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Tag Archives: eric rodez

Ein Traum in weiß: schöne Chardonnay-Champagner

Es gibt nichts schlimmeres, als einen durchschnittlich guten Blanc de Blancs. Das ist eines der wenigen Weistümer, die ich auf meiner Âventiure des Champagners erlangt habe. Das Thema Blanc de Blancs Champagner ist so ausgelutscht, fad und arg, dass man damit wirklich niemanden mehr belästigen mag. Und doch finden sich immer wieder Mutige, die es auf sich nehmen, die letzte, nein allerletzte Facette zu erspüren. Sascha Speicher vom Meininger Verlag ist zB so einer.

Aus meiner Tirade nehme ich, das vorweg, die Blanc de Blancs aus, die unter Beteiligung der alten Rebsorten entstanden sind, also alles, was mit Pinot Blanc, Arbane, Petit Meslier oder gar Pinot Gris zu tun hat. Mein Verdikt gilt nur für die – mengenmäßig ohnehin allein maßgeblichen – Chardonnaychampagner. 

Warum eigentlich ist denn nun also Blanc de Blancs Champagner so schlimm? Oder anders, was ist schlimm daran, Blanc de Blancs gut zu finden? Der Reihe nach. Blanc de Blancs sind an sich gar nicht schlimm. Schlimm ist nur die Verwahrlosung, die in diesem Champagnersegment herrscht. Die Einfalls- und Mutlosigkeit, die Mentalität des "lieber sicher als gut", die einlullende Überformung des antizipierten Massengeschmacks. Das ist schlimm am durchschnittlichen Blanc de Blancs. Über die dazu noch handwerklich schlecht geratenen Exemplare brauche ich mich gar nicht auszulassen und habe da nichts abzuarbeiten, darum geht es mir auch gar nicht. Zur zweiten Frage: warum darf man Durchschnittschampagner nicht gut finden? Antwort: dochdoch, man darf, aber man braucht darüber nicht groß palavern. Im besten Sinne (be)merkenswerte Champagner sind das nicht. Trinken und vergessen reicht völlig. Nur wenn es um mehr gehen soll, als gewohnheitsmäßig in Trab gehaltenen alkoholischen Metabolismus oder Champagner als reflexhaft geordertes Abschleppgetränk für Menschen, die Cliché für ihren höchstpersönlichen Geschmack halten oder rundheraus jede Entscheidung als Geschmackssache, in Sachen Wein und Champagner besser bekannt als "schmeckt mir oder schmeckt mir nicht"-Antwort, patziger noch: " mir schmeckt er halt", zu Tode relativieren – dann, ja dann wird es interessant. Nur ist das Eis in dieser Region sehr dünn. So dünn, dass es für die meisten nur aus der Ferne zu betrachten ist und dementsprechend verfälscht ist dann auch die mehr oder weniger sachunkundige Einschätzung.

Einige Champagner, die eine Betrachtung aus der Nähe lohnen, sind diese hier. Es sind nicht unbedingt die ultrararen oder ultrateuren Champagner oder förmliche unicorn wines, wie man so schön sagt, aber es sind Champagner, die Beschäftigung bieten und die man haben wollen muss.

1.a) Eric Rodez Blanc de Blancs Brut

Eric Rodez hier, Eric Rodez da, Eric Rodez überall. Seit Jahren hat der Mann bei mir einen festen Platz im Champagnerherz und muss deshalb immer wieder als Paradewinzer herhalten, wenn es um rebsortenreine Champagner, Multi Vintage und Kunst der Assemblage geht. Denn das kann er wie kaum ein anderer, ohne dass er dabei verschreckend oder verstörend wirkt. Man kommt sich bei ihm nicht vor wie bei einem irren Sektierer und allein schon für dieses gute Gefühl hat er meine Wertschätzung. Als Blanc de Blancs ist eigentlich der Einsteiger von Rodez schon hinreißend genug, noch verrückter wird es erst mit den Empreinte de Terroir Chardonnays, von denen sich jetzt noch einige 1999er am Markt befinden und der aktuelle 2003er, die gleichermaßen obergeil sind.

Bei dieser Gelegenheit weise ich gleich noch auf drei Champagner hin, die ebenfalls Aufmerksamkeit verdient haben und sich in gewisser Hinsicht sehr ähnlich sind:

– Regis Fliniaux Blanc de Blancs d'Ay Grand Cru NV, Regis ist in der Dorfmitte zu Hause und leider immer ausverkauft, aber wenn man beharrlich genug in seinem Minimuseum stehen bleibt und etwas zu kaufen verlangt, degorgiert er ggf. spontan was weg und stattet die Flaschen mit ihren Etiketten aus. Der Blanc de Blancs aus ay ist eine Seltenheit, weil in diesem Ort niemand Sinn für Chardonnay hat, alles stürzt sich verständlicherweise auf den Pinot. Dabei sind die Chardonnays von hier so herrlich eigenständig und beweisen mit ihrer typischen Aromatik beste Herkunft, da ist es ein Jammer, dass nicht mehr Winzer Blanc de Blancs d'Ay produzieren.

– Gaston Chiquet Blanc de Blancs d'Ay Grand Cru NV, wenn man Chiquet hört, denkt man schnell nur an die Chiquet-Brüder, die Jacquesson leiten und in immer neue Sphären heben. Aber Gaston Chiquet, wenige Meter daneben, ist immer gut für einen tiefen Schluck aus der Pulle. Sein Blanc de Blancs d'Ay gehört zu den ältesten, wenn es nicht sogar gleich ganz der erste ist.  

– Lallier, der einstige Kellermeister von Deutz & Geldermann, ist als Dritter im Bunde in Ay ansässig und macht einen Blanc de Blancs, der zu 70% Chardonnay aus den Dorflagen enthält und 30% aus der Côte des Blancs. Das hievt in nicht in ganz dieselbe Schiene wie die anderen beiden, aber ist auf jeden Fall probierenswert, um Erkenntnisse abseits des Massenchardonnays zu sammeln. 

2. Agrapart Minéral Blanc de Blancs Grand Cru Extra Brut 2005

Ein anderer Winzer aus dem Spitzensegment und einer der großen Avize-Winzer ist Pascal Agrapart, der unermüdlich an neuen Cuvées arbeitet. Wie bei Rodez kursieren vom Minéral derzeit zwei Jahrgänge, 2005 und 2007; der Verzihz auf BSA gibt dem Chardonnay sehr viel Schwung mit, wobei dem kräuterigen Apfelaroma Sahnigkeit und edle Herbe kunstvoll zur Seite gestellt sind.  

