Back to Top

Monthly Archives: April 2013

Philipponnat Clos des Goisses 1994 – 2004

Jahrgangschampagner aus dem nur mäßig prominenten Champagnerjahr 1994? Da würde ich normalerweise abwinken. Bei Philipponnat nicht. Nicht, nachdem ich mit dem als ähnlich düster bekannten Jahrgang 1991 aus demselben Haus so gute Erfahrungen gemacht habe und Philipponnat sich nach einigen weiteren Proben sogar als regelrechter Spezialist für derartige Schwachjahre (2000, 2001, 2003) in meinem Verkostungshirn verankert hatte. Eine kleine Vertikale drängte sich also förmlich auf und wenn man schonmal in der Champagne ist, sollte man sich einen Besuch in Mareuil-sur-Ay sowieso nicht entgehen lassen. Die Champagner aus dem Clos des Goisses werden mit Anteilen zwischen 30% und 60% im kleinen Fass vergoren und durchlaufen keinen BSA, egal ob im Fass oder im Stahltank vergoren. Ein Chardonnayanteil von meistens zwischen 30% und 40% dient als Frischespielbein, während der dominierende Pinot Festigkeit, Struktur und Würze liefert. Das Geheimnis seiner outperformance in den bekanntermaßen schwachen Jahren ist damit aber noch längst nicht gelüftet. Muss auch nicht, mir reicht es völlig, wenn ich weiß, auf wen ich mich dann verlassen kann.

 

1. Clos des Goisses 2004, dég. Februar 2013

Eine ganze Wiener Feingebäckstube in der Nase, sehr viel Hagelzucker, einige Zimtblätter, Fenchelsamen und Lindenblütenduft. Der Champagner wirkte noch unentschlossen, war reichlich zu jung und wie mitten in der Pubertät erwischt, der uneinheitliche Mundeindruck rührt außerdem vom kürzlich erfolgten Dégorgement her, denke ich. Ein noch unzusammengefügtes Meisterstück, dessen künftige Balance, eingängig-crèmige Art und superbe Balance greifbar im Raum steht und wahrscheinlich durch nichts mehr verhindert werden kann, außer eben durch unglücklich gewählte Dégorgierzeitpunkte.

 

2. Clos des Goisses 2003, dég. August 2012

Hitzige Nase mit Dill, frischen Kräutern und Anis. Im Mund eine kaktusfeigenartige Stacheligkeit, mit hinterlistigen Säurefäden, die fast schon mehr stören, als helfen. Hilfe nämlich braucht man beim Verdauen dieses dicken Champagners, dem in seinen ersten Glasminuten mittlere und hohe Töne völlig abgehen, wie bei einer defekten Lautsprecherbox. Mit Luft entsteht ein etwas teeriger Duft, der mich an den geschätzten, aber schwierigen Duft Palais Jamais von Etro erinnert.

 

3. Clos des Goisses 2002, dég. Februar 2012

Algen, Apfel, Feigenschale, Melone, ein Nasengefühl wie bei einer sehr noblen Seife. Im Mund geheimnisvoll, mit dunkleren Aromatönungen, als die Nase ankündigt, wirkt zähfließend, was aber täuscht, wobei ich nicht unterschlagen will, dass ich eine höhere Säurepräsenz wünschenswert gefunden hätte. Wie der eng verwandte 2004er wirkt auch der 2002er noch unfertig und weitere drei Jahre Flaschenruhe seien ihm herzlich gegönnt.

 

4. Clos des Goisses 2001, dég. Juni 2011

Mein Favorit. Aus einen frostigen Jahr mit später Lese, Richard Juhlin empfiehlt sogar, den Jahrgang gleich komplett zu ignorieren, aber so kann man eben danebenliegen. Wie im Land der Raketenwürmer schießen Säurefontänen durch den Champagner, eine gewaltige und unbändige Kraft will sich hier aus der Flasche und dem Glas befreien, wenn der Champagner nicht so gut wäre, würde ich Alpträume von der Vorstellung bekommen, sowas in den Eingeweiden sitzen zu haben.

 

5. Clos des Goisses 2000, dég. Juni 2011

und dég. Oktober 2009 getrunken März 2011; deg juni 11, getr juni 11

Ein alter Bekannter ist mittlerweile der 2000er Clos des Goisses und einer von der Sorte, mit denen der Abend gar nicht schiefgehen kann. Komplex und in jeder Sekunde Neues aus den Tiefen seiner Perlage hervorholend, wie ein in Rausch geratener Verkäufer einer Edelboutique. Das ist nicht immer von Anfang an so, diese Flasche hier fand ich zum Beispiel erst etwas arg reduktiv, als sei sie mit einer dicken Kruste Austernschalen verschlossen, die sich aber schnell als brüchig entpuppte und das Panorama exquisit reifer Röstaromen in Nase und Mund entließ. Natürlich wirkte dieser Champagner nach dem brutaleren 2001er süßer, aber eben nicht unterlegen. Die meisten würden ihn dem 2001er wahrscheinlich deutlich vorziehen.

