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Tag Archives: chateauneuf

Chateauneuf in Warendorf: Rayas vs. Charvin 1974 – 2010

Den wenigen Rotwein, den ich im Jahr trinke, trinke ich meist auf einmal. So zuletzt auf Uwe Bendes unwiderstehlichen Ruf nach Warendorf hin, in das phänomenale Restaurant und Landhotel von Uwe Aust in Warendorf, unweit von Münster und nicht sehr weit vom berühmten Taufstein der Stiftskirche von Freckenhorst. Dort gab es schön viel Chateauneuf von Charvin und Rayas.

I. 

Erstmal gab es Fonsalette 98, mineralisch bis gar kalkig kam er mir vor, vielleicht weil ich noch Restchampagner am Gaumen hatte, im Mund schien mir der Fonsalette herb und angäeltelt. Fonsalette 01 hatte eine süsslichere Nase mit etwas Andouillette, ausserdem Wacholder; ohne den Nasenstüber ein schöner Wein, aber reichtlich ungehobelt eben. Es folgte Fonsalette 03, der war flott, schnittig, fruchtig, elegant; Lorbeerblatt und Kräuter machten den Weion zum Flightsieger für mich, der folgende  2007er war nämlich noch sehr dicht und verschlossen, bei ähnlicher Größe wie ich sie dem 2003er zubilligen möchte, aber noch pieksend, unreif und frech. Der Côtes du Rhône von Charvin aus 2007 und aus der Magnum war dann der passende Saufwein für zwischendurch.

II. 

Charvin 2010 kam mit dicker, wonnigsüsser Nase und leicht steinig ins Glas gebröckelt, zeigt sich aber dann schlank und nordisch kühl, mit kandierter Rosenblüte als speziellem Etwas. 2009 war eeetwas ruhiger als 2010, im Mund noch dicker und zur Strafe für die Übertreibung leicht brandig, insgesamt also ganz schön schwergewichtig. Den dann vorgeführten 1998 hatte Uwe selbst abgefüllt, hier war mehr Schnittblume, liebstöckel und Butter im Mund, der Wein wirkte etwas süsser und machte mehr Spass als 1998 in der Chateauabfüllung, der hatte mehr Pillenbox, eine verhaltenere Nase und wirkte im Mund kühler, geschliffener, komplexer, auch minziger, mit mehr Eukalyptus, als die Eigenfüllung.

III. 

Charvin 1989 war reif und röstig, schmeckte nach in Butter gebratenen Semmelbrösels und gefiel mir mit seiner reifsüßen Nase nicht schlecht; im Kern war der Wein säuerlich, im Mund, rund, weich und mit Menthol. Für seine volle Reife sprach der sanfte Liebstöckelduft, im Anschluss baute der Wein dann auch eher ab als auf. Charvin 90 hatte ein viel juengere Nase, mit Popreis, angebratenem Reis, wirkte, dicker und auf elegantere Art reifer und entwickelter aber eben nicht ältlicher im Geschmack, weil sich deutlich mehr Walderdbeere und Himbeerlimonade als im 89er aufspüren ließen, Dann kam Pignan 07 ins Glas, mit purer Reisnase, Getreidekeks und einem seltsamen Pyrazinton, während er im Mund malzig, bonbonig, süss war; Uwe meinte, das sei flüchtige saeure, für mich schien es eher ein Waschmittelton zu sein, der an UTA erinnerte. Rayas 74 mit viel Speck, Holzkastl, Schinken, und Rauch war ein starker Wein mit Luft kam Teerseife, pikant-herzhafte Süsse, milde Pilzigkeit, Rahm und sich ankündigende Milchschokolade. Sehr stark, aber nicht jedermanns Sache.

IV. 

rayas stets heller als charvin; rayas immer grenache, charvin 80grenache 20syrah charvin 00 eher dicke, schwerfaellige nase, im mund pflanzlich und etwas einfach gestrickt, rosenbluete rayas 00 flott, suess, girlyhaft, im mund weit, fein, elegant, gut; , blumenbouquet, apfelspalte charvin 01 saeuerlich, campher, sauerampfer, im mund kompakt, dicht, eher kraeftig; dicklich auch im mund rayas 01 wuerzige nase, roter apfel, cranberry, milde roestnote, im mund schlank, fein, zart

V. 

Charvin 07 hatte viel Frucht und Candy, wirkte dummschön, sehr schmatzig, mit etwas Lakritz und Kautabak. Rayas 07 war fast wie der Vorgänger, aber etwas dunkler, mysteriöser, okkulter, im Mund superfein, dynamisch, stark, ein tolles geschoss. Charvin 03 war reduktiv, mit Austernschale, Luftzufuhr machte ihn weich, fluffig, beerig, samtig, aber ließ ihn nicht sehr elegant aussehen. Ganz anders der Rayas 03, vegetabil und blutig zugleich, stahlgefedert, druckvoll, bärenstark und von natürlicher Eleganz. 

VI. 

Rayas 2006 war ein weicher, seidiger Wein, der deutlich eleganter war, als Charvin 06, die beiden sah ich am Ende qualitativ eng beieinander, gustatorisch hingegen weit auseinander; den 2004er Rayas muss ich, da vielleicht in einer Verschkussphase, als wenig bis nichtssagend abtun, vielleicht war er für mich zu dieser Zeit aber auch einfach nur zu fein, wohingegen Charvin 2004 etwas prächtiger und ungestümer wirkte. 

VII. 

Der 99er Charvinteil des flights war den 98ern sehr ähnlich, den selbstabgefüllten fand ich überlegen. 2002er Charvin gefiel mit mit seinen Brombeertönen, dem nahtlosen Tannin, seiner geschmeidigen Stoffigkeit, der sich ankündigenden Reife, erstaunlich gut für das, was ich von Charvon bis dahin getruken habe und fast durchweg mit mehr als respektablem Abstand unterhalb von Rayas angesiedelt sah. 2005 Charvin hatte Rotfrucht, Candy, war im Mund aber fairerweise doch schon seehr geschmeidig, mit Maulbeere, wirkte wieder rustikal aber gut und warf mit Luft Schwarzkirsche, Veilchen und Pfeffer aus. Mein Zwischenfazit zu diesem Zeitpunkt: Rayas ist Champions League, Charvin Bundesliga. Beim Vergleich der Weine habe ich überwiegend Unterschiede, weniger Gemeinsamkeiten gesehen und mitnichten kann ich im Charvin so etwas wie einen kleinen Rayas erkennen.

