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Brut, Extra Brut, Brut Nature – Ein Querschnitt

Jedes Jahr aufs Neue stellt sich Sascha Speicher vom Meininger-Verlag der champagnerdurstigen Meute. Jedes Jahr mit einem neuen Thema und den dazu passenden Champagnern. Dieses Jahr ging es um das Trendthema Dosage. Trendy ist momentan eine besonders niedrige Dosage. Die Champenois wären aber nicht sie selbst, wenn sie diese Entwicklung nicht zumindest teilweise hinter einem Schleier der Ungewissheit verhüllten. Nicht wenige Erzeuger nämlich geben Brut an, wo ein Extra Brut oder sogar Brut Zéro die Verhältnisse besser beschriebe; und lassen so den Kunden im Unklaren über die wahren Dosageverhältnisse. Während das Pendel gerade in Richtung besonders karger, mineralischer und naturbelassener Champagner ausschlägt, ist die Gegenbewegung natürlich absehbar. Im Stillen entsinnen sich bereits jetzt immer mehr vor allem große Häuser ihrer einstmaligen süßen Cuvées und relaunchen ohne großes Tamtam fluffig ausgepolsterte Champagner, die eine alte Schwäche des Champagners ausmerzen helfen könnten, nämlich die Begleitung von Süßspeisen. Mit Veuve Clicquots Rich, Louis Roederers Demi-Sec, Abel-Jobards Doux oder dem ausgefallenen Doyard La Libertine muss man selbstverständlich nicht unbedingt Speisen begleiten, man kann damit auch einfach nur im Überfluss schwelgen. Für die Champagne erschließt sich mit diesem Typus vielleicht sogar noch eine weitere, völlig neue Käuferschicht, wer weiß. Zurück zur ProWein und zu Sascha Speichers Probe, in deren Verlauf noch ein anderer Aspekt erkennbar wurde: das abnehmende Dosagebedürfnis lange auf der Hefe gereifter Champagner. An dieser Stelle will ich gerne Volker Raumland ins Spiel bringen, der das als einer der wenigen deutschen Sekterzeuger erkannt hat und ganz offensiv danach handelt. Seine Sekte sind kurz nach der ersten Marktfreigabe etwas höher dosiert, als spätere Dégorgements, wie er mir vor Jahren schon verriet.
 

1. A.R. Lenoble Brut Nature

2007er Basiswein

Die Champagner von Lenoble trifft man seit Jahren immer wieder in deutschen Sommelierkreisen an. Das liegt an der kreglen Marketingarbeit des mittelgroßen Erzeugers, an den schmerzlos bezahlbaren Preisen, dem breitgefächerten Portfolio von Grand Cru bis Millésime, Blanc de Blancs bis Blanc de Noirs etc. pp. und der durchgehend stabilen Qualität. Denn was der Sommelier so gar nicht gebrauchen kann, ist ein unzuverlässig arbeitender Winzer, sei es, weil er zu klein ist und eine Folge von schlechten Jahren nicht mit Reservewein ausgleichen kann, sei es weil der Sommelier den Winzer kennengelernt hat, als der die Ernte seines Lebens eingefahren hat und mit seinem stolz präsentierten Ausnahmejahrgang alle Bedenken wegen der etwas dürftigen Eingangsqualität weggespült hat oder sei es von mir aus weil er schlampt.

Der Brut Nature von Lenoble eröffnete mit einer Mischung aus Leberwurstnase und Apfelzwiebelconfit. Rauchnoten mussten sich da mühsam durchkämpfen und vereinigten sich mit zahmer Säure zu einem kräftigen, runden, etwas kurzen Champagner, der kaum Frucht durch- und meiner Meinung nach den für Brut Natures gut geeigneten Chardonnay aus Chouilly nicht mit seiner reifen Grapefruitnote glänzen ließ

 

2. A.R. Lenoble Brut Intense

40CH 30PN 30PM, 2008er Basiswein, sonst wie der Brut Nature.

Sehr viel ausdrucksvoller als der verstockte Brut Nature war der gemeine Brut. Kalkig, aber überwiegend gelbfruchtig, reif, mit einem kontrastierenden Säurespritzer und dadurch hervorgerufener Süffigkeit. Der Königsweg liegt für Lenoble meiner Meinung nach in der Mitte. So wird das dort offenbar selbst gesehen, weshalb alle anderen Champagner von Lenoble zwischen 3,5 und 5,5 g/l Extra Brut dosiert sind.