 

6. Clos des Goisses 1995, dég. Juni 2011 (Long Vieillissement)

Von diesem Champagner mussten drei Flaschen von ihrer Daseinsnot befreit und aus dem irdischen Jammertal entlassen werden; die erste hatte deutlichen Kork, die zweite wurde von heftiger Reduktion gebremst und erst die letzte Flasche dankte für die Erlösung mit körpeweise reifen Äpfeln, Kaffee, Pilzen, crèmiger, rahmiger Textur, Veilchennoten, obszön glitschiger Säure und einem ebensolchen Drang in Richtung Rachen.

 

7. Clos des Goisses 1994, dég. September 2004

Der Scheidebecher in mehrfacher Hinsicht. Für die Verkostung der letzte Champagner und für die meisten Champagnertrinker das Reifestadium, ab dem sie aussteigen. Dabei wirkte der 94er Clos des Goisses nicht überreif, maderisiert, allzu sherryhaft oder gar angeschossen, sondern hat derzeit so viel Reife und Konzentration in sich vereinigt, dass ich ihm gut und gerne noch ein beachtliches Leben in der Flasche prophezeie; was die meisten Trinker hingegen stören dürfte, ist die mit der allgemeinen Konzentration einhergehende Ballung herber, dunkler, kräftig-würziger Aromen, die dem Champagner etwas an Tempo zu nehmen scheinen. Für mich bedeutet das Erreichen dieses Reifestadiums nicht anderes als den Aufstieg in eine andere Klasse, weiter nichts.

 

Fazit:

Paradox, dass der Clos des Goisses, eine der heißesten Weinbergslagen der Champagne überhaupt, in so gegensätzlichen Jahren wie 2001 und 2003 so hochzuschätzende Champagner bringt. Toll, dass der Clos des Goisses so eigene, eigenwillige und reifebereite Weine liefert.      

English Sparklings (update 2014): Gusbourne

Mir sagte Gusbourne nichts. In keiner Hinsicht, erst recht nicht in sprudelnder. Dabei ist das Weingut aus der Grafschaft Kent mit seinen insgesamt 202 Hektar nicht gerade klein, selbst wenn man berücksichtigt, dass davon derzeit nur 20 ha unter Reben stehen – alles Pinot Noir, Chardonnay und Pinot Meunier; 2014 kommen weitere 20 ha hinzu. Andrew Weeber und Jon Pollard stellen hier nicht nur nachhaltig produzierte, sondern vor allem nachhaltig beeindruckende Sparklings her, wie ich erfahren durfte.

1. Gusbourne Brut Reserve 2008
36CH 37PN 27PM
Eine anfänglich an höhere Schwefelgehalte hindeutende, durchaus kernig-erbsensuppige Nase wich schnell erfrischenden Noten von eingelegten Pfirsichen und Aprikosen. Der Wein, der als klassischer Rebsortenmix auftrat, hat mir nach der allerersten Irritation sehr gut gefallen; da war vor allem exotische, fruchtige Freigebigkeit, ungetrübt von jeglichem Luftton, gleichzeitig war diser Standardbrut auch nicht zu reduktiv und klinisch rein. Für gut 25 GBP Endverkaufspreis sicher keine Wahl, die einem sofort in den Sinn kommt, um ein Trinkgelage mit Partysprudel zu versorgen, aber eine sehr achtenswerte Attacke aus dem Norden auf das Stammgebiet der Champagne.

Update: der 2009er ist zusammengesetzt aus 77CH 14PN 9PM und setzt die Attacke mit unverminderter Härte fort.

2. Gusbourne Blanc de Blancs 2008
Gegenüber dem Standardbrut ein disziplinierterer, taillierterer Wein, mit frecher Attacke und forderndem Naturell, von Multivitamintönen durchsetzt, die dem Chardonnay wiederum einen leicht exotischen Charakter verleihen, wie man ihn von den Crus an der Marne kennt.

Update: der 2009er war insgesamt ein sehr guter Jahrgang für Gusbourne, wie sich beim Blanc de Blancs eindrucksvoll bestätigt. Davon muss unbedingt mehr getrunken werden. Allseits als besonders exquisit gefeiert wird ja der 2006er Blanc de Blancs, damals mit 9 g/l dosiert. Den fand ich leider etwas hinter den Erwartungen, also auch sehr gut, aber nicht altersgerecht entwickelt und einfach nicht mit derselben Perfektion und Größe, wie sie mein champagnerfixiertes Hirn vorgegeben hat.