3. de Sousa Cuvée des Caudalies Blanc de Blancs Grand Cru Brut

Der dritte große Avize-Winzer, der sofort die Synapsen besetzt, wenn von dem Örtchen die Rede ist, ist Erick de Sousa, der als einer der ersten den Schritt zur Aufspaltung gegangen ist und unter seinem Namen die Winzertradition, das berühmte "RM" hochhält, während unter dem Label Zoémie de Sousa zugekaufte Trauben vinifiziert werden. Seine Cuvée des Caudalies ohne Jahrgang ist ein Klassiker der réserve perpetuelle und hat mir schon vor Jahren ein in mehreren Varianten erlebbares Paradoxon vor Augen geführt, nämlich das von Reife und Jugend im selben Champagner.  – man erlebt das sonst noch bei Spätdégorgements – überspitzt ausgedrückt –  in Form eines unerhörten Säureangriffs, dem dann unvermittelt wohltuende Tertiäraromen folgen. Bei der Cuvée des Caudalies ist es die besondere Solera-Weichheit, die den Champagner trotz seiner knackigen Säure so eindrucksvoll wirken lässt.  

4. Jacques Lassaigne Le Cotet Blanc de Blancs Extra Brut

Montgueux und die Winzer dieses Champagner-Tafelbergs, das ist per se schon etwas besonderes. Die Lage als südlichster Ausläufer der Côte des Blancs ist natürlich exponiert bis exotisch und so verblüfft es nicht, wenn sich einige der ansässigen Montgueuxwinzer von der fruchtigen Ausdrucksstärke ihrer Chardonnays dazu verführen lassen, allzu banale Weinchen zu vinifizieren, womöglich in der Hoffnung, bloßes Aroma könnte den entscheidenden Vorsprung garantieren. So ist es nämlich nicht. Im Gegenteil, das Aroma will korrekt geführt werden, sonst fasert es aus und macht den Wein lächerlich. Emmanuel Lassaigne ist einer, der das weiß und kann. Seine Champagner wirken puristisch und kompromisslos, auch salzig und gar nicht unbedingt wie Aromenschwergewichte. Aber Lassaigne geht mit dem großen Aromenvorrat, den ihm der Berg anvertraut um, wie der Bäcker mit dem Teig. Er knetet ihn gehörig und walzt ihn geschickt aus, am Ende steht kein dicker Klumpen mehr, sondern präzis ausgestochene Formen.

5. Rafael & Vincent Bérèche Côte Grand Cru Blanc de Blancs Extra Brut 2002

Bei Bérèche und kürzlich auch bei Janisson-Baradon hat sich dieselbe Entwicklung vollzogen, wie bei Agrapart, ein Teil der Produktion bleibt "RM", ein anderer wird "NM". Der Côte von Bérèche stammt aus der NM-Linie. Das macht ihn nicht schlechter, ganz im Gegenteil. Der Chardonnay für den Côte stammt großteils aus Cramant, der Ort ist bekannt für Ausgewogenheit und die Vereinigung aller Stärken der umliegenden Grand Crus. Ausgewogenheit ist deshalb bei diesem Champagner auch das Hauptstichwort. Die Säure ist zurückhaltender, Apfel, Nüsse und Brioche sind da, aber bleiben dem Rampenlicht fern. Und das ist klug, denn durch die marktschreierische Art, mit der diese typischen Aromen immer wieder an den Mann gebracht werden, gewinnt man keine Freunde. Die Textur ist seidig, fast hätte ich gesagt mehlig, denn kurz hatte ich den Eindruck, aber das teigige Element findet sich hier allerhöchstens in Form einer Erinnerung an Laugenbrezeln. 

6. Bruno Paillard Blanc de Blancs Brut 2004

Die gewaltige Ernte des Jahrgangs 2004 hat uns Champagner beschert, die von manchen mindestens auf dem Nioveau von 2002 gesehen werden, von manchen aber auch als gefährlich substanzschwach, ja dünn bis wässrig gesehen werden. Die Gefahr mangelnder Konzentration sehe ich beim 2004er Chardonnay von Bruno Paillard nicht. Er wirkt etwas fetter sogar, als der Côte von Bérèche, aber das mag eine Dosagefrage sein.

7. Duval-Leroy Blanc de Blancs Brut Nature 2002

Nussig, reif, mit Hefezopf und einem dezenten Holzeinfluss präsentiert sich der Chardonnay Brut Nature aus dem Duval-Leroy, das vor allem wegen seiner exquisiten Authentis-Champagner bekannt ist und das ich wegen der Femme de Champagne genannten Spitzencuvée schätze, die es jetzt auch als Rosé gibt. Der Chardonnay in undosierter Form ist recht neu und Zugeständnis an den dorthin drängenden Markt, sofern man bei der als brut nature insgesamt verkauften Menge an Champagner überhaupt von einem richtigen Markt reden kann. Jedenfalls aber ist dieser Champagner ein Bekenntnis in Richtung der Winzer, die damit angefangen haben, Einzelmerkmale vor Kontinuität im Geschmack zu setzen. Sahnig und reif, mit viel gelber Frucht schließt dieser untypische Champagner.  

8. Taittinger Comtes de Champagne Blanc de Blancs Brut 2005

Die Aromenklassiker Nuss, Hefe, Toast und Apfel haben diesen Champagner zu recht berühmt gemacht und unter den Chardonnay-Prestigecuvées gehört er zum nicht wegzudenkenden Inventar. Besonders, wenn er seine zwanzig oder fünfundzwanzig Jahre hinter sich gebracht hat, wobei ich mich mit wohligem Schaudern an den 1994er Comtes de Champagne erinnere, den ich technisch für toto und in einer Probe nur als Kuriosum hätte betrachten wollen, der dann aber so aufdrehte, dass ich mich über meine voreilige Einschätzung richtig geärgert und umso mehr am Champagner gelabt habe. Zurück zum 2005er, der seinen Reiz von Currystraucharomen, Safran, Zimtblatt, Muscovado und trotz all der Orientalik einer kreuzfahrerischen Gemütsruhe und kühlen Ausstrahlung bezieht. Er wirkt und ist süßer als die Chardonnays der Winzer, aber meiner Liebe tut das keinen Abbruch.  

9. Ruinart Dom Ruinart Blanc de Blancs Brut 2002

Zusammen mit dem Comtes de Champagne und dem Blanc de Millénaires von Charles Heidsieck ist das wahrscheinlich einer der größten Chardonnaychampagner, die man von einem Erzeuger dieser Größenordnung bekommen kann. Er gehört schon kurz nach der Freigabe zu den würzigsten, auch am mutigsten mit Röstaromen versehenen Champagnern, bleibt aber dank des verschwenderischen Einsatzes von Butterschmalz, Hagelzucker, Macadamia, Pekan- und Paranuss, einer glanzvollen Parade unterschiedlichster Apfelsorten und dank seiner enormen Durchzugskraft nicht stehen, sondern spurtet unermüdlich und raubkatzenhaft über den Gaumen. 