 

3. Pascal Doquet Le Mesnil sur Oger Blanc de Blancs Extra Brut, dég. 6. April 2011

Basiswein ist mit 2/3 der Jahrgang 2004, 1/3 Reserve stammt aus 2003, Spontangärer im kleinen Holzfass, Tirage im April 2005, dosiert mit 3,5 g/l, mit Diam Mytik verschlossen.

Umgekehrt waren die Verhältnisse bei Doquet. Hier brillierte die sparsamer dosierte Version, wogegen der normale Brut etwas arglos wirkte. Ich will damit nicht Lenoble gegen Doquet ausspielen und Lenoble als einen Erzeuger hinstellen, der bei den massentauglichen Champagnern stark ist und im individuelleren, avantgardistischen Niedrigdosagebereich versagt, denn so ist es ja gar nicht. Man merkt jedenfalls, dass Doquet das Extra-Brut Thema mit seinen Chardonnays bestens im Griff hat. Klug war sicher, dass er die Jahrgänge 2003 und 2004 genügend lange hat ruhen lassen. Klug war sicher auch, dass er 2003er Mesnilchardonnays als Reserve verwendet hat, die sich in dem Jahr wie in Slow Motion zeigt. Reife Aromen, Florentiner, gegen Ende war der Champagner etwas hitzig, sonst war er ausgewogen und gut trinkbar. 

 

4. Pascal Doquet Le Mesnil sur Oger Blanc de Blancs Brut, dég. 6. April 2011

Wie beim Extra Brut, spontanvergoren, dosiert mit 7 g/l.

Rund bis behäbig, kompotthafte Frucht, für mich wie gesagt zu wenig Angriffslust
 

5. Bruno Paillard Réserve Privée Blanc de Blancs Grand Cru, dég. Nov. 2010

CH aus Chouilly, Oger und Le Mesnil, Crémant mit 5 g/l dosiert.

Sehr klug war der Champagner von Bruno Paillard platziert, der mir abgesehen von seinem leichten Brotton wie die Synthese aus den mineralischen Doquets und den schwärmerischen Lenobles vorkam
 

6. Billecart-Salmon Extra Brut NV

80PN 20CH, 07er Basiswein mit 06er Reserve. Tatsächlich ein Brut Nature, reifte ein Jahr länger auf der Hefe als der jahrgangslose Brut.

Eng und säuerlich mit einer pflanzlichen Note. Mit einer gewissen Härte ausgestattet, die zum Konzept dazugehört, zum Glück aber nicht in das von mir gefürchtete Zehren abglitt, sondern sich ruhig und gefasst vom Gaumen verabschiedete. Da muss in ein bis zwei Jahren noch ein Mehr an Entwicklung her

 

7. Billecart-Salmon Vintage 2004 Brut

Tatsächlich ein Extra Brut mit 3 g/l.

Wie ein aufblasbarer Knebel geht der Champagner im Mund auf. Mein erster Eindruck war, dass ich nur bis zur Zungenmitte überhaupt etwas wahrnahm und mich schon enttäuscht abkehren wollte, bis der zweite Schluck das Aroma aufpustete und aus dem verdorrten Dornbusch einen schwertragenden Apfelbaum machte. Herbapfelig, mit Thymian und Rosmarin versetzt, feincrèmig, ohne jedes Gefühl der Schwere.

 

8. Jacquesson No. 735

47PN 33CH 20PM, 2007er Basis, 2006er Reserve geht mit 22% ein, 2005er Reserve macht 6% aus. In Wirklichkeit zutreffend mit Extra Brut beschrieben.

Saftig und entschieden zu jung, aber schon soo verführerisch. Zur quietschlebendigen Frucht kommen Noten von Speck, Torf, hellem Tabak und eine milde Cognacnote. Entwickelt sich für mich immer mehr zum Bollingeräquivalent.

9. Louis Roederer Millesime 2005 en Magnum

Mit 9 g/l Reservewein aus dem großen Fass dosiert

Holz und Popcorn, der Champagner kündigt sich in der Nase großhäusig und mit angstvoll erwarteter Süße an. Die bleibt am Gaumen völlig überraschend aus. Da ist der Roederer facettenreich geschnitten, mit einer wiederum groß angelegten Struktur, einem überlegen wirkenden Auftreten, das von knappen, bestimmenden Säuregesten wirkunsgvoll unterstützt wird.

