Cumières in der westlichen Grande Vallée de la Marne ist eine wahre Winzer-Wundertüte. Da gibt es Mikrowinzer mit Ausnahmewein zu Ausnahmepreisen, Winzernachwuchs mit naturgottheitlichen Champagnern und natürlich gibt es dort die alteingesessenen Winzerfamilien, die in neunter und zehnter Generation Wein anbauen. Einer dieser fast 900 Cumariots ist Jean-Baptiste von René Geoffroy, ein Liebling nicht nur der französischen Weinpresse und weltweiten Weinspürnasen, dessen Holzfassvinifikationen (meist ohne BSA) ich schon seit Jahren verfolge (trotz Verwirrungstaktik mit Häusern in Ay und Cumières), ohne daraus jedes mal ganz schlau geworden zu sein. Eine andere alte Familie ist mit ihren zwei sehr ansehnlichen Töchtern in der Rue du Bois des Jots zu Hause, parallel zur Hauptstraße in Cumières und aus westlicher Richtung kommend im direkten Anschluss an die Rue Henri Martin: Champagne Philippe Martin, deren ich noch nicht so lange kenne aber schon jetzt sehr mag. Beide Betriebe haben ihre ca. 10 Hektar Weinberge oder etwas mehr.

Philippe Martin Zéro Millésime 2004, dég. Dez. 2014, voll, reif, walnussig, PN/CH voll ausbalanicert und gut, hier hat der Winzer alles richtig gemacht, was es richtig zu machen gibt. in Reinform und weder mit 25 EUR im Spezialangebot noch für 28 EUR regulär zu teuer, vielleicht von der französischen Weinkritik nicht verstanden, übersehen oder trotz letzthin leicht gestiegener Bepunktung falsch eingeschätzt und deshalb so moderat im Preis.

Philippe Martin Millésime 2005 ist leider ein Champagner, bei dem nicht klar ist, warum es ihn gibt. Er wirkt, als sei dem Winzer nicht viel dazu eingefallen. Druck ist da, auch milder Akazienhonig ist da, lässt den aber unnötig angereift wirken. Sonst ist er sauber durchvinifiziert und schnörkellos gut, nur eben nichts besonderes.

René Geoffroy Extra Millésime 2005, dég. 2014, pustet den 2005er von Philippe Martin um und weg. 53CH 30PN 17PM im vinifiziert, ist eine ganz genaue Vorstellung vom Jahrgang, optimal umgesetzt. Ertrag und Qualität der Jahrgänge 2005 bis 2007 waren in der Champagne nicht durchweg erfreulich, gerade im Norden waren sie sogar nur für ganz wenige wirklich erfreulich. Vollmundigkeit, Reife und Komplexität in den Wein hineinzubekommen war zwar kein Wagnis, aber ohne zündende Idee drohte Belanglosigkeit. Jean-Baptiste Geoffroy hat sich glänzend geschlagen, seine 6000 Flaschen von dem Jahrgang werden nicht lange auf Käufer warten müssen.

Philippe Martin Speciale mit überwiegend PN/CH im Gleichgewicht und etwas (in den letzten Jahren immer weniger werdend) Meunier, alles aus Cumières und Hautvillers, der Reserveweinanteil der durchschnittlich 3 Jahre auf der Hefe liegenden Cuvée beträgt hohe 50%, dosiert wird mit 8 g/l. Mir gefiel die Cuvée Speciale nicht ganz so gut wie der 2004er Jahrgang aber immerhin besser als der 2005er von Martin; vor allem die Süße störte mich und schien mit einem medizinalen Bitterl zu hadern, aber normalerweise hätte ich die Cuvée Speciale auch zumindest vor dem 2004er trinken müssen, meine Schuld also, wenn der Eindruck jetzt verschoben ist. Für 17 EUR jedenfalls eine noch gute Leistung.

René Geoffroy Empreinte, PN/CH aus 2008, Vinifikation im Eichenfuder, mit 22,50 EUR ab Hof ein echter Schnapper, dessen vitale Säure noch jahrelangen Spass verspricht.