VIII. 

Charvin 94 war nicht sehr expressiv, hatte aber die von mir geschätzte Griottenote, schien dabei zunächst wässrig, später getreidig. Charvin 95 hatte leider Kork. Charvin 96 zeigte sich maulbeerig, hatte eine pelzige Nase, mit Zedernholz und einer angenehm reifen Art. Charvin 97 war minzig, mentholig, auch mit Zedernholz ausgestattet, wurde mit Luft aber immer ledriger, ja sogar problematischer. 

 

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Die Worst-Best-Lecker-Schmecker-Probe begann mit

I. Van Volxem, Scharzhofberger Pergentsknopp 2001

Blutjung kam mir der Wein noch immer vor. Klar, die gelbobstige Primärfrucht hatte sich weitgehend verabschiedet und war wahrscheinlich sowieso nie besonders hervorstechend. Nun ist der Wein eine sehr gelungene Mischung aus steiniger Mineralität und umwerfend herb-saftiger, süß-saurer Zitrusfrucht. Kaum zu glauben, dass der schon ein paar Jährchen in der Flasche hinter sich hat.

II.1 Maison Paul Robin à Rully, Bourgogne Mousseux Méthode Champenoise Extra Dry 1959

Ein süßer Rotsekt kam da ins Glas. Kirschjoghurt und stahlig-metallische Noten rangen ohne Rücksicht auf das Geschmacksempfinden des bemühten Trinkers um die Vorherrschaft. Dementsprechend hin- und hergerissen war ich dann auch zwischen freundlichem Interesse an den noch ganz zackigen Fruchtkomponenten und Ablehnung des kaputten Stahgeschmacks. Mehr als nur interessant war dieser Schäumer am Ende allemal, denn bei allem Krampf zeigte er sich dank der herausragenden Jahrgangsqualität und nicht nur aufgrund des hohen Zuckergehalts noch erstaunlich frisch.

II.2 Charles Heidsieck Brut NV aus den 60ern

Ein sehr schönes und von den Schwierigkeiten seines exotischen Vorgängers unbehelligtes Trinkerlebnis bot der Charles Heidsieck. Leicht toastig, mit Kaffeearomen, buttrig, warm und mittellang; schwaches Mousseux und eine langsam abstumpfende Spritzigkeit kündeten vom hohen Alter des Champagners, der sich sehr aufgeräumt und in Topverfassung zeigte.

III.1 Montrachet (Maison Paul Robin?) aus den 40ern

Colafarbe und aufgewirbeltes Depot machten den Wein nicht gerade zum optischen Sieger, aber was er zu bieten hatte, stand dazu in deutlichem Kontrast. Butter, Toffee, Haselnuss und Erdnusscrème, erst sehr viel später Pilzrahmpfanne, Maggi und Dill. Im Mund war der Wein nicht besonders lebhaft und nicht gerade druckvoll, aber seine behäbig an den Gaumen abgegebenen, leicht karamellisierten Pilzaromen fand ich beeindruckend. Am Tisch wurde das teilweise anders gesehen.

III.2 Bouchard Père et Fils, Chassagne-Montrachet 1953

Ausdrucksarm, säuerlich, gezehrt und hohl schlug sich danach der 1953er Chassagne-Montrachet.

III.3 Ramonet-Prudhon, Chassagne-Montrachet Les Ruchottes Premier Cru 1954

Mit kaltem Räucherspeck in der Nase und feiner Süße im Mund versuchte der 1954er Chassagne-Montrachet zu überzeugen. Da er nicht unfein wirkte und einige Kraftreserven mobilisieren konnte, habe ich ihn deutlich über dem 53er gesehen, aber keinesfalls in der Nähe des Montrachet. Von der Größe des 1973er Batard-Montrachet, mit dem Ramonet-Prudhon beim 1976er Spurrier-Tasting in Paris den sechsten Platz bei den Weißweinen errang, konnte dieser Wein noch nicht viel gehabt haben.

IV.1 Flouch Fils, Chambolle-Musigny 1917

Die letzte Flasche 1917er Chambolles-Musigny hatte leider Kork und auch bei dieser hier stand für mich ein Korktreffer im Vordergrund. Milde Buttertöne drangen zwar noch durch, ließen eine vernünftige Bewertung aber nicht zu.

IV.2 (unbekannter Erzeuger), Beaune Clos des Mouches Premier Cru 1947

Joseph Drouhin (ca. 6 ha) und Domaine Chanson (ca. 4 ha) sind die großen Namen, die man mit dem ca. 14 ha großen Clos des Mouches (à miel; seinen Namen hat der Clos von den Honigbienen, die dort früher zu Hause waren – und nicht von ordinären Schmeißfliegen) verbindet, nicht zuletzt seit dem berühmten 1976er Spurrier-Tasting in Paris – dort belegte ein weißer 1973er Clos des Mouches von Drouhin den fünften Platz. Davon war unser 1947er freilich noch weit entfernt. Eine leicht scharfe Waschmittelnase mit konzentriertem Kompottduft von roten Früchten, großzügig mit schwarzem Pfeffer unterlegt, ließen den Wein pikant wirken, doch stand er immer auf der Kippe und schien mir dauernd in Richtung Zusammenbruch abrutschen zu wollen.

IV.3 SCEA Beaune, Beaune Clos des Mouches Premier Cru1947

Gekochtes, etwas mehliges Obst. Mürbe und warm. Im Mund schön weich, zunächst wie frischgekochter Milchreis, dann zartnussig, später mit Maggi.

V.1 Château Beychevelle (van der Meulen) 1928

Farblich voll auf der Höhe, in der Nase Schuhcrème, Leder und Phenol, die allesamt zeigen, wie kraftvoll und höchst lebendig der Wein noch ist. Im Mund zunächst ganz schön sauer, mit etwas Gewöhnung kann man dem aber noch etwas abgewinnen und ich denke zum Entrecôte vom Koberind hätte der Wein sich sehr gut gemacht.

V.2 Château Talbot 1947

Rettich und Radieschen kamen mir in der Nase entgegen und erst dachte ich mir schon, dass da wohl nicht viel zu erwarten sein dürfte. Im Mund zeigte sich dann, wie irreführend dieser allererste Eindruck war. Mit Luft gewann der Wein ungemein, eine gewisse Schärfe blieb zwar durchgängig drohend im Hintergrund, aber der Wein plusterte sich aromatisch auf, wurde kräftiger, legte an Masse zu und erschien mir am Ende dicht, kernig und gesund.

