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Tag Archives: erick de sousa

Ein Traum in weiß: schöne Chardonnay-Champagner

Es gibt nichts schlimmeres, als einen durchschnittlich guten Blanc de Blancs. Das ist eines der wenigen Weistümer, die ich auf meiner Âventiure des Champagners erlangt habe. Das Thema Blanc de Blancs Champagner ist so ausgelutscht, fad und arg, dass man damit wirklich niemanden mehr belästigen mag. Und doch finden sich immer wieder Mutige, die es auf sich nehmen, die letzte, nein allerletzte Facette zu erspüren. Sascha Speicher vom Meininger Verlag ist zB so einer.

Aus meiner Tirade nehme ich, das vorweg, die Blanc de Blancs aus, die unter Beteiligung der alten Rebsorten entstanden sind, also alles, was mit Pinot Blanc, Arbane, Petit Meslier oder gar Pinot Gris zu tun hat. Mein Verdikt gilt nur für die – mengenmäßig ohnehin allein maßgeblichen – Chardonnaychampagner. 

Warum eigentlich ist denn nun also Blanc de Blancs Champagner so schlimm? Oder anders, was ist schlimm daran, Blanc de Blancs gut zu finden? Der Reihe nach. Blanc de Blancs sind an sich gar nicht schlimm. Schlimm ist nur die Verwahrlosung, die in diesem Champagnersegment herrscht. Die Einfalls- und Mutlosigkeit, die Mentalität des "lieber sicher als gut", die einlullende Überformung des antizipierten Massengeschmacks. Das ist schlimm am durchschnittlichen Blanc de Blancs. Über die dazu noch handwerklich schlecht geratenen Exemplare brauche ich mich gar nicht auszulassen und habe da nichts abzuarbeiten, darum geht es mir auch gar nicht. Zur zweiten Frage: warum darf man Durchschnittschampagner nicht gut finden? Antwort: dochdoch, man darf, aber man braucht darüber nicht groß palavern. Im besten Sinne (be)merkenswerte Champagner sind das nicht. Trinken und vergessen reicht völlig. Nur wenn es um mehr gehen soll, als gewohnheitsmäßig in Trab gehaltenen alkoholischen Metabolismus oder Champagner als reflexhaft geordertes Abschleppgetränk für Menschen, die Cliché für ihren höchstpersönlichen Geschmack halten oder rundheraus jede Entscheidung als Geschmackssache, in Sachen Wein und Champagner besser bekannt als "schmeckt mir oder schmeckt mir nicht"-Antwort, patziger noch: " mir schmeckt er halt", zu Tode relativieren – dann, ja dann wird es interessant. Nur ist das Eis in dieser Region sehr dünn. So dünn, dass es für die meisten nur aus der Ferne zu betrachten ist und dementsprechend verfälscht ist dann auch die mehr oder weniger sachunkundige Einschätzung.

Einige Champagner, die eine Betrachtung aus der Nähe lohnen, sind diese hier. Es sind nicht unbedingt die ultrararen oder ultrateuren Champagner oder förmliche unicorn wines, wie man so schön sagt, aber es sind Champagner, die Beschäftigung bieten und die man haben wollen muss.

1.a) Eric Rodez Blanc de Blancs Brut

Eric Rodez hier, Eric Rodez da, Eric Rodez überall. Seit Jahren hat der Mann bei mir einen festen Platz im Champagnerherz und muss deshalb immer wieder als Paradewinzer herhalten, wenn es um rebsortenreine Champagner, Multi Vintage und Kunst der Assemblage geht. Denn das kann er wie kaum ein anderer, ohne dass er dabei verschreckend oder verstörend wirkt. Man kommt sich bei ihm nicht vor wie bei einem irren Sektierer und allein schon für dieses gute Gefühl hat er meine Wertschätzung. Als Blanc de Blancs ist eigentlich der Einsteiger von Rodez schon hinreißend genug, noch verrückter wird es erst mit den Empreinte de Terroir Chardonnays, von denen sich jetzt noch einige 1999er am Markt befinden und der aktuelle 2003er, die gleichermaßen obergeil sind.

Bei dieser Gelegenheit weise ich gleich noch auf drei Champagner hin, die ebenfalls Aufmerksamkeit verdient haben und sich in gewisser Hinsicht sehr ähnlich sind:

– Regis Fliniaux Blanc de Blancs d'Ay Grand Cru NV, Regis ist in der Dorfmitte zu Hause und leider immer ausverkauft, aber wenn man beharrlich genug in seinem Minimuseum stehen bleibt und etwas zu kaufen verlangt, degorgiert er ggf. spontan was weg und stattet die Flaschen mit ihren Etiketten aus. Der Blanc de Blancs aus ay ist eine Seltenheit, weil in diesem Ort niemand Sinn für Chardonnay hat, alles stürzt sich verständlicherweise auf den Pinot. Dabei sind die Chardonnays von hier so herrlich eigenständig und beweisen mit ihrer typischen Aromatik beste Herkunft, da ist es ein Jammer, dass nicht mehr Winzer Blanc de Blancs d'Ay produzieren.

– Gaston Chiquet Blanc de Blancs d'Ay Grand Cru NV, wenn man Chiquet hört, denkt man schnell nur an die Chiquet-Brüder, die Jacquesson leiten und in immer neue Sphären heben. Aber Gaston Chiquet, wenige Meter daneben, ist immer gut für einen tiefen Schluck aus der Pulle. Sein Blanc de Blancs d'Ay gehört zu den ältesten, wenn es nicht sogar gleich ganz der erste ist.  

– Lallier, der einstige Kellermeister von Deutz & Geldermann, ist als Dritter im Bunde in Ay ansässig und macht einen Blanc de Blancs, der zu 70% Chardonnay aus den Dorflagen enthält und 30% aus der Côte des Blancs. Das hievt in nicht in ganz dieselbe Schiene wie die anderen beiden, aber ist auf jeden Fall probierenswert, um Erkenntnisse abseits des Massenchardonnays zu sammeln. 

2. Agrapart Minéral Blanc de Blancs Grand Cru Extra Brut 2005

Ein anderer Winzer aus dem Spitzensegment und einer der großen Avize-Winzer ist Pascal Agrapart, der unermüdlich an neuen Cuvées arbeitet. Wie bei Rodez kursieren vom Minéral derzeit zwei Jahrgänge, 2005 und 2007; der Verzihz auf BSA gibt dem Chardonnay sehr viel Schwung mit, wobei dem kräuterigen Apfelaroma Sahnigkeit und edle Herbe kunstvoll zur Seite gestellt sind.  

