Es gibt in der Weinwelt so erratische Jahrgänge, die sind faszinierend und abschreckend zugleich. Wenn man sich vorstellt, was aus dem Material mancher dieser Ernten alles werden könnte, ist man schon auf Jahre im voraus wie betäubt. Wenn man dann sieht, was in den ersten Jährchen nach der Ernte tatsächlich draus wird, wie schnell manches abstirbt oder verhunzt, hinter den Möglichkeiten zurückbleibt oder (vermutlich) aus Liquiditätsgründen vorzeitig auf den Markt geschleudert wird, ist die Enttäuschung, ja das Entsetzen groß. Wie soll da eine vernünftige Einschätzung möglich sein? Nur durch beständiges Nachprobieren und Imaugebehalten. Eine Mühsal sondergleichen, aber anders geht es nicht. Wenn sich nach Jahren dann einige Kandidaten als Spitzenperformer herauskristallisieren, dann ist es an der Zeit, diese um sich zu scharen und in passender Runde dem großen Interview zu unterziehen. Einer, der sich auf die Zusammenstellung solcher Runden versteht, ist der liebe Alper Alpaslan. Sein Thema: der Jahrgang 1996. Dessen DNS lässt ja alles zu, hyperaktives Wunderkind ebenso wie gescheiterte Künstlerexistenz, mover & shaker, finaler Endboss oder Master of the Universe. Dem musste also auf den Grund gegangen werden. Im Düsseldorfer Beritt kamen zu diesem Zweck einmal mehr illustre Herrschaften zusammen, darunter Richard Juhlin und Rytis Jurkenas und selbst der Weinterminator war sich nicht zu schade, obwohl er Champagner eigentlich am liebsten trinkt, wenn der seinen Champagnercharakter weitestgehend eingebüßt hat oder von vornherein nur für Rotweintrinker gemacht wurde.

I.1 Philipponnat Clos des Goisses 1996, hielt ich für Belle Epoque, mittlere, rückgratgebende Säure die mich auf den irrigen Gedanken brachte, es könnte sich um den berühmten Cramantchardonnay der Belle Epoque handeln; im Kern weich und mild, der Duft nicht besonders freigebig bis eher simpel.

I.2 Duval Leroy La Femme de Champagne 1996, war deutlich dunkler gefärbt und wirkte in der Nase offener, im Mund mit heftiger Kehrtwende und hakeliger Säure, so dass ich zuerst wegen der schmeichelnden Weichheit und dunkleren Färbung an einen ganz leicht korkigen Cristal dachte und erst mit dem Säureeindruck in Richtung Femme riet.

I.3 R & L Legras Cuvée Saint-Vincent 1996 schien mir heller zu sein, aber auch deutliche einfacher als die beiden Vorgänger. Ich hatte deshalb keine Prestigecuvée vor Augen, sondern einen regulären Jahrgang und ganz konkret dachte ich gleich fälschlich an Pol-Rogers Vintage. Der Champagner war jedenfalls weich und etwas zu laktisch für meinen Geschmack.

II.1 Veuve Clicquot La Grande Dame 1996 war auf Anhieb stahlig und poliert, wirkte erst mit Luft zunehmend laktisch und geradezu platt. Ich dachte an Grande Dame, mehr aber noch an Nicolas Feuillatte.

II.2 Bollinger Grande Annee 1996 en Magnum sprach mich sehr an und ließ mich darob verstummen. Alles Kramen half nichts, ich wusste auch hier nicht wirklich, woran ich war. Saft, Nuss, Druck und Pinotpower sprachen bei Licht betrachtet klar für Bollinger, ich habe aber irgendwo bei Egly-Ouriet oder Jacquesson hinvermutet. Über den Gesamtabend betrachtet einer meiner Favoriten (95 Punkte)!

II.3 Pommery Louise 1996 war leider korkig.

III.1 Krug 1996 war saustark und der Auftakt zu meinem internen running gag des Abends. Denn Ich Depp dachte doch wirklich, hinter allem könnte sich die Belle Epoque verbergen. Dass Butter, Reife und Seidigkeit wie hier erlebbar noch nie in einer von mir getrunkenen Belle Epoque vorhanden waren, beiirte mich dabei nicht groß. Sehr schöne performance jedenfalls von Krug und 93+ Punkte von mir.

III.2 Taittinger Comtes de Champagne 1996 war purer Chardonnay, vollgepackt mit Schwefel, Reduktion, Röstnote und Jod, der Schwarzpulvermix eben, den man oft mit Taittinger verbindet, so dass ich mit meiner blinden herumraterei auch einmal auf Anhieb richtig lag, aber auch nur, weil ich nicht im letzten Moment doch noch auf Dom Ruinart umschwenkte (der es nämlich auch hätte sein können).