V.3 Château Palmer (Mähler-Besse) 1952

Unter dem Kork konnte man Liebstöckel wahrnehmen, mehr leider nicht.

VI.1 unbekannter Erzeuger, mglw. Abfüller aus Volnay, Clos des Bécasses (wahrscheinlich Département Var/Bouches du Rhône) 1926

Farbe war komplett ausgefallen, wahrnehmen konnte man in der Nase Karamell und einen nicht uncharmanten Lackduft, im Mund war der Wein sauer und kaputt.

VI.2 Assmannshäuser Spätburgunder 1872

Tzatzikinase, etwas metallisch und blechern. Im Mund für sein Alter noch sehr schick. Wie der Kuss einer Neunzigjährigen.

VI.3 unetikettierter Spätburgunder (?), wohl aus den 40ern

Sauerampfer, saurer Schweiss. In Mund dann sogar mit einigem Gewicht, aber eher klobig als von schwerwiegender Aromatik.

VII.1 Chianti, I.L. Ruffino 1950

Dem Erzeuger gehören heute weit über 1000 ha. Dieser Chianti kam ganz klassisch aus dem Fiasco, freilich stammt er aus einer Zeit, in der Chianti noch nicht als Massenplörre die Köpfe deutscher Studenten vernebelte. Starker Wein, trotz einer leicht zehrenden Säure.

VII.2 Château Nenin 1950

Nicht so schön, wie man angesichts des flights hätte erwarten können, war der 1950er Nenin. Er wurde von seinen beiden Partnern buchstäblich überflügelt.

VII.3 Château Recougne, Bordeaux Supérieur, 1950

Phenolisch, aber nicht kaputt, denn mit jeder seiner sanft wellenartig aus dem Glas strömenden Duftfreisetzungen gibt der Wein mehr Tabak, mehr eingekochten Früchtesud, Lakritz und Teer ab Rund und weich, als hätte ihm das Alter so gar nichts anhaben können. Sehr schön und für ein Weingut, das erst 1938 gegründet wurde, eine richtige Sensation.

VIII.1 Château Recougne, Bordeaux Supérieur, 1961

Der 61er Recougne, den ich schonmal sehr loben konnte, kam da nicht ganz dran. Konstant scheint das Château dennoch zu sein, auch diese Flasche brachte einen reifen, saftigsüßenen Wein zum Vorschein, der mit Tabak und Rauch nicht sparte, aber auch einen ganzen Sack voller Früchte geschickt einzubinden wusste.

VIII.2 Château Recougne, Bordeaux Supérieur, 1966

Müder, phenolischer und mit ausgeprägterer Säure kam dann der auch beim letzten Versuch schon schwächere 66er ins Glas. Nach zwei so bestechenden Leistungsvorführungen des Châteaus sehe ich über eine rechtschaffene Müdigkeit jedoch gerne hinweg – genügend andere Weine prominenterer Châteaux haben schließlich mit ähnlichen Erscheinungen zu kämpfen und dürften damals schon bedeutend mehr gekostet haben.

IX.1 Vosne-Romanée aus den 40ern/50ern

Ein leichtes Stinkerle lässt mich erstmal Abstand nehmen, mit Luft kommen Kräuter und Rauch aus dem Glas, im Hintergrund schleicht etwas Frucht verdruckst herum.

IX.2 Caves Mövenpick, Pinot-Noir, Schweiz, 1984

Ein überraschend gut erhaltener Spätburgunder, der auch deutscher Herkunft häte sein können. Eine deutliche Kümmelnote stört dabei nicht. Gut!

IX.3 Amselfelder, Jugoslawien, 1961

Bei diesem Wein hätten sich die Geister viel deutlicher scheiden können. Da Uwe aber bereits im Vorfeld Sorge dafür getragen hatte, dass in der angenehmen Runde keine Etikettentrinker das Klima verhunzen, konnte z.B. ich mich mit Nachdruck für den Wein einsetzen, der mein Liebling in diesem flight war und auch nach dem Aufdecken blieb. Eine starke, schon etwas saccharinige Süße, über die der Wein zweifellos verfügte, war dafür nicht allein ausschlaggebend. In der Nase nämlich war der Wein fremdartig und doch seltsam vertraut, was daran liegen mag, dass er aus Pinot-Noir gekeltert wurde. Etwas seifig, irgendwie gekünstelt frisch und fruchtig, ohne dass ich aber hätte festmachen können, was mich denn genau daran gestört hätte. Im Mund natürlich süss, gleichzeitig jugendhaft, selbst eine gewisse Spritzigkeit war noch da, ein Wein letztlich, der durch seine Eigenartigkeit Spannung erzeugte und mir deshalb – trotz seiner künstlich wirkenden Süße – gefiel.

Dann kam der Königsflight des Abends.

X.1 Domaine de la Janasse, Châteauneuf-du-Pape Vieilles Vignes 2007

85% Grenache, 10% Syrah, 3% Mourvèdre, 2% divers, ein Viertel gärt im Barrique der Rest im Fuder. Ausbau zu 75% im Stahltank und in kleinen Eichenfässern.

Blumen, ätherische Öle, Garrique, bouquet garni. Cassis, vollreife schwarze Beeren. Auch hitzige, tabakige Aromen und heißer Asphalt. Kraftvoller aber nicht fetter Körper, schwerstlang, finessereich, komplex und voller Wandlungsreichtum, perfekt sitzendes Tannin. Kaum anzunehmen, dass der Wein noch besser wird, doch sprechen alle Anzeichen dafür.

X.2 Clos des Papes 2007

65% Grenache, 20% Mourvèdre, 10% Syrah und 5% Muscarin, Vaccarese, Counoise. Ausbau im großen Holzfass.

Pflaumenmus, Schwarzkirschen, schweres Leder, schwarzer Tee, Datteln, Rosinen, Weihrauch. Erstaunlich: der Wein wirkt weder alkoholisch noch besonders gerbstoffig und dennoch bombastisch, nach dem Janasse fast schon erdrückend und wird erst mir viel Luft lockerer. Für mich gegenüber dem Janasse der stärkere Wein mit noch mehr Potential. Im Moment wirkt er zusammengequetschter, aber wenn alles gutgeht ist er mit ein paar Jahren Flaschenreife mächtiger, länger.

