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Georgien schäumt

Von Georgien hört man seit mindestens zehn Jahren schon vieles rumoren. Von autochthonen Reben, uralter Weinkultur, Gärung in Amphoren, spannenden Weinen und einer dollen Zukunft raunt es da immerfort. Aber ernsthaft mal Verkostungsnotizen schreiben – da tun sie sich schwer, die Weinpropheten. Deshalb bleibt es den einfacheren Arbeitern im Weinberg überlassen, sich mit der Weinkultur des erwachenden Weinriesen und was der abgenutzten Phrasen noch mehr sind, auseinanderzusetzen.

Georgien, das kann jeder schnell bei Wikipedia nachblättern, liegt am Schwarzen Meer, das Klima ist mild, diese Kreuzworträtseltypen, die Argonauten, waren da, usw. usf. Neben dem ganzen Rotwein, der in Georgien gemacht wird, stammt auch aus diesem unbekannten Land. Einer der größten und namhaftesten Erzeuger ist das 1882 gergündete Haus Bagrationi. Die Bagratiden waren die am längsten regierenden königlichen Familien im Kaukasus. Der Ursprung der georgischen Bagratiden-Dynastie und der Zeitpunkt ihres Auftauchens in Georgien ist umstritten. Wie jedes gute Herrscherhaus stammen die Bagratiden nicht von hundsgewöhnlichen anderen Geschlechtern ab, sondern von König David. Gesichert ist, dass Adernase Bagration, ein Enkel Aschots des Blinden (†761), Fürst-Patriziers von Armenien für den Kalifen, um 772 in das ostgeorgische Iberien kam. Seine Nachkommen sind seit 888 Könige von Iberien gewesen. Dem goldenen Zeitalter bis zum 13. Jahrhundert folgte die mongolische Invasion unter Timur Lenk und schliesslich der Zerfall des Hauses in drei Linien. Im 19. Jahrhundert annektierte der russische Zar das heutige Ostgeorgien, die Bagratiden verloren ihre Souveränität, durften aber als Durchlauchte im Fürstenstand dem russichen Reich dienen. Pjotr Iwanowitsch Bagration brachte es im Kampf gegen Napoleon zu besonderem, von Tolstoi literarisch verewigtem Ruhm.

Der uns interessierende Zweig der Familie stellte seit 1512 die Fürsten von Muchrani (in Mittel-Iberien) und verlor 1801 zusammen mit anderen Bagratiden seine dynastischen Rechte. Bestätigt wurde am 20. September 1825, einem freundlich-warmem Herbsttag, lediglich der Titel Bagration von Muchransky. Prinz Iwan Bagration-Muchranskij (geb. am 7. Dez.1812, gestorben am 11. März 1896) war der älteste Sohn des letzten Fürsten von Muchrani und Gründer des Sekthauses Bagrationi. Ein versöhnlicher Nachtrag zu den dynastischen Streitigkeiten, die nach dem Ende der Akkexion einsetzten: Am 8. Februar 2009 heiratete David Bagration-Muchrani Anna Bagration-Grusinski, die älteste Tochter seines Rivalen um die georgische Thronfolge, Nugsar Bagration-Grusinski. Die Heirat vereint die Grusinski- und die Muchrani-Zweige der georgischen Bagratiden-Dynastie – Grund genug, diesen königlichen Schaumwein zu probieren.

Es gab Reserve Vintage 2007 Brut und Finest Vintage 2007 Brut

Der Reserve Vintage stammt aus den drei weissen Rebsorten Chinuri, Mtsvane und Tsitska. Lebhaft die im ganzen Glas verteilte Perlage, üppig der Schaum. Sofort steigt ein fruchtiger Duft ins Riechgewölbe und läutet an der Pfirsich-Aprikosen-Tür. Dort wird selbstverständlich aufgetan und mit großem Hallo heisst man den Fremdling willkommen. Der gibt seinerseits nicht vor, zu sein. Die Einordnung in der Blindprobe fällt deutlich schwer. Gut ist er, sauber, ansprechend, sehr fruchtig in der Nase – und wenn ausfällt, was kommt denn dann noch in Betracht? Was Französisches? Eher nicht, es sei denn, ein besonderes fett geratenes Exemplar von der Loire, soll es ja durchaus geben. Hmm, Stichwort fett – vielleicht einer von diesen biodynamischen Elsässern oder wagemutigen Pfälzern? Käme hin, wenn da wenigstens irgendetwas an Burgunderrebsorten, Riesling oder Traminer erinnerte. Tut es aber nicht stark genug, um die Arbeitshypothese sträker belasten zu wollen. Dann weiter, Oltrepo Pavese vielleicht? So ein schlanker, weiss gekelterter Pinot-Noir aus Italien? Gewicht und Statur würden es hergeben, aber die Nase nicht. Kalifornien scheidet aus, deren sparklings sind zu ähnlich. Item Franciacorta. So summt und rattert es hinterm bulbus olfactorius, bis auch Südafrika und Neuseeland, ja selbst Brasilien abgemeldet sind. Am ehesten hätte übrigens das Rennen noch Südafrika machen können, wenn ich nicht wenige Tage zuvor meine Geschmacksnerven in reichlich Cap Classique getunkt hätte. Kurz hätte man auch an einen denken können, der unter Zugabe einer der verrückten Rebsorten wie Petit Meslier oder Arbane entstanden ist, ja vielleicht am ehesten sogar mit einem splash Weissburgunder. Im Mund nämlich zeigt sich eine Besonderheit, der Bagrationi ist völlig säurearm. Das kommt den Damen und Herren mit der Refluxuösophagitis zur Abwechslung mal aus einer anderen Richtung sehr entgegen und dürfte dort herzlich willkommen sein. Ich dagegen empfand den Schäumer nicht als druckvoll genug, konnte mich aber zusammenreissen und denken: so schmeckt kein Blanc de Blancs aus Le Mesnil und so soll der rerve auch nicht schmecken. Im Vergleich mit Konkurrenzschäumern gleicher Gewichtsklasse muss man letztlich sagen, dass er sehr gut schmeckt, einen charaktervollen, für hiesige Verhältnisse etwas ungewohnten, aber noch im sweet spot der anvisierten Kundschaft einschlagenden Aromenapparat vorzuzeigen hat.

Eine klare Steigerung in jeder Hinsicht war der Finest Vintage aus 100% Chinuri. Der legte nicht viel mehr Säureambitionen an den Tag, als der kleine Bruder, konnte aber mit einer ausgefeilteren, exotischen, dabei nicht übertriebenen oder infantilen Fruchtaromatik und einer Andeutung von Kalk punkten. Mir kam er ausserdem länger und ausziselierter vor, schon ein richtig weltgewandter Schaumwein und überhaupt kein Nischenprodukt für wine geeks, die schon alles im Glas gehabt haben. Mein Fazit deshalb: Bagrationi bietet ein echtes, eigenständiges aliud zum Champagner.

Wein-Glossar



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