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ProWein 2014 – Die besten Champagner und Schaumweine

Die Prowein begann für mich am Samstag unter anderem mit einem sehr seltenen Champagner: de Marne – Frison Cuvée "Elion" Rosé. Von de Marne -Frison habe ich schon verschiedentlich berichtet und dabei letzthin leider auch erwähnen müssen, dass die Zukunft des 6,5 Hektarguts in Ville sur Arce (Aube) ungewiss ist. Aber Valerie Frison macht allein weiter, nachdem ihr Mann Thierry sich in den Süden Frankreichs verabschiedet hat. Die Zukunft ist also sicher und weil ich hoffe, dass sie auch rosig ist, kam der rare Rosé ins Glas. Der ist eher dunkel und so granatenfruchtig, so voller Granatapfel, dahinter Banane und Kirsche und ein etwas ungemütlicher Gerbstoff, dass mir um die Zukunft dieses sympathischen Kleinerzeugers nicht bang ist. 

Der Eröffnungssonntag brachte verschiedene schöne Schäumer ins Glas. Lanson öffnete beispielsweise aus der spätdegorgierten Jahrgangscollection (alles Magnums) ein paar Exemplare. Mir gefiel der ausdrucksstarke, einerseits sehr frische, andererseits gediegen-reife 1976er, dég. im Februar 2014, am besten.

Zuvor hatte Cyril Janisson aus seiner Einzellagen-/Einzelrebsortenserie den von "Chemin de Conges" in "Conges" umbenannten 2006er Meunier ins Glas gebracht und meinen Beifall geerntet. Der neue Jahrgang ist etwas niedriger dosiert, was ihm unheimlich gut steht und mehr Durchzugskraft verleiht. Der Champagner ist rassiger, klarer definiert, sportlicher und um Nummern forscher, als sein Vorgänger. 

In der nämlichen Champagnerlounge, die letztes Jahr erstmals oberhalb der Österreicher in Halle 7.1 zu finden war und heuer nicht so verdruckst im Halbdunkel, sondern in überwiegend strahlendem weiß vorzufinden war, schenkte Montgueux-Winzer Vincent Couche seinen Sensation 1997, dég. 12. April 2012, aus. Das ist seine Antwort auf den Trend zum verlängerten Hefelager und gefiel mir schon als 1995er sehr gut. Diesmal war eine Spur mehr Eleganz und Finesse, etwas weniger Oxidation und daher sogar mehr Trinkvergnügen als erwartet in der Flasche.

Von 1995 zu 1997 zurück zu 1995: Bruno Paillard, der zum Jahrgangsvergleich seiner aktuellen 2004er Vintages geladen hatte, überzeugte mal wieder mit seinem 1995er Assemblage, der sich bei mir wegen seiner perfekten Reife noch vor dem 2004er Blanc de Blancs, dem 2004er Cuvée und dem 1995er Blanc de Blancs platzieren konnte. Und das will was heißen, denn der 1995er Blanc de Blancs war in einer ähnlichen Vergleichsprobe mit den Jahrgängen 1989, 1995, 1999 Anfang des Jahres in Berlin noch mein klarer Favorit.

Die jungen Aube-Player Tendil & Lombardi mit dem verblüffend an Dom Pérignon angelehnten Etikett konnten vor allem mit ihrem Blanc de Noirs punkten, Piper-Heidsieck setzte sich mit dem 'gewöhnlichen' 2006er Vintage positiv nach oben vom sehr guten und mancherorts (FINE Champagne Magazine Nummer 1 der 100 Best Champagnes for 2011) für überragend gehaltenen Rare 2002 ab. Den sehe ich erst in der Spitzenriege, wenn der Babyspeck abgeschmolzen ist.

Bei den englischen Sparkling Wines ('Méthode Anglais') hat Gusbourne die Nase vorn; dort hat man sich Verstärkung geholt: Charlie Holland, der von Ridgeview kommt und Christian Holthausen, der vor gar nicht so langer Zeit von Piper-/Charles Heidsieck zu Nyetimber gewechselt hat. Während ich tüchtig mit Charlie probierte, schlürfte Christian übrigens den eben erwähnten Conges von Janisson-Baradon, was ich ihm von Herzen gegönnt habe. Schon länger im Auge habe ich von Camel Valley den Annie's Anniversary Brut, ein sagenhaft flottes Gerät mit quiekend frischer Säure, Boskoop und Lemon Curd, also allen Attributen, die man sich nur wünschen kann, um den eingestaubten Gaumen freizubekommen. Balfour hatten nur zwei Sparkler da, aber die waren ebenfalls sehr gut und hatten mir schon im letzten Jahr sehr gut gefallen. Die Präsentation war von der knorrigen Art und mit einem Humor, der den anhaltenden Kriegserfolg des Empires erklären hilft. 

Aus deutschen Landen habe ich leider nicht sehr viel probieren können, weil jeder Aufenthalt in der Deutschlandhalle selbst den ehrgeizigsten VKN-Produktionswillen unterminiert und zunichte macht. Vor lauter Begrüßung und Wiedersehen kommt man kaum zum probieren. Geschafft habe ich deshalb nur ein paar Flaschengärer wie Madame Bettys Rheingau Riesling Brut vom Sekthaus Solter, das auf den Etiketten witzigerweise und quasi im Anschluss an die Engländer (oder umgekehrt) die 'Méthode Allemande' für sich reklamiert. Aus der Raumland-Kollektion gefielen mir am besten Marie-Luise und Blanc et Noir, das Triumvirat muss noch ruhen, bevor es sich zum Gaumennahkampf rüsten soll. Vor allem optisch positiv aufgefallen ist mir außerdem mal wieder der Winzerhof Stahl aus Auernhofen, der in Würzburg die "Edel Stahl Brause!" versekten lässt. Dieser Riesling Brut Sekt ist mir eigentlich zu hoch dosiert und schmeckt verdächtig nach Aromahefen, aber wer partout keinen Champagner anrühren will, wird sich leicht mit diesem Frankensekt versöhnen und im Idealfall natürlich verwöhnen können.     