XI. Dow's Vintage Port 2007

Meine Vermutung Vin doux naturel, vielleicht ein 2007er Maury war so grotesk falsch und daneben nicht. Denn mit Portwein hat dieser Dow's – noch – nicht sehr viel gemein. Im Vordergrund stand blumig angereicherte, veilchenartige und etwas mehlig wirkende Fruchfülle, im Hintergrund schwarzer Pfeffer und einige Beeren. Erst mit ganz viel Luft zogen ein paar Marzipanduftstreifen auf. Schön, aber viel zu jung.

XII.1 Shiraz Black Opal, Australien, 1976

Erdbeer, Himbeer, Sahnebonbon. Einfache, naive Frucht, sauber und langweilig, für sein Alter sicher eine respektable Leistung.

XII.2 Château Ste. Michelle, Washington State, Cabernet-Sauvignon, 1977

Château Ste. Michelle ist das Pionierweingut im Washington State, deutsche Trinker kennen es von der Zusammenarbeit mit Ernst Loosen im Eroica-Riesling Projekt und natürlich vom Spurrier-Tasting, wo der 1973er Cabernet-Sauvignon von der heute zu Ste. Michelle gehörenden Stag's Leap Winery eine gute, ja sogar die beste Figur machte und den Ruhm amerikanischer Weine eindrucksvoll unternauerte. 1973 wurden die ersten Ste. Michelle Reben im Cold Creek Valley gepflanzt, heute gelten sie als alte Reben. Der Wein war möglicherweise nicht ganz fehlerfrei. Zu malzigen Noten und Aromen von Salbei und Liebstöckel gesellten sich Rosine und Lakritz, das Hauptproblem war aber, dass unter den dominanten Eukalyptus-Menthol-Schwaden immer weider ein Korkaroma durchzudringen schien. Schwer einzuschätzen war der Wein deshalb, doch schmeckte er mir gar nicht schlecht.

XII.3 Meerlust, Cabernet-Sauvignon, 1978

Einfacher war der Jungfernjahrgang von Giorgio dalla Cia. Der heutige Senior unter den afrikanischen Weinmachern vinifizierte drei Jahre nachdem man sich bei Meerlust entschieden hatte, den Weinbau stärker in den Mittelpunkt zu rücken, 1978 seine ersten Weine dort und hat sich nach 25 Jahren nunmehr auf die Rolle des Beraters zurückgezogen. Sein Erstling war mild und leicht, Duft und Geschmack von Honig, kaltem Rauch und Speck waren ansprechend, im Mund konnte er leider sein Versprechen nicht einlösen und war um.

XIII.1 Domaine de Nalys, Cuvée de Puits de l'Orme, Châteauneuf-du-Pape, 1978

Bis 1976 gehörte die Domaine dem Docteur Dufays, der sie an Groupama verkaufte. Den in Châteauneuf gemeinhin sehr gut ausgefallenen Jahrgang kann, bzw. muss also der Versicherer für sich reklamieren. Ein großes Plus ist das in diesem Falle nicht, der Wein hatte einen üppigen Heftpflasterstinker (Vinylguajacol) und abgesehen von reichtlich Thymian nahm ich nichts war. Der Wein war kurz, herb und fertig.

XIII.2 Balgownie Estate, Cabernet-Sauvignon, 1989

Von Niveaduft abgesehen brachte dieser Wein nicht mehr viel.

XIV.1 Henri Giraud, Hommage à Francois Hémart

70PN 30CH aus Ay Grand Cru. Sechsmonatiger Ausbau im kleinen Holzfassl aus Argonner Eiche.

Einer der traditionsreichsten und mit einigen seiner Cuvées leider auch teuersten Vertreter des exklusiven Örtchens. Die Hommage ist, anders als die Esprit-Weine, schwerer, merklicher vom Holz geprägt, das den Grundweinen jedoch keine belastende oder vanillig-toastig modifizierende Note gibt, sondern mit einer aristokratischen, schlichten Kühle dient. Sehr viel Säure darf man im übrigen von diesem Champagner nicht erwarten.

XIV.2 Eric Isselée Grande Sélection

50PN 50CH.

Diesen Champagner habe ich lange unterschätzt. Für mich war Erics Champagner immer gleichbedeutend mit seinem Blanc de Blancs Grand Cru, speziell der 2002er hat es mir angetan. Bei einem meiner letzten Besuche dort habe ich mich ganz gegen meine Gewohnheit für ein Wartegläschen von der Grande Sélection entschieden. Das war so verblüffend gut, dass ich gleich ein Päckchen mehr ins ohnehin schon volle Auto gepackt habe und nach der Altweinrutsche erwies sich die Grande Sélection als ein sehr geeigneter Gaumenfreispüler. Kräftiger Pinot Noir und kräftiger Chardonnay zu gleichen Teilen, mehr ist es ja gar nicht. Und doch: klärend, animierend, aufbauend. Schön!

XIV.3 Alain Bailly Rosé

Mit seiner leichten Frucht hatte es der Alain Bailly ganz zum Schluss natürlich schwer, denn noch klangen die wuchtigen, reifen, auch alten und herrschsüchtigen Rotweinaromen nach.

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1. Keller, Riesling trocken "S" 2007

Orangig, zitrusfruchtig und frisch. Am Gaumen noch verhalten mineralisch, wieder mit sehr klarer Zitrusfrucht und nicht zu aggressiver Säure. Beginnt gerade, sich zu entfalten.

2. Coron Père et Fils, Négociants à Beaune, Puligny-Montrachet 1955

Seit zwei Tagen offen. Von der Burgundertypizität war noch ein milchiger Schatten wahrzunehmen, Kaffee, Kakao und ein metallischer Unterton. Berücksichtigt man Alter, Füllstand und Sauerstoffkontakt, dann ist das noch immer ein gute Leistung. Trinkspass klein, Lerneffekt groß.

3. Domaine des Huards – Michel Gendrier, Cheverny, La Haute Pinglerie 2007

Bioanbau seit 1999.

Da hatte wir Wein von der Speerspitze des Romorantin-Weinbaus im Glas, wie mir Jens freundlicherweise verriet. Ausgerechnet hier war natürlich kein Romorantin enthalten, sondern "mehr Sauvignon-Blanc als Chardonnay", wie das Etikett preisgab. Fassausbau, daher wohl die überwiegenden Aromen von Mandeln, Noisette und herbem Tannenhonig. Dazu etwas Grapefruit, wie man sie auch als Mortuacienne-Limonade bekommen kann. Klar strukturierter Wein, der wegen seiner eigenwilligen Aromatik nicht jedem gefallen wird.