III.3 Pol Roger 1996 war ähnlich em R & L Legras klar schwächer als seine Flightpartner, Säure habe ich arg vermisst, die üppige Frucht machte das nicht annähernd wett, der Champagner war einfach zu soft in diesem Hochleistungsumfeld, würde aber solo getrunken sicher überzeugen.

IV.1 Bollinger Vieilles Vignes Francaises 1996, ein legendärer Wein, von dem ich anfangs dachte, es wäre der von mir selbst (und übrigens auch ganz schön seltene) mitgebrachte Grand Siècle 1996. War er natürlich nicht, obwohl ich den Gedanken angesichts der Nachbarschaft von Ay und Mareuil-sur-Ay schon klug finde. Enormer Champagner, voll ausentwickelter Bollystil, der von mir 95 Punkte bekam, was ich in der Rückschau zu wenig finde.

IV.2 Jacquesson Vauzelle Terme 1996 en Magnum, war so leicht und fein, dass ich an bestens erhaltenen Cristal dachte, obwohl eine säuerliche Camphernote das nicht richtig hergab. Mit sehr viel Luft entrollte sich dieser Champagner dann immer weiter und ich bedauere etwas, dass ich den nicht länger im Glas behalten konnte, denn das Ende der Fahnenstange ist da noch nicht erreicht.

IV.3 Dom Perignon 1996 schien mir fehlerhaft, allzu nussig, vorzeitig oxidiert.

V.1 Laurent-Perrier Grand Siècle 1996 kam von mir und begeisterte mich nicht. Brotige Nase und leicht brenzliger, an Lichtgeschmack erinnernder Ton, wobei die Flasche aus vertrauenswürdiger Quelle kam und dort sicher nicht fehl-/überlagert wurde.

V.2 Diebolt-Vallois Fleur de Passion 1996 war viel alerter, aufregender und verspielter als der Vorgänger, Chardonnayigkeit, Jod und Reduktion ließen mich hier, wie beim Comtes, noch einmal an Dom Ruinart denken, auch angesichts der noch nicht völlig offengelegten Reifemöglichkeiten. Ich traue der Fleur de Passion noch eine ganze Weile Flaschenreife zu.

V.3 Billecart-Salmon Le Clos Saint Hilaire 1996 war leider eine Enttäuschung, wenn ich an den Preis denke und daran, wie außer mir ich vor Begeisterung war, als ich 1998 und 1999 probiert hatte.

VI.1 Krug Clos D’Ambonnay 1996, hätte nach meiner Vorstellung der riesengroße Selosse 1996 sein müssen, mit dem ich mal eine Probe bei Hartwig Fricke in Düsseldorf versucht habe, auf die Champagnerseite zu ziehen. Und danach vor lauter Freude fast alle meine Flaschen selbst ausgetrunken habe, als ich noch gut dran kam. Irre, rasante Säure, saustarkes Zeug, das 96 Punkte bequem verdient hat.

VI.2 Pol Roger Sir Winston Churchill 1996, sanft und eingängig, mandelig und eher süß. Nach dem wahnsinngen Clos d’Ambonnay leider eine ziemlich profane Angelegenheit.

VI.3 Salon 1996, sehr easygoing, sehr pikante Säure, biederte sich aber auch erstmal nur an und braucht sehr viel mehr Zeit zur Entfaltung als der Krug.

VII.1 Louis Roederer Cristal Rosé 1996 war, wie die Flightpartner, schon anhand der Farbe und weil bekannt war, welche Roséchampagner antreten würden, leicht zu erkennen. Cristal Rosé in sehr hellem Farbton, frisch, sexy, fruchtig, smart. 94+ Punkte.

VII.2 Dom Pérignon Rosé 1996 hatte den festen Händedruck des arbeitsgewohnten, dennoch zur Körperfülle neigenden Mönchs, auch das ganze dunklere Beerenobst aus seiner Gartenanlage nebst Himbeerblättern und strauchigen Aromen findet sich hier wieder. Nochmal 94+ Punkte.

VII.3 Taittinger Comtes de Champagne Rosé 1996, schlank, mit weißer Seele. Der rotfleischige Apfelsecco von Raumland könnte sich daran orientieren. Erneut 94+ Punkte.

VIII.1 Billecart-Salmon Nicolas Francois Billecart 1996 en Magnum war rauchig und flintig mit mir zu viel Süße, ich war weit weg von jeglicher begeisterung, obwohl ich den normalen Nicolas Francois Billecart eigentlich liebe. Irgendwie nicht er Billecart-Abend, oder -Jahrgang, oder was weiss ich.

