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Mareuil trifft Ay: Champagne R. Pouillon – René Geoffroy

Mareuil sur Ay liefert sich einen gewissen Kleinkrieg mit dem berühmten Grand Cru Nachbarort Ay. Mareuil ist "nur" mit 99% auf der (für mich immer bedeutungsloser werdenden) échelle des crus ausgestattet, Ay hat die volle Punktzahl. Ay hat mit Bollinger, Deutz, Lallier und Gosset namhafte Häuser anzubieten, mit Henri Giraud, Goutorbe, de Meric, Fliniaux stehen außerdem Erzeuger bereit, die den hohen Ruf des Örtchens bedingungslos zu veretidigen bereit sind. Nur dass in Mareuil eben auch nicht gepennt wird. Billecart-Salmon und Philipponnat sprechen da eine sehr deutliche Sprache und eigentlich ist es heute überhaupt nicht nachvollziehbar, dass Mareuil neben Ay von Grand Crus wie Tours sur Marne, Oiry und Chouilly umgeben sein soll, ohne selbst Grand Cru sein zu dürfen. Ein wenig erinnert das an den Status von Mouton Rothschild bis 1971. 

Soweit die Ausgangslage. Aus den beiden Örtchen lohnt es sich, neben den schon angesprochenen und bekannten Erzeugern, die nachfolgenden beiden näher zu betrachten. Fabrice Pouillon ist einer der jungen Winzer aus dem feinen Örtchen Mareuil-sur-Ay, Jean-Baptiste Geoffroy von René Geoffroy ist sein Kontrahent in unserem kleinen match, wobei ich mit Ay ein wenig gemogelt habe, denn dort befindet sich zwar der Sitz des Hauses, aber die meisten Weinberge hat Geoffroy doch in der Vallée de la Marne westlich von Ay, besonders natürlich im Premier Cru Cumières. 

Pouillon:

1. Chardonnay Extra Brut

Je hälftig aus den Lagen Pu de Peigne in Le Mesnil und Les Valnons in Aÿ, unchaptalisiert, mit 6 (für mich eher bis 7) g/l dosiert, 25% Barrique, Rest Stahl

Im Laufe der Zeit hat sich der Chardonnay aus Ay die Oberhand in dieser Cuvée gesichert. Das war kein leichtes Unterfangen, wenn man die Kratzbürstigkeit von Chardonnay aus Le Mesnil bedenkt. Was in diesem Champagner für einen Sieg des Chardonnays aus Ay spricht, ist die deutliche, von der Dosage noch befeuerte Exotik, die mich leider zu sehr an Mango-Maracuja-Joghurts meiner Kindheit erinnert. Wenn sich das nicht mit der Zeit legt, wird der Champagner für mich uninteressant. Dass sich das legt, darüber bin ich guter Dinge, weil ich schlicht nicht glauben will, dass sich der Chardonnay as Le Mensil so mir nichts dir nichts verabschiedet haben soll.  

2. Brut Nature de Mareuil

Hälftig PN/CH aus der Les Blanchiers in Mareuil sur Ay, 2007er Tirage aus 2006er mit 2005er, spontan mit weinbergseigenen Hefen in Eichenfässchen vergoren.

Eine der Herzfasern von Mareuil-sur-Ay. Wer den Champagner von dort verstehen will, sollte sich nicht nur mit den inkommensurablen Clos des Goisses und Clos St. Hilaire, sondern vor allem mit diesem hier beschäftigen. Eine Außenhaut die sich von der Mundschleimhaut und den Geschmackspapillen erst so wenig abtasten lässt, wie moderne U-Boote vom Sonar; aber Malz, Fenchel, Brot und Hefe in der Nase verraten den Klassechampagner und wenn man sich auf diesem Weg nähert, fallen einem Kamille, Apfelblüte, Birne, weißer Pfirsich und vereinzelte Zitrusfrüchte schnell in den Schoß. Stromlinienförmig gerundet, aber nicht um zu gefallen, sondern um im Ziel zu wirken. Und Ziel ist nicht die Massenkundschaft, sondern die kleine Gruppe echter Champagnerbegeisterter.  