Aus Spanien drang lediglich eine Cava zu mir durch, die sich aber wegen des Chardonnayanteils darin selbst zu später Stunde noch mit Freude trinken ließ. Ausgeschenkt wurde sie von Hauptstadtwinzer Daniel Mayer, der für die spanischen United Wineries als Sales Director Deutschland fungiert. Eben diese United Wineries haben übrigens auch beim Sieger der italienischen Euposia Challenge unter den Rosé-Schäumern ihre Finger im Spiel. Denn der italienische Trento-DOC Erzeuger Cesarini Sforza, von dem der nicht zuletzt unter meiner Mitwirkung aufs Siegertreppchen gehobene "Tridentum Rosé" stammt, gehört den Spaniern.

Der Proweinmontag sollte Großes bereithalten. Nämlich die Party auf der Party: die Caractères et Terroirs de Champagne Single Vineyards Probe in luftiger Höhe. Jörg Kalinke hatte extra und dankenswerterweise höchst bereitwillig seine Bar M168 im Düsseldorfer Rheinturm zur Verfügung gestellt. So konnten gottlob 15 Champagnerwinzer ihren Stoff und seine Wirkung auf den menschlichen Organismus vorstellen. Champagne Aspasie brillierte mit den Cépages d'Antan und einem sehr gelungenen Brut de Fut, von Meunierspezialist Michel Loriot gefiel mir die Monodie, die mir aber neuerlich zu hoch dosiert vorkam. Über den modern gehaltenen Chétillons 2007 von Pierre Peters und die Cuvée des Grands Vintages muss ich glaube ich nicht viel sagen, die beiden haben ihren guten Ruf völlig zu recht, wenngleich sie völlig unterschiedliche Geschmäcker ansprechen. In Richtung des Chétillons ging auf der Caractères-Veranstaltung sonst nur noch die Einzellage "Les Fervins" von Penet-Chardonnet, der mit viel Energie den Markt aufrollt. Dass Eric Rodez auch mit Chardonnay umgehen kann, wissen mittlerweile selbst die erkenntnisscheuesten Typen. 

Daher überrascht es nicht, wenn ich bekenne, dass auf der Meiningerprobe von Sascha Speicher am Dienstag der Blanc de Blancs von Rodez zu meinen Favoriten unter den vorgestellten Chardonnays gehörte. Einhalt gebot dem erst der letzte Champagner der Verkostung, Ruinarts großartiger Dom Ruinart 2002. Dazwischen gab es mit der Cuvée des Caudalies von de Sousa, Emmanuel Lassaignes Le Cotet, Rafael und Vincent Bérèches lange auf der Hefe gebliebenen "Côte" sehr starke Mitbewerber und selbst Taittingers Comtes de Champagne 2005 schaltete sich kurz vor Schluss noch kurz ein, konnte aber nicht als game changer reüssieren. Denn für mich waren die Sieger klar: Rodez und Ruinart. Jacquesson, Bollinger, Gosset und Pol-Roger gerieten mir auf der diesjährigen ProWein etwas aus dem Fokus. Sie werden es verkraften, denn es ist kein Ausdruck von Missbilligung, sondern vielmehr so, dass diese guten und stabilen Erzeuger gerade nicht meiner ständigen Aufsicht bedürfen.   

Jerome Coessens' Champagner habe ich erst kurzem wieder lobend erwähnt, daher spare ich mir hier weitere Ausführungen. Hinweisen möchte ich an dieser Stelle sehr gerne noch auf die Champagner des jungen Thibaud Brocard von der Aube, der als Winemaker bei Champagne Brocard-Pierre eine köstliche Cuvée mit dem Namen Limited Edition Blended zu verantworten hat. Das ist Champagner, wie man ihn sich von einem Talent der jungen Champagne-Avantgarde wünscht. Deutlich weniger weitläufig und fassnah angelegt ist die wagemutig gestaltete Cuvée Lady Style von Champagne Malard, Lieferanten des Hauschampagners von "Nicolas", dem französischen Pendant zu unseren Jacques' Weindepots. Die Cuvée Lady Style ist Extra Brut und aromatisch eine etwas unterkühlt wirkende Schönheit vom Typ der eiskalten osteuropäischen Spionin aus James Bond und anderen Agentenfilmen. An dem Cliché ist hier sogar etwas dran, denn Leitfigur ist die bildhübsch in Szene gesetzte Ehefrau des rugbyspielenden Hausherrn, Model und Volleyballspielerin Natacha Malard, die gebürtig aus der Ukraine stammt.  

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Champagner aus dem Holzfassl

Die Champagne erlebt Trends, wie jede andere Weinbauregion. Manche dauern länger und etablieren sich, andere sind nur kurzlebig. Roséchampagner, Zero-Dosage und Einzellagenchampagner rechnen ebenso dazu wie Altrebsortenexperimente und die vielfach seit den späten Neunzigern angelegten Soleras, bzw. strenggenommen sog. ewigen Reserven (reserve perpetuelle). Ein traditionelles, alle Jahre wiederbelebtes Thema ist der Holzfasseinsatz bei Vinifikation und Ausbau. Sascha Speicher vom Meininger Verlag hat sich auf der ProWein 2013 des Themas angenommen und die folgenden Champagner präsentiert:

1. Bruno Paillard Première Cuvée Brut en Magnum, dég. April 2012

Ca. 25PM 30CH 45PN, 20% Holzfassvinifikation im alten Bordeauxbarrique, mit 8 6/l dosiert.

Hoher Reserveweinanteil, der in der Magnum wirkungsvoll zur Geltung kommt als sahnige und reife Grundierung, die sich wie lemon curd an den Gaumen schmiegt und bei einer Dosage von 6 g/l nicht mastig wirkt (was für alle Paillard-Champagner gilt, die sämtlich zwischen 3 und 6 g/l dosiert sind). Vom Holzfass merkt man hier nicht viel und das ist von Kellermeister Guyot erkennbar beabsichtigt; ihm kommt es darauf an, dass die kräftigen Bordeaux (von den drei Chateaux, mit denen Paillard befreundet ist und die sich als Lieferanten für den Bestand von 400 Fässern gewissermaßen aufdrängen) dem Holz gehörig Gerbstoff abnehmen, bevor die Champagnergrundweine reinkommen, deren Robustheit man freilich nicht unterschätzen darf. 