3. de Sousa Cuvée des Caudalies Blanc de Blancs Grand Cru Brut

Der dritte große Avize-Winzer, der sofort die Synapsen besetzt, wenn von dem Örtchen die Rede ist, ist Erick de Sousa, der als einer der ersten den Schritt zur Aufspaltung gegangen ist und unter seinem Namen die Winzertradition, das berühmte "RM" hochhält, während unter dem Label Zoémie de Sousa zugekaufte Trauben vinifiziert werden. Seine Cuvée des Caudalies ohne Jahrgang ist ein Klassiker der réserve perpetuelle und hat mir schon vor Jahren ein in mehreren Varianten erlebbares Paradoxon vor Augen geführt, nämlich das von Reife und Jugend im selben Champagner.  – man erlebt das sonst noch bei Spätdégorgements – überspitzt ausgedrückt –  in Form eines unerhörten Säureangriffs, dem dann unvermittelt wohltuende Tertiäraromen folgen. Bei der Cuvée des Caudalies ist es die besondere Solera-Weichheit, die den Champagner trotz seiner knackigen Säure so eindrucksvoll wirken lässt.  

4. Jacques Lassaigne Le Cotet Blanc de Blancs Extra Brut

Montgueux und die Winzer dieses Champagner-Tafelbergs, das ist per se schon etwas besonderes. Die Lage als südlichster Ausläufer der Côte des Blancs ist natürlich exponiert bis exotisch und so verblüfft es nicht, wenn sich einige der ansässigen Montgueuxwinzer von der fruchtigen Ausdrucksstärke ihrer Chardonnays dazu verführen lassen, allzu banale Weinchen zu vinifizieren, womöglich in der Hoffnung, bloßes Aroma könnte den entscheidenden Vorsprung garantieren. So ist es nämlich nicht. Im Gegenteil, das Aroma will korrekt geführt werden, sonst fasert es aus und macht den Wein lächerlich. Emmanuel Lassaigne ist einer, der das weiß und kann. Seine Champagner wirken puristisch und kompromisslos, auch salzig und gar nicht unbedingt wie Aromenschwergewichte. Aber Lassaigne geht mit dem großen Aromenvorrat, den ihm der Berg anvertraut um, wie der Bäcker mit dem Teig. Er knetet ihn gehörig und walzt ihn geschickt aus, am Ende steht kein dicker Klumpen mehr, sondern präzis ausgestochene Formen.

5. Rafael & Vincent Bérèche Côte Grand Cru Blanc de Blancs Extra Brut 2002

Bei Bérèche und kürzlich auch bei Janisson-Baradon hat sich dieselbe Entwicklung vollzogen, wie bei Agrapart, ein Teil der Produktion bleibt "RM", ein anderer wird "NM". Der Côte von Bérèche stammt aus der NM-Linie. Das macht ihn nicht schlechter, ganz im Gegenteil. Der Chardonnay für den Côte stammt großteils aus Cramant, der Ort ist bekannt für Ausgewogenheit und die Vereinigung aller Stärken der umliegenden Grand Crus. Ausgewogenheit ist deshalb bei diesem Champagner auch das Hauptstichwort. Die Säure ist zurückhaltender, Apfel, Nüsse und Brioche sind da, aber bleiben dem Rampenlicht fern. Und das ist klug, denn durch die marktschreierische Art, mit der diese typischen Aromen immer wieder an den Mann gebracht werden, gewinnt man keine Freunde. Die Textur ist seidig, fast hätte ich gesagt mehlig, denn kurz hatte ich den Eindruck, aber das teigige Element findet sich hier allerhöchstens in Form einer Erinnerung an Laugenbrezeln. 

6. Bruno Paillard Blanc de Blancs Brut 2004

Die gewaltige Ernte des Jahrgangs 2004 hat uns Champagner beschert, die von manchen mindestens auf dem Nioveau von 2002 gesehen werden, von manchen aber auch als gefährlich substanzschwach, ja dünn bis wässrig gesehen werden. Die Gefahr mangelnder Konzentration sehe ich beim 2004er Chardonnay von Bruno Paillard nicht. Er wirkt etwas fetter sogar, als der Côte von Bérèche, aber das mag eine Dosagefrage sein.

7. Duval-Leroy Blanc de Blancs Brut Nature 2002

Nussig, reif, mit Hefezopf und einem dezenten Holzeinfluss präsentiert sich der Chardonnay Brut Nature aus dem Duval-Leroy, das vor allem wegen seiner exquisiten Authentis-Champagner bekannt ist und das ich wegen der Femme de Champagne genannten Spitzencuvée schätze, die es jetzt auch als Rosé gibt. Der Chardonnay in undosierter Form ist recht neu und Zugeständnis an den dorthin drängenden Markt, sofern man bei der als brut nature insgesamt verkauften Menge an Champagner überhaupt von einem richtigen Markt reden kann. Jedenfalls aber ist dieser Champagner ein Bekenntnis in Richtung der Winzer, die damit angefangen haben, Einzelmerkmale vor Kontinuität im Geschmack zu setzen. Sahnig und reif, mit viel gelber Frucht schließt dieser untypische Champagner.  

8. Taittinger Comtes de Champagne Blanc de Blancs Brut 2005

Die Aromenklassiker Nuss, Hefe, Toast und Apfel haben diesen Champagner zu recht berühmt gemacht und unter den Chardonnay-Prestigecuvées gehört er zum nicht wegzudenkenden Inventar. Besonders, wenn er seine zwanzig oder fünfundzwanzig Jahre hinter sich gebracht hat, wobei ich mich mit wohligem Schaudern an den 1994er Comtes de Champagne erinnere, den ich technisch für toto und in einer Probe nur als Kuriosum hätte betrachten wollen, der dann aber so aufdrehte, dass ich mich über meine voreilige Einschätzung richtig geärgert und umso mehr am Champagner gelabt habe. Zurück zum 2005er, der seinen Reiz von Currystraucharomen, Safran, Zimtblatt, Muscovado und trotz all der Orientalik einer kreuzfahrerischen Gemütsruhe und kühlen Ausstrahlung bezieht. Er wirkt und ist süßer als die Chardonnays der Winzer, aber meiner Liebe tut das keinen Abbruch.  

9. Ruinart Dom Ruinart Blanc de Blancs Brut 2002

Zusammen mit dem Comtes de Champagne und dem Blanc de Millénaires von Charles Heidsieck ist das wahrscheinlich einer der größten Chardonnaychampagner, die man von einem Erzeuger dieser Größenordnung bekommen kann. Er gehört schon kurz nach der Freigabe zu den würzigsten, auch am mutigsten mit Röstaromen versehenen Champagnern, bleibt aber dank des verschwenderischen Einsatzes von Butterschmalz, Hagelzucker, Macadamia, Pekan- und Paranuss, einer glanzvollen Parade unterschiedlichster Apfelsorten und dank seiner enormen Durchzugskraft nicht stehen, sondern spurtet unermüdlich und raubkatzenhaft über den Gaumen. 

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Terroirs et Talents 2013: de Sousa, Philippe Gonet und Vazart-Coquart

Die Champagner von de Sousa, Philippe Gonet und Vazart-Coquart sind überwiegend chardonnaylastig und vermitteln nebeneinander getrunken gut nachvollziehbar das Nord-Süd-Gefälle der Côte des Blancs. 