3. Gusbourne Rosé
45PN 28CH 27PM, 2009er Basis, Rotweinzugabe
Erst der zweite Rosé von Gusbourne und schon eine sehr klare Linie. Obwohl er auf Anhieb leicht pappig wirken mag, gehört er zu den erfreulicheren Exemplaren; unverkitscht ist er, im Gegensatz zu einem anderen Schäumer mit starkem Englandbezug, dem ich das zuletzt sehr wohl zu attestieren geneigt war, die Rede ist von dem für mich schon fast qualvoll hoch dosierten Rosé von Pol-Roger. Im Gegensatz dazu ist der Gusbourne die kalkigere, churchillhaftere Ausgabe.

Update: der 2010er Rosé aus 39CH 40PN 21PM wahr immer noch gefährlich süß, aber ebenso immmernoch gut. Dieser Ritt auf der Rasierklinge ist trotzdem gefährlich.

Völlig ungefährlich ist der Genuss des Gusbourne Pinot Noir 2011. Der gefiel mir mit am besten und lässt nicht nur manchen Coteaux Rouge hinter sich, sondern auch den einen oder anderen vollwertigen Burgunder.

Fazit:
Gusbourne hat meinen Schaumweinhorizont merklich nach Norden hin erweitert. Ich erwarte von dort noch zahlreiche weitere und bestätigende Schaumweinerlebnisse.

Update:

Christian Holthausen, den ich aus seiner Zeit bei Piper-Heidsieck kenne und der sich vom englischen sparkling wine in den Bann ziehen ließ (indem er zu Nyetimber wechselte), ist einer von zwei Neuzugängen bei Gusbourne und allein schon mit seiner Persönlichkeit ein echter Gewinn für diesen führenden "Méthode Anglaise" Erzeuger, wie das Etikett bekennt. Der andere Neuzugang ist winemaker Charlie Holland, der von Ridgeview kommt und als Zugewinn hier so schwer wiegt, wie er dort als Verlust wahrgenommen werden muss. Gusbourne stehen also rosige Zeiten bevor.

Trento DOC: Von Aldeno bis Zeni

Rotari, Ferrari, Cavit, Cesarini Sforza, aber auch Letrari und Endrizzi sind mir nach jetzt schon mehreren, wenngleich eher sporadischen Begegnungen positiv im Gedächtnis geblieben und forderten daher so unmissverständlich wie berechtigt eine Horizonterweiterung ein. Und weil ich mich dem Druck aus der Flasche immer gern beuge, habe ich das Unterfangen endlich einmal ins Werk gesetzt. Die im Rahmen der dabei zustande gekommenen Querschnittsprobe zu Gemüte geführten Sprudler schlugen sich mehr als respektabel und zeigten sich nicht zuletzt in puncto Degorgiertransparenz von ihrer hellsten Seite.  

1. Cantina Aldeno, Altinum Brut NV, dég.  28.11.2012 

80CH 20PN, Stahltank, 30 Monate Hefelager, mit 7-8 g/l dosiert.

Apfel, Pfirsich, Maracuja, leicht kernige Bitterkeit, guter Druck.

2. Az. Agr. Zanotelli, for4neri 2009, dég. 02/2013

100CH, 30 Monate Hefelager

Birne, Pimm's No. 1, Wassermelonenschale, weiße Mandeln, etwas herber Ausklang. Nach dem 2008er nochmal ein achtenswerter Chardonnay von Zanotelli, der mit einigem Grund auf eine hoffentlich lange Nachkommenschaftsliste hoffen darf.

3. Az. Agr. R. Zeni, Maso Nero Riserva 2007, dég. Mai 2012

Kalkig, pudrig, in der Nase mit ausgeprägten Honigtönen, auch im Mund Honig, Kastanienhonig, reife, mit Nougat und überreifer Zitrone unterlegt Art, außerdem Butter, Baiser, île flottante. Gefiel mir sehr gut, weil er eine schöne Mischung aus Mineralität, Frische und beginnender Reife bot.

4. Endrizzi Pian Castello 2008

60PN 40CH

Rassig, dank des munteren Chardonnays in der Attacke sehr schwungvoll, ab 2/3 des Gaumens vielleicht wegen des etwas unbeweglicheren Pinots abbauend, ein Eindruck, den ich schon beim ersten Probieren einige Monate zuvor hatte. Das macht den Wein nicht schlecht, man muss nur wissen, dass er nicht zu den ewig nachklingenden Schäumern gehört.

