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Reingespitzt: Coquille St. Jacques, Neuwied (1* GM)

In das nächst Koblenz gelegene Neuwied zog mich, von Damenbekanntschaften gelegentlichen Geschäftsterminen abgesehen, nie etwas. Bis ich eines Abends im Koblenzer Gavino betrunken am Tresen eingeschlafen bin zufällig Florian Kurz kennengelernt habe, der das Gourmetrestaurant Coquille St. Jacques in der ehemals fürstlich Wied'schen Residenz, dem heutigen Parkrestaurant Nodhausen von Familie Kurz führt. Im Jahr 2008 eröffnet, gab es bereits Ende 2009 den ersten Stern. Die Weinkarte von Vater Armin Kurz ist kenntnisreich und liebevoll aufgebaut, geizt nicht mit Gemmen aus der Region. Eine davon diente mir als Eröffner: Weingut Selt, Leutesdorfer Riesling-Sekt Brut 2010; hinterließ, nachdem Leutesdorf zwar nah, aber mir nicht sehr präsent ist, einen guten ersten Eindruck bei mir. Die Säure hätte ich mir für die ersten Gänge etwas ausgeprägter gewünscht, aber wenn man den Sekt als reinen Apéro nimmt, ist er nicht zu beanstanden. Schlanker Mittelrhein-Riesling-Sekt, von dem es ruhig mehr geben dürfte. Als Begleitung durch das Essen habe ich den jetzt schon sehr feinen Wagner-Stempel Heerkretz 2008 ausgewählt.

Opener: Amuses (Schweinespeck, Miniburger, Thunfischhappen) und eine sehr appetitliche, liebevoll angerichtete Brotauswahl. Die Befürchtung, aufgepoppte Schweinespeckstücke, Crumbles, Hippen, Glaszuckerdeko und sonstiger Modekram könnten den Menugenuss trüben, musste ich nur kurz hegen. Schon bei den ersten Andeutungen aus der Küche zeigte sich nämlich eine ruhige, aromensichere Hand an Werk, mit geringen, mich nicht belastenden Zugeständnissen an den grassierenden Foodpornfetischismus, dem nichts spektakulär genug arrangiert sein kann.

1. Foie Gras mit Mispel, Joghurt und Haselnuss

Großzügig kam die Foie Gras in Variationen auf den Teller. Einen schönen Contrapunkt zur Leber setzte die Mispel, die sich in Tüpfeln auf dem Teller und als zwischengeschobene Lage im Foie-Gras Würfel befand. Die Kombination mit Haselnuss und Joghurt war schon recht sättigend und führte en passant den Heerkretz an seine Grenze.

2. Saibling mit Kartoffeln, Gartenkräutern und zweierlei Kaviar

Farbenprächtig dann der Saibling mit der Kartoffelernte, am Kaviar wurde nicht gespart. Huflattich und Knusperhippen gingen bei den deutlichen Aromen von seafood und Erdapfel unter, dienten aber sowieso nur zur Dekoration. Sekt und Wein machten sich dazu gleichermaßen gut.

3. St. Pierre mit Pinie, Avocado und Limonen-Beurre Blanc

Meine Begleitung, die mit Avocado sonst nicht sehr viel anfangen kann, war positiv von dem Butterbirnengeschmack angetan, was auch bei mir vor allem daran lag, dass die frische Beurre Blanc der Avocado einen schlanken Auftritt verschaffte, der sehr gut zum Sanktpertersfisch passte und ihn nicht erdrückte. Eine gute Wahl dazu war der Riesling, der sich mit Beurre und Avocado ebenso unmittelbar anfreundete, wie mit Pinie und Fisch.

4. Rotbarbe und Calamaretti mit Sellerie, Zitrone und Kaffee

Mit karibischer Farbenpracht kam die feine Rotbarbe zum Zug, Sellerie und Zitronenfleisch erwiesen sich als erstklassige Begleiter zu dem kross und einladend auf Röllchenbett dargebotenen Fisch, dessen Röstnoten der Kaffee dankbar zurückspielte. Der Wein kam mit Sellerie und Kaffee bestens klar, die Zitrone erwies sich als Herausforderung.

5. Kalbsbries, Steinpilze, Lauch

Eine gehörige Portion Kalbsbries gab es im Anschluss, geschmacklich ganz auf der Höhe der Fischgänge, dargeboten ohne großen Firlefanz, mich konnte lediglich der Lauch nicht so sehr begeistern, was allein daran liegt, dass ich kein Lauchfan bin. Dafür kann ja die Küche nichts. Steinpilze und Bries gingen mit dem Heerkretz wunderbar glatt runter, für die agile Säure des Weins war ich, doch schon reichlich gesättigt, in dem Augenblick besonders dankbar.

6. Campari Orange

Der dekonstruierte Apéritifklassiker kam als Variation von Orangentexturen an den Platz. Ein erquickendes Sorbet, ein fruchtiger Würfel, Geltropfen und eine ausgezogene Orangenbahn bildeten das Diorama, lediglich an den in der Tellermulde liegenden Würfel wurde der Campari angegossen und liess sich dann bequem mit der Orange weglöffeln.

7. Birne Hélène

Die Birne Hélène war reichlich bemessen und präsentierte sich in ihren verschiedenen Komponenten, die ich nur in kleinsten Dosen probierte, für gut befand, im wesentlichen aber meiner Begleitung überließ, die sich den Gang schließlich bestellt hatte, um ihn selbst zu verzehren.

Fazit:

Nach dem Weggang von Patrick Maus (ex Pur 1* GM) hat die Region Koblenz mit dem Coquille St. Jacques nur noch aber andererseits: immerhin eine Bastion des guten Geschmacks, die es verdient, häufig und ausgiebig besucht zu werden. Das Essen ist auf hohem Einsternniveau und kommt wohltuenderweise mit dem Glanz seiner Zutaten aus, ohne dass es tiefgreifender molekularer Eingriffe oder optischer Faxen bedürfte. So bleibt mehr Zeit für den im Grand Menu durchaus reichlich bemessenen Genuss, zu dem auch der flotte, unaufdringliche, sehr hilfsbereite und freundliche Service gehört. Keine Spur von Belagerung des Tischs oder haarkleiner Erklärung jedes Härchens auf dem Teller bis das Essen kalt ist, sondern eher eine kleine Erinnerung an das was in der Reihenfolge nun kommt nebst Kurzeinweisung in den Gang, die auf Nachfrage prompt vertieft wird. So wünscht man sich das.

Wein-Glossar



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