 

10. Drappier Grande Sendrée 2004 Brut, dég. Jan. 2012

55PN 45CH. Mit 8 g/l dosiert. Der Dosageliqueur besteht aus Reservewein-Zuckerlösung, die im Glasballon gelagert wird. Ziemlich einmalig in der Champagne.

Pillenboxaroma trifft Karamellüberzug, verlängert und wandelt sich mit Luft, wird zu einem noch viel zu frisch wirkenden, aber die freundliche und verbindliche Art seines Namengebers schon jetzt ankündigenden Champagner. Was bei der Grande Sendrée nie im Vordergrund steht oder auch nur besondere Beachtung erhält, ist plakative Frucht. In die Aromen der Grande Sendrée muss man sich vertiefen, sie drängen sich nicht auf, verstecken sich aber auch nicht. Sie sind einfach an ihrem platz, aber man muss drauf kommen, wo. Das fällt mir gerade bei jungen Grande Sendrées nicht leicht. Ich meine hier, neben den Eingangsaromen vor allem Blüten, frische Kräuter und eine Andeutung von Foie Gras mit Calvados und Meersalzflocken wahrgenommen zu haben. Mehr wird die Zeit zeigen.
 

11. Bollinger Grande Année Blanc 2002, dég. Nov. 2011

Die Dosage erfolgt mit derselben Cuvée aus verunglückten, noch undosierten Flaschen. Deren Inhalt wird mit Rohrzucker versetzt.

Die Grande Année gehört zum Oligopol der führenden Cognac-, Tabak-, Dörrobstchampagner, zu dem Jacquesson sich langsam Zutritt verschafft. Die 2002er Grande Année ist bei aller Eleganz und meisterlichen Selbstbeherrschtheit ein auf Anhieb dominanter Champagner mit einem Energiefeld wie aus dem Science-Fiction Film.

 

12. Piper-Heidsieck Rare Vintage 2002

Dosiert mit 11 g/l, Dosageliqueur aus Reserveweinverschnitten der besten Lagen, die 15 Jahre und älter sind und mit Rübenzucker versetzt wurden

Der Prestigecuvéemarkt wird von den großen Häusern bestimmt. Überschlägt man grob die Produktionszahlen und Verfügbarkeit der Champagner, die für über 100,00 € in den Handel kommen, spricht Vieles dafür, dass innerhalb der Exklusivnische "Champagner" die Prestigecuvées gar nicht eine so wahnsinnige Exklusivitätssteigerung bedeuten. Mit anderen Worten: Prestigecuvées gehorchen wahrscheinlich denselben Regeln, wie Normalcuvées. Und das bedeutet am Ende nichts anderes, als dass sie einen auf Champagner nicht besonders intensiv geschulten Massengeschmack bedienen müssen. Der Rare Vintage 2002 ist Massengeschmack in Perfektion. Von allen Prestigecuvées hat der Rare Vintage von Régis Camus den süßesten Gesamteindruck mit auf den Weg bekommen. Das bedeutet, dass gefällige Süße eine wichtige Rolle spielt. Perfektion bedeutet dabei zugleich, dass der Champagner gerade nicht pampig, klebrig und verzuckert schmeckt, sondern mit höchster Präzision und einem wahrscheinlich unerlernbaren Gefühl für das richtige Maß austariert ist. Der Rare wirkt weniger dominant als die Grande Année, ist nicht vom selben Gewicht und hat auch nicht deren Wucht. Doch kommt es für den Effekt, den der Rare erzielen soll, auf diese Faktoren gar nicht an. Seine Stärke liegt in dem abpuffernden Röst- und Toastaroma, das die lockende Süße geschickt einwickelt und zum kuschelweichen Bett für die grazil darübergelgte Mineralschicht und das darauf gelagerte Früchtebett macht. Diese Lagen sind wiederum so schlau miteinander verwoben, dass dem Champagner eine hohe Elastizität eignet und das alles zusammen hat wahrscheinlich das Fine Champagne Magazine in seinem unendlich weisen Ratschluss dazu bewogen, den Rare 2002 in der Nachfolge des Armand de Brignac Brut Gold zum Champagner des Jahres 2011 zu küren.

 

 

Wein-Glossar



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