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Monthly Archives: Oktober 2015

Lese 2015 und einige Empfehlungen von der letzten Bulles Bio in Reims

Verehrter Lesefreund! Die Lese ist rum. Nach allem, was ich so höre, war sie ganz erfreulich. Der Winter 2014/2015 war mild, der Reifezyklus ging ziemlich zügig voran und ließ eine frühe Ernte erwarten. Trockenheit und Hitze spielten den Winzern mehr in die Hände, als dass sie Probleme bereitet hätten, Vergleiche mit dem 1976er Jahrgang habe ich mehrfach gehört und gelesen. Im August gab es einen kleinen regnerischen Dämpfer, die große Botrytisgefahr blieb aber dank kühler Temperaturen aus. Der September bügelte die Delle weg, vor allem die Tag-Nacht-Temperaturunterschiede beförderten eine gesunde weitere Reifung. Die Lese konnte wie erwartet früh beginnen und bedurfte nur bei den Meuniers erhöhter Wachsamkeit. Potentielle Akoholwerte zwischen 10,5% und 11% und Säurewerte von 8 bis 8,5 g/l H2SO4 allüberall lassen die Ernte sehr vielversprechend erscheinen, eine Herausforderung wird voraussichtlich darin liegen, die Reife- und Alkoholwerte ins Gleichgewicht zu bringen. bzw. dort zu halten. 

 

Das wer der Blick nach vorn. Der ins Jetzt und in die Vergangeheit ist mindestens genauso wichtig. Dabei will ich nicht versäumen, auf einige Winzer und ausgesuchte Champagner hinzuweisen, deren Kauf und Verzehr mir dringend geraten scheint, nachdem ich mich auf der letzten Bulles Bio noch einmal gewissenhaft davon überzeugt habe, nicht am Ende doch daneben zu liegen. Hier also meine Favoriten:

 

Von Larmandier-Bernier habe ich gleich mehrfach den Vieille Vigne du Levant Grand Cru Extra Brut Millésime 2007, u.a. dég. 1. März 2015, probiert. Der ist so exemplarisch für Cramant, so rund, augewogen und saftig, so punktgenau zwischen Säure und Frucht, Pracht und Finesse, dass er wie die Aufhebung der Heisenberg'schen Unschärferelation wirkt. Bei den Blindproben für Meininger und für den Sternefresser Bubble Tank (dazu im nächsten Beitrag mehr) haben die Larmandier-Bernier Champagner leider nicht so abgeräumt. Macht aber nix. 

 

Aus dem Süden der Côte des Blancs kann man heutzutage nicht mehr einfach so nach Norden in die Vallée de la Marne oder Montagen de Reims fahren. Ein Schwenk in das Sézannais ist unerlässlich. Dort wartet z.B. in Villenauxe la Grande Champagne Barrat-Masson. Deren Chardonnay aus der Lage Les Marsannes (aktuell Ernte 2011) kann ich nur immer wieder und immer verschärfter empfehlen, damit es nachher nicht heißt "warum hast Du nichts gesagt?". Kaum merkliche 15% Fassanteil und ein Festival von Mandarine und Nektarine ergeben einen Chardonnay, der nach einer Phase der Heliumleichtigkeit im Frühjahr nun strotzend und stark ist, ohne vornüber zu kippen. Ungebundenheit, Stärke und Präzision machen diesen Champagner aus.

 

Über Thomas Perseval aus Chamery habe ich schon im April nur Gutes zu berichten gewusst. Geilen Saufstoff macht er nach wie vor, seine Cuvée Tradition aus 45PN 45M 10CH, 2012er Basis gehört in jeden gut sortierten Keller, ich rate außerdem dazu, genug davon einzulagern, bevor Preis und Verfügbarkeit die Rechnung wieder durchkreuzen.

 

Und was tut sich in Villers aux Noeuds unweit von Chamery? So manches. Olivier Langlais legt dort Champagne Solemme auf. Ein Biodyn-Vorzeigeprojekt auf knapp 6 Hektar, ich habe von der einzigen Cuvée die es dort momentan gibt, dem bundosierten Blanc de Blancs Nature de Solemme, die Jahrgänge 2011 (Jungfernjahrgang) und 2012 probiert. Viele Flaschen gibt es davon nicht, genaue Zahlen kenne ich nicht, aber die 2013er Ausgabe wird 4000 Flaschen für den Markt ergeben und die 2014er Ernte wird 5000 Flaschen bringen. Wenn die Entwicklung, die sich hier schon von 2011 zu 2012 abzeichnet weiter anhält, dann kommt da ein Champagner mit Riesenschritten auf uns zugerannt, der sich einen Platz im Oberhaus der Region verdient hat. Feine reduktion, schnittige Säure, sehr apart und gleichzeitig hochkomplex. Beobachten lohnt sich hier!