4. Sektkellerei Ohlig, Edition Anton Ohlig "Julius Kloss Classic" Assmannshäuser Höllenberg Spätburgunder Extra Trocken Rotsekt 2002 AP-Nr. aus 2004 mit Grundweinen vom Weingut Robert König,

Fruchtige, schlanke, leicht metallische Burgundernase. Merkliche, nur um Haaresbreite noch nicht aufdringliche Süße. Kräftig, würzig, an keinem Punkt zu dick geraten und damit ein schöner Kontrast zu den oft mastigen Sparkling Merlots/Sparkling Shiraz'.

5. Van Volxem Riesling Sekt 2002

Leichte Firne, ölig-konzentriert und etwas anstrengende Nase. Im Mund einesteils saftig, anderenteils mit einer Alterssüße, die sich mit der vorhandenen, wohl auf – gutgemeint – sehr reifes Lesegut gestützte und deshalb für sich schon hervorstechende Süße noch verstärkt. Daher der Eindruck von Pfirsichmus, Quitten- und Aprikosenkonfitüre, die wenige vorhandene Säure war damit heillos überfordert. Manche Sekttrinker wird diese volle und reife Stilistik das Hohelied des deutschen Winzersekts anstimmen lassen, ich meine jedoch, dass es besser, schlanker und rassiger geht.

Nun begann die Grenache-Rutsche. Im Wesentlichen ging es dabei darum, die beiden ambitionerten Spanier von Björn Steinemann gegen zwei bewusst starke Rhônegrenaches antreten zu lassen.

6. Papa Luna 2007

70% Grenache, 25% Shiraz, 5% Mazuela/Monastrell.

Weisspfeffrig, viel rote und grüne Paprika im Vordergrund. Dahinter Backpflaumen, Räucherschinken, Garrigue. Tannin und Säure erschienen mir eher niedrig und ließen die Fruchtaromen etwas breit hervortreten. Im Kontrast dazu standen die Räuchernoten, Kräuter und das im Wein für mich immer etwas ungewohnte Aroma von schwarzer Oliventapenade. Alles in allem schon eine ansprechend komplexe Gemengelage. Diese spezielle Mischung lässt ihn außerdem nicht allzu clichéhaft nach 90-Parkerpunkte-Spanier aussehen, sondern gibt ihm eine eigenständige Existenz.

7. Domaine Charvin, Cote du Rhône 2007

Runder, mit einem aus dem Glas drückenden Veilchenduft, sehr reifer und saftiger schwarzer Beerenmischung, Weichselkirsche, Himbeere, geschliffener Obefläche und einer diskreten Andeutung von Chorizo. Da lag ein etwas stärkerer Akzent auf der Frucht, als beim Papa Luna und vielleicht auch aufgrund des Jahrgangs war bei Charvin alles stimmiger, in sich geschlossener. Denn Mineralität, Struktur und Säure kamen bei diesem Weine ebenfalls nicht zu kurz, wobei der Wein weitestgehend auf Holz und Tannine verzichten konnte, was ihm eine bekömmliche, leicht zugängliche Charakteristik verlieh.

8. El Puno 2007

100% Grenache von alten Reben.

Zuallererst ein Eindruck von Jugendlichkeit und Frische, danach von dunkler, konzentrierter Frucht. Etwas pektinig am Gaumen, wie von nicht ganz ausentwickeltem Tannin. Florale Noten, stärkerer Holzeinsatz, pointiertere Säure und eine aggressivere, paramilitärische Strenge gegenüber den beiden Vorgängern. Insofern ein sehr passendes Etikett und ein Wein, der in das Spanien der 30er Jahre passt.

9. Bosquet des Papes, Châteauneuf-du-Pape, A la gloire de mon grand-père 2007

98% Grenache, 2% Cinsault von ca. 70 Jahre alten Reben.

Gegenüber diesem 94-Parker-Punkte Wein hatte es der El Puno freilich schwer. Der Châteauneuf ließ sich mit einer großväterlichen Überlegenheit am Gaumen nieder, der der junge Wilde nicht viel entgegenzusetzen hatte. Dicht und dunkel, mit Akzenten von schwarzem und weißem Pfeffer, bouquet garni, etwas Aceton und einer beeindruckenden, reifen Frucht. Wie das Fleisch von lange geschmorten Ochsenbäckchen intensiv aromatisch, leicht faserig-mürbe und am Gaumen traumhaft leicht zerdrückbar. Säure und Tannin spielten keine merkliche Rolle, auch Alkohol störte nicht. Ein Wein, der mit der Schlagkraft eines Schwergewichtlers und der Agilität des Mittelgewichts antrat.

Damit war die Grenache-Rutsche auch schon wieder beendet und es konnte munter freihändig weitergehen.

10. Bodegas Nekeas, Vega Sindoa, Garnacha Vinas Viejas “El Chaparral” 2007

Auch hier wieder viel weisser Pfeffer, vermischt mit Paprikadreierlei, moderne Cabernet-Franc-Nase mit Roter Grütze und einem vanilligen, leicht blumenduftigen Abgang, der am Gaumen kleben bleiben will.

11. Pompaelo Semi-Crianza 2008

Sauber, schwarzfruchtig, minimaler Holzeinsatz, etwas einfach, aber mehr als das soll eine Semi-Crianza ja sowieso nur selten sein.

12. Domaine de St. Eugène, Les Trois Tomates, Barrique 2008

Syrah, Grenache, Cabernet-Sauvignon. Handlese, Ertrag von 32 hl/ha. Dreimonatige Maischegärung und 15 Monate Ausbau in Barriques aus französischer Allier- und Limousineiche. Noch sehr ungeduldig kam mir diesmal Günter Hutters Tomatenwein vor. Säuerliche, noch bockige Tannine übertönten die ohnehin zurückhaltende Frucht. Jodige Töne, die sonst auch schonmal Anzeichen für Hitzestress sein können, standen in der ersten Reihe, waren aber nicht Ausdruck eines Weinfehlers sondern aufgrund ihrer Kaviarqualität für mich Merkmal eines gerade stattfindenen Reifeprozesses. Frühestens um Weihnachten nochmal probieren.

