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Champagnergrandezza

Im Rumpenheimer Schloss floss der Champagner standesgemäß. Der aus morganatischer Ehe stammende Franciacorta (Franco Ziliani von Berlucchi, der gemeinhin als Erfinder des Franciacorta-Schaumweins gilt, hatte seine Kenntnisse bei Moët et Chandon erworben) von Ca del Bosco machte den Anfang.

1. Ca del Bosco Brut Prestige, dég. Frühjahr 2010

75CH 15PN 10 Pinot-Blanc, mit 10 g/l dosiert

Die Erntemenge des Basisjahrgangs 2007 liegt bei schmalen 8800 kg/ha, das wäre für Champagneverhältnisse bedrückend wenig. Beachtliche 134 Lagen bilden den Cuvéegrundstoff, vergoren wird temperaturkontrolliert im Stahltank. Der Reserveweinanteil beträgt 20%, die Hefelagerung findet bei konstanten 12° C statt, was für Champagneverhältnisse wiederum relativ hoch wäre. Die sonstigen technischen Werte: der pH-Wert liegt bei 3,18, die Gesamtsäure bei 5,55 g/l, freie Säure bewegt sich mit 0,34 g/l umher. Dieser saubere Franciacorta ist ein schöner Einstieg in jede Champagnerprobe, weil er bei einer Blindprobe meist nicht als Nicht-Champagner erkannt wird, sobald dann aber ein Champagner folgt, die Teilnehmer nachgrübeln lässt. In sich stimmig, mit seiner angenehmen Röstnote und dem Honigton etwas robust gewirkt, ist der größte Unterschied zum Champagner der Säureeindruck. Würde man den Pinot-Blanc weglassen, könnte dieser Schäumer dadurch bestimmt noch ein wenig gewinnen.

2. Taittinger Prélude Grands Crus

50PN 50CH

Ein anderer von mir gern gewählter Einstieg in Champagnerproben geht über den auch wegen seines Namens dafür gut geeigneten Prélude von Taittinger. Zum Kalibrieren des Gaumens ist der milde, weiche damenhafte und doch schon leicht ins Süffige neigende Champagner wie gemacht. Gegenüber dem Franciacorta trumpft er nicht allzusehr auf, hält ihn aber diskret auf Abstand, was probentaktisch besonders sinnvoll ist, da es eine escalatio praecox vermeiden hilft.

3. Taittinger 2004

50PN 50CH

Ein weiterer Schritt in den Champagnerpantheon geht über die Stufe des Jahrgangstaittinger, den ich im letzten Jahr mit viel Konzentration und Entwicklungsfreude bei der Sache gesehen habe. Nachdem ich bei den großen Häusern nicht immer ganz froh mit der Dosage bin, habe ich zuletzt bei Taittinger und Pol-Roger etwas genauer darauf geachtet, wie mit dem Thema umgegangen wird. Bei Pol-Roger schin mir die Dosage immer grenzwertiger zu werden, bei Taittinger war die Gefahr nie so konkret, bloß eine gewisse Schwammigkeit musste ich bei den jungen Cuvées bemängeln. Zwischenzeitlich hat sich bei beiden Häusern eine Entwicklung gezeigt, die meine Befürchtungen relativiert. Mit zunehmender Flaschenreife ist die anfänglich störende Süße ein Faktor, der umstandslos zurücktritt, bzw. den Schleier über den Aromen lüftet. Mandel, roter und grüner Apfel, Blütenblätter, Brioche kommen hier wie aus dem Nebel hervor und geben dem Champagner ein überzeugendes Äußeres.

4. Claude Cazals Clos de Cazals Blanc de Blancs Grand Cru 1998 Fl. #20

Tiefsitzende Mineralität und eine säurebändigender Extrakreichtum bestimmen diesen Champagner. In der Nase ist nicht gerade wahnsinnig viel los, da ziehen Kreide und Apfel ihre Kreise, kaum mehr. Im Mund keine Knalleffekte, keine abgefahrenen Säureexzesse, sondern ein kantiger, etwas unbequemer Chardonnay, der es zunächst schwer macht, ihm zu folgen. Nach dem ersten Schluck merkt man erst, wie kunstvoll dieser Champagner gebaut ist. Denn erst wenn man der ebenso ruhigen wie intensiven Säureempfindung hinterhersinniert, merkt man, wie überaus lang und klar diese Säure eigentlich ausklingt. Beim nächsten Schluck versucht man von Beginn an auf die Säure zu achten, wird aber von knirschendem Extrakt abgelenkt und hat den passenden Moment schon wieder verpasst. Erst beim dritten oder vierten Schluck ist alles so weit abgesteckt, dass man sich ganz auf die Säure konzentrieren kann, die sich dann ganz zu recht im Glanz der Aufmerksamkeit sonnt.

5. Lanson Blanc de Blancs Noble Cuvée 1998

Nur zu gern hätte ich den Reimser Clos Lanson gege den Clos von Cazals gestellt, doch solange es den noch nicht gibt, ist der Blanc de Blancs aus der Noble-Serie von Lanson ein hochqualifizierter Flightpartner, der genügend tiefreichende Erkenntnisse verspricht. Im direkten Vergleich mit dem Clos Cazals fällt die Unterscheidung großes Haus – kleiner Winzer schon nicht ganz leicht. Klar, Lanson macht keinen BSA und die Noble Cuvée ist kein solcher Entertainer wie die Comtes de Champagne oder ein so unleugbares Gastrogenie wie Dom Ruinart. Umso schöner ist es, die Champagner durch genaues Verkosten auszuloten. Beim Lanson merkt man, dass die Säure in ein großzügiges und kunstreich verziertes Gehäuse eingearbeitet und dadurch eher versteckt ist, während beim Cazals die Säure mit einigem Stolz über mehrere Schlucke enthüllt und präsentiert wird.