5. Cesarini Sforza Tridentum Extra Brut

100CH

Feuersteinig, lichte Lohe, auch Nussschale; wenig Säure und etwas Butter sprechen für vollständigen BSA, reife Zitrusfrüchte, gelbe Pflaume und kandierte Noten versprechen Dynamik, ich hätte mir hier trotzdem etwas mehr Agilität gewünscht, der an sich gute und ansprechende Chardonnay wirkt doch etwas steif.

6. Az. dell Revi, 2008er, dég. 2012,

Sehr seriöser, ruhiger, starker TrentoDOC mit viel Apfelschale, auch Apfelpuree mit groben Stückchen, weißer Pfirsich, griffiger Wein mit massvoller Säure. 

7. Az dell Revi Paladino (bio), Extra Brut, 2009, dég. 2012,

100CH

Anfangs Küchenkräuter, vornehmlich Liebstöckel, aber nicht wie bei uraltem Bordeaux, sondern mit jugendlichem touch; dann herb, seidig, mit Bittermandel und einem ernsterem, deutlicher strukturierten Gepräge als der konventionelle Revi.

8. Altemasi (= Cavit) 2005 pas dose, dég. 2012

60CH 40PN

Sehr lebhaft und lang, frisch für sein Alter, schöne bissfeste Aprikose, roter Apfel, klar, rein, und bis zum Schluss durchgängig frisch.

8. Altemasi Riserva Graal 2004, dég. 2011

70CH, laut Lorenzo Vavassori haben davon 20-25% BSA durchlaufen, 30PN in Stahl und Barriques vinifiziert, mit 6 g/l dosiert

Anfänglicher Toast, wirkt zunächst leicht balsamisch und geht ins Kräuterbonbonige über, dann reihen sich Pfirsich, Mango, Zitronenmelisse ein, gegen Ende meldet sich eine herbbittere, aber nicht undiplomatische Salbeinote; sehr guter, eigenständiger TrentoDOC.

10. Cesarini Sforza Tridentum Rosé, dég. 2012

100PN

Erdbeere, Kirsche, Tellycherry. Mit etwas Zeit kommt Butter und nur wenig Säure zum Vorschein. Insgesamt hat der Wein einen burgundischen Charakter, wie man ihn von manchen Südtiroler Pinots kennt, vom Gesamteindruck her fein, wenngleich etwas gefällig, aber durchaus gut.

Fazit:

Die Garanten für echten italienischen Sprudelspass heißen Pinot Noir und Chardonnay, hochgelegene Weingärtlein und ausgedehntes Hefelager. Mit verzwickter Komplexität muss man sich dabei nicht plagen, wenn TrentoDOC ins Glas kommt. Mit proseccohafter Dimensionsarmut aber auch nicht. Die ganz offenkundige Anlehnung an den Champagner, ja das Besser-als-das-Original-sein-Wollen(-und-teilweise-auch-Sein) der Franciacortas findet man hier weniger stark ausgeprägt, was die TrentoDOCs entspannter, müheloser und für Sprudelungeübte trinkfreudiger macht. Typisch erscheint mir nach allem, was ich bisher weiß, eine hellfruchtige, zwischen weißem Pfirsich, gelber Pflaume, reifem Birnenfruchtfleisch und Blütenduft changierende Aromatik, die mal mehr mal weniger zitrusfruchtig oder apfelig ist, Nüsse spielen selbst bei den reiferen Exemplaren keine große Rolle. Seidig, elegant crèmig und in der Preisklasse bis 20 €/Fl. eine sehr ernstzunehmende Konkurrenz für die Spitze der deutschen Winzersekte.  

Reife Champagner: Moet, Veuve und Pommery im Jahrgangskurzvergleich

Jahrgangschampagner haben ein längeres Flaschenleben, als gemeinhin für möglich gehalten wird. Gerade die Achtzigerjahre zeigen abseits des unsterblichen 1988ers momentan sehr erfreuliche Resultate und sind noch in genügender Menge auf dem Markt zu haben, so dass die Schnäppchensuche sich lohnt. Über das Vergnügen am reifen Jahrgangschampagner hinaus ist es in mehrfacher Hinsicht besonders lohnend, die Jahrgänge in der gewöhnlichen und in der Prestigeausgabe nebeneinander zu probieren – so gewaltig sind die Unterschiede nicht und bei einem Preisverhältnis von ca. 1 : 3 kann es auch wegen der Korkgefahr ratsam sein, lieber drei Flaschen vom Jahrgang zu kaufen, als ein Fläschchen Prestigecuvée.  