Philippe Martin Réserve für 15,50 EUR, dürfte für Viele eine echte Überraschung im Glas sein. Das liegt am überraschenden Mix: Meunierdominanz aus Verneuil, Noir aus Cumières und Chardonnay aus dem Vitryat, über dessen Eigenheiten und Vorzüge ich selbst erst seit kurzer Zeit im Bilde bin. Eine Besonderheit dieses Chardonnays ist seine hohe, zuckerverschlingende Säure, die sich im Réserve bemerkbar macht und 10 g/l wie nichts wirken lässt. Der hat Brotteig, Hefe und Exotik vom Meunier, Quittengelee, Limone und brombeerige Weinigkeit steuern die beiden Nobelreben hinzu, das Ergebnis ist nicht besonders komplex, aber einladend und mit hohem glou-glou Faktor.

Philippe Martin Blanc de Blancs für das gleiche Geld wie der 2005er zu haben (26 EUR), aber entschieden spasshafter, durch Holzfasspassage und eine viel niedrigere Zuckermenge (2 g/l) ist hier viel mehr Kontur, Schliff, Glanz und Gediegenheit wahrzunehmen, Außerdem wirkt der birnig, nur entfernt haselnussig und leicht, was gerade die mit Holz in Berührung gewesenen Gewächse und die mit langem Hefekontakt wegen ihres dort entwickelten Hangs zum Fetten nicht immer tun.

René Geoffroy Volupté 2007, 80CH 10PN 10PM, teils Fuder-, teils Stahltankvinifikation (45/55), ist wegen des Erntejahrs ein Wagnis gewesen, wenn man genauer reinschmeckt, kann man sich einbilden, die Schwächen zu merken. Hier sitzt nicht alles so stramm, einige oxidative Anklänge wirken wie Flugrost auf sonst makellosem Blech. Dem Namen des Champagners wird das trotzdem irgendwie gerecht, schmutzige, fleckengesprenkelte Wollust ist ja auch völlig ok.

Philippe Martin Terre d'Antan, 100PN aus einer Parzelle in Cumières, 2009er Ernte, sechsmonatiger Fasspassage, mit 4 g/l dosiert. Für 30 EUR zu haben und damit wertgerecht bezahlt. Der Terre d'Antan ist keine Wuchtbrumme, sondern von der verästelten, komplexen Sorte, die einen unbedachten Holzeinsatz nicht verzeiht. Für Cumières, für gelungenen Winzerpinot ist dieser ein Glücksfall, ähnlich wie der 2004er in der Weinpresse noch nicht in Gänze angekommen.

Philippe Martin Rosé de Saignée, ein PN/PM aus der 2012er Ernte, der gut 36 Stunden auf der Maische stand und danach im Eichenfass vinifiziert wurde. Das ergibt eine komplexe, dennoch leichte und weder in Sachen Röst-, noch Vanillearomen überfrachtete Mischung mit fragilen Blüten und akupunkturnadelgenauer Säure, mit Luft spielt sich ein wahrer Aromenwirbel ab und zeigt, dass von diesem Rosé noch einiges zu erwarten ist.

René Geoffroy Rosé de Saignée, 100PN aus Cumières, 2012er Basis mit 2011er Reserve, Mazerationsrosé mit Fudervinifikation ohne BSA, erschien mir dieses Mal zum ersten Mal überhaupt nicht so steinicht, fruchtarm, abweisend und verschlossen oder alkoholisch, sondern sahnig, himbeerig, weich, schön und in sich ruhend, voller Selbstbewusstsein und ohne unnötiges Sendungsbewusstsein, in dieser Form dem Rosé von Philippe Martin um Haaresbreite vorzuziehen.

René Geoffroy Extra Brut Blanc de Rose auf Basis 2011 ist eine Rosé-Commaceration aus 50PN/CH von Weinbergen in Damery und Cumières, erstmals auf Basis der 2010er Ernte mit dem von Karine gestalteten Etikett vorgestellt. Gefiel mir da besser, als jetzt.

Als Abschluss gab es noch einen Stillwein von Geoffroy, den dritten dieser Art, den er je gemacht hat: 2009er Meunier, nachdem es zuvor nur die Jahrgänge und 2008 als Meunierstillweine bei Geoffroy gab ( Noir wird hingegen regelmäßig als Coteaux Rouge vinifiziert). Für Champagnerverhältnisse winzige 5000 kg/ha Erntemenge ergaben nur 1900 Flaschen, die für 26 EUR/Fl. den Eigentümer wechseln. Wer die Schwarzrieslinge von Metzger, Steinmetz oder Schnaitmann kennt, sollte sich hiervon auch mal eine Flasche zulegen.