 

Selbst die kürzeste Empfehlungsliste wäre unvollständig ohne den Hinweis auf Champagne Charlot-Tanneux aus Mardeuil. Der reinsortige Chardonnay L'Or des Basses Ronces (Millésime 2011) ist schon wieder so ein herrliches biodynamisches Meisterstück. Wie die von den Inquisitoren eingesetzte Mundbirne spreizt der Champagner den Mund auf und am Ende meint man, der Kopf müsse vor lauter Aroma platzen. Die versöhnliche Säure erdet das Bewusstsein wieder und lässt einen erstaunt schweigenden Trinker zurück.  

 

Der Marne folgend kommt man mit etwas Geduld nach Fossoy, wo Benoît Dehu über Holz aus seinem Wäldchen bei Meilleray gebietet, bzw. daraus Fässlein fertigen lässt, in denen seine Champagner entstehen. Besonderes Augenmerk hat ein Champagner verdient, der als Einzelfass völlig aus der reihe tanzte. Eigentlich hätte daraus der reinsortige Meunier aus der Parcelle La Rue des Noyers werden sollen, die an sich schon aufregend genug ist. Dieses spezielle Fass aber wollte da nicht mitmachen und wurde farblich ein Oeil de Perdrix mit auch sonst devianten Eigenschaften. Die wiederum hat Benoît (dessen Namensvetter in Oeuilly über ein ähnlich verrücktes und hernach zum Riesenerfolg geratenes mocque tonneau verfügte) champagnifiziert undosiert gelassen und unter dem Projektnamen Pythis (oder Pythie) zur Debatte gestellt. Ab November 2015 wird es davon 320 Flaschen geben, dann ist das Fass leer und der Spuk vorerst vorbei. Der Champagner hingegen ist gewaltig und reicht weit über die Aromenwelt von bloßem Meunier hinaus. Schon jetzt Kaffee, Kakaobohne, Kirsche, pflanzliche Einflüsse und keine Spur von Überreife. Was da noch alles kommen mag, kann man sich nur schwer ausmalen und die Versuchung wird riesig sein, die beiden Flaschen die ich mir gesichert habe, nicht vor der Zeit zu öffnen.   

 

In Polisot reißt, resp. zerrt, resp. zieht Roland Piollot, der Mann von Dominique Moreau (Champagne Marie-Courtin) immer mehr Aufmerksamkeit auf oder an sich, bzw. auf Champagne Piollot Père et Fils. Sein reinsortiger, undosierter, nur minimal geschwefelter Weißburgunder aus der Lage Colas Robin, Erntejahr 2010, gehört mit dem Zeug von Cedric Bouchard und Charles Dufour zum Kanon der großen Rebsortenchamnpagner. 

 

Wenige Kilometer entfernt lohnt sich stets der Check im Hause Ruppert-Leroy. Deren Chardonnay aus der Lage Martin-Fontaine (aktuell: 2012er Ernte) betört mich jedes Mal aufs Neue. Apfelkompott, Ananas, Rumrosine, Zitronenzeste. Zutaten, wie man sie jedem reifen, ja sogar leicht überreifen Chardonnay zubilligt, oder zutraut, wenn nicht sogar gänzlich voraussetzt. Nur hier gibts das in einer Aubeinterpretation, die den schon leergesuchten Horizont wider jedes Erwarten weitet. 

 

Bertrand Gautherot, dessen Freude an bunten Klamotten sich nicht so sehr in der Etikettengestaltung wiederfindet, aber dafür in seinen Vouette & Sorbée Cuvées reflektiert wird, hat mit dem undosierten Extrait 2006 einen Champagner aus fassvinifizierten 60PN 40CH gezaubert, dessen vollmundige Herbe zusammen mit der verblüffenden Frische elektrisiert. 