Wir fangendeshalb wie jedes Jahr im Norden bei Vazart-Coquart an, der aus Chouilly Grand Cru kommt.

Alain Terrier, Kellermeister von Laurent-Perrier, hat von Tours-sur-Marne einen guten Zugriff auf die Grand Crus der Champagne, zu seiner Rechten die großen Pinot-Lagen und wenn er nach links abbiegt, fährt er direkt in die Kreidehügel der Côte des Blancs. Mit den verschiedenen Terroirs kennt er sich deshalb aus – und natürlich auch, weil er nicht wegen besonderer Kunstfertigkeit beim Hütchenspielen chef de cave geworden ist. Mit seinen Kenntnissen und Fertigkeiten steht er nicht allein da, aber sein Ausspruch, Chouilly sei wie eine kleine Champagne innerhalb der Champagne schon. Dabei ist das gar nicht so falsch und Winzer wie Vazart-Coquart versuchen, das weidlich auszunutzen, indem sie die verschiedenen Mikroterroirs bestmöglich vinifizieren. Ausdruck dieser Bodenverbundenheit ist bei Vazart-Coquart zudem das neue Etikett, das von Gänsen geziert wird, nach dem alten Namen des Orts: Chouilly-les-Oies. Bei dieser Sorte Winzer probiere ich immer gern und neugierig die Vins Clairs. Der 2012er Jahrgang ist ihm sehr gut geraten. Wie Rasierklingen, die man in Watte gepackt hat. Die schon 1982 begonnene Solera ist dagegen mollig weich. 

1. Blanc de Blancs Brut Reserve

Mit 10 g/l dosiert.

Sympathischer Standardbrut, der Puristen trotz seiner hohen Dosage nicht aus der Fassung bringt. Fein, seidig, glatt und bis zum Ende ohne Schwächemomente. 

2. Extra Brut

2008er Basis, mit 3 g/l dosiert.

Unausgewogen wirkte der Extra Brut auf mich. Sicher merkt man hier, dass deutlich weniger Dosagezucker enthalten ist, darauf hätte ich bei der Trinkreihenfolge besser achten müssen; was mich aber viel mehr störte, war ein für 2008 ganz ungewöhnlicher Bitterton zum Schluss. Der gehört da nicht hin, zumal der Champagner bis dahin eine wirklich angenehme weiche Komposition darstellt. 

3. Special Club Blanc de Blancs Millesime 2006 

Reift unter Naturkork, mit 6 g/l dosiert.

Solo fand ich den Special Club nicht so besonders, ganz im Gegensatz zu seinem Vorgänger, dem 2005er. Ziemlich herb, beim Bier so etwas wie das Jever unter den sog. Premium-Pilsnern. Wirklich aufgegangen ist die Kalkulation zum Essen, namentlich zu Wildlachs und zu Brioche. Da meinte ich, einen ganz anderen Champagner im Glas zu haben, so professionelle und enthusiastisch verpaarte sich der Special Club mit den Speisen. Fett zerschneidet er wie nichts und mit hefiger Süße kommt er besser zurecht, als jede Supernanny mit ADS-Kindern.

4. Blanc de Blancs Grand Bouquet Millesime 2004 

Während beim Special Club ein Jahrgangswechsel nach oben hin stattgefunden hatte, gab es beim Grand Bouquet diesmal nicht 2006 sondern den köstlichen 2004er. Der zeigte alles. Candy, Kräuter, Reife, Rauch und Toast, aber alles immer nur kurz und ganz verschämt, was ihn mso zauberhafter macht. 

Weiter mit de Sousa aus Avize Grand Cru, ziemlich in der Mitte. Auch hier lohnt es sich meistens, einen Schluck von den Grundweinen zu probieren. Die beiden 2012er, ein eichenfassausgebauter Chardonnay aus Avize von 50 Jahre alten reben und ein Cramant-Chardonnay aus dem Stahltank wirkten zufrieden, dicklich und arglos wie harmlose Pflanzenfresser auf einer Insel ohne Fressfeinde, die noch kein Mensch vorher betreten hat. Beide boten mehr Frucht als Säure.

1. Brut Réserve Blanc de Blancs Grand Cru

Chardonnay aus Avize, Oger, Le Mesnil und Cramant, 2008er Basis, Stahltank, mit 7 g/l dosiert.

Schon ein ganz ordentlicher Chardonnay mit überschaubarer Säure und feinen Reifenoten aus der Brotrindenecke.

2. Cuvée 3A Extra Brut

50CH aus Avize, 50PN jeweils hälftig aus Ay und Ambonnay, 2008er Basis, mit 3 g/l dosiert.

Wenn der Brut Reserve sich noch gewirrig darstellt, so ist der 3A ein großer öffentlicher Platz, in Brüssel entspräche das zB dem Verlassen der Fressgasse und dem betreten des Grand Place. Ein oxidativer Brotton ist hier weiterhin spürbar, doch gibt es dafür keinen Punktabzug, weil der Champagner nicht drunter leidet.  

3. Cuvée des Caudalies Rosé Grand Cru, dég. 17. November 2011

90CH 10PN, 2008er Basis, Rotweinzugabe; der Rote aus 2007 verbringt ein Jährchen im Fass, bevor er mitspielen darf. Dosiert wird mit 6 g/l.

Einer jener Rosés mit weißer Seele, wie sie insbesondere Fred Panaiotis in Form des Dom Ruinart Rosé in bemerkenswerte Höhen führt. Der Caudalies Rosé ist aufschäumender und wilder als die meisten Spitzen-Rosés, die doch gern etwas gesetzt wirken. Bei aller Entfesselung geht die sowieso schon nicht besonders prononcierte Frucht unter, die wenigen Früchtecrèmetupfer, die bei diesem Champagner das Rotweinerbe repräsentieren, muss man schon suchen, wird aber zumindest nicht enttäuscht. 

4. Cuvée des Caudalies Blanc de Blancs Grand Cru Millésime 2006, dég. 18. November 2011

Am besten gefiel mir die Jahrgangscaudalie, die es meisterlich versteht, am Gaumen Dicke in zusammenhängende und genusstragende Länge umzuwandeln, wie der Metzger Schnitzel klopft oder der Bäcker Teig auswalzt.Hefe, Hagelzucker, karamellisierte Walnuss, frisch gepflückte Äpfel und Bratapfel wollen gar nicht von der Zunge weichen und verhalten sich wie Kinder, die man abends nachdrücklich ins haus rufen muss. Sympathisch und schön.   

Schließlich landen wir bei Philippe Gonet in Le Mesnil sur Oger Grand Cru, dem Munsalvaesche des Chardonnay. Natürlich muss ich hier die Grundweine probieren, denn Gonet hat in den beiden gegensätzlichsten Terroirs der Champagne Chardonnay stehen, in Montgueux und in Le Mesnil. Beide probierten 2012er haben vollen BSA durchlaufen. Ausgesprochen elegant defiliert der Montgueux über den roten Zungenteppich, maßvoll und meiner Spekulation nach nicht unbedingt zum besseren vom BSA herabgesetzt ist die Säure dann beim rasanten, typischen Chardonnay aus Le Mesnil.