I.1 Moet & Chandon Millésime 1980

Putzmunter, mit einer Weite und Fülle, die ich dem alten Knaben um ein Haar nicht hätte zutrauen wollen und die mich besonders deshalb glücklich stimmte, weil ich mir, noch ganz unter dem Eindruck des einfachen Jahrgangsmoet, vom Dom Pérignon aus demselben Jahr noch ein Schippchen mehr versprechen zu dürfen einfach annahm. Wie eine Tennisballkanone schoss der Champagner Apfelaromakugeln ab, alle reif, aber alle mit so viel Druck, dass es für ein internationales Turnier mit großen Namen locker gereicht hätte. Bratapfel, Honig, weiße Blüten, jugendfrische Säure, etwas Zimtstange, viel Toast und kaffeesatzartiges Röstaroma nebst ein paar Nüsschen. Mit Luft sogar noch wohlgeformter, aber auch mit einem etwas kürzeren Mundgesamteindruck. 

I.2 Moet & Chandon Dom Pérignon 1980

Dieser Champagner hatte es vorher noch nicht geschafft, mich zu begeistern. Ich hielt im Gegenteil das Jahr für mäßig, das Potential auf der Flasche für eine Sache der Vergangenheit und den 80er Dom für eine nicht maßlose, aber doch mittlere Enttäuschung. Das kann so nicht stehenbleiben. Der 80er Dom legte noch die erwartete Schippe an Weltläufigkeit auf den Jahrgangsmoet drauf, wirkte aber nicht nur aromatisch komplexer, weniger mit explosivem Druck, als vielmehr mit hydraulischem, sanfter wirkendem Druck ausgestattet, der sich vornehmlich als sahniges Mousseux äußerte. Und leicht war er, so tranceerzeugend leicht, einem außerkörperlichen Nahtoderlebnis gleich. Für diese Art von Champagner kann man gar nicht dankbar genug sein.

II.1 Veuve Clicquot Millésime 1983

Meine letzten Flaschen dieses reifen, aber noch nicht zu Ende gereiften Champagners habe ich nun endgültig Bacchus geopfert. Jede einzelne davon hat sich gelohnt und nicht ein einziger Korker war dabei, leider ganz im Gegensatz zu den Grandes Dames mehrerer Jahrgänge. Stämmig ist die 83er Veuve, auf kräftigen Beinen, aber mit knackiger, schnittiger Säure, ganz der Typ selbstbewußte und nicht auf den Kopf gefallene Bürgersfrau mit scharfem Mundwerk. Weinig, mit Champignon, Toast und einer aromatischen Konzentration von gutem Bratensaft.

II.2 Veuve Clicquot La Grande Dame 1983

Eine der zu vielen Flaschen, die mit einem Korkschleicher versehen waren und spontan Größe zeigten, mit jeden genaueren Hineinriechen aber einesteils Hoffnung, andernteils Zweifel und Enttäuschung wachsen ließen. Die Verwandtschaft zur 83er Veuve war überdeutlich und wie bei den 80er Moetchampagnern war mit jedem Schluck spürbar, dass die Prestigeversion in Hochform ein Unterhaltungspaket der Extraklasse abzuliefern gehabt hätte. Leider war die Grande Dame verschnupft und ließ ihre herrlichen Formen nur unter einem kaschierenden und jede Form von Sexyness weitgehend vernichtenden TCA-Mantel ahnen.

II.3 Pommery Millésime 1983 en Magnum

Versöhnlich stimmte der einwandfreie Pommery, den ich gleich hinter dem 80er Dom ansiedeln würde. Was für ein feiner Champagner, Kim Basinger kann in 9 1/2 Wochen nicht erotisierender auf das Publikum gewirkt haben. Voll zur Geltung kam hier der Großformatvorteil, die zeitbedingt höhere Dosierung hätte in der Normalflasche den Champagner vielleicht etwas simpel wirken lassen, in der Magnum ist der Eindruck dagegen nicht überkanditelt oder überfrachtet, der Champagner kommt nur reicher, nicht pompöser daher, die Aromenvielfalt verteilt sich optimal und gibt der Säure Gelegenheit, sich auch mal zu zeigen, ohne dass sie sich durch eine Lage zusammengepresster Aromen hindurchschlängeln muss und müde wirkt, wenn sie am Gaumen ankommt. 

 

Renaissance des Appellations und Haut les Vins Biowein Tastival II/II: Champagnes Fleury, Bedel und Laherte

Weiter geht's mit Champagner:

II. Champagner

1. Champagne Fleury

a) Brut Nature Fleur d‘Europe

85PN 15CH, 2005er Basis mit 2004.