6. Louis Roederer Cristal 2002

55PN 45CH, 20% Holzfass, kein BSA

Als Zäsurchampagner und Überleitung zu den Pinotchampagnern kam dann der fabuleuse Cristal 2002 ins Glas. Nach den reinen Chardonnays wirkte er so unverschämt leicht, wie ein junger Cristal leicht wirken muss. Brot, Röstnoten, Hefe, von Ferne ein Duft von Kaffee, Apfelessenz, Verbene, Zitronengras, Orangenschale, alles kreiselte und bezirzte mit einer Mühelosigkeit, die betroffen macht. Ich bin kein Freund davon, Cristal allzulange liegen zu lassen, weil ich finde, dass er in jungen Jahren einfach besser schmeckt, als mit großer Flaschenreife. Der 2002er scheint das aber nicht bestätigen zu wollen. Er reift gemächlich, kleinschrittig und wird bei dieser Entwicklung in den nächsten drei bis fünf Jahren seine Jugendhaftigkeit erst noch voll ausfalten, bevor er in sein zweites Flaschenreifestadium übergeht.

Dann kam der Königsflight:

7. Egly-Ouriet Blanc de Noirs Grand Cru 1999, dég. 2010

Strahlendes Gold und die Kraft eines Nuklearbrennstabs war da plötzlich im Glas. Vanille, Kokos, Brioche, Orange, Ingwer, ein Hauch Safran. Im Mund so etwas, wie eine Methanhydratexplosion, wie sie Frank Schätzing in "Der Schwarm" verschiedentlich beschrieben hat. Also im wesentlichen der Eindruck, als würde tiefgefrorenes Gas sich schlagartig auf das 164-fache seines Volumens ausdehnen, nur dass man sich das hier mit den köstlichen Pinotaromen von Francis Egly vorstellen muss.

8. Blanc de Noirs Grand Cru Ay La Côte Faron Extra Brut, dég. 27. Jan. 2010

Dieser Lieux-dit ist wie die berühmte Substance ein Solera-Champagner, er besteht aus den Jahrgängen 1994 – 2003, was altersmäßig dem Egly-Ouriet ja irgendwie sehr nahe kommt. Die Frage innerhalb des Probenablaufs war natürlich: würde Meister Selosse den Kollegen aus Ambonnay mit seiner flammneuen Einzellage, dem früheren Grundstoff des Contraste (der tatsächlich neben dem hier als Einzellage verwendeten Pinot auch Pinot aus Ambonnay enthielt) noch übertreffen? Das lässt sich nicht abschließend sagen. Beide Champagner waren gigantisch. Der Selosse völlig anders als der Egly, zwiebelschalenfarben, fast Rosé. Himbeermark, Sauerkirsche, Unterholz, für einen Extra Brut von unverschämter bis obszöner Trinklustigkeit, was ihm in meinen Augen den Sieg sicherte.

Nun war wieder eine kleine Pause nötig, der vorangegangene flight durfte erstmal nachwirken.

9. Bollinger Grande Année 1996

Mit etwas zeitlichem Abstand und der Wiederkehr objektiver Verkosterfähigkeit kam der nächste Hammer ins Glas. Grande Année 1996, ein Champagner, der vor Kraft birst und so erfrischend ist wie ein schnell geschlagener Satz Ohrfeigen.

10. Bollinger R.D. Extra Brut 1996, dég. Sep. 2006

Tückisch im Vergleich mit dem 96er Grande Année war der R.D. Besser kann man den Unterschied zwischen den beiden Degogierzeitpunkten kaum demonstrieren, als in diesem flight. Der R.D. war in allem Grande Année, aber mit einer Agressivität, mit dem so typischen Vitamin-C, mit einer auf die Spitze getriebenen Aromatik, die wie ein Messer wirkt, das kurz davor ist von ultrascharf zu schartig geschliffen zu werden.

11. Veuve Clicquot La Grande Dame Rosé 1989

Nach dem Kraftexzess und Höhenrausch der Bollingers nahm die große Mutter uns an ihren prachtvoll wogenden Busen. Die erschöpften Verkoster konnten sich an Milch, Milchkaffee, Toffee, Rumtopf, beschwipster Erdbeere, Mokkabohne, Kaffeerösterei und pikantem Damenduft laben, kein noch so weiches Gaumenkissen vermag eine solche Lagerstatt zu ersetzen.

12. Laurent-Perrier Grand Siècle 1988

Als Bonusflasche durfte es noch eine kleine Besonderheit sein, einer der wenigen Grand Siècles mit Jahrgang, noch dazu aus dem perfekt gereiften 1988er Jahrgang. Feminin war hier nichts, die ganze Verspieltheit rührt von einer gewissen höfischen Machart her, die dem Champagner eine kühle Noblesse gibt. Der Champagner ist strukturiert, auf Perfektion bedacht, mit wenigen Verzierungen, aber von einer Leichtigkeit und Frische, die an den 2002er Cristal erinnert. Gegenüber dem manchmal spitzenmäßigen, macnhmal schon wieder abgesunkenen 90er Grad Siècle ist der 88er wahrscheinlich die zuverlässigere und jetzt noch immer haltbare Wahl.

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