Frauenclübchen sind in Mode wie Roséchampagner und minderschwere Essensmacken. Dabei handelt es sich überwiegend um künstlich wirkende Adaptionen (Adaptationen?) von Männerclubs, meist um die dort herrschenden Atavismen bereinigt und sterilisiert. Schön ist es aber meist trotzdem, wenn ein Haufen leistungsbereiter Frauen um einen herum ist. Erst recht gilt das natürlich, wenn alle eigenen machen. Das geht wiederum nur in der Champagne, wo nämlich alles anders ist und ich besonders gerne bin. Frauen haben hier schon immer eine hervorragende Rolle gespielt, selbst zu Zeiten quasiorientalischen Patriarchats. Ohne die berühmten Witwen Clicquot, Pommery, (Laurent-)Perrier, Bollinger, stünde die heute ganz anders und wahrscheinlich nicht gerade besser da. Die Fa’Bulleuses sind vor diesem Hintergrund nicht als Abklatschtruppe aus dem Umfeld des Printemps en Champagne zu verstehen, sondern als ein fruchtbarer, bzw. fruchtbringender und epikureischer Zirkel eigenen Rechts.

Im Reimser La Table Anna’s luden die Ladies zur Soirée. Es gab

Croustillant de Gambas mit grünem Spargel, dazu Rochet-Bocart de Blancs von Mathilde Bonnevie aus Vaudemange. Weniger als ein Grämmchen Dosagezucker, athletischer Corpus, typischer Montagnechardonnay mit viel frecher Säure und fruchtiger Aromatik, die sich einwandfrei mit und Gambas paarte.

Terrine de Foie Gras, Chutney, Gewürzbrot, dazu Mary-Sessile L’Inattendue von Claire Blin aus Treslon. Reinsortiger Meunier, wieder gering (2 g/l) dosiert, aus der für starke Meuniers bekannten Region westlich von Reims, hinter Gueux und Vrigny gelegen. Ob der das schafft, mit Foie Gras, Chutnes und Gewürzbrot? War meine Befürchtung. Er schaffte es mit Bravour. Mary-Sessile werde ich weiter erkunden müssen.

Jakobsmuschelcarpaccio, Austernemulsion, Kaviar, dazu Brut Réserve von Charlotte de Sousa aus Avize, mit 7 g/l dosiert, die auf den ersten Blick und auf dem Papier sehr hoch wirken nach den beiden Brut Natures, aber nicht so schmeckten. Das lag sicher am meerlastigen Aroma der Speisen, die ggf. viel Dosage vertragen können (nicht in jedem Fall) und zu einem anderen Teil lag es an der anpassungsfreudigen und am japanischen Geschmack (ich sage nur Umami) geschulten Art des Champagners. Ein Selbstläufer.

Steinbuttfilet, Trüffelrisotto, Sauce Champagne, dazu Guy Mea von Sophie Milesi aus Louvois. 60PN 40CH, mir war Guy Mea bis dato völlig unbekannt. Auch das wird sich ändern müssen. Denn zum Steinbutt mit passt ja nicht unbedingt immer alles, selbst große Häuser, die in Restaurants zu Hause sind, die ständig sowas servieren, tun sich mitunter schwer. Bei Guy Mea lief die Kombination mit einer Selbstverständlichkeit und Authentizität, dass ich staunen musste.

Noix de Filet de Veau, Cognacsahnesauce, Knusperpolenta und Oliven, dazu Baillette-Prudhomme Millésime 2008 von Laureen Baillette aus Trois-Puits war wieder gewohnteres Terrain, die drei Damen habe ich ja schon vor Jahren besucht und wegen ihrer Réserve stets geschätzt. Die Jahrgänge habe ich darüber etwas aus den Augen verloren, fand mich aber mit dem 2008er schnell zurecht, zumal Laureens Schwester Justine meine Tischnachbarin war. Der hat 60PN 30CH 10M und 6 g/l Dosage, vor allem Freunde reichhaltig-reifer Aromatik werden hier gut bedient. Zum Kalb passte das sehr gut, weil Cognac, Oliven und Knusperpolenta sich gediegen eingebettet fanden.

Alter Comté, de Meaux, dazu Beaugrand Carte Blanche von Hélène Beaugrand aus Montgueux bedurfte keiner großen Erläuterungen, Montgueux ist in weiten Teilen selbsterklärend und undosiert eine kluge Kombination zum Käse.

Mont Exotique, Florence Duchêne Kalikasan (50CH 45PN 5M, 60% und fünf Jahre Reife) von Florence Duchêne aus brauchte ebenfalls keine großen Erklärungen, oder doch: zum Dessert einen Nulldosagechampagner zu servieren ist schon ein wenig gegen den Strich. Geht aber und geht nur, wenn Dessert und auf einer Metaebene passen. Die simple Zuckerfrage stellt sich dann gar nicht mehr, Hefe, Nuss, Reife, Kaffee und ätherische Öle lenken die Aufmerksamkeit weit weg davon und erlauben dem von Erschlaffung bedrohten Geist neues excitement.

Fazit:
Cheerleadereffekt gibts woanders. Die Fa’Bulleuses lohnen eine individuelle Beschäftigung und zeigen sich vor allem zum Essen sehr kombinationsfreudig.