13. Château de la Negly, Clos des Truffiers 2003

Noch weniger als Günter Hutter erntet man bei Negly ab. Nur lachhafte 15 hl/ha schaffen es in die Gärtanks. Dieser konzentrierte Saft erlebt als fertiger Wein eine Wiedergeburt von zoroastrischem Ausmass. Labyrinthische Struktur, kaubare Substanz, wilde Aromen, Rosmarin, Thymian, Veilchen, Pfingstrose, extrakt von schwarzen Beeren, glycerinige Süße, funkelndes Tannin, heiße Dachpappe, salzige Lakritzbonbons, Veilchenpastillen, Sternanis, Schattenmorellen, so ließe sich das noch länger fortsetzen und würde dem Wein am Ende doch nicht gerecht. Selber trinken, der Wein ist sein Geld wert!

14. Clos Monlleo Sangenis i Vaque 1998
50% Cariñena von 80 Jahre alten Reben (Ertrag von 500 l/ha), 50% Garnacha von 30 Jahre alten Reben. 18 Monate in neuer Alliereiche, danach zwei Jahre Flaschenreife. Ungeklärt, ungefiltert.

Himbeeraromen, Malzbier, Dunkelbier, belgisches Früchtebier. Wirkt sättigend und mir scheint er trotz seiner gut trinkbaren Art noch nicht die richtige Tiefe zu haben.

15. Château Batailley 1995

Saftig, rosinig, reif, Anklänge von Mandelmilch und Rumrosinen, eine Spur Pfefferschärfe, dagegen nur wenig Tannin, wenig Graphit, wenig Säure und Struktur. Der wird doch nicht schon müde werden? Wirkt auf mich jedenfalls nicht gerade wie ein Bilderbuchpauillac, trinkt sich desungeachtet gut zum Essen.

16. Vieux Château Bourgneuf 1967

Anfangs flintig, metallisch, blutig, mit Noten von altem Holz. Gewinnt mit Luft, überragt aber nicht. Am Ende ein immer stärker werdender Duft wie von Opas mit Pflaumenmus bekleckerter Pyjamahose. Habe ich vor zwei Wochen – "Brüsseler Spitzen" – wesentlich besser getrunken.

17. Pompaelo Crianza 2005

Frisch, tugendsam und gottesfürchtig trat in dunkler Robe die Crianza von Pompaelo an. Kirschen, Brombeeren, erdige Würze, mildes, nachgiebiges Tannin, verschmitzte, nicht jedoch vorwitzige Säure.

18. Joh. Jos. Prüm Graacher Himmelreich Riesling Auslese 2002

Apfelspaß. Apfelspaß? Apfelspaß! Apfel in jeder Variation und jede zeigt eine andere Facette des Weins. Packender Griff, erfrischende, gesunde Säure, omnipräsente aber unaufdringliche und schwerelose Süße allerfeinster Herkunft, beginnende Reifetöne, spannungsvoll, ein bis zum Rand gefüllter Riesling-Super-Soaker.

19. H. Grafé Lecocq & Fils (belgische Füllung), Ste. Croix du Mont 1973

Bohnerwachs, Honig, Sherry, alter Wischmop. Riecht nach altem Vorhang und Karbol, schmeckt aber nach Kirschkuchen, Mürbeteig, Mandeln und Aprikosenkerne, leicht marzipanig und mit einem schwachen, aus der Ferne grüßenden Orangenschalenconfit. Uneinheitlicher, aber noch überraschend guter Wein, bedenkt man Apellation und Alter.

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I. Weingut Fritz Allendorf, Winkeler Hasensprung Riesling Cabinet 1969, AP.-Nr. aus 1973

Erdig, etwas muffig und moosig, mit einer aparten Kräuteraromatik und angegorener Maracuja, wirkt exotischer und fetter, weil säurearm, als ein Rheingauer aus dieser Zeit. Außerdem deutliche Firne, die noch Platz für einen letzten mineralischen Druck am Zungenrand lässt. Erkennbar ausgesuchte Qualität aus der Übergangszeit zwischen altem und neuem Weinrecht.

II. Weingut Richard Nägler, Mittelheimer Goldberg Spätburgunder Weißherbst Auslese 1975

Sehr dunkel, wie Amarenakirschlikör. Auch in der Nase intensiver Kirsch-Schokoladen-Duft. Dessertcharakter. Im Mund sanft, samtig, wie feinpüriert und durchgeseiht. Langer, eleganter, ausgewogener, reifer, noch lange nicht am Ende angekommener Trinkgenuss, der weder optisch noch – zunächst – aromatisch den Spätburgunder Weißherbst verrät.

III. Champagne Grongnet, Carpe Diem Extra Brut avec ficelage traditionnelle

70CH 20PN 10PM.

Aus Etoges kommt dieser kleine Erzeuger, der zum Kreis der Special Clubberer gehört. Die Cuvée ist auf Chardonnay fokussiert, dessen schneidige Säure sehr sportlich daherkommt. Die beiden Pinotrebsorten bemänteln diesen flotten Sportler seidig, insgesamt ergibt das eine herbfrische, mittellange und angenehm apfel-zitrusfruchtige Neuinterpretation des Chardonnaythemas.

IV. Laurent-Perrier, Brut, Halbe Flasche aus den späten 60ern oder frühen 70ern

Zweifellos ältlich, mit nur noch ganz verhaltenem, kaum vernehmbarem Seufzer beim Öffnen. Für eine kleine Flasche dennoch überraschend frisch, am Gaumen mit der charmanten Mischung aus damals wie heute üblicher recht hoher Dosage und als pièce de résistance einer gut merklichen Säure.

V. Graves Superieur Ende der 60er

Kraftvoller weißer Charakter von altem Sauvignon-Blanc. Abgelagertes Heu, das noch einen frischen Duft verströmt, weißer Nougat, Kokos, Sahne, englische Crème. Hätte ich bei einem simplen Graves Superieur nicht erwartet.

VI. Château de Madère, Cerons, aus den 60ern

Suesser, grobgemahlener Senf, Kerbel, gebackener Estragon. Nur noch leicht süsslich für einen richtigen Süßewein und schon reichlich alt, aber noch mit etwas Freude trinkbar, z.B. zum Baguette mit eingebackenen Oliven und Chili, wesentlich besser zu eingelegten Oliven mit Anchovis, deren salzige Aromen der Wein sehr gut einbettet.

VII. Coron Père et Fils, Négociants à Beaune, Puligny-Montrachet 1955

Klassischer Chardonnayauftritt mit einer etwas trocknenden Art, aber noch mit viel frischer Zitronenmelisse und minimal medizinalem Unterton, etwas augeblichenem Apfel, vital, aber langsam, d.h. innerhalb der nächsten ca. fünf Jahre an seine Grenze gelangend.