3. 2XOZ

100PN, 2006er Basis, Süßreservezugabe für die Gärung

Hier drängte sich mir ein Vergleich auf zum letzten Blanc de Noirs noch ohne Lagenbezeichnung  von Ulysse Collin, der eine ähnlich reife, vollfruchtige und nur um Haaresbreite nicht schon ins Herbe  hinübergleitende Aromatik mit vernachlässigbarer Säure hatte. Blutorange und Grapefruit, Süßkirsche, mit einem Mundgefühl, das ich blind an der nördlichen Rhône oder vielleicht in Australien vermutet hätte, irgendwo zwischen Grenache von alten Reben und sparkling Shiraz, nur dass der Champagner dabei seinen Champagnercharakter so nachdrücklich behält, dass ich jedes mal noch lange darüber nachdenken muss, was ich da eigentlich im Mund hatte. 

 

Geoffroy:

400 Jahre Weinbauerfahrung bringt die Familie auf die Waage. Das ist schon was, das hat sonst vielleicht noch Tarlant und bei Gosset in Ay kann man sogar noch auf paar Jährchen mehr zurückblicken; jedenfalls verpflichtet die Tradition (zb wird auf BSA schon immer verzichtet, oder zumindest solange man weiß, was das überhaupt ist), knebelt im Hause Geoffroy aber nicht, weshalb Jean-Baptiste und Karine sich in der Truppe umtriebiger Aktivisten der Terres et Vins de Champagne engagieren, wobei Karine das Etikettendesign in augengefälligere Bereiche gebracht hat, als das noch vor 2009 der Fall war. Margaux, Sacha, Rosalie, Colombine und Azalée helfen nach Kräften mit.

1. Blanc de Rosé

60PN 40CH, 2010er Basis, zusammen ausgeblutet und mit 4 g/l dosiert
Schon das gemeinsame Ausbluten der beiden Rebsorten ist eine höchst selten anzutreffende Methode und wer weiß, vielleicht ist sie dafür verantwortlich, dass man dem Champagner gleich vom Start weg ein höheres Reifevermögen oder sogar die unausgesprochene Verpflichtung zur längeren Flaschenreife unterstellt. Aromenstark, mit deutlicher Rosenblüte und undeutlicher einem Bouquet anderer Blumen, wirkt aber unverkitscht und nicht so plumt und lahm, wie sich das mit den Blumen anhören mag, selbst wenn ein wenig mehr Säure im Spiel hätte sein dürfen.  

2. Cuvée Empreinte

70PN 10PM 20CH, 2007er Basis, Vinifikation im Eichenfass.D É G U S T AT I O N. 

Sehr zeigefreudiger Champagner. Bereitwilligst werden hier getrocknete Sauerkirschen, Blüten, Kräuter und Morcheln ausgebreitet, bevor die Reise in den Magen angetreten wird. Damit hat Jean-Baptiste einen Abdruck des Gebiets champagnerisiert, der ähnlich stellvertretend wirkt, wie die Cuvée Nature von Pouillon und die sofort an einen Champagner gleichen Namens aus einem anderen Grand Cru, nämlich Ambonnay denken lässt, wo unter dieser Bezeichnung rebsortenrein Pinot Noir und Chardonnay interpretiert werden, dass mir schön beim drandenken das Wasser im Munde zusammenläuft. Aber zurück zu Geoffroy, bei dem mein Favorit eben auch die Cuvée Empreinte, diesmal sogar aus einem mauen Jahr war. Am wichtigsten für mich ist bei dieser Cuvée, dass sie den Eindruck einer königlichen Tafel vermittelt und hinterlässt, eine Opulenz und Eleganz, die Königen wie dem in diesem Zusammenhang und speziell von den Winzern aus Ay vielbemühten Henri IV. nachgesagt wird.

3. Millésime 2004 Extra Brut

71PN 29CH, Trauben aus alten Parzellen; ohne BSA vinifiziert wird im Eichenfass nur die erste Pressung, die zweite Gärung findet unter Naturkork statt, dosiert wird mit 2 g/l.

Als Ausgangsmaterial die Trauben der 2004er Ernte zu haben ist für alle Champagnerwinzer ein Geschenk gewesen und ich habe bisher ausnahmslos sehr gute Champagner aus diesem schönen Jahr getrunken. Unterschiede gab es vor allem bei der persönlichen Handschrift und das wünscht man sich ja nicht erst, wenn man etwas besser mit der Materie vertraut ist. Die Handschrift von Jean-Baptiste ist ohne allzugroßen Druck auf dem Federkiel, schnörkellos und entschieden männlich. Pfeffrig, toastig, mit zimtigen und zedrigen Noten, agrumes, erdiger Würze, mehr Parfum als Wein, aber ohne spürbaren Alkohol, ohne die Schwere in der Nase und mit dem Versprechen, die nächsten Jahre stetig noch eins draufzulegen.


 

Wein-Glossar



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