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Monthly Archives: März 2015

Weinrallye #84: Deutscher Sekt, Reinecker Cuvée Classic Brut, L-28602

Es gibt ein Verfahren, das bei gleichzeitig wesentlich erhöhtem Komfort die klassische penile Plethysmographie vollkommen zu ersetzen geeignet ist: Schaumweinverzehr. Der ist nicht nur im Volksmund, bzw. der Volksmedizin (der gehobenen Stände) für seine aphrodiserende Wirkung bekannt, sondern darf jetzt auch wegen seiner tumeszenzfördernden Wirkung medizinisch knallhart (rigide!) als ebenso zuverlässiges wie schlechthin schönes Messverfahren für bestimmte diskrete Funktionszustände angesehen werden.

Bei meinen Forschungen bediene ich mich schon seit längerer Zeit französischer Erzeugnisse, um optimale Messresultate zu erzielen. Doch Deutschland ist ein traditionell starker Lieferant medizinischer Präzisionsgeräte. In Baden sind einige der namhaftesten und zuverlässigsten Produzenten ansässig. Einer davon ist das Sekthaus Herbert Reinecker in Auggen.

Die Cuvée Classic aus ca. 60% Chardonnay wird teilweise im kleinen alten Holzfass vergoren und ausgebaut, der Rest ist Pinot Noir und Meunier, alle aus selektierten Lagen auf Kalk-Lößboden. 36 Monate Hefelager. Früher gab es den Sekt mit kleinem schwarzem Halsetikett, diese Version konnte man bequem vier Jahre oder länger liegen lassen und genau das habe ich mit meiner für die Weinrallye geöffneten Flasche getan.

Der Sekt ist nicht mehr ganz spritzig dafür noch sehr gut strukturiert, die reife gelbe Frucht seiner Jugend winkt noch kurz zum Abschied, rote und exotische Früchte haben sich schon ganz verabsentiert und Platz für einen Nuss-Trockenfrucht-Mix gemacht, wie man ihn manchmal in sehr guten Cocktailbars angeboten bekommt. Außerdem sind geröstete Brotrinde, Toast und eine generöse Säure auf den Plan getreten, die mit der wärmenden Wirkung des Alkohols das Gemächt Gemüt kosend umfangen. So lobe ich mir medizinsche Forschung.

Zu den weiteren rallyebeiträgen geht es hier.

 

Antrittsbesuch: Nobelhart & schmutzig, Berlin

Im Dienste der guten Sache und mit der frohen Champagnerbotschaft in Mund und Glas unterwegs zu sein, das bedeutet jede Menge glanzvolle Empfänge bis in die tiefe Nacht hinein, VIP-Treatments mit denen sich noch Wochen später auf allen sozialen Kanälen tüchtig angeben lässt, rauschende Champagnerparties an hundsgewöhnlichen Werktagen und jährliche Einkünfte im gehobenen sechsstelligen Bereich (inklusive Komma und Nachkommastellen).

Um allen diplomatischen Verpflichtungen nachkommen zu können, bedarf es der Fähigkeit mindestens zur Bilokation und eines schnellen, möglichst komfortablen Autos. Diese Anforderung konfligiert schnell mit dem eigenen, langsamen und rappeligen Auto, von der Fahrerlaubnis ganz zu schweigen. Die jährliche Fahrleistung lässt sich freilich verringern, wenn man auf alternative Verkehrsmittel zurückgreift, zB häufiger mal fliegt oder mit der Bahn fährt. Um wiederum die Nerven insgesamt zu schonen und weil im Innenstadtverkehr beklagenswert wenige Flugdienstleistungen angeboten werden, bediene ich mich gern geeigneter Fahrdienstleister, vulgo: Taxi. Oder, um etwas mehr Furore zu machen, der Autos nebst Fahrer von Blacklane.

Bei meinem Antrittsbesuch im Hause Wagner/Schäfer war das unter Furoregesichtspunkten die falsche Wahl. Denn was nützt es, mit der dicksten S-Klasse vorzufahren, wenn einen aus dem Restaurant heraus gar keiner sehen kann? Nix, außer dass man erheblichen Fahrkomfort genossen hat. Mit einem der Fahrer habe ich mich mal prächtig während der Fahrt vom Flughafen in die Stadt über den Orts- und Häuserkampf auf den Truppenübungsplätzen in Lehnin und Hammelburg unterhalten, ein anderer wartete mit bewundernswertem Langmut, ehe ich mit unverschämter Verspätung aus dem Lokal herausgefunden hatte und insgesamt habe ich den Eindruck, dass die Blacklane-Fahrer einfach entspannter sind, als die meisten Taxifahrer, wobei ich ausgerechnet in Berlin mit Taxen nur gute Erfahrungen gemacht habe, in Paris übrigens auch und sehr viel mehr Städte besuche ich eigentlich meistens sowieso nicht.

Zurück zum Billy. Oder hin erstmal, d.h. rein. Rein kommt man, wenn man auf die kleine Klingel drückt, die den sonst hipsterlokalmäßig unscheinbaren Eingang ziert. Im Lokal geht es erstaunlich ruhig zu, obwohl die Küche komplett offen und die Ess-Theke rundherum gebaut ist. Musik kommt frisch vom Plattenteller und die von mir gewünschte war von Massive Attack, in Erwartung eines entsprechenden Eindrucks. 