VIII. Château Cheval-Brun, St. Emilion 1964

Ein ordentliches Trinkerlebnis war der Cheval-Brun, langsam überhand nehmende Alterssüße ist mir ja alemal lieber, als knochige, ausgezehrte Weine. Tabak, Pflaumenmus, leicht rauchige, speckige Noten, alles in allem sicher kein sehr eleganter Wein mehr, aber immerhin ein alter Schmusetiger.

IX. Château Recougne, Bordeaux Superieur 1961

Klar überlegen war da der 61er Recougne, obwohl nur ein ordinärer Bordeaux Supérieur. Süß, aber von der noch saftigen Art, reif, alt, dicht, erstaunlich tiefgründig, auch mit viel Tabak und Rauch, aber vor allem einer im Vordergrund stehenden betörenden fruchtig-sämigen Weichheit, Balance und wundervoll gereiften Tanninstruktur.

X. Château Recougne, Bordeaux Superieur 1966

Kein Wunder, dass der 66er aus gleichem Hause dagegen kaum eine Chance hatte. Nach eine korkähnlichen Phase vor allem Ladungen von Erdal Schuhcrème mit Bienenwachs, auch schwarzes Leder. Für mich am ehesten Ähnlichkeit mit einem mittelstarken Lagrein.

XI. Vieux Château Bourgneuf, Pomerol 1967

Schwer war der Vieux Château Bourgneuf. Ein Wein, der den ganzen Rachen verstopft, wie ein zu großer Bissen von einem zu trockenen Kuchen. Dementsprechend gab es Kirsche, Johannisbeere, Schokoladenkuchen, dick gesossten Tabak, Marillenkernöl. Sehr süß kam mir der Wein vor und nicht ganz entschlossen, zwischen einem letzten säuregeladenen Aufbäumen und einer schweren, müden Dichte.

XII. Beaune, Cuvée Reservée, Ende 50er Jahre

Erst Milchschokolade, dann kam mehr und mehr Liebstöckel dazu, meiner Meinung nach entwickelte sich außerdem viel Eau de Vie de Kirsch, am Ende dann eine etwas einfältige Erdnussflipsaromatik.

XIII. Clos des Papes, Schweizer Füllung 1965

Hellroter, süßlicher, griffiger, am Gaumen leicht kühlend wirkender Wein, der wie eine Mischung aus Herta Müller und Gundel Gaukeley auf mich wirkte. Trotz des erkennbar fortgeschrittenen Alters immer noch irgendwie sexy. Reichlich rote Beeren, die mit einer agilen Säure für wohltuende Abwechslung im süßlicher werdenden Aromengemisch sorgen. Der Wein baute sich mit Luft noch etwas auf, bevor er nach einigen Stunden erst abzubauen begann.

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I.1 L'Arrosée 1970, St. Emilion

Malzig, kirschig, erinnert mich an belgisches Kirschbier, mit kaltem Rauch und Speck. Im Mund leider nicht so speckig, sondern eher dünn bis mager. Für mich kein Ausdruck von Eleganz; baute dann zwar nicht wahnsinnig schnell ab, lieferte aber auch nichts mehr, was mich begeistern konnte.

I.1 L'Arrosée 1967, St. Emilion

Das war die Aufgabe des famosen 67ers. Nach einer Algenschlammnase kam im Mund ein konzentrierter, griffiger, spielfreudiger, wenn nicht sogar angriffslustiger Wein aus der Deckung und tobte sich mit Luft über bequem zwei bis drei Stunden aus, was nur ich weiss, weil ich mir den Rest der Flasche gesichert hatte. Kirsche, Minze, reifes, süsses Tannin, ganz gegen Ende dann noch frisch gemahlener Kaffee, eine Wucht, dieser Wein und für mich eine enorme Überraschung.

I.1 Pontet-Canet 1964, Pauillac

Dünn, wässrig bis allenfalls noch milchig, eher noch metallisch. Durchgängig, glatt und sauber, aber keineswegs überragend und vom Kultstatus noch weit entfernt.

Zander auf Risotto mit Selleriegemüse, dazu Muscadet 1958. Wer hätte einen Muscadet dieses Alters für so langlebig und dann auch noch gut gehalten? Statt wie eine tote Muschel auseinanderzuklappen war hier noch richtig Zug drin, sekundiert von einer ungewöhnlichen und sehr pikanten Süße. Auch ein Überrascher an diesem Abend und meiner Meinung nach für den schon behrzt gewürzten Zander zu kräftig und intensiv.

II.1 Bel-Air 1952, 1er Cru, Haut-Neac, Pomerol

Dicker, eingekochter Bratenfonds, Liebstöckel, später Graphit. bei diesem Wein waren Nasen- und Mundentwicklung nie in gegenseitiger Sichtweite. Während die Nase immer weiter auftat und sich noch das letzte Quäntchen Duftreiz abzuringen mühte, flachte der Wein im Mund deutlich und in Wellen ab. Gequollener Dinkel, Roggenmehl und Cola in der Nase fanden kaum eine adäquate Entsprechung am Gaumen.

II.2 Thibaut-Maillet 1953, Pomerol, ts
Zu Beginn schüchtern, dünn und leicht milchschokoladig, erst mit Luft kommt Frische und Griffigkeit in den Wein. Das Resultat ist kirschig und eher schlank. Bis dorthin dauerte es eine ganze Weile. Interessant war das Wettrennen zwischen dem Thibaut-Maillet und dem de Sales. Thibaut-Maillet hatte lange die nase leicht vorn und musste sich erst ganz zum Schluss geschlagen geben, als de Sales einfach das breitere Spektrum, mehr reserven offenbarte.

II.3 de Sales 1953, Pomerol, into neck

Auch ein langsamer Wein, dessen intensive, konzentriert karamellige Nase erst gar nicht zeigen wollte, was noch alles unter der Oberfläche sass. Orangeat und Brausepulver konnte ich wahrnehmen, am Ende dann auch eine weiche, runde, noch sehr gut trinkbare Beerenaromatik, die der etwas profanen Kirsche des Flightpartners überlegen war. Auf 90 Punkte hätte ich den ohne schlechtes Gewissen gesetzt.