Champagne Suenen, Cramant

Aurelien Suenen ist eigentlich Basketballtrainer. Als sein Vater starb, musste er sich überlegen, ob er lieber weiter Basketballdamen oder wilde Hefen bändigen will. Er entschied sich für die Hefen. Seit 2012 gibt es nur noch Spontangärung, vieles geht nach dem Mondkalender. Bei der Weinbereitung gibt es mal Malo und mal nicht, das hängt ganz vom Jahr ab. Alles sechs Monate wird über die Dosage neu entschieden, die liegt dann irgendwo zwischen 0-10 g/l, im Grunde ist also alles möglich.

 

Um die Weine von Aurelien Suenen zu verstehen, sollte man sich einmal mit der Lage seiner Weinberge vertraut gemacht haben, das geht eigentlich ganz schnell, weil alles schön zwischen Oiry, Chouilly, Cramant und Avize verteilt ist, im Verkostungsraum hilft außerdem eine große Übersichtskarte bei der Orientierung. Ein Schluck von den Fassmusterreserven gibt dann weiteren Aufschluss, Fragen lässt die ungewohnt detailreiche Ausführung und Kommentierung von Aurelien Suenen eigentlich sowieso nicht offen.

 

Oiry, Basis 2014 mit 80%, 20% sind 2013, 100 Barrique. Mineralsalz, Leichtigkeit, etwas Banane, das sind bei Aurelien die Merkmale von Oiry. Cramant und Chouilly sind ausdrucksvoller, exotischer, sucré-salé, mich erinnern sie an karibische Bananen-Austernspiesschen mit braunem Kandis, bei raffiniert verbauter Säure, mein Empfinden: das ist viel reicher als Oiry, mit feinerer Balance, und trotz der räumlichen Nähe völlig anders.

 

Bei meinem Besuch im Sommer 2015 gab es morgens à la volée degorgierte Champagner, die ab Ende 2016 verkauft werden sollen.

 

Oiry, Basis 2013 verfügte über eine kräftige Säure, anschmiegsamen Druck, merkliches Barrique, etwas agrumes und grünen Apfel. Das Duo Cramant und Chouilly auf Basis 2013, hatte wie beim 2014er mehr Fruchtfleisch, Reichhaltigkeit und in dieser Fassung deutlich mehr nasse Kreide. Oiry, La Cocluette 2013, stammt von 90 Jahre alten Reben und kommt als erster Parcellaire teilweise aus dem Betonei, das bringt Mikrobatonnage, die für das Kokosraspelaroma verantwortlich sein mag, außerdem Milchcrème, Steinobst, Konzentration und eine kecke Äpfelsäure (da kein BSA durchlaufen wurde). Es folgte der 2013er Meunier von ungepfropften Reben (natürlich aus dem Norden der Champagne), hier giobt es leider eine gewisse Anfälligkeit  für die verfluchte Kirschessigfliege, dadurch musste der Verlust der halben Ernte verschmerzt werden; das was übrigblieb hat einen brotigen Charakter, zu dem ein sonntäglicher Fruchtaufstrich, etwas Bachbett und nasser Kies gut passen und Entspannung vermitteln. Damit nicht alles zu lax wird, kommt dann Tellycherrypfeffer ins Spiel, dadurch erhält der Meunier seine reichhaltige aufgerauhte Art, behält kräuterige, würzige Noten. Kein BSA, kommt 2019 auf den Markt.

 

Die Cuvée Reserve, 40% 2012, 60% aus 08, 09, 10, sehr wenig 11, besteht aus 45PN 55PM und ist seit Ende September erhältlich. Die Weine sind zu 50% spontan vergoren, ein Viertel hat Barrique gesehen. Die Cuvée selbst hat dann einen vollen BSA mitgemacht, dégorgiert wurde seit dem 20. März 2015, 6 g/l Dosage. Der Champagner ist weich, mir minimal zu hoch dosiert, leicht pflanzlich und als Pinotchampagner noch nicht ganz überzeugend. 

 

Der Blanc de Blancs ist mir da lieber. Basis hier ist wieder 2012, 20% waren im Barrique, BSA wurde gemacht, 50% sind auch hier spontanvergoren spontan; Dégorgierdatum ist identisch mit der Réserve, die Dosage liegt bei 3 g/l; 50% der Trauben stammen aus Oiry, 50% aus Cramant/Chouilly; die Cuvée schwebt daher zwischen den Welten. Der Oiry-Teil ist karg, säuerlich, mager und salzig und Cramant/Chouilly, fetter, fruchtiger, dicker. Der Mix ist auf der gediegenen, unangestrengten, aber spannungsvollen Seite.