2. Louis Roederer Brut Premier

Sehr modernen Holzeinsatz pflegt chef de cave Lecaillon von Roederer mit dem verstärkten Einsatz von Holzgärständern, wie sie hierzulande von Fürst verwendet und vor allem in Österreich zB bei Markowitsch, Halbturn, Gernot Heinrich oder Preisinger letzthin vermehrt Zuspruch finden. Holz hat bei Roederer lange Tradition und wird nach einer Phase des Verzichts sehr nutzbringend  eingeschaltet. Der Effekt ist so groß, dass sich Lecaillons Kellermeisterbuddy Dominique Demarvill von Veuve Clicquot nach einer Reihe von Parallelverkostungen ebenfalls davon überzeugen ließ, wieder Holz einzusetzen. Bei Roederer ist ca. 1 Mio Liter Reservewein in Fudern untergebracht, über BSA wird je nach vinifizierter Lage einzeln entschieden, die Liqueurs aus Trauben auf Cristalniveau liegen mit bis zu zehn Jahren besonders lange im Fass. Der immer schon gute Brut Premier von Roederer mit seinen 8-9 g/l profitiert davon. Sein Kräuterzuckeraroma wird von einer athletischen Säure flankiert, die sich den dafür prädestinierten Weinen aus Verzy und Verzenay verdankt.

3. Devaux, "D" de Devaux Brut

Hier stammt die als reserve perpetuelle angelegte Reserve (35-40%) aus Fudern zwischen 7000 und 14000 Litern Fassungsvermögen. Der Champagner ist dementsprechend weich und liefert neben Nuss, Butter und Malzbonbon nicht mehr sehr viel am Gaumen ab. Mir fehlten angesichts der robusten Machart Säure und Agilität.

4. Drappier Millésime d'Exception 2006 Brut, dég. Juni 2012

Der heiße Jahrgang brachte schöne Chardonnays, war bei den sonnengewohnten Aube-Pinots sogar sehr gut und schwächelt nur bei den sonst wegen des eigentlich kühleren Klimas muskulösen Pinots aus der Montagne de Reims. Michel Drappier setzt wie Roederer auf konische Holzgärständer, allerdings erst seit 2012. Beim 2006er ist von deren möglicherweise positiven Einfluss nicts zu spüren. Der Champagner wirkte auf mich wie der Devaux allzu robust, mit zu viel Kräuterzucker, Malzbonbon und einem nur alibihaft wirkenden Jod-Mineralton. Den Aufpreis zur köstlichen Grande Sendrée lohnt es sich deshalb bei Drappier auf jeden Fall zu zahlen.

5. Jacques Lassaigne Les Vignes de Montgueux Blanc de Blancs extra Brut, dég. 10. Juli 2012

Dieser üppige Chardonnay ist ohne Holz (Vinifikation zu 15% im Holzfass, Rest Emaille) fast nicht vorstellbar und würde sicher unvollkommen wirken. So aber wirkt er an allen Fronten druckvoll und überwindet mit seiner weinbetonten Mischung aus Kreideschlamm, Lohe und Toast selbst starke Player wie Jacquessons Nummerncuvée, die übrigens ruhig nochmal geringer, d.h. überhaupt nicht dosiert oder aufgesäuert werden dürfte. Ein weiterer Schritt nach oben ist natürlich die Colline Inspirée von Lassaigne, aber schon der einfache Vigne de Montgueux ist ein deutliches statement.    

6. Jacquesson No. 736 Extra Brut, dég. August 2012

53CH 29PN 18PM, 2008er Basis und 34% Reserveweine, mit 1,5 g/l dosiert.

Von den Chiquetbrüdern mit batonnage im Fuder vinifiziert, hat der jüngste Nummernchampagner von Jacquesson viel sportlichen Impetus, wirkt mit seiner schnittigen Säure flotter und dichter, als der standortbedingt waberndere Lassaigne, aber für eine gerade freigegebene Standardcuvée hätte ich mir schon mehr Aroma gewünscht, wir sprechen ja schließlich hier nicht von einem reinsortigen Mesnilchardonnay, sondern von einem Rebsortenmix, der sofort Spass machen soll. Abgesehen davon wird die Nummerncuvée künftig der einzige klassische Gebietscuvéechampagner von Jacquesson sein, die anderen Champagner werden reine lieu-dits und als solche stellen sie schon jetzt hohe Anforderungen an den Trinker; das muss bei einem Eingangsgetränk nicht sein.

7. Eric Rodez Blanc de Noirs Ambonnay Grand Cru

2/3 Holzfass, kein BSA.

Sehr deutlich tritt hier der (dreifach belegt, Burgunder-)Holzeinfluss hervor. Der Champagner ist selbstbewusst und stark, unter einer leichten Fettschicht zeichnen sich mächtige Muskeln ab und eine Nähe zur Krugstilistik darf man nicht nur wegen Rodez' früherer Kellermeistertätigkeit für das Haus unterstellen. Die Eröffnung hatte mich wegen des flüchtigen Eindrucks von Brühwürfeln in der Nase kurz irritiert, dann war's aber auch schon gut und die spätburgundische Ambonnaynase mit Kirschen, Pfeffer, Morcheln und Gebäck setzt sich klar durch. Säure, die wie ein Schäferhund die Aromaherde beisammenhält, und eine gegenüber früheren Versionen deutlich nach hinten ausgedehnte Länge machten den Champagner zusammen mit Lassaigne zum zweiten großen Gefaller für mich.

8. Billecart-Salmon Brut Sous Bois

Drittelmix, 2006er Basis mit 20% Reserve aus 2005 und 2004

Die nach mehrfacher Belegung von Jadot benutzten Burgunderfässer dienen jeder der drei Rebsorten als Ausbildungsort mit tüchtig batonnage und ganz ohne BSA. Das gibt rennpferdhafte Nervosität und hohe Profilschärfe, für die Kellermeister Domi aber sowieso bekannt ist. Nach dem Rodez wirkt die Cuvée Sous Bois hochgezüchtet und schlank, ohne wärmende Fettpolster. Butter und Öl vermitteln hier eher den Eindruck, als seien sie auf die Haut des Athleten aufgetragen und nicht in seinen körpereigenen Depost abgelagert. Feine Säure, angenehm seifig-gelige Textur, hohe Aromenkomplexität, die mir schon bei meiner ersten Begegnung mit dem Champagner gut gefallen hat; dennoch wirkt der Rodez auf mich im direkten Vergleich sympathischer.

9. Nicolas Feuillatte Cuvée 225 Millésime 2004

Am besten hat mir bis jetzt die 1999er Version der Cuvée 225 gefallen. Der 2004er konnte sich irgendwo zwischen Rodet und Billecart-Salmon einpendeln, wirkte auf der Zunge nur kurz und verschwand dann ziemlich sang- und klanglos. Fehlerhaft war er nicht, zu süß war er auch nicht, gesichtslos wirkte er ebenfalls nicht, so dass ich einfach vermute, er ist zu jung oder befindet sich in einer Übergangsphase, was bei dem jahrgang naheliegt.

