Jahren eine sichere Bank. Klarer Fall, dass 2008 dort gelingen musste. Die Dosage ist hier geringfügig höher eingestellt, als mancher Champagnerpurist sich das wünschen mag, aber Champagnerdosage ist nunmal kein kirchenrechtliches Dogma und mehr als sonst gilt beim Champagner: jeder wie er will und toll, wenn's klappt. Für mich ist der Specual Club von Hebrart einer der ganz großen Freudenspender. Unernst, trotzdem inspirierend, munter, kregel und zum Leichtsinn verleitend, euphorisierend, tonisierend und besser als jeder noch so gelungene one night stand.

7. Jean Vesselle Oeuil de Perdrix

Als Rosé ist dieser hellzwiebelschalenfarbene Pinot-Champagner von Delphines 11 Hektar im Hanutaterroir von Bouzy kaum zu erkennen, solange man ihn nicht im Mund hatte. Dort zeigt er sofort, aus welchem Stall er kommt. Erdbeere, Törtchen, Nuss, aber davon nur ganz wenig. Lang, weia! Waga! Woge, du Welle, walle zur Wiege, wagala weia, Wallala wogend wie die Rheintöchter aus dem Ring (des Nibelungen). 

8. Nicolas Feuillatte Palmes d'Or 1999

Als hätte ich es gewusst oder zumindest geahnt. Erst seit paar Tagen ist bekannt, dass der eponymische Monsieur Feuillatte im gesegneten Alter von 88 Jahren verschieden ist. Fiducit. Fiducit auch, Palmes d'Or, in absichtsloser Vorausahnung. Nach dem zierlichen Oeuil de Perdrix von Vesselle war das ein absehbar mächtiges Geschoss (vulgo: Oschi), das unmittelbar nach dem Bollinger sicher besser gepasst hätte. 

9. Agrapart Mineral 2007, dég. Sep. 2013

Chardonnay aus Avize, so ruhig und beruhigend, in sich geschlossen und firm wie man ihn nicht oft bekommt. Er braucht nach dem Dégorgement gut und gerne sein neun bis zwölf Monate Ruhe, Enthusiasten trinken ihn schon früher reulos.

10. Daudet-Cotel 

Als ich bei Michel Drappier zu Tisch war, wies mich der auf Champagne Dautel-Cadot hin, dort würde ich einen bemerkenswerten Weißburgunderchampagner finden. Da ich sowieso in Essoyes noch zu tun hatte und mich mit Charles Dufour treffen wollte, bot sich ein Abstecher zu Dautel-Cadot an, bzw. drängte sich auf. Die dort mit Sylvain Dautel verkosteten Champagner waren leider alle viel zu kalt und ließen nur wenig erkennen. Also musste eine Testreihe mitgenommen werden, vor allem der Pinot Blanc interessierte mich natürlich. Und siehe, mit Ruhe und wohltemperiert offenbart sich die ganze Eleganz und blühende Fülle dieser Rebsorte, deren Aromatik nie auf Champagner weist, die aber in den Händen eines Champagnerkönners bis zur Machbarkeitsgrenze ausgelotet werden kann. Bei Dautel-Cadot wirkt der Weißburgunder besonders blütenduftig und fruchtig, auch reif, saftig und mir, der ich gerade solche Champagner dosagelos bevorzuge, eigentlich zu süß, aber das bedeutet nichts. Denn Sylvain legt es auf gourmetfreundliche Champagner an, die sich nicht so sehr im Laborvergleich, sondern beim convivialen Weindîner bewähren sollen.   

11. Christian Senez Cuvée Renoir

Christian Senez macht angenehme Champagner zu vernünftigen Preisen. deshalb war meine Freude groß, als ich erfuhr, dass die Distribution in Deutschland vorankommt. Bei meiner letzten Aubetour habe ich gegenüber den unmittelbar zuvor genossenen Kreationen von Charles Dufour zwar einen merklichen Abfall hinnehmen müssen, aber wenn man es umgekehrt aufreiht oder auch gleich ganz nur bei Senez bleibt, oder aber nach einer langen Verkostungsrunde sich einfach so ein Fläschlein Senez genehmigt (so zuletzt erwiesenermaßen erfolgreich und krampflösend praktiziert nach, bzw. während eines anstrengenden Berlinaufenthalts), dann geht's. Gefällig mit leichtem Säurekick, ein Champagner, der keine unnötigen Fragen stellt oder aufwirft, sondern einfach nur helfen will. 

12. Piollot Rosé de Saignée 1982 dég. à la volée

Am Ufer der Seine liegt das kleine Gut von Dominique Moreau (= Champagne Marie-Courtin). Ihr Mann macht dort auch Champagner, den er unter eigenem Familiennamen verkauft. Im Keller hat er scheinbar noch erhebliche Mengen älterer Ware liegen. So richtig wild aufs verkaufen ist er damit nicht; eigentlich erfuhr ich das mehr zufällig und beiläufig und eigentlich sagte ich mehr spaßßeshalber, dass ich ja ganz gern auch davon mal etwas probieren wollte, denkend, es würde sich um so altes Zeugs handeln, für das er sich vielleicht ein wenig schämt, so defensiv, wie das alles klang. Ohne große Erwartuzng, zumal nach der sehr hohen Vorlage seiner Frau, probierte ich dann eine Flasche vom 82er Rosé de Saignée und hätte am liebsten gleich die ganze Restpalette vom Fleck weg gekauft.  Unwahrscheinlich frisch, durch das Handdegorgement gleichsam alterslos, mit ein wenig Buchenrauch und Mandel, köstlichem Speck, gekonnten Burgunderanleihen, cold brew coffee und massig torrefaction, obwohl ausschließlich im Stahltank gelagert, war das ein krönender Abschluss meiner Versuchsreihe.

 
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