Zuerst kam Ziegenkäse mit Holunder, beides sah unscheinbar aus und ich nahm die länglichen Formen, die optisch wie Fensterkitt wirkten, erst gar nicht richtig wahr. Vielleicht lag's an dem von Billy dankenswerterweise flottestens auf den Tisch gezauberten Flasche Atavique von Champagne Mouzon. Der riss förmlich meine Sinne an sich, über Mouzon weiß ich ja nicht umsonst seit Jahren nur positiv zu berichten und die jüngste Entwicklung ist nochmal eine deutliche Steigerung. Mehr durch Zufall und weil ich eben mit einer etwas ungerichteten Appetenz das Auge schweifen ließ, griff ich mir irgendwann eines dieser Ziegenkäsegebilde und schmeckte sofort, dass der Abend gut werden würde. Denn wenn ein so unscheinbares, ja hässliches kleines Ding so korrekt, so vollendet seine Aromen am Gaumen abliefert und vor allem der Holunder so auf die Geschmacksnerven gestanzt wird, dann muss schon sehr vieles vollkommen richtig gelaufen sein. Sofort war das Brot aus Hartweizengrieß trotz seiner überzeugenden Konsistenz und Fluffigkeit vergessen, oder nicht vergessen, aber auf Seite gedrängt. Trotzdem ich ein großer, ja riesengroßer Brotfreund bin und nicht oft genug betonen kann, dass gutes Brot und gute Butter (beim Billy selbstgemachte Rohmilchbutter aus Stettiner Milch) die Grundlage jeglicher Zivilisation sind.

Besonders gefreut habe ich mich dann über die Teltower Rübchen, die schon bei Balzac mit Genuss verspeist werden. zusammen mit dem Traubenkernöl eine ausgesprochen intensive Erfahrung, zu der jegliches Fleisch oder Fisch nur gestört hätte. Ein Glas Champagner durfte es aber doch sein und weil von Cedric Moussé welcher zur Hand war, wurde es der. Rübchen und spätburgundisch-meunierhafte Erdigkeit glitten einträchtig über den Gaumen und machten ihn bereit für eine unfassbar zarte Müritzer Forelle mit Kartoffel und Chicorée, die mir beide fast egal waren, angesichts der angegossenen Molke, die mit der Forelle eine Traumkombination abgab.

Danach hatte es die Schwarzwurzel mit den Haselnüssen und dem unglaublich nach schwarzem Johannisbeerstrauch schmeckenden schwarzen Johannisbeerstrauch sehr schwer, vor allem die – ungeschälte! – Schwarzwurzel, die an sich perfekt gegart war und mit dem Strauch eine kluge und raffinierte Verbindung einging, war nach den beiden Aromenschwergewichten (Rübchen; Forelle) einfach nicht intensiv genug und ich hätte sie mir vor den Rübchen gewünscht.

Alsdann musste neuer Stoff her, auf dem Teller und im Glas. Auf den Teller kam ein Armeleutegemüse der Nachkriegszeit, der heute als Star gefeierte Topinambur, mit Blutwurst (mehr als Crumble, nicht als regelrechte Flönz oder aufgeplatze boudin noir) und Petersilie. Wieder drei Zutaten, drei intensive Aromen, eine gelungene Kombination. Von der Blutwurst hätte ich mir mehr gewünscht, erstens weil sie gut geschmeckt hat, zweitens, weil sie es mengenmäßig gegenüber dem Topinambur und der überaus aromatischen Petersilie etwas schwer hatte. Andererseits könnte man sie auch nur als eine Art Salzersatz betrachten, dann wäre ihr Einsatz in der geringen Menge wieder voll gerechtfertigt. Im Glas war es zeit für einen anderen schönen und zwingend empfehlenswerten Champagner aus der mit Freude zu lesenden Weinkarte des Restaurants: Charles Dufour, Bulles de Comptoir No. 3. Ein Champagner, der die Gravitationsverhältnisse im Raum verändert. Muss man erlebt haben.

Sehr erlebenswert war die dann folgende Sellerie-Lauchsuppe mit Lammfettzugabe, schon wieder so eine ebenso simple wie überzeugende Konstruktion. Die wurde gefolgt von Lammnacken mit einer Rosenkohlart, die in sehr unterschiedlichen Größen und sehr unberechenbar zu gedeihen scheint, ich hatte einige Kügelchen babyrosenkohlgroßer Pflänzchen oder Früchtchen oder Blüten oder was der Rosenkophl jetzt eigentlich genau auch sein mag, auf dem Teller und habe mich, obwohl ich sonst nicht zu den Freunden dieses Gemüses zu rechnen bin, sehr am Aroma dieser kleinen Kugeln erfreut. Der Blaufränkisch-Sekt von Uwe Schiefer war dazu eine perfekte Ergänzung und wollte gegenüber dem Champagner nicht abfallen, allein das ist schon Leistung genug. Würdigenswert außerdem: Schiefer und Lamm zum Ausklang des einen Gangs und Schiefer dann mit Holunder, Joghurt und Blütenpollen. Der Holunder hatte nun schon seinen zweiten Einsatz, war aber wieder so naturgetreu und eindrucksvoll, dass ich das nicht übelzunehmen habe. 

Rote Bete, Rose und Hafer verlangte nach etwas noch wieder anderem, Billy entschied sich, alles auf Kystin Cuvée 17 zu setzen und gewann. Was für mich wie Birnenschaumwein mit Haselnuss schmeckte und wegen seiner Nussnoten sogar an Bouzy erinnerte, war Apfel mit Kastanie verschäumt. Irres Zeug und der richtige Abschluss, bevor wegen hässlicher Termine am Folgemorgen der Heimweg unweigerlich anzutreten war, versehen mit einer kleinen Köstlichkeit, nochmal die Botschaft des Abends in sich vereinigend: Berberitzenriegel mit Fenchelsaat. In Sachen dieser kleinen Riegel habe ich bisher nur einen einzigen ähnlich guten Riegel gegessen, der war aus aufgepopptem Amaranth und mit etwas Cranberry.