1. Blanc de Blancs Extra Brut "3210"

Letztes Jahr überwog noch das aggressive Mesnilnaturell dieses aus den beiden Terroirs Montgueux und Le Mesnil zwangsvereinten Champagners, dieses Jahr zeigt er sich zahmer, erwachsener, nachvollziehbarer. Langsam zeigen sich die begehrten tiefgründigen Aromen großer Chardonnays, beim Mensilanteil blickt man in einen sehr tiefen Schacht, der in das kreidige Herz des Bodens hinabstösst und unergründlich zu sein scheint, der Montgueux mit seiner Fülle scheint kurz davor, dieses Danaidenfass der Mineralität mit warmherziger Buttrigkeit und Frucht zu füllen.

2. Blanc de Blancs Grand Cru Roy Soleil

Der Chardonnay aus dem neuen Holzfass reißt das Ruder wieder in Richtung Mineralität und Schärfe herum, kommt aber mit all seiner Zackigkeit nicht an den 3210 heran, der großherziger ist, breitschultriger, gutmütiger und nicht so gehetzt. Letztes Jahr war es noch umgekehrt.  

3. Blanc de Blancs Grand Cru Le Mesnil 2007

Klarer, reiner, stahliger, lichtdurchfluteter als der Roy Soleil und dieses Namens besser würdig. Offener, nicht so verbissen, mit charmanterer Säure, die in der Zunge keinen Kriegspfad sieht.

4. Blanc de Blancs Grand Cru Belemnita Extra Brut 2004, dég. 14. Mai 2012

Der Sorbetcharakter ist geblieben, die Aromen sind raffinierter als im letzten Jahr, das bedeutet für den Champagner, bzw. für mich, dass das trinken mehr Spass macht als je zuvor.

 

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V. Reinsortiger Pinot Noir, Cumières Premier Cru und unklassifiziertes Aubeterroir

Lavals Champagner müssen bei mir immer dann ran, wenn ich richtig gute Aubewinzer vorstelle.

1. Georges Laval Hautes Chèvres

Der Hautes Chèvres gehört mit zu den stärksten Pinot Noir-Champagnern, die ich kenne. Weil er zu den burgundischsten Champagnern gehört, die ich kenne. Wer dagegen anrennen will oder soll, muss sich ganz schön was einfallen lassen. Kraft, Pfeffer, KIrsche, eine Aromenmitrailleuse.

2. Vouette & Sorbée Fidèle

Die Aube mit ihren verführerischen Pinots hält mit Macht dagegen. Raubkätzisch, mit samtpfotiger Eleganz und verspielter Brutalität, wie sie Katzen beim Erlegen ihrer Beute aus unserer Sicht an den Tag legen. Das erklärt vielleicht auch, warum Martin Zwick, der sich vom Laval nicht das Herz berühren lassen wollte, den fidèle so offensichtlich bevorzugte.

VI. Clin d’Oeuil: Oeuil de Perdrix

1. Charles Dufour Oeuil de Perdrix Brut Nature

Die Entstehungsgeschichte (beim pressen ging die Presse kaputt, daher die Roséfärbung) erinnert ein bisschen an die der Papilles Insolites von Lassaigne (der die Beeren einfach auf der Presse vergessen hat). Auch der Champagner ist besonders, mit einer von Herzen kommenden und zu Herzen gehenden Wärme, die keine alkoholische Hitze ist; griffig wie die Mannequins der Stummfilmära und mit einem überraschend weit ausgreifenden Fruchtspektrum versehen; Orange, Melone, rote, blaue und schwarze Beeren, Kirsche, Zwetschgenröster. Dahinter tun sich immer weitere Aromatürchen auf, wie die Wächter in Kafkas Erzählung „Vor dem Gesetz“, mit dem Unterschied, dass der Champagner bereitwillig Zutritt gewährt.

VII. Winzer-Prestigecuvées: Janisson-Baradon trifft Billiot.

1. Janisson-Baradon Tue Boeuf 2005

Über den Tue Boeuf als den Pinot-Bruder des Toulettes habe ich schon verschiedentlich geschwärmt, nachdem ich ihn solo getrunken hatte, nun musste er sich mit Laetitas Tochtercuvée einlassen. Ein Date der besonderen Art. Schnaubend, kraftgeladen, männlich, ganz ohne BSA der Champagner von Cyril Janisson, ganz der Vertreter einer erobernden Gattung.

2. Henri Billiot Cuvée Julie

Leichtherzig, frohgemut und in bester Raffaello-Werbefilmlaune war die ebenfalls ohne BSA entstandene Julie. Fruchtig, twenhaft, unverkitscht, eine selbstbewusste junge MIss und ein guter Fang allemal.

VIII. Aube und Grand Cru

Rein formal gesehen nochmal eine Steigerung zu der Kampfansage von Bertrand Gautherot an Lavals Premier Cru war dieser flight mit einem Minivinifikatuer von der Aube und einem Champagner aus dem kernhaftesten Kerngebiet der besten Champagnerpinots.

1. Cedric Bouchard Inflorescence Val Vilaine

Eigensinnig bis fanatisch darf man die Champagner von Cedric Bouchard wohl stellvertretend nennen. Bei der allerersten Konfrontation können sogar Zweifel aufkommen, ob der Inflorescence Val Vilaine überhaupt dem Champagner zuzurechnen ist. Ist er natürlich, nur dass die im Frühstadium prägnante Birnennote auf die falsche Fährte lockt. Mit mehr Luft kommt ein herberes, atlantischeres, mehr Salzgeschmack und Seeluft vermittelndes Aroma durch und selbst wenn dieser Champagner keine Fruchtbombe ist, punktet er ab diesem Stadium gerade mit seinen sparsam gesetzten, aber effektvoll kontrastierenden Birnen-, Apfel- und Marillenakzenten.

2. Gatinois Grand Cru Brut Réserve

Unberührt von den sich wandelnden Zeitläuften prangte die so klassische wie gute Reserve von Gatinois im Glas und wirkte, so Budi, wie ein Gentleman im Kordanzug. Nach meiner Auffassung und nach dem Genuss der Inflorescence allerdings auch einer, der für die deflorescence der Erstgenannten verantwortlich gemacht werden kann.

IX. Der Winzer und das Holz

Holz ist bei der Weinbereitung immer ein dankbares Thema. Deshalb gab es zum Ende hin einen flight, bei dem unter anderem der Holzeinsatz besonders schön nachvollzogen werden konnte.

1. Ulysse Collin Blanc de Blancs

Ganz behutsam und den jungen, auch jung vermarkteten Champagner nur leicht kitzelnd, setzt Olivier Collin seine Fässer ein. Heraus kommt ein kleiner, den silexdurchsetzten Boden des Sézannais funkensprühend und mit einer Note von Senfsaaten ins Glas transportierender Feuerteufel.

