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Jahrgangsinspektion bei Piper- und Charles Heidsieck (II/II)

Zum Abschluss der Verkostungsreise gab es die gerade erst zur zweiten Gärung in der Flasche angesetzte Assemblage 2011 des Piper Heidsieck Brut und die schon in Flaschen befindliche Assemblage 2010 des , dessen 2011er Assemblage noch nicht endgültig feststeht und deshalb nicht probiert werden konnte. Das, was bei den Vins Clairs an vereinzelten Elementen und Eigenschaften herauszuschmecken war, zeigte sich nun in Summe. Der Geist des kupferrötlicher schimmernden gegenüber dem des tiefer gelbgoldenen Charles ist mir pikant-würzig vorgekommen, mit Apfel-Zwiebel-Confit, Mangochutney, viel blumigem Dekor und diskreter Säure. Kakaotrüffeliger, schmelziger und feinkörniger war dagegen der Charles, dem seine längere Standzeit natürlich zugute kam. Nahtlos angeknüpft haben wir die fertigen Champagner probiert, zu denen man nach einer solchen Studie ein ganz anderes Verhältnis gewinnt.

Jahrgangsinspektion bei Piper- und Charles Heidsieck (I/II)

Bei Licht betrachtet ist die Grundweinprobiererei in der Champagne eine ziemliche Schinderei, das Zahnfleisch braucht nach einer mehrtägigen Säuretortur, wie sie jedes Frühjahr über Wochen hinweg unausweichlich ist, Wochen, um den ursprünglichen Stand wieder zu erreichen, vom Zahnschmelz ganz zu schweigen. Vin Clair schmeckt oft weder zauberhaft noch mystisch, oder lässt den ungeübten Betrachter gar einen Blick in die Zukunft werfen; mit dem Glaskugelblick hat ein Schluck Vin Clair vielleicht die teils noch milchige Farbgebung gemeinsam, oder den beißenden, schwefligen Geruch abgenutzter Jahrmarktgauklereien, Kinder und Tiere meiden ihn deshalb instinktiv. Trotzdem kommt es einem Privileg gleich, einen Blick in die Kinderkrippe des Champagners werfen zu dürfen und der schlummernden Säuglingsschar beste Anlagen zu- oder abzusprechen. Nach einem Verkostungstriathlon über drei Tage, bei dem die überragende Mehrzahl der fünfzig besten, in Frankreich und weltweit höchstgehandelten Winzerstars und -sternchen ihre 2011er und aktuellen Experimente vorstellten, habe ich den Blick zur Abwechslung und auf Einladung von Piper- und in die dortige Gärküche geworfen. Régis Camus und Christian Holthausen empfingen in den noch gar nicht so alten Räumlichkeiten der Schwesterhäuser Piper- und vor den Toren von Reims, unweit der ähnlich zweckdienlichen Anlage von Bruno Paillard.

Terres et Vins de Champagne: Benoit Tarlant

 

Vins Clairs 2011:

BAM (Pinot Blanc-Arbanne-Meslier), vom Sablo-Calcaire aus Oeuilly; Mocque Tonneau (Pinot Noir) vom Calcaire dur aus Celles-les-Condé, der Grundwein für den Vigne Rouge; Chardonnay aus der Lage Crayon, Ausgangsstoff für die Cuvée Louis. Süßsauer wie ein köstliches Asiasüppchen, spaßig und gut war der BAM, was angesichts des ungeliebten Weißburgunders viel bedeuten will. Denn Weißburgunder wirkt beim Champagner auf mich immer wie ein gräßlich entstellter, notdürftig verkleideter Zwerg auf einem ausgelassenen Kindergeburtstag. Beim BAM hatte ich dieses peinliche Gefühl nicht. Mehr Frucht und mehr Schmatz, weniger Quirligkeit hatte der Pinot Noir aus dem Mocque Tonneau. Knorrige, strenge Säure wurde beim Louis-Chardonnay von fröhlich ausgleichender Frucht umtost wie ein Patriarch, der auf dem Familiensommerfest im Kreise seiner tobenden Enkel sitzt.

Terres et Vins de Champagne: Fabrice Pouillon

 

 

Von Elodie und Fabrice Pouillon stammt mit dem 2XOZ ein klares Statement für puren Champagner und die stilistische Visitenkarte: Herbe Zitrusnoten, feingestoßenes Kalkmehl und ein hochfloriger Säureteppich. Säure spielt bei den Champagnern von Fabrice Pouillon nicht die tragende Rolle. Bei ihm sind die aromatischen Vermischungen bedeutungsvoller. Das macht die Champagner schwieriger. 

Vins Clairs 2011:

Terres et Vins de Champagne: Olivier Paulet

 

 

Vins Clairs:

Der Mann, der ein bisschen aussieht, wie ich mir den frühen Dolph Lundgren vorstelle, servierte drei eigentümlich gute Vins Clairs, die Lust auf mehr machten. Die 2009er Assemblage aus 50PM 25CH 25PN, 2010er Meunier von alten Reben aus der Lage Champs à l’Eau ohne Malo im Stahltank vergoren und 2010er Chardonnay aus dem Stahltank.

Champagner:

1. Brut Tradition Premier Cru Extra Brut

50PM 25PN 25CH, mit 4,5 g/l dosiert

Als hätte er meine Bemerkungen zu den im letzten Jahr verkosteten Champagnern gehört und ernstgenommen, war der diesjährige Brut Tradition nicht mehr mit 7, sondern mit viel gesünderen 4,5 g/l dosiert und schmeckte gleich viel besser, entschlackter und fitter.

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