10. Krug Grande Cuvée Multivintage, dég. Sommer 2011

2004er Basis mit Reserven bis 1990

Keine Holzfasschampagnerprobe ist vollständig ohne Krug. Um Vollständigkeit geht es auch bei den Grundweinen. Stücker 121 aus zwölf Ortschaften sind es, getrennt nach Traubenlieferanten und Parzellen, und entsprechend der Multivintagevorgabe auch nach Jahrgängen (echten Jahrgängen, nicht einfach nur jährlich wiederkehrenden Ernten), also ein schönes Stück Verkostungsarbeit für Eric Lebel und sein Team. Sehr leicht, sehr jugendlich und ungewöhnlich apfel-/nussarm selbst für einen jungen Krug. Die markante Säure indes ist da, auch Dichte und angeborene Eleganz habe ich nicht vermisst. Aber vielleicht ist ja was dran an der immer wieder zu vernehmenden Klage über die mit dem Etikettenwechsel einhergehende Stiländerung. Ich will mich dazu immer noch nicht festlegen, denn dafür reichen mir die Indizien einfach nicht aus, siehe dazu sogleich beim Bollinger.

11. Bollinger La Grande Année 2004

Die Grande Année 2004 hatte ich schon paarmal probiert und fand sie jedes Mal aufs Neue schön, fand aber auch jedes Mal die Süße zwar noch nicht problematisch, doch behandelnswert. Süßer sollte dieser Champagner nicht werden, hohe Reifegrade hin oder her. Gerade im Kontrast zum Krug machte diese Süße unvorteilhaft auf sich aufmerksam und ließ den Krug wie ein Säurebad dastehen. Bei geballten Aromen von Frankfurter Kranz, Trockenfrucht, Tabak und Waldmeister ist das nicht schwer, gibt aber zu denken. Die Grande Année ist nur deshalb noch nicht akut von Übersüßung gefährdet, weil sie genügend Eleganzreserve hat. Nachdem jetzt Matthieu Kauffmann als Kellermeister überraschend ausgeschieden ist, hoffe ich darauf, dass man bei Bollinger die Süße im Auge behält.     

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Mehltau-updates 2010: Oidium und Peronospora in der Champagne?

Die einen frohlocken, die anderen warnen. Richard Geoffroy, der verantwortliche Kellermeister bei Moet et Chandon für die Cuvées Dom Pérignon, berichtet von einer problemlosen, teilweise schon abgeschlossenen Blüte bei Avize und Le-Mesnil. Die kühlen Morgenstunden der letzten Wochen scheinen den Pflanzen nicht geschadet zu haben. Die Pinots in den kühleren Gegenden dagegen befänden sich noch in voller Blüte. Er weist ganz besonders darauf hin, noch keine Spur von (falschem) Mehltau oder Peronospora ausgemacht zu haben, kündigt aber an, wachsam bleiben zu wollen.

Eric Rodez aus Ambonnay ist froh darüber, vom falschen Mehltau verschont worden zu sein, warnt aber davor, dass in Ambonnay unterhalb des Waldes ein immer größerer Streifen seit Jahren verstärkt vom echten Mehltau – Oidium – befallen wird. Noch ist die Situation indes unter Kontrolle.

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Grillen und Roséchampagner

1) Legras & Haas Rosé de Riceys
Reichlich dunkel, zum Rand hin aufhellend, ziegelrot, erinnert ein wenig an Sherry, dieoxidative Nase bestätigt das anfangs, wird mit viel Luft aber leichtfruchtig, etwas holzig, behält eine schwach gemüsige Note bei, entpuppt, sich, wenn man keinen Korkschleicher unterstellt, als ziemlich leichter, mittellanger Wein mit lustiger, anregender Frische und interessantem Eukalyptuston; kein Schwergewicht, insgesamt kaum mehr als eine interessante Erfahrung, vor allem, da die Still- und Roséweine der Champagne zwar schon seit hunderten von Jahren keine überragenden Ruf mehr genießen, aber immerhin eine vom aussterben bedrohte Spezies sind.

2) Eric Rodez Grand Cru Rosé, Ambonnay
Einer der beiden stärksten Weine des Abends. Sehr hell, reichperlend mit üppigem Cordon und Kirschbananennase. Sehr verführerisch die fruchtige, reife rote Beerenfrucht, verspielte, lebhafte Säure mit genügend Körper drumherum, bestens balanciert, mittellang mit sauberem Abgang, paßt zu (Nudel-)Salaten besser als zum Grillgut

3) Yves Delozanne, BdN Rosé (sic!), Serzy et Prin
Der Spezialist für's Bäuerliche mit einem überraschend guten Champagner. Helles Kupferrot, lebhafte Perlage, sehr schöner Cordon, ausgesprochen weiniger und runder Charakter bereits in der Nase, außerdem Mandelaromen und Rosenwasser, Marzipan, Pistazieneis. Im Mund dann druckvoll, unaufdringliche, sehr präsente Säure, die sich zum Schluß noch einmal mit einem kecken Hüpfer blitzsauber verabschiedet. Außergewöhnlich hoher PM-Anteil, Jahrgangscharakter. Eigentlich auch eher ein Solist, paßt aber auch zu Geflügelwürstchen, wenn man nicht gerade dazu neigt, sich sehr viel Sauce auf den Teller zu kleckern.

4) Charles Lafitte Rosé
Helles Rosé mit langsam aufsteigenden Perlen, wenig Cordon. Wilder, animalischer anmutende Nase, die mit etwas Luft abflacht und sich in ein fleischiges, mit röstigen Noten durchsetztes Bouquet verwandelt. Insgesamt sehr runder, ausgewogener, unaggressiver Wein von mittlerer, aber eher kurzer Standzeit und milder Säure. Weniger Malo wäre hier vielleicht mehr gewesen. Für einen Vrankenchampagner aus dem Massenprogramm immerhin sehr gut. Aufgrund seiner bäuerlich zupackenden Art ein guter Grillbegleiter.

5) Tsarine Rosé 1999
Zarthell, fröhliche, mittelgroße Perlage, souveräne Cordonbildung. Volle, sehr elegante Nase, weinig, hefig, rund. Darunter eine feinverwobene Schicht bananiger, exotischer und leicht amylischer Noten, Cantuccinicharakter; mittellang, als Solist vielleicht sogar etwas länger nachzuverfolgen, beim Grillen zu kurz. Wegen seiner zarten, beinahe femininen Art insegsamt leider kein besonders guter Grillchampagner.