Fazit: nobelhart & schmutzig isst man nicht mal eben so zu Abend. Man könnte das wohl tun und wenn ich in Berlin wohnte, würde ich das vielleicht sogar tatsächlich tun, vielleicht auch häufiger, insbesondere häufiger als gut ist wahrscheinlich, aber in der Situation bin ich ja nunmal nicht. Mich hat fast am meisten die leise arbeitende Küche und die aufmerksame Bedienung gefreut. Dass kein eitler Schmuckunfug auf dem Teller liegt oder kokett draufdrapiert wird, gefällt mir selbstredend. Billy Wagner und Micha Schäfer bieten, und das ist als meisterstück an understatement gar nicht mehr richtig in Worte zu bringen, eine viel unkomplizierter essbare Küche als das brutal-lokale Programm vermuten lässt, bzw. eigentlich sogar androht (man sieht sich ja im Vorfeld schon irgendwelche harten, holzig-strohigen Heidegräser kauen und mit umgekippter Ziegenmilch runterspülen) – und das, ich muss es nochmal deutlich hervorheben, für läppische 80,00 €.  

Salon des Vignerons Independants, Strassburg

In Straßburg findet immer der Salon des Vignerons Independants statt, auf dem man zu Ab-Hof-Preisen einkaufen kann. Ganz nebenher kann man sich in der auch zu Viehmarktzwecken geeigneten Halle mit Austern zum Schmunzelpreis vollfuttern (Dutzend frischer Austern zum Mitnehmen oder sechs geknackte Biester mit Butter, Brot und Zitrone zum Preis von 10,00 €), wer die nicht mag, deckt sich mit Schinken, Wurst, Käse, Sandwiches oder, klar, Foie Gras ein. Oder macht aus Zeitnot und Gier alles zusammen, so wie ich. 

Mein Hauptaugenmerk galt den Champagnerwinzern, die über die Halle verstreut ihre heiße Ware ausschenkten.

Fleury-Gille (Courcelles/Trelou sur Marne),

Trelou kennt man von der auf dem Weg dorthin gelegenen Foie-Gras-Farm und vom Bier. Und neuerdings auch wegen einiger dort beheimateter Winzer, zu denen ich unbedingt Fleury-Gille zähle. Der undosierte Blanc de Noirs Brut Absolut aus 60PM/40PN auf 2011er Basis macht klar, dass Fleury-Gille sich nicht zu den Winzern zählen lassen möchte, die Großhausklone produzieren, sondern lieber zu den Erzeugern mit erkennbarem Lokalcharakter. Der wird zwar bei der Spitzencuvée des Winzers nicht so ganz deutlich, aber darauf kann ich ausnahmsweise verzichten, wenn der Champagner sich so schwungvoll die Kehle hinabstürzt. Cuvée Pierre-Louis heißt der Stoff und ist aus 100CH gemacht, mit sechs Monaten Fassaufenthalt. Davon halte ich mir zu Testzwecken einen kleinen Handvorrat, denn auf die Reifefähigkeit bin ich jetzt sehr gespannt. Auch den 2005er aus 50CH/50PN will ich nicht verschweigen, der holt aus dem gerade im mittleren Marnetal nicht ganz einfachen jahrgang alles raus, was geht und steht zur Zeit wie eine Eins.    

Jean Gimonnet (Cuis),

Gimonnet kennt man. Aber nicht den hier. Wobei, mittelbar doch: von den 10 Hektar Rebfläche gehen 20% an Pol-Roger. Der Blanc de Blancs Premier Cru auf 2006er Basis, dégorgiert im Oktober 2014 und mit 4,5 g/l dosiert machte einen ordentlichen Eindruck, der sich stilistisch auch irgendwie in Richtung Pol-Roger verstehen ließ. Knackig und klar, dazu ein ganz leicht nussiges Zugeständnis an den goût anglais, insgesamt gut, nur etwas simpel. Warum es das genau gleiche Produkt dann nochmal als Millésime 2006, dég. November 2014 geben musste, erschloss sich mir auf dem Papier nicht. Im Glas dann schon. Die Qualitöt war doch merklich gehoben, leider auch der Preis: 23,50 € statt 17,60 €. Als klaren Favoriten habe ich für mich die Cuvée Prestige (wieder 100CH) Premier Cru für 24,00 € identifiziert, ein so lächerlicher Preissprung gegenüber dem Jahrgangschardonnay, aber eine nochmal deutliche Steigerung im Geschmack. Basis hier ist 2005 mit Reserven aus 2004 und 2002, Dosage hat er 4 g/l bekommen. Lupenrein, auch etwas ins sterile gehend, aber dadurch überhaupt nicht leblos, eher dass er an Klinikfetish und Latexkrankenschwesterdress erinnert, mittellang, mittelleicht, ausgeprägt schön.   

Francois Gonet (Le Mesnil),

Gonet ist in der Côte des Blancs ein geläufiger Name. Michel Gonet aus Avize, Philippe Gonet aus le Mesnil sieht man in Deutschland oft. Francois Gonet aus Le Mesnil nicht. Das ist nicht weiter schlimm. Mich haben die Champagner nicht berührt, auch wenn die Preise für Brut Reserve (15,30 €), Millésime 2009 (16,70 €) und Prestige auf Basis des 2006ers (20,00 €) sehr auf dem Boden geblieben sind.Mir war die Dosage zu hoch, der Jahrgang zu einfältig gemacht, der Prestige zu antriebsarm.     