2. Vilmart Grand Cellier d’Or 2003

Laurent Champs kann wahrscheinlich mit solchen Feuerteufeln nichts anfangen, seine Champagner sind ganz anders, duftiger, konditorenhafter. Vielleicht, weil er auf seinem Gut von Kirchenfenstern umgeben ist. Ob nun freilich das himmlische Element obsiegt, oder das lokihaft-unterweltliche, kann bis zum apokalyptischen Weltenbrand nicht entschieden werden. Sicher ist nur, dass der zu 80% aus Chardonnay hergestellte Grand Cellier d’Or ausgerechnet als 2003er mir bislang schon so viel zuverlässigen Trinkspüass bereitet hat, wie nur wenige andere Champagner dieses Alters.

 

X. Schlussrosé Larmandier-Bernier Rosé de Saignée

Alle reden immer nur von Pierre Larmandiers Blanc de Blancs. Die sind toll, so puristisch und klar, keine Frage. Doch ist mir der Rosé der wichtigere und liebere Champagner aus seinem Programm. Für mich so etwas wie die Antwort auf Lavals Hautes Chèvres.

XI. Altweinschmankerl: Perrier-Jouet Belle Epoque 1971

Die Farbe altersgerecht, gerade wenn man die alten Belle Epoques kennt, die sich bei weiß und rosé einander immer sehr annähern. Leicht pieksende, acetige Säure war alles, was mich hätte stören können, wurde aber von einer unausgetrockneten Saftigkeit gut kompensiert. Ein wenig später getrunkener de Venoge Cuvée des Princes 1973 machte keinen so wohlgestaltigen Eindruck mehr.

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Bubbles over Berlin, bzw. genauer genommen im Weinsalon von Martin Zwick, dessen Liebenswürdigkeit, Gastfreundschaft und Kochkunst den spannungsvoll erwarteten Champagnerabend zusammen mit einem zu der Zeit laufenden EM-Fußballspiel, das Deutschland meiner Erinnerung nach gewann, ganz und gar vollendeten. Die Veranstaltung selbst war deshalb so spannungsvoll zumindest von mir erwartet, weil gleich mehrere Sachen auf einmal ihrer Verwirklichung harrten. Nicht nur, dass es immer eine Herausforderung ist,Expertengruppen noch etwas beibringen oder veranschaulichen zu wollen. Es ist auch ein Herausforderung, die von mir dafür vorgesehenen Champagner in Deutschland, Frankreich und den sonstigen greifbaren Märkten zu bekommen. Nicht, weil es sich um Jahrgangsraritäten aus unvordenklicher Zeit handelt, sondern weil die Champagner nach Möglichkeit im genau richtigen Reifezustand sein sollten. Da es mir nicht darum ging, die als bekannt vorausgesetzten Spitzenerzeugnisse großer Häuser zu servieren, sondern exakt das Gegenteil davon, bin ich umso dankbarer, dass das Unterfangen geglückt ist. Nachgeholfen haben dabei zwei von mir sehr geschätzte und meiner innigsten Dankadressen würdige Händler. Nämlich Noblewine aus München und Vinaturel aus Berg am Starnberger See. Insbesondere Noblewine konnte mir einige Flaschen mit der von mir so dringend gewünschten längeren Flaschenreife zur Verfügung stellen; für mich ganz essentiell, denn viel zu viele Champagner werden viel zu früh getrunken: kurz nach der Marktfreigabe. Praktisch alle Champagner profitieren aber von einer Flaschenreife zwischen 9 – 18 oder 36 Monaten. Gerade die Champagner der Winzeravantgarde, die ich in Berlin vorstellen wollte, sind darauf nachgerade angewiesen. Umso schöner deshalb, dass die beiden engagierten Händler mir so hilfreich zur Seite standen. Getrunken wurde aus dem von mir für diese Zwecke favorisierten Zalto-Süßweinglas, für das Martin Zwick gesorgt hatte.

 

I. Rebsortencuvées

Im Einstiegsflight ging es mir weniger darum, die Gaumen zu kalibrieren, was genausogut zwei gewöhnliche Brut Traditions hätten leisten können; stattdessen ging es mir darum, die Aufmerksamkeit für die feineren Töne, letztlich also die Sinne zu schärfen. Daher der Trick mit dem auch vom Namen her natürlich gut zu dem Vorhaben passenden „5 Sens“.   

1.  Emmanuel Brochet Le Mont Benoit Premier Cru non dose (2007)

Ansatzlos trocken, keine verspielte Süße, insofern eine Perspektive auf das, was kommen sollte, nämlich eine Geschmackstournee zu einigen der derzeit meistbesprochenen Champagnerwinzer.

2. Olivier Horiot 5 Sens (2008)

Bei Horiots Fünf-Rebsorten-fünf-Einzellagen-Cuvée war gleich die erste Schikane eingebaut. Für Champagner ungewöhnlich florale Noten und eine unverblümte Sherrynote. Schuld sind Arbane und Pinot-Blanc, der mir nach mehrjährigen Annäherungsschwierigkeiten zuletzt als Vin Clair sehr gut gefallen hat.

 

II. Blanc de Blancs von der Aube

Die neue Aube kann auch Chardonnays von beachtlichem Zuschnitt. Der sportliche Argile-Champagner von Bertrand Gautherot musste sich mit dem eleganten Ironman unter den Champagnern messen.   

1. Charles Dufour Blanc de Blancs Brut Nature

Ein Champagner der wirkt, wie eine von Philippe Starck designte Bombe. Organisch, formschön, sinnesschmeichelnd, dabei nicht überfrachtet, sondern durch und durch auf Zweckmäßigkeit und Funktionsveredelung angelegt. Die Kombination dieses Champagners mit Auster, Brot, Yuzu- oder geräucherter Meersalz-Butter von Bordier ist immer noch maßstabsetzend.  

2. Vouette & Sorbée Blanc d’Argile

Viel ruhiger und in sich zurückgezogener ist der Argile jetzt. Unter den Aubechardonnays mimt er damit ein wenig die mineralischen Oger-Chardonnays, nachdem er in seiner unverschämten Frühphase noch so ausgelassen fröhlich war.

  

III. Reinsortiger Pinot Meunier

Jérôme Prévost und Benoit Tarlant zeigten die Schwingungsfähigkeit der Traube.

1. Jérôme Prévost La Closerie Les Béguines Blanc de Meuniers

Aronia, getrocknete Kumqat, Cashewkerne, Walnuss; unverfälscht, naturhaft und wie aus Urzeiten stammend. Als Goethe seinen Faust den Erdgeist beschwören ließ, muss er unter dem Eindruck dieses Champagners gestanden haben.  