6) Charles Heidsieck Rosé 1996
Helles, ins rötliche gleitendes, sattes Kupfer, mittelgroße Perlage – wirkt fast etwas zu früh von der Hefe genommen, kann aber auch glasbedingt gewesen sein. Schöner Cordon, fleischige, röstbrotige Nase, volle, hefige Jungweinnase, Jahrgangscharakter. Auch im Mund stramme Säure und hefig abgepolsterte Fruchtnoten, beginnt jetzt, Spaß zu machen, kann aber bequem noch länger. Mit Luft zusehends feiner, mit würziger Cassisnote und warmen, holzigen Anklängen. Ein sehr schöner Grillchampagner.

7) Bollinger Grande Année Rosé 1996
Schönes sattes Kupferrot, mittelschnell aufsteigende, feine Perlage, üppiger Cordon. Fette, animalische, würzige-weinige Nase, dicht, erdig, ein wenig fruchtarm. Auch im Mund kommt erst nach dem Steinebeißen die Frucht ins Spiel, vermischt mit reichlich heißer Butter. Harte, rasante Säure, im Abgang dampft noch etwas Schokolade aus. Eigentlich viel zu jung getrunken, zum Grillen aber gerade recht. In drei Jahren sicher kein Grillchampagner mehr, sondern ein distinguierter, sehr vorbildlicher Vertreter der 1996er Prestigerosés.

8) Gosset Celebris Rosé 1998
Leider war es schon etwas dunkel, die Farbe war aber eher zartaltrosa als schreiend pink. Reicher, weiniger, schon sehr harmonischer Champagner mit dickstoffiger, samtiger, blumigfrischer Nase und hauchfeinen Toffeenoten, die mich immer ein wenig an Haferflocken mit braunem Zucker erinnern. Honig, Säure, Holz und Frucht in schönster Eintracht. Geschmeidiger Wein, der zu den gereichten Erdbeeren besser als zum Grillgut paßte.

9) Laurent Perrier NV Rosé
Buttrig, fett, sauber, stoffig. Rosenwasser und Mandeln, dazu ein angenehm mürbes haut goût, das aber flott wieder von Fruchtnoten eingefangen wird, bevor es aufdringlich wird. Gelungener Schlußwein mit reichlich Druck, um auch den strapazierten Gaumen noch anzusprechen, ohne ihn zu überfordern.

Fazit: Die Champagner für sich genommen waren alle sehr gut, das Grillgut auch. Die Kombination war nicht immer optimal, was aber auch daran gelegen haben mag, daß die einzelnen 2er Flights nach dem Rosé de Riceys sehr viel Aufmerksamkeit beansprucht haben und die Kombination mit dem Grillgut – zumindest bei mir – darüber ins Hintertreffen geriet. Die etwas grob gewirkten, derberen Champagner oder auch die ungestümeren mit reichlich Druck paßten gut, während elegantere Weine oft untergingen. Ob sich nicht vielleicht auch manche BdBs geeignet hätten ist schwer zu sagen, ich denke mit Geflügelwürstchen und Salat sicher, bei den dunkleren Fleischsorten ist dann doch Roséchampagner zu bevorzugen. Der Rosé de Riceys war wenn überhaupt, dann nur mit viel Luft und zum Gegrillten trinkbar, allein machte er eine etwas schwache Figur, was mich nicht besonders erstaunt.

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Unabhängige Winzer unter der Lupe – Montagne de Reims: Eric Rodez, Ambonnay

Eric Rodez, Ambonnay

Alle Champagner von Eric Rodez stammen von etwas mehr als 6 ha aus Ambonnay Grand Cru. Ecocert. Im September 2010 wird es erstmals einen Dosage Zéro auf Basis des 2004er Jahrgangs von Eric Rodez geben, auf den man sehr gespannt sein darf.

1. Cuvée des Crayères

45CH 55PN, Basisweine stammem mit 51% aus 2006, 29% sind 2005er, 8% 2004er, 9% 2002er und 3% 2001er. Tirage 2007, dégorgiert April 2010. Das Durchschnittsalter der Reben liegt bei 29 Jahren. Ausbau zu 80% im Stahltank und zu 20% im Holzfass, 80% ohne BSA, mit 6 g/l dosiert.

Von Hunden und ihren Haltern sagt man oft, dass beide sich mit der Zeit immer stärker zu ähneln beginnen. Bei manchen Champagnern ist es ähnlich. Die Cuvée des Crayères von Eric Rodez und einige seiner anderen Champagner transportieren einen Hausstil, der viel von der Person des Winzers selbst trägt. Hinter der Halbrahmenhornbrille von Kenzo steckt ein nicht besonders groß gewachsener Typ mit kurzem Haar, eher kompakt als hager, rundlich statt eckig, intelligent, scharfsinnig, hellwach, aber nicht quirlig oder nervig sondern konzentriert und jemand, der in langen Zeiträumen zu denken gewöhnt ist, ohne darüber träge zu werden. Einer, der ohne viel Aufhebens drum zu machen anpackt, was er unter anderem bei Champagne Krug und als Bürgermeister des Örtchens Ambonnay getan hat. Eine angenehme, ruhige, weiche Stimmlage und ein für französische Winzer schon schwindelerregendes Sprachtalent runden den positiven Eindruck, den der sympathische Winzer vom ersten Moment an macht, stimmig ab. Die Cuvée des Crayères zeichnet das gut nach. Empfehlenswert!

2. Blanc de Blancs

Basisweine stammem mit 55% aus 2005, 15% sind 2004er, 15% 2003er, 6% 2002er, 7% 2001er, 6% 2000er und 2% 1999er. Tirage 2006, dégorgiert April 2010. Das Durchschnittsalter der Reben liegt bei 30 Jahren. Ausbau zu 35% im Stahlstank und zu 65% im Holzfass, 25% ohne BSA, mit 5 g/l dosiert.