 

MBDA ist eine Generationsvornamencuvée, 50PN stammen aus dem Massif St. Thierry, 50CH, sind auf Basis 2010, die Weine haben 15 Monate sur lie verbracht, mis en bouteille war 2012, 60% waren im Barrique, dégorgiert wieder am 20. März, bei 3 g/l Dosage. Es handelt sich um das letzte Dégorgement, dann ist Schluss. Diese Cuvée hat für Aurelien eine ganz eigene Bedeutung, da es die erste Cuvée ist, die ganz nach seinen eigenen Vorstellungen entstanden ist, das entspricht ein wenig Tristan Hyests Colostrumidee und sprach mich bei meiner ersten Begegnung gleich an. Kräftiger Pinot, Gojibeere, Herzkirsche, dann geht es in Richtung getrockneter Weinbeere und Physalis, bis hin zum goldenen Abschluss mit Golden Delicious.

 

Bei Suenen ist viel los und vieles in der Mache. Alles was absehbar ist und in den nächsten Jahren auf den Markt gelnagen wird, hat schon jetzt das Zeug, die Keller der Kenner zu erobern. Champagnerspürnasen sollten sich hier rechtzeitig Kontingente sichern. 

Champagne Besserat de Bellefon, Epernay

Als ich zuletzt bei Besserat de Bellefon war, kannte ich die Cuvée B de B schon ein Weilchen und hatte u.a. damit beispielsweise den letzten Jahreswechsel begossen. Dieser Champagner bietet viel Kuchenteig, bei milder Holznote, gewohnt und gekonnt sahnigem Mousseux, Brombeere, Heidelbeere und Holunderblüte. Nicht der ganz große Aufschlag, eher ein Lustschlösschen, als Versailles. Wenn man aus mönchischem Gefilde kommt, ist das völlig ok. Die eigentliche Domäne von Besserat de Bellefon bleibt deshalb auch dort zu suchen, bzw. verorten.    

 

Die aktuelle Cuvée des Moines begeistert mit sahnigem Mundgefühl und erfrischender Minze mit einer weniger scharfen, als vielmehr duftigen Schwerpunktsetzung die gut zur üppigen Säure passt. Briocheduft rundet alles köstlich und wenig mönchisch, sondern ziemlich weltlich ab. Mal wieder sehr gut gelungen, muss ich sagen, und ein erdbebensicheres Fundament für alle übrigen Cuvées des Hauses. Darauf kann man von Lustschlösschen bis zum Wolkenkratzer alles errichten, wobei die Cuvée des Moines Rosé (30CH, 30PN, 40PM) zu den weniger eleganten Bauwerken gehört. Da wird zu meinem Leidwesen ein für mich etwas zu weiniger Stil gepflegt, mit einer Früchtekonzentration, die sich nicht mehr ganz mit dem leichten, sahnigen Mönchsstil verträgt..

 

Vom 1942er Besserat de Bellefon habe ich ja schon erzählt, so dass ich hier bedenkenlos zu den Vinothekversionen einiger Jahrgänge hinüberschwenken kann, die alle so um die 4 g/l dosiert sind.

 

1995 50CH/50PN, habe ich blind glatt für einen 98er gehalten, das Geheimnis seiner jugendlichen Frische war der Verzicht auf BSA was ihn noch einmal frischer wirken ließ. 

 

2000 100CH, hier kam der typische Charakter des 2000ers durch, ein gut entwickletes Röstaroma, Reife, Saftigkeit und eine nicht zu dicke Aromenschminke, vor allem aber eine freche Säure, die entfernt an Comtes de Champagne 2000 erinnerte. Für die Ewigkeit ist das vielleicht nicht geeignet, wird aber noch eine ganze Zeit Freude bereiten.

 

2002 50CH/50PN, war perfekt balanciert,  bemerkenswert die Vanillearomatik und das Bäckereidüftchen, die ohne Holzeinsatz in den Champagner gekommen sind, bzw. dort heraus. Mindestens ebenso schön wirkte auf mich die sich nobelstens entfaltende Reife, der Champagner wirkt dadurch wesentlich süsser als er tatsächlich dosiert ist. Als ich den vor ca. drei Jahren das erste Mal probiert habe, gefiel er mir schon sehr gut und hat sich bestens entwickelt. Klar dem 2000er überlegen.