Pascal Henin (Ay),

Weiter geht's mit dem kennt man, kennt man nicht Spiel: Ay kennt man. Pascal Henin kennt man nicht. Hier nicht. So alt ist der Erzeuger auch noch gar nicht. 1989 wurde der Familienbetrieb gegründet, eine Rebschule komplettiert das Tätigkeitsfeld der alteingesessenen Familie. Was mir auffiel: die Dosage ist mit 7 g/l nicht wirklich hoch, aber die Champagner wirken so, als habe es der Winzer ein bisschen zu gut mit der Dosage gemeint. Bei einem anderen Winzer und Rebschulbetreiber in Ay ist mir das seit jahren schon ein Dorn im Auge aber vielleicht soll das ja so sein und vielleicht muss ich meinen Gaumen da lieber etwas weniger wichtig nehmen, denn nicht ich muss den Champagner am Ende verkaufen, sondern die Winzer und die werden wissen, was beim Publikum ankommt und was nicht. Der ordentlich gemachte Brut Tradition aus 40PN 40CH 20PM auf Basis 2012 gab als Einstieg jedenfalls diese süßliche Richtung vor, an der es technisch nunmal nichts zu meckern gibt. Der Brut Reserve auf Basis 2010 legte in Sachen Komplexität gleich einige Briketts mehr auf, spätestens nach diesen beiden Champagnern gehen einem dann die Zweifel an der Stilistik verloren: das Süße ist gewollt und gekonnt. Gekonnt und erstmals auch für meinen Geschmack ein Aufmerker war der 2008er Grand Cru aus 50PN aus der Lage La Pelle (die es bekanntlich von einem anderen Winzer auch als sehr trinkenswerte Einzellage gibt) und 50CH aus Chouilly. Trotz satter 8,5 g/l Dosage ein Wein für Schlemmer und ein richtig guter Vertreter für den reichhaltigen Stil. Hin und weg war ich danach vom Zéro Dosage "Terre de Craie", dessen Aufmachung und Stilistik genau das ist, was ich von einem jungen Betrieb erwarte. Blanc de Blancs mit CH aus Chouilly, Ay, Mareuil le Port, palettenweise Mandarine, Limone und Zitronencrème. So macht Champagner richtig Spaß und dieses Gegenprogramm zum auch sehr schönen, stilistisch gänzlich entgegengesetzten 2008er zeigt mir, dass Henin ein Erzeuger ist, den man im Auge behalten muss. 

Thierry Massin (Ville sur Arce), 

Massin ist wie Gimonnet und Gonet ein Name, der für Verwirrung sorgt und der letzte in der kurzen bekannt/nicht bekannt Serie, die ich auf dem Salon des Vignerons Independants improvisiert habe. Der Instant M Extra Brut mit seinem etwas moderneren und die Cuvée Mélodie mit ihrem etwas altmodischeren Etikett sind keine Monumentalchampagner, aber dermaßen akkurat, schnörkellos, genussfreundlich und sympathisch, dass ich beim nächsten Besuch vor Ort unbedingt etwas davon mitnehmen werde, meine Notizen dazu kann ich nämlich nicht mehr entziffern, sehe aber anhand der Pluszeichen, dass es guten Grund zur Nachverkostung gibt.  

Train hard fight easy: Vins Clairs Workshop mit Floriane Eznack

Die Alliance Champagne gehört zu den größeren Neu-Zusammenschlüssen von Champagnerproduzenten innerhalb der letzten Jahre. Drei Genossenschaftsgruppen mit den wichtigsten Marken Pannier, Devaux und Jacquart agieren jetzt unter diesem Dach und haben eine gewaltige Menge Trauben aus allen Regionen der Champagne zu ihrer Verfügung. Jacquart als am nördlichsten angesiedelter Produzent hat sich seit 2010 die Kellermeister-Dienste der energiereichen Floriane Eznack gesichert, die in den letzten zehn Jahren eine steile Karriere, u.a. bei Moet und Veuve Clicquot, hingelegt hat. Von ihr werden wir noch einiges hören, bzw. trinken.

Die Alliance sorgt für ein eigenständiges und hochwertiges Auftreten ihrer Marken; so repräsentiert Veuve Devaux sehr herrschaftlich in einem großzügigen Manoir in Villeneuve und Jacquart hat sich das Hotel de Brimond am Boulevard Lundy in Reims gesichert, direkt gegenüber von Louis Roederer. Wohl aus gutem Grund. Denn Straßen haben für Jacquart eine historische Bedeutung. Eine Gründerpersönlichkeit gibt es schließlich nicht, mehr ein Gründerkollektiv. Das residierte in der rue Jacquart, die folglich als Firmenname adaptiert wurde.

Heute ist Jacquart weltweit heimisch, vor allem in USA sehr präsent. In Deutschland war der Start 1997 aus meiner Sicht nicht ganz so glücklich, die Trennung zwischen Supermarktware und Fachhandelslinie wollte mir nie gefallen, die undiffrenzierte Vielzahl verschiedener Spitzencuvées war nie recht begreiflich zu machen und ehrlich gesagt schmeckten die auch nicht so gut, dass davon viel bei mir haften geblieben wäre – glücklicherweise wurde das Chaos an der Spitze zusammengestrichen und durch eine wiederum neue Cuvée Alpha ersetzt. An einige Magnums der Cuvée Nominée 1988 kann ich mich von Ferne noch erinnern, das war's aber auch. Dabei war der Champagner von Jacquart wenn man wusste, was und wann man zu kaufen hatte, immer zuverlässig, sei es der Brut Mosaique oder der hemmungslos durch fast alle Jahre durchproduzierte Jahrgangs-Blanc de Blancs. Dolles Reifepotential hatten die nicht, aber frisch nach Freigabe verzehrt war das immer eine gute Sache und ist es bis heute, zum Beispiel im von mir geschätzten Londoner Sushi Samba (obwohl ich das Duck & Waffles noch besser finde, weil man da rund um die Uhr sein kann), wo Jacquart seinen 50. Geburtstag gefeiert hat, bezeichnenderweise nicht mit einer seiner Spitzencuvées oder etwas sonstwie neuartigem, sondern mit dem ganz normalen Rosé, den es eigens für diesen Anlass erstmals aus Magnums gab, wo er sich bestens hält – dieser Rosé wird auf Basis des Brut Mosaique Blanc hergestellt und bekommt etwas Rotwein, der regelmäßig aus Riceys, Neuville, Vertus, Cumières und Ay stammt.