Reinsortiger Chardonnay aus diesem ausgemachten Pinotflecken in der Champagne ist selten. Klar, Gaston Chiquet und Regis Fliniaux machen auch einen Blanc de Blancs d'Ay, Billecart und Philipponnat wagen sich damit gleichfalls auf den Markt, doch selbstverständlich ist das nicht. Chardonnay, so weiß doch jeder, wächst am besten nur in der Côte des Blancs mit ihrer knalligen Morgensonne und der mächtigen Kreide, die schon nach wenigen Zentimetern suchende Wurzelspitzen bewillkommnet – selbst die Crus in der Montagne de Reims werden ja gemeinhin nicht mehr für voll genommen. Umso gewagter also, einen reinen Chardonnay ausgerechnet aus Ay, Bouzy oder eben Ambonnay zu vinifizieren. Umso schöner jedes Mal, wenn das Wagnis gelingt und der Champagner abseits des oft geradezu eintönigen Chardonnayeinerleis von der Côte des Blancs brillieren kann. Ich frage mich dann immer: ist das reiner ennui? Bin ich nur zu faul, an der Côte des Blancs die richtigen Perlen zu suchen? Sind die Exotenchardonnays wirklich mehr als nur buntgefleckte Wundertiere? Meist wische ich diese und ähnliche Fragen sorglos weg und spüle sie mit einem weiteren Schluck reinsortigen Chardonnays runter, wenn er denn gut ist. So wie dieser hier. Aprikose, Pfirsisch, Marillenkernöl künden von hochreifer Frucht und lassen fast kalifornische Verhältnisse vermuten. Mandeln, Blütenaromen, mit Luft eine Andeutung von frischen Champignons und Kräuterkruste bieten so viel Gesprächsstoff, dass bange Fragerei nach dem pro und contra dieser Weine gänzlich in den Hintergrund tritt und bedeutungslos erscheinen muss.

3. Blanc de Noirs

100PN, Basisweine stammem mit 49% aus 2005, 22% sind 2004er, 18% 2002er, 9% 2000er und 2% 1999er. Tirage 2006, dégorgiert Februar 2010. Das Durchschnittsalter der Reben liegt bei 31 Jahren. Ausbau zu 25% im Stahltank und zu 75% im Holzfass, 35% ohne BSA, mit 5 g/l dosiert.

Kraftvoll und im vollen Bewusstsein seiner Typizität tritt der Blanc de Noirs auf. Eine mächtige, ich will nicht sagen apotheotische, aber jedenfalls überlebensgroße Herausarbeitung der Pinotanteile, die sich schon in der Cuvée des Crayères so bemerkenswert rund, fein und geschliffen präsentierten. Nach meinem Eindruck war der Chamapgner dafür jedoch etwas kurz geraten, ein Säureschwänzchen hätte ihm etwas mehr Balance verleihen können.

4. Millésime 2002

50CH 50PN, Tirage 2003, dégorgiert März 2010. Das Durchschnittsalter der Reben liegt bei 31 Jahren. Ausbau zu 10% im Stahltank und zu 90% im Holzfass, 25% ohne BSA, mit 5 g/l dosiert.

Weich, elegant, sehr würdevoll, stellenweise leicht mürbe und ganz der Bürgermeister in seiner nur auf den ersten Blick altertümelnden Amtstracht. Punktuelle Säurespitzen zeigen, dass das Lesegut reif, aber nicht überreif war, feine Kräuternoten, Zitronenmelisse, Verbene und ein gönnerhaft im Hintergrund bleibender Holzton veredeln diesen an sich schlanken, langsam sich entwickelnden Jahrgang.

5. Cuvée des Grands Vintages

38CH 62PN, Basisweine stammem mit 35% aus 2002, 14% sind 2001er, 14% 2000er, 18% 1998er, 5% 1996er, 7% 1995er, 5% 1993er und 2% 1992er. Tirage 2003, dégorgiert Juni 2009. Das Durchschnittsalter der Reben liegt bei 31 Jahren. Ausbau zu 100% im Holzfass, kein BSA, mit 5 g/l dosiert.

Frisch und jugendlich betritt dieser Held die Bühne. Die guten Anlagen mehrerer Jahrgänge, darunter einige, die allein zu vinifizieren sicher schwierig gewesen wäre, hat er im Gepäck. Den kräftigen Rücken für die Last des Alters stützt eine gesunde Säure, die sich wie ein dünner, hochliquider Film über die Zunge legt, ja mehr schlängelt als legt. Bei diesem Champagner macht sich das entgegengesetzte Konzept zum 2002er bemerkbar, eine auf den Stärken verschiedener Jahrgänge beruhende Struktur, Dichte, Gefügtheit und Komplexität, die sehr kunstvoll geschmiedet wurde und dem monolithischeren, organischeren reinen Jahrgangschampagner nicht nachsteht.

6. Rosé

30CH 30PN und 40PN mazeriert, Basisweine stammem mit 51% aus 2005, 28% sind 2004er, 5% 2003er, 9% 2002er, 5% 2001er und 2% 2000er. Tirage 2006, dégorgiert Dezember 2009. Das Durchschnittsalter der Reben liegt bei 29 Jahren. Ausbau zu 25% im Stahltank und zu 75% im Holzfass, 30% ohne BSA, mit 5 g/l dosiert.

Drei Säulen tragen diesen Champagner. Eine fundamentbildende, sehr feine Säure, ein Gebälk aus gut abgelagertem Holz und ein Wechselspiel aus herber, druckvoller Mineralität und rotfruchtigem Früchteallerlei. Auch hier tritt der Hausstil, das abgerundete, weiche, aber nicht konturlose des Chamapgners hervor.

7. Empreinte de Terroir, Chardonnay 1999

Erste Gärung ohne künstliche Temperaturführung, Ausbau zu 100% in dreifach belegten kleinen Eichenfässern, kein BSA, ohne Klärung, Schönung, Filtration. Dég. im Sommer 2009.

Markant und rasant, als würde einem der Boden selbst einen Tritt verpassen. Kalkige, mineralische, entfernt an Traubenzuckerbonbons erinnernde Nase, gefolgt von zungenmassierender Säure und einer betäubenden Verweildauer am Gaumen. Völlig anders, als der "normale" Blanc de Blancs und ein gefürchteter Pirat in Côte des Blancs Gewässern.

8. Empreinte de Terroir, Pinot-Noir 1999

Erste Gärung ohne künstliche Temperaturführung, Ausbau zu 100% in dreifach belegten kleinen Eichenfässern, kein BSA, ohne Klärung, Schönung, Filtration. Dég. im Sommer 2009.

Waldboden und Waldbeeren, rassige Säure, Weichselkirsche, Zwetschgen, mit einem kühlenden, minzigen, an Kombucha erinnernden Nebenthema, nahtlos und seidig, dazu eine an Cola angelehnte Zuckercouleuraromatik wie man sie bei langsam und auf den Punkt gereiften Rotweinen finden kann. Blind würden die meisten auf Burgunderstillwein tippen und damit kommt man der Wahrheit letztlich sogar erstaunlich nahe, denn Eric hat seine Wanderjahre unter anderem in Burgund verbracht, wo er die Kunst des Fassausbaus erlernte, bevor er die Domaine 1982 übernahm und in ungekannte Höhen führte. Für mich eine nahezu perfekte Transponierung des Burgunderthemas in die Champagnertonart.

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