2. Tarlant Blanc de Meuniers Vigne d’Or Extra Brut 2002, dég. 22.  Juni 2010

Schillernd und prachtvoll, gegenüber dem naturbelassen wirkenden Prévost so – allerdings im positiven Sinne – elaboriert und verschwenderisch, wie die Hofhaltung des Herzogs in, eben, Schillers Kabale und Liebe.

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IV.  Côte des Blancs Klassiker

Als Intermezzo kam ein Dreierflight aus Chardonnays der Côte des Blancs auf den Tisch. Angeführt von Pierre Peters aus Le Mesnil dem Repräsentanten einer für den Ort typischen mineralischen Champagnerstilistik. Erick de Sousa aus Avize mit seinem sonnenhell-körperreichen Avize-Champagner sollte die Aufmerksamkeit von Selosse, den man gemeinhin allein mit dem Ort verbindet, fort- und auf sich ziehen. Jacques Diebolt aus Cramant schließlich sollte seine ganz eigene Interpretation von Würze, Mineralität und Fruchtigkeit präsentieren dürfen. Am besten schnitt in der Runde de Sousas Charmebolzen ab. Nicht, dass ich zwingend damit gerechnet hätte, denn dafür war nun doch jeder der drei Champagner auf seinem Feld gut genug positioniert. Aber es zeigte sich einmal mehr, dass die Mesnilmineralität nicht überall gleichermaßen ungeteilten Beifall findet, selbst oder gerade beim deutschen, an Riesling gewöhnten Gaumen nicht. Die Komposition von Jacques Diebolt wiederum ist zwar nicht schwer zu verstehen, aber eine klare Stilfrage. Wer mit Portraits üppiger Frauen und molliger Putto-Kinder in kräftiger Farbigkeit nicht viel anfangen kann, wird auch keine Vorliebe für großformatige Kompositionen mit figurenreichen Gruppen in idealisierten Landschaften haben und von diesem Champagner kaum berührt werden.

 

P.  Pirat Raumland MonRose 2001

Nach dem Dreierflight hatte ein Pirat seinen Auftritt, der in meiner Mainzer Probe eine sehr starke Figur neben dem Rosé von Selosse machte und zur Zeit als bester Sekt Deutschlands gilt. Nach einer Reihe ausgesucht seltener und ausgesprochen typischer bis eigenwilliger Champagner und entsprechend geschärfter Sinne war es jedenfalls schonmal eine sehr gute Leistung der Gruppe, den Raumlandsekt als Nichtchampagner zu identifizieren. Damit verbunden war zu meiner Freude auch keine Abwertung, sondern eine meiner Meinung nach allseitig sehr faire Bewertung. Ich fand ihn diesmal etwas runder, gesetzter und crèmiger.   

 

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Terroirs et Talents: Vazart-Coquart, de Sousa und Philippe Gonet

Hier kommen drei Winzer der Côte des Blancs zusammen, die dort völlig unterschiedliche Terroirs repräsentieren. Vazart-Coquart aus Chouilly kommt aus dem nördlichsten Cru und hat die fruchtigsten Chardonnays, de Sousa aus Avize kommt aus der Mitte und liegt mit dem Geschmacksprofil seiner Trauben zwischen Frucht und Mineralität, Gonet schließlich kommt aus Le Mesnil und vertritt den mineralischen Stil, ohne dabei in Exzesse zu verfallen.

I. Vazart-Coquart

Die Champagner von Vazart-Coquart gehören nicht zu den hammerharten Geschossen ohne Zucker und Kompromisse. Zwischen sechs und neun g/l bewegt sich die Dosage und ist damit immer im sicheren Bereich. Die Grundweine sind schön reif und lassen sich ohne Schmerzen trinken, keine Selbstverständlichkeit für frische Vins Clairs. Apfel, Pomelo, Ananas, auch Banane, kaum Säure, das ist das freundliche Terroir der nördlichen Côte des Blancs.

1. Blanc de Blancs Brut Réserve

Der Champagner beginnt mit schöner fruchtbetonter Griffigkeit auf der Zunge anzulanden um sich dann mit hoher Geschwindigkeit vorzuarbeiten. Die relativ hohe Dosage erschien mir unproblematisch und hinterließ keinen nervtötenden Candygeschmack, wobei mir auffiel, dass der Abschluss im Gegenteil etwas wässrig angelegt war. Wird mit ein paar Jahren auf der Flasche sicher noch gewinnen.

2. Blanc de Blancs Grand Bouquet Millesime 2006

Eine Stufe eleganter, trotz seiner nur 6 g/l Dosage, die Differenz von 3 g/l kann beim Champagner ganze Welten bedeuten, ein offener, nicht sehr kompliziert wirkender Champagner, der wie sein Vorgänger etwas dünn ausgeht und von Flaschenreife profitieren wird.

3. Special Club Blanc de Blancs Millesime 2005, dég. November 2011

Reift unter Naturkork. Mit 8 g/l dosiert.

Dieser Champagner ist zwar wieder recht hoch dosiert, leidet aber nicht unter dem Zucker. Watteweiche internationale Manieren, stilsicher komponiert und wieder ein Kandidat für die längere Flaschenreifung. Von den drei probierten Champagnern meiner Meinung nach der mit Abstand beste, was Trinkbarkeit zum Jetztzeitpunkt und was die Perspektive für später betrifft. Sollte er sich in ein, zwei Jahren für eine Weiterentwicklung verschließen, empfehlen sich Brut Reserve und Grand Bouquet für die Wartezeit, danach wird der Special Club beide hemmungslos dominieren.

 

II. Champagne De Sousa

1. Brut Réserve Blanc de Blancs Grand Cru, dég. 20. Oktober 2011

2007er Basis, Stahltank, mit 7 g/l dosiert.

Der 2011er Chardonnay zeigte viel Apfel, Birne, Banane und eine Messerspitze mildgesalzener Butter, dazu ein gehöriges Quantum Säure. Der fertige Champagner hat das alles gut verarbeitet, forschen Schritts betritt er die Gaumenhöhle und füllt sie sofort mit den Facetten seines Grundweins, angereichert duch autolytische Noten von Akazie und Honig. Wandlungsfreudig bis überraschend vielseitig.

2. Cuvée 3A, dég. 1. Dezember 2011

50CH aus Avize, 50PN jeweils hälftig aus Ay und Ambonnay, mit 3 g/l dosiert.

Der Grundweinmix war zur einen Hälfte im Fass und zur anderen im Stahltank. Das und der moderierende Pinotteil machte sich gleich bei der Säure bemerkbar, die abgebremst wirkte. Die Frage dann, ob beim fertigen Champagner Weichheit und Harmonie oder Spannung und Kontrast im Vordergrund stehen sollen, würde ich mit Sapnnung beantworten wollen; ich weiß nicht, ob das in Ericks Sinn ist, aber für mich stehen die Elemente Pinot und Chardonnay hier entgegen der hälftigen Zusammensetzung nicht im Gleichgewicht, der dunkeltraubige Anteil drückt mit seiner Frucht und Würze auf den Chardonnayanteil, der sich dagegen mannhaft zur Wehr setzen muss, was dem Champagner Dynamik verleiht. Trotzdem wirkt er am Ende wegen seiner etwas brotigen Note schlaksiger als der Blanc de Blancs.