So schmecken die klassischen Aubechampagner, kräftiger Körper und eine Spur Leichtigkeit, die den massigen, arbeitsamen Körper wie ein flottes Textil helfend zu bedecken versucht.

b) Brut Tradition Blanc de Noirs

2010er Basis mit 2009, 2008, 2007, mit 7 g/l dosiert.

Gut, glatt, von sanftem Gemüt und etwas länger als der mit einer Spur Dosagezucker vielleicht überlegene Fleur d’Europe. Trinkt sich gut weg, hinterlässt aber kaum bleibenden Eindruck

c) Notes Blanches

100PB

Seit 2009 hat der Weißburgunder ein eigenes Forum im Fleury-Portfolio, wo er vorher als Verschnittpartner diente. Leider korkte die Flasche, so dass ich nicht mehr berichten kann.

d) Bolero No. 4 Extra Brut

100PN, 2004er Basis, zu einem Drittel im Holz vinifiziert, zweite Gärung unter Naturkorken, mit 4 g/l dosiert.

Ein ganz anderes Kaliber kommt nun mit dem Bolero auf den Markt. Munter, mit schalkhaft blitzenden Augen und einer für die Rebsorte ungestümen bis hyperaktiven Art, vom Holz eher noch aufgepeitscht als gebändigt, außerdem fast schon obszön triefend saftig und mundgängig.

e) Robert Fleury

Je ein Drittel PB, PN, CH, 2004er Basis, großteils Fassgärung, Flaschengärung unter Agraffe.

So etwas wie der Spitzenchampagner des Hauses, mit einem bemerkenswert hohen Weißburgunderanteil, der beim Vorgänger (2002) sogar noch deutlich höher ausfiel. Einzuordnen ist er bei den typischen, klassischen Champagnern traditioneller Machart, was meist auf Kosten der Finesse geht und den Champagner berechenbar macht. Ganz im Gegensatz zum hauseigenen Herausforderer Bolero oder zur neuen Sonate läuft hier alles seinen reifen, runden, geregelten Gang, wie der Einkauf beim Bäcker oder Metzger. Röstaroma finden Sie hier, Blüten, Honig und Hefe da, etwas Orangenschale vielleicht noch? Ja, bitte. Dürfen es auch Äpfel und Nüsse sein? Gerne doch. Und ein rundgedrechseltes, poliertes finish? Ich bitte darum. Alles in allem ein sehr guter Champagner, dem gegenüber den jüngeren Cuvées nur das – gar nicht immer und von jedem geforderte – Überraschungsmoment fehlt.

f) Rosé de Saignée

Bei Fleury wird der Rosé demnächst auf einer 2010 begonnenen réserve perpetuelle des Blanc de Noirs basieren. Dieser hier gehört noch nicht dazu.

Erst mineralisch, dann fruchtig, aber leider mit alkoholischer Note, die in eine Kirschpaprikanote übergeht und eine für mich schwer definierbare, vielleicht vom Alkohol vielleicht von stehengebliebener Äpfelsäure herrührende Schärfe transportiert. Dürfte am besten zum Essen passen, wobei ich nicht weiß, ob er das Gewicht hat, um Andouillettes zu begleiten.

g) Sonate 09 Zéro Dosage, ungeschwefelt

100PN aus der ersten (1989) biodynamisch bewirtschafteten Parzelle des Hauses „Val Prune“

Estragon- und Dillnoten werden bei diesem insgesamt erstaunlich fruchtigen und trotz vollen BSAs ziemlich frisch wirkenden Champagner von Apfel- und vor allem Wassermelonenschale eingerahmt. Das klingt nach viel grün, ist aber im Ergebnis gut trinkbar und lässt sich von diesem Startpunkt aus gut verfolgen.

 

2. Champagne Bedel

In zwei bis drei Jahren soll, so erzählte mir Vincent Bedel, die 1997er Cuvée Robert Winer endlich rauskommen. Ich verspreche mir davon sehr viel, wenngleich ich nicht glaube, dass es große Ähnlichkeit zum beeindruckenden 1996er RW geben wird.

a) Dis, Vin Secret Brut

80PM 15CH 5PN, 2005er Basis

Spielt mit Minze, Toffee und Crema Catalana; wirkt dabei nicht so mastig, wie es sich anhört, kühlt den Mund unabhängig von der Trinktemperatur sogar ganz leicht und geht weich ab, ohne seine stattlich wirkende Dosage verhehlen zu wollen, ähnlich einer prachthintrigen Konkubine, die soeben den Saal verlässt.