Grüner Spargel mit Parmaschinken und Salat, dazu Paul Anheuser, Schlossböckelheimer Königsfels Riesling Spätlese 1959. Der Anheuser mit erstaunlich frischer Waschmittelnase, danach verstärken sich die reifetöne. Ließ sich gut trinken und obwohl ich Spargel nicht gern in Verbindung mit Riesling habe, war die Kombination ganz gut.

III.1 Pichon Longueville Comtesse de la Lalande 1989, 2ème Grand Cru Classe, Pauillac
Noch jung, aber schon sehr aufregend. Warm, buttrig, minimal vanillig, mit Luft zunehmend Graphit, vermischt mit Zuckerwatte, Cassis und Schlehe.

III.2 Pichon Longueville Comtesse de la Lalande 1978, 2ème Grand Cru Classe, Pauillac
Zunächst viel rote und grüne Paprika, die sich über Kernseife, Verbene und Zitronenmelisse hin zu einer eleganten, kirschig-minzigen Aromatik mit Graphiteinsprengseln entwickelt und eine saubere Punktlandung hinlegt. Spannungsvoll und sehr dicht.

III.3 Pichon Longueville Comtesse de la Lalande 1950, 2ème Grand Cru Classe, Pauillac

Ätherisch, dabei reif, mit einer etwas nervös vibrierenden, dennoch dichten Aromatik, die vielleicht das langsame auseinanderfallen ankündigt. Noch ist der Wein jedoch stark, glatt und von seidiger Geschmeidigkeit, etwas flüchtige Säure und röstige Noten verbinden sich mit rosinierten Tönen.

Lammcarré mit Ratatouille und Kartoffelroulade, dazu passte die 89er Comtesse sehr gut, sie hatte die meiste Kraft, um gegenüber Lammfleisch und Ratatouille ein adäquates Gegengewicht aufzubauen. Die 78er Comtesse gefiel mir auch noch ganzn gut dazu, die 50er schon nicht mehr.

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– Kork –

V.1 Lafite-Rothschild 1943, 1er Grand Cru Classé, Pauillac

Delikat! Maulbeere, Saft, Grillaromen, dunkler Honig, Nüsse und Graphit, im Hintergrund einige lauernde Ketone, aber insgesamt ein vollmundiger, reifer, saftiger, spielfreudiger und lebhafter Wein, der mir wesentlich jugendlicher vorkam, als der Jahrgang vermuten ließ. 94+

V.2 Lafleur-Gazin 1961, Pomerol, ts

Am Anfang standen Waldbeermischung und ein an Kühlschrank erinnernder Duft ziemlich zusammenhanglos neben Pfeffersalami, eingelegtem grünen Pfeffer und Erdbeerdessert. Mit Luft vermählte sich das ganze zu einer sehr frischen, jugendlichen, aromatisch so intensiv schmeckenden Mixtur, wie die einzelnen Zutaten es vermuten lassen. 92 Pkte.

VI.1 La Mission Haut-Brion 1981, Pessac-Leognan

Auf den Punkt genau richtig geöffnet wurde auch LMHB 81. Pfeffer und Graphit, Zigarrenkiste und eine kühlende, balsamische, an Eukalyptus-Menthol-Bonbons erinnernde Note zusammen mit einem runder werdenden Tannin zeigten, dass bei diesem Wein die Entwicklung noch in vollem Gang ist.

VI.2 Léoville las Cases 1983, 2ème Grand Cru Classé, Saint Julien
Wachsige Oberfläche, darunter etwas diffus Kirsche und Cassis. Fest, sehr dicht, aber auch unfreigebig, mir im Ergebnis zu nichtssagend. Daran änderte auch eine später sich entwickelnde Mandelkrokant- und Frankfurter-Kranz-Aromatik nichts.

VI.3 Troplong-Mondot 1983, Grand Cru Classé, St. Emilion

Brombeer-Cassis, Schwarztee und Walnusslikör. Kräftig, zugänglich, warm und mollig. Schlampenwein. Gefiel mir besser als LLC.

VII.1 Cellier des Princes 1967, Châteauneuf du Pape

Sehr weiches, vollreifes, süßes Beerenobst, fein, elegant und schlank mit leicht röstiger Nase. Wirkte bisschen wie ein alter Charles Heidsieck. Ich hielt den Wein schließlich für einen roten Beaumes de Venise und Uwe hat völlig recht, wenn er alte Châteauneufs in Proben mit gleichalten Bordeaux als die Weine mit dem Vorteil überlegener Sexyness ansieht. Aufgrund seiner sehr hellen Rotfärbung klar als odd man im flight zu erkennen.Cantemerle 1989, 5ème Grand Cru Classé, Haut-Medoc

VII.2 Mouton Baronne Philippe (d'Armailhac) 1988, 5ème Grand Cru Classé, Pauillac
Der letzte Baronne Philippe, bevor das Château seinen neuen alten Namen, allerdings ohne das früher übliche 'q' am Ende wiederbekam. Kantig, schrundig, mit rausgebrochenen Ecken.

VII.3 Cantemerle 1989, 5ème Grand Cru Classé, Haut-Medoc

Vollmundig, geschliffen, glanzvoll, rund fein und groß dagegen der 89er Cantemerle. Frisch gesoßter Tabak, dunkles Beerenobst, süßes, schmeichelndes Tannin, minzig, mit herber Schokolade und Kaffee. Es gibt elegantere Weine, aber im Haut-Médoc dürfte es schwer werden, die zu finden.

Dessertvariation: Weiße Schokoladenmousse, Crème brûlée, Pfirsicheis, danach Forstmeister Geltz-Zilliken, Saarburger Rausch Kabinett 2007. Klar, saftig und frisch, nicht sehr schwergewichtig und mit dem Dessert überfordert war der Geltz-Zilliken. Solo ein schöner, klassischer Saar-Riesling.

VIII.1 Leoville Barton 2002, 2ème Grand Cru Classe, St. Julien

Leicht süßer, etwas holziger, noch unfertiger, aber trotzdem schon seltsam schmockiger Wein. Könnte von allem etwas mehr zeigen, wurde neben dem Holz vor allem von Blütentönen und vegetabilen Noten nebst einigen Kräutern geprägt. Derzeit nicht so sehr mein Fall.

VIII.2 Pichon Longueville-Baron 2001, 2ème Grand Cru Classe, Pauillac
Tiefgründig, stoffig und dicht. Speck, Erde, Kräuter, Cassis und Tabak, ein Füllhorn an Aromen, ein buntes Durcheinander von Kraft, Säure, Frucht und Gewicht. Lockere 93 Punkte.

 

 

 

 

 

 

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