Nun also hat Jacquart seine vor wenigen Jahren begonnene Workshopreihe fortgesetzt und Interessierten die Möglichkeit eröffnet, Grundweine aus wirklich berufenem Munde erklärt zu bekommen. Floriane Eznack hatte eine kleine Terroir- und Rebsortenrundreise vorbereitet, war aber um spontane Ausflüge in die Bibliothek nicht verlegen und bot so ein wirklich lehrreiches Programm, bei dem ich einmal mehr festgestellt habe, wie es denn so um meine sensorischen Fähigkeiten bestellt ist.

Meuniers:

Der Wein aus Trelou steht auf sandig-kalkigem Boden und zeichnet sich durch seine milde Rauchnote aus, auf mich wirkte er etwas breit und alkig, aber nicht ausgefranselt, bei vergleichsweise wenig Säure. In Villedomange sind die Meuniers gleich viel strukturierter was an der abhärtenden, jedes unnötige Fett wegschmelzenden Lage in der Montagne liegen kann, ähnlich wie bei den athletischen Chardonnays von dort. der Meunier war gleich viel schlanker, fruchtiger, frecher, mit einer prickligen Attacke auch am Gaumen, eine lange stehende Säure blieb dennoch aus. Festigny, wo einige der besten Meuniers herkommen, hat sandigen eisenoxiddurchsetzen Boden mit nur wenig Kreide, dort hat der Meunier eine ruhige und gelassene Nase, im Mund hingegen eine ausgeprägte, lange und gesunde Säure, also genau das, was den anderen beiden gefehlt hat, so dass sich das dreiteilige Puzzle doch noch zusammensetzen ließ.

Taille:

Zu Ausbildungszwecken gab es dazwischengeschoben zwei Tailles, also den Saft der zweiten Pressung. Einmal vom Chardonnay, einmal vom Pinot Noir. Beide wirkten, selbst nach den an sich harmlosen Meuniers, weichlicher, zugleich grober, alkoholischer, wenig komplex, insgesamt kurz, und mit Zeitablauf immer langweiliger. Kein Wunder, dass alle immer von sich behaupten, keine Taille zu verwenden, sondern die immer nur an andere weiterzuverkaufen.

Pinot Noir:

Der Pinot von der Aube ist das Spezialgebiet von Monsieur Parisot aus dem Schwesterhaus Devaux. Floriane Eznack versteht sich aber auch darauf. Sie mag vor allem die eleganten Pinots aus Urville, Landreville und Neuville sur Seine, deren letzterer schlank, stahlig, mit feiner Rotfrucht, Crème und nur andeutungsweise etwas guter Butter zu gefallen wusste. Die allererste Pressung des ersten Pressdurchgangs der Trauben aus dem Grand Cru Mailly toppten den Aube-Pinot mühelos. Feingebäck, Shortbread Fingers und ein Auftrete wie frisch gewaschen, mit extrem viel Kraftreserve, die immer erst mit sehr viel Zeit zum tragen kommt und sich niemals aufdrängt, wie man es zB aus Orten wie Verzenay kennt, wo von vornherein alle Kraft, der ganze Schub und Vortrieb losgelassen wird. Bei Jacquart passt das nicht in die Konzeption, hier soll der Pinot als gediegener Hintergrund für guten Chardonnay nützen, und nicht als dominierende Rebsorte. Deshalb ist der Pinoit aus Ambonnay gerade auf der Grenze für solche Zwecke. Die Linienführung ist härter, energischer, nicht nur der Butterkeks bekommt hier eine Salzkruste, auch die zwanglos drapierten Früchtchen müssen sich nun strenger ausrichten, reife Schalenaromen von Melone und Gurke kommen dazu, die Säure ist trotzdem noch sehr rund und mit Mühe zurückhaltend. 

Chardonnay:

Aus Villers-Marmery gab es nochmal eine allererste und feinste Pressung, die leichte Exotik versprühte und keine Neigung zum gelegentlich auch hier auftretenden Vegetabilitätsproblem erkennen ließ; Wachs, weisser Pfeffer, Reinheit und Säure waren schön vereint und schon jetzt gut trinkbar. Montguex zeigte sich viel meloniger, mit viel weissem Pfirsich, merklih höherer Reife bei ausgeprägter Delikatesse und ließ mich mal wieder stark beeindruckt zurück. Für eine Cuvée, so erkannte ich ebenfalls mal wieder, ist das nur schwer zu verarbeitendes Material. In altem Holz und solo ausgebaut, ohne BSA, mit wenig Dosage könnte das aber ganz aufregend sein. Man wird sehen, ob Jacquart ein Wagnis dieser Art irgendwann einmal eingehen wird. Aufregend war als nächstes der Chardonnay aus Avize. Salzige Mandel, Süßholz, Trockenblumen, viel versteckte Säure und eine Kraftkontrolle, wie man sie nur in richtig guten Grundweinen findet, kündeten vom Ruf des Grand Cru und bestätigten ihn im selben Arbeitsgang.

Reserveweine:

Der Chardonnay aus Vaudemange 2012, hatte schon klare Toastaromen entwickelt und viel Orange, wirkte gesund und komplex, locker noch mit einem Potential für fünf Jahre, wobei ich ihn dann schon an der Höchstgrenze sehe und meine langjährige Einschätzung bestätigt finde, dass nämlich Jacquart keinen Champagner für die Ewigkeit macht. Der Chardonnay aus Oger 2008, hatte auch Toast, wich dann dann in Richtung Kastanie aus, gab etwas Phenol preis, das sich in guter Balance mit Butter und Nuss hielt, was für eine bislang positiv verlaufene Entwicklung spricht, in der die jahrgangstypisch präsente, aber nicht nervtötende Säure sich hohe Meriten verdient. 