3. Cuvée des Caudalies Blanc de Blancs Grand Cru, dég. 22. Januar 2010

Solera 1995 bis 2007. Zu 100% (15% davon neu) im Holzfass vinifizierte, 50 Jahre alte Reben, mit 6 g/l dosiert.

Erick de Sousa ist einer der gar nicht so wenigen Champagnerwinzer, die in den Neunzigern begonnen haben, ein Solerasystem oder genauer: eine reserve perpetuelle anzulegen. Bis heute hört man von diesen Soleras nicht sehr viel, was nicht an der natürlichen Bescheidenheit der Champenois liegt, sondern daran, dass bei den meisten Winzern noch nicht genügend Jahrgänge zusammengekommen sind, um damit renommieren zu können. Das wird sich demnächst ändern, wenn eine ganze Reihe Soleras aus den Mittneunzigern auf eine Stärke von zwanzig Jahrgängen angewachsen ist. Die Cuvée des Caudalies hat Medienrummel nicht mehr nötig. Sie besticht mit etwas kratzigen Noten von Honig und Nüssen, dazu kommen Äpfel und ein kalkiges Parfum. Am Gaumen sperrt sich der Champagner förmlich gegen das Geschlucktwerden und erzielt damit seine lang nachhallende Wirkung.

 

III. Philippe Gonet

 

Die bezaubernde Chantal Gonet servierte drei sehr lehrreich zu verkostende Vins Clairs und drei ihrer schönsten Champagner. Ein Chardonnay Vin Clair aus dem Sézannais schmeckte wie eine trocken ausgebaute Scheurebe, der aus Montgueux zeigte sich stark buttrig, hefeteigig und säurearm, wirkte wie angewärmt und kratzte gegen Ende frech. Der Mesnilchardonnay war dann wieder gewohntes Terrain, bzw. Terroir und schmeckte nach einem Mund voller Kreide.

1. Blanc de Blancs Extra Brut "3210"

Der Modechampagner des Hauses, drei Jahre auf der Hefe, Chardonnay aus Le Mesnil und Montgueux; Brut Nature müsste es ganz richtig heißen. Härte aus Le Mesnil trifft Samt aus Montgueux und gewinnt.

2. Blanc de Blancs Grand Cru Roy Soleil

2008er Le-Mesnil, 30% im Holz, mit 3 g/l dosiert.

Das Holz dämpft den Druck aus Le Mesnil etwas ab und gibt dem Champagner Weite. Dadurch erschreckt man sich nicht so, wie man es wohl tun würde, wenn der Chardonnay so angriffslustig wie im 3210 ins Glas und an den Gaumen käme.

3. Blanc de Blancs Grand Cru Belemnita Extra Brut 2004

Chardonnay von Le-Mesnil Weinbergen, die bis in das Jahr 1929 zurückgehen.

Zur Zeit nur vorn im Mund aktiv, das aber sehr. Als bekäme man einen Schneeball aus Zitroneneis mit Kalksteineinsprengseln ins Gesicht gefeuert. Statt ausgefallener Zähne und metallischem Blutgeschmack gibt es im vorderen Zungenbereich vanillierte Butter, grünliche Nuss und Apfel. Den aromatischen Weg bis zum Rachen muss sich der Champagner erst noch mit zunehmender Reife erarbeiten.

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Die Blanc de Noirs Nacht

 

1. Wilhelmshof, Blanc de Noirs Brut 2007

20 Monate Hefelager.

Der erste Wein in einer Verkostung sein zu müssen, ist immer mit Schwierigkeiten behaftet. Der Gaumen mancher Verkoster ist vielleicht noch nicht recht kalibriert, die Begeisterungsschwelle noch nicht alkoholbedingt gesunken. Der Wilhelmshof musste als leicht zu enttarnender Pirat diese undankbare Einsteigerrolle übernehmen. Für den bekanntermaßen exzellenten und vielfach dekorierten deutschen Sekterzeuger mit der hohen Champagneraffinität war die Pole-Position leider besonders ungünstig, denn Sekt und Champagner lassen sich nur ganz schwer in einer Probe, bzw. in einem flight unterbringen. Hinzu kommt noch, dass der konkret verkostete BdN mit einem unangenehmen Sauerkrautstinker nicht auf Anhieb begeistern konnte; besser wurde er dann zu allem Unglück auch nicht mehr. Keine Spur von der sonst vom Wilhelmshof bekannten Sekt-Noblesse, keine betörende Frucht, zwar ein angenehmes Mundgefühl, aber letztlich zu wenig von allem.

2. Marie-Noelle Ledru, Ambonnay Grand Cru Brut

80PN 20CH, mit ca. 8g/l dosiert.

Von Viticultrice Marie-Noelle Ledru ist mir die Spitzencuvée de Goulté sehr ans Herz gewachsen. Ihre anderen Champagner kenne ich nicht so gut und so war es für mich schwer, mich dem Champagner blind zu nähern. Hochwertiges Lesematerial konnte man vermuten, dafür gaben Struktur und Gewicht des holzlos ausgebauten Weins genügend Anhaltspunkte. Die deutlich schmeckbare Wildkirsche kam mir allerdings allein etwas zu simpel vor, Nebenaromen konnte ich kaum ausmachen.

3. Roger Brun, Cuvée des Sires, Grand Cru "La Pelle" Extra Brut 2002

100PN aus südlich exponierter Einzellage; in kleinen Holzfässern vinifiziert. Unfiltriert, mit 3 g/l dosiert.

Kräftig, reif, vollmundig, dabei etwas pektinig und ganz leicht trocknend, daher an der Gaumenmitte vielleicht nicht gerade ein Loch, aber eine dünnere Stelle. Ich dachte wegen seiner verschwenderischen Fruchtnase (Kirsche, Banane, Bratapfel) zuerst an eine noch ganz junge Cuvée des Signataires von Régis Fliniaux, den ich erst kurz zuvor noch besucht hatte. Zumindest was den Ort betrifft, lag ich also richtig. Ein schöner Champagner, der wegen seiner durchdringenden Aromatik nicht an einen 2002er denken lässt und gut zum Essen passt.

4. André Clouet, Un Jour de 1911 Multi Vintage (2002, 2001, 2000 (?))

100PN aus Bouzy Grand Cru.