b) Entre Ciel et Terre Brut

80PM 20PN, 2004er Basis

Sehr gut hält sich dieser Wein, dessen besondere Stärke in der vielgepriesenen Balance und Ausgewogenheit zwischen den aromatischen und sonstigen organoleptischen Polen liegt. Dieses Mal wirkte er besonders erfrischend und klar auf mich, plätscherte nur gegen Ende mit einer entfernt scotchigen Note in den Hals und wird sich mit der Entwicklung nobler Reifetöne sicher noch etwas Zeit lassen, selbst wenn sie sich jetzt ankündigen.

c) L’Âme de la Terre Extra Brut

67PM 17PN 16CH, 2003er Basis. Einen immer volleren Körper legt sich der Champagner zu, die ohnehin geringe Säure tritt neben den schokoladiger werdenden Aromen und den schweren Blütenessenzdüften in den Hintergrund, bzw. bald ganz von der Bühne ab. Trotzdem ist der Champagner in der Extra Brut Version – noch – nicht schwerfällig. Gleichwohl ists langsam Zeit für einen Nachfolger.   

 

3. Laherte Frères

a) Blanc de Blancs Ultradition

Seit ich die Champagner von Laherte kenne, ist der Blanc de Blancs Brut Nature ein recht gleichbleibender, meist gleichgewichtiger Mix aus Basisjahr und Vorgängerjahr. Daran hat sich bei der 2010er/2009er Version nichts geändert. Nur der Name hat sich geändert. Nur der Name? Nein. Früher erschienen mir diese Champagner härter, bissiger und eckiger, aber auch ungelenker, noch nicht ganz versiert. Mittlerweile hat Aurelien offenbar einen Pfad gefunden, den er mit seinen Champagnern beschreiten will und der ist bei den Chardonnays von unaufdringlichem, aber merkbarem Holzeinsatz und einer daraus resultierenden sehr typischen Winzernote geprägt. Die Champagner sind griffig, saftig und reif, wo sie vorher ungeschliffen und hart, aber nicht uncharmant waren. Mit dem Ultradition macht der Chardonnay von Laherte einen weiteren Schritt raus aus der Experimentier- und Kinderstube.   

b) Grand Brut Ultradition

60PM 30CH 10PN, 2010er Basis mit 2009er Reserve.

Der hier zum Einsatz gelangte hohe Barriqueanteil half erfreulicherweise, die zwar nicht verstockten, aber vielleicht eigenwilligen Meuniers zu öffnen, wobei leider die Säure ins Hintertreffen gelangt ist. Da half der Verzicht auf Dosagezucker nicht weiter, der Champagner muss sich nun, nackig wie er ist, die nächsten Jahre auf sich allein gestellt entwickeln, bevor man wieder Stellung zu ihm beziehen kann.

c) Les Empreintes

50PN 50CH, davon 30% Chardonnay Muscaté; 2008er Basis.

Einer der ungewöhnlichen Champagner nicht nur von Aurelien Laherte, sondern innerhalb des gesamten Gebiets, der mir schon immer besonders gut gefiel. Nach dem Auslaufen des Empreintes auf 2007er Basis habe ich letztes  Jahr erstmals den Empreintes auf 2008er Basis probiert und fand ihn exquisit. So auch jetzt. Die Fruchtexotik hat sich verschärft, der Champagner ist gleichzeitig noch etwas frecher geworden, trinkt sich aber weiterhin so bequem wie kalte Limonade aus dem Jumbobecher, wenn man zu viele Nachos mit zu vielen Jalapenos und Käsesauce vertilgt hat. Selbst davon würde sich dieser trotz aller Flippigkeit ausnehmend stabile Champagner nicht aus seiner in sich verzahnten und verschränkten Ausgewogenheit bringen lassen.

d) Les Vignes d’Autrefois 2008

100PM.

Auch den 2008er Vignes d’Autrefois kenne ich schon seit seinen ersten Gehversuchen. Auffallend war immer die hervorgehobene, sehr animierende Säure, die dem versöhnlichen, manchmal einfältigen, überwiegend exotisch-fruchtigen Naturell der Rebsorte eine erstklassige Umgebung bot, um sich optimal zu präsentieren. Herausgekommen ist keine vollgeholzte Wuchtbrumme oder ein vor lauter Raffinesse blutleeres und angekränkeltes Filigranstweinchen, sondern ein druckvoll agierender Wein mit Selbstbewusstsein und Ausdruck, leicht getrübt nur von einer anisig-fencheligen Note, die ich nicht unbedingt hätte haben müssen.  

e) Les 7 (früher: Les Clos)

Spätes, d.h. erst kürzlich, genauer: im Januar 2013 vorgenommenes Dégorgement dieses aus allen sieben mehr oder weniger klassischen Rebsorten der Champagne bestehenden Weins, der wiederum auf einer 2005 angelegten Solera beruht (im Startjahr 10% Fromenteau = Pinot Gris, 18% PM, 18% CH, 15% Petit Meslier, 8% Arbane, 15% Pionot-Noir, 17% Blanc Fumé = Pinot Blanc). Batonnage; kein BSA, mit 4 g/l dosiert.