Die Cuvées:

Mosaique auf Basis 2009 trat mit einer entfernt holzigen Empfindung an mich heran, es zeigten sich bald medizinale Töne und Kastanie, im Kern dann eine sanfte Röstnote, die von etwas mehr als notwendigem Alkohol in der Nase umwabert wurde, auf mich wirkte der Champagner schon leicht ausgebreitet und sollte bis Ende des Jahres getrunken werden. Der 2010er Mosaique, hatte deutlich mehr Frische, Honigmelone und Zitrusfrucht, im Kern frisches brot und unaufdringliche, noch wie in sich zusammengerollte Röstnoten, so dass er wirkte, als sei er mit noch angelegten Flügeln unterwegs.

Zu Essen gab es in der ganzen Zeit natürlich auch, das Essen bei Jérôme Gangneux am ersten Abend in Paris hatte es dabei nicht leicht. Sein Pressé de chair de tourteau war durch eine Überfülle an Kräutern gar nicht recht erkennbar, das wenig intensive coulis d'avocat und sein huile légère de curry halfen dem Umstand nicht ab, sondern stifteten nur Verwirrung, die weder vom schmackhaften, allerdings auch schon reif wirkenden 2006er Blanc de Blancs noch vom kräftigen Brut geklärt werden konnte. Beim Klassiker Coquillettes façon risotto, coppa et jambon blanc, à la brisure de truffe vermisste ich vor allem das Trüffelaroma, das sich bestimmt gut zum Blanc de Blancs gemacht hätte, Schinken und Coquilettes hingegen waren völlig in Ordnung, die Portion sogar sehr üppig, so dass ich gleich zwei Gründe hatte, das Duo de ris de veau et rognon de veau rôti entier, déclinaison de céleri, jus de vinaigre nicht genommen zu haben, mit dem ich anfangs geliebäugelt hatte, das aber trotz seiner hohen Warenqualität und Zubereitung (Gangneux hat immerhin bei Jean-Pierre Vigato vom Zweisterner Apicius in Paris gelernt) am Tisch keine breite Zustimmung erhielt (Röhren und Sehnen in der Niere waren nicht entfernt worden). Zufrieden war ich mit der citron dans tous ces états, dem natürlichen Trainingspartner für ambitionierten Chardonnay. Im Hotel de Brimont gab es am nächsten Tag Seebrassentartar mit Babyleaf-Salat, beides zusammen mit dem 2006er Chardonnay eine ganze Klasse besser als der Taschenkrebs am Abend zuvor, noch gesteigert von einer Hummerminestrone mit Fenchelschaum, zu der Cuvée Alpha 2006 und Charonnay 2006 sich gegenseitig hochschaukelten. Das Tenderloin Beef mit Foie-Gras Timbale und kleinem Gemüse lasse ich außer Betrachtung, obwohl es dazu einen schmackhaften Rotwein gab (Domaine Mas des Armes Cuvée Perspectives), denn die Champagner wollten dazu nicht recht passen, am ehesten ging noch der Rosé. Zum Comté mit Mesclun war der Jacquart 2002 en Magnum eine gute, aber keine zwingende Wahl, solo machte er mir mehr Spaß und nicht nur vielleicht wäre der danach zur Poire Bavarois eingeschenkte demi-sec zum Käse besser gewesen, aber um mir darüber vertiefte Gedanken zu machen reichte die Zeit einfach nicht mehr, denn ich musste schon wieder weiter.

Reisenotizen: Maurice Grumier, Venteuil

Im Vorfeld der großen Verkostungstage in der Champagne tummle ich mich gern schonmal bei den Erzeugern, um mir einen ersten Eindruck von der letzten Ernte zu verschaffen und mir ein paar Vins Clairs zu Gemüte zu führen. Bei manchen Winzern bin ich ganz gezielt, weil ich um den Rummel weiß, der bei den Verkostungen immer herrscht, weil dort für manche Detailbetrachtung einfach kein Raum ist und manches Gespräch auf der Strecke bleibt. Zu manchen Winzern zieht es mich aus reiner Neugier oder weil ich bestimmte Eindrücke verfestigen oder in Frage stellen will.

Zu Fabien Grumier aus Venteuil zog es mich, weil ich seine Champagner immer sehr homogen und dicht beieinander fand, aber notgedrungen nur einen sehr schmalen Einblick hatte und nun endlich das ganze Programm erforschen wollte. Einen geeigneteren ort dafür, als sein Haus in Venteuil gibt es nicht. Es liegt direkt gegenüber dem Château de Boursault am Hügel von Venteuil und bietet eine fast unschlagbare Sicht über das an dieser Stelle mitunter schon recht zugige Marnetal. Diese Zugigkeit (auf die sogar der Ortsname schon hinweist) ist von Vorteil, wenn es um die Rebstockgesundheit geht, führt jedoch in schwächeren Jahren zu Reifeproblemen und der ungeliebten grünen Note beim Meunier, der hier überwiegend steht. Bei Maurice Grumier (gegründet 1743, im selben Jahr wie Moet et Chandon) stehen die Reben nicht nur in Venteuil, sondern auch auf der gegenüberliegenden Seite, im berühmten Festigny, was an der geschützteren Lage liegen mag. Ganz gleich, es galt, zu trinken:

​Brut 80PM 20PN Festigny und Dormans, mit 9g/l dosiert, war nussig, leicht und fein, wegen der nicht gerade sparsamen Dosage aber etwas klebrig am Gaumen. Für einen Brut Traition völlig in Ordnung. In Ordnung aber auch, weil diese gemütliche, aber nicht breiige, sondern eher barockisierende Art sich durch das ganze Programm zieht und mit den weiteren Cuvées in unterschiedlicher Fassung herausgearbeitet wird.   

Brut Reserve ist ein Drittelmix und liegt drei Jahre auf der Hefe, 40% Reserve stammen aus Solera, dosiert ist mit 7,5 g/l, der Reserve ist gegenüber dem Brut Tradition schon deutlich komplexer, aufgespreizter und aufreizender im Duft, der leicht minzig und leicht brotig rüberkommt, als würde man das Innere von After Eights auf Stullen geschmiert haben, was mir sehr gut gefiel.