VIII.2 Egly-Ouriet Millésime 1996 reihte sich mühelos ein und blieb für mich unterhalb von 90 Punkten. Apfel, Zwiebel, Kraut und Oxidation.

VIII.2 Henriot Cuvée des Enchanteleurs 1996 en Magnum
Süße Nase, softer Wein, stand bei mir unter Korkverdacht und schloss den schwächsten flight des Abends ab. Sehr schade, weil Henriot sonst gute Sachen macht, vor allem die 95er Cuvée des Enchanteleurs oder nicht allzu alte (bis in die Neunziger ist ok, älter eher nicht, da habe ich selbst aus der Magnum vorwiegend maue Erfahrungen gemacht) Brut Souverains können einen für sehr viel Ungerechtigkeit in der Welt entschädigen.

IX.1 Jacques Selosse 1996, frisch und direkt vom Meister extra für den Abend dégorgiert, erinnerte mich an einen Besuch bei Bérèche, als ich meinen ersten Beaux Regards dort getrunken habe. So hemmungslos herb, frisch, knallig, explosiv, pilzig, archetypisch, ein Selossedenkmal, 94++ Punkte.

IX.2 Dom Ruinart 1996 war korkig.

IX.3 Vilmart Coeur de Cuvée 1996 machte auf mich einen fehlerhaften Eindruck, bleib mit einer mauen performance weit von 90 Punkten entfernt

X.1 Louis Roederer Cristal 1996 war so toastig, hefig, röstig, so hemmungslos Cristal, dass die 94 Punkte zwar nur noch schwer von der Zunge, aber leicht von der Hand gingen.

X.2 Krug Clos du Mesnil 1996, die ersten Schnellzüge knapp hundert Jahre vorher müssen ähnlich auf die Menschheit gewirkt haben. Durchzug pur, 95 Punkte von mir, obwohl ich eigentlich überhaupt kein besonders großer Fan vom Clos du Mesnil bin und mir, abgesehen vom Preis, davon nicht mal eben eine Flasche öffnen würde, sondern den immer nur im Zusammenhang mit anderen Champagnern getrunken habe und weiterhin vorhabe zu trinken.

X.3 Perrier Jouet Belle Epoque 1996 hatte es natürlich schwer in diesem flight, schlug sich aber mit Nuss, Phenol und einer reduktionsnase immer noch so gut es ging. Einen Korkverdacht wurde ich dennoch nicht los.

Einige Bonusweine gab es noch, der von mir mitgebrachte (nicht sehr häufig erhältliche) Laurent-Perrier Côteaux Champenois Rosé war leider korkig. Eine Flasche habe ich noch, hoffentlich ist die in Form.

Henriot Millésime 1996 en Magnum war besser als der Enchanteleurs, hatte etwas dunkles, tiefes, mystisches, packte zu und machte Spaß.

De Saint Gall Blanc de Blancs Orpale 1996, von 1995 bis 2003 in Brut und Brut Nature habe ich die Orpale getrunken, mit Essen, ohne Essen, nie mit größter Begeisterung; die 96er Orpale war von allen bisher getrunkenen die beste, couragierteste, profilierteste. Ein Fan bin ich dadurch immer noch nicht geworden, aber zum Essen würde ich sie jederzeit wieder trinken.

Bollinger Grande Annee 1979 war ganz schön dunkel, darf er aber natürlich sein, bei dem Alter. Nach meiner Erinnerung ein Mitbringsel von Rytis, der dafür höchsten Dank verdient. Bingedrinkinggeeignet.

Guillaume Sergent Les Prés Dieu und Barbichon 4 Cépages hatte ich ebenfalls noch mitgebracht, beide gefielen auch Richard Juhlin ziemlich gut, der insbesondere beim 4 Cépages den Weißburgunder schnell identifizierte.

Lafite Rothschild 1989 schmeckte toll und war mit paar einfachen Ja/Nein-Fragen auch leicht zu erraten (Bordeaux? Vor 1995? Aus den Achtzigern? linkes Ufer? Pauillac? Premier Grand Cru? oder so ähnlich und dann blieben ja nicht mehr viele Kandidaten übrig).

Fazit:
Der Jahrgang hat teilweise die höchsten Erwartungen erfüllt. Ein klassischer Lager- oder Sammeljahrgang ist 1996 nicht, außer bei den allerteuersten (und durchaus sammelwürdigen) Champagnern, die fast ein wenig wider Erwarten bestens abgeschnitten haben. Weiteres Fazit: Weinproben im Berens am Kai sind immer auch ein Lehrstück in Sachen Professionalität von Küche und Service. Genau so wünscht man sich das allerorten.