Wirkt dem Dégorgierdatum entsprechend sehr jung und noch reichlich hölzern. Zeigt enormen Vorwärtsdrang und gehörige Muskeln, nicht jedoch die sonst soleratypischen Abrundungserscheinungen. Gefiel mir sehr gut.  

f) Millésime 2005

85CH 15PM, Ende 2011 dégorgiert.

Schon sehr rund, in Sachen Sprudel, Druck und Säure kein Vergleich zu den vorherigen Champagnern, wirkte auf mich gesetzt und müde.

g) Rosé Ultradition

PM in Rotweinfässern weiß vinifiziert, 2010er. Assemblage mit 15% PM Rotwein. Ganz schön festfleischig und völlig unverspielt, ohne jeden unnützen Schlenker, Schnörkel oder puderzuckrige Verzierung und gerade deshalb ein ungebremster, lebhafter, freudespendender Wein.

h) Rosé 2008

PM Mazerationsrosé ohne BSA und weniger als 3 g/l Dosage.

Ernster, ruhiger, langsamer Wein, programmatisch ganz anders ausgerichtet, als der Rosé Ultradition und für einen Meunier fast schon gravitätisch, aber noch unter der Würde, Eleganz und Gediegenheit eines Spätburgunders angesiedelt. 

Renaissance des Appellations und Haut les Vins Biowein Tastival I/II: Eymann, Garrelière und Tissot

 

Die von Nicolas Joly zelebrierte Renaissance des Appellations und das Haut les Vins Biowein Tastival im Industrieclub Düsseldorf waren gute Gelegenheiten, alte Lieblinge zu verkosten und neue schäumende Liebschaften kennenzulernen. Im kurzen ersten Teil geht es um drei verschiedene Schaumweine, bevor der zweite Teil sich dem Champagner zuwendet.

I. Schaumwein

1. Ingeborg und Rainer Eymann, Sekt Blanc de Noirs Extra Brut 2008

Die Sekte der Biodynamiker aus Gönnheim in der Mittelhaardt gelten schon länger als trinkbar und günstig, bei einem Preis von ca. 12 €/Fl. für die Rebsortensekte (Riesling, Chardonnay, Weißburgunder, Muskateller) und den Rosé habe ich mich deshalb bedenkenlos zum – sit venia verbo – Natursektspass verlocken lassen. In der Nase gab es zur Belohnung einen feingliedrigen, von jeglicher Salmiaknote verschonten, von heller Frucht betonten Burgunderduft mit Haselnuss und Toast, im Mund ein sympathisches, ausgereiftes Trinkvergnügen. Gut so!

2. Domaine de la Garelière, Milliard d‘Etoiles

Chenin Blanc und Cabernet Franc nach méthode ancestrale, also nur einmaliger alkoholischer Gärung und ohne Versanddosage. Vor drei oder vier Jahren habe ich mich erstmals von diesem lächerlich günstigen (kostet vor Ort unter 8 €/Fl.) Wein gefangennehmen lassen und bin bis heute in seinem Bann. Wer alte, noch viel höher als heute dosierte Champagner ohne erhöhtes Ausfallrisiko und mit verbliebener Frische probieren will, aber Kosten und Mühen scheut, findet mit dem Sternewein von Francois Plouzeau erstklassigen Ersatz und einen denkbar einfachen Einstieg in die Geschmackswelt reifer, vor allem aber guter Schäumer.   

3. Domaine André et Mireille Tissot, Crémant du Jura Extra Brut

55CH 35PN 5 Poulsard und 5 Trousseau auf 2011er Basis, 18 Monate Hefelager, dann Dosage mit 2 g/l.

So prominent der Vin Jaune von Tissot ist, so wenig spektakulär oder auch nur bedeutungsvoll  ist der Crémant der Domaine, obwohl formal alles richtig zu sein scheint – oder vielleicht versauen auch nur die insgesamt 10% Poulsard und Trousseau den Wein, wie ich es sonst nur von Weißburgunderanteilen argwöhne. Sei’s drum, der Wein ist herb und wässrig zugleich, bekommt die Kurve aber noch mit einer algigen Jodigkeit und Mineralität, die ihn zum Schluss zumindest sauber, aber eben nicht hervorragend  erscheinen lässt. 

TopOfBlogs