Der Ultra Brut ist an sich genau wie der Reserve gemacht, nur mit zwei Flaschenjahren mehr, d.h. aktuell auf der Basis von 2009 mit 2008 und Solera, wobei mir hier eine individuelle Herbe auffiel, die sich oft in Ultra bruts wiederfindet und einer der Gründe dafür ist, manchmal vielleicht doch lieber noch ein winziges bisschen mehr Dosage zu verwenden.

Blanc de Blancs mit Chardonnay aus Venteuil, 2010er mit 09 und 08, dosiert mit 6 g/l ist ein eleganter, leichter Vertreter mit hellwacher Säure. Dieses Konzentrat Alter Reben (vom Vater 1975 gepflanzt) lässt sich schwer einschätzen. Die Säure ist voll da, nur verhält sich der Champagner ganz anders, als man bei dieser Präsenz vermuten würde. Für südliche Côte des Blancs fehlt die Härte, für nördliche Côte des Blancs Exotik, Frucht und Blumigkeit. Für Montagne de Reims reicht die Athletik nicht. Als Gebietsmix geht er wiederum auch nicht durch, so dass man blind auf die Idee kommen könnte, es handle sich um einen der Chardonnays aus der Côte des Bar oder aus dem kürzlich und tatsächlich zeitlich auch erst wenige Tage vorher entdeckten bzw. bereisten Vitryat. Nur auf Vallée de la Marne kommt man nicht so leicht, es weiß schließlich sowieso kaum jemand, dass hier brauchbarer Chardonnay wächst.

Der 2006er Extra Brut, den ich zuletzt zu meinem großen Ärger korkig erleben musste, wurde mir als Problemcharge wegen schlechter Korken von Fabien bestätigt und sein Ärger darüber wird noch viel größer sein als meiner, Dieser 06er ist aber ok. 75CH 25PN, die Jahrgänge von Fabien liegen immer mindestens sechs Jahre und das hier ist sein erster nach Abschluss des Lycee in Avize selbst verantworteter aus dem Jahr der Betriebsübernahme. 4 g/l Dosage reichten völlig aus, denn das Zucker-Säure-Gleichgewicht war naturbedingt nur auf niedrigem Niveau. Bei reicher Ernte im heissen Jahr hätte mehr Zucker nur geschadet, in den Jahren 2005, 06, 07 war das in der Gegend regelmäßig ein Problem. Der 2006er von fabien ist aber gelungen, kein Champagner für die Ewigkeit, aber ein geschickt zusammengestellter Mix, dessen Chardonnayfrische, Pinotweinigkeit und Reife einen freundlichen Wein ergeben, der vor allem Neulinge im Extra Brut Bereich begeistern wird.   

Nun zur Cuvée Amand, eine Großvaterhommagecuvée, 50/50 PN/CH mit Barriqueeinsatz und batonnage, Basis 2006 mit 05, ohne Kaltpassage und Filtration. Ganz schön üppig, ganz schön schön und wenn man sich durch die anderen Cuvées bis nhierhin vorgearbeitet hat, der logische Schlusspunkt. Danach ist nach jetzigem Stand erstmal nichts weiter zu erwarten, die Cuvée Amand vereinigt voraussichtlich für die nächste Zeit alles, was den Grumier-Stil ausmacht in sich. 

Ein anderes Thema und wie bei den meisten Erzeugern eher eine Seitenlinie ist der Rosé. Der Rosé Assemblage auf Basis der Reserve mit 10% Rotwein aus der Lage Les Rosiers, gepflanzt 1956, hat eine leicht alkoholische Nase, die sich wegen der immerhin 8g/l Dosage im Mund nicht fort- oder durchsetzt und vor allem nicht stark hervorschmeckt, wobei der Zucker wiederum eine Art Candykruste erzeugt. Kein ganz leicht zu kombinierender Rosé, den ich solo nicht empfehlen würde, sondern immer mit etwas Essbarem dazu, am besten wahrscheinlich mild gesalzenen Schinken.

Der Rosé Les Rosiers ist das Mutterschiff zum Assemblagerosé, auf 2012er Basis ohne BSA, 4g/l, Saignée 100PN, hat er eine hohe Aromenkonzentration, viel rote Frucht, Power, Länge, und eine ganz andere Art von Gastrofreundlichkeit, nämlich eine im doppelten Sinne: der unauffällig eingearbeitete Hagebuttentee, die Blüten und das unaggressiv-quirlige Element stimmen den Magen freundlich und den auf Magenverwöhnung gerichteten Gastronomensinn gleich mit, weil die Kombinationsmöglichkeiten hier sehr vielfältig sind.

Die Cuvée Aline ist dieselbe Cuvée wie Amand aber demi sec mit 40g/l dosiert, was auf hohem Niveau balanciert wirkt, wie ein Veuve Clicquot Riche Reserve Klon, wobei hier Holz, Reife und Zucker das Dreigestirn bilden.

Abschließend gab es noch einen umwerfend schönen 1996er, deg. 2006, stark, reif, saftig, reichhaltig, mit Bienenwachs, weissem Pfeffer und Honig, ein Paradeexemplar für gelungene Vinifikation des anstrengenden Jahrgangs 1996.