Ein langgehegter Wunsch ging in Erfüllung: mal eine etwas reifere Flasche vom 1911er trinken. Bisher habe ich diesen Champagner immer viel zu jung getrunken. Mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Denn schon in seiner Jugend schmeckt er famos, bei mir ist er als Burlesque-Champagner abgespeichert. Doch ist mir bei früheren Flaschen stets sehr schmerzlich bewusst gewesen, wie viel Potential er hat. Köstlich war der Mix aus weichen, sämig-fruchtigen Aromen vollreifen Beeren, die behutsam daruntergewobene Vanilligkeit, die unverpampte Textur. Die sehr scharf umrissenen Konturen von Goji-Beere, Cranberry und Zitrusfrüchten jüngerer Flaschen sind jetzt nicht verschwommener, aber gaumenfreundlicher, nicht mehr so dichtgedrängt und quirlig. Dieser Reifezustand entspricht seinem wärmenden Naturell – vielleicht schaffe ich es jetzt, dies Flaschen länger unangetastet zu lassen.

5. Jérôme Prévost, La Closerie, Rosé Brut Nature "fac-simile" (2007er), #58/2800, dég. Dezember 2009

100PM davon 11% Meunier Stillweinzugabe. Ausbau in jungen und alten Barriques.

Ich meine ja, dass längst nicht jeder der mal bei Anselme Selosse ein Praktikum gemacht hat, gleich ein Selosse-Schüler ist. Jérôme Prévost ist aber doch einer. Zu Hause ist er in Gueux. Das ist ein beschauliches Nest westlich von Reims, an der A4 Richtung Paris, IKEA-Freunde wissen, wo. Das Aufsehenerregendste in Gueux ist die freundlich-geschwätzige Verkäuferin im Tante-Emma-Eckladen, aber rein äußerlich gewiss nicht das Prévostische Anwesen. Daran fährt man schnell mal vorbei, denn Monsieur Prévost bewirtschaftet nicht zig Hektar und residiert nicht wie die großen Herrschaften. Über eine unscheinbare Bimmel kündigt sich der Besucher an, wenn er Einlass begehrt und wird freundlich aber bestimmt abgewiesen, wenn es nichts zu verkaufen gibt, was der Regelfall ist. Sein Champagner mit dem außergewöhnlich schlichten Etikett kam hell-zwiebelschalenfarben ins Glas. Kaum zu greifen war die Aromatik dieses noch ganz blutjungen Champagners, von dem man sich nur wünschen kann, dass er in Zukunft mehr Zeit auf der Hefe verbringen darf. Mineralisch, dicht, wandlungsfreudig. Beerig, vegetabil, mineralisch. Wispernd und leise, aber nicht vernuschelt. Kompromisslos und bestimmt, mit hoher Kraftreserve und viel Potential, allerdings von völlig anderer Machart als der 1911er in seiner Jugend. Sehr schön dürfte dieser ultrarare Champagner derzeit zu sparsam gewürztem Fisch mit hoher Eigenaromatik schmecken, noch viel schöner in fünf Jahren solo.

6. Jacquesson, Rosé, Dizy Premier Cru Extra Brut "Terres Rouges" 2003, mise en bouteille 14. Mai 2004, dég. 1er Trim. 2008

83PM, gepflanzt 1971 und 17PN, gepflanzt 1993; Mazerationsrosé mit 12 Stunden Schalenkontakt. Vinifikation im Fuder, dosiert mit 3,5 g/l.

Mit diesem Champagner kam das genaue Gegenteil des Prévost ins Glas. War der eine schon fast zu hell für einen Rosé, so war dieser hier meiner Meinung nach zu schon wieder sehr sehr dunkel und hätte ebensogut als – unzulässiger – Rotchampagner eingeordnet werden können. Dem 1959er Bourgogne Mousseux Méthode Champenoise vom Wochenende zumindest in der Farbe sehr ähnlich. In der Nase konzentriert, schwere, aber nicht bordellige Duftschwaden. Intensiv erdbeerig, mehr noch kirschig und mit viel Bodenhaftung – kein bloßer Früchtchenchampagner, sondern merklich enge Verwandtschaft zu Burgund. Sehr reif, säurearm. Überaus stark in Kombination mit Schinken, Salami, Pfeffer, Edelschimmelkäse. Faszinierend.

7. Xavier Leconte, "Les Vents d'Anges" 2005

100PM.

Nach dem Roséflight und ganz besonders nach dem mächtigen Jacquesson hatte es dieser weiße Meunierflight nicht leicht. Die Champagner von Xavier Leconte aus Troissy gehören zu den eleganteren Vertretern aus dem Marnetal. Von bäuerlicher Unbeholfenheit und trampelnder, etwas unsauberer Fruchtigkeit bei ihm keine Spur. Die Rebsortenchampagner aus seiner Serie "Les Vents d'Anges" gefallen mir alle gut, am besten gefallen mir Chardonnay und Pinot Noir. Den Pinot Meunier habe ich bei dieser Gelegenheit zum ersten Mal geöffnet. Grapefruit und Birne, reif, aber nicht überreif. Schlanker Wein ohne störende Holzeinflüsse.

8. Leclerc-Briant, Cumières Premier Cru Les Authentiques "La Ravinne"

2006er und 2005er, Blanc de Noirs von Pinot Meunier aus Verneuil. Mit 5 g/l dosiert.

Von der Frucht her dem Leconte sehr ähnlich, lediglich mit einer Spur mehr frischer Säure und einer etwas breiteren Bauart.

9. Egly-Ouriet, Blanc de Noirs Grand Cru Pinot-Noir Vieilles Vignes "Les Crayères", dég. nach 54 Monaten im Januar 2008

Erste Gärung im Holzfass (kennt man sonst noch von Krug oder Alfred Gratien). Ungeklärt, ungeschönt, ungefiltert. Kein BSA. Mit 2 bis 4 g/l dosiert.

Ein klarer Schritt nach oben und gelungener Abschluss eines schönen Blanc de Noirs Abends war der Crayères von Egly-Ouriet. Sattes Gold kündigt reife Aromen an, aber auf das dann kommende Erlebnis sollte man vorbereitet sein. Der erste Schluck ist, als würde man in eine bereits fahrende Achterbahn einsteigen. Temporeiche Entwicklung, mit Beerenfrüchte, Zwetschgenkuchen, pikant holziger Minzigkeit, die entfernt an amerikanische Eiche erinnert und ganz dezenter Hefe. Anders als in der Achterbahn rutscht man hier nicht auf einer glatten Sitzbank hin und her, sondern hat in phantastischen Sportsitzen jederzeit perfekten Halt. Völlig zu recht ein weithin begehrter Champagner.

10. Zoémie de Sousa, Blanc de Blancs, Cuvée Precieuse

Chardonnay aus Chouilly, Cramant, Avize, Oger und Le-Mesnil.

Der große Erfolg der Winzerchampagner von Erick de Sousa führte dazu, dass er den Status des négociant erwarb und begann, unter dem Namen Zoémie eine Champagnerlinie zu kreieren, bei der er Trauben zukauft. Das gelingt ihm ganz gut, denn an den Prinzipien der Weinbereitung wird dabei nicht gerüttelt. Die Vinifikation findet in 400-Liter Eichenfässern statt, es folgt ein dreißigmonatiges Hefelager. Autolytische Aromen, rote und grüne Äpfel prägen das Geschmacksbild.

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