 

Reisenotizen: Charlot-Tanneux, Mardeuil

Wenn man aus Epernay rausfährt, links der Marne, landet man sofort in Mardeuil, wo knapp 1600 Mardouillats wohnen. Einer davon ist Vincent Charlot, dessen Vater entfernt aussieht wie Steve Martin. Um den geht es aber nicht. Sondern um Vincent, bzw. dessen Weine. Die liegen im Keller, d.h. in einem der vielen Keller, die sich unter dem Haus hintereinanderliegend erstrecken. Ganz hinten angekommen, liegen die Bordeauxfässchen mit dem kostbaren Inhalt. Ungewöhnlich: Vincent benutzt Rotweinfässer für seine – weißen – Grundweine. Das hat, innerhalb seiner tantrisch anmutenden Philosophie den Grund, dass der tanninstarke, gesättigte Rotwein sich wie ein schützender Mantel um den jungen Champagnergrundwein legt, anders als es in einem Weißweinfass der Fall wäre. Dort, so Vincent, würde der Grundwein nicht eingehüllt, sondern ausgesaugt und geschwächt werden. Naja. Schon besser gefiel mir die Begründung dafür, warum er überhaupt Fässer benutzt. Die seien nämlich das weibliche, aufnehmende Element für den männlichen, eindringenden Wein. Resultat sei, gleichsam als Baby, der Champagner. Schöner Gedanke, der so oder so ähnlich von vielen Winzern gedacht wird. Also: Fortpflanzung und Familie ist alles, daher kommen die ganzen mit Ahnenbildern ausgestatteten oder zur Geburt von Nachkommen kreierten Champagner.

Zurück in den Keller, wo Vincent den Ertrag seiner vier Hektar auf die Fässer verteilt hat und mir freundlicherweise Zugang dazu gewährte. Kurios gleich der Einstieg mit zwei ungeschwefelten Weinen, die ohne biologischen Säureabbau und immerhin 3,6 pH gegen alle Erwartung nicht zu Essig geworden sind. Und nicht nur das, die beiden sind so frisch, klar und rein, dass man ihnen die eigenartigen technischen Daten gar nicht abnehmen mag.

Mardeuil ist Meuniergegend, also kommt der im Keller vorrangig ins Glas und beeindruckt mit einer sehr rauchigen, steinichten Silexnote. Völlig anders ist der Meunier aus den Côteaux Sud d'Epernay, speziell jener aus der Lage Temple. Birne, Apfel und Kräuter geben den bilderbuchmäßigen Meunier preis. Im Gegensatz dazu steht der Meunier aus der nördlicheren Lage Chapottes, der sich mit mehr Diesel, Struktur und Masse auf die Zunge wälzt und offenbar eifrig den Schulterschluss mit dem Silexwein aus Mardeuil sucht. Im Vergleich dazu ist der Chardonnay aus derselben Lage damenhaft, mit einem Rosenblütenparfum und erheblicher Passsionsfrucht wirkt er einerseits fein, feminin und elegant andererseits durchaus fleischig, wobei die zarte Säure und geschmackvoll angepasstes, feines Tannin den Wein nicht schwer wirken lassen. Aus Ay kann nur Pinot Noir ins Glas kommen, aus der sandigen Partie, über die Vincent dort verfügt, gewinnt er einen buttrigen, dabei finessereichen Pinot, der leicht vegetabil wirkt.

Dann geht es richtig los. 70PN 30PM von einer 15 Ar großen Fläche in Mardeuil, auf der 50 Jahre alte Rebstücke stehen. Klassisch, dick, massiv und so herzhaft, dass man ihn eher in der Gegend von Ambonnay vermuten würde.

100CH mit viel Exotik, Salz und Bittermandel, ein Lübecker Marzipanbrot mit Fleur de Sel wäre nicht köstlicher.

70CH 30PN aus dem Clos des Futie, ein Clos mit zwei verschiedenen Bodenarten, bringt puren weißen Pfirsich, noch mehr Feinheit als Chapottes, für Vincent ist das ein sensibler und natürlich erotischer Wein. Noblesse statt Travestie oder dämlicher Burlesque.

Rubis de la Dune ist ein Saignée, der 14 Stunden Mazeration hinter sich hat. Der Weinberg wurde 1955 auf Silex gepflanzt. Trüffel und Sauerkirsche sind das wohlschmeckende, sehr feingeistige Ergebnis. Rubis de la Dune ist das Gegenstück zu Ecorche de la Genette, dem gegenüberliegenden Weinberg. Herber, kräftiger, krautiger, schmutziger ider der Ecorche und beide sind sie wie Pichon Comtesse und Pichon Baron.    

Aus Moussy gab es noch einen abschließenden Meunier, der besonders beeindruckend war. Mandel, schwarzer Pfeffer und Wildkirschengelee. Wein, der zwischen den Backen hin- und hergeschoben werden will und muss.

Blanc de Blancs 1999 en Magnum, sans dosage und vor einer Woche degorgiert. War enorm.stark, reif, voll, groß. Ich dachte zuerst, das sei eine Flasche, die Vincent sich von einem großen Haus besorgt hat, um sich Anregung zu holen. So war es aber nicht, dieser verglichen mit seinen Vorgängern wieder völlig andere Wein hatte das weiche, gefällige der großen Häuser, dabei war er doch ganz nach den Regeln der tantrischen Biodynamie nach Vincents persönlicher Lesart gemacht. Hätte er dann nicht verrückt, kratzig, seltsam, irgendwie hinkend, schielend oder sonstwie "interessant" schmecken müssen? Nein. Eben nicht. 

Ganz zum Schluss gab es noch die Cuvée Nicolas Premier Cru 2009 aus 80PN 20PM. Von diesem Wein gibt es nur 400 Flaschen, von denen ich mir glücklicherweise einen kleinen Teil sichern konnte. Kein BSA, 5 g/l Dosage. Und ein Duft von Kölnisch Wasser, nicht so, wie von Oma, sondern so, wie von einer umwerfenden Frau, die egal welchen Duft tragen könnte und damit gut röche, sich aber aus Provokationslust oder wegen eines unaufgearbeiteten Vaterkomplexes für Kölnisch Wasser entschieden hat. Außerdem gab es Zitronenpudding, Yuzu, Limone und schönes Eigelb. Fein, leicht, aber nicht schwerelos.      

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